Endlich: Unser Update

Endlich: Unser Update

Die Zwischenzeit

Wie angekündigt nehmen wir unsere geschätzten Leserinnen und Leser noch einmal mit durch unsere letzten dreieinhalb Jahre und bringen Euch „auf Stand“. 

Ein neues Haus

Wir haben mal ausgerechnet, dass wir insgesamt rund 500 Stunden Arbeitszeit in unser neues Haus gesteckt haben, ehe wir umziehen und mit dem Einleben beginnen konnten.

Unsere Berichte bis zum Umzugstag habt Ihr miterleben können und so zeige ich Euch heute einige Fotos aus den letzten drei Jahren:

Der Wintergarten: Während des Corona-Homeoffices eines schöne Ausweichstelle zum Arbeiten 😀
Unschwer zu erkennen: Die Küche
Hier futtern wir. Nein, es ist nicht immer so aufgeräumt 😀
H 1, der Pudel, im Weihnachtsoutfit
Pudelchen gibt sein Bestes, um besonders niedlich auszusehen
Mister Essential wurde 40. Ja, ich auch.

Ein neuer Kindergarten

Nummer 4 hatte großes Glück, einen wunderbaren Kindergarten zu finden und dort sehr gut anzukommen. Ja, er hatte immer noch Trennungsängste. Aber nach dem Abschied von Mama oder Papa am Morgen konnte er dort so viele schöne Tage verbringen.

Auf dem Weg zum ersten Kindergartentag

Und was für uns zwei Jahre waren, geht für Euch nun in Sekunden:

Der letzt Kindergartentag: Nachhauseweg mit Papa und Opa

Ihr habt richtig gelesen (oder nachgerechnet): Nummer 4 ging nur 2 Jahre in den Kindergarten – aber dazu später mehr.

Eine neue Schule

Wir haben uns schnell einleben können, da wir umgeben waren von lauter lieben Menschen:

Kaum fegten wir einige Blätter auf dem Gehweg zusammen kam unsere liebenswerte neue Nachbarin und bot uns Platz in ihrer Biotonne an.

Nummer 1 und Nummer 2 sahen mich zögernd an.

„Vermutlich sind wir Teil eines Sozialexperiments,“ flüsterte ich, „eventuell finden wir irgendwann die versteckt installierten Kameras …“

Wir waren wirklich etwas paranoid geworden durch das Mobbing und den überwiegend nicht als allzu weltoffen zu bezeichnenden, dörflichen Charakter unseres vorherigen Wohnortes.

Ich erinnere vermutlich für immer den ersten Tag, an dem Nummer 2 strahlend aus der neuen Schule kam und auf meine – wie gewohnt ängstliche – Frage, wie es denn gewesen sei, antwortete:

„Es war total schön!“

Und daran änderte sich bis heute nichts.

Alle drei Großen gehen auf das gleiche Gymnasium, das durch einen unglaublich kompetenten Rektor geleitet wird. Die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte wertschätzen einander. Ich bin immer wieder gerührt. Und wenn ich mal in einer lokalen Facebook-Gruppe lese, dass sich jemand beschwert, weil der Umbau der Sporthalle besagter Schule zu lange angedauert habe, dann denke ich: „Sch*** auf die Halle! Diese Schule ist einfach wunderbar!“

Nummer 1 und Nummer 2 erholten sich nach und nach von ihren Erlebnissen an der vorherigen Schule. Und ebenso erging es uns als Eltern.

Natürlich kann man traumatische Erfahrungen wie mehrjähriges Mobbing nicht einfach „ausschwitzen“ und so wird Nummer 2 in Zukunft auch am neuen Wohnort noch einmal fachliche Unterstützung erhalten, um in Gesprächen und Übungen zu noch mehr Selbstvertrauen zu finden. 

Und noch eine neue Schule

Nach diversen Gesprächen mit Erzieherinnen, der Schulpädagogin und der Schuldirektorin sowie vielen Überlegungen kam Nummer 4 etwas verfrüht in die Schule. Er hat Anfang Dezember Geburtstag und unser Stichtag war Ende September. 

Er geht sehr gerne in die Schule und hatte nur zu Beginn ein wenig Schwierigkeiten, seine Rolle als Jüngster anzunehmen ohne sich davon zu klein zu fühlen. Er hat schnell Freunde gefunden zu denen auch unter anderem wieder ältere Kinder aus höheren Klassen gehören – im Kindergarten hatte er sich ebenfalls an den Ältesten orientiert.

Der Abschied aus dem Kindergarten fiel ihm sehr schwer. Er hat sehr geweint, als man ihn rituell „rauswarf“, was unser sensibles Kerlchen eher als ablehnenden Akt empfand, statt es spaßig zu finden. 

Inzwischen freut er sich morgens immer, wenn er in der ersten Stunde frei hat und schon früh zur Betreuung gehen kann. Ebenso genießt er die Betreuung nach der Schule in vollen Zügen. Scheint irgendwie netter zu sein, als zu Hause alleine mit Mama oder unter lauter Teenager-Ladies zu sein 😀

Eine neue Ausbildung und eine Prüfung

Bei unserem letzten Post vor unserer langen Pause war ich mitten in der Ausbildung zur psychologischen Beraterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. 

Zudem habe ich zwei Fachausbildungen absolviert:

Schematherapeutin und Familienbiographischer Coach

Das Nikolauskloster in Jüchen: Mein Ausbildungsort für die „Familienbiographische Rekonstruktionsarbeit“

Familienbiographisches Arbeiten

Beides liegt mir sehr am Herzen und besonders die Arbeit an und mit den Genogrammen (Stammbäumen) ist sehr emotional, befriedend und auflösend – dies ist die Arbeit eines familienbiographischen Coachs. Die Methode heißt „Familienbiografische Rekonstruktionsarbeit“ und wurde vom Ehepaar Drs. Adamaszek vor über 20 Jahren begründet. Hierbei geht es um das Auflösen familiärer Belastungen, transgeneratorischer Traumata, familiärer Geheimnisse und vor allem auch darum, im Familiensystem den „richtigen“ Platz zu finden: Jede*r von uns ist nämlich von seinem/ihrem Platz oder seiner/ihrer Rolle öfter mal „verschoben“. Wenn jemand stirbt oder wenn eine Trennung vorliegt zum Beispiel. Oder wenn man statt Töchtern nur Söhne oder andersherum bekommt. Da macht man sich aus Liebe zum Familiensystem unbewusst auf, dessen Platz und Rolle mit zu übernehmen. Wenn der Ehepartner des Elternteils beispielsweise lieblos ist, dann gleicht man dies ebenfalls aus. Wir gleichen alle möglichen Mängel aus und wollen das System erhalten. 

Diese Arbeit ist unglaublich spannend und interessant! Man sieht zum Beispiel oft, wie in Familien Jahrestage eine Häufung erleben (Jahrestagssyndrom) oder bestimmte Monate viele Geburten und/oder Todesfälle aufweisen. Das alles ist nicht esoterisch oder mysteriös, sondern ein stimmiges Zusammenspiel systemischer Komponenten – ein Geflecht aus Individuen mit starker Verbindung zueinander. 

Im nächsten Jahr werde ich im Rahmen eines Forschungsprojektes unter der Schirmherrschaft von Mediziner*innen und eines Politikers teilnehmen und der spannenden Frage auf den Grund gehen, wo die „Borderline Persönlichkeitsstörung“ als komplexe Traumafolgestörung im System auftritt und/oder „weitergegeben“ wird. Hierbei wird auch das Thema der „Kriegsenkel/- urenkel“ behandelt, da die beiden Weltkriege zahlreiche Traumata in unzähligen Familien hinterließen. Ich werde berichten …

Schematherapie

Die Schematherapie beinhaltet (sehr knapp zusammengefasst) das Aufdecken von Mangelzuständen in der Kindheit und die Auswirkungen auf das jeweils aktuelle Empfinden und Verhalten sowie das Denken. 

Durch bestimmte Erfahrungen legen wir (Denk/Fühl-/Wahrnehmungs-)Schemata an, anhand derer wir die Welt und die Mitmenschen sehen und uns entsprechend verhalten.

Die Ursprungssituationen des Mangels (oder auch der Verletzung/des ungesunden Überflusses …) werden aufgedeckt und behandelt. Dies geschieht durch verschiedene Therapie-Tools wie Stuhldialoge, Aufstellungsarbeit, Rollenspiele und die „begrenzte Nachbeelterung“ („Limited Reparenting“). Während dieser Methode gibt die therapierende Person in begrenzter Form dem*r Klient*in das, was als Kind fehlte: Anleitung, Begrenzung, Unterstützung, Schutz, Zuspruch …

Die „Version“ des Schema-Coachings (statt Schema-Therapie) hilft Menschen ohne eine psychische Erkrankung hinderliche Verhaltens- und Gefühlsschemata zu durchbrechen. So ein Coaching ist äußerst kraftvoll und befreiend – das kann ich sagen!

 Ein Schema-Coaching kann im Prinzip jeder brauchen, habe ich festgestellt … 😉 

Die Prüfung

Am 8.Januar 2019 war es so weit: Nach im Oktober 2018 bestandener schriftlicher Prüfung musste ich morgens sehr früh zum Gesundheitsamt, um mich dort mündlich prüfen zu lassen.

Ja, das war unfassbar aufregend!

Aber als ich dann einmal vor den Prüfer*innen saß, war ich erstaunlich ruhig und sogar richtig froh, mein ganzes erlerntes Wissen endlich ausschütten zu dürfen. Zuvor hatte ich eine Hypnosesitzung bei einer Kollegin gebucht und konnte meine Aufregung und Angst vor einem Blackout absolut in den Griff bekommen. Ich war „ruhig und souverän“ (das waren die Schlüsselworte der Hypnose).

Befragt wurde ich zu den Themen Schizophrenie, Pharmakologie, Umgang mit einem psychiatrischen Notfall und zum Rett-Syndrom.

Ich konnte alles ausführlich beantworten und bekam dementsprechend während der Prüfung immer bessere Laune.

Da es Aufgabe der Prüfenden ist herauszufinden, ob man als Therapeut*in geeignet ist, um verantwortungsbewusst mit Menschen umzugehen und über einen ausreichenden Wissensstand verfügt, ist es natürlich von Vorteil, wenn man da selbstbewusst sitzt und eine möglichst intensive Wissenstiefe vorweisen kann. 

Und so wurde ich dann nur sehr kurz geprüft und war irritiert als mir die Amtsärztin und der Psychiater gratulierten. Mit entfleuchte dann Folgendes:

„Wie? Das war’s schon? Ich war grad so gut in Fahrt!“

Ja, ich bringe die Welt immer wieder zum Lachen. So auch an diesem Morgen …

Ich hörte noch Löbliches wie „Profundes Wissen, wunderbar emphatische Grundhaltung …“ – aber nur mit einem Öhrchen, denn ich wollte unbedingt zu Mister Essential auf den Flur, um ihm die schöne Neuigkeit zu erzählen. (Eine geradezu regressiv-euphorische Haltung :D)

Der Freudentaumel war der Hammer, kann ich Euch sagen!

Wir hatten nachts kaum geschlafen. Ich war wirklich ab 2:30 Uhr wach und um 7:30 Uhr saß ich bereits wartend im Gesundheitsamt.

Die Kinder waren beim Opa, da wir am Vorabend angereist waren, um nicht um 5 Uhr morgens losfahren und im Stau stehen zu müssen.

Und so legten wir uns zuhause nach dem ersten Sektglasklirren erst einmal ins Bett und schliefen zwei Stündchen. Anschließend holten wir die Kinder ab, die sich wahnsinnig mit mir freuten.

Abends feierten wir dann zusammen mit den Kindern – wir sind ja immer genug Personen für eine kleine Party hier! Wir haben mit ein wenig Sekt und Kindersekt angestoßen, Musik gehört, getanzt und gefeiert. Das war Glück pur!

Prüfung bestanden! Im Hintergrund eine Auswahl der Literatur

Eine neue Diagnose

Ich hatte auf unserem Blog mal erwähnt, dass mein älterer Bruder die Diagnose Asperger-Syndrom hat. 

Eine unserer pfiffigen und geneigten Leserinnen teilte mir daraufhin den Verdacht mit, dass ich selbst ja eventuell auch im Autismusspektrum sei. Ihr war das wohl zwischen diversen Zeilen aufgefallen.

Ich behielt das im Kopf und kam dann während der Ausbildung wieder auf das Thema zurück. 

Vor allem darauf, dass sich Autismus in seiner Symptomatik bei Mädchen und Frauen oft ganz anders zeigt als bei Jungen und Männern.

Mädchen lernen früh, ihre Symptome zu unterdrücken und zu überspielen. Sie wenden ein hohes Maß an Energie auf, ihre Umwelt zu beobachten und Verhaltensweisen zu adaptieren. 

Mit einem gewissen Druckgefühl in Kopf und Brust ging ich nach dem Seminar nach Hause und berichtete Mister Essential davon.

Dieser lag zu jener Zeit mit einem (autsch!) Steißbeinbruch im Bett. Er war auf einer vereisten Treppe an unserem vorherigen Haus ausgerutscht.

So hatte er aber Zeit ohne Ende und nahm sich den Rechner, um zu recherchieren. Es vergingen zwei Stunden. Dann hörte ich ihn lachen und lachen. In so einem Moment ist es manchmal besser, mal nachzusehen. Wer mit schmerzendem Unterkörperbereich hernieder liegt hat bekanntlich nix zu lachen und so beeilte ich mich ins Schlafzimmer.

Mister Essential: „Ich habe Doktor Tony Attwood entdeckt! Der ist nicht nur sehr klug und sympathisch, sondern seines Zeichens Asperger-Experte. Und in diesem Bereich ist er auf Mädchen und Frauen spezialisiert. Ich habe mir viele Artikel von ihm durchgelesen und Videos angesehen.“

Ich: „Und was genau ist an ihm so lustig, dass vor Lachen die Wände wackeln?“

Er: „Der Typ kennt meine Frau!“

Erneutes Lachen.

Und noch eins.

Ich guckte ihn stumm an.

Nun nahm ich neben ihm Platz und konnte spüren, wie alles mögliche von mir abfiel: Schuppen von den Augen, Last von den Schultern, Schmerz aus dem Herzen, Unzulänglichkeitsgefühle, Unsicherheit, Anspannung, Stress, Ängste …

Ich sehe mich da noch sitzen und mich feuchten Augen nicken:

„Ich bin gar kein Sammelsurium an Seltsamkeiten! Alles, was ich empfinde und erlebe gehört zusammen und macht absolut Sinn!“

Ich habe meine Verdachtsdiagnose dann zunächst mit befreundeten Müttern von autistischen Kindern besprochen, die zum Teil selber autistisch sind. Ja: Ich kenne zufälliger Weise Unmengen an Autist*innen. Schließlich nickten sie ebenfalls bekräftigend und ich erlebte so ein Allgemeines: „Aber na Klar! Das macht ja total Sinn!“ und „Hatte ich auch schon so im Verdacht, wollte aber nichts vorwegnehmen!“

Manche Freunde waren auch eher so: „Hä? Wenn du meinst. Da merkt man nach außen aber nix von.“

Dieses Bild habe ich zusammengestellt, weil es perfekt ausdrückt, wie es sich anfühlt, ich zu sein … (Rechts im Bild, der Charakter „Holly“ aus „Mr.Mercedes“ von Stephen King, ebenfalls mit starken autistischen Symptomen. Also Holly, nicht Mister King …)

Ja, und auch sie hatten Recht: Weil ich so viel Energie bisher aufgewendet hatte, um mich anzupassen. Daher war und bin ich auch sehr gut angepasst. Äußerlich bis zur Perfektion maskiert („hochfunktional“). Innerlich sehr angestrengt …

Jeder Punkt, an dem sie sagen würden „Aber das merkt man ja gar nicht!“ hatte Jahrzehnte an Eigentraining bedeutet und alle Punkte, an denen sie sagen könnten: „Ja, da ist etwas anders als bei den meisten Menschen…“ da war ich noch nicht mit diesem Kräfte zehrenden Training angekommen. 

Schließlich sprach ich mit meiner äußerst fachkundigen Supervisorin und auch sie nickte sofort bekräftigend und lächelte dazu sehr lieb. Auch das erinnere ich noch sehr genau. Sie bot an, mich mit einem befreundeten Psychiater zusammenzubringen (denn diese Fachleute stellen die Diagnose offiziell), um eine gefestigte Diagnose zu erhalten, was sie als unproblematischen Vorgang ansah. Bei allem, was ich ihr geschildert hatte. Wir hielten inne und sie sah mich an:

„Macht das für dich überhaupt Sinn? So eine niedergeschriebene Diagnose, die dann ja auch noch überall nachzulesen ist? Brauchst du die oder hindert die dich vielleicht sogar irgendwo?“

Gemeinsam reflektierten wir diese sinnvolle Frage und ich beschloss, eine solche Diagnose abzulehnen und statt dessen einfach endlich ich selbst zu sein und mich annehmen zu können.

Seitdem habe ich die meisten „Symptome“ viel weniger: Weniger Aufregung und Unsicherheit im sozialen Zusammensein und an neuen Orten, Akzeptanz meiner restlichen Ängste und Unsicherheiten, generell Akzeptanz als Erleichterung und dann noch das Begreifen, dass mein ältester Freund ebenfalls im Autismusspektrum ist und wir deshalb so herrlich harmonieren. Damals wie heute. Es kamen Erkenntnisse auf Erkenntnisse.

Natürlich ist es oft so: 

Autismus tritt familiär gehäuft auf und auch bei unseren Kindern, war mir schon lange klar, dass sie irgendwo im autistischen Spektrum zu verorten sind. Ich erlebte sie da individuell sehr unterschiedlich und bin von Anfang an instinktiv auf sie und ihre Bedürfnisse gut eingestellt gewesen. Ich konnte sie coachen und begleiten, verstehen und stärken. Es geht ihnen soweit gut und sie fühlen sich weit weniger „komisch“ als ich es als Kind tat.

Auch für sie galt in Absprache mit unserer Kinderärztin und natürlich in Absprache mit ihnen selbst: Keine Diagnose wenn keine Probleme bestehen, die speziell durch eine Diagnostik behoben werden müssen.

Ich bin sehr glücklich mit meiner Neurodiversität, auch wenn sie mir viele Schwierigkeiten in meinem Leben bereitet hat. Besonders in meiner Kindheit habe ich mich wirklich wie ein ausgesetztes Alien auf einem zu beobachtenden Planten gefühlt … vermutlich hatte ich deshalb so eine große Begeisterung für Spielbergs „E.T.“

Zum Thema Autismus werde ich in Zukunft aber noch mal einzeln etwas schreiben – das würde sonst den Rahmen sprengen.

Ich bekam etwas Zweifel, ob ich denn überhaupt für meinen Beruf geeignet bin – so als Autistin. Dann aber habe ich mich weiter informiert und auch besprochen: Eine hohe empathische Haltung, dazu mein typischer Humor und das ganze Wissen, das ich dank meines eineiigen Gedächtnisses wunderbar abspeichern kann – das sind gute Voraussetzungen. Generell ist das gesteigerte Gedächtnis sehr zuträglich: ich erinnere es viele Situationen und Beispiele, die in Therapiegesprächen Sicherheit geben können. Zudem kann ich einfach intensiv fühlen (Hochsensibilität gehört ja nun einmal zum Autismus)!

Aber: Mir wurde bewusst, dass ich auf jeden Fall weit mehr auf Selbstfürsorge achten musste als bisher. Ich würde lernen müssen, mich noch mehr abzugrenzen und meinen Bedürfnissen eine viel höhere Priorität einzuräumen. Dieser Prozess ist (auf Grund meiner Prägung zur Anpassung und Selbstrücknahme) nicht einfach – er dauert noch an.

Inzwischen haben wir in Absprache mit unserem neuen Kinderarzt doch für Nummer 2, Nummer 3 und Nummer 4 einen baldigen Termin zur Diagnostik gemacht. Auch da werde ich berichten …

Ich hoffe, Ihr fühlt Euch nun (endlich) etwas besser abgeholt. was Informationen angeht.

Wir halten Euch auf dem Laufenden …

  • Über den Ausbau unserer Praxis berichte ich dann in einem eigenen Blogpost – denn das ist eine Geschichte mit tausend Hindernissen und würde hier den Rahmen sprengen … 😀

Es geht voran: Hausrenovierung, Teil 3

Wolken in Rosé

Nummer 1s Farbwunsch für das Zimmer verwunderte uns kurz, aber er gefiel uns sehr gut. Ein Hauch von Altrosé sollte es werden – passend zu ihrer Vorliebe für Nostalgisches und Elegantes (Teetrinken um 5+ Shortbread essen = The Queen is amused.)

Also legten wir los, sie und ich.

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Hier ist die Farbe noch nicht trocken

Und dann war da noch der Bodenbelag

Irgendwie waren nach dem Streichen und der folgenden Pause alle verschwunden. Zumindest alle unter 15 Jahren. Und so begann ich gegen 13 Uhr das Laminat zu verlegen. Und verlegte. Und verlegte.

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Aller Anfang ist leicht. Nur das Ende nervt dann: Laminatverlegen

Ich wurde zu Verlege-bot 500 und geriet in einen rauschhaften Flow. Zeit verann wie Wasser, Bewegungen liefen nur noch ab, griffen ineinander wie feingliedrige Zahnräder, Schweiß brach aus – es war verflucht stickiges Wetter.

Als nur noch zwei Bahnen fehlten, tauchte die das Zimmer zukünftig bewohnende Tochter auf und legte sich erst einmal in eine Ecke. Ich erklärte ihr, dass es „schwimmend und nicht liegend verlegen“ heißen würde, was sie weder amüsierte noch motivierte. Doch – letztlich raffte sie sich auf und war dann richtig hilfreich. Wie zwischendurch auch Nummer 3.

Ich kam zum Ende und richtete meinen schmerzenden Körper auf, war erstaunt, wie viel Laminat man in drei Stündchen doch verlegen konnte und nahm mein Mobiltelefon in die Hand:

18:40 Uhr. Äh, dann wohl doch etwas mehr als drei Stündchen …

Und dann war da noch das Sofa

Am folgenden Tag holten wir das Sofa aus Nummer 2s Zimmer, wo es zuvor als Unterlage für zu sägende Werkstücke gedient hatte.

Die Bezüge hatte ich zuhause gewaschen und gefärbt. Ich ordnete an, dass Nummer 1 sie selbst auf ihr zukünftiges Sitzmöbel aufziehen solle. Sie blickte irgendwie etwas betreten und räumte ein, nicht zu wissen, wo sie die Bezüge hingeräumt habe.

Ich: „Ich hatte die Bezüge angezogen, gewaschen, gefärbt, gebügelt und dir sauber verpackt geradezu feierlich überreicht, mein liebes Kind.“

Liebes Kind: „Äh ja, ich weiß. So in einem dunkelblauen Müllsack eingewickelt.“

Ich: „Ja genau, den du zuhause zum Auto und hier wieder aus dem Kofferraum heraus getragen hast, Schnuckiputzi.“

Schnuckiputzi: „Öhm, ja, also. Ich glaube, äh, ich hab den Sack dann wohl doch nicht wie besprochen in ein Kellerregal gelegt …“

Ich: “ … sondern?“

Nummer 1: „… so irgendwie eher, ja, irgendwo hingeklatscht …“

Ich: „…wo jemand anderes das Behältnis als Müllsack identifizierte und es als ebensolchen benutzte, was ich durch die Anordnung, es in ein Regal zu legen hatte verhindern wollen? Was ich dir nun so blöd oberlehrerinnenhaft erkläre, weil ich davon genervt bin, dass meine Lebenserfahrung und Weitsicht ignoriert werden, damit diverse Heranwachsenden ihre vielzitierten ‚eigenen Erfahrungen‘ machen können?“

Sie: „Ja. Genau so. Hast du schön zusammengefasst. Ich, äh, geh dann mal suchen.“

Am Ende durchsuchten wir zu Dritt (die Teenies und ich) jeden dunkelblauen Müllsack. In der Garage, im Haus, im Garten. Und welcher stellte sich als der heraus, der tief unten – unter Dreck und Müll – die Bezüge beinhaltete? Ja! Der zuletzt Durchwühlte.

Dann aber: Tadaa! Etwas Fummelarbeit später:

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Zwei haben die Absicht, eine Wand zu bauen

Und das taten sie: Der beste Ehemann von allen und sein Vater haben fleißigst vermessen und gebohrt und geschraubt. Parallel zu unserem Gestreiche und Verlege.

Rund um eine Rundsäule am Fenster und endend an einem verklinkerten Kamin – nicht einfach, aber es machte sich:

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Aller Anfang  ist fummelig … aber als die erste Seite fast geschlossen war, ging es (fast) ganz schnell.

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Vor allem, weil es so großartige Unterstützung gab. Ja, da liegt eine Stichsäge in Kindernähe – aber die ist selbstverständlich ausgesteckt.

Ich finde, das haben sie echt gut gemacht!

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Schwupps. Fertig. Okay, das Schwupps dauerte viele Stunden …

Was haben wir denn an den vergangenen beiden Wochenenden noch so getrieben?

Wir haben die letzten Paneelen in den Kinderzimmern lackiert:

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Beispielfoto: Vormals sehr doofe Holzpaneele von 1976

Dann haben wir Pinsel und Rolle in Nummer 2s Zimmer geschwungen. Sie schwang fleißig (oder so etwas in der Art) mit.

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Sieht das nicht hübsch aus? Die trocknende Farbe?

Dann ging es irgendwie gut voran, bis  – die Farbe unerwartet leer war. Und das in den letzten eineinhalb Bahnen, die noch zu streichen waren. Also verschoben wir die Fertigstellung auf den kommenden Tag und kauften Farbe.

Als diese dann großzügig und sogar überwiegend auf den Wänden verteilt worden war begannen wir mit dem Laminatverlegen. Dazu musste das Zimmer ausgefegt und der Boden zuvor aufgeräumt werden. Man glaubt kaum, wie viel bröseliges, sandartiges Zeug ein uralter Teppichboden hinterlässt. Und wie lustig dieser Mist dann überall in der Luft hängt, auch wenn man vorsichtig fegt und saugt.

Nummer 4 bedauerte sehr, dass der „tolle Sand“ weichen musste und gab den Beleidigten.

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Ja, die Bildqualität ist mies, aber eine Übersicht schafft das Foto ja doch irgendwie, ne?

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Da war legten wir dann das Werkzeug weg und machten Pause

Am vergangenen Wochenende hatte ich wieder ein Blockseminar. Bin dann samstags nach dem Seminar zum Haus – die Kinder waren beim Opa, damit mein lieber Ehemann in Ruhe die Trockenbauwand tapezieren konnte. Wir arbeiteten ein wenig am Laminat (echt, ich kann das Wort langsam nicht mehr hören … Laminat, Laminat – wie das schon klingt …) und fuhren dann zum Ikea, um für den besagten Bodenbelag Endstücke zu erstehen. Um dann am folgenden Tag zu bemerken, dass wir zu wenige gekauft hatten. Aber egal.

Nun geht es von Donnerstagmorgen bis zum Sonntagabend weiter.

Also:

Im oberen Stockwerk ist alles fertig bis auf Kleinkram:

  •  Schalter/Steckdosen müssen gründlich gereinigt werden
  • Fußleisten müssen noch in zwei Zimmer zugesägt und in drei Zimmern angebracht werden (in einem sind sie schon zugesägt und dekorativ hinglegt …)
  • Übergangsleisten in den Türen fehlen noch, eine ist bereits vorhanden
  • Eine Leiste als Abschluss des Laminats am Ausschnitt der Wendeltreppe muss angebracht werden
  • Später werden noch Bad und WC bearbeitet (Fliesen anschleifen und lackieren, neuer Bodenbelag)
  • Noch später gibt es neue Türdrückergarnituren, genau wie im unteren Stockwerk

Nun geht es unten weiter mit:

  • Tapezieren der Küche mit Essbereich
  • Bestellen, Zusägen und Anbringen der Fußleisten (Berliner Profile, klassisch weiß)
  • Rest der Wand im Schlafzimmer glattschleifen
  • Schlafzimmer tapezieren (Vliestapete, also halb so wild)
  • Tapezieren und Anbringen eines Holzprofils (hinter dem Kopfteil des Bettes – soll indirekt von hinten durch LED beleuchtet werden)
  • Boden verlegen (oder verlegen lassen, mal sehen, was die Firma dafür haben will ..)
  • Treppe mit Teppich belegen lassen (erhalten morgen ein Angebot)
  • Rolläden zeigten sich als nahezu unbenutzbar – müssen wir mit der Vorbesitzerin klären, das wird sicher ein nettes Gespräch … diese müssen ausgetauscht werden. Bei der Gelegenheit lassen wir sie dann mit Rohrmotoren versehen.
  • Vom Flur aus, neben der Treppe, gibt es einen Durchgang zum Wohnzimmer, diesen wollen wir irgendwie verschließen. Aber eher mit einer Tür als mit einer Wand. Da sind wir noch nicht ganz damit durch, wie wir das machen wollen
  • Die neuen Decken streichen, die vom Trockenbauer durch Abreißen der Holzverkleidung und Anbringen von Rigipsplatten hergestellt werden
  • Wände im Flur und Wohnzimmer streichen, nachdem der Trockenbauer den Kratzputz (von einem Freund zärtlich als „Oma-Putz“ bezeichnet) verputzt hat
  • Das Wintergartendach bekommt entweder nur neue Profile oder neues Glas und neue Profile – hängt vom Preis ab.

Und im Keller werden wir dann – noch später –  zwei Räume ausbauen.

Ein Bisschen nervt echt der alltägliche Kleinkram, den man so nebenbei erledigen muss:

Auto muss zur Inspektion, Kinder müssen zu Kieferorthopäden, Dinge müssen aussortiert/eingepackt/verkauft werden, Termine bei der neuen Schule und in der KiTa wollen erledigt werden, es gibt noch ein Zusatzseminar für mich und den Start der Zusatzausbildung (Familienbiographisches Coaching) und so weiter.

In der zweiten Ferienwoche ziehen wir dann um, morgen ist der Termin mit dem Menschen von der Umzugsfirma, der sich hier einen Überblick der Lage machen möchte.

Ihr könnte es Euch ja vorstellen: Man ist viel in Möbelhäusern, Baumärkten und plant, kauft ein, vergisst die Hälfte, fährt wieder los …

Und sonst?

Nummer 3 leidet unter dem Verlust des gewohnten Umfelds, der Beendigung der Grundschulzeit und wir alle stellen uns innerlich auch natürlich um.

Und trotz all des Erledigens und Kümmerns fühlt es sich nach wie vor gut an. Auch für Nummer 3, obwohl sie traurig ist. Dieser Trauer geben wir natürlich Raum. Sie ist allerdings auch neugierig und gespannt.

Nach wie vor sind wir sehr dankbar für das, was wir da für uns gestalten. Vieles, das ich mir immer gewünscht hatte, bringt dieses Haus mit sich. Ich bin sehr froh, auch wenn es echt anstrengend ist.

Das Ganze zeigt sich in einem Flow, den man immer dann hat, wenn man die richtige Entscheidung traf. Ihr kennt das bestimmt: Man hat so ein freudiges, aber nicht zu aufgeregtes Gefühl in der Brust. Man spürt, wie alles ineinander greift, statt dauernd zu haken. Eine Entscheidung, die man zum richtigen Zeitpunkt und passend zur Intuition fällte.

Nun sind wir erst einmal wieder fleißig und bald lest Ihr dann das neue Update. Mit Fotos natürlich.

Ganz am Ende sollte ich dann wohl so eine Foto-Vorher-Nachher-Story machen, oder? 🙂

Oje, bald ist wieder Muttertag

Über den Tag meiner Geburt zu schreiben brachte mich, ähnlich wie mein ernster Beitrag über meine Kindheit, emotional wieder näher an mein Elternhaus, an meine Mutter.

Ich habe sie vor einigen Jahren zum letzten Mal gesprochen.

Oje, bald ist wieder Muttertag

Ich freue mich natürlich auf den Sonntag mit meinen Kindern und mit Mr. Essential, na klar.

Muttertag bedeutet immer auch, dass ich an meine eigene Mutter denke.

Oft frage ich mich, ob sie eigentlich dann auch an mich denkt – an mich und ihre Enkelkinder, von denen sie eines gar nicht kennt. Vielleicht nicht einmal weiß, dass es ihn gibt.

Ich glaube, sie hat viele Mechanismen, mich und alles Geschehene zu verdrängen, um sich selbst irgendwie zu schützen. Daher wird sie vermutlich nicht an mich denken oder wegen unseres Bruchs trauern. Ihre Fähigkeit zu lieben ist so stark eingeschränkt, dass ich es mir nicht anders vorstellen kann. Natürlich wünsche ich mir, es wäre anders und sie hätte wenigstens versucht, etwas zwischen uns zu klären. Aber dem war nicht so. Ich glaube, sie fürchtet eine Begegnung mit mir und dem, womit ich sie konfrontieren könnte. Nämlich mit sich selbst.

Ich aber trauere. Und ich musste mich dazu durchringen. Ich hatte das Gefühl, nicht trauern zu wollen. Ich wollte nicht, dass sie noch mehr Einfluss auf meine Gefühle hat, als es eh schon immer der Fall war.

Ich erinnere mich daran, wie sie früher meine Handgriffe, meine Blicke, meine Verhaltensweisen, ja, sogar meine Art zu atmen und zu gehen kommentierte. Immer mit einem verkniffenen, unehrlich-verdrehtem Gesichtsausdruck. Immer lächelnd oder grienend. Dahinter aber polterten Arroganz und Geringschätzung:

„Putzig, wie du gehst.“

Putzig – das hieß bescheuert/hässlich/doof. Es gab auch Frauen mit „putzigen Hintern“ (zu dick) und Leute mit „putzigem Blick“ (die sahen dann etwas minderbemittelt aus) und so weiter …

„Wieso atmest du so laut?“

Ja, wieso habe ich das getan? Ich vermute, ich hatte eine Bronchitis. Oder jemand nahm mir die Luft zum Atmen^^?

„Schrecklich, wie du singst. das klingt so furchtbar und so eingebildet. Ganz furchtbar.“

Natürlich konnte sie auch loben. Sogar meinen Gesang. Aber eben nur nach Laune.

Es gab keine Objektivität, keine Selbstreflexion. Nur Gefühle. Und die schwirrten und surrten und wirbelten in ihr herum. Und leider wurden sie pausenlos ungebremst geäußert. Dieses Anti-Vorbild brachte mich wohl dazu, so krampfhaft rational zu sein und meine Gefühle erst einmal sorgfältig zu scannen, ehe ich den Mund aufmache.

Meine erste Bezugsperson, die mich innerhalb der engen Zwangssymbiose nicht mal in den Kindergarten gehen ließ, war völlig verdreht. Und da lebt der Mensch nach Vorbild – ganz schlecht.

Ich habe es jedoch in jahrelanger Mission geschafft, so viel von mir zu erhalten und auch freizuschaufeln, dass meine Gefühle nicht herumwirbelten. Darüber bin ich sehr froh und dafür empfinde ich Dank.

Und die Trauer?

Ja, die ist da und ich musste es vor mir zugeben. Ich habe keine Mutter, die ich anrufen kann. Keine Mutter, die mich sehen möchte. Keine Mutter, die sich für Schwangerschaften, Geburten, Zeugnisnoten, erste Zähnchen, Krankheiten oder gemeinsame Ausflüge interessiert.

Niemand Mütterliches da.

Die Pyramide

Irgendwie ist es doch so, dass man als junger Mensch meist Eltern und Großeltern hat. Oft sogar noch Urgroßeltern.

Dann sterben langsam alle „von oben“ aus der Alterspyramide weg. Zuerst die Urgroßeltern und dann die Großeltern. Man selbst wird immer erwachsener, weil man ja „nachrückt“. Aber über einem ist so lange jemand, der einen schützt und (unter-)stützt. Da war bei mir nie jemand. Ich wurde nicht beschützt. Mein Vater war stets herrlich desinteressiert (wusste nicht mal, an welcher Schule ich war oder meinen Geburtstag) und meine Mutter selbst viel zu ängstlich. Und zudem waren sie beide auf ihre Art Menschen, vor denen man mich hätte beschützen können oder müssen.

Ich war also immer oben an der Pyramide. Ja, ich hatte eine Oma mütterlicherseits. Diese war aber auch psychisch schwer krank (vermutlich durch Kriegserlebnisse) und früh im Altersheim weil alleine nicht lebensfähig. Auf die konzentrierte sich meine Mutter geradezu zwanghaft. Und dann gab es die Eltern meines Vaters. Eine Oma mit einem so unehrlichen und durchtriebenen Charakter, dass sie nur als schlechtes Beispiel herhielt oder eben, wenn mein Vater mich im Vergleich mit ihr beleidigen wollte. (Ein mal geflunkert: „Du bist wie die Oma Trauthilde!“) Und der Vater meines Vaters war mindestens geistesabwesend. Später aber wurde dann immer so ein Gewese gemacht, weil wohl irgendwann mal ein IQ-Test mit ihm gemacht worden war.

Meine Mutter klang immer wie ein billiges Orakel von Delphi, wenn sie sagte: „Aber ihr Kinder werdet das Ergebnis niemals erfahren. Niemals …“

Haben wir auch nicht. Ich nehme mal an, das Ergebnis war nicht so bei Albert Einstein, sondern eher so bei Küchenschabe. Jedenfalls war er nie wirklich ansprechbar. Ich glaube, ich habe ihn zusammengezählt höchstens zwanzig Sätze sagen hören, während ich ihn kannte.

Ich lebte also immer in der kühlen Höhenluft der Alterspyramidenspitze der Familie. Irgendwie waren sie alle untauglich. Das klingt hart und ich entschuldige mich auch dafür, aber so stellte es sich dar. Keine fähigen Eltern, Großeltern mit wenig Charakter und Verstand. Urgroßeltern tot. Die Höhenluft hat mir echt Schwindel verursacht. Einfach zu viel Verantwortung – schon von kleinauf.

Die unkündbare Beziehung

Ich selbst bezeichne sie bitter als Die Pest, diese unkündbare Beziehung, die man zu nahen Verwandten hat: Ich kann mir nicht aussuchen, wen ich liebe. Das ist wie die Crux mit der Willens(un-)freiheit, die Albert Einstein (da ist er ja schon zum zweiten Mal in diesem Post – ich mag den Knaben einfach) bereits durchdachte.

Ich würde gerne vergessen, dass ich Eltern habe. Hab‘ ja als Kind eh immer geträumt, ich sei bei der Geburt vertauscht worden und eines Tages würde dieser Fehler korrigiert. Ein ganz offiziell aussehender Typ mit Aktentasche würde an der Tür stehen und das ganze Geschehnis mit pietätvoll gedämpfter Stimme aufklären. Klar, da kam nie jemand. Aber den Traum hatte ich lange.

Nun stehe ich da und der ruppige Wind des frühen In-der-Pyramide-hochgeschoben-Werdens weht eisig um mich. Ich bin für so viel verantwortlich und das so ziemlich alleine.

Neben meinen eigenen Themen rund um meine belastende Biographie, meiner jahrelangen Therapie (die seit einigen Jahren nur noch aus einem Terminchen alle paar Monate bestehen darf) sowie die Aufarbeitung aller aufkommenden Bilder/Gefühle. Und neben meinem Haus (das seit bald einem Jahr eine halbe Baustelle ist wegen des Wasserschadens, der im Schneckentempo reguliert wird), den vier Kindern und den mich meist echt nervenden Katzen bin ich ziemlich erschöpft.

Wie geht es mir mit all dem so im Alltag?

Klar, die Schilddrüsenüberfunktion zeigte die Erschöpfung, die Überbelastung. Aber meine Dauermüdigkeit tut das auch. Mein dauernd blubbernder Bauch, mein mit Luft gefüllter Magen, meine Rückenschmerzen – die sagen alle das Gleiche. Eine liebe Freundin sagte irgendwann mal so lakonisch: „Ach, ich hab oft Burnout-Symptome, aber was soll ich machen?“

Ja, was soll man machen?

Ich kenne das genau, was sie da beschreibt. Nur kommt es bei mir nicht zum Burnout und bei ihr auch nicht. Wir schaffen es, uns irgendwie auf dem Damm zu halten. Da gibt es Wehwehchen und ich bin auch seit über drei Wochen erkältet und so. Ja, ich spüre schon, dass Treppensteigen mit Nummer 4 auf dem Arm zu pochendem Herzen führt – so fühlen sich Erkältung und Dauerbelastung vermutlich an.

Oder nicht? Was, wenn ich nun doch etwas Schlimmes habe? Was, wenn ich nun irgendwie was Anderes habe, weil meine Seele findet, sie müsste sich noch etwas mehr über den Körper ausdrücken?

Oder: Was, wenn ich seit vielen Jahren fleißig somatisiere und hypochondere, weil es die einzige Art ist, wie ich mich um mich selbst kümmern kann?

Ja, dann ist das wohl so.

Und sollte geändert werden.

Lang – und mühsame Auswege

Seit der Morbus-Basedow-Geschichte habe ich bereits sehr viel verändert. Richtig viel. Und dennoch sagt mein nervöser Körper mir dauernd „Ändere etwas!“ und mein Herz ruft pochend „Lass mich raus!“ und beide nerven mich gewaltig. Ich fühle mich noch mehr unter Druck. Diesen Weg kann man nicht entlang rennen. Man muss das so richtig im Einklang mit sich machen. Geht nicht anders. Und das bekomme ich nicht wirklich gut hin.

Ich wurde nicht dazu erzogen, meine Gefühle einfach wahrzunehmen und zu akzeptieren. Sie wurden ja stets bewertet. Und nach dem Auszug aus dem Umfeld meiner Mutter in ein eigenes Leben habe ich diese Beurteilung brav weitergeführt. Ich kannte es ja nicht anders.

Wenn ich morgens aufstehe und mich „zermatscht“ fühle, dann denke ich nicht „Oh, ich bin aber müde“, sondern: „Wieso bist du schon wieder müde? Ach, weil du gestern mit vier Kindern durch den Ikea gerannt bist und danach noch gefühlte hundert Ostereier gefärbt hast, während Nummer 4 knatschte? Davon ist man doch nicht müde! Du bist bestimmt krank. Du hast sicher etwas Verstecktes. Was mit Kreislauf und vermutlich was am Herzen!“ Schöne Begrüßung, wenn man gerade senkrecht steht morgens früh, hm?

Tja, warum bin ich nur so nervös?

Nicht nur wegen solcher innerer Erlebnisse, sondern weil ein Mensch mit meinem Hintergrund dauernd auf der Hut ist. Irgendwie bleibt das Angstzentrum im Gehirn überaktiv.

Wie ein Höhlenmensch im Wald duckt man sich vorsorglich und bleibt in jeder Faser angespannt. „Irgendwann kommt der Säbelzahntiger, ganz sicher!“ Ich weiß nun nicht, ob jeder Höhlenmensch in seinem Leben einen Säbelzahntiger sah – dazu weiß ich zu wenig über Paläontologie und Tigerpopulationen. Aber ich bin sicher, dass jeder von ihnen angespannt war, wenn er durch den Wald latschte. Und vor allem, wenn er dies allein tat.

Es ist ein ähnliches Gefühl, wie wenn man als Kind heimlich Kekse aus der Vorratskammer stibietzt (hab ich natürlich nie getan, was wäre meine arme Mutter enttäuscht gewesen – nein, vor derlei Gefühlen beschützte ich sie stets in vorauseilendem Gehorsam) und man ist so nervös, weil man erwischt werden könnte. So ist das bei mir, vor allem in stressigen Lebensphasen, dauerhaft. Ich zucke zusammen, wenn etwas hinfällt und knurre innerlich sehr schnell, wenn ich etwas Fummeliges mache, das nicht gelingen will.

Die Außenwelt

Mr. Essential ist manchmal genervt, wenn ich ihn zum tausendsten Mal etwas frage, das mir Sicherheit geben soll. Ist eh nur eine Scheinsicherheit, aber gut. Ich frage dann: „Ist es normal, dass man sein Herz im Hals spürt, wenn man sitzt, nachdem man vorher kurz etwas Anstrengendes gemacht hat? Ist das bei Erkältungen so? Oder könnte etwas nicht mit mir in Ordnung sein?“

ich gönne mir solche Fragen selten, weil ich a) nicht zu sehr mit meinem Sch*** nerven will und weil ich b) sehr viel Scham für meine „Seltsamkeit“ empfinde. Und wenn ich es dann tue, dann ist da die Gefahr, mir die Sicherheit öfter von außen zu holen. Und dann ist da schnell so ein Altersheim-Flair, in dem es zu oft um Zipperlein geht – ganz ätzend.

Ich versuche also, meine Ängste fernzuhalten von meiner Familie. Ich gehe durch meine Ängste durch und zeige dies auch unseren Kindern. Sie tun es mir nach, wenn sie es schaffen und möchten.

Ansonsten zeige ich ihnen kaum mal Tränen, keine Wutanfälle und schreie nicht herum. Ich leide so still vor mich hin, glaube ich, wenn ich selber lese, wie ich mich hier beschreibe.

Neulich habe ich den Kindern von meinen Ängsten und meiner Kindheit ein wenig erzählt. So ganz sachlich. Ich habe gespürt, der Zeitpunkt ist da. Sie wollten eh schon immer mehr über mich wissen und warteten seit Jahren darauf.

Habe erzählt vom Leben mit meiner Mutter (einiges wussten sie natürlich schon, aber ich habe noch ein wenig mehr „preisgegeben“) und von Panikattacken und Ängsten. Ich habe ihnen ganz langsam gezeigt, dass ich kein marmornes Monument bin und kein unkaputtbarer Roboter. Dann ließ ich ihnen Zeit, das für sich zu sortieren.

Und es ist so anstrengend, keine Auszeit nehmen zu können, echt.

Nicht von meinem Alltag, nicht von mir selbst. Ich bin angespannt und fühle mich eigentlich so, dass ich mal Ruhe brauche. Stattdessen muss ich los, Nummer 4 von der Tagesmutter holen, Essen kochen und so weiter.

Da braucht mich dauernd jemand. Dabei brauche ich eigentlich auch dauernd jemanden.

Jemanden, den es nicht gibt. Also bin ich selbst der jemand. Und ich bin einfach schrecklich platt und keine gute Unterstützung für mich.

Powerfrau?

Ich krieg‘ das trotzdem alles hin. Ich bin so eine von den Alles-Hingkriegerinnen. Die, die man immer als Powerfrauen bezeichnet. Eine selbstbewusste (öhö), energiegeladene (hüstel) Frau, die alles schafft.

Sie managt alles. Haus, diverse Kinder, Job und nimmt nach der Schwangerschaft formidabel ab – natürlich tut sie das. Sie legt Wert auf ihr Äußeres und darauf, dass alles stimmt.

Wenn man viele Kinder hat, dann hat man nämlich auch immer noch schnell den Komplex, nicht als die dazustehen, die aus einem Müsli-Öko-Bewusstsein oder Kindergeldgier oder anderen kruden Gründen einen gesteigerten Vermehrungstrieb zu haben scheint. Dann muss man extra glatt gebügelte Kinderklamotten haben und stets zu Elternabenden erscheinen und immer kooperativ mit Lehrern sein. Und extra viel hinbekommen. Sonst heißt es: „Ja, wat kriechste denn so viele, wennde dat nich packst, hä?“

Und das träfe einen doch nur, weil man sich das selber vorwirft – wie alles, das einen trifft.

Bisher gab es so einen Zwischenfall nie.

Ich werde nie in der Stadt komisch angeguckt, wenn ich mit meinem Luxuskinderwagen und auf meinen hochhackigen Schuhen in Begleitung meiner diversen Kindern herumstockere.

Ich lese, das kinderreiche Mütter das oft erleben. Kommentare oder Blicke. Ich nicht. Vielleicht, weil ich so viel Energie daran setze, zu zeigen, dass ich nichts und niemanden vernachlässige. Nicht mich, nicht die Kinder, nicht die arme steuerzahlende Gesellschaft. Keine Ahnung. Ich höre immer nur: „Wow, so viele Kinder und dabei so schlank. Wow, so viele Kinder und dabei noch einen Job. Wow, wow, wow.“

Nix wow. Das ist ein Knochenjob. Echt jetzt. Und der muss so ganz bestimmt gar nicht sein, so knochenlastig. Ich mache ihn dazu.

Neuanfang

Seit letztem Sommer (Schilddrüsendiagnose, you know?) habe ich nicht nur meine Ernährung umgestellt, sondern vieles in mir. Und sobald man etwas verändert, kommen ja die äußeren Widerstände. Auch mit denen lernte ich umzugehen.

Ich habe letztes Wochenende symbolhaft mit Mr. Essential unsere Abstellkammer (Kellerersatz) ausgeräumt und eine Menge weggeworfen. Nun sieht es da so ordentlich aus, als hätte Bree Van de Kamp (die neurotische Rothaarige der Desperate Housewives) dort gewütet. Und ich dachte mir: „Nicht beurteilen. Vielleicht darfst du das einfach genießen. Freud wäre stolz, dass du etwas so hochsymbolisches tust, wie einen Keller auszumisten. Das war richtig gut. Vielleicht darf ich einfach ein bisschen Bree sein, weil wir beide einen ähnlichen Hau weg haben. Vielleicht darf ich einfach mal sein, was und wer ich bin, Herrgott noch eins!“ Oh, nicht fluchen und schon gar nicht mit Gott im Fluch, eieiei, schon wieder zu viel Gefühlsausbruch. Geht gar nicht:

Ich habe so viele Entwicklungsphasen verpasst, denke ich. Wann war ich denn je emotional überschäumend wie ein Teenie? Angstfrei wie die mit dem „jugendlichen Leichtsinn“ und wann habe ich je verantwortungslos blau gemacht, statt zur Arbeit oder Ausbildung zu gehen? Wann habe ich allen Warnungen zum Trotz etwas völlig Törichtes gemacht und aus der anschließenden blutigen Nase gelernt?

Nie.

Es war immer alles ein Prozess zwischen vom Verstand klar beherrschten Gefühlen. Ja, die waren mal stärker und dann immer weniger im Vordergrund. Das schon. Aber mehr auch nicht.

Meine liebe Cathérine (die ich mit dem Best Mother Award bedachte), hat vor Jahren etwas sehr Treffendes gesagt (das kann sie eh ganz wunderbar…):

„Du bist ein Mensch voller unterdrückter Leidenschaften!“

Ja, phantastisch. Du hattest Recht, meine Liebe!

Und das bin ich immer noch.

Und ich weiß nicht, wie man es anders macht. Ich konnte es nie oder habe es vergessen.

Von Verantwortung erstickt

War eher so, dass ich ja als Kind irgendwie spürte, dass meine Mutter „unzurechnungsfähig“ (nicht streng juristisch gemeint) war. Sie war mehr als das: Ich fürchtete mich vor ihr.

Ich muss doch immer Angst gehabt haben, sie könnte mir wieder etwas Böses und Widerliches antun. Eng mit jemandem zusammen zu leben, ja, abhängig von jemandem zu sein, der einem Widerliches antat – das ist wirklich eine Hausnummer. Und nein, da war ja keine rettende Oma oder so. Da war mal wieder niemand.

Endlich ausgezogen habe ich ausgeatmet. Ich habe mich natürlich nicht in Selbstliebe eingewickelt, aber ich genoss meine Freiheit. Natürlich hatte ich mir einen nervtötenden Job in einem gestreng geführten Hotelbetrieb gesucht. Damit ich weiterhin kleingemacht werden konnte. Aber in der Freizeit ging es mir gut.

Dann lernte ich Mr. Essential kennen und spürte, dass eine neue Phase im Leben begann.

Ich fand mich bald wieder in einem gestreng geführten in Familiensystem, in dem ich wieder kleingemacht wurde. Hüstel. Und ich bekam Kinder. Natürlich war ich aus Sicht meiner tollen, heiß ersehnten Ersatzfamilie eine miese Mutter. Ich machte tausend Fehler. Völlig unzulänglich, auch als Ehefrau. Ach, grande catastrophe!

Tja. Wir zogen irgendwann weiter weg und diese berüchtigten 90 Stufen weit nach oben (Altbauwohnung).

Da begannen die Panikattacken. Ja, genau da, wo ich kein enges, mich kleinmachendes System mehr in der Nähe hatte.

Und was sagt mein Therapeut dazu (gihihi, das klingt immer so genial klischeehaft, finde ich):

„Ihre Angst ist die Angst vor der Freiheit.“

Die Angst vor der Freiheit

Und das leitet mich zum Schluss meines langen, persönlichen Posts hier:

Ich las mal vor vielen Jahren, so mit 17 oder 18 ein berühmt-berüchtigtes Buch. Ein Standardwerk des weiblichen Masochismus, so würde ich es mal nennen. Simone de Beauvoir schüttelte sich bestimmt. Oder stimmte zu? Ach, das hier ist ja keine Feminismus-Debatte.

Jedenfalls beginnt das Buch mit einer Geschichte. Und die habe ich seit Längerem im Kopf. Und ich verabscheue sie innerlich irgendwie, weil sie so gut zu mir zu passen scheint:

Es geht darum, dass viele amerikanische Sklaven nach der offiziellen Befreiung einfach die Plantagen nicht verließen. Die Tore standen offen und sie blieben stehen, wo sie waren. Sie wagten keinen Schritt hinaus in die ungewisse Welt. Die Arbeit, die Demütigung, die Schläge – das kannten sie. Aber die Freiheit – die fürchteten sie.

Und so blieben viele als von diesem Zeitpunkt an bezahlte Arbeiter einfach dort, wo sie waren und taten das, was sie kannten.

Und das trifft mich im Kern.

Käfigtür offen, zitternder Vogel hockt auf der Stange.

Oh, bekommen Vögel nicht so superschnell einen Herzinfarkt? Argh! Schnell wieder Angst bekommen …