Hausrenovierung, Teil 1

Fertig mit dem Anfang

Das lange Wochenende (und die, die da noch kommen werden bis Ende Juli der Umzug ansteht) haben wir sehr gründlich für die Hausrenovierung genutzt.

Zuerst wollten wir die Küche nebst dem Essbereich von der alten, alten, alten Tapete befreien. Diese war aber so unterwegs:

„Ganz oben drauf habe ich so drei schöne Schichten Farbe. Mit Latexanteil. Da kommt Eure Bewässerung nicht durch. Wenn Ihr mich einritzt, dann geht es etwas besser. Aber ich gebe mich nicht schnell geschlagen. Werdet Ihr sehen. Und ich habe noch eine Überraschung vorbereitet …“

Diese Überraschung zeigte sich dann nach vielem Kratzen: Sich teilweise auflösendes, bröselndes und Klümpchen bildendes Fermacell als Untergrund. Wir befragten unseren kundigen, begelitenden Fachmann per WhatsApp, der nicht nur Bauleiter, sondern auch Nummer 2s Pate ist und erfuhren, das Fermacell in den 1970er Jahren gerne auf die rohen Innenwände geklebt wurde, um das Verputzen zu sparen. Und wenn man damals keine vernünftige Grundierung auftrug, dann, ja dann hat man 40 Jahre später bei der ersten gründlichen Renovierung richtig viel Spaß.

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Vorne: Ein Teil der Wand verputzt, der Rest Fermacell – lauter Überraschungen. Hinten: Nummer 2 mit Pudel 

Da wir aber echt lustig drauf waren wegen des schönen gemeinsamen Projekts, bei dem die Kinder erstaunlich richtig gut mithalfen, haben wir einfach drüber gelacht. Ich war so Stand-Up-mäßig:

„Tja, die 70er, die wilde Zeit. Damals so: Asbest ist klasse. Das Zeug hat so tolle Eigenschaften. das KANN nur nützlich sein. Immer rein die Wände der Privathäuser und Schulen und in die tollen Nachtspeicherheizungen! Damit sparen wir Energie und haben schön lange unsere Ruhe.

Das ist ja auch das, was die Handwerker immer haben: Machen das hier fest für rund 56.000 Euro und dann haben sie aber auch schön lange Ruhe. Diese Ruhe suche ich bis heute! Und die 56.000 Euro meiner letzten Handwerkerbegegnungen!

Und wo wir gerade in den 1970ern sind: Atomenergie fand man ja auch ganz großartig! Gerade noch herrschte das große Zittern von wegen Kalter Krieg und so, aber diese komischen Atomdinger kann man ja auch ganz gefahrenfrei anders einsetzen. Quasi für etwas Gutes! Alles getestet und von den klugen Studierten da irgendwo für gut befunden. Den Atommüll den, hm, ja, ach den lagern wir dann irgendwo in einer großen, großen Höhle. Da macht er es sich dann für die nächsten paar Millionen Jahre schön gemütlich. Immerhin haben wir dann erstmal genug Energie und damit haben wir schön Ruhe.

Dagegen ist dieser Papiermist hier an der Wand unseres neuen Hauses richtig toll! Klar sagt der Hersteller das Zeug sei praktisch und so. Und ganz ehrlich: Wenn man einmal 1976 eine Tapete aufklebt, dann hält die doch locker bis 2017! Da streichen wir dann immer wieder drüber bis zur Rente und gut is. Und wer die dann mal abmacht – dem begegnen wir vermutlich eh nicht mehr.

Die 70er halt. Alles war für immer: Die Ehen, das kackbraune Badezimmer, die unterdrückten Familienkonflikte, die gute Vorwerk-Auslegeware.

Wie schon in den 60ern üblich: Das Schlafzimmer, so sagte der Möbelfachberater, das hält eeewig! Wir nehmen nun 14.000 D-Mark bei der Bank auf und stellen es uns hin. Dann haben wir für immer Ruhe. Und freuen uns auch in 40 und mehr Jahren noch über die (dunkle, leicht abgestoßene und mega altmodische …) Wertarbeit. Und das taten sie. Gesehen in vielen Häusern, beispielsweise dem Elternhaus meines Mannes. Ne, Mann?“

Da mein Mann meine Comedy-Einlage begrüßte – vermutlich weil einfach jede Abwechslung vom Spritz-es-nass-und-kratz-es-weg-spritz-es-nass-und-verzweifle-Modus ihm schon weiterhalf – amüsierte er sich angemessen köstlich.

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Hier im Bild: Fleißiger Ehemann im zukünftigen Schlafzimmer. Bei köstlichem Amüsement.

Es grünt so grün …. sooo grün

Am Sonntag brauchte ich eine Pause von der Tapete und bin zwei Stunden durch die grüne Hölle den Garten gerodet. Bewaffnet nur mit einer kleinen Gartenschere.

Ich wurde zu einem Drittel fertig. Und es sah richtig viel besser aus. Mehr Garten einfach. Der Garten ist ohnehin eigentlich sehr schön angelegt: Keine rechteckige Rasenfläche mit kärglicher Rahmenbeblühung, sondern so üppig, mit einem Teich in der Mitte, der wiederum schön bewachsen ist. Allerdings wird der aus Gründen der Kindersicherheit noch entwässert werden und anschließend mit Kies und großen Steinen aufgefüllt, über die dann ein Wässerchen rinnen wird.

Es stehen auch noch diverse viel zu hohe Bäume, für deren Kürzung wir bereits einen Fachmenschen zu Rate gezogen haben, der diese übernehmen wird.

Es befanden sich über und unter den diversen Sträuchern und Büschen Figuren. Diese stöberten unsere großen Mädels mit mir auf. Kleine Hasen mit nur einem Ohr („Das andere Ohr hauen wir auch noch weg, dann ist es ein Till-Schweiger-Hase, Mama! Du liiiebst doch Till Schweiger, ne?“ – „Ja und wie …!“), viele, teils bemooste Plastikenten, halb verrottete Wagenräder, diverse Pflanzbehältnisse, deren Böden beim Anheben herausbrachen, Frösche, noch mehr Hasen und viele Kugeln, Kürbisse und noch mehr Kürbisse und ein paar mehr Hasen. Überhaupt viel Deko. Überall. Und sehr viele Blumenkübel. An der Pergola hingen Engelchen, verrostete Hufeisen, noch mehr Engelchen und noch mehr verrostete Hufeisen und … mit Alufolie überzogene Vogelhäuschen, sowie verrostete Metallherzen und ein Vogelhaus ohne Boden, das beim Abnehmen auseinanderfiel.

Wir schleppten all das – inklusive zweier schwerer Gänse vom Teichufer (von welchen die eine ihres abgebrochenen und nur draufgelegten Kopfes verlustig ging)- neben das Gerätehaus. Dann entfernte ich von drei nicht mit ausschließlich toten Blumen bestückten Pflanzkübeln das verwelkte Zeug und stellte sie in die Sonne auf der Terrasse, wo ich sie liebevoll goss.

Kurz darauf fand ich eine Notiz der Vor-Eigentümerin an einem Schrank im Wohnzimmer, auf dem sie aufzählte, was sie noch alles abholen wolle. Ganz klein am Rand las ich:

„- Katzensachen

  – Koffer

  – Kübel aus Garten“

Äh ja. Oh. Dann muss sie diese wohl neben dem Gerätehaus herausklauben, wo wir sie ganz ausgesprochen nicht sehr fachfrauisch aufgestapelt haben …

Während ich mit äußerst dornigen Bäumen mir unbekannter Art kämpfte und mich durch verstaubtes Efeu zum Rhododendron wühlte, hörte ich tief in mir das meditative und in diesem Fall zudem motivierende Plätschern des noch anzulegenden Kinderteichs in meinem inneren Ohr.

Ich roch bereits das Grillgut aus dem kugelrunden Angebergrill des Ehemannes auf der Terrasse und spürte die wohlige Gemütlichkeit einer dicken, noch zu kaufenden Gartenmöbelauflage unter meinem Hintern in meinem Rücken.

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Das wird noch eine Menge Arbeit. Allerdings mache ich diese gerne. Lieber als Tapetenentfernen zumindest.

Scherben, Glück und so

Nachdem wir die ersten beiden Tage fleißig die Küche enttapeteten, gingen wir wagemutig in’s Schlafzimmer über.

Dort hing ein sehr großer Wandspiegel, der an der rechten oberen Halteschraube einen Riss hatte. Mein Mann entfernte also zuerst die beiden unteren Schrauben und dann, ja dann zuerst die linke. das war dann irgendwie ungünstig. Ich verfüge zum Glück über eine starke Intuition – die nicht die Hebammen erfreute das immer sehr – und drückte meine Hände schon gegen das Monsterteil, als er gerade die Schraube fast gelöst hatte.

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Oben rechts am Spiegel: Ein Riss. Ein vermutlich die Stabilität beeinflussender Riss.

                       KRACH!!!

Kinder kamen angerannt, Hund schlug Alarm (so quietschig, wie gefühlt 15 Millimeter große Toy-Pudel das so können) und wir alle sahen im SloMo wie die Scherben fielen. War so richtig Arthaus-artig. Da es mehr als sieben Teile waren, fürchteten wir jedoch kein Unglück.

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Weit mehr als 7 Scherben: Der alte Wandspiegel

Im Haus befindet sich noch allerlei Gemischtes der Vorbesitzerin, die dieses kommende Woche entrümpeln lassen wird. Darunter ein Vorwerk-Staubsauger, dessen Schlitten ungefähr 400 Kilo wiegt. Allerdings gefiel mir, dass man das Teil am Handstück anschalten konnte. Coole Erfindung. Dieses Ding manövrierte ich jedenfalls die Treppe runter, damit ich die Kleinstscherben kinder- und hundepfotenfreundlich entsorgen konnte.

Wir philosophierten darüber, ob es eine Marketingstrategie sei, die Staubsauger so schwer so machen, damit jede Hausfrau ihre Leistung in allen Knochen spürt und sich danach ein wohlverdientes Päuschen gönnt, welches ihr das Über-Ich der moralinsauren Patriarchatsindoktrination ansonsten nicht gönnen würde.

Dann stellten wir fest, wie unfassbar beknackt es ist, während der Renovierung geistig zwischen Freud und den Suffragetten zu sein.

Im Anschluss daran aber fanden wir es  aber wieder ziemlich lustig.

Der süße Lohn der Arbeit

Unsere Erstgeborene bewies ihr Können besonders dabei, die Holzrahmen der Fenster und Tür an der Terrasse zu streichen. Hinterher war sie sichtbar stolz auf den richtig schön erneuerten Look der Rahmen.

Überhaupt haben die Kinder viel gelernt an diesem Wochenende:

Arbeiten im Team macht Spaß. Man muss Missgeschicke nicht ernst nehmen und ist nicht verpflichtet, sich total über nervige Arbeit aufzuregen. Arbeit ist auch mitten in der Null-Bock-Phase echt wert, sich aufzuraffen und am Ende ist man einfach stolz und zufrieden.

Die Kleinen haben viel gespielt, das neue Haus erkundet und im Falle von Nummer 3 auch wirklich viel Tapete abgekratzt. Nummer 4 hat dann vor Wut, weil er die defekte Lampe der Vorbesitzerin nicht mit nach Hause nehmen durfte einen vollen Wassereimer umgeschubst. Und es war irgendwie gar nicht so schlimm, die 5 Liter im uralten Teppichboden versinken zu sehen. Die Atmosphäre war sehr schön und gelöst und vorfreudig.  Das wird natürlich nicht immer so sein – daher genießen wir es, wann immer es der Fall ist.

Dem Hund war übrigens kalt. Ihm ist meistens kalt. In diesem Fall teilten wir diese Körperwahrnehmung, denn wir bekamen die Heizung nicht richtig an. Die Fußbodenheizungsteuerung war nicht ohne langes Studium der langen Anleitung zu verstehen. Aber immerhin hatten wir warmes Wasser. Von diesem aber profitierte der Hund natürlich nicht. Also bauten wir ihm ein provisorisches Körbchen. Aus dem erwähnten Allerelei, das sich noch im Haus befindet.

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Kein Symbolbild: Frierender Hund

Das Schlafzimmer wurden dann an drei Wänden fertig.  Die Küchen an allen Vieren. Angesichts der Zeitintensität der Tapetenkratzerei beschlossen wir, die Kinderzimmer einfach nur zu streichen. Und das Büro/Nähzimmmer ebenfalls. Irgendwann, in ferner Zukunft gönnen wir uns dann Fachmenschen, die Geld dafür bekommen, unter Fermacell zu leiden, während wir dafür ja auch noch bezahlt haben! Diese fröhlichen Fachmenschen können dann voller Elan tapezieren, was ihnen gar nichts ausmachen wird, da sie sicherlich das nötige Knowhow und vor allem die besten Maschinen dafür haben. Vermutlich war dieser Gedanke ein simpler Abwehrmechanismus:

Wir hatten einfach keinen Bock mehr auf das Gekratze!

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Die Tapete ist ab und wir müssen uns schlau machen, wie wir auf den bröseligen Mist nun eine Tapete aufbringen können. Untertapete? Wand verputzen? Verzweifeln? Drei Tapeten übereinander?

Das erste Wochenende liegt also nun hinter uns. Wir sind müde, uns tun diverse Muskelgruppen weh und am kommenden Wochenende sind wir nur semi-fleißig, da ich am Freitag und Samstag zum Blockseminar für meine Ausbildung bin und am Sonntag eine Konfirmation in der Verwandtschaft ansteht. Somit wird mein Mann am Samstag ohne mich, aber mit der Unterstützung der Kinder, fortfahren, während ich im Seminar sitzen werde. Fühlt sich jetzt schon irgendwie blöd an, aber es ist nicht zu ändern.

Es steht das Thema „Pharmakologie und organisch bedingte psychische Störungen“ an und das möchte ich nun nicht verpassen. Wie auch kein anderes der Themen. Bin echt noch immer freudig dabei.

Bis zum nächsten Bericht unserer Fortschritte und Rückschläge ❤