Vegane Disruption

Vor einiger Zeit (hüstel) hatten wir bei uns den traditionellen Osterbrunch. Meine Schwester, die bei einem großen Konzern arbeitet, erzählte dabei von ihrem letzten Meeting mit einer Agentur. Die Kollegen haben wohl mittags, wenn es – wie bei einem ganztägigem Meeting üblich – etwas zu essen gab, einfach ihre Tupperdosen ausgepackt. Begründung: Sie seien ja Veganer. Bis auf einen, der war noch „nur“ Vegetarier. Es war ihm aber schon recht peinlich – kein Wunder bei dem missionarischen Eifer, den seine Kollegen auch im Meeting (!) an den Tag legten.

„Vegane Ernährung ist wesentlich gesünder als vegetarische Ernährung“, meinten sie zu meiner Schwester, die seit bald 30 Jahren Vegetarierin ist. „Du musst Dir mal einen Grünkohl-Smoothie machen, das ist eine richtige Vitaminbombe ganz ohne tierische Zutaten. Wer das nicht packt, kann sich ja etwas Mango dazutun …“

Hmm. Ja. Klingt überzeugend, vielleicht versuche ich das auch mal. Mit einem leckeren Ingwerkeks dazu. Aber wenn ich das mache, tue ich es auch in eine Tupperdose und nehme es zum nächsten Meeting mit. Das macht ja sonst keinen Spaß, wenn es keiner mitbekommt.

(Mir ist schon klar, dass die das mitnehmen müssen weil es selten was Veganes zu futtern gibt in einem Meeting)

Ich beobachte den ganzen Veganismus-Trend schon seit geraumer Zeit mit dem geübten Misstrauen eines Menschen, der in seinem Leben selten zur Mode gepasst hat. (Randgruppen und so – Ihr erinnert Euch …)

Vor zehn Jahren war man als Vegetarier noch fast ein Aufreger, jetzt, wo wir das Vegetariertum aufgegeben haben, ist plötzlich Veganismus Pflicht. Kurze Erklärung dazu übrigens: Ich halte Vegetarismus bis heute für die moralisch bessere Variante gegenüber Fleischkonsum. Aber wir haben schlicht und ergreifend keine Zeit, die Ernährung für ein Drittel Dutzend Kinder so perfekt auszutarieren, dass wir eine mangelfreie fleischlose Ernährung sicherstellen können. Vegetarier sein gehört somit im Prinzip zu den zahlreichen Hobbies, die wir wegen der Kinder erstmal hintenan gestellt haben.

Zurück zum Thema: Vegan sein ist jetzt en vogue. Ich habe dazu eine Theorie, die ich vor kurzem Disruptionszyklus getauft habe. Dieser läuft ab wie folgt:

1. Eine Gruppe von Individuen innerhalb einer Gesellschaft möchte ein Verhalten an den Tag legen, das den Werten der Mehrheit widerspricht. Beispielsweise offen homosexuell sein, sich scheiden lassen oder die Kinder nicht taufen lassen. Wichtig an dieser Stelle: Es muss um moralisch relevantes Verhalten gehen, damit der Zyklus greift. Die Farbe der Krawatte zählt (meistens) nicht.

2. Die Mehrheit fühlt sich von den Abweichlern bedroht und übt sozialen Druck aus. Das kann deutlich sein oder auch subkutan – in jedem Fall wird die Gruppe gezwungen, Stellung zu beziehen. Ein Teil kippt um und passt sich an, eine Minderheit radikalisiert sich und peppt ihre Abweichung mit einer Ideologie auf.

3. Die radikale Minderheit wird (in einer nicht-fundamentalistischen Gesellschaft) zwar ein wenig ausgegrenzt, aber toleriert. Früher wurde das natürlich auch mal etwas deftiger gehandhabt. Im Laufe der Zeit wird ihre Position auch der Mehrheit vertrauter und verliert einen Teil ihrer Radikalität – sie nähert sich der Mitte an (bzw. die Mitte nähert sich ihr an).

4. Die Mehrheit ist nun mit der radikalen Position vertraut und sieht sich nicht mehr genötigt, großen sozialen Druck auszuüben. Das Neue ist jetzt nicht mehr das Neue, sondern das Bekannte – kein großer Aufreger mehr, aber auch nicht relevant für die meisten Leute.

5. Junge, andersdenkende Mitglieder der Gesellschaft wenden sich der ehemals radikalen Position zu und nehmen sie für sich ein, da man ja nicht mehr so radikal sein muss, um sie zu vertreten. Da es nicht mehr allzu viel Gegendruck gibt, kann sich die neue Position besser verbreiten und erstmals Traktion gewinnen, wie wir Dengländer sagen.

6. Die ehemalige Mehrheit sieht sich erhöhtem Druck ausgesetzt, da die Radikalen scheinbar in der Überzahl sind. Das wird heute auch unterstützt durch die Tendenz der Medien, dauernd neue Säue durchs Dorf zu treiben – die Retro-Radikalen sind vielleicht so zahlreich nicht, aber sie erhalten überproportionale Aufmerksamkeit. Das Ergebnis: Die Konservativen („stabile Inseln“) radikalisieren sich und lehnen die neue Ideologie wieder lautstärker ab. Plötzlich haben sie das Gefühl, die Radikalen zu sein.

Das ist zwar ein wenig holzschnittartig umrissen, aber gar nicht so verkehrt, oder? Ich denke für dieses Modell lassen sich schon ein paar Anwendungsbereiche finden, beispielsweise …

  • … Menschen die sich taufen lassen wollen (1. Jhd.)
  • … Eltern die ihre Kinder nicht schlagen wollten (12. Jhd.)
  • … Frauen die ihre Fußspitzen zeigen wollten (13. Jhd.)
  • … Menschen die aus Liebe heiraten wollen (19. Jhd.)
  • … Frauen die ihre Knöchel zeigen wollen (frühes 20. Jhd.)
  • … Menschen die ihre Kinder nicht mehr taufen lassen wollen (zweite Hälfte 20. Jhd.)
  • … Frauen die Auto fahren wollen (zweite Hälfte 20. Jhd.)
  • … Männer die keine Soldaten mehr sein wollten (zweite Hälfte 20. Jhd.)
  • … Beatmusik
  • … Rockmusik
  • … Sado-Masochismus

Ich glaube das Modell passt doch noch besser als zuerst gedacht. Was fällt auf? Früher waren es vor allem Religion und Moral, über die so gestritten wurde, heute ist es Lifestyle (Musik, Sex, Essen). Dabei heißt es doch eigentlich Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral … 😉

Wir essen jetzt viel weniger Fleisch

Ich persönlich glaube ja, dass „Wir essen jetzt viel weniger Fleisch“ das Mantra in irgendeiner Sekte ist, in der wir auch schon fast drin sind. Diesen Satz, ergänzt durch das unvermeidliche „Und wenn, dann kaufen wir beim Bauern unseres Vertrauens“, hört man momentan bei quasi jedem Gespräch über Essen. Gefühlt hört man ihn auch in Gesprächen, die gar nicht von Essen handeln. 

Wir sind jetzt alle Vege-, Flexi- oder Veganitarier*, gerne auch in den verschiedenen Unterarten „nur Fisch“, „Fisch, Milch und Eier“, „Fisch und Milch, aber keine Eier“, „nur Eier, aber kein Fisch, weil der schmeckt nicht, und keine Milch, weil ich bin ja (laktose)intolerant„. Den Fisch essen wir natürlich auch nur vom Bauern unseres Vertrauens.

Im Ernst, finde ich alles super, dass man sich heute so viele Gedanken darüber macht, was man mit seinem Konsum so in der Welt anrichtet.

Auch wenn wir mittlerweile seit vielen Jahren nicht mehr vegetarisch leben hier, bin ich bis heute davon überzeugt dass dies ethisch gesehen eigentlich die einzige Alternative ist. (Ja, fragt mich ruhig warum wir es trotzdem nicht machen). 

Trotzdem bin ich bei solchen Bionade-Biedermeier-Trends irgendwie auch skeptisch. Wenn man keinen Essstil hat, der mit „Arier“ aufhört, muss man sich ja fast schon wie einer vorkommen. Im negativen Sinne, natürlich. Finde ja sowieso, dass ums Thema Essen irgendwie zu viel Aufhebens gemacht wird. Das ist so wie mit dem Wetter – wir haben halt alle Wetter, das ist der kommunikative kleinste Nenner jeder arbiträren Zusammenkunft von Menschen. Essen tun sie eben alle auch. Daher, so muss ich leider sagen, kann ich solchen Essenskult jedweder Couleur nicht 100%ig ernst nehmen. Wo sollten denn diese Vertrauensbauern auch alle herkommen.

 

*Ich weiß dass das nicht so heißt. Würde mir aber die Pointe versauen.