Freiwillig verwaist – über den Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern

Dieser Artikel von Paulas Blog hat mich bewegt und dazu gebracht, zu diesem Thema meine Gedanken zu äußern.

Ich habe – wer hier schon etwas länger liest, weiß es vielleicht – (alle anderen können hier nachschauen) eine dieser „schweren Kindheiten“.

Ich möchte aus Respekt für Betroffene der Themen Kindheitstraumata, sexualisierte Gewalt und psychisch kranke Eltern eine Triggerwarnung vorwegschicken. Und natürlich lasse ich zudem unnötig verst Details aus – auch wenn ich Sachverhalte beschreibe.

Zeit ist vergangen

Vor rund fünf Jahren sprach ich das letzte Mal mit meiner Mutter. Es ist nun drei Jahre her, dass ich mich auch gegen einen weiteren Kontakt zu meinem Vater entschied.

Wie geht es mir damit eigentlich?

Nun ja. Gemischt.

Ich trauere, weil ich nie so eine Mutter hatte, wie ich sie mir vorstelle: Eine liebende, mich wohlwollend betrachtende und verantwortungsbewusste Frau, die für mich da ist, mit der ich mich austausche und die mein Leben durch ihre Persönlichkeit bereichert. Manchmal nervt, mich Dinge lehrt, mit der ich Konflikte austragen und mit der ich gemeinsam wachsen und reifen kann.

Mutterliebe 2

„Ich begleite Dich, meine Gedanken sind bei Dir und Du in meinem Herzen, mein Kind.“ Soweit die Idealvorstellung

Ich würde mich gern ein wenig gestützt und beschützt fühlen. Durch eine Mutter an meiner Seite. Ich würde gerne manchmal anrufen und sagen: „Hey, Nummer 1 hat heute eine 2 in Französisch mitgebracht!“ und sie würde sagen: „Wow, toll, da hat sich das ganze Üben ja gelohnt. Gib sie mir doch mal eben, ich will sie unbedingt loben!“

Oder ich hätte sie letztes oder vorletztes Jahr angerufen und gesagt: „Puh, Mama, ich bin echt fertig und angestrengt. Die Kinder, das Baby, die Hyperthyreose, der Wasserschaden. Meine Ärztin befürchtet, ich könnte total erschöpfen …“ und sie hätte gesagt:“Ach Mensch, ja, ich weiß. Das ist aber auch alles viel für dich. Ich komm vorbei und schaue, wie ich dir helfen kann, okay?“

Da mein Vater eher einer dieser Randfiguren-Väter war vermisse ich ihn als „Rolle“ weniger. Aber auch. Ich vermisse, nie einen Vater gehabt zu haben, der sich wirklich interessierte oder verantwortlich fühlte. Einen, der nicht in seinen Gefühlen launisch, schon gar nicht beängstigend gewesen wäre und mich vielleicht sogar ab und an mal beschützt hätte.

Er hätte mir Mut zugesprochen und wäre stolz auf mich gewesen.

Soweit die Phantasie.

Wunschbilder und Wirklichkeit

Ich vermisse in der Tat auch diese beiden Menschen, mit denen ich die ersten zwanzig Lebensjahre unter einem Dach verbrachte.

Und doch betrauere ich am meisten das, was ich niemals hatte:

Ich habe kaum schöne Kindheitserinnerungen. Kaum eine Erinnerung daran, wie ich ganz losgelöst und unbelastet war. Dauernd fühlte ich mich nicht gut genug, war innerlich gehetzt und dachte, ich sei nicht viel wert. Ich war immer auf der Hut vor Launen, Stimmungsschwankungen und den verschiedenartigen Attacken sowie Ausbrüchen, die das nach sich zog. Mal diese subtilen Untertöne, mal direktes Lächerlichmachen, dann wieder totale Begeisterung für mein Tun und kurz darauf eben wieder Frustration und Wut. In einer solchen Gesellschaft wächst man nicht unbesorgt auf.

In Wahrheit war es mehr als nur der Mangel an Stabilität: Ich war ein tief, tief traumatisiertes Kind, das Jahrzehnte brauchte, um aufzuarbeiten, was passiert ist.

Ich vermisse die Mutter nicht, mit der ich Dinge erleben musste, die bis heute als tiefsitzende, frühkindliche Todesangsterfahrung in meinen Knochen (und meiner Amygdala, dem Angstzentrum im Gehirn) sitzen und gegen deren Auswirkungen ich trotz aller Selbstreflexion- und analyse, trotz mehrjähriger Therapie und trotz allen Wissens immer wieder ankämpfe. Oder besser ausgedrückt: Mit denen ich leben lernen musste.

Dieses folgende Gefühl habe ich da, wo ich gerne eines von Geborgenheit hätte: „Meine Mutter sagt, sie liebt mich. Aber sie beschützt mich nicht nur nicht, sondern ist Mittäterin, ja eigentlich sogar Initiatorin. Sie hätte mir beinahe mein Leben genommen, weil sie in ihrem Wahn unaufmerksam und es für mich dadurch gefährlich wurde.“

Ich habe das nicht vergessen, es war lediglich verdrängt. Wie so viele andere wirklich hässliche Dinge und Details.

Reifliche Überlegung

Ich habe sehr viel Verschiedenes über meine Entscheidung des Kontaktabbruchs nachgedacht. Ich dachte:

„Sie können nichts dafür, dass sie so sind wie sie sind. Sie brauchen mich vielleicht.“

„Andererseits habe ich es satt, dauernd Verständnis für sie zu haben, nur weil ich dazu in der Lage bin. Ich bin nicht deren Mutter!“

„Ob meine Mutter an mich und ihre Enkel denkt? Ist sie in der Lage uns zu vermissen? Oder ist das bei ihr so, wie bei vielen Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung: Aus den Augen – aus dem Herzen. Keine Objektkonstanz? Wer nicht da ist, den spüre ich auch nicht. Oder so?“

„Ob mein Vater unser letztes Telefonat bedauert? Oder ist er zu stur oder selbstverliebt? Zu wenig fähig, sich selbst kritisch zu betrachten. Ist er also so wie immer?“

„Ich vermisse es, wenigstens das Bisschen als Mutterliebe zu bekomme, was ich eben so bekam. Das tut wirklich be*** weh!“

„Wenn ich mir vorstelle, wie sie sich einreden, wie böse und gemein ich bin, dann könnte ich ausrasten!“

„Schade, dass mir das Weinen so schwer fällt. Ich wette, ich würde mich besser fühlen, wenn ich diesen Part des Trauerns zulassen könnte.“

„Wenigstens meine Kinder haben eine Mutter, die für sie da ist und sie liebt. Sie fühlen sich sicher und stark. Das ist das Wichtigste.“

„Ob ich meiner Mutter wenigstens mal Fotos von ihren Enkel zukommen lassen soll? Sie kennen ja beide Nummer 4 überhaupt nicht. Interessiert es sie überhaupt? Denken sie einen Hauch so viel über mich nach, wie ich über sie?“

„Was ist, wenn ich ihnen Unrecht tue? Was, wenn ich wirklich unerträglich und verrückt bin? Charakterlich deformiert und gestört? Vielleicht weiß ich das ja nur nicht! Oh Gott, was, wenn ich verrückt bin und meine armen Eltern verstoße, die nur versuchen, für mich da zu sein und mich lieben … halt nein: Da merke ich gerade, dass es so ja nicht ist. Denn dann wären sie vermutlich da und würden versuchen, mir zu helfen …“

„Es ist, als wären sie tot und ich würde trauern. Aber sie leben. Ich bin es ja, die sie quasi sterben lässt. Ein klassisches ‚Für mich seid ihr gestorben‘ -das ist sehr heftig.“

„Ich bin eine miese Tochter. Ich sollte mehr Verständnis für die beiden haben. Ich war immer diejenige, die sie innerlich bemuttert hat und die Verständnis für sie hatte. Und nun lass ich diese beiden armen, psychisch gestörten Menschen einfach sitzen.“

„Ist das Liebe, was ich für sie empfinde? Ist das gut? Sollte ich mir das irgendwie abgewöhnen? Diese verfluchten unkündbaren Beziehungen…!“

„Wow, wer keine Eltern hat, der ist dazu gezwungen, so richtig erwachsen zu sein. So ohne Netz und doppelten Boden. das wiederum finde ich sehr stärkend. Ich kann nicht mal eben meine Eltern um Hilfe bitten und ich trage die gesamte Verantwortung für mein Leben selber.“

„Oh Mann, wer keine Eltern hat, der kann nie mal eben nach ihnen rufen oder sie um Rat bitten oder mit ihnen über alte Geschichten lachen. Das ist sehr schmerzhaft.“

Wölfe, Gérard van Drunen

„In meiner Vorstellung traumhaft: Leben in einem Rudel“             (Foto: van Drunen)

In der Tat sagen unsere Großen manchmal etwas wie: „Mama, es ist echt krass, dass du uns etwas geben kannst, das du selber nie hattest. Und so viel davon! Woher nimmst du all das, wenn du es nie bekommen hast?“

Aus meiner Liebe. Und dem Wissen daraus, wie schlimm es sich anfühlt, wenn es fehlt.

Time to say Goodbye …

Ja, ich muss mich verabschieden. Von meinen verträumten Wünschen, meinen sehnsuchtsvollen Gedanken, von meinen Bedürfnissen nach elterlicher Liebe und Begleitung.

Viele Menschen sagten mir schon: „Du hast du doch deine eigene tolle Familie!“

Ja. Schon. Aber das hilft so viel wie das übliche „Du hast ja noch ein anderes Kind“-Trösten nach einer Fehlgeburt hilft.

Ich bin wirklich fast täglich dankbar für meine Familie. Sogar, wenn sie mir gehörig auf den Zeiger geht. Aber es ist doch nicht verwerflich, sich zusätzlich eigene Eltern zu wünschen anstatt ausschließlich dauerdankbar dafür zu sein, selbst welche sein zu dürfen.

Ich habe letztlich keine Fotos für sie gemacht. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich sie meiner Mutter zukommen lassen sollte. Ich weiß nämlich nicht, wo sie gerade wohnt. Die letzte Information war, dass sie mit dem schwer autistischen Sohn ihres verstorbenen besten Freundes zusammenlebt und sich um ihn kümmert. Für ihren eigenen autistischen Sohn hatte sie so viel „Liebe“ nicht übrig.

Aber gut. Was soll ich darüber nachdenken? Sie besteht eben aus Bildern, die sie sich von sich selbst macht. Sie ist gerne die Helfende und Unterstützende. Da, wo ihr diese Darstellung gefällt. Da, wo sie damit etwas gewinnen kann. Und da ich ihr ja als Tochter sicher war, ebenso wie meine Liebe – die bei Kindern ja mitgeliefert wird – war dies bei mir unnötig.

Und hier schließt sich mein Gedankenkreis: Was würde mir persönlich ein Kontakt bringen?

Nichts Gutes.

Nur etwas Schein.

Und dafür gebe ich nichts auf. Nicht mehr. das habe ich Jahrzehnte lang getan. Um mich am Ende ungeliebt zu fühlen und zu begreifen, dass ein Mensch wie sie tragischer Weise niemals wirkliche Liebe empfinden kann. Das ist sehr traurig. Für sie ebenso wie für mich.

Ich betrauere im Grunde sehr viel mehr als den Verlust, den meine Entscheidung mit sich brachte:

Ich sehe in meiner Mutter ein kleines Mädchen, das tief verletzt wurde und diese schwere Bindungsstörung entwickelte, mit der sie wiederum bei ihrem kleinen Mädchen schwere Verletzungen verursachte. Und ich weiß inzwischen, dass ihre Verletzung nur eine in einer langen Reihe war, die sich über Generationen weitergab. Laut Einschätzung meines (unglaublich dankenswert kompetenten) Therapeuten handelt es sich um einen etablierten transgeneratorischen Missbrauch in der mindestens fünften Generation.

Daher entschied ich vor langen Jahren, diesen zu stoppen. Ende. Ich wollte, dass ich als letztes Opfer das ganze beende. Es war, wie sich vor einen rauschenden D-Zug zu stellen, um ihn wie Superman aufzuhalten. Superwoman in diesem Fall. Ich in diesem Fall.

Und es lohnte sich. Ich sehe meine Kinder, sie sich selbst annehmen wie sie sind. Die eine Tochter eher schüchtern, aber stets im inneren Wachstum. Die andere lange Zeit mit der Thematik des Mobbings konfrontiert, aber von uns unterstützt und begleitet. Die Dritte wibbelig und voller Energie, eine Quasselstrippe voller tiefer religiöser Werte und einem wunderbaren Sozialverhalten. Und natürlich der Kleine, der von einer Bekannten immer als „Glücks-Baby“ bezeichnet wurde, weil er genau dies ausstrahlt: „Mir geht es gut, ich bin vollkommen glücklich und angenommen.“

In mir ist Trauer.

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Aber auch viel Liebe. Dankbarkeit und ich bin achtsam geworden. Mein Schicksal machte mich sensibel, empathisch und sehr stark. „Mich haut so schnell nichts um!“ sage ich manchmal und das fühlt sich gut an.

Ein mittlerer Burnout und eine Angststörung – das ist alles, was ich davon trug. Und Trauer. Und Misstrauen. Das ist okay für mich. Ich bin stark, nicht persönlichkeitsgestört, nicht essgestört, nicht drogensüchtig, nicht narzisstisch. Nix. Und ich bin dankbar dafür. Mir selbst auch.

Mit dieser Entscheidung bin ich nicht allein

Vielen Menschen geht es wie mir – das fiel mir auf, als ich den oben erwähnten Artikel las.

Diese schwierige Entscheidung. Und dauernd Zweifel daran. Die Trauer, das Ziehenlassen der Hoffnungen und der eigenen Bedürfnisse. Und dann die Fragen aus dem Umfeld, die irritierten Blicke und auch manchmal die Kommentare, all das.

Dennoch akzeptiere ich die Tatsache des Verlusts, der im Grunde nie einer war, weil einfach bestimmte Elemente nie wirklich in meinem Leben waren.

Ich akzeptiere meine Trauer, meine Wut auf und auch die Liebe, die trotz allem da ist. Ich bin an all dem gewachsen und es gab mir Fähigkeiten.

Und – was mir beim Lesen des Artikels noch auffiel: Ich bin nicht allein damit.

Und Ihr anderen „freiwilligen Waisen“ seid es auch nicht ❤

 

 

 

 

Allein über Nacht – Teil 2

Die Früh-Reha
Nachdem mein Mann zwei Tage ohne Probleme atmete und man sich auf der Intensivstation nur kurz darüber wunderte, wieso dies vorher nicht möglich war, wurde er endlich verlegt.
Früh-Reha. Das klang verheißungsvoll.
Rehabilitation – der Freifahrschein zurück in das normale Leben! Da war man quasi schon so gut wie kurz vor dem Marathon, man würde bald fit wie ein Turnschuh sein dank all der Physiotherapie und den anderen unterstützenden, herausfordernden Maßnahmen. Man wäre den ganzen Tag mit Fernsehen, Musik hören, Therapien und irgendwann mit Essen beschäftigt. Man wäre bald wieder ein sprechender, gehender – ach was – joggender Teil der Gesellschaft!
Man wäre…
…allein unter überwiegend für die Therapien zu demotivierten und/oder stummen Mit-Patienten. Man würde lernen, wie unglaublich weit und steinig ein Weg zurück sein kann.

Der erste Zimmergenosse meines Mannes war Herr Müller oder Herr Meier oder Herr Schmidt – nehmen wir doch letzteren Namen.
Herr Schmidt lag im Bett, weil er einen Schlaganfall erlitten hatte. Wenn man ihn zur Therapie holen wollte, lehnte er stets mit wütendem Knurren ab. Er wollte lieber schlafen.
Mein Mann wollte unbedingt mit Therapien starten, sollte aber lieber schlafen. Und ärgerte sich. Herr Schmidt trug zu Übellaunigkeit meines Mannes sehr motiviert bei, da er ein richtig ambitionierter Hobbyschnarcher war. Vielleicht auch schon ein Berufsschnarcher. Nach Umschulung. Wie auch immer. Wenn mein Mann endlich mal einschlief, dann sägte Herr Schmidt ihn wach. Also ersann mein Mann sich eine Taktik. An seinem Finger steckte ein Pulsüberwachungssensor, der über einen angeschlossenen Monitor ein übelst lautes Warnsignal starten konnte. Also startete mein Mann das Warnsignal indem er sich dieses Teil vom Finger streifte. So viel Bewegungsfreiheit hatte er bereits zurückerlangt. Es dauerte, bis er das Ding herunter hatte, aber dann gab es den Alarm und die Schwester kam. Durch den enervierenden Ton war dann auch Herr Schmidt aus dem Schnarch-Schlaf erwacht und hörte mit dem Sägen auf bis er wieder im Tiefschlaf war. Dann startete er wieder und mein Mann machte sich zum Pulsüberwachungssensor-Gegenschlag bereit.

Immerhin konnte er inzwischen so viele Finger bewegen, dass er den iPod benutzen konnte. So härte er sich „Das Lied von Eis und Feuer an“ und noch vieles Andere. Er war wirklich glücklich darüber. Ich will mir gar nicht vorstellen wie es ist, wenn man nur liegen kann. Blind und stumm und unbeweglich. Da ist ein iPod wirklich etwas ganz Besonderes.

Mein Mann träumte sehr viel und sehr schräg während der Krankheit. Die erwähnten medizinischen Experimente waren ein Teil davon. Aber ein Traum, in dem ich bei strahlendem Sonnenschein ausgelassen ins Meer lief und er mir folgen wollte, während ihn jedoch ein medizinischer Schlauch irgendwo an seinem Körper davon abhielt.
Und dann noch der Traum, der bis heute immer mal wieder erwähnt wird, weil er so viel ausdrückt und weil er einfach weh tut, wenn man ihn hört.
Er träumte er sei gesund und zuhause. Er war nicht genesen sondern eben einfach gesund, nicht krank gewesen. In diesem Traum kuschelte er mit unserer mittleren Tochter auf dem Sofa.
Und wachte in seinem gelähmten Körper auf, um ganz allein zu sein.

Die Kinder zu Besuch
Die Kinder durften zu Besuch kommen, sagte die eine Schwester. (Später, bei einem weiteren Besuch, wurden sie der Station verwiesen, weil Kinder dort verboten waren. Wie auch immer – es herrschte eine Sicherheit spendende Einigkeit innerhalb des Personals).

Sie freuten sich, mein Mann freute sich und ich natürlich auch.
Sie waren aufgeregt und wollten die Station stürmen. Ich hatte ihnen natürlich immer wieder gesagt, dass der „Dada“ nicht gucken und sprechen und schon gar nicht laufen konnte. Ich hatte ihnen gesagt, er sähe ein bisschen anders aus. Im Liegen fielen die Gesichtslähmungen, die das zusätzlich zum GBS aufgetretene Miller-Fisher-Syndrom verursacht hatte, zum Glück kaum auf. Es war ein bisschen wie nach einer umfangreichen Botox-Behandlung – einer unserer Scherze…
Ich mahnte die Kinder jedenfalls zur Ruhe soweit möglich. Sie entdeckten ihn und rannten zu ihm an das Bett.
Bis dahin war der Besuch schön.

Danach war er einfach nur noch total stressig und furchtbar für alle Beteiligten. Die Mittlere legte vorsichtig ihre Hand auf den Arm ihres trotz allem schlecht wiederzuerkennenden Papas und dieser hatte sofort Schmerzen. Er war so druckempfindlich, dass sich die Kinderhand wie eine heftig aufgeblasene Blutdruckmanschette angefühlt habe, sagte er später.
Wie auch immer. Die Kinder waren in der Krankenhausumgebung nicht glücklich. Wer ist das schon? Sie wuselten herum. Ich mahnte sie pausenlos zur Ruhe, dirigierte sie zu den Malstiften und trug die Jüngste herum. Dann begannen sie, sich heillos auf dem Boden herumzuwälzen. Eigentlich war das nicht ihre Art aber es war ja auch eine Ausnahmesituation.
Einige Wochen darauf wusste ich dann, dass sie im Krankenhaus immer die Neigung hatten, sich auf solche für sie untypische Arten zu verhalten…
Leider war es also überhaupt nicht schön, so wie man es sich immer ausgemalt hatte, um sich innerlich aufrecht zu halten, wenn es mal wieder besonders schwierig war.
Ich wunderte mich, dass sie so schnell das Interesse an ihrem Lieblingspatienten verloren. Nachher verstand ich die Situation schon. Während dessen gingen sie meinem Mann gehörig auf den Zeiger, so dass er immer wütender gestikulierte, weil er einfach zu krank für so ein Gewusel und Geplapper war. Schließlich schnappte ich sie und ging.

Neues Zimmer
Mein Mann wurde in ein anderes Zimmer verlegt und ich hatte diese Szene, die in schlechten Filmen für Dramatik sorgt: Das Bett war leer als ich ankam. Straff gezogene Laken, zugezogene Gardinen. Mann verschwunden. Ich machte mich auf die Suche und eine Schwester teilte mir dann mit, dass er nun zwei Zimmer weiter läge. Danke für die Info.
Mein Lieblingspatient lag wieder in einem Zweibettzimmer. Neben ihm ein junger Mann, der im Koma zu liegen schien. Sein ebenmäßiges, auffallend attraktives Gesicht lächelte engelsgleich zu welchen Träumen auch immer. An seine Bett saß an manchen Nachmittagen seine Freundin sowie auch seine Familie. Seine Freundin spielte vom Notebook Musik für ihn ab und sprach leise mit ihm. Die Familie wies irgendwann darauf hin, wie gut es meinem Mann bereits gehe und dass er selbst sicherlich auch irgendwann so toll durch Augenzwinkern buchstabieren können würde.
Ich wünschte es ihm ganz fest. Er lächelte ohne Unterbrechung und sah wirklich sehr zufrieden aus.

Mein Mann sah weniger zufrieden aus. Man hatte ihn am Morgen in das Bad geschoben und er hatte sich im Spiegel gesehen. Er musste wohl den „Cast-Away-ich-habe-Feuer-gemacht-Look“ erst einmal verarbeiten. Das volle Haar bildete einen wüsten Rahmen für ein ziemlich gelähmtes Gesicht. Und nicht zu vergessen: Der schief rasierte Bart. Ja, er sah wirklich schon viel, viel besser aus. Geduld war auch hier das Zauberwort wie an allen anderen Baustellen dieser Lebensphase.

Von der Schüchternheit zum Mut
Mein Mann wurde häufig durch den Tubus in seinem Hals abgesaugt. Und musste ewig darauf warten, dass eine Schwester kam, die dies erledigte. Währenddessen stieg der Schleim in der Lunge dann auf Unterseite Oberkante. Oder heißt das Oberseite Unterkante? Ich kann mir das einfach nicht merken…

Er bat um mehr zu trinken und man sagte ihm, das sei nicht möglich, weil ihm nach der Gabe zwei Litern Wasser durch die Magensonde quasi ab dem begonnenen dritten Liter das Wasser in die Lunge laufen würde. So sagte man es ihm wirklich. Und er? Konnte auf diese Frechheit nicht antworten.
Aber ich. Ich lief zur Höchstform auf. Eigentlich hatte ich immer einen gute Portion sozialphobischer Anwandlungen. Bis zu dieser Krankheit. Ich legte mich mit jedem an, wenn es nötig war. Von der Krankenschwester über den Physiotherapeuten bis zum Chefarzt. Ich habe vermutlich furchtbar genervt. Aber es hat sich immer wieder gelohnt.
Wie bei der Beatmungsmaschine, da war ich aber noch sehr nett gewesen.
Nach dem Unsinn mit dem Wasser in der Lunge habe ich dies sofort im Scherzton den Physiotherapeuten erzählt. Die in das Lachen einstimmten:“Ja genau, daher ertrinken auch so viele Leistungssportler, die fünf Liter am Tag trinken. Wenn 2 Liter im Magen sind, öffnet sich der unsichtbare Magen-Lungen-Kanal. Und schwupps ist man ertrunken. Noch während man auf dem Sofa sitzt.“
Die fanden das superlustig. Mein Mann fand es ein bisschen respektlos, so angelogen worden zu sein.
Es gab viele solche ärgerliche Kleinigkeiten. Zum Beispiel nicht dicht geschlossene Cuffs (kleiner Ballon im Hals, der während der Intubierung den eventuell laufenden Speichel zurückhält), wegen denen Lungenentzündungen entstehen. Die wiederum dazu führen, dass dieser blöde Tubus noch ein bisschen länger im Hals bleiben muss. Und die Sprachtherapie warten muss. Und die Logopädin befürchtete, sie habe das irgendwie verschuldet, weil sie zu früh irgendwelche Übungen mit ihm gemacht habe, die sie dann wieder unterlassen wollte. Also sprach ich auch mit ihr und überzeugte sie vom Gegenteil. Woraufhin sie sich im Teamgespräch beim Arzt über die entsprechende Nachtschwester beschwerte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, jeden gegen jeden auszuspielen. Der gute alte Niccolò war ganz bestimmt sehr stolz auf seine strebsame Schülerin. Ganz bestimmt.
Zu dieser Zeit nahm ich zu Hause den Kater einer unserer lieben Freundinnen auf. Dies war als Quarantäne gedacht, da im Wohnort unserer Freundin ein Virus umging, das diese ihrer Samtpfoten bisher verschont hatte. Da der Kater den etwas femininen Namen „Missy“ trug und ich die Erlaubnis unserer Freundin für eine Umbenennung hatte, taufte ich ihn in Ehren an meinen neuen Lehrmeister Macchiavelli.

Fortschritt Rollstuhl
Der erste Rollstuhl war ein gepolstertes Modell mit Kopfstütze. In diesem saß mein Mann halb liegend und konnte sich zum ersten Mal wieder umsehen.
Und genau das konnte er wieder: Gucken- seine Augen waren wieder offen.
Ein guter Tag war das und ich war total glücklich. Ebenso wie es mich beglückt hatte, ihm endlich wieder eigene T-Shirts bringen zu können.
„Bringen sie aber keine guten Shirts, die müssen eh dauernd gewaschen werden – da landet immer der Schleim vom Absaugen drauf,“ sagte die Schwester.
War mir egal. Ich brachte ihm schöne Shirts mit Druck und in kräftigen Farben. Für irgendwas hat man ja seine Waschmaschine.
Schleim vom Absaugen. Worüber man sich plötzlich Gedanken machen musste. Nach der Krankheit sagte mal jemand zu mir:“Es ist schon ungewöhnlich, so eine Lebenssituation wie die ihre. Da lernt man seinen Partner von physischen Seiten kennen, die einem eigentlich erst im Rentenalter begegnen. Pflege bringt Aspekte mit sich, die eine Beziehung nachhaltig verändern.“
Da war was dran.
Viele Bilder muss man äußerst aktiv wieder vergessen.
Nun aber war er im Rollstuhl und ich war froh, ihn mal wieder irgendwohin mitnehmen zu können.
Man muss immer nur kleine Schritte machen in so einer Lebenssituation und sich über genau diese freuen. Es heißt einfach nicht mehr „think big“ sondern eben „think small“ oder auch „tiny“…

Ich habe mir seit meiner Kindheit eine Filmszene eingeprägt, die mir immer wieder geholfen hat, wenn ich mal wieder ungeduldig war:
Sie stammt aus dem Film Momo und zeigt den Straßenkehrer wie er Momo erklärt, dass man morgens niemals die ganze zu fegende Straße betrachten und verzweifeln sollte. Sondern immer nur einen Abschnitt. Diesen fegt man dann in Ruhe. Dann den nächsten Abschnitt und am Abend ist die Straße fertig und der Tag voller kleiner Erfolgserlebnisse.
Er sagte dabei so eine Art Straßenfeger-Mantra:“Ein Atemzug – ein Schritt – ein Besenstrich“ Das habe ich nie wieder vergessen können und manchmal sage ich mir das heute noch vor in nervigen oder überfordernden Situationen.
Das Schöne daran, wenn man zu kleinen Schritten und Straßenfeger-Mantren gezwungen ist, ist die Lehre, die man daraus ziehen kann: Erfreue dich an den kleinen Dingen und nimm ausschließlich, was das Leben dir gibt.

Sprechen für Anfänger
Die Sache mit dem Tubus war klar: Wir hassten das Teil und es musste weg. Wie erwähnt standen aber immer wieder kleine und größere Hürden im Weg. Doch es wurde auf Station von einem Sprechaufsatz erzählt. Ein mysteriöses Ding unter dem wir uns nichts vorstellen konnten. Würde er wie Darth Vader klingen mit dem Teil? Wäre das dann ziemlich cool oder eher furchtbar?
Letztlich war dieser Aufsatz einfach eine Art durchlässiger Stöpsel, der dahin auf den Tubus kam, wo vorher der Beatmungsschlauch angedockt gewesen war. Dadurch atmete man dann und sprach.

Doch bis wir ihn zu sehen bekamen buchstabierten wir. Und diese Ära endete dann mit einem kleinen Gerät mit Tastatur und Display. Witzig war, das die Hülle mit den Blättern auf die ich immer die einzelnen Buchstaben notierte an einem Tag noch exakt neun Blätter enthielt. Und ich dachte: „Wenn diese Hülle leer ist, dann brauchen wir die Blätter nicht mehr.“
Und es kam tatsächlich so!

Dann wurde getippt.
Mein Mann hätte gern so einen Apparat wie Mister Hawking gehabt, aber der war vielleicht etwas zu teuer für eine Kassenleistung. Also tippte er.
Er tippte als erstes – ganz feierlich – ein Zitat aus „Der Herr der Ringe“ und ich kapierte den Witz dahinter nicht: „Wir haben vergessen wie Brot schmeckt“ leuchtete es grün vom Display und ich guckte wohl doof.
Mein Mann gestikulierte und zeigte. Ich kapierte nichts. Dabei hatte er mir nur sagen wollen, dass auch er vergessen hatte wie etwas schmeckt. Erfuhr ich aber erst ein Jahr später als ihm die Situation wieder einfiel und es war mir etwas peinlich. Vielleicht sind Aufmerksamkeit und Empathie in einer Art Fass gelagert und wenn man viel daraus verbraucht, dann ist das gute Zeug irgendwann weg…
Nach dem Tippen kam also irgendwann dieses ominöse Star-Wars-Sprach-Accessoire zum Einsatz. Ebenfalls war uns feierlich zumute als die Schwester das Ding aus der sterilen Verpackung holte.
Wir hörten zum ersten Mal wieder seine Stimme.
Klang schräg, diese Stimme direkt aus dem Hals und auch gar nicht wie Darth Vader – aber wir waren restlos glücklich.

Und wieder nicht so schön
Nicht ganz so schön war, wie viel Geduld man brauchte. Unglaublich viel. Und dieses Vorratsfass mit der Aufschrift „Geduld“ ist bei mir ohnehin fast nie randvoll…
Mein Mann steckte sich zwei Ziele:
Er wollte den Gang entlang laufen und er wollte Weihnachten zu Hause sein.
Beim ersten entmutigten ihn die Physiotherapeuten und beim zweiten die Psychologin. Die nette Dame schaffte es, dass mein Mann sich zugleich wie ein Gemüse und ein Querschnittsgelähmter fühlte. Sie fragte ihn ob er wisse, wo er sei und wie er hieße. Und spielte ein tolles Spiel mit ihm, bei dem er kleinen geometrischen Formen bestimmte Farben zuordnen musste.
„Das ist jetzt vielleicht ein bisschen einfach für sie,“ hatte sie diese Beschäftigung eingeläutet und dann wollte sie ihn wohl motivieren als sie sagte: „Sie wollen Weihnachten zu Hause sein, Herr Eldorado? Peilen sie mal lieber Ostern an.“
Sie hatte wirklich ein Talent darin, ihn sich wie Pinky und nicht wie Brain fühlen zu lassen.
Er tippte mir das Erlebnis als grüne Botschaft und ich flitzte zum freundlichen Personal. Dort sagte ich meinen inzwischen auswendig aufgesagten Text herunter:
„Es mag vielleicht schwer zu erkennen sein, aber mein Mann ist eigentlich ein großer, muskulöser und sportlicher Mann. Er hat einen beachtlichen IQ, ist ein großartiger Vater dreier Kinder und zudem beruflich sehr erfolgreich. Er ist sehr, sehr willensstark und alles in allem eine außergewöhnliche Persönlichkeit wie ich finde. Nun ist er gelähmt. Nicht mehr und nicht weniger. Er ist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.“

Zack! Damit hatten sie nicht gerechnet. Es änderte jedes Mal den Umgang mit ihm, wenn ich meinen Text aufsagte.
Der Willensstarke wollte mir nach einem Therapieerfolg unbedingt vorführen, wie toll er Stehen konnte. Diese Vorführung wurde wie ein Event geplant. Ich kam früher zur Besuchszeit, die Schwiegereltern passten auf die Kinder auf und ich wurde extra bei den Therapeuten angemeldet. Ich schob meinen Mann in den Therapie-Turn-Raum und die beiden Damen hievten ihn auf die Füße. Er stützte sich auf, stand zwischen einem Geh-Barren.
Zu diesem Zeitpunkt war er dazu verdonnert worden, Uhrglasverbände zu tragen. Kleine Plastikscheiben, die auf die Augen geklebt werden, wenn die Lider nicht richtig schließen. Damit die Augen nicht austrocknet und dauerhaften Schaden nehmen. Diese Gläser beschlagen immer, so dass er wieder nichts sah. Und wieder fand ich das gut-schlecht. Denn ich habe gar nicht stolz gestrahlt sondern mal wieder stumm geflennt.
Er zitterte und schwitzte Sturzbäche, bloß weil er stand. Ich ertappte mich kurz bei dem Gedanken, dass Weihnachten vielleicht ein wirklich hoch gegriffenes Ziel für eine Entlassung war.
Wie auch immer zerschlug ich den Gedanken und lobte meinen Mann lautstark.

Begegnungen
In der Zeit vor Weihnachten war die Heizung im Krankenhaus hoch eingestellt und die Zimmer sehr warm. Wir lagen im Bett und hörten Musik. Mein Mann bat mich irgendwann, das Fenster im Zimmer zu öffnen. Das Fenster war aber an der Seite des Bettnachbarn. Ich bin also zu ihm und fragte den – immer noch selig lächelnden – ob es ihm etwas ausmache, wenn ich das Fenster öffnen würde. Mir war klar, dass er nicht antworten konnte, aber fragen wollte ich dennoch.
Ich wusste inzwischen seinen Vornamen, hatte mit seiner Verlobten das ein oder andere Wort gewechselt und erfahren, dass er nach einem Motorradunfall so da lag. Und ebenso, dass er selber Arzt war.
Jedenfalls sah ich ihn an, während ich um sein Bett herum zum Fenster ging. Vermutlich klingt es geschmacklos, aber später hatte ich (vermutlich um den nun folgenden Schreck zu überspielen) einen Spitznamen von ihm aus der Welt der DC Comics: Harvey Two Face.
Die rechte Seite des Gesichts sah aus als habe ihm ein Riese einen Fausthieb verpasst. Es war so schlimm. Auch ihm fehlte ein Stück Schädel und auch bei ihm hing die Haut nach innen durch wo vermutlich vorher ein Teil seines Hirns gewesen war. Ich atmete tief durch und sagte zu meinem Mann, dass ich nun nicht mehr glauben würde, dass sein Mitpatient irgendwann wieder fit werden würde.
Rund zwei Wochen später traf ich auf dem Flur vor dem Zimmer die Verlobte und sie sah sehr unglücklich aus.
„Wie geht es ihrem Verlobten?“
Sie schüttelte den Kopf:

„Nicht gut. Leider gar nicht gut.“
„Das tut mir sehr leid.“
Wir sahen uns in die Augen. Ich sah ihre Tränen. Dann sagte sie:
„Wissen sie, was ich denke? Ich denke, es ist besser so, als wenn ihr Mann nicht mehr gesund würde. Sie haben drei Kinder, wir gar keine.“
Dann sah sie mir wieder in die Augen und nun weinten wir beide.
Wir haben uns noch gedrückt und dann ging sie.

Die Weihnachtsfeier stand an. Es hingen bereits Ankündigungszettel mit lustigen Weihnachtsmännern auf der Station. Die Kinder freuten sich, da sie nun offiziell dabei sein durften und auch weil die Schwestern etwas von Spekulatius und Schokolade andeuteten.

Meinem Mann machte die Aussicht auf das nahende Fest etwas Erfolgsdruck.
Doch er machte sich gut.
Die Therapeuten setzten ihm das Wochenziel von zwei Schritten und er machte Dreißig. Bald „spazierte“ er zum Ende des Ganges. Danach plumpste er aber in den Rollstuhl, so anstrengend war das. Inzwischen sprach man bereits von der Verlegung in die Reha.
Ich erfuhr, dass ich mir nicht aussuchen konnte, wohin er dann verlegt werden würde: „Irgendwas im Umkreis“ hieß es.
Doch die Aussicht auf einen weiteren Schritt nach vorne war klasse.
Die Weihnachtsfeier war nett. Man holte sogar die Komapatienten und ebenfalls bettlägerigen Schlaganfallpatienten hinzu. Mein Mann kommentierte die Feier mit: „Ja, da ist man Teil von etwas, von dem man nie Teil werden wollte.“
Die Kinder heimsten gefüllte Nikolausstrümpfe, Tonnen von Keksen und heißen Kakao ein.

Schritte vorwärts – Rennen wie Sisyphos
Als die Adventszeit da war konnte mein Mann mit Hilfe sitzen, mit Hilfe Stehen, ein bisschen Laufen, Sehen, Sprechen und – essen!
Der Tubus wurde entfernt, die Wunde geschlossen und er bekam einen großen Pudding. Und mein Mann fand das so eine Geschmacksexplosion, dass er sich fast schüttelte. Aber auch das war ein Highlight. Die Zeit der Höhen und Tiefen war nicht vorbei, aber sie hatte sich auf ein höheres Niveau begeben, so viel stand fest. Noch heute gucken wir diese Sorte Pudding in der Kühltheke immer schmunzelnd an. Unten Vanillepudding und obendrauf Schokosahne. Gefühlte 500 Gramm von beidem. Manchmal schlage ich vor, den Pudding zu kaufen und zusammen zu essen. Aber er lehnt das seit fast fünf Jahren jedes Mal ab.
Endlich wieder angenehme körperliche Gefühle. Er sagte mal, dass es Zeiten gab, in denen der Würgereiz beim Absaugen das einzige angenehme körperliche Empfinden in dieser Zeit gewesen sei. Da ist ein Pudding auf der Zunge ein blendend heller Paradies-Tag.
Ich konnte gar nicht glauben, dass ich bereits mit den Ärzten und Therapeuten darüber sprechen konnte, ihn an Heiligabend nach Hause zu holen. Nur für ein paar Stunden. Es klang himmlisch!

Und bald würde er in die Reha verlegt werden, wenn alles gut ging. Von dort aus dürfte er dann für einzelne Abende nach Hause.
Wenn alles gut ging
Ging es natürlich nicht: Mal wieder eine Lungenentzündung.
Die Aussicht, Weihnachten zu Hause verbringen zu können, wurde also noch ein weiteres Mal in Frage gestellt.

Weiter geht es in Teil 3.

80 über Nacht – Teil 4

Als nächstes war Laufen lernen angesagt. Sprechen hatte ich – mit allen möglichen und unmöglichen Verzögerungen – langsam wieder gelernt. Zumindest konnte ich mich in etwa so gut wie ein Besoffener artikulieren. Wie ein sehr Besoffener.

Das war wieder ein Thema für sich. Ich hatte mit den ersten begleiteten Steh- und Gehversuchen angefangen, als ich noch nicht sprechen konnte. Das bedeutete, dass ein Mal am Tag zwei Physiotherapeuten vorbeikamen, die mich ja nach Zeitplan und meinem aktuellen körperlichen Zustand im Bett aufrichteten oder hinstellten. Wenn es mir aus irgendeinem Grund nicht besonders ging und ich nur sitzen und nicht stehen durfte, war der Tag für mich gelaufen – die Physiotherapie war der einzige Teil des Tages, der (subjektiv) für mich einen Fortschritt bedeutete. Okay, die Ergotherapie auch – aber das Gefühl ans Bett gefesselt zu sein war deutlich enervierender als meine mangelnde Feinmotorik.

Natürlich lief es nicht immer gut, und auch die Therapeuten waren nicht immer der Meinung dass ich soweit gehen sollte wie ich es gerne wollte. Das führte mal wieder zu einer „Ich gegen das Krankenhaus“-Situation:

Eines Morgens (ich hatte mal wieder ein in meinen Augen nutzloses Wochenende ohne Therapie hinter mir) signalisierte ich den Therapeuten, dass ich gerne stehen wollte. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich so halb sprechen, will heißen mit Sprechaufsatz ging´s, aber den kriegte ich halt nicht immer. Also mal wieder per Gewurschtel kommunizieren.

„Sie wollen stehen, Herr Eldorado?“

Das wollte ich nicht, aber wenn ich nein gesagt hätte, hätten sie mich im Bett gelassen – also nickte ich. Wenig später, auf den Beinen, signalisierte ich Laufbewegungen.

„Sie wollen laufen? Das finde ich jetzt noch ein wenig früh … sie können ja gerade so stehen …“

Ich fluchte innerlich. Und nickte. Was soll ich sagen? An dem Tag war nix für mich zu holen.

Aber einen Tag später brachte er Verstärkung mit. Mit zwei Physiotherapeuten unter den Armen machte ich den ersten Schritt meines neuen Lebens. Wie immer war es ein kleiner, lächerlicher und frustrierender Schritt, der mir nur zu bewusst mache wie es um mich stand. Ein großer Schritt für einen kranken Körper, sozusagen, aber ein kleiner Schritt für mich, der ich noch immer eigentlich gesund in diesem kranken Körper steckte.

Am ersten Tag machte ich einen Schritt. Zwei Tage später wollte ich mehr. Die Therapeutin, die gerade bei mir war, blickte skeptisch.

„Sie können sich ja fünf Schritte als Ziel für diese Woche setzen, Herr Eldorado.“

Ich wollte (mal wieder) ausrasten. Fünf Schritte? Die tickte ja wohl nicht richtig. Wie so häufig – das kann ich heute mit einem gewissen Stolz sagen – setzte sich meine Sturheit durch. Am Ende der ersten Woche machte ich 60 Schritte.

Aber ich musste auch lernen, das meine Sturheit zwar einiges mehr bewegen konnte als die Ärzte und Pfleger erwarteten – aber leider viel weniger als ich erwartete. Stolz wie Oscar organisierte ich nach den ersten Erfolgen, dass meine Frau beim Lauftraining dabei sein konnte. Die Therapeuten brachten mich in den Physioraum, halfen mir zwischen zwei Stangen auf die Beine – und ich schleppte mich schwitzend und keuchend  fünf Schritte quasi allein vorwärts. Das war wohl ein bißchen wie beim ersten Auftritt von Monika Lierhaus: Obwohl es toll war, wie viel sie wieder gelernt hatte, waren die meisten schockiert davon.

Viele Monate später erzählte mir meine Frau, dass sie währenddessen geweint hatte – aber nicht vor Freude.

„Ich habe Dich immer als jemanden gekannt, der eine Couch alleine trägt oder einen Baum ausreißt. Du warst einer der stärksten Männer, die ich kannte. Und jetzt musstest Du Dich so voranschleppen. Ich weiß ja dass das für diese Situation toll war – aber trotzdem …“

Okay, halten wir fest: Laufen war erstmal Mist und würde auch noch lange ein Thema sein. Aber einige Dinge wurden zu dieser Zeit substanziell besser: Ich konnte den iPod selbst bedienen, meine Kopfhörer mit einiger Mühe selbst wieder in die Ohren tun. Und ich konnte mit dem Nintendo DS spielen, den meine Frau mir geschenkt hatte. Das war eine geradezu absurd vielfältige Auswahl an Handlungsmöglichkeiten für mich.

Dazu muss man sagen, dass totale Handlungsunfähigkeit interessante Effekte auf die menschliche Psyche hat. Ich habe einmal gelesen, dass man sich daran gewöhnt, das Bedürfnisse einfach nicht erfüllt werden, so dass dieses nach und nach verschwinden. Das kann ich sogar bestätigen – ich habe in den ersten Wochen gelernt sehr, sehr viel einfach auszuhalten. Das ging soweit das mein einziges positives Körpererlebnis der Brechreiz war, den ich manchmal beim Absaugen verspürt hatte.

In dieser Zeit machte ich auch gute Erfahrungen mit dem Pflegepersonal – zum Beispiel mit Schwester Candy. Schwester Candy hatte sich mir mit dem denkwürdigen Satz „Hallo, ich bin Schwester Candy!“ vorgestellt. Es fiel mir unglaublich schwer, nicht „Natürlich bist Du das.“ zu antworten. Sie war richtig gut drauf, sehr nett und ich hatte das Gefühl dass sie sich über meine Besserung freute. Anstatt mich zu wenden wie ein Brathähnchen kam sie in mein Zimmer, sah mich Nintendo DS spielen, und fragte mich: „Auf welcher Seite liegen Sie denn gerade, Herr Epler?“

Zur Erklärung: Neurologische Patienten werden so ungefähr alle zwei Stunden gedreht, um wundliegen zu verhindern und den Körper anzuregen. Logischerweise konnte ich meine neuen Freiheiten aber nur in der Rückenlage auskosten, die theoretisch nur alle vier Stunden erlaubt war. Da ich durch meinen neuen Bewegungsdrang aber kaum in Gefahr war mich wundzuliegen, war ich Candy für dieses Entgegenkommen sehr dankbar.

Mein großes Ziel (Weihnachten zuhause sein) stand aber trotz allem noch in der Schwebe. Ich befand mich immer noch in der Frühreha – zwischen mir und der Freiheit lag auf jeden Fall noch die „normale“ Reha, und noch war nicht klar, wann ich dorthin kommen würde. Und wo dieses dorthin überhaupt wäre.

To be continued …

80 über Nacht – Teil 3

Nach einigen Wochen in der Frühreha ging es  langsam bergauf mit mir. Wenn ich sage langsam, dann meine ich Langsam. Mit großem L.

Mehrmals am Tag kamen diverse Therapeuten zu mir und übten mit mir die einfachsten Dinge des Alltags – kleine Holzstücke in kleine Holzlöcher stecken und wieder herausziehen, fünf Minuten Sitzen, meine obersten Fingerglieder oder meine Gesichtsmuskeln einige Millimeter bewegen. Das ging alles für meinen Geschmack viel zu schlecht, und vor allem ging es viel zu langsam voran. Wir hatten mittlerweile November, und mein Ziel stand fest: Ich wollte Weihnachten nach Hause. Aber zwischen mir und meinem Ziel standen vor allem zwei Dinge: die Tatsache dass ich nicht schlucken und nicht sitzen konnte. Nicht schlucken bedeutete Erstickungsgefahr ohne Tubus, nicht Sitzen bedeutete ich konnte mich nicht mal im Rollstuhl herumschieben lassen.

Regelmäßig wurde ich mittlerweile von Träumen geplagt, in denen mein Unterbewusstsein meinen Zustand vergessen hatte, und in denen ich mich ganz normal bewegen und laufen konnte. Es war immer sehr deprimierend, nach einer solchen Nacht aufzuwachen. Zumal die Fortschritte, die ich in dieser Zeit machte, sehr klein und keineswegs kontinuierlich waren.

Da ich nicht nur das Guillain-Barré-Syndrom, sondern auch noch das Miller-Fisher-Syndrom hatte, war mein Gesicht schwer mitbetroffen und ebenfalls gelähmt. Dies führte unter anderem dazu, dass ich eben nicht zuverlässig schlucken konnte – weshalb ich intubiert bleiben musste. Was wiederum dazu führte, dass ich nicht sprechen konnte. Meine Frau wurde in dieser Zeit immer wieder gewarnt, dass manche Männer (irgendwie ist das eine vorwiegend männliche Krankheit, warum auch immer) ihre Frauen ziemlich wüst beschimpfen, wenn sie erst einmal wieder reden können. Ja, dass man sich nicht verständigen konnte führte schon zu Wut – aber dass man seine Wut eh überhaupt nicht ausleben kann führt auch dazu, dass sie wieder verfliegt. Abgesehen davon hatte ich sowieso alles andere im Sinn als meine Frau zu beschimpfen – der fast immer tägliche Besuch von ihr war das Highlight meines Tages.

Beschimpfen wollte ich viel eher den Teil des Krankenhauspersonals, der mich behandelte wie einen Vollidioten. Zum Beispiel Doktor Guck und Doktor Blind.

Wochenlang hatte ich überhaupt nichts sehen können, weil ich meine Augen nicht öffnen konnte. Als ich meine Glubscher dann endlich halbwegs unter Kontrolle hatte und zum ersten Mal meine Frau mit offenen Augen empfangen konnte, begannen Doktor Guck und Doktor Blind einen Streit darüber, ob ich Augengläser tragen müsste. Augengläser (oder besser: „Uhrglasverbände“, wie sie eigentlich genannt wurden) ist ein euphemistischer Ausdruck für eine Augenbinde. Die Dinger verschließen die Sicht komplett, was ja medizinisch seinen Sinn hat (die Augen trocknen sonst aus). Aber nachdem ich zwei Wochen lang unter Doktor Gucks Obhut gar keine tragen musste, weil meine Augen geschlossen waren, kriegte ich die Dinger prompt wieder verpasst, sobald Doktor Blind spitzgekriegt hatte, dass ich meine Augen öffnen konnte. Die Gefahr war wohl, dass die Lider sich nicht richtig schlossen. Kann ich ja verstehen. Trotzdem war mein Verständnis begrenzt, als ich gerade zum ersten Mal meine Frau angeschaut hatte und dann prompt Doktor Blind beschloss, dass jeglicher Luftkontakt meine Netzhäute verbrennen würde. Doktor Guck hingegen hatte die Dinger schon seit Wochen vollständig abgelassen, weshalb es mir nicht so dramatisch vorkam, dies auch weiter so zu handhaben, nun, wo ich meine Augen besser kontrollieren konnte.  Es endete damit, dass ich auf einer augenärztlichen Untersuchung bestand, die genau Null Schäden feststellte, und plötzlich durfte ich die Dinger nicht nur mal für eine Stunde ablassen, sondern musste sie nie mehr tragen. Es ist aber auch eine Last mit diesen Patienten.

Meine neue Fähigkeit blieb nicht ohne Folgen. Kaum dass ich gucken konnte, setzte mich meine Psychologin vor ein Computerspiel. Ich dachte so: Wow – Computerspiel! Nachdem ich wochenlang nur meine Augenlider von innen gesehen hatte wäre mir Pacman wie Virtual Reality vorgekommen! Leider war das ein Spiel für Schimpansen: Man musste Formen und Farben auf einem Bildschirm erkennen und korrekt zuordnen. Sie hatte mich zwar gewarnt, dass dies „ein wenig einfach“ für mich sein könnte, aber sie hatte sich offensichtlich nicht genug mit mir und meinem Fall beschäftigt um zu verstehen dass ich a) nicht völlig auf den Kopf gefallen war und b) meine Krankheit meine geistigen Fähigkeiten überhaupt nicht einschränkte.

Nachdem sie mich mit entmutigenden Einschätzungen und unterfordernden Aufgaben einige Wochen lang fertig gemacht hatte, blies meine Frau weitere Schimpansenspiel-Termine mit ihr ab. Wir waren uns einig, dass Sich-deprimiert-und-verarscht-fühlen nicht mein Therapieziel war. Dies war aber nicht das letzte Mal, dass ich dieser Dame als psychologischem Endgegner gegenüberstehen sollte.

Bis dahin hatte ich allerdings noch einen Zwischenboss vor mir: Schwester Rabiata 2.0. Oder 3.0. Ich bin mir bei der Versionierung nicht völlig sicher.

Schwester Rabiata suchte mich alle zwei Wochen in der Nachtschicht heim und hatte es, wie erwähnt, auf die Integrität meiner Lunge abgesehen. Wenn SIE nachts an der Reihe war, wusste ich dass ich keinen Schlaf finden würde. Nächte mit IHR waren ein Albtraum aus beißenden Schläuchen, Atemnot, Geröchel und schließlich ihrem Gemecker, wenn sie nach drei Stunden einmal gucken kam, was der dämliche Herr Eldorado jetzt schon wieder wollte. (Die Antwort: LUFT!)

Schwester Rabiata schaffte es auch, mir meinen ersten Testlauf zur Tubusentfernung zu ruinieren. Ich hatte meine Logopädin (übrigens ein exzellentes Beispiel für eine freundliche, engagierte Therpeutin) tagelang bekniet, dass ich einen Sprechaufsatz probieren wollte – einen Spezialaufsatz für den Tubus, der die Luftröhre nicht abriegelte, sondern mir erlaubte durch den Mund zu atmen – so dass man (halbwegs) sprechen konnte. Das war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich.

Leider war in dieser Nacht Schwester Rabiata an der Reihe. Meine Lunge war dauergereizt, ich röchelte wie der Marlboro-Mann, und irgendwie war der Aufsatz auch nicht korrekt verschlossen (mehr Details möchte ich nicht liefern, es war jedenfalls ätzend). Am nächsten Tag hatte ich Fieber und eine Lungenentzündung, und die Logopädin glaubte natürlich dass dies an dem von mir erbettelten Testlauf gelegen hatte. Stattdessen, da bin ich sicher, hatte die besondere Fürsorge von Schwester Rabiata mir diesen Rückschlag eingebracht.

Ich brauchte eine halbe Stunde um meiner Frau buchstabierend mitzuteilen, dass ich glaubte, dass gar nicht der Sprechaufsatz an der Pneumonie Schuld war, und sie musste dies der Logopädin mitteilen, und so weiter. Trotz allem warf mich das einige Tage zurück, und das waren LANGE Tage.

Schwester Rabiata hatte aber nicht nur keinen Respekt vor meiner Lunge, sie hatte auch von der Psychologin gehört, dass meine geistigen Fähigkeiten auf die eines Schimpansen geschrumpft waren. Als ich nämlich im Rahmen dieser Lungenentzündung nachts um zusätzliches Wasser bat (per Hand- und Klopfzeichen, versteht sich), meinte sie:

„Sie haben heute schon zwei Liter Wasser bekommen, Herr Eldorado, wenn ich ihnen jetzt noch etwas anhänge läuft das in ihre Lunge und sie ersticken!

Ich bekam das Wasser über einen Schlauch in meinen Magen, wohlgemerkt. Es änderte aber nichts: Ich musste mir ins Gesicht lügen lassen und Durst haben.

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