80 über Nacht – Teil 4

Als nächstes war Laufen lernen angesagt. Sprechen hatte ich – mit allen möglichen und unmöglichen Verzögerungen – langsam wieder gelernt. Zumindest konnte ich mich in etwa so gut wie ein Besoffener artikulieren. Wie ein sehr Besoffener.

Das war wieder ein Thema für sich. Ich hatte mit den ersten begleiteten Steh- und Gehversuchen angefangen, als ich noch nicht sprechen konnte. Das bedeutete, dass ein Mal am Tag zwei Physiotherapeuten vorbeikamen, die mich ja nach Zeitplan und meinem aktuellen körperlichen Zustand im Bett aufrichteten oder hinstellten. Wenn es mir aus irgendeinem Grund nicht besonders ging und ich nur sitzen und nicht stehen durfte, war der Tag für mich gelaufen – die Physiotherapie war der einzige Teil des Tages, der (subjektiv) für mich einen Fortschritt bedeutete. Okay, die Ergotherapie auch – aber das Gefühl ans Bett gefesselt zu sein war deutlich enervierender als meine mangelnde Feinmotorik.

Natürlich lief es nicht immer gut, und auch die Therapeuten waren nicht immer der Meinung dass ich soweit gehen sollte wie ich es gerne wollte. Das führte mal wieder zu einer „Ich gegen das Krankenhaus“-Situation:

Eines Morgens (ich hatte mal wieder ein in meinen Augen nutzloses Wochenende ohne Therapie hinter mir) signalisierte ich den Therapeuten, dass ich gerne stehen wollte. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich so halb sprechen, will heißen mit Sprechaufsatz ging´s, aber den kriegte ich halt nicht immer. Also mal wieder per Gewurschtel kommunizieren.

„Sie wollen stehen, Herr Eldorado?“

Das wollte ich nicht, aber wenn ich nein gesagt hätte, hätten sie mich im Bett gelassen – also nickte ich. Wenig später, auf den Beinen, signalisierte ich Laufbewegungen.

„Sie wollen laufen? Das finde ich jetzt noch ein wenig früh … sie können ja gerade so stehen …“

Ich fluchte innerlich. Und nickte. Was soll ich sagen? An dem Tag war nix für mich zu holen.

Aber einen Tag später brachte er Verstärkung mit. Mit zwei Physiotherapeuten unter den Armen machte ich den ersten Schritt meines neuen Lebens. Wie immer war es ein kleiner, lächerlicher und frustrierender Schritt, der mir nur zu bewusst mache wie es um mich stand. Ein großer Schritt für einen kranken Körper, sozusagen, aber ein kleiner Schritt für mich, der ich noch immer eigentlich gesund in diesem kranken Körper steckte.

Am ersten Tag machte ich einen Schritt. Zwei Tage später wollte ich mehr. Die Therapeutin, die gerade bei mir war, blickte skeptisch.

„Sie können sich ja fünf Schritte als Ziel für diese Woche setzen, Herr Eldorado.“

Ich wollte (mal wieder) ausrasten. Fünf Schritte? Die tickte ja wohl nicht richtig. Wie so häufig – das kann ich heute mit einem gewissen Stolz sagen – setzte sich meine Sturheit durch. Am Ende der ersten Woche machte ich 60 Schritte.

Aber ich musste auch lernen, das meine Sturheit zwar einiges mehr bewegen konnte als die Ärzte und Pfleger erwarteten – aber leider viel weniger als ich erwartete. Stolz wie Oscar organisierte ich nach den ersten Erfolgen, dass meine Frau beim Lauftraining dabei sein konnte. Die Therapeuten brachten mich in den Physioraum, halfen mir zwischen zwei Stangen auf die Beine – und ich schleppte mich schwitzend und keuchend  fünf Schritte quasi allein vorwärts. Das war wohl ein bißchen wie beim ersten Auftritt von Monika Lierhaus: Obwohl es toll war, wie viel sie wieder gelernt hatte, waren die meisten schockiert davon.

Viele Monate später erzählte mir meine Frau, dass sie währenddessen geweint hatte – aber nicht vor Freude.

„Ich habe Dich immer als jemanden gekannt, der eine Couch alleine trägt oder einen Baum ausreißt. Du warst einer der stärksten Männer, die ich kannte. Und jetzt musstest Du Dich so voranschleppen. Ich weiß ja dass das für diese Situation toll war – aber trotzdem …“

Okay, halten wir fest: Laufen war erstmal Mist und würde auch noch lange ein Thema sein. Aber einige Dinge wurden zu dieser Zeit substanziell besser: Ich konnte den iPod selbst bedienen, meine Kopfhörer mit einiger Mühe selbst wieder in die Ohren tun. Und ich konnte mit dem Nintendo DS spielen, den meine Frau mir geschenkt hatte. Das war eine geradezu absurd vielfältige Auswahl an Handlungsmöglichkeiten für mich.

Dazu muss man sagen, dass totale Handlungsunfähigkeit interessante Effekte auf die menschliche Psyche hat. Ich habe einmal gelesen, dass man sich daran gewöhnt, das Bedürfnisse einfach nicht erfüllt werden, so dass dieses nach und nach verschwinden. Das kann ich sogar bestätigen – ich habe in den ersten Wochen gelernt sehr, sehr viel einfach auszuhalten. Das ging soweit das mein einziges positives Körpererlebnis der Brechreiz war, den ich manchmal beim Absaugen verspürt hatte.

In dieser Zeit machte ich auch gute Erfahrungen mit dem Pflegepersonal – zum Beispiel mit Schwester Candy. Schwester Candy hatte sich mir mit dem denkwürdigen Satz „Hallo, ich bin Schwester Candy!“ vorgestellt. Es fiel mir unglaublich schwer, nicht „Natürlich bist Du das.“ zu antworten. Sie war richtig gut drauf, sehr nett und ich hatte das Gefühl dass sie sich über meine Besserung freute. Anstatt mich zu wenden wie ein Brathähnchen kam sie in mein Zimmer, sah mich Nintendo DS spielen, und fragte mich: „Auf welcher Seite liegen Sie denn gerade, Herr Epler?“

Zur Erklärung: Neurologische Patienten werden so ungefähr alle zwei Stunden gedreht, um wundliegen zu verhindern und den Körper anzuregen. Logischerweise konnte ich meine neuen Freiheiten aber nur in der Rückenlage auskosten, die theoretisch nur alle vier Stunden erlaubt war. Da ich durch meinen neuen Bewegungsdrang aber kaum in Gefahr war mich wundzuliegen, war ich Candy für dieses Entgegenkommen sehr dankbar.

Mein großes Ziel (Weihnachten zuhause sein) stand aber trotz allem noch in der Schwebe. Ich befand mich immer noch in der Frühreha – zwischen mir und der Freiheit lag auf jeden Fall noch die „normale“ Reha, und noch war nicht klar, wann ich dorthin kommen würde. Und wo dieses dorthin überhaupt wäre.

To be continued …