Mommy Wars und der Sofasex

Mommy Wars und der Sofasex

Wie schrieb Das Nuf heute so süß auf Facebook: „Aber wenigstens hab ich neben dieser Mommywars Sache gelernt, dass ihr alle Sex am Sofa habt.“

Welche Sache? Die Diskussion, die durch StadtLandMama angestoßen worden war, weil sie sich etwas spitzzüngisch (so der Vorwurf) über das Thema Familienbett geäußert hatte. Nun hat Katharina noch einen weiteren Artikel geschrieben, um richtig zu stellen, was sie eigentlich hatte sagen wollen.

Und da sind sie wieder, meine heißgeliebten Mommy Wars …

Wat sach ich nu dazu?

Ich sage:

Es ist typisch und traurig, dass mal wieder eigene Unsicherheiten und das schlechte Gewissen, das wir Mütter dauernd haben, zu einem weiteren Kriegsschauplatz der Verbal“kultur“ geführt haben.

Ich sage noch etwas – gleich zu fast allen Themen, die Grundlage der Auseinandersetzungen sind:

Wenn ich das Familienbett leben würde, dann wäre es mit vier Kindern ein sehr enges Bett. Daher lasse ich das. Ich schlafe gern in Ruhe und alleine (zu zweit). Und ohne sechs bis acht Knie im Rücken oder unterm Kinn. Morgens kommen sie alle noch mal zu mir ins Bett, ehe sie sich zur Schule aufmachen – das reicht mir wunderbar. Ich möchte auch „keinen Sex am Sofa“ und keinen neben den schlafenden Kindern und keinen auf Waschmaschine, Gästebett, Bärenfell am Kamin, Esstisch, Arbeitsplatte … ich möchte für dieses besondere Refugium elterlicher Freuden ( und ihr wisst, wie eingeschränkt die sind) Platz haben. Und viel Zeit. Ich möchte Stunden haben, um zu tun, was wir da eben gerne so tun. Ausladend und mit viel Atmosphäre. Ich ganz persönlich möchte das so. Ergo: Kein Familienbett für uns. Aber: Wer das mag, der soll es bitte tun und erleben. Es hat wunderbare Seiten für alle, die es genießen und für die es eine Erfahrung aus Nähe und Kuscheln ist. Daran ist nichts falsch. Es muss nicht dogmatisch vertreten werden, aber es ist auch nichts Schlechtes, weil es Dogmatiker gibt.

Und ich persönlich stehe nicht so auf’s Stillen (wie erwähnt) und habe da nur unter viel Druck von außen das Standardprogramm absolviert (4 bis 6 Monate lang). Wer es aber gut findet und für sich entschieden hat, der kann doch bitte stillen so lange er (sie) möchte. Was spricht denn dagegen? Die Welt ist voller langzeitstillender Mütter, die beste Vorbilder dafür sind, das absolut nichts dagegen spricht. Klar, brauchen gut ernährte Kinder keine Muttermilch mehr, sobald sie ein gewisses Alter habe. Und eine Langzeitstudie zeigte, dass die gesundheitlichen Aspekte stark überbewertet wurden, nachdem wegen des Skandals der Firma Nestlé das Stillen plötzlich stark gefördert wurde. So etwas könnte für Still-Dogmatikerinnen ein Anlass sein, ein bisschen zurückzurudern. Oder so. Aber: Es gibt weit mehr Aspekte als laut neuer Studie nun doch nicht verhindertes Asthma. Wer die positiven Aspekte für sich sieht und leben möchte, der darf es doch bitte tun und damit glücklich sein. Es gibt genug schöne und sinnvolle Gründe für das Stillen. Und ebenso kann man sich ganz dagegen entscheiden. Ds ist ja das schöne daran, in einem freien Land zu leben: Die Freiheit der eigenen Entscheidungen.

Meine Kinder habe ich alle komplett impfen lassen, die Älteste hat schon Part 1 der HPV bekommen. Und das habe ich getan, weil ich nach eingehender Information und genauer Abwägung eine Entscheidung traf. Und das steht jedem zu. Ich empfinde das für mich als richtig so und bisher zeigte sich mir nicht das Gegenteil. Noch ein Aber gefällig?: Auch hier entscheiden allein die Eltern. Die Fürsorgepflicht liegt nämlich genau bei diesen beiden Personen. Und wenn man nun Impfgegner oder auch Impfbefürworter ist und sich auf den Kopf stellen will, wenn man irgendwo eine gegenteilige Meinung liest: Die muss man exakt so annehmen, außer man wird zu einer Diskussion eingeladen. 

Ich trage meine Babies /Kinder sehr gerne. Zumindest so lange mein Rücken mitmacht, den ich extra per Yoga und Magnesium stähle, damit ich Nummer 4 tragen kann. Wer nicht gerne ein Baby an sich dran bindet, der kann das auch einfach lassen. Es gibt keinen Trage-Zwang. Hab schon ab und an gehört: „Wenn die Tragemütter nicht immer wie zerfledderte Ökos aussehen würden, dann würde ich auch tragen.“ Fand ich sehr witzig und konnte ich darüber lachen. Vielleicht auch nur, weil ich mich nicht als zerfledderten Öko wahrnehme, aber gut. Ja, es tut den Kindern gut, sie entspannen und genießen die Nähe. Viele Schreikinder akklimatisierten sich wunderbar dadurch. Aber es kann auch nerven und schwer sein. Es gibt Tragen, die der Hüfte schaden können und so weiter. Ich mag es dennoch. Aber: Kinder verwahrlosen in einem Kinderwagen nicht. Und sie fühlen sich auch nicht wie Moses im Binsenkörbchen. Alles gut. 

Ich wickle mit Wegwerfwindeln. Weil: ich hatte mal zwei Wickelkinder gleichzeitig und keinen Trockner sowie einen einzigen, dauernd besetzten, wackeligen Wäscheständer. Da wollte ich irgendwie keine Stoffwindeln, auch wenn ich sorgfältig darüber nachgedacht hatte. Und dann hatte ich insgesamt drei Kinder und erst recht keinen Nerv darauf. Und dann vier und …so weiter. Ich wurde übrigens mit Stoffwindeln gewickelt – genützt hat es mir wenig 😀 Auch hier das Aber: Jeder kann auch dieses Thema individuell entscheiden. Meine Güte, es geht nur um Windeln. Windeln!

Und ich halte Nummer 4 nicht über das Waschbecken, wenn er muss. Er trägt immer Windeln, lebt also nicht Windelfrei, außer er hat seine „Nackter-Popo-Zeit“ am Abend. Da landete auch schon mal das ein oder andere auf mir – hätte ich mal gelernt, seine „Pipi-und-Kaka-Mimik“ zu lesen … Weil: Ich gucke nicht dauernd ins ein Gesicht oder höre auf seine Töne, um einen sich anbahnenden Stuhlgang zu identifizieren. Dazu habe ich zum Einen kaum Zeit bei so vielen Kindern und zum Anderen möchte ich auf andere Dinge an ihm mehr achten. Aber: Wer gerne ein Baby ohne Windeln großziehen will, der kann das jederzeit tun. Wie erwähnt wird das in Afrika auch gemacht. Da zieht man sich das bekotete Baby einfach über das Knie, der Kot bleibt da kleben und wird dann mit einem Büschel trockenem Gras oder einem Stöckchen abgekratzt. Das ist in jedem Fall sehr natürlich. Niemand muss windelfrei erziehen und jeder, der es will (vielleicht auch ohne Knie und Stöckchen), der darf es bitte für sich entscheiden. Allerdings: „Und sie nahm das Kind, wickelte es in Windeln und legte es in eine Krippe.“ So eine neue Erfindung sind die Dinger nicht – selbst die jüngsten Aufzeichnungen dieser Altersklasse sind recht alt. Da hat man genug Entscheidungsfreiraum – ob mit oder ohne Windeln.

Habe ich nun alle Aspekte des neuen Mainstreams namens Attachment Parenting durchgearbeitet, der durch manche dogmatische Vertreter suggerieren will, seine Befolgung liefere das von allen Müttern angestrebte wirkliche Rundum-Wohl für die Kinder? Oder fehlt noch was?

Mir fallen weitere Themen ein, über die man sich auch mal streiten könnte. Immer geht es nur um Neugeborene und Kinder bis circa 3 Jahren. Dabei werden die Kleinen doch größer!

Zwischen 32 und 57,3 % aller Kinder in Deutschland hat einen Fernseher oder einen Pc oder eine Konsole im eigenen Zimmer.

Darüber könnte man sich echt mal streiten. Oder über Aspekte der geschlechterspezifischen Erziehung. Da gibt es wahre Sümpfe, die man mal beleuchten sollte. Oder über Verkehrssicherheit. Oder über Bio-Kosmetika für Kinder? Oder über ein zuckerfreies Leben? Oder über global das Ablehnen bestimmter Nahrungsmittel? Oder über Mama-Taxis (ach ne, das gibt es ja schon) oder über bedingungslose Ehrlichkeit Kindern gegenüber. Oder über Sexualaufklärung an Schulen (Mist, da gibbet auch schon Streit). Wie wäre es mit der Frage nach Fertigprodukten wie Maggi Fix? Und McDonalds, wie ist es damit? Dann könnte man über Religionsvermittlung Kindern gegenüber streiten- ein heißes Eisen …

Hm, wie wäre es damit: Man könnte sich darüber streiten, ob man für die Kinder ein gutes Vorbild ist, wenn man die Meinungsfreiheit respektiert. Wenn man in Diskussionen, die ja durchaus prinzipiell begrüßenswert sind, respektvoll bleibt. Und wenn man ihnen zeigt, wie tolerant man wirklich ist, auch wenn die Lampe der Political Correctness das Thema gerade mal nicht beleuchtet.

Die liebevolle aufgeklärte und wohlwollende Haltung der Eltern gegenüber ihrem Kind, beziehungsweise ihren Kindern, ist alles entscheidend. Und wenn diese Ausdruck im gemeinsamen Schlafen findet, dann ist das wunderbar. Und wenn sie durch etwas Anderes ausgedrückt wird, dann ist das ebenso wunderbar.

Ich mochte übrigens einen Kommentar auf dem StadtLandmama-Blog sehr gerne:

„(…) aber das gehört auch dazu, wenn man einen Text schreibt zu dem es so viele unterschiedliche Meinungen gibt.
Das macht doch einen Blog aus, wenn ich monotone Massenmeinungen lesen möchte, kann ich mir ja die „Brigitte“kaufen ;)“

Ab und an darf man mal verallgemeinern und ‚rumschimpfen – manchen gelingt das ja auch sehr humorvoll und pointiert (Kabarettisten verdienen ihr Geld damit…). Ich schimpfe ja auch manchmal rum, nicht wahr?

Ich bin dankbar, dass Kinder in unserer Zeit so viele Möglichkeiten haben und vor allem wahrgenommen werden. Das ist unendlich viel wert. Selbst in meiner Kindheit bekamen Kinder vermutlich die Hälfte der Aufmerksamkeit von heute. Gut, auch darüber ob das nun gut oder schlecht ist, ließe sich streiten. Am besten sag ich doch lieber nix mehr 😀

IMG_2640 … (ich hätte auch den Sofa-Sex mit Playmo nachstellen können – aber Pornographie sprengt den Rahmen unseres Blogs nun wirklich 😀 )

Goethe und das Stillen

Wir hatten hier schon mal einen Post zum Thema Still-Zwang vor dem Hintergrund einer neuen Langzeitstudie. Nun war ich im Internet an den letzten Abenden viel lesend unterwegs. Hier begegnete mir das Thema Stillen noch einmal und es entspannen sich darauf einige Gedanken und nehme Euch, wenn Ihr wollt, gerne mit auf die (Achtung: etwas lange) Reise vom Blog/Artikel/Facebook-Kommentar-Hölzchen auf’s Mummy-War-Stöckchen.

Es ging häufig um begeisterte oder auch nicht-begeisterte Langzeitstillerinnen. Viele von ihnen schrieben etwas wie:

„Also ich stille seit 2 Jahren und 5 Monaten und ich liebe die Nähe. Mein Kind fordert das auch ein. Manchmal ist es mir zu viel. Aber ich kann einfach noch nicht loslassen. Mein Kind setzt sich auf meinen Schoß und sagt das Wort für Stillen. In der Öffentlichkeit ist mir das unangenehm. Aber nur wegen der Blicke! Es ist so schwer, die Blicke zu ignorieren. Ich stille nachts seit der gesamten Zeit. Wir genießen das beide sehr. Langsam bin ich aber müde. Ich möchte wieder mehr Kraft haben, richtig wach sein und der Schlafmangel zehrt doch sehr an mir. Aber ich trau mich nicht abzustillen. Was, wenn ich meinem Kind schade? Vielleicht bin ich zu egoistisch.“

Aus meiner freien Rezitation darf jeder entnehmen, was er möchte – sie ist recht klassisch. Die Kommentatorinnen waren sich alle im Grunde einig und beschrieben Ähnliches. Ein stimmiger, zustimmender Austausch Gleichgesinnter.

Dann mischte sich ein Vater ein und berichtete, dass seine Frau den Sohn mit sechs Monaten abgestillt habe, weil sie immer weniger Milch hatte, trotz der vielen Hebammentipps. Sein Sohn habe dann schnell das Interesse an der Brust verloren und sei aber ein gesundes, zufriedenes Kind, das inzwischen alles vom Tisch essen würde und einen großen Entdeckerdrang habe. Er selbst wäre unsicher, ob die Bindung nicht durch die vielen anderen Faktoren des Lebens beeinflusst würde. Er wüsste keinen Grund, warum man ewig stillen sollte, wenn es irgendwie belastend wäre. Sonst hätten ja Nicht-Gestillte in jedem Fall eine geringere Bindung zu den Eltern. Eine Mutter zweifelte als Reaktion an, dass es Kinder gäbe, die nach ein paar Monaten das Interesse verlören, denn ihres würde immer noch nach der Brust verlangen und sei über Zwei. Die Stilldauer in Deutschland sei ohnehin kürzer als in sehr vielen Ländern der Welt, obwohl es wegen der Natürlichkeit das Beste sei. Es wurde angezweifelt, dass diese Mütter die Wahrheit berichteten, sondern vielleicht nur einen schnellen Ausweg suchten. Woraus denn? Aus einem glücklich machenden Weg? Daraus will man wohl kaum entkommen. Ein bisschen Streit kam dann auch auf und schaukelte sich hoch:

Mummy War. Kriegsschauplatz hier: Langzeit- gegen Kurzzeitstillende. Und der arme Papa mittendrin. Er sagte dann auch schnell nix mehr.

Da wurde ich nachdenklich.

Vor allem wegen des Arguments der Natürlichkeit. Das nervt mich schon lange gewaltig.

Ja, in vielen Ländern der Welt passt es aus verschiedenen Gründen sicherlich gut, wenn man lange stillt und dies ist dort mit allen Vorzügen allgemein bekannt. Da guckt dann auch niemand, wenn das Stillkind sich in der Öffentlichkeit mit fünf Jahren „selbst bedient“. In vielen Ländern der Welt passt es sehr gut, wenn man sein Kind dauerhaft im Tragetuch trägt, auch weil Kinderwagen nur auf Geh-und Asphaltwegen Sinn machen. (Das Tragen dient hier als anderes Beispiel vom Kampfplatz der Mummy Wars).

Aber das bedeutet doch nicht, dass man sich einfach irgendeinen Umstand aus einem Land herauspicken kann, der einem gefällt und diesen glorifiziert. In Indien werden Kinder lange gestillt. Und weibliche Kinder getötet (prä- und postnatal). In vielen Ländern machen alle Eltern ein Co-Sleeping mit allen ihren vielen Kindern. Dies mag dort nicht unbedingt wegen eines Ratgebers zum Attachment-Parentings so sein, der Menschen mit einem großen, westlichen Individualberdürfnis das Gute an der engen Bindung zum Kind zeigen will und das intime Zusammenschlafen sowie den Sex der Eltern zu reglementieren sucht. In Afrika bekommen die Massai eine prima Hüfte in der Spreiz-Anhock-Stellung des Tragetuches ihrer Mutter. Man trinkt dort traditionell Blut aus frisch angestochenen, lebenden Tieren. Man schmiert Tierkot auf seine Hütten, um sie zu isolieren und stabilisieren. Vieles davon erscheint mir als sehr natürlich. Nein, alles. Warum schmieren wir nicht alle etwas aus dem Katzenklo an unsere Hauswand? Genau: Weil wir das so nicht brauchen. Und ein männlicher Initiationsritus in unseren Gefilden ist nicht das gefährliche Springen über viele nebeneinander stehende Rinder. Sondern etwas wie das erste Fußballspiel mit Papa oder der Kauf des ersten Rasierers. Wir nehmen Stoff- oder Fertigwindeln oder gar keine. Aber im letzten Fall schieben wir das Baby nicht mit dem Anus über unser Knie, kratzen den Kot dann mit einem Ast ab und werfen diesen weg. Das wäre aber ultimativ-afrikamäßig-natürlich.

Die klassische Idee, des Edlen Wilden kommt mir dann in den Kopf. Ethnologisch längst überholt kommt sie daher und suggeriert eine tiefe Verbindung mit der Natur, die wir durch die naturgemäße Behandlung unserer Babies erreichen. Diese Verbindung teilen wir dann mit. Aus unseren vollbeheizten Wohnzimmern und mit unseren diversen Devices mit. Hm …

Nun möchte ich mal etwas Persönliches dazu sagen:

Ich habe alle meine Kinder gestillt und mochte es nur in wenigen Momenten. Ich hatte schmerzende Brustwarzen, war wegen der Schmerz-Ausgleichshaltung verspannt bis zum Dauerkopfschmerz und hatte aufplatzende Blasen auf den Brustwarzen unter denen sich rasch neue bildeten. Kinder hatten kurze Zungenbändchen, aber nicht zu kurz. Kinder wurden anders angelegt, half nicht. Es half nur Abhärtung. Wenn das Baby hungrig wurde, brach mir oft genug der Schweiß aus. Ich bezweifelte, dass „Oh nein, es hat schon wieder Hunger und es wird wieder wehtun“ gut für die Bindung sei und sprach mit den Hebammen. Empfehlung der Hebammen war immer „Salbe/Heilwolle drauf und zurück an die Front. Es ist das Beste für’s Kind.“ oder „Wenn du vor Schmerzen weinen musst, dann lass es ruhig zu.“ 

Nur die eine Hebamme, die aufgrund einer Brust-OP selber nicht wirklich viel stillen konnte, erlaubte mir das Zufüttern, als ich fast in Ohnmacht fiel, weil drei Kinder, eine unentdeckte Schilddrüsenüberfunktion und ein Baby mit 2-Stunden-Still-Rhythmus bei 45 Minuten Trinkdauer zu viel waren. Sie erzählte mir auch, wie sie sich einmal weinend mit einem Fläschchen und der Tochter zum Füttern im Auto versteckt hatte. Warum? Weil sie auf einem Hebammen-Kongress war und sich vor den Anfeindungen fürchtete, wenn sie in der Halle die Flasche gegeben hätte …

Ich habe insgesamt neun Hebammen und zwei Hebammenschülerinnen während vier Schwangerschaften und Geburten erlebt. Ein bisschen Überblick kann man sich da machen. Ich erlebte vertraulich-nette Gespräche und wunderbare Bein-Massagen. Ich bekam Globuli und Tipps aus dem Kräutergarten (die ich wertschätze). Ich wurde mit Tee und Bio-Keksen verwöhnt. Ich erlebte, wie Hebammen mir eine Hand ins Genital schoben und den Saum des Muttermundes hinter den Babykopf zerrten. Ich bekam eine der in der Wirkung ebenfalls höchst umstrittenen, recht schmerzhaft-blutigen Eipollösungen. Dabei brannte aber eine hübsche Kerze. Alles war sehr natürlich. Auch das Antreiben zum Vollpower-Dauerpressen bei acht Zentimeter Muttermundöffnung und die dann drei Stunden dauernde Austreibungssphase, während der ich innerlich immer mehr darum bettelte, mir möge man in den Kopf schießen. Natürlich schmerzmittelfrei. Die Hebamme damals fröhlich währenddessen: „Ja, ein Kind zu bekommen ist wie eine Kokosnuss zu kacken.“ Nach der Geburt kein Glückwunsch, sondern der eindringliche Satz: „Der gebt ihr aber keinen Schnuller, ne?“ Das mitgebrachte Betäubungsspray für den beachtlichen Riss in meinen Genitalien nahm sie kopfschüttelnd und verwendete es mit ähnlicher Attitüde. Der echte Feldscher tackert zerrissenes, empfindliches Fleisch mit heißer Nadel aber ohne Betäubung- das hatte ich nicht gewusst. Hätte so was ein Arzt gebracht, dann aber wehe. Der ist nämlich per se nicht natürlich …

Der Bogen zurück zum Stillen:

Ich stillte zwischen drei und irgendwas um die sechs Monate. Mal blieb die Milch aus, mal musste ich Medikamente nehmen, mal verging erst mir und dann dem Baby die Lust. Mal schlich es sich durch das Zufüttern aus, das meine Gesundheit erhalten sollte. Ich mochte es nie sehr, hatte aber immer ein gesellschaftlich induziertes schlechtes Gewissen beim Abstillen. Ich verfüge stets lieber selber über meinen Körper, alles Andere ist mir mehr als unangenehm. Aber das ist meine individuelle Geschichte.

Ich wurde nie gestillt und die Bindung an meine Mutter war sehr, sehr innig. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um sie zu lösen als es für meine psychische Gesundheit nötig war. Es gibt also scheinbar Wege, auch kranke Wege, eine starke Bindung herbeizuführen. Sicherlich aber viel mehr gesunde. Beides geht auch ohne Stillen. Meine Töchter hängen sehr an mir. Die eine zeigt es mehr, die andere weniger. Sie scheinen bindungsfähig. Haben aber auch Verlustmomente erlebt und das tief vertrauensvolle Verhältnis zum Leben wurde unter Anderem durch einen Todesfall in der Familie erschüttert. Und durch den Verlust eines Großelternpaares (das war die anstrengende Lösung einer starken Bindung) ebenfalls. Steckten sie sehr gut weg. Konnten immer darüber reden. Die Sechs-Monate-Voll-Gestillte scheint nicht mehr an mich gebunden als die anderen. Alle sprachen sehr früh (fließende Sätze  inklusive Nebensätze mit zweieinhalb), lasen zum Teil ehe sie in der Schule waren, konnten ihre Bedürfnisse und Gefühle mitteilen. Dumm scheinen sie nicht. Das viel-getragene Nummer 4chen ist total auf mich fixiert. Ich höre, das sei bei Jungs oft so. Oder doch weil er ein 1a-Tragling ist? Wer kann das sagen?

Sie wurden alle in Tüchern und Tragen getragen. Zwei sogar im Baby-Björn-Hüft-Zerstörer. Zwei sind besonders sportlich und beweglich, eine davon war die im Baby Björn Gemarterte. Sie sind selten krank und alle komplett durchgeimpft. Sie leben (Achtung: sehr natürlich und afrikanisch!) mit diversen Geschwistern. Und haben die klassischen Rollenprobleme der Geburtsreihenfolge. Und auch sehr natürlich: Sie müssen mithelfen und Verantwortung übernehmen, weil ihre Mutter durch die diversen Kinder viel zu tun hat.

Ich kann keine Auswirkungen des Stillens oder Tragens sehen. Aber davon, dass ich ihnen alle Fragen beantworte und ehrlich bin. Davon, dass ich sie nicht schlage und mich entschuldige wenn ich etwas verbockt hab. Ich leide mit ihnen und lache mit ihnen. Wir haben zusammen eine Menge erlebt und auch durchgemacht. Wir haben ’ne Menge Bindung, sage ich mal so verwegen.

Mein Fazit:

Ich kann ebenfalls nicht verstehen, wie man mit Geburtsdauer, Stilldauer, Schmerzmittelverweigerung während Entbindungen, Drei-Stunden-Zwanzig-Kilo-Kinder-Tragen und ähnlichem angeben kann. Es erinnert mich an den Schwanzvergleich von Schwanzlosen. Leistung wird hervorgezerrt wo keine ist. Geburten sind eine Leistung. Ja, gut. Das ist eine Amputation auch. Nur die ist nicht alltäglich und natürlich. Der Charme des Opas, der „im Krieg noch ohne Betäubung zum Zahnarzt musste“ liegt hier in der Luft. Mir reicht’s.

Ich freue mich über jede glückliche Berufskollegin. Ihr und auch den anderen gilt mein Respekt. Egal ob und wie lange sie stillt, entbindet, trägt oder was sie kocht oder was sie sich im Fernsehen ansieht. Zu diesen Themen würde ich irgendwann mal echt gern eine Blogparade starten.

Etwas wie: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Fies, engstirnig und aggressiv haben wir schon so oft. Es nervt nämlich, wie sich im weltweiten Netz pausenlos etwas vorgeworfen wird. Faulheit, Verantwortungslosigkeit und Schlimmeres. Immer schön raus mit der Moral-Keule. Mal kurz die eigenen, oft auch verdeckten Motive einer Handlung zu durchleuchten – das wäre was. Oder sich zu fragen, ob man ein tolles Vorbild ist, wenn man niemanden toleriert, der etwas Anderes denkt. Oder sich vielleicht sogar von ihm inspirieren lässt. Schön dreist und grenzenlos in der Anonymität rumbashen. Das ist wirklich viel erwachsener als jemandem die Schippe auf den Kopf zu hauen. 

Ich würde die Aggressorinnen des Mummy Wars gern ansprechen können:

„Kommt mal runter, Ladies!“ würde ich sagen, “ leidet Ihr so sehr unter Schlafmangel oder was? Ach so, selber unsicher und dann andere vor den moralischen Richter zerren, um das nicht spüren zu müssen? Sehr sympathisch. Generell etwas aggressiv und selbstverliebt? Auch schön. Überzeugt intolerant? Viel besser. Es ist nicht so, dass Ihr andere verletzt und verunsichert. Mitnichten! Was wären wir ohne noch ein bisschen mehr Unfrieden? Wie blöd, wenn wir uns gegenseitig unterstützen würden.“

Ich sage es immer wieder: Mütter sind etwas Tolles! Gerade hier bei uns, einem Land mit weltweit einer der geringsten Geburtenraten, sind wir mutig. Wir bekommen nicht so nebenbei mal ein paar Kinder wie es in den letzten Jahrtausenden der Fall war. Wir starten wahre Familien(-und-Job-)Projekte und nehmen Unsicherheiten in Kauf, die schwer wiegen, weil sie das Seelenleben der uns anvertrauten Kinder betreffen. Und die aller-allermeisten von uns machen den Job gut. Wir sind die erste Generation, die das fast ohne Althergebrachtes schafft. Die erste in Jahrtausenden! Ja, es gibt Ausnahmen – aber die diskreditieren doch nicht einen ganzen Berufsstand. 

Wir sollten füreinander wirklich edel, hilfreich und gut sein. Danke, Goethe.

Könnte man diesem Mann etwas abschlagen? 😀

Goethe Jung