Das Kleinkind-Stress-Syndrom

Ich bin ja gerade dabei, endlich mal darauf zu achten, was ich eigentlich empfinde und brauche. Klingt schräg – denn ich bin ja schließlich schon etwas länger kein Kind mehr. Aber als ich eines war, wurde meine Gefühle so von außen diktiert und kommentiert, dass ich ihnen irgendwann gar nicht mehr traute. Zugleich drehte sich wenig darum, was ich brauchte oder empfand. Nun muss ich Teile des emotionalen Lernprozesses nachholen. Ich muss nicht – ich will.

Über zwölf Jahre mit Kindern halfen natürlich nicht gerade dabei, zu lernen, wie ich auf meine Bedürfnisse und Gefühle achten kann … ich erkläre mal kurz, wie es zum Status Quo kam und schlage dann den Bogen um Kleinkind-Stress-Syndrom.

Kurze Beispiele zur Erklärung

Kleines Beispiel: War ich zum Beispiel krank, dann bekam ich latente Vorwürfe. Irgendwie galt es als schwach und zugleich auch für Muttern anstrengend, krank zu sein. Sie musste sich Sorgen machen und zugleich noch Tee kochen. Das überforderte sie aus irgendwelchen Gründen. Ich fühlte mich immer ein bisschen als Verräterin am System, wenn ich hustete. Heute schäme ich mich immer noch, wenn ich krank bin. Örnks.

Einmal, da war ich schon 14, war meine Mutter unglaublich fürsorglich als ich heftig erkältet war. Sie kaufte sogar Kekse und sah immer mal wieder nach mir. Ich weiß noch, was ich da empfand: Verwunderung und Misstrauen

Großes Beispiel: Ich wohnte an einem Unfallhäufungspunkt (ja, nun kommt eine leider wirklich dramatische Geschichte):

Gerne wäre ich da als Kind weggezogen, denn an der Bundesstraße zu wohnen bedeutete mehr als nur immer mal wieder Unfälle mitzubekommen: In unserem beschaulichen Dorf war es die einzige große (und oft zu schnell) befahrene Straße und Mütter hatten Angst, ihre Kinder zu uns zu lassen. Manchmal brachten sie meine Freunde dann direkt zur Haustür oder sie hatten dazu keine Lust und niemand kam. Das war doof.

Doofer noch, dass ich natürlich Unfälle sah.

Ich sah mal ein junges Mädchen mit dem Mofa von unserem Mietshaus losfahren und wie es dann seitlich gegen ein Auto fuhr. Es landete erst auf der Motorhaube und flog dann nach links Richtung Gehweg.

Das Mädchen starb.

Ein Quietsch, ein Rumms, ein unguter Knall. Da lag sie in einer Blutlache auf dem Gehweg, der Fahrer schrie und sah sich verzweifelt nach Hilfe um (Danke, eidetisches Gedächtnis. Danke an dieser Stelle, dass ich jeden Mist meines Lebens wie einen Film abrufen kann … )

Der Vater des Mädchens kam natürlich auch noch zufällig vorbeispaziert und kniete dann verzweifelt neben der Tochter. Er rief ihren Namen und eine Menge herzzerreißende Dinge, die ich hier aus Rücksicht nicht auch noch mitteilen will.

Ich stand also mit offenem Mund am Fenster. Meine Mutter kam dazu und fragte mich, wie das passiert sei. Ich erklärte, das Mädchen habe jemandem gewunken, der wohl in der Wohnung über uns wohnte und sei dann losgefahren, ohne noch einmal nach vorne auf die Straße zu gucken. Ich sagte, sie habe vielleicht versehentlich auf das Gas getreten und deshalb einfach losgefahren. Meine Mutter fuhr mich an:

„Bei einem Mofa gibt es kein Gaspedal! Da gibt man mit dem Griff Gas!“

Und damit ließ sie mich stehen. Mehr wurde darüber nicht gesprochen.

Ich schämte mich. Weil ich geguckt hatte. Ich hatte schon vor dem Unfall aus dem Fenster gesehen, nicht erst wegen des Knalls. Aber so sah ich das nicht. Ich schämte mich auch, weil ich so dumm gewesen war, nicht zu verstehen, wie man bei einem Mofa Gas gibt. Okay, ich war Grundschülerin, da weiß man das vielleicht nicht. Aber ich war in meinem Urteil über mich nie besonders gnädig. Hatte ich so nicht gelernt.

Ich bin später auf den Friedhof geschlichen, um das Grab zu suchen. Ich brauchte das für mich. Das fand meine Mutter damals ganz einfach krank. Ja, ja, sie war überfordert von der Situation. Ich weiß das alles. Aber wenn die Erwachsenen nun mal dauernd überfordert sind, dann bleibt alles an den Kindern hängen … das war doof.

Ich erinnere mich gerade, dass mein Bruder an der Unfallstelle vorbei latschte und seine gelben Gummistiefel blutverschmiert vor der Haustür abstellte, woraufhin meine Mutter einen halben Nervenszusammenbruch bekam, während er sie schulterzuckend ansah. Er hatte da irgendwie keinen Ausdruck im Moment, war vielleicht überfordert. Er ist Autist. Meine Mutter wusste das damals noch nicht. Daher war sie zusätzlich entgeistert über ihren vermeintlich gefühlskalten Sohn und drehte ziemlich durch.

Ich spüre immer noch eine kleine Druckwelle kurz bevor ein Unfall passiert. Bevor man den Knall hört. Zum Glück habe ich das seit vielen Jahren nicht erlebt. Die Jahre an der B56 haben mich geprägt ^^

Gesund geht anders

Natürlich wäre so eine Situation heutzutage bei mir (und den meisten anderen Müttern) hier so:

Kind sieht Unfall, ich kümmere mich um Kind. Rede mit ihm, fühle mit ihm. Überlege, ob es irgendeine professionelle Unterstützung braucht. Höre mich um, lese nach, bespreche mit anderen Menschen deren Gedanken zum Thema. Damit mein Kind diese traumatische Erfahrung gut verarbeiten kann. Okay, ich würde nicht mit Kindern an einem Unfallhäufungspunkt wohnen. Aber das ist ja nur Kosmetik.

Ich weiß natürlich, dass meine Mutter sich eigentlich selbst geschämt hat, weil sie eben mit ihren Kindern (aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen) dort wohnte und weil ich eben nun etwas Schlimmes gesehen hatte. Nur die Reaktion war halt für mich als Kind recht ungünstig. Ich wusste ja nicht, warum sie so reagierte.

Es gab viele solche Erlebnisse, in denen ich mir meiner eigenen Gefühle nicht sicher war oder in denen ich lernte, dass meine Gefühl anscheinend falsch oder unangebracht waren.

Ebenso im ganz normalen Alltag: Ich stellte meine Bedürfnisse zurück. Klar, als ich klein war hab ich auf Autofahrten genervt und mich vor lauter Langeweile mit meinem Bruder gestritten. Große Brüder können recht penetrant sein. Und kleine Schwestern eben auch. Ich habe sicher gesagt, dass ich Durst habe, wenn ich welchen hatte. Und dann bekam ich etwas zu trinken, klar. So weit waren die Bedürfnisse erfüllt. Ich hungerte nicht und war stets sauber in heilen Klamotten.

Heute begreife ich erst, was das mit mir gemacht hat. Ich muss das alles nachholen und reifen lassen. Ich fühle mich ein bisschen „gefühlsbehindert“, so nenne ich das. Nur, dass man meine Behinderung eben nicht sieht und ich sie sehr gut verstecken kann.

In den letzten Monaten sehe ich mir diese ganze Gefühls- und Bedürfniskiste genauer an. Weil es längst überfällig ist und weil ich inzwischen schon mit körperlichen Beschwerden reagiere, wenn ich gewohnheitsmäßig übersehe, was ich fühle oder brauche. Es sind so die Klassiker der Psychosomatik wie Rückenschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Erschöpfungsgefühle, Müdigkeit etc.

Zum Kleinkind-Stress-Syndrom

Das Wort stammt von meiner Freundin Cathérine und ich finde es sehr passend.

Es geht darum, dass ich in den letzten Gefühlsfindungs-Wochen bemerkte, dass ich nie richtig „runterkomme“. Ja, ich lernte inzwischen, dass es typisch für einstige Trauma-Patienten ist, immer auf der Hut zu sein. Dauerangespannt sozusagen. Doch es gibt auch darin Stufen. Jedenfalls bemerkte ich, dass ich mich ständig unter Strom fühlte. Mal mehr und mal weniger. Aber wenn es mal um mich still ist, dann mindestens spüre ich das sehr genau.

Eher im Nebensatz erwähnte ich das dann gegenüber der Mutter von Nummer 3s Freundin in so einem „Hausflur-Gespräch“ beim Kind-Hinbringen. Und ich war unsicher dabei, tastete mich im Gespräch vor, weil ich nicht wusste, ob das vielleicht sehr schräg war. Und was sagt die andere Mutter zu mir?

„Ja, das kenne ich! Und ich dachte, das geht nur mir so. Ich hab das immer, wenn ich ein Kleinkind oder Kindergartenkind habe. In den Phasen ist das so krass. Ich komme im Moment immer noch nicht abends runter, obwohl die Jüngste der Dreien schon bald in die Schule kommt.“

Oh-ha.

Daraufhin erwähnte ich das Cathérine gegenüber im Smartphone-Chat. Sie:

„Das kenne ich! Ich hab das auch, dieses Kleinkind-Stress-Syndrom!“

Ich glaube, sie schrieb, diese „Kleinkind-Stress-Symptome“, aber als Syndrom klingt es fast noch etwas griffiger, finde ich.

Diese Situation bestätigte mir, was ich seit einer Weile ahne: Vieles von dem, was ich empfinde ist vielleicht normal und ich halte es für schräg, weil ich es eben bin, die es empfindet. Nach außen bin ich ziemlich hochfunktional, wie das bei „Beeinträchtigten Menschen“ genannt wird. Ich kriege alles gebacken, das im Alltag wichtig ist. Leider auch mit einer Portion Perfektionismus, der niemals gesund ist. Es kostet sehr viel Energie. Und das ist sehr aufoktroyiert. Daher möchte ich jetzt lieber ganz ich selbst sein und meinen Gefühlen folgen.

Haha, das klingt ziemlich disney-mäßig, ne?

Kleinkind-Stress-Symptome

Ich bin angespannt, kann nicht wirklich mal loslassen, schlafe schlecht (auch wenn Nummer 4 inzwischen überwiegend gut schläft) und fühle mich nie erholt. Ich eiere morgens aus den Federn und kippe da abends wie ein Stein wieder rein. Ich war echt schon entspannter im Leben, wirklich. Ich fühle mich dauernd latent gehetzt, alles ist schließlich von außen getaktet. Ich habe mich von den zermürbend anstrengenden ersten Monaten mit diesem High-Need-Boy („Leg mich niemals ab! Nein, auch nicht wenn du pieselst! Stille mich jede Stunde! Trage mich stundenlang im Tuch! Nachts musst du nicht schlafen! Gib mir! Gib mir! Ich langweile mich! Ich bin unzufrieden! Ich schlafe niemals im Liegen ein! Gib mir mehr von dir! Mehr! Meeeeehr!“) nicht erholt und immer noch muss ich dauerpowern. Und hab das schon drei Mal hinter mir. Daher vermutlich diese Daueranspannung. Aber ich bin damit anscheinend nicht alleine.

Hat hier vielleicht noch jemand das Kleinkind-Stress-Syndrom?

Fände es ganz spannend zu lesen, ob es anderen Müttern genau so oder ähnlich oder eben ganz und gar nicht so ergeht. Bei letzteren werde ich dann versuchen, mir etwas abzugucken 😀 …

Umfrage: Selbstgestrickter Stress macht Eltern fertig

In der Welt gibt einen Artikel über gestresste Eltern, dessen Inhalte mir nicht neu waren:

Eltern haben überzogene perfektionistische Ansprüche an sich in ihren verschiedenen Rollen. Sie wollen perfekte Eltern, Frauen, Männer und Partner sein. Und natürlich perfekt im Job glänzen.

Es gehe um Entscheidungen vom bestmöglichen Kinderwagen bis zur Frage, ob das Kind in der KiTa Chinesisch lernen soll. Letzteres und eigentlich auch Ersteres kommt mir ein bisschen wie Realsatire vor. Aber gut – das mag daran liegen, dass wir Mehrfach-mehrfach-Eltern etwas abstumpfen mit der Zeit 😀 Wir kaufen halt den Wagen, der uns gefällt und unsere Ansprüchen entgegenkommt. Bei Kind Nummer 1 hatten wir noch einen ohne schwenkbare Räder …

Ein Satz fiel mir besonders auf – daneben, dass die Hälfte der Eltern es anscheinend als ihre Aufgabe empfindet für den Kontakt zu gleichaltrigen Kindern zu sorgen: „Sohn oder Tochter sollten das Gefühl haben, das Wichtigste auf der Welt zu sein.“

Wow. Das Wichtigste auf der Welt. Ich habe dann vier Mal das Wichtigste hier.

Ich mag es, wenn Kinder sich als unglaublich wertvolle Bestanteile einer Gemeinschaft empfinden, die es ohne sie gar nicht gäbe – der Familie. Hier sollten sie geliebte und respektierte Mitglieder sein, aber nicht der Mittelpunkt. Die Verschiebung des Kindes von einer Art naturgegebenem Anhängsel (meine Kindheit) zum Dreh- und Angelpunkt der (elterlichen) Welt halte ich für nicht gut.

Wir haben hier in manchen Artikeln Ähnliches festgehalten: Kinder sind für viele Eltern zu einem Projekt geworden. Allein der Aufwand für einen Kindergeburtstag lässt darauf schließen: Es werden kleine Kunstwerke als Einladungen erstellt, es werden Hunderte Euro investiert und neben dem Tag der Vorbereitungen und dem Nachmittag der Bastelarbeiten dann noch der Tag selber. Den man irgendwo in Versailles zu verbringen pflegt. Eigens mit rosa Helikoptern eingeflogen tanzen die Kinder in frisch genähten Kostümen zur für diesen Anlass komponierten Ballmusik. Fotografen kommen, Livrierte stehen bereit und am Ende bekommen die kleinen Prinzen und Prinzessinnen ein Körbchen voller kleiner Präsente, die dem Wert des mitgebrachten Geschenkes gefährlich nahe kommen. Letzteres angelte man aus einem Korb, in den das Geburtstagskind es zuvor hineinlegte und trug es zur Kasse, um es ganz persönlich von einer Fremden verpacken zu lassen. Und das, während es immer heißt „Sie haben schon viel zu viel Zeug – es belastet sie schon.“

Warum ist das so? Haben Eltern das Gefühl, den Kindern könnte etwas entgehen? Sollen sie die zauberhafteste Kindheit der Welt erleben? Ist es eine Wiedergutmachung für das ewige schlechte Gewissen? Hat sich das so hochgeschraubt, weil die Eltern immer schönere und bessere Geburtstage veranstalteten und dies die eigenen Erwartungen steigerte?

Warum auch immer: Es geschieht natürlich überwiegend aus Liebe und ist nichts Schlechtes. Aber die einmal von mir in einem Artikel über die Kindheit in den 80er Jahren erwähnte Mandarinen-Sahne-Torte hatte meine Mutter damals auch mit Liebe gebacken. (Ich habe die Torte übrigens nun auf einem alten Foto wiederentdeckt: Es war mein fünfter Geburtstag – ich weiß noch heute wie toll süß-sauer die Mandarinen schmeckten …)

Wie viel Aufmerksamkeit ist möglich, nötig und gut? Es darf zumindest nicht so weit gehen, dass immer mehr Mütter Burn-Out-Symptome haben. Dann läuft doch etwas schief, oder nicht?

Ich will nun nicht das polemische Fass „Hatten wir alles auch nicht und hat uns nicht geschadet“ öffnen. Ich ziehe meine Kindheit lediglich als Vergleich heran. Meine individuelle Kindheit kann ich ohnehin nicht als Beispiel für alle nehmen, dafür war sie zu speziell. Aber ich erinnere mich ja an den Stellenwert der Kinder damals. Wir wurden geliebt und beachtet und bekamen, was wir brauchten. Es gab Geschenke an den Feiertagen und wenn man etwas gespart oder von der Tante zugesteckt bekam, dann kaufte man sich auch mal was Größeres zwischendurch. Meine Hausaufgaben erledigte ich bis auf Ausnahmen alleine, ich konnte mich mit zwei Jahren alleine an und ausziehen. Und das war nichts Besonderes. Es war selbstverständlich, dass ich meine Schultasche nicht mitten in den Flur werfe und mein Meerschweinchen selber fütterte. Ausgezogene Kleidung kam in den Wäschekorb, mein Zimmer räumte ich selber auf. Ich fuhr mit dem Fahrrad und dem Bus zu meinen Freunden. Ich sehe nicht, was daran falsch oder schlecht war. Ich war stolz, ganz alleine klarzukommen, als ich auszog. Da konnte ich streichen und tapezieren und vieles mehr. Fand ich klasse! Und werde ich meinen Kindern auch gerne alles vermitteln.

Aber:

Trotz des Wissens, dass manche Dinge heute eigentlich nicht ganz optimal verlaufen, traue ich mich nicht immer, es anders zu machen.

Ich muss eh schon öfter mal mit mir ringen, weil unsere Kinder sich eine Menge Aufmerksamkeit teilen müssen. Ich sage mir dann immer tapfer, dass eine größere Geschwisterzahl als 0 und 1 nichts Unnatürliches ist. Sondern sehr artgerecht. Und es macht selbstständig und so. Aber das hilft nicht immer. Umgeben von Eltern, die ihre Kinder nachmittags ohne Murren herumkutschieren, ihre Schultaschen bis zur Schultür tragen, ihnen die Jacken ausziehen bis sie Zwölf sind und ihre Zimmer aufräumen, habe ich es schwer mit meinen eigenen rebellischen Ansprüchen. Ich möchte Bügeln, Nummer 1 und 2 müssen auf Nummer 4 aufpassen – manchmal bemitleide ich sie dann. Verrückt, oder? Dabei hatten sie davor und haben danach massig Freizeit. Und machen es gerne.

Vielleicht liegt da eines der Probleme. Manches würde man vielleicht gerne anders machen, herunterschrauben und ganz bleiben lassen – aber wie stünde man dann da? Man hätte vermutlich mal wieder das typische schlechte Gewissen.

Elternsein war definitiv immer anstrengend – aber nie so komplex und vielschichtig wie heute, da bin ich mir sicher.

Survive the Erbsen-und-Möhren-Dose!

Meine Freundin erzählte mir vor einigen Monaten, warum sie mit ihrer Schwester für ein Wochenende nach Berlin gereist war:

„Es war ein Punkt in meinem Leben, an dem ich entschied, dass etwas passieren muss. Ich war seit langen Jahren darauf konzentriert, Mutter zu sein und meinen Bürojob nebenher zu machen. Es war ein Mittag vor einigen Monaten und ich wollte Nudelsalat machen. Ich saß da in der Küche, den Dosenöffner in der Hand und die Augen auf die Dose mit Erbsen und Möhren gerichtet. Und ich dachte Oh mein Gott, ich habe so überhaupt keine Lust und keine Kraft und keinen Willen, die beschissene Dose jetzt aufzumachen. Ich will einfach nicht, ich kann nicht.“

Ich weiß noch, wie ich sie ansah. Und dann sagte sie:

„Ja. Und das war dann der Moment, als ich mir einen Arzttermin gemacht habe. Und wenig später – dazu brauchte ich keine Diagnose – habe ich beschlossen, mit Nina regelmäßig mal abzuhauen.“

Ich hatte diese Sätze im Ohr, als ich die Paris-Reise plante und ich hatte sie auch in Paris im Kopf, als ich ein Glas Rotwein bestellte und besonders, als ich ein gutes Essen genoss.

Das kann einem nur als Eltern passieren. Es fehlt die Kraft, die Bonduelle-Dose zu enthaupten. Erst da horcht man in sich hinein und merkt „Hey, ich spüre mich seit Jahren immer weniger.“

Und wie kann das so kommen? Vielleicht, weil man weder beim Telefonieren noch auf der Toilette seine Ruhe hat? Ich habe mich vor vielen Jahren – als Nummer 1 und 2 klein waren – auf dem Klo eingeschlossen, um ein Telefonat Zu Ende führen zu können. Während sie gegen die Tür hämmerten und traten. Und das taten sie auch, wenn ich kein Telefon mit ins Klo nahm …

Ich habe das Telefonieren mit der zeit aufgegeben und ich hasse es inzwischen. Und es ist auch nur ein Beispiel von vielen.

Ich musste über das Thema „Die Toilette und ich – ein gestörtes Verhältnis“ schon oft bitter lachen. Bis ich in der Krabbelgruppe ein Plakat sah, bei dem ich lieber ausgeflippt wäre. Es lautete:„Auch Du bist ein Mensch. Auch Du hast das Recht zur Toilette zu gehen. Denk‘ an Dich!“ Ich konnte es nicht fassen. Stelle man sich das mal an der Wand in einem Büro vor. In der Chefetage am liebsten. Oder sonst wo. Es kann wirklich nur in einer Krabbelgruppe hängen …

Aber zurück von der Toilettenthematik und den Menschenrechten zu meinem Punkt:

Liebe Mit-Mütter,

lasst Euch bitte, bitte auch immer wieder zu einem Wochenende mit Euren Ninas hinreißen! Tut Euch etwas Gutes ohne schlechtes Gewissen. Ihr arbeitet rund um die Uhr für lau – Ihr werdet bezahlt mit Liebe. Und ich liebe die Liebe. Ich bin eine große Verfechterin der Liebe. Aber diese wunderbare Kraft reicht nicht aus, um nicht irgendwann doch vor der unbezwingbaren Erbsendose zu sitzen. Irgendwann tun wir das nämlich alle.

Daher besser früher als später mal kurz abtauchen in die Welten der Kinderlosigkeit und tief durchatmen. Ich wünsche Euch allen Gute Erholung und wundervolles Krafttanken!

Stockholm-Syndrom

Heute morgen stehe ich rotierend in der Küche und bereite Nummer 4s Taufe vor. Währenddessen schleimt mir K2 durch die Beine und ich falle fast auf die Schnauze.

(Kleine Erinnerung: K1 und 2 sind unsere Fellbälle … äh Katzen)

Ich fluche, deute einen Tritt an und gebe ihm dann doch Futter.

„Ich glaube, man entwickelt mit Katzen eine Art Stockholm-Syndrom.“
Meine Frau blickt von dem Fondant auf, mit dem sie gerade hantiert. „Häh? Baust Du eine erotische Beziehung zu dem Kater auf oder was?“
„Ich glaube eher eine neurotische Beziehung.“