Das schlimmste Kinderbuch der Welt

Das schlimmste Kinderbuch der Welt

Die Schulklasse von Nummer Vier beteiligt sich wie viele andere am Antolin-Programm des Westermann-Verlags. An sich eine schöne Sache, und auch wenn wir uns durch die pure Anzahl der schulpflichtigen Kinder bei gleichzeitiger beruflicher Tätigkeit nicht unbedingt mit einem Freudenschrei auf die „Angebote zur elterlichen Beteiligung“ der Schulen stürzen, wollen wir natürlich auch niemanden zu kurz kommen lassen.

Ms. Essential schaute sich das Programm an und wollte ein paar Bücher aussuchen, um deren Besorgung ich mich dann kümmern würde. Ungefähr eine Stunde später bekam ich folgende Nachricht:

An dieser Stelle möge uns der geneigte Leser bitte zu Gute halten, dass wir uns schon seit vielen, vielen Jahren und Schuljahren mit so etwas herumschlagen.

Ich machte mich also mit einem schlechten Gewissen für die Nicht-Unterstützung des lokalen Buchhandels bei einem großen Onlinehändler auf die Suche nach den beiden auserwählten Literaturstücken. Leider ließ mich dieser im Stich und es benötigte einiges an Recherche auf dem zweiten Buchmarkt, um wenigstens „Das Märchen von der Welt“ aufzutreiben. Aber ich war erfolgreich und bestellte es kurzerhand und ohne mich um Rezensionen zu kümmern nach Hause.

Wenige Tage später kam es mit der Post und wir erhielten ein Exemplar in perfektem Zustand und mit schönem Artwork. Ich vereinbarte mit Nummer Vier, es später zusammen mit ihm zu lesen. Ms. Essential blätterte derweil schon durch das Buch und in Erwartung einer netten, märchenhaften und phantasievollen Geschichte stimmte ich mich schon frohgemut auf das Lesevergnügen ein.

Dann hörte ich ein leises Schluchzen aus der Küche. Ich ging schnell um nachzusehen, was da los war, und sah meine geliebte Ehefrau kreidebleich über dem Antolin-Buch sitzen.

„Das Leben macht keinen Sinn mehr. Wir werden allein geboren und sterben allein, und dann gehen wir allein in die Dunkelheit,“ postulierte meine Gattin. Das Märchen von der Welt zitterte in ihren Händen.

„Was ist denn los?“ fragte ich besorgt.

„Ich habe das Buch gelesen, das Du bestellt hast,“ antwortete sie leise. „Es ist das schlimmste Kinderbuch der Welt.“

„Aber es sieht doch so nett aus,“ meinte ich.

„Es reißt Dir das Herz raus und hinterlässt nur ein schwarzes Loch. Ich denke, ich möchte mich jetzt in Embryonalstellung auf das Bett legen und weinen,“ erwiderte sie.

„Aber es ist doch für Erstklässler empfohlen,“ erwiderte ich zögernd.

„Vielleicht von Menschen, die Kinder hassen. Oder von einem Suizidalen, der anderen Menschen auch den Lebenswillen rauben möchte.“ Mit diesen Worten zog sie sich ins Schlafzimmer zurück.

Ich blickte zweifelnd auf das nett illustrierte Buch. Ehe ich es wagen konnte, einen Blick in dieses Necronomicon der Schulliteratur zu werfen, klingelte mein Telefon und ich wurde erst einmal abgelenkt. Wenn ich nur gewusst hätte, wie Recht sie hatte …

Abends fand ich Nummer Zwei in der Küche, ihres Zeichens hartgesottener schwarzgewandeter Fan von Mary Shelley, Edgar Allan Poe, blutrünstigen Mangas und sowohl kunst- als auch literaturbegeistert. Sie war, wie es scheint, dem bösen Buch mit seinem kunstvollen Cover ebenfalls in die Falle gegangen.

„Was ist das hier?“ fragte sie erschüttert.

„Das ist ein Buch, das ich für Nummer Vier bestellt habe,“ antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Was hat er angestellt?“ fragte sie erschrocken.

„Das ist für die Schule,“ antwortete ich.

„Unmöglich,“ stieß sie hervor und klappte das schreckliche Buch zu. „Das ist das schlimmste Kinderbuch der Welt. Ich habe jetzt wieder Angst im Dunkeln.“

Mit diesen Worten legte sie das Märchen von der Welt ab und verließ das Zimmer. Ich blickte auf das mir noch immer unbekannte Werk. In diesem Moment, da ich allein in der Küche war, wurde der Raum ein wenig dunkler und mir wurde kalt. Irgendwo weit entfernt erklang düstere Musik und ich hörte die Schreie verzweifelter Kinder.

„Mach die Musik leiser, Nummer Zwei!“ rief ich durchs Haus und setzte mich langsam.

Das Buch starrte mich an wie eine Spinne, die eine leckere Fliege erspäht hat. Mit zitternden Fingern langte ich danach und flüsterte zu mir selbst: „Es ist nur ein Kinderbuch …“

Mutig – todesmutig oder tollkühn wären vielleicht die besseren Begriffe – schlug ich es auf.

An das, was dann geschah, kann ich mich bis heute nicht mehr so recht erinnern. Ich weiß nur, wie Ms. Essential plötzlich am meiner Schulter rüttelte. Der Hund leckte besorgt über mein Gesicht und winselte. Irgendwo in der Ferne weinte ein Kind.

„Was ist los?“ fragte meine Frau und beugte sich zu mir herab. Aus irgendeinem Grund lag ich unter dem Tisch und zitterte. Meine Finger hatten sich um das kataklystische Buch geklammert und waren weiß geworden.

„Hast Du etwa das Buch gelesen?“ fragte sie erschrocken und riss es mir aus den Händen. Diese öffneten sich nur langsam und ich nickte angsterfüllt.

„Es ist doch nur ein Kinderbuch …“ stammelte ich leise.

Geistesgegenwärtig warf sie das zyklopische Machwerk auf den Boden. Nummer Zwei war schnell zur Stelle und zeichnete mit Straßenmalkreide ein Pentagramm darum. Dabei rezitierte sie lateinische Formeln, bei denen es sich um Schutzzauber handeln musste.

Ms. Essential förderte schnell ein mir unbekanntes Pulver aus einem geheimen Fach in der Gewürzschublade und schleuderte es auf Das Märchen von der Welt.

Ich weiß, Sie werden das, was ich nun schreibe, nicht glauben, lieber Leser, doch ich sah wie das Buch zum Leben erwachte und sich zu krümmen begann in dem Schutzkreis, den die beiden in unserer Küche erschaffen hatten. Mit einem Mal erfüllte ein seltsamer Schwefelgeruch die Luft und unser Hund suchte winselnd das Weite. Die Lampen in der Küche begannen zu flackern.

Das Buch schlug sich auf und dunkler, lilafarbener Nebel stieg auf. Ein seltsamer, unmenschlicher Schrei erfüllte unsere Küche und mit einem Knall aus Feuer, Rauch und Schwefel verschwand es und hinterließ nur einen rauchenden Fleck auf unseren beigefarbenen Küchenfliesen. Mir wurde schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir kam, streichelte mir jemand durchs Haar. „Mach Dir keine Sorgen,“ flüsterte meine Ehefrau leise. „Wir haben dieses höllische Machwerk wieder dahin geschickt, wo es herkam.“

„Wirklich?“ fragte ich und begann mich zögerlich unter dem Küchentisch aufzurichten.

„Wirklich.“

Nummer Zwei wischte gerade das Kreidepentagramm auf. Nur der schwindende Schwefelgeruch und der schwarze Fleck bezeugten, was hier gerade geschehen war.

Sie werden nun vielleicht denken, dass ich hier hemmungslos übertreibe. Und ja, vielleicht habe ich diese wahrhaftig erlebten Geschehnisse an der einen oder anderen Stelle minimal ausgeschmückt. Dennoch möchte ich betonen, dass dieses Buch wirklich schrecklich ist. Kein Erstklässler sollte es lesen. Eigentlich sollte kein Mensch es lesen.

Und wenn ich Sie, lieber Leser, nun neugierig gemacht haben sollte – geben Sie dieser Neugier nicht nach. Sie werden es bereuen. Wirklich.

Okay, ich sehe ein, dass das nicht wirklich hilft. Wenn ich das lesen würde wäre ich total neugierig und würde das Buch unbedingt lesen wollen. Um zu verhindern, dass es Ihnen, lieber Leser, ebenso geht, fasse ich den furchtbaren Inhalt kurz zusammen:

  • Ein armes Kind ist allein auf der Welt, Vater und Mutter sind gestorben und niemand sonst ist da
  • Es will in den Himmel gehen, da es gehört hat, dass die Menschen dorthin gehen, wenn sie die Erde verlassen
  • Also geht es zum Mond, aber der ist nur ein faules Stück Holz
  • Dann reist es weiter zur Sonne, aber die ist nur eine vertrocknete Sonnenblume
  • Dann will es zu den Sternen, aber die sind nur leuchtende Mücken, die in einem Spinnennetz zittern
  • Also kehrt es zur Erde zurück, wo es wieder allein ist und weint, bis es keine Tränen mehr hat

ENDE

Wirklich. Das ist das Ende der Geschichte. Zwar gibt es ein paar morbid-poetische Details mehr als in meiner kurzen Auflistung, aber mehr als das passiert nicht.

Ich würde dieses Buch daher nur für sehr böse Erstklässler empfehlen, als Strafe. Die Schrift ist für Erstleser übrigens auch zu klein.

In der Zeitblase

In der Zeitblase

Meine Oma hat Plattdeutsch gesprochen. So eine Variante aus dem äußersten westlichen Zipfel des Landes.

Immer, wenn sie ein neues Enkelchen präsentiert bekam, nahm sie es in ihre besonders kräftigen Arme, wiegte es hin und her und sagte wehmütig:

„Äwer se bliewe joa net sue.“

„Aber sie bleiben ja nicht so.“

Meine Mutter, ihres Zeichens eine typisch gebeutelte Schwiegertochter dieser Frau, sagte mir als Kommentar dazu: „Am liebsten hätte ich immer gesagt Na und? Das ist ja wohl auch gut so! aber ich hab mich nicht getraut. Ist doch toll, dass Kinder immer mehr können. Mehr sprechen, mehr mitteilen, lesen, schreiben und so weiter. Sollen die etwa immer kleine, weinende Babies sein? ich verstehe nicht, wie man es bedauern kann, dass Kinder groß werden.“

Ich schon. Ne, Oma?

„Se bliewe joa net sue.“

Ganz genau. Oma hatte Recht.

Wenn man zum ersten Mal Mutter wird und auch, wenn dies in einer nicht allzu großen Zeitspanne ein zweites Mal geschieht, dann weiß man nicht, dass man gefangen ist. In einer pastellfarbenen Babyduft-Häkelschühchen-Breilöffelchen-Kindergartentäschchen-Bastelnachmittags-Süßheits-Blase. Aber man ist es.

Alles dreht sich um bestimmte Momente, Bedürfnisse und Pläne. Macht das Baby kein „Bäuerchen“, ist man verunsichert, hat Angst vor den berüchtigten Koliken, die schon so so viele Kinder und Mütter fertigmachten. Kann sich das Kleinkind nicht wehren, wenn andere ihm die Schaufel klauen oder haut es sofort zu feste zurück – dann sorgt man sich auch darum.

Man sorgt sich um die perfekte, lebenserhaltene Schlafumgebung. Man ist immer ganz nah dran, am ganz elementaren Sein. Und vergisst in den ersten knapp 6 Lebensjahren des Sprösslings fast, dass danach ein anderes Leben beginnt. Ein ganz anderes.

Vielleicht gibt es ein Geschwisterkind, das zwei Jahre nach dem ersten geboren wurde. Dann hat man zwei von den berühmten kleinen Mäusen. Und die gehen zusammen in kleine Kindergartengrüppchen, die Kuschelbären oder Reegenbogenponies oder Mausebäckchen heißen. Und an ihren Garderobenplätzchen sind niedliche Motive aufgeklebt. Und es gibt süße kleine Fächer für klitzekleine Gummistiefelchen. Und auf dem Nachhauseweg erzählen sie lauter putzige Sachen. Und man organisiert furchtbar herzerwärmende Geburtstagsfeiern. Das ist alles so … hach!

Eignung, Einstufung, Erprobung

Man hat im Kindergarten gehört, wie schön die Kleinen sich entwickeln. Sie haben gelernt, sich ein bisschen sozialverträglich durchzusetzen, sie können teilen und ihre Tellerchen selber spülen. Man liest ihnen abends Geschichtchen vor und deckt sie zu. Ein paar Jahre lang.

Während man noch den zarten Duft der selbstverständlich bio-dynamischen Babycreme in der Nase hat und sich aus dem Tragetuch schält, geschehen Dinge.

Eines heißt Zahnwechsel, eines heißt Medizinischer Einschulungstest und dann bastelt man eine Schultüte. Oder kauft eine. Und selbst da ist alles noch ist so süß und klein.

Während der nach der Einschulung folgenden vier Jahre wird alles anders.

Nicht nur, dass viele früher aufstehen müssen. Und nicht nur, dass man zu den armen Socken gehört, die die Hauptsaisonpreise zu latzen haben. Nicht nur, dass man ab sofort täglich Zettel aus der Schule erhält, stets noch mehr Kuverts/Kleingeld/Lust auf’s Backen haben soll. Man ist plötzlich gedanklich schon näher daran, sich zu fragen, ob man sein(e) Kind(er) ausreichend auf das Eintreten in die Leistungsgesellschaft vorbereitet hat.

Die vier Jahre steigern sich inhaltlich langsam auf ein ernstzunehmendes Maß. Ab der dritten gibt es Noten. Noten! Leistungsnachweise in Form von Ziffern und Worten. Nicht wenige Kinder lernen in diesem Jahr etwas Neues kennen: Nachhilfeunterricht. Aufregung vor Klassenarbeiten. Und einige erleben die Angst vor dem Zeugnis.

Der Ernst des Lebens

Nicht gleich ab der ersten Klasse wird es also so richtig ernst. Man wird schrittweise gewöhnt. In Häppchen wird es ernster. Die vierte Klasse dient dann dazu, die Kinder aufzuteilen. Sie auszusortieren. Damit man sie in die nachfolgenden Schulen einsortieren kann. Und da gibt es dann für einige Eltern und Kinder noch mehr Gedanken, Sorgen, Nachhilfe, Üben.

Plötzlich denkt man daran, dass die Kinder irgendwann eine Ausbildung oder ein Studium machen werden. Wow. Das ist aber nahe dran an Ausziehen-und-ohne-Eltern-wohnen!

Während man dann das Kindergartentäschchen von vor vier Jahren in der Andenkenkiste ansieht und die Strampler, dann hat man das ein oder andere Klößchen im Hals. Wenn man denn zu solchen Halsklößchen neigt. Aber auch ansonsten kann man es kaum fassen.

Schwuppdiewupp

Und *zack* hockt man auf den Stühlen in irgendeiner Aula zur Informationsveranstaltung einer der weiterführenden Schulen. Dann gibt es noch ein Abschlussgrillen in der süßen Grundschule und auf geht es in die Ferien vor dem Schulwechsel. *Zack-zack*! Das Kindergartentäschchen wäre längst unter einer dicken Staubschicht, hätte man es nicht sicher in der Andenkenkiste verstaut.

Dann hat man vielleicht eine Tochter und diese ist plötzlich so groß, dass sie einen rein theoretisch-biologisch zur Oma machen könnte. Oh my God!

Es geht nicht darum, dass die Zeit vorbeirasen würde. Im Rückblick fühlen sich dann solche 12 Jahre auch wirklich wie über ein Jahrzehnt an. Aber man hat die ersten Jahre davon in einer niedlichen Blase verbracht, aus der man dann ohne hörbares Plopp einfach rausfliegt. Es gibt dann weniger Schulzettel, Kleingeld muss man dennoch ständig abdrücken, oder auch mal ein paar Hundert Euro auf einmal für eine/zwei Klassenfahrt/en.

Aber es gibt auch immer weniger von diesem Niedlich. Das muss man verdauen.

Klar, mit den Kindern zu diskutieren, zu philosophieren und zusammen Frisuren ausprobieren oder Latein-Vokabeln zu üben ist wirklich ganz großartig. Aber es ist nicht niedlich.

Ihr Lieben …

… wenn Ihr noch in den sechs bis zehn niedlichen Jahren seid: Genießt es trotz der miesen Nächte, der umgekippten Kakaobecher, der KiTa-Fest-Einladungen, dem Muffin-Backen und des Chaos. Ja, das macht Ihr sicherlich meistens schon. Dann bestätige ich Euch hiermit, dass dies genau richtig ist.

Denn denkt daran (hilft auch im Falle, dass die lieben Kleinen besonders nerven): „Se bliewe joa net sue!“

❤ ❤ ❤ ❤

Was sagt Ihr dazu?

Vorhin erzählte mir Nummer 3 etwas aus der Schule, genauer gesagt aus dem Schwimmunterricht der zweiten Klasse. Ich wüsste gerne, was Ihr dazu meint:

Sie: „Mama, wenn man seine Schwimmsachen vergisst, dann muss man nackt mitschwimmen.“

Ich: „Ach, das ist ja Quatsch. Keine Sorge – das sagt die Lehrerin nur so.“

Sie: „Nein, das macht sie echt. Vorletztes Mal nämlich musste Yolanda nackt schwimmen.“

Ich war entsetzt:

„Was? Wie? Ja und wie hat sie reagiert? Hat sie nicht geweint? Das ist doch furchtbar, nackt vor der Klasse rumlaufen zu müssen.“

Sie: „Klar hat sie geweint und wie. Aber Frau Klotz hat gesagt, sie muss. Ich hab Frau Klotz gesagt, dass sie weint und man sie nicht zwingen soll. Ich hab gesagt, sie soll sie auf der Bank sitzen lassen. Aber Frau Klotz meinte, Yolanda würde sich da nur langweilen und sie müsste schließlich was lernen.“

So. Die Situation ist ja schlimm genug. Frau Klotz aber war die Lehrerin, die auf die sexuell konnotierte Belästigung eines Schülers Nummer 2 gegenüber vor zwei Jahren Folgendes gesagt hat:

„Tja, da frag ich mich ja , warum du so etwas mitmachst, wenn es dir angeblich nicht gefällt …“

Ich habe langsam den Eindruck, Frau Klotz (Name natürlich geändert, wie immer bei uns) kann mit bestimmten Themen nicht wirklich (sensibel) umgehen.

Ich denke darüber nach, der Schulleitung zu schreiben, beide Fälle zu schildern und darauf zu bestehen, dass meine Tochter sicherlich nicht nackt schwimmen gehen wird. Zudem noch in einem öffentlichen Bad, wo eine Menge Fremder sind. Puls die eigene Klasse. Ich finde das unfassbar.

Für mich ist das demütigend und eigentlich eine Form von Misshandlung durch massive Beschämung.

Wie seht Ihr das?

Übertreibe ich damit oder ist das wirklich mehr als grenzwertig?

Ding-Dong

Ja, es war soweit:

Ich musste konsequent sein. 

Es gab Schiller. Eine ganze Menge davon:



Oh Mann, es war bis auf vier Seiten ein ganzes Heft voll.

Ob es irgendwie lehrreich war?

Ich: „Nummer 1, hast du etwas dadurch gelernt?“

Sie: „Ja, dass Schiller sch*** ist.“

Ähem. Ja. Das war wohl nix.

Darum gibt es beim nächsten Mal den Prometheus😄

Radeln für Fortgeschrittene und zum Abgewöhnen

Nummer 1 und Nummer 2 haben heute den Übungsdurchgang für die am Freitag anstehende Fahrradprüfung.

Sie hatten bereits in der dritten Klasse der Grundschule eine Fahrradprüfung – nein, nur Nummer 1 hatte eine, denn Nummer 2 hat sich die Dritte ja gespart. Aber sie meckerte trotzdem über die dämliche Prüfung und das blöde Radeln.

Jedenfalls hätte ich zu diesem Anlass alle Kinder frühmorgens ins Auto packen und das Fahrrad schrumpfen müssen, damit es auch noch Platz fände, um alles morgens zur Schule und mittags zurück zu befördern. Netter Weise kam der Opa heute Morgen mit seinem Fahrradtransporterkofferraumanhängdingsda und half mir aus, indem er die beiden plus das Rad (mit dem sie sich für die Prüfung abwechseln um nicht zwei Räder anschleppen zu müssen) zu chauffieren. Freitag tut er das dann noch einmal.

Niemand hier liebt das Radeln, obwohl eine der Lehrerinnen an der Schule Nummer 2s Unwillen gegenüber dieser Radsportveranstaltung wie folgt kommentierte:

„Also wenn man am Niederrhein wohnte, dann muss man ja wohl ein Fahrrad besitzen und viel radeln!“

Echt jetzt? Ich sehe komischer Weise hier kaum Kinder radeln. Erwachsene schon und alle sechs Monate mal ein Grüppchen älterer Kinder oder eben kleine Kinder, die auf dem Laufrad wuseln, während Oma daneben spaziert. Ich bin hier nicht hergezogen, damit ich mal so richtig doll radeln kann. Vom Radeln krieg ich immer Ohrenschmerzen, weil meine Lauscher Wind hassen. Und es strengt mich an und ich finde jeden Sattel unbequem und bin langsam wie ’ne Schnecke. Dabei kann ich locker drei Stunden Zumba am Stück – aber auf dem Rad bin ich spontan 95 Jahre alt.

Ich erinnere mich gut an meine Fahrradprüfung der vierten Klasse. Irgendwie bin ich leider „falsch herum“ (bin umerzogene Linkshänderin, da ist manches „verdreht“) abgestiegen und der nette Polizist, der uns auf dem Schulhof um sich herum radeln ließ sagte:

„Tja, als Flasche der Nation darfst du jetzt noch mal eine schöne große Extrarunde drehen. Vielleicht schaffst du es ja dann, von einem Fahrrad abzusteigen.“

FullSizeRender (1)

Heute Morgen in der Früh entlud sich mein Fahrradzwangsveranstaltungsfrust dann:

Ich: „Was für eine unzeitgemäße Veranstaltung. Als ich Kind war, da machte das ja noch Sinn – da sind wir alle fahrradgefahren, wenn wir irgendwohin wollten. Aber jetzt? Es bräuchte andere Prüfungen in den Schulklassen. Solche, die zum Alltag der Kinder passen.“

Nummer 2: „Was denn für welche?“

Ich: „Zum Beispiel eine Auf-dem-Rücksitz-von-Mamas-Auto-Sitzprüfung oder eine Irgendwann-fahre-ich-nachmittags-alleine-mit-dem-Bus-Prüfung für alle ab 16 Jahren oder auch eine FSK18-Spiel-Prüfung für eure sechste KlasseIn Letzterer lernt man dann zum Einen, wie man bei GTA diesen einen Typen richtig foltert, so dass der nicht dauernd in Ohnmacht fällt und bekommt die homosexuellen Vergwaltigungsandrohungen erklärt, die der Hillbilly mit der Halbglatze von sich gibt. Und zum Anderen lernt man noch, wie man die ganze Gewalt verarbeitet, der man sich beim Spielen aussetzte.“

Nummer 2 griff wortlos nach ihrem Fahrradhelm. Nicht, dass sie GTA spielen würde – Gott (oder in diesem Fall eher ihre gute psychologische Selbsteinschätzung) bewahre – aber vielleicht verblasste angesichts meiner Genervtheit ihre eigene und wich einem Hauch Motivation. Oder sie wollte einfach nur weg 😀

Von der Kunst, die Menschen zu zeichnen

Gestatten, das ist Schindholm, der Knecht:

Foto 4

Mit seinem stets wachen Blick und dem lächelnden Munde begeistert er die Menschen rings um ihn.

Und das ist Kuniberta, die Magd:

Foto 3

Leider gab ihr der Herrgott eine Mixtur aus Gleichmut und Einfalt in die Wiege.

Die beiden arbeiten nicht alleine auf ihrem Hof. Sie haben Gefährten und Gefährtinnen. Diese zusammen nennt man das Gesinde. Ohne „l“ bitte, darauf legt das Gesinde Wert. Allesamt haben sie, die kleinen und große Mägde und Knechte eine wunderbare neue Aufgabe: Sie zeigen jungen Menschen die Schönheit und Vollkommenheit des menschlichen Körpers. Und den Wandel desselben vom Kinde zum Herangewachsenen. Hierbei zeigen sie die wichtigsten Merkmale der männlichen und weiblichen Leiber. Besonders zu nennen sind bei den Frauen die großen Füße, die breiten Hälse, der wie zufällig positionierte und schräg sitzende Bauchnabel, das manchmal interessant trichterförmige Intimmerkmal, stets unterschiedlich große und nicht immer runde Brüste, sehr lange Oberschenkel, fehlende Taillen und Hüften sowie möglichst missproportionierte Gesichter:

Foto 2

Ja, oh! Haben Sie da gerade Schindholm entdeckt? Ich auch! Dann hat er uns bisher gekonnt belogen und sich als Mann ausgegeben. Gut, dass das nun herauskam, ehe er versucht, sein Heimatland von englischen Invasoren zu befreien!

Das männliche Gesinde präsentiert sich für die Bildung der Jugend ebenfalls gern nackt. Besondere Merkmale: Große Füße, sympathische Gesichter, Bartstoppeln:

Foto 1

Es wird seither vermutet, der Zeichner – vermutlich ein neuer Zögling seiner Zunft – wurde bei der Lektion der Aktzeichnerei der Mägde ausgeschlossen, weil er dafür zu jung war. Fortan musste er sich das Weibsvolk vorstellen, wie es ihm richtig deuchte. Und seine Vorstellungskraft war mager. Der Bursche wird inzwischen wohl mit aus Pinseln gefertigten Ruten gegeißelt. Recht so!

Wie sollen die armen Kinderlein denn lernen, wie der Storch die Kindchen bringt, wenn ein Stümper wie er ihnen das Interesse mit gräulichem Bilde im Keime erstickt?

(Bildmaterial aus dem Unterricht der zweiten Grundschulklasse zum Sexualaufklärungsunterricht. Führte bei unseren Kindern zu satirischem Protest. Bei mir übrigens auch …)

Geklärt

Die Lehrerin von Nummer 1 und 2 rief mich gestern Abend an, um den Sachverhalt zu klären und vorzuschlagen, dass sie mit dem betreffenden Jungen reden würde. Der mit der Idee des „Nummer-2-Opfer-Spiels„. Dies hat sie heute auch getan.

Ergebnis: Der Junge hatte leider keinerlei Erinnerung daran, dass er so etwas gesagt habe und weil er als vernünftiger Junge mit guten Noten bekannt ist, war Frau Lehrerin anscheinend geneigt, ihm zu glauben. Doch Nummer 1 hatte ihn dabei gehört. Es wurden Zeugen gerufen. Diese hatten auch eine partielle Amnesie, bestätigten aber, dass so etwas tatsächlich gesagt worden war – bloß hatten sie plötzlich vergessen von wem. Am Ende weinte Nummer 1, weil sie das Gefühl hatte, man würde ihr nicht glauben. Und der Junge weinte auch. Und sagte immer wieder: „Das ist ja jetzt auch egal. Das ist ja jetzt auch geklärt.“ Das hat er bis zum Schulschluss immer mal wieder gesagt. Nummer 2 befand nichts als geklärt und Nummer 1 hatte eingeräumt, dass ein Missverständnis vorliegen könnte (wobei sie genau wusste, was sie beobachtet hatte). Ich weiß schon, warum ich Aggressionen bekomme, wenn mir jemand etwas als Missverständnis verkaufen will …

Klären ließ sich das jedenfalls nicht so richtig gut. Aber der Junge sagte hinterher, Nummer 2 möge bitte ihrer Mutter ausrichten, er habe niemals so etwas gesagt. Ich solle bloß nicht schlecht von ihm denken, wenn ich ihn demnächst sähe. Er hat sich das also ganz schön reingezogen. Von daher schon irgendwie geklärt.

Anders zu sein ist mehr als lästig …

Nummer 2 erzählte eben mit erstaunlich neutraler Stimm(ungs-)lage:

„Die in der Klasse nerven. Der Club dämlicher Jungs (Remember? Die Orks) hat heute ein Spiel entwickelt, das zum Ziel hatte „Nummer 2“ töten. Das Spiel nannten sie „Das Nummer2-Opfer“. Das fanden die lustig.“

Ich (getroffen und angewidert zugleich): „Und wie fandest du das?“

Sie: „Ich bin’s gewohnt. Die in der Klasse können mich nicht leiden.“

Ich: „Es ist nicht die Mehrheit, die dich nicht leiden kann. Das haben wir doch schon mal besprochen. Auch mit deinem Mathelehrer da im Gespräch.“

Hilfreich an dieser Stelle: Nummer 1 mit folgendem Einwurf:

„Doch! Doch! Das sind die meisten. Die meisten können dich nicht leiden.“

Ich werfe ihr einen bösen Blick zu, den sie nicht zu verstehen scheint. Darauf sage ich:

„Es sind wie viele Jungs, die Nummer 2 nicht mögen? Vier? Okay. Und die drei Mädels. Macht sieben Kinder. Sieben von 26. Das ist ja mal ’ne Mehrheit, Nummer 1. Hattest Du echt ’ne Zwei in Mathe?“

Danach wende ich mich an Nummer 2 und erkläre, dass Schule ein bisschen wie eine nicht-chronifizierte Krankheit ist: Man muss da durch. Man muss das Beste draus machen. Hinterher erinnert man sich meist nicht so gerne daran. Im Verlauf spürt man eine Besserung. Irgendwann ist es vorbei.

Ich sage ihr, dass ich ähnliche Probleme hatte wie sie. Erkläre ihr, dass so was wie das „Todesspiel“ Mobbing ist. Sage ihr, dass nicht das Opfer sondern die Täter die Blöden sind. Meist rät man dem Opfer, sich anders zu verhalten. Wie blöd, wenn mit den Tätern dann niemand spricht. Aber so läuft das. Wie auch immer werde ich sie nun zu den frisch ausgebildeten Streitschlichtern der Schule schicken. Die haben ein Konfliktlösungsseminar besucht und können so etwas angeblich auflösen.

Ich habe mit ihr zusammengefasst, dass sie diese sieben Mitschüler selber nicht besonders sympathisch findet. Und dass es Kinder gibt, die sie mag und die sie mögen. Und dass sie heute müde ist und ihr Knie weh tut und sich alles allein deshalb schon blöder anfühlt an sonst. Danach war sie innerlich aufgerichtet.

Ich habe ja schon lange alle Hoffnung fahren lassen, wenn es um Schule geht. Das passierte unter Anderem, als die erste Grundschullehrerin Nummer 2 attestierte, dass sie etwas zurückgeblieben und unreif sei. Oder die nächste Lehrerin, die meinte, Nummer 2 sei depressiv. Und das war die gleiche, die in der Diskussion um das Eine-Klasse-Überspringen sagte: „Ich habe ihr ja oft genug Aufgaben gegeben, die sie fördern sollten. Aber sie war ja zu arrogant, die zu lösen!“ Und als ich daraufhin sagte: „Sie haben ihr noch mehr  Stoff der zweiten Klasse hingelegt und gedacht, damit sei es erledigt?“ Solche und viele weitere Momente waren es wohl. Die gleiche Dame reagierte auf Nummer 2s Beschwerde über einen sich vor ihr im Gebüsch entblößenden Jungen so: „Ja was? Da frage ich mich doch, warum du das mitgemacht hast, wenn es dir nicht gefallen hat.“ Schule eben …

Es sind gleichschaltende, schnödes Nachplappern verlangende Institutionen, die einer Maschine gleichen. Platz für Abweichler gibt es exakt null. NULL! Das, was unsere Kinder an Persönlichkeit haben, das bilden sie dort ganz sicher nicht wunderbar aus oder weiter. Sondern zuhause. Ich kann ihnen leider nicht vermitteln wie schön und wichtig für’s Leben die Schule ist. Denn ich habe ihnen versprochen, sie nicht zu belügen.