Freiwillig verwaist – über den Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern

Dieser Artikel von Paulas Blog hat mich bewegt und dazu gebracht, zu diesem Thema meine Gedanken zu äußern.

Ich habe – wer hier schon etwas länger liest, weiß es vielleicht – (alle anderen können hier nachschauen) eine dieser „schweren Kindheiten“.

Ich möchte aus Respekt für Betroffene der Themen Kindheitstraumata, sexualisierte Gewalt und psychisch kranke Eltern eine Triggerwarnung vorwegschicken. Und natürlich lasse ich zudem unnötig verst Details aus – auch wenn ich Sachverhalte beschreibe.

Zeit ist vergangen

Vor rund fünf Jahren sprach ich das letzte Mal mit meiner Mutter. Es ist nun drei Jahre her, dass ich mich auch gegen einen weiteren Kontakt zu meinem Vater entschied.

Wie geht es mir damit eigentlich?

Nun ja. Gemischt.

Ich trauere, weil ich nie so eine Mutter hatte, wie ich sie mir vorstelle: Eine liebende, mich wohlwollend betrachtende und verantwortungsbewusste Frau, die für mich da ist, mit der ich mich austausche und die mein Leben durch ihre Persönlichkeit bereichert. Manchmal nervt, mich Dinge lehrt, mit der ich Konflikte austragen und mit der ich gemeinsam wachsen und reifen kann.

Mutterliebe 2

„Ich begleite Dich, meine Gedanken sind bei Dir und Du in meinem Herzen, mein Kind.“ Soweit die Idealvorstellung

Ich würde mich gern ein wenig gestützt und beschützt fühlen. Durch eine Mutter an meiner Seite. Ich würde gerne manchmal anrufen und sagen: „Hey, Nummer 1 hat heute eine 2 in Französisch mitgebracht!“ und sie würde sagen: „Wow, toll, da hat sich das ganze Üben ja gelohnt. Gib sie mir doch mal eben, ich will sie unbedingt loben!“

Oder ich hätte sie letztes oder vorletztes Jahr angerufen und gesagt: „Puh, Mama, ich bin echt fertig und angestrengt. Die Kinder, das Baby, die Hyperthyreose, der Wasserschaden. Meine Ärztin befürchtet, ich könnte total erschöpfen …“ und sie hätte gesagt:“Ach Mensch, ja, ich weiß. Das ist aber auch alles viel für dich. Ich komm vorbei und schaue, wie ich dir helfen kann, okay?“

Da mein Vater eher einer dieser Randfiguren-Väter war vermisse ich ihn als „Rolle“ weniger. Aber auch. Ich vermisse, nie einen Vater gehabt zu haben, der sich wirklich interessierte oder verantwortlich fühlte. Einen, der nicht in seinen Gefühlen launisch, schon gar nicht beängstigend gewesen wäre und mich vielleicht sogar ab und an mal beschützt hätte.

Er hätte mir Mut zugesprochen und wäre stolz auf mich gewesen.

Soweit die Phantasie.

Wunschbilder und Wirklichkeit

Ich vermisse in der Tat auch diese beiden Menschen, mit denen ich die ersten zwanzig Lebensjahre unter einem Dach verbrachte.

Und doch betrauere ich am meisten das, was ich niemals hatte:

Ich habe kaum schöne Kindheitserinnerungen. Kaum eine Erinnerung daran, wie ich ganz losgelöst und unbelastet war. Dauernd fühlte ich mich nicht gut genug, war innerlich gehetzt und dachte, ich sei nicht viel wert. Ich war immer auf der Hut vor Launen, Stimmungsschwankungen und den verschiedenartigen Attacken sowie Ausbrüchen, die das nach sich zog. Mal diese subtilen Untertöne, mal direktes Lächerlichmachen, dann wieder totale Begeisterung für mein Tun und kurz darauf eben wieder Frustration und Wut. In einer solchen Gesellschaft wächst man nicht unbesorgt auf.

In Wahrheit war es mehr als nur der Mangel an Stabilität: Ich war ein tief, tief traumatisiertes Kind, das Jahrzehnte brauchte, um aufzuarbeiten, was passiert ist.

Ich vermisse die Mutter nicht, mit der ich Dinge erleben musste, die bis heute als tiefsitzende, frühkindliche Todesangsterfahrung in meinen Knochen (und meiner Amygdala, dem Angstzentrum im Gehirn) sitzen und gegen deren Auswirkungen ich trotz aller Selbstreflexion- und analyse, trotz mehrjähriger Therapie und trotz allen Wissens immer wieder ankämpfe. Oder besser ausgedrückt: Mit denen ich leben lernen musste.

Dieses folgende Gefühl habe ich da, wo ich gerne eines von Geborgenheit hätte: „Meine Mutter sagt, sie liebt mich. Aber sie beschützt mich nicht nur nicht, sondern ist Mittäterin, ja eigentlich sogar Initiatorin. Sie hätte mir beinahe mein Leben genommen, weil sie in ihrem Wahn unaufmerksam und es für mich dadurch gefährlich wurde.“

Ich habe das nicht vergessen, es war lediglich verdrängt. Wie so viele andere wirklich hässliche Dinge und Details.

Reifliche Überlegung

Ich habe sehr viel Verschiedenes über meine Entscheidung des Kontaktabbruchs nachgedacht. Ich dachte:

„Sie können nichts dafür, dass sie so sind wie sie sind. Sie brauchen mich vielleicht.“

„Andererseits habe ich es satt, dauernd Verständnis für sie zu haben, nur weil ich dazu in der Lage bin. Ich bin nicht deren Mutter!“

„Ob meine Mutter an mich und ihre Enkel denkt? Ist sie in der Lage uns zu vermissen? Oder ist das bei ihr so, wie bei vielen Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung: Aus den Augen – aus dem Herzen. Keine Objektkonstanz? Wer nicht da ist, den spüre ich auch nicht. Oder so?“

„Ob mein Vater unser letztes Telefonat bedauert? Oder ist er zu stur oder selbstverliebt? Zu wenig fähig, sich selbst kritisch zu betrachten. Ist er also so wie immer?“

„Ich vermisse es, wenigstens das Bisschen als Mutterliebe zu bekomme, was ich eben so bekam. Das tut wirklich be*** weh!“

„Wenn ich mir vorstelle, wie sie sich einreden, wie böse und gemein ich bin, dann könnte ich ausrasten!“

„Schade, dass mir das Weinen so schwer fällt. Ich wette, ich würde mich besser fühlen, wenn ich diesen Part des Trauerns zulassen könnte.“

„Wenigstens meine Kinder haben eine Mutter, die für sie da ist und sie liebt. Sie fühlen sich sicher und stark. Das ist das Wichtigste.“

„Ob ich meiner Mutter wenigstens mal Fotos von ihren Enkel zukommen lassen soll? Sie kennen ja beide Nummer 4 überhaupt nicht. Interessiert es sie überhaupt? Denken sie einen Hauch so viel über mich nach, wie ich über sie?“

„Was ist, wenn ich ihnen Unrecht tue? Was, wenn ich wirklich unerträglich und verrückt bin? Charakterlich deformiert und gestört? Vielleicht weiß ich das ja nur nicht! Oh Gott, was, wenn ich verrückt bin und meine armen Eltern verstoße, die nur versuchen, für mich da zu sein und mich lieben … halt nein: Da merke ich gerade, dass es so ja nicht ist. Denn dann wären sie vermutlich da und würden versuchen, mir zu helfen …“

„Es ist, als wären sie tot und ich würde trauern. Aber sie leben. Ich bin es ja, die sie quasi sterben lässt. Ein klassisches ‚Für mich seid ihr gestorben‘ -das ist sehr heftig.“

„Ich bin eine miese Tochter. Ich sollte mehr Verständnis für die beiden haben. Ich war immer diejenige, die sie innerlich bemuttert hat und die Verständnis für sie hatte. Und nun lass ich diese beiden armen, psychisch gestörten Menschen einfach sitzen.“

„Ist das Liebe, was ich für sie empfinde? Ist das gut? Sollte ich mir das irgendwie abgewöhnen? Diese verfluchten unkündbaren Beziehungen…!“

„Wow, wer keine Eltern hat, der ist dazu gezwungen, so richtig erwachsen zu sein. So ohne Netz und doppelten Boden. das wiederum finde ich sehr stärkend. Ich kann nicht mal eben meine Eltern um Hilfe bitten und ich trage die gesamte Verantwortung für mein Leben selber.“

„Oh Mann, wer keine Eltern hat, der kann nie mal eben nach ihnen rufen oder sie um Rat bitten oder mit ihnen über alte Geschichten lachen. Das ist sehr schmerzhaft.“

Wölfe, Gérard van Drunen

„In meiner Vorstellung traumhaft: Leben in einem Rudel“             (Foto: van Drunen)

In der Tat sagen unsere Großen manchmal etwas wie: „Mama, es ist echt krass, dass du uns etwas geben kannst, das du selber nie hattest. Und so viel davon! Woher nimmst du all das, wenn du es nie bekommen hast?“

Aus meiner Liebe. Und dem Wissen daraus, wie schlimm es sich anfühlt, wenn es fehlt.

Time to say Goodbye …

Ja, ich muss mich verabschieden. Von meinen verträumten Wünschen, meinen sehnsuchtsvollen Gedanken, von meinen Bedürfnissen nach elterlicher Liebe und Begleitung.

Viele Menschen sagten mir schon: „Du hast du doch deine eigene tolle Familie!“

Ja. Schon. Aber das hilft so viel wie das übliche „Du hast ja noch ein anderes Kind“-Trösten nach einer Fehlgeburt hilft.

Ich bin wirklich fast täglich dankbar für meine Familie. Sogar, wenn sie mir gehörig auf den Zeiger geht. Aber es ist doch nicht verwerflich, sich zusätzlich eigene Eltern zu wünschen anstatt ausschließlich dauerdankbar dafür zu sein, selbst welche sein zu dürfen.

Ich habe letztlich keine Fotos für sie gemacht. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich sie meiner Mutter zukommen lassen sollte. Ich weiß nämlich nicht, wo sie gerade wohnt. Die letzte Information war, dass sie mit dem schwer autistischen Sohn ihres verstorbenen besten Freundes zusammenlebt und sich um ihn kümmert. Für ihren eigenen autistischen Sohn hatte sie so viel „Liebe“ nicht übrig.

Aber gut. Was soll ich darüber nachdenken? Sie besteht eben aus Bildern, die sie sich von sich selbst macht. Sie ist gerne die Helfende und Unterstützende. Da, wo ihr diese Darstellung gefällt. Da, wo sie damit etwas gewinnen kann. Und da ich ihr ja als Tochter sicher war, ebenso wie meine Liebe – die bei Kindern ja mitgeliefert wird – war dies bei mir unnötig.

Und hier schließt sich mein Gedankenkreis: Was würde mir persönlich ein Kontakt bringen?

Nichts Gutes.

Nur etwas Schein.

Und dafür gebe ich nichts auf. Nicht mehr. das habe ich Jahrzehnte lang getan. Um mich am Ende ungeliebt zu fühlen und zu begreifen, dass ein Mensch wie sie tragischer Weise niemals wirkliche Liebe empfinden kann. Das ist sehr traurig. Für sie ebenso wie für mich.

Ich betrauere im Grunde sehr viel mehr als den Verlust, den meine Entscheidung mit sich brachte:

Ich sehe in meiner Mutter ein kleines Mädchen, das tief verletzt wurde und diese schwere Bindungsstörung entwickelte, mit der sie wiederum bei ihrem kleinen Mädchen schwere Verletzungen verursachte. Und ich weiß inzwischen, dass ihre Verletzung nur eine in einer langen Reihe war, die sich über Generationen weitergab. Laut Einschätzung meines (unglaublich dankenswert kompetenten) Therapeuten handelt es sich um einen etablierten transgeneratorischen Missbrauch in der mindestens fünften Generation.

Daher entschied ich vor langen Jahren, diesen zu stoppen. Ende. Ich wollte, dass ich als letztes Opfer das ganze beende. Es war, wie sich vor einen rauschenden D-Zug zu stellen, um ihn wie Superman aufzuhalten. Superwoman in diesem Fall. Ich in diesem Fall.

Und es lohnte sich. Ich sehe meine Kinder, sie sich selbst annehmen wie sie sind. Die eine Tochter eher schüchtern, aber stets im inneren Wachstum. Die andere lange Zeit mit der Thematik des Mobbings konfrontiert, aber von uns unterstützt und begleitet. Die Dritte wibbelig und voller Energie, eine Quasselstrippe voller tiefer religiöser Werte und einem wunderbaren Sozialverhalten. Und natürlich der Kleine, der von einer Bekannten immer als „Glücks-Baby“ bezeichnet wurde, weil er genau dies ausstrahlt: „Mir geht es gut, ich bin vollkommen glücklich und angenommen.“

In mir ist Trauer.

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Aber auch viel Liebe. Dankbarkeit und ich bin achtsam geworden. Mein Schicksal machte mich sensibel, empathisch und sehr stark. „Mich haut so schnell nichts um!“ sage ich manchmal und das fühlt sich gut an.

Ein mittlerer Burnout und eine Angststörung – das ist alles, was ich davon trug. Und Trauer. Und Misstrauen. Das ist okay für mich. Ich bin stark, nicht persönlichkeitsgestört, nicht essgestört, nicht drogensüchtig, nicht narzisstisch. Nix. Und ich bin dankbar dafür. Mir selbst auch.

Mit dieser Entscheidung bin ich nicht allein

Vielen Menschen geht es wie mir – das fiel mir auf, als ich den oben erwähnten Artikel las.

Diese schwierige Entscheidung. Und dauernd Zweifel daran. Die Trauer, das Ziehenlassen der Hoffnungen und der eigenen Bedürfnisse. Und dann die Fragen aus dem Umfeld, die irritierten Blicke und auch manchmal die Kommentare, all das.

Dennoch akzeptiere ich die Tatsache des Verlusts, der im Grunde nie einer war, weil einfach bestimmte Elemente nie wirklich in meinem Leben waren.

Ich akzeptiere meine Trauer, meine Wut auf und auch die Liebe, die trotz allem da ist. Ich bin an all dem gewachsen und es gab mir Fähigkeiten.

Und – was mir beim Lesen des Artikels noch auffiel: Ich bin nicht allein damit.

Und Ihr anderen „freiwilligen Waisen“ seid es auch nicht ❤

 

 

 

 

Alice im Wunderland – ein ernster Artikel

Alice im Wunderland – ein ernster Artikel

Ich habe diesen Artikel in der Welt zu einem Thema gelesen, das mich selber betrifft: Kinder psychisch kranker Eltern.

Im vorletzten Post habe ich bereits angekündigt, mich zu überwinden, etwas zu meiner Kindheit zu schreiben.

Ich werde Euch hiermit also etwas sehr Ernsthaftes und sehr Persönliches zumuten. Ich finde aber, es ist an der Zeit, mich mitzuteilen. Allein schon, weil es falsch ist, sich für etwas zu schämen, das keiner Scham bedarf. Der nächste Grund, warum ich ungern und selten darüber kommuniziere ist, dass ich meine Umwelt schonen möchte. Schließlich kann sie ja nichts dafür. Im Moment hebe ich also einmal für diesen Post die „Schonzeit“ auf:

Warum möchte ich über meine Erfahrungen schreiben?

Weil ich davon überzeugt bin, dass ich mich eigentlich nicht schämen muss für etwas, das ich weder beeinflussen konnte noch verursacht habe. Ich finde es fast ungerecht, schweigen zu müssen. Ich will gar keine große Aufmerksamkeit, nur mitteilen, was ich erlebt habe. Und auch das nur in groben Zügen. Alles andere wäre zu viel. Vielleicht liest es jemand, der Ähnliches erlebt hat oder es interessiert einfach im Allgemeinen.

Was möchte ich mitteilen?

Einige Ausschnitte, Erlebnisse und Gedanken, die ein Bild entstehen lassen. Wollte ich alles strukturiert und chronologisch aufschreiben, dann müsste ich ein Buch verfassen. Ich schneide einfach einige Schlüsselsituationen heraus und schreibe sie auf. So ist es einfach ein Bild von Erlebnissen. Keine tiefe Analyse und keine unpersönliche Falldokumentation. Es wird, wie solche Ausschnitte es oft sind, ein wenig unchronologisch und fremdartig anmuten. Fremdartig, weil der Lesende immer in eine ganze eigene, fremde Welt hinein geholt wird. In diese muss er sich erst einmal einfinden und er muss sie für sich sortieren.

Kurzer Disclaimer:

Ich muss eingangs Folgendes sagen: Einem Kind kommt die Welt der Familie, dieser „Mikrokosmos“ als komplett stimmig und logisch vor. Es hinterfragt erst einmal nichts. Weder, wie viel die Mama trinkt oder wie oft der Papa flucht oder dass die Eltern bei offener Tür zur Toilette gehen. Es gibt eigene Ausdrücke und fast einen eigenen Slang. Eine Familiensprache, die man selber nicht bemerkt. Als Kind und auch später noch neigt man zur Systemblindheit. Man erfasst alle Dinge als gegeben. Genau so habe ich es auch getan. Ich war längst ausgezogen, als ich begriff, dass manches nicht gut und gesund gelaufen ist.

Wie erfuhr ich von den psychischen Erkrankungen meiner Eltern?

Dass meine Eltern und ihr Umgang mit mir recht besonders waren, fiel mir erst zunehmend auf, als ich Mr. Essential kennenlernte. Das war im Jahr 2000. Ich erzählte von Zuhause und er runzelte die Stirn. Wenn ich Dinge im Plaudertonfall berichtete, die mir normal vorkamen, dann sah er mich fragend an. Ich wusste zu der zeit schon, dass ich mit Dingen zu kämpfen hatte und arbeitete an mir. Und das tat ich eben auch, indem ich mit ihm redete. Irgendwann war er nicht mehr nur verwundert, sondern verständnislos und dann letztlich wütend. Und irgendwann begann er, seine Gedanken auszusprechen. Er sagte. „Deine Eltern sind so: Wenn man irgendwas nur noch ein bisschen schlechter macht als die, dann kommt man in den Knast.“ Er wusste nicht, dass er damit untertrieb. Und ich wusste es selber noch nicht.

Ich habe immer wieder von Menschen meines Umfelds Stirnrunzeln, Kommentare oder auch Unglauben geerntet für etwas, dass ich aus dem Zusammenleben mit meinen Eltern erzählte. Das war für mich natürlich interessantes Feedback und mit der Zeit begriff ich mehr und mehr, dass vieles nicht normal war. Normal im Sinne von: Nicht schädlich für mich, dem liebevollen und gesunden Umgang zwischen Eltern und Kind entsprechend.

Natürlich habe ich in der Zeit auch begriffen, dass mich meine Kindheit sehr beeinflusst hat und befreite mich von den ersten tieferen Folgen des Ganzen erstmal alleine und auch in Zusammenarbeit mit Mr. Essential. Ich tastete mich an Traumata heran und bekam Ahnungen, hatte aber wenig Greifbares, um damit arbeiten zu können.

Ich habe meine Eltern und mein Familiensystem (auch recht typisch) jedoch lange verteidigt. Bis irgendwann (ich glaube, es war im Jahr 2010 oder vielleicht 2011) im Rahmen meiner gestarteten Therapie langsam zu Tage kam, was so alles eben nicht normal war und ich die Zusammenhänge des Familiensystems und meinem Befinden umfänglich begreifen konnte. Zu Beginn war es noch, wie eine Maus in einem riesigen Labyrinth zu sein. Später sah ich das Labyrinth mehr und mehr aus der Vogelperspektive.

Warum habe ich eine Therapie begonnen?

Weil ich 2008 aus für mich heiterem Himmel eine Panikattacke bekommen habe und Mr. Essential den Notarzt rief, da es mir so erschien, als würde ich ersticken. Dieses unangenehme Ereignis wiederholte sich dann immer mal wieder. Zudem bekam ich dauernd Angst, mein Herz könne stehenbleiben. Mein Körper reagierte – ich hatte dauernd irgendwelche Verdauungsprobleme, mein Magen war oft mit Luft aufgebläht, drückte auf die Lunge und gegen den Reiznerv des Herzens. Es stolperte manchmal deswegen, was mir noch mehr Angst machte. Die Ärzte gaben aber nur gutes Feedback – körperlich war ich gesund.

Ich war trotz meiner inneren Bedrängnisse noch nicht bereit, mir Hilfe zu holen und wollte (wie gehabt) weiter alleine kämpfen. Wir zogen bald darauf um und ich war erst einmal beschäftigt. Mr. Essential wurde ja dann auch bald krank und wieder gesund – was Zeit in Anspruch nahm. In dieser Zeit hatte ich keine Attacken oder Ängste. Sie waren wie weggeblasen, denn ich legte meine Psyche auf Eis, damit ich ganz für ihn da sein und die Lage unter Kontrolle halten konnte. Krankenhaus, Kinder, Haus, Arbeit – das reichte mir völlig aus. Da war kein Raum für mich und mein „komisches Angstproblem“…

Ohnehin war ich eher dazu erzogen, mich durch meine Angst dumm und klein zu fühlen. Unfähig und schwach – dagegen musste ich ankämpfen. Etwas in mir sagte, dass ich keinen Grund für solche Schwächeanfälle hatte. Ich hatte keine Akzeptanz meiner echten Befindlichkeit. So etwas hatte ich nie gelernt. Von klein auf war ich auf andere fixiert und bekam oft aus familiärem Umfeld unstimmiges Feedback auf meine Gefühlsäußerungen, bis ich sie immer mehr unterdrückte und letztlich nur noch stark angepasst und rationalisiert äußerte. Dieser Umstand war ein übler Gegenspieler – und ist es bis heute noch immer wieder.

Mein Leidensdruck wurde größer als Mr. Essential wieder fit genug war und arbeiten ging. Ich wollte doch Hilfe, ehe es allzu heftig werden würde:

Es war ein sonniger Nachmittag, an dem ich Müll rausbrachte. Plötzlich hatte ich das Gefühl, während ich da so an den Tonnen stand, ich würde in eine fremde Realität gezerrt oder gesaugt. Das war so intensiv und furchtbar!

Doch ich tat, was ich immer gern tat: Ich atmete durch und machte weiter. Später am Tag folgte dann noch beim Lidl in der Cerealien-Abteilung eine weitere Panikattacke. Ich habe die zu diesem Zeitpunkt schon unter Alltags-Bestandteil abgehakt: „Oha, da ich nicht sterbe, sondern es sich nur so anfühlt, kann ich weiter funktionieren und zur Kasse gehen.“

Aber an diesem Tag beschloss ich, mir Hilfe zu suchen.

Und diese fand ich in Person eines unglaublich guten, erfahrenen, sympathischen und humorvollen Therapeuten für tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Es dauerte viele Monate, bis ich an die sehr, sehr heftigen Inhalte herankam. Und sie ließen mich nicht schlafen. Und sie raubten mir den Atem. Und sie fesselten meine Gedanken.

Ich saß im Büro und sah meine fröhlichen Kollegen an, während ich mir sehr hässliche Bilder aus dem Kopf schütteln musste, um so zu arbeiten als wäre nichts. Das galt auch für den Rest der vielen Tage, Wochen, Monate: es gab schließlich keine Krankschreibung – ich musste alles so leisten wie sonst auch. Kinder, Job, Haushalt, Termine. Alles wie immer.

Ich konnte kaum über die Dinge sprechen, die sich als Erinnerungen zeigten. Ich konnte spüren, hören und mich an Bilder erinnern. Ich habe diese Inhalte bisher auch nur sehr wenigen Menschen anvertraut, was ich auch in Zukunft so handhaben werden. Ich sage so viel: Es geht unter Anderem um gemeinschaftliche sexualisierte Gewalt, die mir durch meine Mutter und einen Verwandten begegneteIch sehe die Erkrankung meiner Mutter als großen Teil des Antriebs, so etwas zu tun. Nicht alle Menschen mit ihrer Erkrankung tun so etwas. Das möchte ich betonen.

Es kamen auch viele weitere Zusammenhänge in mir hoch. Endlich bekam ich Erklärungen für so viele Gefühle, für Ängste und unbewusste Mechanismen. Ich begriff woher meine ganzen Unsicherheiten und Befürchtungen kamen. Und ich war so zutiefst verunsichert – in der Retrospektive bin ich manchmal noch erschrocken darüber. Äußere Betrachter haben mich stets als selbstbewusste, manchmal toughe und immer sehr humorvolle Frau beschrieben. Eloquent, gebildet, selbstsicher. Alles Unsinn. Innendrin war ein verschrecktes Kind. Außen war diese Frau. So fühlte sich das zu diesem Zeitpunkt damals an. Inzwischen weiß ich, dass die Beobachter Recht haben. So bin ich wirklich. Das verschreckte Kind wollte nur geheilt werden.

„Veränderung ist, wenn du wirst was du bist“ steht auf der Homepage meines Therapeuten. Wegen dieses Spruchs wusste ich damals sofort, dass er der Richtige für mich sein würde. Der Satz trifft den Kern. Der Vorgang, zu werden wer man ist, dauernd ewig an.

Die Bewusstwerdung sexuellen Missbrauchs kam nicht wie ein Schock – das hatte ich vorher gewusst. Jedoch waren die Erinnerungen selbst schockierend. Und zu wissen, durch wen es passiert war. Der Missbrauch war nicht der Mittelpunkt der Therapie. Wir haben über sehr viele Dinge gesprochen und ich habe Erkenntnisse in rauen Mengen bekommen, um eben werden zu können, wer ich eigentlich bin. Und heil werden zu können.

Wie habe ich die Phase des Begreifens erlebt?

Ich hatte beispielsweise Erlebnisse, wie nachts aufzuwachen und zu denken, nein, zu wissen: „Es steht ein Dobermann an meinem Bett!“ Ich spürte den warmen Atem und roch den Speichel. Und spürte auch die kühle Luft des Schlafzimmers sowie die Bettdecke auf mir. Dann erst wachte ich wirklich auf. Aber nur, um zu sehen, dass sich mir zwei Gestalten nähern, um mir etwas zu tun. Ich sah sie und spürte meine Furcht. Dann erst wachte ich wirklich auf und war in meiner eigenen Gefühlswelt als sehr kleines Kind. Ich war panisch und wiederholte immer wieder eine Drohung, die meine Mutter wohl im Rahmen des Missbrauchs ausgesprochen hatte. Ich war sehr glücklich, meinen Mann neben mir zu haben, der nicht nur sofort hellwach war, sondern auch augenblicklich begriff, was vor sich ging.

Dieses „mehrmalige Erwachen“ ist ein sehr seltenes psychologisches Phänomen, das kaum erforscht wurde, wie ich später erfuhr. Ich denke, es ist, als bewege man sich von der Symbolschicht der Psyche hinab an den Kern.

Ich war erschöpfter, manchmal weinerlicher, manchmal wütender. Nervös, angespannt, selten richtig entspannt.

Wie kam „heraus“, was genau mit meinen Eltern los ist?

Das geschah auch während der Therapie. Ich wusste „plötzlich“, was mit meiner Mutter ist. War doch ihre Erkrankung bereits in meiner Ausbildung ausführlich erklärt und thematisiert worden. Zudem hatte ich in meinem ursprünglichen Beruf als Familienpflegerin einmal eine Familie betreuet, in der eine Mutter die gleiche psychische Erkrankung hatte.

Ich habe es eigentlich schon lange gewusst, schon seit kurz nach der Geburt von Nummer 2 im Jahr 2004.

Ich hatte es von einer Sekunde auf die andere begriffen, während ich meine Mutter ansah: Wie sie da saß in ihrer „teeniemäßigen“ Kleidung und Versandhauskataloge blätterte, mit diesem seltsam geschauspielerten, fast verkrampft lächelnden Gesichtsausdruck. Mit diesem Lächeln wollte sie mir etwas sagen. Sie wollte mit vielen Ausdrücken, subtilen Bemerkungen und Kommentaren etwas sagen. Ich hatte sie damals fast zwingen müssen, nach der (Haus-)Geburt ein paar Tage bei uns zu sein, damit sie mir vielleicht ein bisschen half. Oder sich freute, noch einmal Oma geworden zu sein – das allein gefiel ihr schon nicht und sie wurde auch nur ungern so betitelt. Sie wollte eigentlich nicht zu uns kommen und hatte auch gebeten, dass ich „jemand Fremden von so einer Sozialstation“ kommen lasse an ihrer Stelle.

Ich hatte aber dieses feste Bild der Mutter, die sich für ihre Tochter interessiert und in so einem Moment bei ihr sein möchte. Und das wollte ich (noch) nicht loslassen. Weil ich sie dazu gedrängt hatte, bei uns zu sein, saß sie jedenfalls demonstrativ da und blätterte mit ebenfalls demonstrativem Genuss durch die bunten Seiten.

Mit übergeschlagenen Beinen und eben diesem Gesichtsausdruck, den ich heute „die Maske“ nenne. Und an dem ich Menschen mit ihrer Erkrankung so zielsicher erkenne, dass sowohl Mr. Essential als auch ich schmunzeln müssen, wenn sich eine meiner „Diagnosen“ bestätigt.

Ich verdrängte meine Diagnose im Falle meiner Mutter jedoch sofort wieder, nachdem ich sie damals betrachtet hatte und vergaß sie bis es nicht mehr anders ging. Da platzte es während eines Gesprächs mit Mr. Essential aus mir heraus. Ich sprach aus, was ich als Erkrankung meiner Mutter vermutete und ich sah an seinem Blick, dass er sofort begriff.

Irgendwann sprach ich das Wort, meine vermutete „Diagnose“ während der Therapiestunde aus, weil ich sehen wollte, was mein Therapeut dazu dachte. Ich wollte endlich wissen, ob ich richtig lag. Hatte ich mir doch bereits Lektüre zum Thema gekauft und gelesen. Ein Selbsthilfebuch für Kinder von Erkrankten, das mich beim Lesen zu (bei mir sehr seltenen) Tränen rührte.

Ich sagte „Borderline Persönlichkeitsstörung“ und er nickte langsam.

So war das. Ich ging danach raus zum Auto und war glücklich. Das Schreckgespenst hatte einen Namen. Ich war nicht verdreht und meine Wahrnehmung war nicht verzerrt. Ich war nicht überempfindlich und komisch und verrückt. Meine Gefühle waren lediglich logische Konsequenzen der Dinge, die mir widerfahren waren.

Ich war ein Mensch mit Angst, weil ich in der größtmöglichen Unsicherheit aufgewachsen war. Ich hatte gelebt wie Alice im Wunderland, die nie wusste, was hinter der nächsten Tür war. Ich hatte in dauernder Angst vor einer Mutter gelebt, die man bestenfalls als launisch bezeichnen konnte. Die ihre „Liebe“ zu mir abhängig machte von meinem braven, gefälligen Verhalten. Die mich vergötterte und in eine enge Symbiose zwängte, um mich mit Beginn der Pubertät fallen zu lassen. Deren Laune von „du bist mein Ein und Alles, meine Rettung“ zu „wie du aussiehst! Wie du gehst! Wie du atmest, Herrgott noch mal!“ wechselte. Gern auch binnen 30 Minuten.

Ich musste während meiner gesamten Kindheit stets auf der Hut sein und meine Antennen verfeinern, damit ich ihre Launen im Blick hatte, um den Moment abzupassen, in dem sie kippen würden. Und genau bevor sie das taten, musste ich aktiv werden. Ich musste sie aufheitern, verstehen, trösten, stärken, führen, ihr die Welt erklären. Ich hörte mir ihre Eheprobleme an, ihre sexuellen Probleme – ich war ihre Zwangs-Freundin. Ich erklärte ihr, wie Menschen funktionierten, immer wieder. Ich war eine Projektionsfläche – mal war das oberflächlich angenehm, dann wieder sehr schmerzhaft für mich.

Sie war jemand, der sich während der vielen Streits mit meinem Vater Hals und Gesicht zerkratzte. Sie hatte früher oft blaue Flecken als junge Frau, so erzählte mein Vater später. Dinge und Menschen, die sie bewunderte konnte sie kurze Zeit darauf bereits verachten. Sie konnte uralte Erinnerungen in den assoziierten Gefühlen nie loslassen. Ihr größte Angst war es stets, nicht geliebt zu werden. Liebte man sie, so verlor sie rasch das Interesse. Sie war immer hinter den Menschen her, deren Zuneigung sie gewinnen wollte.

Als ich bereits ausgezogen und in meiner Ausbildung war, habe ich mal zu ihr gesagt, ich würde ihr mein herz offen hinhalten, aber sie würde nur beiseite blicken – es nicht mal ansehen. Als sei es keines Blickes wert. So hat sich das wohl angefühlt. Dank meines eidetischen Gedächtnisses weiß ich noch so viel. Manchmal aber fehlen mir die Gefühle zu den Erinnerungen. In diesem Fall ist es so.

Ich weiß inzwischen sehr viel über diese Erkrankung und ich bin meiner Mutter insoweit nicht böse, dass ich sie als kranken Menschen akzeptiert habe und sehr wohl Mitgefühl empfinde, weil sie von kleinauf dazu verdammt war, so unglücklich zu sein. Denn glücklich war sie nie. Irgendwie immer gehetzt und sie fühlte sich dauernd ungeliebt. Das wiederum konnte ich wettmachen, indem ich sie geradezu vergöttern musste.

Ja, ich hatte eine Kindheit – zumindest den Symbolen nach: Ich hatte Puppen und Teddies, ein Fahrrad und Freunde. Ich sah mir die Vorabendserien an und flunkerte meine Mutter manchmal an. Ich liebte schöne Kleider und war überzeugt, einer anderen, am liebsten adligen Familie zu entstammen, deren Personal mich irgendwann abholen würde. Ich hatte in der äußeren Welt alles, das Kinder so hatten.

Aber ich glaube, ich war kein Kind. Ich war nie losgelöst oder albern. Nie unbeschwert oder achtlos. Da war kein Urvertrauen in mir. Ich war seltsam, weil ich seltsame Erfahrungen machte. In der Schule wurde ich wegen meiner seltsamen „Aura“ gemobbt – die Kinder spürte, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Und haben es ausgedrückt, in dem sie mich an der Haltestelle verprügelten.

Ich kann und will nicht im Detail alles aufschreiben, was die Erkrankung meiner Mutter ausmachte. Vielleicht schreibe ich ab jetzt immer einmal wieder etwas dazu, wenn es thematisch passt. Ich brach jedenfalls den Kontakt zu ihr ab, um mich selbst zu schützen. Und weil ich begriff, dass sie niemals etwas wie echte Liebe würde empfinden können. Eine Beziehung zu ihr würde für mich weiterhin mehr Leid als etwas anderes bedeuten, da sie nicht auf etwas Authentischem aufgebaut sein konnte. Da wären nur Bilder und wechselhafte Schauspielereien, von ihr gespielte Rollen und leere Worte. Wechselhafte Gefühle. Ich würde weiterhin die sein, die Verständnis haben müsste. Mit jemandem, der mich als kleines Kind in Todesangst versetzt hatte. Das war mir ehrlich gesagt zu viel. Und ist es heute noch.

Und mein Vater?

Ich trug das Thema „Borderline“ an meinen Vater heran, bei dem das eine Lawine auslöste. Er informierte sich selbst eingehend und befand, sein Leben mit meiner Mutter sei eine einzige Art von Lüge gewesen.

Er trennte sich nach über 40 Ehejahren binnen zehn Tagen von ihr. Es gab zwei, drei Gespräche zwischen den beiden, in denen er wohl deutlich und heftiger wurde (ich war nicht anwesend), dann trennten sich ihre Wege. Meine Mutter zog aus. Scheiden lassen wollten sie sich aus Kostengründen wohl nicht, aber mein Vater warf sie aus der gemeinsam gekauften Wohnung hinaus und sie ging anscheinend zunächst in ein Frauenhaus. Später zog sie mit dem autistischen Sohn ihres kurz zuvor verstorbenen besten Freundes zusammen.

Mein Vater sah zu jener Zeit mit einem Mal, wie sehr mein sechs Jahre älterer Bruder (zu dem ich den Kontakt zuvor hergestellt hatte, nachdem meine Familie ihn eine Ewigkeit zuvor als persona non grata verbannt hatte) und ich gelitten hatten.

Mein Bruder hat eine Sozialphobie entwickelt und befindet sich irgendwo im autistischen Spektrum (sein „Schneckenhaus“, wie ich es nenne). Er hat auch eine Geschlechterrollenidentifikationsstörung. Und er lebte alleine, einsam und fehlernährt. Ohne Schulabschluss oder eine Ausbildung. Als er damals mit 17 aus unserem Elternhaus auszog, war er rund 1,55 Meter groß. Er sagte, er habe nicht wachsen wollen, weil er eine Angriffsfläche bieten wollte. Nach dem Auszug wuchs er binnen einen Jahres 20 Zentimeter. Damals war er 18. Später prügelte er sich oft, war ein Punk, rauchte Dinge, die man nicht rauchen sollte und trank mehr als man trinken sollte. Er lebte in einer betreuten WG mit fähigen Sozialarbeitern, die auch dann mal das Wort Autismus fallen ließen. Für meine Eltern war er der Grund ihres persönlichen Martyriums – so „komisch“ wie er (undiagnostizierter Autist) immer gewesen war. Sie waren einfach froh gewesen, ihn los zu sein und der Kontakt brach ab.

2011 war alles anders: Unser Vater traf sich mit uns. Wir feierten Weihnachten. Es war das schönste Weihnachtsfest meines Lebens.

Wir empfanden uns als Kern, als „Rest vom Schützenfest“, wir hatten wenigstens uns. Ich durfte endlich mal ein Weihnachtsfest verbringen, an dem ich ganz ich selbst war. Das Jahrzehnt zuvor hatte ich mich immer anpassen und verstellen müssen, wenn wir bei meiner Schwiegerfamilie feierten. Und die Stimmung war unter der Oberfläche angespannt, komische Dinge wurden gesagt und getan. Es war einfach anstrengend und obwohl ich wenig Alkohol trinke, würde ich sagen: Nüchtern kaum zu ertragen. Ich bin durch meine fein ausgebildeten Antennen leider sehr empfänglich für Stimmungen. Das erschwert für mich persönlich Systeme zu ertragen, in denen Unterschwelliges herrscht. Oder in denen es Schweigegebote gibt.

2011 war es anders. Wir haben entspannt gegessen, gelacht und gequasselt. Richtig toll war das. Mein Bruder war glücklich mit seinen drei Nichten und tobte mit ihnen. Er hatte wunderschöne Geschenke für sie ausgesucht, auf die er richtig hatte sparen müssen, da er als Zeitarbeiter nicht gerade in Geld schwimmt. Mein Vater trank ein Gläschen mit mir und wir plauderten. Nummer 3 trug ein lustiges Weihnachtslied vor, wir lachten, er freute sich über die Kinder und über mich. Er sagte, er sei glücklich, weil es mir so gut ging. Und stolz auf mich sowie die Enkelkinder.

Wir sprachen später auch über das Vater-Sohn-Verhältnis. Mein Bruder war zuvor voller Aggressionen unseren Eltern gegenüber gewesen. Doch die Trennung der beiden bewirkte bei ihm, dass er sich freute, seinen Vater wieder zu haben. Er vergab ihm die viele Gewalt, die mein Vater ihm angetan hatte fast im Augenblick des ersten Gesprächs.

Ich war vorsichtiger, misstrauischer und (wie immer) eher analytisch-distanziert meinem Vater gegenüber.

Mich störte, dass für unseren Vater unserer Mutter fortan die Buh-Frau war. Sie war an allem Schuld. Er war ihr Opfer. Aber das wollte ich zunächst alles verdrängen. Ich wollte dieses Gefühl von Familie genießen. So lange hatte ich nach diesem Gefühl gesucht. Und ich war immer bereit gewesen, dafür viel einzustecken. Das war eben schon bei meiner Schwiegerfamilie so. Ich wollte verzweifelt und unbedingt ein Nest. So sehr, dass ich mich auch in ein Nest aus Dornen setzte. Hauptsache ein Nest. Ach, das ist alles auch schon so lange her …

Unser Vater sagte, er habe ja nicht gewusst, wie schlimm es für uns gewesen sei, unsere Mutter habe ihm ja ein Bild vorgefertigt. Es sei alles gefiltert bei ihm angekommen. Er habe nur gesehen, wie sehr sie unter den Kindern gelitten habe. Alles sei zu anstrengend für sie gewesen. Wir seien beide zu intensive Individuen für seine Frau gewesen. (Schnelle Überforderung im Alltag gehört zu den Elementen ihrer Erkrankung).

Wochenlang hatte sie jeden Abend immer geklagt, bis es ihm zu viel geworden sei. Dann sei er eben meinem Bruder gegenüber gewalttätig geworden. Belastend gewalttätig. Ich hingeben bekam so etwas nur später ab, als ich nicht mehr das liebe Mädchen war, sondern mir eigenen Charakter und eine wachsende Persönlichkeit zulegte (Pubertät).

Ich hatte zuvor die Rolle des stets perfekten Mädchens inne und schob Panik, da raus zu fallen, indem ich mich impulshaft verhielt – also so, wie Kinder es tun.

Ich musste die Mutter trösten, weil sie einen so „schier unzumutbaren“ Sohn hatte und ebenso einen furchtbar lieblosen Mann. Er war das, was die Psychologie im System der Borderline-Eltern-Problematik als das „Schwarze Kind“ bezeichnet. Das Buh-Kind, das schwarze Schaf, auf das man alles projiziert, das einem am eigenen Leben nicht gefällt und für das man keine Verantwortung übernehmen möchte oder kann. Der Partner war in den Augen meiner Mutter Täter-assoziiert, weil sie sich in allen Belangen als Opfer sah.

Und ich war eben das „weiße Kind“ – die Mischung aus gefälligem Pausenclown und Spielzeug. Wir beide mussten in unseren Rollen bleiben. Alles andere stört das System. So vergingen die Jahre unserer Kindheit. (Und ich zeichne hier ein Bild mit sauberer Wohnung, Geburtstagsgeschenken, Verwandtenbesuchen und einem Vater, der stets fleißig arbeitete. Die Außenwelt war blitzsauber. Meine Mutter war allseits beliebt und hilfsbereit. Niemand hätte mir jemals geglaubt, wenn ich etwas von hinter der Fassade berichtet hätte.

2012 – am Ende verlor ich beide

Beim zweiten Weihnachten mit meiner Familie sowie Vater und Bruder als Besuchern brannte mir bereits unter den Nägeln, etwas zu sagen, etwas anzusprechen. Ich wollte meinen Vater konfrontieren. Ich wollte ihn fragen, wieso er denn überhaupt keine Verantwortung bei sich selber sehe. Und auch, wieso er mich so selten besuche, wo doch dies angeblich immer nur wegen meiner Mutter so gewesen war (sie fuhren die eine Autostunde nur drei Mal im Jahr). Wie es dazu habe kommen können, dass unsere Mutter die Schuld an allem trage und er keinen Hauch Verantwortung für gar nichts.

Wenige Tage vor dem Fest rief er mich an und sagte mir, wie unglaublich beeindruckt er von mir sei. Wie stark ich sei. Und was ich doch alles erreicht habe, trotz allem. Und wie großartig unsere Kinder seien und wie dankbar er sei, weil ich überhaupt noch mit ihm reden würde. Es sei einfach wunderschön und ich hörte Rührung in seiner Stimme. Er sagte auch, er habe sich eigentlich immer eine Frau wie mich als Partnerin gewünscht, was mir ein komisches Gefühl machte, das ich aber verdrängte. Er schien mich jedenfalls einigermaßen verlässlich zu mögen, folgerte ich aus diesem Honig-Überguss.

Also wagte ich es, ihn spät abends in geselliger Runde auf diverse Dinge anzusprechen. Die Kinder schliefen bereits. Wir redeten ohnehin über das Thema Mutter/Familie und da passte es. Ich hatte eine unbändige Furcht in mir, etwas zu sagen, das ihm nicht gefallen würde. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind mit der Angst vor richtig heftiger Strafe oder Schimpfe. Letztlich aber dachte ich, dass mir das Verhältnis zu ihm unwahr vorkam. Etwas daran war eine Lüge: Nämlich das Schweigegebot für mich. Dieses unausgesprochene Verbot, ihn zu kritisieren.

Er verabscheute Kritik. Außer, er konnte sich in ihr heroisch darstellen. Das ging nur, wenn er die Kritik selber äußerte. Heroisch ging dabei auch im Zusammenhang mit tiefem, sehr tiefem Schuldeingeständnis, das ihn an sich bereits adelte. Aber richtige, treffende Kritik von außen – die ging nie.

Ich sagte jedoch die Dinge, die mir auf der Seele brannten.

Als sich die beiden tags darauf verabschiedeten, hatte ich ein ganz mieses Gefühl. Einige Wochen später lud ich meinen Vater postalisch zu Nummer 2s Kommunion ein. Er reagierte nicht. Ich ließ ihn erstmal in Ruhe und ahnte, dass ich nun den Preis für meine Wahrheitsliebe zahlen würde.

Die Wochen vergingen und er rief nicht an. Schließlich rief Nummer 2 selber irgendwann an. Und dann rief am Morgen des Fests sogar Nummer 1 noch bei ihm an, obwohl ich ihr das hatte ausreden wollen. Er hob nicht ab. Zwei Wochen später erreichte ich ihn.

Er flüchtete sich in Ausreden über eine defekte Telefonanlage und plauderte dann drauf los, ehe ich ihn an sein Handy erinnern konnte, mit dem er jederzeit einen Anruf hätte tätigen können. Letztlich aber drehte sich sein Monolog irgendwann und er teilte mit, dass er mit mir keinen Kontakt mehr haben wolle. Er würde mich nicht verachten, aber ich sei irgendwie verrückt. Er müsse sich jedenfalls vor mir schützen. Ich war zu verletzt oder erschrocken, um ihn zu fragen, ob sein plötzlicher Sinneswandel eventuell mit meiner Konfrontation und Kritik zu tun hatte.

Er plauderte weiter. Er habe sich ein neues Auto gekauft. Und er würde weiterhin so viele Frauen kennenlernen, es sei einfach krass. Er würde keine Beziehungen mehr wollen, aber ansonsten sei es unfassbar, wie viele Frauen auf ihn flögen. Es sei wohl ein richtiger Frauenschwarm.

Ich verabschiedete mich und legte auf.

Ich dachte nach. Auch hier schlich sich in meinen Kopf, was ich in den vergangenen Monaten zuvor bereits gedacht hatte: Die zwangsweise rosarote Brille der wiedervereinigten Familie war ja nun weg. Ich sprach zuerst mit Mr. Essential (der vor Wut auf meinen Vater kochte und sich erst beruhigen musste). Jemand wie mein Vater ist ebenso wenig wirklich Herr über seine Gefühle, Taten und Worte wie eben meine Mutter.

Ich diagnostizierte mutig schon einmal vor, um mir dann einen neuen Termin beim Therapeuten zu machen.

Ich erzählte ihm zunächst von den Vorgängen der vergangenen Monate und schließlich von jenem kruden Telefonat.

Er sagte mit ehrlichem Bedauern ungefähr Folgendes: „Es tut mir sehr, sehr leid, dass sie ihren Vater nun doch verloren haben. Sie hatten es befürchtet, ich habe sie ermutigt, es dennoch zu versuchen. Und nun das. Ich bedaure das ehrlich sehr.“

Ich nickte, sah ihm in die Augen und meinte: „Mein Vater ist ein Mann, der sich gegen jeden behauptet. So sagte er immer. Niemand kann ihm wirklich das Wasser reichen. Er lebte mit einer schwer borderline-kranken Frau zusammen. In einer von beiden präferierten Täter/Opfer-Beziehung. Er präsentierte sich nach der Trennung als totaler Frauenschwarm – eine Rolle, die ihm schon immer sehr gefiel. Er verfügt über wenig Interesse an anderen Menschen, ist wenig empathisch. Ihm ist am wichtigsten, dass ihm niemand das Wasser reichen kann. Ich glaube, ich habe auch für ihn eine Diagnose.“

Mein sympathisch-beherzter Therapeut sah mir ebenfalls in die Augen und nickte langsam. Er wusste, wovon ich ausging und bestätigte es: Von einem Narzissten. So, da stand ich nun. Und wusste Bescheid.

Und trauerte.

Denn in diesem Moment hatte ich meine Eltern beide verloren.

Wie fühlt es sich ohne den Kontakt zu meinen Eltern an?

Ein Leben mit ihnen würde so wenig Sinn machen, wie Essen ohne Nährwert zu sich zu nehmen, bei dem am nie weiß, ob es gerade ausverkauft, verbrannt, versalzen oder überzuckert ist. Man kann das tun und aushalten. Ich aber habe nie begriffen, warum mein Therapeut mir dazu geraten hat. Oder warum er glaubte, meine Mutter würde zu Familienfesten eingeladen und eine „Amnestie“ erhalten, wie er das nannte. Es ist nicht so, dass ich nicht vergeben könnte. Ich kann einem kranken Menschen nicht böse sein. ich kann mich über die Folgen seines Verhaltens ärgern und darunter leiden. Und die Folgen dann so weit wie möglich abwenden. Aber warum soll ich mit diesen Eltern zusammensitzen, als sei nichts? Das würde sich für mich wie ein selbstverleugnendes Treffen mit zwei Abziehbilder der Elternrolle bedeuten. Daraus zöge ich persönlich zumindest nichts. Und beide haben keine Anstalten mehr gemacht, den Kontakt zu suchen. Ich ganz persönlich sah und sehe keinen einzigen vernünftigen Grund, den Kontakt zu suchen.

Vor allem auch, weil die Reaktionen unserer Kinder eine mich völlig überraschende Sprache sprachen:

Als ich zuvor den Kindern erklärt hatte, dass der Opa sich von der Oma trennen wolle, kam von Nummer 2 exakt dieser Satz:

„Ach, hat er es endlich bemerkt? Nicht schlecht.“

Nummer 1 sagte:

„Ich habe immer gemerkt, dass die Oma einen nicht richtig liebt. Das kann die gar nicht. Die war nie so gerne bei uns und hat immer nur aufgepasst, dass wir sie nur ja nicht dreckig machen. Und wieso hat sie sich dann immer so superschick gemacht, wenn sie uns besucht hat? Um einen Grund zu haben, uns von sich fern zu halten?“

Nummer 3 hatte wenig dazu zu sagen und nahm wie oft eine beobachtende Position ein. Schließlich bemerkten sie alle drei:

„Müssen wir nun nicht mehr die hässlichen, kratzigen Pullover anziehen, die die Oma immer für uns gestrickt hat?“

„Nein,“ habe ich gesagt und wir haben uns angelächelt.

Im Folgenden sprachen wir immer wieder über diese Thematik. Sie wissen jedoch bis heute nichts von der sexualisierten Gewalt. Aber Nummer 2 sagte in jener akuten Phase damals zu mir:

„Wir (Kinder) glauben übrigens, du hast ein Geheimnis. Es gibt etwas, das du uns einfach nicht erzählst und das ärgert uns irgendwie. Wir glauben, dass du unter etwas leidest, das wir nicht kennen. Und wir wollen das wissen.“

Die Trauer

Obwohl ich selbst hier die für mich allerwunderbarste Familie habe und das für mich wirklich das ist, was zählt, trauere ich. Ich trauere, weil ich niemals meine Mutter anrufen kann, um etwas Tolles über die Kinder zu erzählen. Ich kann sie nicht um Rat bitten. Ich kann niemals mit ihr Einkaufen gehen oder mit ihr über etwas traurig sein. Oft hätte ich so große Lust, (m)eine Mutter anzurufen und ihr etwas zu berichten. Von einer guten oder schlechten Note. Oder ich würde sie einfach anrufen, um zu hören, was sie so erlebt und wie es ihr geht.

Es ist, als sei sie tot, während sie aber eben lebt.

Ich vermisse inzwischen nicht mal unbedingt sie – darüber bin ich vielleicht hinaus – sondern ich vermisse es, eine Mutter zu haben. Es ist fast, als hätte ich nie eine gehabt. Sondern eine Art böse Stiefmutter. Wie Schneewittchen. Das heißgeliebte Idol meiner Kindertage, das sich ich bis heute aus liebevoller Selbstironie sammle oder darstelle (daher das Zombiewhite von Halloween …)

Ich las übrigens einmal Eugen Drewermanns tiefenpsychologische Deutung zum Märchen Schneewittchen.

Es handelt seiner Forschung nach von der Tochter einer borderlinekranken Mutter …