Freiwillig verwaist – über den Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern

Dieser Artikel von Paulas Blog hat mich bewegt und dazu gebracht, zu diesem Thema meine Gedanken zu äußern.

Ich habe – wer hier schon etwas länger liest, weiß es vielleicht – (alle anderen können hier nachschauen) eine dieser „schweren Kindheiten“.

Ich möchte aus Respekt für Betroffene der Themen Kindheitstraumata, sexualisierte Gewalt und psychisch kranke Eltern eine Triggerwarnung vorwegschicken. Und natürlich lasse ich zudem unnötig verst Details aus – auch wenn ich Sachverhalte beschreibe.

Zeit ist vergangen

Vor rund fünf Jahren sprach ich das letzte Mal mit meiner Mutter. Es ist nun drei Jahre her, dass ich mich auch gegen einen weiteren Kontakt zu meinem Vater entschied.

Wie geht es mir damit eigentlich?

Nun ja. Gemischt.

Ich trauere, weil ich nie so eine Mutter hatte, wie ich sie mir vorstelle: Eine liebende, mich wohlwollend betrachtende und verantwortungsbewusste Frau, die für mich da ist, mit der ich mich austausche und die mein Leben durch ihre Persönlichkeit bereichert. Manchmal nervt, mich Dinge lehrt, mit der ich Konflikte austragen und mit der ich gemeinsam wachsen und reifen kann.

Mutterliebe 2

„Ich begleite Dich, meine Gedanken sind bei Dir und Du in meinem Herzen, mein Kind.“ Soweit die Idealvorstellung

Ich würde mich gern ein wenig gestützt und beschützt fühlen. Durch eine Mutter an meiner Seite. Ich würde gerne manchmal anrufen und sagen: „Hey, Nummer 1 hat heute eine 2 in Französisch mitgebracht!“ und sie würde sagen: „Wow, toll, da hat sich das ganze Üben ja gelohnt. Gib sie mir doch mal eben, ich will sie unbedingt loben!“

Oder ich hätte sie letztes oder vorletztes Jahr angerufen und gesagt: „Puh, Mama, ich bin echt fertig und angestrengt. Die Kinder, das Baby, die Hyperthyreose, der Wasserschaden. Meine Ärztin befürchtet, ich könnte total erschöpfen …“ und sie hätte gesagt:“Ach Mensch, ja, ich weiß. Das ist aber auch alles viel für dich. Ich komm vorbei und schaue, wie ich dir helfen kann, okay?“

Da mein Vater eher einer dieser Randfiguren-Väter war vermisse ich ihn als „Rolle“ weniger. Aber auch. Ich vermisse, nie einen Vater gehabt zu haben, der sich wirklich interessierte oder verantwortlich fühlte. Einen, der nicht in seinen Gefühlen launisch, schon gar nicht beängstigend gewesen wäre und mich vielleicht sogar ab und an mal beschützt hätte.

Er hätte mir Mut zugesprochen und wäre stolz auf mich gewesen.

Soweit die Phantasie.

Wunschbilder und Wirklichkeit

Ich vermisse in der Tat auch diese beiden Menschen, mit denen ich die ersten zwanzig Lebensjahre unter einem Dach verbrachte.

Und doch betrauere ich am meisten das, was ich niemals hatte:

Ich habe kaum schöne Kindheitserinnerungen. Kaum eine Erinnerung daran, wie ich ganz losgelöst und unbelastet war. Dauernd fühlte ich mich nicht gut genug, war innerlich gehetzt und dachte, ich sei nicht viel wert. Ich war immer auf der Hut vor Launen, Stimmungsschwankungen und den verschiedenartigen Attacken sowie Ausbrüchen, die das nach sich zog. Mal diese subtilen Untertöne, mal direktes Lächerlichmachen, dann wieder totale Begeisterung für mein Tun und kurz darauf eben wieder Frustration und Wut. In einer solchen Gesellschaft wächst man nicht unbesorgt auf.

In Wahrheit war es mehr als nur der Mangel an Stabilität: Ich war ein tief, tief traumatisiertes Kind, das Jahrzehnte brauchte, um aufzuarbeiten, was passiert ist.

Ich vermisse die Mutter nicht, mit der ich Dinge erleben musste, die bis heute als tiefsitzende, frühkindliche Todesangsterfahrung in meinen Knochen (und meiner Amygdala, dem Angstzentrum im Gehirn) sitzen und gegen deren Auswirkungen ich trotz aller Selbstreflexion- und analyse, trotz mehrjähriger Therapie und trotz allen Wissens immer wieder ankämpfe. Oder besser ausgedrückt: Mit denen ich leben lernen musste.

Dieses folgende Gefühl habe ich da, wo ich gerne eines von Geborgenheit hätte: „Meine Mutter sagt, sie liebt mich. Aber sie beschützt mich nicht nur nicht, sondern ist Mittäterin, ja eigentlich sogar Initiatorin. Sie hätte mir beinahe mein Leben genommen, weil sie in ihrem Wahn unaufmerksam und es für mich dadurch gefährlich wurde.“

Ich habe das nicht vergessen, es war lediglich verdrängt. Wie so viele andere wirklich hässliche Dinge und Details.

Reifliche Überlegung

Ich habe sehr viel Verschiedenes über meine Entscheidung des Kontaktabbruchs nachgedacht. Ich dachte:

„Sie können nichts dafür, dass sie so sind wie sie sind. Sie brauchen mich vielleicht.“

„Andererseits habe ich es satt, dauernd Verständnis für sie zu haben, nur weil ich dazu in der Lage bin. Ich bin nicht deren Mutter!“

„Ob meine Mutter an mich und ihre Enkel denkt? Ist sie in der Lage uns zu vermissen? Oder ist das bei ihr so, wie bei vielen Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung: Aus den Augen – aus dem Herzen. Keine Objektkonstanz? Wer nicht da ist, den spüre ich auch nicht. Oder so?“

„Ob mein Vater unser letztes Telefonat bedauert? Oder ist er zu stur oder selbstverliebt? Zu wenig fähig, sich selbst kritisch zu betrachten. Ist er also so wie immer?“

„Ich vermisse es, wenigstens das Bisschen als Mutterliebe zu bekomme, was ich eben so bekam. Das tut wirklich be*** weh!“

„Wenn ich mir vorstelle, wie sie sich einreden, wie böse und gemein ich bin, dann könnte ich ausrasten!“

„Schade, dass mir das Weinen so schwer fällt. Ich wette, ich würde mich besser fühlen, wenn ich diesen Part des Trauerns zulassen könnte.“

„Wenigstens meine Kinder haben eine Mutter, die für sie da ist und sie liebt. Sie fühlen sich sicher und stark. Das ist das Wichtigste.“

„Ob ich meiner Mutter wenigstens mal Fotos von ihren Enkel zukommen lassen soll? Sie kennen ja beide Nummer 4 überhaupt nicht. Interessiert es sie überhaupt? Denken sie einen Hauch so viel über mich nach, wie ich über sie?“

„Was ist, wenn ich ihnen Unrecht tue? Was, wenn ich wirklich unerträglich und verrückt bin? Charakterlich deformiert und gestört? Vielleicht weiß ich das ja nur nicht! Oh Gott, was, wenn ich verrückt bin und meine armen Eltern verstoße, die nur versuchen, für mich da zu sein und mich lieben … halt nein: Da merke ich gerade, dass es so ja nicht ist. Denn dann wären sie vermutlich da und würden versuchen, mir zu helfen …“

„Es ist, als wären sie tot und ich würde trauern. Aber sie leben. Ich bin es ja, die sie quasi sterben lässt. Ein klassisches ‚Für mich seid ihr gestorben‘ -das ist sehr heftig.“

„Ich bin eine miese Tochter. Ich sollte mehr Verständnis für die beiden haben. Ich war immer diejenige, die sie innerlich bemuttert hat und die Verständnis für sie hatte. Und nun lass ich diese beiden armen, psychisch gestörten Menschen einfach sitzen.“

„Ist das Liebe, was ich für sie empfinde? Ist das gut? Sollte ich mir das irgendwie abgewöhnen? Diese verfluchten unkündbaren Beziehungen…!“

„Wow, wer keine Eltern hat, der ist dazu gezwungen, so richtig erwachsen zu sein. So ohne Netz und doppelten Boden. das wiederum finde ich sehr stärkend. Ich kann nicht mal eben meine Eltern um Hilfe bitten und ich trage die gesamte Verantwortung für mein Leben selber.“

„Oh Mann, wer keine Eltern hat, der kann nie mal eben nach ihnen rufen oder sie um Rat bitten oder mit ihnen über alte Geschichten lachen. Das ist sehr schmerzhaft.“

Wölfe, Gérard van Drunen

„In meiner Vorstellung traumhaft: Leben in einem Rudel“             (Foto: van Drunen)

In der Tat sagen unsere Großen manchmal etwas wie: „Mama, es ist echt krass, dass du uns etwas geben kannst, das du selber nie hattest. Und so viel davon! Woher nimmst du all das, wenn du es nie bekommen hast?“

Aus meiner Liebe. Und dem Wissen daraus, wie schlimm es sich anfühlt, wenn es fehlt.

Time to say Goodbye …

Ja, ich muss mich verabschieden. Von meinen verträumten Wünschen, meinen sehnsuchtsvollen Gedanken, von meinen Bedürfnissen nach elterlicher Liebe und Begleitung.

Viele Menschen sagten mir schon: „Du hast du doch deine eigene tolle Familie!“

Ja. Schon. Aber das hilft so viel wie das übliche „Du hast ja noch ein anderes Kind“-Trösten nach einer Fehlgeburt hilft.

Ich bin wirklich fast täglich dankbar für meine Familie. Sogar, wenn sie mir gehörig auf den Zeiger geht. Aber es ist doch nicht verwerflich, sich zusätzlich eigene Eltern zu wünschen anstatt ausschließlich dauerdankbar dafür zu sein, selbst welche sein zu dürfen.

Ich habe letztlich keine Fotos für sie gemacht. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich sie meiner Mutter zukommen lassen sollte. Ich weiß nämlich nicht, wo sie gerade wohnt. Die letzte Information war, dass sie mit dem schwer autistischen Sohn ihres verstorbenen besten Freundes zusammenlebt und sich um ihn kümmert. Für ihren eigenen autistischen Sohn hatte sie so viel „Liebe“ nicht übrig.

Aber gut. Was soll ich darüber nachdenken? Sie besteht eben aus Bildern, die sie sich von sich selbst macht. Sie ist gerne die Helfende und Unterstützende. Da, wo ihr diese Darstellung gefällt. Da, wo sie damit etwas gewinnen kann. Und da ich ihr ja als Tochter sicher war, ebenso wie meine Liebe – die bei Kindern ja mitgeliefert wird – war dies bei mir unnötig.

Und hier schließt sich mein Gedankenkreis: Was würde mir persönlich ein Kontakt bringen?

Nichts Gutes.

Nur etwas Schein.

Und dafür gebe ich nichts auf. Nicht mehr. das habe ich Jahrzehnte lang getan. Um mich am Ende ungeliebt zu fühlen und zu begreifen, dass ein Mensch wie sie tragischer Weise niemals wirkliche Liebe empfinden kann. Das ist sehr traurig. Für sie ebenso wie für mich.

Ich betrauere im Grunde sehr viel mehr als den Verlust, den meine Entscheidung mit sich brachte:

Ich sehe in meiner Mutter ein kleines Mädchen, das tief verletzt wurde und diese schwere Bindungsstörung entwickelte, mit der sie wiederum bei ihrem kleinen Mädchen schwere Verletzungen verursachte. Und ich weiß inzwischen, dass ihre Verletzung nur eine in einer langen Reihe war, die sich über Generationen weitergab. Laut Einschätzung meines (unglaublich dankenswert kompetenten) Therapeuten handelt es sich um einen etablierten transgeneratorischen Missbrauch in der mindestens fünften Generation.

Daher entschied ich vor langen Jahren, diesen zu stoppen. Ende. Ich wollte, dass ich als letztes Opfer das ganze beende. Es war, wie sich vor einen rauschenden D-Zug zu stellen, um ihn wie Superman aufzuhalten. Superwoman in diesem Fall. Ich in diesem Fall.

Und es lohnte sich. Ich sehe meine Kinder, sie sich selbst annehmen wie sie sind. Die eine Tochter eher schüchtern, aber stets im inneren Wachstum. Die andere lange Zeit mit der Thematik des Mobbings konfrontiert, aber von uns unterstützt und begleitet. Die Dritte wibbelig und voller Energie, eine Quasselstrippe voller tiefer religiöser Werte und einem wunderbaren Sozialverhalten. Und natürlich der Kleine, der von einer Bekannten immer als „Glücks-Baby“ bezeichnet wurde, weil er genau dies ausstrahlt: „Mir geht es gut, ich bin vollkommen glücklich und angenommen.“

In mir ist Trauer.

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Aber auch viel Liebe. Dankbarkeit und ich bin achtsam geworden. Mein Schicksal machte mich sensibel, empathisch und sehr stark. „Mich haut so schnell nichts um!“ sage ich manchmal und das fühlt sich gut an.

Ein mittlerer Burnout und eine Angststörung – das ist alles, was ich davon trug. Und Trauer. Und Misstrauen. Das ist okay für mich. Ich bin stark, nicht persönlichkeitsgestört, nicht essgestört, nicht drogensüchtig, nicht narzisstisch. Nix. Und ich bin dankbar dafür. Mir selbst auch.

Mit dieser Entscheidung bin ich nicht allein

Vielen Menschen geht es wie mir – das fiel mir auf, als ich den oben erwähnten Artikel las.

Diese schwierige Entscheidung. Und dauernd Zweifel daran. Die Trauer, das Ziehenlassen der Hoffnungen und der eigenen Bedürfnisse. Und dann die Fragen aus dem Umfeld, die irritierten Blicke und auch manchmal die Kommentare, all das.

Dennoch akzeptiere ich die Tatsache des Verlusts, der im Grunde nie einer war, weil einfach bestimmte Elemente nie wirklich in meinem Leben waren.

Ich akzeptiere meine Trauer, meine Wut auf und auch die Liebe, die trotz allem da ist. Ich bin an all dem gewachsen und es gab mir Fähigkeiten.

Und – was mir beim Lesen des Artikels noch auffiel: Ich bin nicht allein damit.

Und Ihr anderen „freiwilligen Waisen“ seid es auch nicht ❤

 

 

 

 

Kinder und Trauer – wie erleben sie den Tod und wie unterstützt man sie im Trauerfall?

Kinder und der Tod. Ein für viele Eltern ist es ein problematisches Thema, das ich heute aufgreifen werde. Ich habe mich aus persönlichen Gründen mit diesem Thema intensiv beschäftigt und gebe gerne gesammelte Informationen sowie meine Erfahrungen weiter. Und hierbei schreibe ich ausführlich, denn meine Erfahrung zeigt, dass gerade eine oberflächliche Behandlung dieses Themas nicht hilfreich ist.

Ich schildere unsere Erfahrung so, wie wir sie als Familie gemeinsam machten.

Als unsere Kinder zum ersten Mal dem Tod begegneten

Ulisse Albiati flickr

Es war im Januar 2012 als sie ihre Oma verloren, die zuvor mehrere Monate gegen den Krebs kämpfte und deren Körper dann durch die Folgen der sehr intensiven Chemo-Therapie sehr geschwächt aufgab. Der Krebs war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits besiegt. Es kam völlig überraschend für unsere ganze Familie, da sie bereits in der Reha war.

Mister Essential kam morgens weinend ins Schlafzimmer und weckte mich mit den Worten:

„Meine Mutter ist gestorben.“ Am Ende des Satzes schien ein Fragezeichen zu stehen. Er konnte es wohl kaum glauben. Sein Vater hatte ihn angerufen und gesagt:

„Heute ist kein guter Tag. Deine Mutter ist letzte Nacht gestorben.“

Da es seine Mutter war, wollte ich ihm die Bürde abnehmen, es den Kindern sagen zu müssen. Sie kamen alle langsam und nacheinander herunter – es war ein Samstag und sie hatten daher schulfrei. Daher musste ich es drei Mal mitteilen.

Wir saßen am Esstisch und jede Einzelne war sofort alarmiert, als sie herunterkam. Zuerst erfuhr es Nummer 2 und weinte natürlich. Dann Nummer 1 und zum Schluss Nummer 3. Sie waren zu diesem Zeitpunkt 10, 8 und 5 Jahre alt.

Mister Essential fuhr sofort zu seinem Vater und seiner Schwester, um alles zu organisieren. Die Kinder blieben bei mir. Sie bekamen alles, das sie brauchten und taten das, was ich in meinen Recherchen zum Thema las: Sie ließen sich von ihren Gefühlen führen und folgten dem genialen Überlebensinstinkt der Kinder. Mal spielten sie, dann stellten sie mir Fragen. Dann bekamen sie warmen Kakao und weinten. Dann kamen Fragen und wieder lenkten sie sich ab.

Kinder trauern nicht linear und so individuell, wie Menschen es eben tun: Nummer 1 weinte sehr viel, Nummer 2 war eher wissbegierig und Nummer 3 verstand die Endgültigkeit natürlich noch nicht.

Abends machte ich für den erschöpften Mr. Essential und mich einen Film an, den ich schon lange mit ihm hatte ansehen wollen: „Das Geisterhaus“ nach Isabel Allende. Mr. Essential schlief bald auf dem Sofa ein und ich sah mir den Film an, an dessen Ende der Patriarch Esteban seine geliebte Frau in einem weißen Sarg beerdigt. Mit roten Rosen auf dem Deckel. Ich dachte: „Irgendwie ähneln sich dieser Esteban und mein Mann in manchen Zügen. Ich werde auch mal in so einer weißen Kiste liegen.“ Das war, zugegeben, ein recht lakonischer Gedanke, über den ich aber auch ein bisschen lachen musste.

Die erste Verarbeitung

Ich nahm mir Zeit zu weinen, als die Kinder Montagmorgen in der Schule und im Kindergarten waren. Dazu hörte ich bewusst fröhliche Musik, um nicht in ein Loch zu fallen. Ich wollte ja für die Kinder so ausgeglichen wie möglich sein. Sie sollten natürlich sehen dürfen, dass ich traurig bin. Aber keine Angst bekommen, weil ich völlig down sein könnte.

Sie waren in der Schule und dem Kindergarten abgelenkt gewesen, was mich sehr beruhigte. Deshalb hatten wir sie trotz allem auch dorthin gebracht. Es gab danach Mittagessen wie immer und sie erzählten von ihrem Tag. Dann spielten sie und ich ließ sie etwas fernsehen. Dazu wurde gekuschelt. Es flossen auch immer wieder Tränen. Bei ihnen und bei mir. Bei der Jüngsten am wenigsten und der Ältesten am meisten. Nummer 1 hatte eine sehr starke Bindung an ihre Oma und litte sichtbar. Sie war blass und die Augen waren entweder etwas trüb oder eben nass.

Als ich später dann Mister Essentials Vater begegnete fielen wir uns weinend in die Arme. Und auch die Kinder drückten ihn weinend.

Ich hatte erfahren, dass die Familie sich am offenen Sarg würde verabschieden. Den Vormittag hatte ich genutzt, um zu recherchieren, was Kinderpsychologen dazu sagen. Sollte man den Kindern dies ermöglichen oder gar zumuten? Rasch zeigte sich, dass dazu geraten wird. Wenn man die Kinder begleiten kann, dann ist eine Verabschiedung sehr gut. Sie zeigt den Kindern die Endgültigkeit und sie können durch den Abschied ihren Frieden mit der Situation machen.

Dann rief ich unseren Pastor an, weil mein Schwiegervater mich hatte bitten lassen, diesen besonderen Menschen zu fragen, ob er die Bestattung vornehmen würde. Obwohl er als katholischer Priester von der anderen Konfession stammte – doch mein Schwiegervater fand ihn bei Nummer 1s Kommunion menschlich so beeindruckend, dass er gerne durch ihn von seiner Frau Abschied nehmen wollte. Und genau am Mittwochmorgen hatte der besagte Pastor noch einen Termin frei – es passte somit perfekt.

Montagabend waren wir dann zum Gespräch mit ihm im Haus des Schwiegervaters.

Ich erzählte den Kindern, wie eine Beerdigung von Statten geht und sie freuten sich, dass sie den Pastor bereits so gut kannten. Ein Fremder hätte sie irritiert und so konnten sie sich ein kleines Bisschen besser fühlen in der Aussicht auf den Mittwoch.

Dienstags fuhren wir alle zusammen in ein Einkaufszentrum, um uns die schönsten Trauerkleider zu kaufen, die der Oma gefallen hätten. Sie liebte es, wenn ihre „Ladies“, wie sie die drei Mädchen immer nannte, schick aussahen. Zugleich waren wir abgelenkt und das tat uns ehrlich gesagt sehr gut.

Wie können Kinder Abschied nehmen?

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Es ist wichtig, Kindern alles ehrlich zu beantworten. Geschönte Aussagen wie „die Oma schläft“ helfen Kindern nicht, denn sie erwarten zum Einen, dass die Oma wieder aufwacht und zum Anderen könnten sie Angst vor dem Einschlafen bekommen. Die kindliche Phantasie treibt oft wilde Blüten und manche Kinder erleben heftige Ängste im Rahmen eines Todesfalles, weil die Erwachsenen sich oft eben mit der Organisation und ihren Gefühlen beschäftigen. Und weil sie sich gerne durch Spielen ablenken, wird schnell mal vergessen, dass sie ja auch leiden.

Kinder dürfen unter keinen umständen mit ihrer Trauer und ihren vielen Fragen alleine gelassen werden, sonst kann ein Trauerfall traumatische Züge für sie mit sich bringen. Solange sie nicht wegen scheinbarem Desinteresse (Ablenkung, Lachen) beschämt oder zu erwünschten Gefühlsausdrücken gedrängt werden, weil sie „zu viel“ oder „zu wenig“ trauern, sondern gehalten werden, geschieht ihnen nichts weiter. Sie trauern auf ihre Weise und der Schmerz wird auf seine Weise vergehen. Und im individuellen Tempo.

Ich hatte unter meinen Kolleginnen der Familienpflegerinnen damals eine, die eine Weiterbildung zur Tauerbegleiterin gemacht hatte. Von ihr habe ich vieles erfahren und auch im Rahmen meiner Ausbildung hatte ich schon viel darüber gehört, wie man Kinder unterstützen kann.

Für Kinder ist die Endgültigkeit sehr schwer zu fassen. Jemand niemals wieder sehen – puh – das klingt schon sehr seltsam. Und unmöglich irgendwie. Da schleichen sich Hoffnungen ein. Und magische Gedanken wie „wenn ich ganz brav bin, dann kommt die Oma wieder“. Kinder sollen immer dort abgeholt werden, wo sie stehen. Das gilt natürlich ebenfalls – und ganz besonders – in einer so intensiven Zeit wie der Trauer.

Kinder entwickeln genau wie Erwachsene aus Gefühlen von Ohnmacht oder Unwissen sowie Hilflosigkeit Gefühle wie Angst und Wut. Hier brauchen sie unbedingt Unterstützung durch einen Erwachsenen, der ihnen zeigt, dass auch er trauert. Und ihnen sagt, dass dieser Schmerz nicht immer so stark sein wird. Schmerzen beängstigen Kinder, weil ihnen die Erfahrung fehlt, dass diese aufhören werden. Das gilt auch für emotionalen Schmerz.

Trauer hat eigene Wege

Im Grunde können wir von den Kindern im Umgang mit der Trauer Einiges lernen. Sie empfinden intuitiv. Wer einmal Kinder laut brüllend ein kaputtes Lieblingsspielzeug betrauern oder es ausgelassen lachend über eine Blumenwiese hüpfen sah, der weiß, was ich meine. Wir Erwachsenen sind weiter weg von starken Gefühlen und gerade der Tod wirft uns mitten hinein. Wenn wir es zulassen (können).

Oft wird erwartet, dass man schnell wieder „funktioniert“. Trauerzeiten von ungefähr vier Wochen steht man jedem zu, aber dann „muss auch langsam mal gut sein“. Dabei kann Trauer ein Leben lang dauern.

Wenn man bedenkt, dass man jemanden verliert, den man liebt und ihn nicht wiedersehen wird, dann erscheint es sehr angemessen, etwas länger als einen Monat traurig zu sein, oder?

Es ist eine besondere Fähigkeit des Menschen, den Tod zu verdrängen. Wir brauchen das, um unseren Alltag zu meistern und nicht dauernd ängstlich in Starre zu verfallen. Denn er kann jederzeit eintreten und wir wissen das. Verdrängung scheint leichter zu sein, als damit seinen Frieden machen zu können. „Nur wer den Tod nicht fürchtet, der lebt wirklich frei“ heißt es und das stimmt wohl. Aber dazu muss man sich eben damit konfrontieren. Fragen wie „Wie wird es sein, tot zu sein?“, „Was erwartet mich?“ oder „Was erleben Verstorbene?“ sollte man nicht scheuen. Aber genau das tut man oft. Bis das Thema eintritt.

Der Trauer im Weg stehen manchmal Gefühle durch unverarbeitete Konflikte, die man mit der verstorbenen Person hatte. Oftmals kann man an seine Gefühle der Trauer nicht heran. Doch ohne die Trauer fehlt eben auch die Heilung. „Man muss die guten Dinge betrauern, um die schlechten vergessen zu können“ ist hier ein passender Satz. Alles loszulassen kann sehr heilsam sein: Das Schöne, die Enttäuschung, die Wut und die Frage danach, wie alles hätte anders laufen können, wenn man nur etwas Anderes getan hätte.

Kinderfragen und innere Vorbereitung

Vor dem Mittwoch graute es mir. Ich hatte Angst vor meinen Gefühlen. Viele Monate nach dem Tag sagte eine mütterliche Freundin, die mich kennt seit ich 15 Jahre alt war: „Das muss schlimm gewesen sein. Du hast so viel verloren: Du hattest endlich Frieden mit deiner Schwiegermutter und ihr ward auf einem so schönen Weg. Da hast du die Chance auf die Familie verloren, nach der du dich immer gesehnt hast. Und zugleich war das die Zeit, in der du dich aus Selbstschutz von deiner Mutter trennen musstest. Du hast ja zwei Mütter zeitgleich zu Grabe getragen. Das tut mir sehr leid für dich.“

Das sagt alles aus.

Die Kinder waren aufgeregt und ein bisschen ängstlich.

Sie stellten mir sehr viele Fragen. Vor allem Nummer 2 mit ihrem üblichen Wissensdurst und ihrem Vorstellungsvermögen. Und ich – getreu meinen Idealen – antwortete auf alles:

Sie: „Wie lange dauert es, bis man verwest ist?“

Ich: „Das hängt von vielen Faktoren ab. Knochen können Millionen Jahre bestehen, das weißt du ja durch die Archäologie. Aber ich glaube, es ist schöner, wenn man es sich so vorstellt: Man wird zu Erde und aus der Erde wird eine Blume wachsen und aus der wird eine Biene Honig sammeln. Und sie wird die Blume verbreiten. Man wird ein Teil der Erde und das für immer.“

Sie: „Okay. Das klingt irgendwie kitschig. Aber es macht Sinn. Ich versuche, es mir so vorzustellen.“

Und weiter ging es mit:

„Stimmt es, dass man nach dem Tod noch Pipi macht? Wo läuft das hin? Stinkt das dann aus dem offenen Sarg? Stinkt die Oma dann eigentlich auch schon?“

Ich: „Ja, da die Muskeln nicht mehr arbeiten können, könnte das passieren. Dafür ist aber in einem Sarg extra, so für alle Fälle, etwas eingeschüttet, dass das aufsaugen würde.“

Sie: „Was ist das für ein Zeug? So ’ne Art Katzenstreu? Ich will nie in Katzenstreu liegen und mich vollpieseln. Das ist ätzend.“

Ich: „Das finde ich nicht ätzend. Du bist ja dann gar nicht mehr dabei, wenn es passiert, verstehst du? Und es ist nichts Schlimmes daran, Pipi zu machen.“

Sie: „Aber die Oma würde es hassen, wenn sie das wüsste. Für so etwas war sie nicht der Typ. dafür war sie zu fein.“

Ich: „Da hast du Recht.“ An dieser Stelle mussten wir wieder ein Bisschen weinen.

Dann fragte sie:

„Wird die Oma wiedergeboren?“

Ich: „Das weiß ich nicht. Möglich ist es sicherlich. Du sagst ja immer, alles würde mehr Sinn machen, wenn nicht manche nur zehn Minuten leben und dann für immer tot sind. Oder andere eben Hundert Jahre. Sondern wenn ihre Erfahrungen zu etwas führen würden. Da passt dieser Gedanke sehr gut hinein.“

Sie:  „Was für einen Sinn hätten all diese Dinge und Erfahrungen sonst? Ich glaube das. Und das fühlt sich gut an. Dann kommt Oma irgendwann bald wieder. Ich kenne sie dann zwar nicht, weil sie ganz woanders ist, aber ich weiß, dass sie da ist. Und das ist schön.“

Ich: „ich habe neulich eine Beileidskarte gesehen. Darauf stand ein Spruch von Khalil Gibran. Das ist ein Philosoph gewesen, der sehr schöne und weise Dinge sagte. Der Spruch geht so: „So groß kann das Universum nicht sein, dass wir uns beide nicht wiedersehen.“ Schön, oder?“

Sie: „Das ist genau das, was ich meine. Das klingt sehr schön. Fühlt sich gut an.“

Die Bestattung

Ulisse Albiati

Die Bestattung war unfassbar intensiv.

Es waren viele Menschen anwesend und wir hatten einen sehr kleinen Raum, in dem die Verstorbene aufgebahrt war.

Ihr Sarg war weiß.

Auf dem Deckel waren viele rote Rosen und zwei weiße. 40 rote für 40 Ehejahre und zwei weiße für die beiden Kinder.

Ein weißer Sarg mit roten Rosen. Wie in dem Film. Ich musste sehr schlucken.

Die Kinder baten mich, zuerst hinein zu gehen und bleiben etwas ängstlich im Gang zurück.

Ich näherte mich und dachte:

„Tja, nun liegst du hier und alle sehen dich an. Ob dir das gefallen würde?“

Sie trug einen Pullover, den sie eigentlich nicht gemocht hatte. Sie hatte über diesen gesagt: „Der war ein Fehlkauf, viel zu viel Klimbim vorne dran.“ Dazu hatte man ihr ein rotes Tuch umgelegt, das Mister Essential ihr geschenkt und das sie sehr gemocht hatte.

Sie wirkte so zerbrechlich und ausgeliefert auf mich.

Ich sah, wie mein Schwiegervater die Babybürste von Nummer 1 hervorholte und das zarte, nach der Chemo nachgewachsene Haar zärtlich bürstete. Dann legte er das Bürstchen neben sie in den Sarg.

Die Kinder trug ich einzeln an den Sarg. Sie blickten sehr verunsichert, fassten dann etwas Mut und sahen hin. Nicht sehr lange, dann wollten sie weg. Nur Nummer 1 wollte gar nicht. Doch ich sagte ihr, dass ich es gut fände, wenn sie es sich trauen würde, weil es diese Möglichkeit nie wieder geben würde. Aber dass sie sie es ganz sicher nicht muss. Sie wollte, hatte aber Angst. Also trug ich auch sie an den Sarg. Schritt für Schritt, immer etwas näher. Das war sehr bildhaft: Wir schleppten uns beschwerlich auf die Verstorbene zu – denn Nummer 1 war mit ihren 10 Jahren viel zu schwer zum Tragen.

Von Gefühlen übermannt

Während der Andacht und der Rede des Pastors weinte Nummer 1 in meinem Arm. Dann wurde es immer schlimmer und sie geriet in einen Weinkrampf. Schließlich begann sie, immer wieder das Bewusstsein zu verlieren und ich schüttelte sie immer vorsichtig. Dann blinzelte sie, sah sich um, blickte auf den inzwischen geschlossenen Sarg und begann wieder zu weinen. Ich fragte mich, wie ich mit ihr den Weg bis zum Grab bewerkstelligen sollte. Was, wenn sie draußen in der Eiseskälte wieder in Ohnmacht fiel? Ich dachte sogar kurzzeitig daran, ob ich einen Arzt rufen sollte. Doch ich beobachtete sie (so gut es meine verweinten Augen eben zuließen) und entschied mich dagegen.

Den Weg zum Grab weinte sie immer noch sehr heftig. Die anderen Beiden weinten nicht mehr. Sie hatten sich nach dem Abschied am Sarg draußen zwischenzeitlich mit Spielen abgelenkt und waren ein wenig ausgeglichener.

Ich erinnere mich auch noch, wie verzweifelt mein Schwiegervater aussah und höre ihn sagen:

„Mein Güte, ich dachte, ich stehe das besser durch.“

Ich machte mir wirklich Sorgen um ihn, aber auch er hielt sich gut auf den Beinen, obwohl er blass und grau aussah.

Das Kaffeetrinken

Das Beisammensein war sehr schön von Mister Essentials Vater und Schwester gestaltet worden. Es gab einen Beamer, der so viele Fotos der Verstorbenen an die Wand warf. Sie als junges Mädchen, dann sie verliebt mit ihrem Mann im ersten Urlaub und später mit den Kindern und schließlich zusammen mit den Enkeln.

Endlich durfte man ein wenig loslassen, sah Menschen, die man lange nicht (oder noch nie) gesehen hatte. Es wurde in Erinnerungen geschwelgt und ich sah, dass es meinem Schwiegervater sehr gut tat.

Nummer 1 schaufelte Kuchen. Sie isst einfach sehr gerne und kann etwas Leckeres richtig genießen. Es tat ihr sehr gut in diesem Moment.

Ich hatte ihr einige Jahre zuvor beigebracht, wie man mit starken Gefühlen umgehen kann: „Es ist gut, wenn die Gefühl ein Ozean sind. Sie sind wie das Meer. Und du bist eine Surferin. Man sollte immer auf dem Brett bleiben und nicht hinunterfallen.“

Daran hatte sie sich wohl erinnert,  sagte kauend und etwas grinsend:

„Mama, heute bin ich voll vom Brett gefallen, oder?“

Und ich erwiderte: „Ja, das sah ganz so aus. Aber auch das ist in Ordnung. Wenn das Meer so aufgewühlt wird, wie in so einer traurigen Situation, dann kann das passieren.“

Zeit ist vergangen

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Inzwischen wird sich in wenigen Monaten dieser Tag zum vierten Mal jähren.

Was ist inzwischen passiert?

Wir reden natürlich noch immer über die Oma und die Zeit mit ihr. Ich liebe viele ihrer Sprüche und benutze sie inzwischen sehr bewusst und sehr oft.

„Lach mal ohne Gesicht!“ ist so einer und auch „Aus der Traum, mein treuer Vater!“

Die Kinder wissen, welche Sprüche von ihr sind. Und wir pflegen sie daher ganz bewusst.

Mein Schwiegervater macht sich unglaublich gut. Er reist viel, gönnt sich etwas, ließ neulich sein Wohnzimmer renovieren, kauft neue Möbel und lädt gerne alle unser vier Kinder über Nacht zu sich ein. Er genießt, was am Leben schön ist. Natürlich hat auch er seine Hochs und Tiefs – das ist ja ganz verständlich.

Schlimm für uns sind aber Familienfeiern.

Und traurig war es auch, als wir begriffen, was sie alles nicht mehr miterleben konnte:

Ihren 70. Geburtstag (sie mochte Familienfeiern), die Kommunionen der Mädchen (sie wäre so unendlich stolz gewesen) und ihre Goldene Hochzeit.

Ja die Erfüllung ihres Traums erlebte sie auch nicht mehr mit: Die Geburt ihres Enkelsohns.

Genau wie ich hatte sie nach Nummer 1 immer auf einen Jungen gehofft.

Und als er dann kam, da war sie bereits fort. Nun ist er da, sieht aus wie Mister Essential und sie hätte ihn echt vergöttert.

Ich bin immer noch traurig und die Kinder sind es auch. Manchmal fließen von Nummer 1 noch Tränen und sie bittet uns öfter mal harsch, aufzuhören, wenn wir etwas länger über die Oma sprechen.

Immer mal wieder ärgere ich mich sehr, dass sie nicht mehr da ist – ich könnte so vieles mit ihr teilen, das ihr gefallen hätte.

Wir hätten so viel erleben können und das alles wird niemals sein. Nicht nur für Kinder ist die Endgültigkeit schwer zu fassen.

Im Badezimmer meines Schwiegervaters steht noch jeder Lippenstift an seinem alten Platz, jede Cremedose im Regal und die Kleider sind alle noch im Schrank.

Trauer kennt keine Zeit, so sagt man. Und das ist wohl auch so.

Hilfe im Trauerfall

Wer sich einem Trauerfall gegenüber sieht, kann auf verschiedene Weise Hilfe in Anspruch nehmen.

Es ist möglich, eine*n Therapeut*in aufzusuchen, um Unterstützung zu finden.

Daneben gibt es Seelsorger*innen der Kirchen in den Gemeinden, diese kann man über das Pfarrbüro finden und einen Termin vereinbaren.

Wohlfahrtsverbände wie die Caritas bieten zudem wohnortnah Trauerbegleitung an. Hier sucht man am besten die Telefonnummer einer nahen Organisation heraus. Meist erhält man schnelle Hilfe.

Zusätzlich gibt es online Trauerhilfe -und Gruppen.

In dunklen Momenten kann auch die Telefonseelsorge eine Ersthilfe anbieten.

Literatur, die ich persönlich empfohlen bekommen habe:

„Lass deiner Trauer Flügel wachsen“ von Earl A. Grollman und „Trauer hat heilende Kraft“ von Jörg Zink. Je nach Alter gibt es für Kinder ebenfalls hilfreiche Bücher wie „Von Tod und Trauer den Kindern erzählt“ von Georg Schwikart (für kleine Kinder). Von der Expertin für das Thema Tod, Elisabeth Kübler-Ross, gibt es das Buch „Kinder und Tod“ als Informationswerk.

Und nachgetragen, weil es mir von einer Leserin empfohlen wurde: “Der Baum der Erinnerung” von Britta Teckentrup als Buch, um mit Kindern das Thema Tod und Trauern behandeln zu können.

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Fotos: Ulisse Albiati und Ms. Essential

Tabuthema Fehlgeburt?

Ich las gerade diesen Artikel und wundere mich nun: Ist das Thema Fehlgeburt wirklich ein Tabu?

Mich hat das Thema irgendwie nie beschäftigt, muss ich zugeben. Ich bekam meine drei Töchter ohne große Angst vor einer Fehlgeburt. Meiner Mutter muss das damals unglaublich blauäugig vorgekommen sein. Sie sagte jedes Mal: „Freu dich nicht zu sehr. Es heißt nicht umsonst Guter Hoffnung sein. “ Das war mir aber zu schwarzmalerisch und ich hab es abgetan.

Weil ich es unsinnig fände, aus etwas Natürlichem und Menschlichen wie einer Fehlgeburt ein Tabu zu machen, schreibe ich meine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema auf. Geburtsberichte gibt es nämlich wirklich wie Sand am Meer. Aber kaum welche über Schwangerschaften, die zu früh enden. Dabei ist das bei einer sehr großen Prozentzahl so.

Als wir uns für eine Nummer 4 entschieden hatten, war ich nicht mehr Mitte Zwanzig sondern tendenziell eher so irgendwie Ende Dreißig. Und da hatte ich mehr Sorgen als Blauäugigkeit. Letztere war inzwischen eigentlich verschwunden. Ich hatte das Gefühl, es würde ein Jahr dauern bis es klappen würde. Und schwierig werden. Ich dachte: „Jetzt ist es März und im kommenden März bin ich dann erst schwanger.“

Ich war zwar nicht mehr blauäugig aber meine gute alte Intuition war wohl geblieben, wie sich zeigen sollte. Zwischen dem einen und dem anderen März lagen bald ein paar negative Schwangerschaftstests. Früher, als ich noch nicht eine uralte Schachtel gewesen war, da war ich immer sehr schnell schwanger geworden. So dachte ich. Und das ärgerte mich – klar, wer spürt schon gern den Zahn der Zeit an sich nagen?
Ich nahm das aber so an und entspannte mich ein wenig. Dann hatte ich den ersten positiven Test. Ich freute mich zuerst über den dünnen zweiten Strich, starrte ihn dann an und dachte: „Der Strich ist zu dünn – das gibt nix.“ Abends bin ich etwas ängstlich ins Bett. Sonntagmorgens wachte ich mit einem typischen menstruationsartigen Ziehen im Bauch auf: „Aus der Traum“ habe ich wortwörtlich gedacht und so war es auch.

Dann, gleich im übernächsten Monat blieb die Regel wieder aus. Neuer Test musste her. Zwei knallblaue Striche! Yeah! Aber das flaue Gefühl blieb. Ich war bei der Frauenärztin, bekam ein Ultraschallbild. Die Fruchthöhle sah irgendwie länglich aus. Die Ärztin sagte, dass müsse nichts bedeuten. Es sei besser, wenn sie sofort rund sei, klar. Aber sie habe genug längliche gesehen, aus denen auch etwas geworden wäre. Ich googelte Tausend Mal „Längliche Fruchthöhle“ und erfuhr, dass dies sowohl ein schlechtes Zeichen als auch nicht von Bedeutung sein konnte.

Ich fuhr über’s Wochenende zu Freunden und hatte recht entspannte Stunden – die beiden freuten sich sehr mit mir über die Neuigkeit, die ich nicht an die große Glocke hängte, aber ihnen mitteilte. Auf der Rückfahrt im Zug dachte ich nach und fühlte in mich hinein. Ich hatte total bekloppte Gefühle. Als hockte da ein panischer kleiner Kerl in mir. Einer, der nicht wusste, ob er gehen oder bleiben wollte.

Wenige Tage danach, am Donnerstagabend, saß ich mit der Familie am Tisch und hatte plötzlich Schmerzen. Ich bekam richtig Panik und spürte sofort: „Oh nein, das war’s“ und legte mich auf das Sofa. Mein Mann versuchte mich mit „Das wird schon nix Schlimmes sein“ zu beruhigen, aber ich wusste, alle seine Versuche, mich aufzumuntern würden sich nicht bewahrheiten. Freitagmorgens fuhren wir zur Ärztin.
Da saß ich dann eineinhalb Stunden mit dem Abortus imminens, dem drohenden Abort, im Wartezimmer. Und blutete immer mehr und spürbarer. Irgendwann begann ich vor lauter Verzweiflung zu weinen und mein Mann brachte mich zu den freundlichen  Arzthelferinnen.

Er: „Meine Frau glaubt, dass sie eine Fehlgeburt hat, wie sie ja auch zuvor am Telefon angekündigt hat. Sie blutet immer stärker. Wenn das nun kein Notfall ist und sie schnell drangenommen wird, dann weiß ich nicht.“

Arzthelferin aus der Vorhölle: „Tja, und? Da könnte man ja nun auch nichts mehr machen. Dann weise ich sie eben jetzt ins Krankenhaus ein!“

Ich: „Nein, ich habe schon fast zwei Stunden blutend hier gewartet. Ich will nicht ins Krankenhaus rüberfahren, mich anmelden und noch mal zwei Stunden warten.“

Sie: „Tja, da kann ich ihnen auch nicht helfen. Mehr kann ich nicht …“

Sie wurde unterbrochen, weil meine Ärztin aus dem Sprechzimmer kam und mich (weinendes Häufchen) geschockt ansah. Dann befragte sie mich, warf der Bösen einen ebensolchen Blick zu und nahm mich mit ins Behandlungszimmer.

Ein kurzer Ultraschall, noch mehr Tränen – sogar bei der Ärztin. Ja, es war ein vollständiger Abort. Eine Fehlgeburt.

Ich musste danach dann zum Drogeriemarkt und mir zwei Packungen dicker Binden kaufen, um aufzufangen, was von meiner einstigen, unsicheren Freude noch übrig war.

Zuhause erklärte der Mann den Kindern, was passiert war. Sie konnten das nicht recht greifen. Jedenfalls eierten und kreischten sie bald ausgelassen und nervten mich Trauerkloß kolossal. Ich hab sie dann angeschnauzt und mich noch mieser gefühlt.

Ich habe in den folgenden ersten zwei Wochen des Vor-mich-hin-Blutens immer wieder Panik gehabt, das Blut könnte Reste der Frucht enthalten und ich würde das sehen – daran erinnere ich mich noch. Und ich empfand das irriger Weise alles als schmerzhaft demütigend, dieses Bluten. So, als würde ich es einfach nicht mehr können , das Schwangersein.

Ich war echt traurig und musste dann lernen, denjenigen, den ich wegen seiner mir so erschienen Angst vor dem Leben Prinz Panik genannt hatte, loszulassen. Ich dachte mir, er findet eine andere Familie – eine, in der man sich nur auf ihn, den Verängstigen, konzentrieren kann. Und das gefiel mir. Ich stellte mir ein Paar vor, das am besten schon lange auf ein Kind gewartet hatte, bei denen er dann die Nummer 1 war. Das gefiel mir sehr. So konnte ich ihn loslassen. Den Schwangerschaftstest habe ich mit dem Ultraschallbild umwickelt und alles zusammen in einen Schrank gelegt. Der Geburtstermin wäre der 24.6.2013 gewesen. Dieses Datum vergesse ich irgendwie nicht.

Das war im Oktober 2012.

Ich bin nicht lange sehr traurig gewesen. Nur die folgenden Monate waren anstrengend, weil ich mich ja immer fragen musste, ob es jemals (erfolgreich) wieder klappen würde. Ich wurde zum Hämatologen geschickt, der erzählte was von leichter Hämophilie und leichter Thrombophilie. Bei einer folgenden Schwangerschaft würde ich mir täglich Heparinspritzen verpassen müssen. Später, bei der Anmeldung zur Geburt, belächelte der Chefarzt der Gynäkologie im Geburtskrankenhaus diese übervorsichtige Diagnose. Er meinte nicht, dass diese im Zusammenhang mit den Fehlgeburten stünde.

Es war März 2013, als ich den dritten positiven Test hatte, der dann auch wirklich und wahrhaftig die heutige Nummer 4 anzeigte.

Bis ich der neuen Schwangerschaft traute vergingen circa fünf Monate derselben und einige Ultraschalluntersuchungen. Ich lernte, mich selbst zu spritzen. Seitdem machen mir Spritzen und Blutabnahmen nix mehr aus. Insgesamt wuchs mit jeder Woche der Schwangerschaft das wackelige Gefühl der Sicherheit. Ich hatte anfangs die irrige Angst, es könnte schon wieder Prinz Panik sein, der sich bei mir einnistete, um dann vielleicht nicht in der 9. oder 10. Woche, sondern in der 13. oder 14. Woche zu verschwinden. Die Angst blieb eine Weile. Aber plötzlich war ich mir sicher: Das ist jemand anderes und er wird bleiben.

Ich glaube, ich habe die Fehlgeburt recht gut überwunden, weil ich glaube, dass sie zum Leben einfach dazugehört. Weil ich nicht davon ausgehe, dass Kinder entstehen, weil Eltern sie machen oder schöner: zeugen, sondern weil es Seelen sind, die bei passenden Familien leben wollen. Manchmal entscheiden sie sich dann um. Das muss man ihnen zugestehen. Man muss sich dann in Liebe trennen. Aber dies spiegelt nur meine persönliche Einstellung wieder. Inzwischen lebt Prinz Panik sicher irgendwo und wird prima umsorgt. Das ist doch eine tröstliche Vorstellung. Ich bin nur traurig, weil ich ihn niemals kennenlernen werde. Ansonsten habe ich das Erlebte gut verdaut.

Manchmal aber, wenn ich abends müde und etwas unkonzentriert etwas im Internet schreibe, wie einen Kommentar oder Ähnliches, dann ertappe ich mich dabei, zu schreiben „Ich habe 5 Kinder“ und das einfach korrigiere. So als hätte ich den Überblick verloren. Aber erst, als ich diesen Artikel hier geschrieben habe, wurde mir überhaupt erst bewusst, warum das so ist.

Leben ist nicht selbstverständlich. Und zugleich alltäglich – es ist schwer, in einem Leben voll scheinbarer Sicherheit mit den letzten großen Unsicherheiten zu leben. Das macht Fehlgeburten heute so schwierig. Und man spricht vielleicht echt nicht viel darüber. So entsteht der Eindruck, sie passierten so selten.

Nummer 4, unser bezaubernder Minimann mit den rund fünfzig Kosenamen, ist inzwischen ein Jahr bei uns.

Ja, der energiegeladene kleine Junge, der zu mir passt und den ich so von Herzen zu uns eingeladen habe, wohnt nun hier. Das verflixte erste Jahr, in dem etwas wie SIDS droht, ist auch vorbei – es sieht so aus, als bliebe er.

Während der Trauer über die Fehlgeburt las ich mal, dass es einen alten Mythos gibt, nach dem der Erzengel Gabriel die – stets protestierende – Seele aus dem Paradies hole und während der neun Monate im Mutterleib erzöge. Ich musste bei dem bildhaften Gedanken schmunzeln: Eine Seele wehrt sich bei der Idee, ein Mensch zu werden und ein Leben meistern zu müssen.
Und so hatte ich aus irgendeinem Grund Verständnis mit Prinz Panik. Ich dachte mir, er hat zwei Anläufe gebraucht und immer nur kurz in meinem Bauch durchgehalten. Er braucht wohl noch etwas Zeit … im Paradies …. Oder wo auch immer.

Dann kam eben einer und hat wohl nicht so sehr protestiert. Was für ein Glück, für das man durchaus Dank empfinden darf.