Von der Kunst, etwas zu lieben, das einen quält

Oh ho …. Bevor noch jemand auf Ideen kommt: Ich schreibe hier nichts mit 50 Bla von öden Farben oder Ähnliches.

Ich meine etwas Anderes.

Habe gestern Abend nachgedacht über meinen Artikel zum Thema Mommy Wars.
Bevor ich die Gedanken mitteile, muss ich der Vollständigkeit halber noch zwei Themenbereiche anfügen:

Ich habe zum Einen die Reboarder vergessen: Mein Mann ist Botschafter der Initiative „Kleine Helden leben sicher“ und daher: Ja, wir verwenden einen solchen Sitz, beziehungsweise haben einen gekauft, der bald eingesetzt wird. Wie wir zu der Entscheidung kamen, dazu schreiben wir hier irgendwann einmal etwas. Ich finde die Dinger also gut. Und dennoch darf jeder machen, was er will. An sachlichen Diskussionen zum Thema Fahrsicherheit beteilige ich mich manchmal. Aber sicherlich ohne jemanden anzugreifen, der eine andere Entscheidung getroffen hat.

Ich habe noch etwas vergessen: BabyLeadWeaning (BLW): Machen wir nicht. Ausprobiert und wieder sein gelassen. Ist der Idee nach eine gute Sache, aber passt nicht für mich. Wir haben aber wunderbare Fotos davon, wie unser Tisch und unser Boden nach dem Essen unserer diversen Kinder aussah. Und nun bei Nummer 4 aussieht. Damit können wir bei Bedarf jederzeit BLW vortäuschen. Falls mal überraschend Besuch kommt.

Was ich eigentlich mitteilen wollte – mein gestriger Gedanke:

Rein theoretisch kann man Dinge mögen, obwohl sie einen quälen.
Das gilt nicht nur für High Heels. Ich liebe unser Haus, aber es quält mich weil es dauernd irgendwo nach Reparaturen und Renovierungen ruft. Ich liebe es, auf unserem Sofa herumzulümmeln, obwohl die Rückenlehne zu kurz ist und mich tierisch nervt. Ich trage gerne Jeans, aber die Nähte im Schritt hasse ich beim Sitzen. Ich liebe es, Kinder zu haben, aber ich leide immer wieder unter der Fremdbestimmung.

Immer wieder trifft man Entscheidungen: Ich kenne glücklich verheiratete Frauen, die es total nervt, dass ihre Männer schnarchen. Oder sich beim Fernsehen die Fußnägel schnibbeln. Und was? Sie lassen sich nicht scheiden.

Warum zähle ich das auf?
Weil ich mir Folgendes vorstelle:

Freundin (oder Internetgesprächspartnerin): „Hey, sag mal, du praktizierst das Familienbett? Hast bestimmte ’ne Sex-Flaute, hm? Nervt dich das nicht außerdem, wenn dein Kind im Schlaf rumhampelt?“

Antwort: „Ich bin mit meinem Sexleben meistens zufrieden. Manchmal fühle ich mich darin eingeschränkt und manchmal nervt es mich echt, wenn der Kleine unruhig schläft. Aber meistens finde ich das Familienbett wunderbar und kuschelig. Daher machen wir das einfach so lange, wie wir es allesamt gut finden.“

Manchmal (oder vielleicht auch öfter) glaubt man, die Richtigkeit seiner Entscheidungen dadurch beweisen zu müssen, dass man vorgibt, absolut Hundertprozentig davon zu profitieren. Dann scheint es unangebracht zu sagen: „Ja, manche Aspekte nerven aber die Entscheidung befürworte ich dennoch.“ Sonst müsste man ja bei jeder auftretenden Hürde seine Entscheidungen umwerfen.

Ich hab das auch schon oft so getan – bei verschiedenen Themn. Aber bei neuer Reflexion gestern kam es mir komisch vor und ich lasse es jetzt 🙂

Mommy Wars und der Sofasex

Mommy Wars und der Sofasex

Wie schrieb Das Nuf heute so süß auf Facebook: „Aber wenigstens hab ich neben dieser Mommywars Sache gelernt, dass ihr alle Sex am Sofa habt.“

Welche Sache? Die Diskussion, die durch StadtLandMama angestoßen worden war, weil sie sich etwas spitzzüngisch (so der Vorwurf) über das Thema Familienbett geäußert hatte. Nun hat Katharina noch einen weiteren Artikel geschrieben, um richtig zu stellen, was sie eigentlich hatte sagen wollen.

Und da sind sie wieder, meine heißgeliebten Mommy Wars …

Wat sach ich nu dazu?

Ich sage:

Es ist typisch und traurig, dass mal wieder eigene Unsicherheiten und das schlechte Gewissen, das wir Mütter dauernd haben, zu einem weiteren Kriegsschauplatz der Verbal“kultur“ geführt haben.

Ich sage noch etwas – gleich zu fast allen Themen, die Grundlage der Auseinandersetzungen sind:

Wenn ich das Familienbett leben würde, dann wäre es mit vier Kindern ein sehr enges Bett. Daher lasse ich das. Ich schlafe gern in Ruhe und alleine (zu zweit). Und ohne sechs bis acht Knie im Rücken oder unterm Kinn. Morgens kommen sie alle noch mal zu mir ins Bett, ehe sie sich zur Schule aufmachen – das reicht mir wunderbar. Ich möchte auch „keinen Sex am Sofa“ und keinen neben den schlafenden Kindern und keinen auf Waschmaschine, Gästebett, Bärenfell am Kamin, Esstisch, Arbeitsplatte … ich möchte für dieses besondere Refugium elterlicher Freuden ( und ihr wisst, wie eingeschränkt die sind) Platz haben. Und viel Zeit. Ich möchte Stunden haben, um zu tun, was wir da eben gerne so tun. Ausladend und mit viel Atmosphäre. Ich ganz persönlich möchte das so. Ergo: Kein Familienbett für uns. Aber: Wer das mag, der soll es bitte tun und erleben. Es hat wunderbare Seiten für alle, die es genießen und für die es eine Erfahrung aus Nähe und Kuscheln ist. Daran ist nichts falsch. Es muss nicht dogmatisch vertreten werden, aber es ist auch nichts Schlechtes, weil es Dogmatiker gibt.

Und ich persönlich stehe nicht so auf’s Stillen (wie erwähnt) und habe da nur unter viel Druck von außen das Standardprogramm absolviert (4 bis 6 Monate lang). Wer es aber gut findet und für sich entschieden hat, der kann doch bitte stillen so lange er (sie) möchte. Was spricht denn dagegen? Die Welt ist voller langzeitstillender Mütter, die beste Vorbilder dafür sind, das absolut nichts dagegen spricht. Klar, brauchen gut ernährte Kinder keine Muttermilch mehr, sobald sie ein gewisses Alter habe. Und eine Langzeitstudie zeigte, dass die gesundheitlichen Aspekte stark überbewertet wurden, nachdem wegen des Skandals der Firma Nestlé das Stillen plötzlich stark gefördert wurde. So etwas könnte für Still-Dogmatikerinnen ein Anlass sein, ein bisschen zurückzurudern. Oder so. Aber: Es gibt weit mehr Aspekte als laut neuer Studie nun doch nicht verhindertes Asthma. Wer die positiven Aspekte für sich sieht und leben möchte, der darf es doch bitte tun und damit glücklich sein. Es gibt genug schöne und sinnvolle Gründe für das Stillen. Und ebenso kann man sich ganz dagegen entscheiden. Ds ist ja das schöne daran, in einem freien Land zu leben: Die Freiheit der eigenen Entscheidungen.

Meine Kinder habe ich alle komplett impfen lassen, die Älteste hat schon Part 1 der HPV bekommen. Und das habe ich getan, weil ich nach eingehender Information und genauer Abwägung eine Entscheidung traf. Und das steht jedem zu. Ich empfinde das für mich als richtig so und bisher zeigte sich mir nicht das Gegenteil. Noch ein Aber gefällig?: Auch hier entscheiden allein die Eltern. Die Fürsorgepflicht liegt nämlich genau bei diesen beiden Personen. Und wenn man nun Impfgegner oder auch Impfbefürworter ist und sich auf den Kopf stellen will, wenn man irgendwo eine gegenteilige Meinung liest: Die muss man exakt so annehmen, außer man wird zu einer Diskussion eingeladen. 

Ich trage meine Babies /Kinder sehr gerne. Zumindest so lange mein Rücken mitmacht, den ich extra per Yoga und Magnesium stähle, damit ich Nummer 4 tragen kann. Wer nicht gerne ein Baby an sich dran bindet, der kann das auch einfach lassen. Es gibt keinen Trage-Zwang. Hab schon ab und an gehört: „Wenn die Tragemütter nicht immer wie zerfledderte Ökos aussehen würden, dann würde ich auch tragen.“ Fand ich sehr witzig und konnte ich darüber lachen. Vielleicht auch nur, weil ich mich nicht als zerfledderten Öko wahrnehme, aber gut. Ja, es tut den Kindern gut, sie entspannen und genießen die Nähe. Viele Schreikinder akklimatisierten sich wunderbar dadurch. Aber es kann auch nerven und schwer sein. Es gibt Tragen, die der Hüfte schaden können und so weiter. Ich mag es dennoch. Aber: Kinder verwahrlosen in einem Kinderwagen nicht. Und sie fühlen sich auch nicht wie Moses im Binsenkörbchen. Alles gut. 

Ich wickle mit Wegwerfwindeln. Weil: ich hatte mal zwei Wickelkinder gleichzeitig und keinen Trockner sowie einen einzigen, dauernd besetzten, wackeligen Wäscheständer. Da wollte ich irgendwie keine Stoffwindeln, auch wenn ich sorgfältig darüber nachgedacht hatte. Und dann hatte ich insgesamt drei Kinder und erst recht keinen Nerv darauf. Und dann vier und …so weiter. Ich wurde übrigens mit Stoffwindeln gewickelt – genützt hat es mir wenig 😀 Auch hier das Aber: Jeder kann auch dieses Thema individuell entscheiden. Meine Güte, es geht nur um Windeln. Windeln!

Und ich halte Nummer 4 nicht über das Waschbecken, wenn er muss. Er trägt immer Windeln, lebt also nicht Windelfrei, außer er hat seine „Nackter-Popo-Zeit“ am Abend. Da landete auch schon mal das ein oder andere auf mir – hätte ich mal gelernt, seine „Pipi-und-Kaka-Mimik“ zu lesen … Weil: Ich gucke nicht dauernd ins ein Gesicht oder höre auf seine Töne, um einen sich anbahnenden Stuhlgang zu identifizieren. Dazu habe ich zum Einen kaum Zeit bei so vielen Kindern und zum Anderen möchte ich auf andere Dinge an ihm mehr achten. Aber: Wer gerne ein Baby ohne Windeln großziehen will, der kann das jederzeit tun. Wie erwähnt wird das in Afrika auch gemacht. Da zieht man sich das bekotete Baby einfach über das Knie, der Kot bleibt da kleben und wird dann mit einem Büschel trockenem Gras oder einem Stöckchen abgekratzt. Das ist in jedem Fall sehr natürlich. Niemand muss windelfrei erziehen und jeder, der es will (vielleicht auch ohne Knie und Stöckchen), der darf es bitte für sich entscheiden. Allerdings: „Und sie nahm das Kind, wickelte es in Windeln und legte es in eine Krippe.“ So eine neue Erfindung sind die Dinger nicht – selbst die jüngsten Aufzeichnungen dieser Altersklasse sind recht alt. Da hat man genug Entscheidungsfreiraum – ob mit oder ohne Windeln.

Habe ich nun alle Aspekte des neuen Mainstreams namens Attachment Parenting durchgearbeitet, der durch manche dogmatische Vertreter suggerieren will, seine Befolgung liefere das von allen Müttern angestrebte wirkliche Rundum-Wohl für die Kinder? Oder fehlt noch was?

Mir fallen weitere Themen ein, über die man sich auch mal streiten könnte. Immer geht es nur um Neugeborene und Kinder bis circa 3 Jahren. Dabei werden die Kleinen doch größer!

Zwischen 32 und 57,3 % aller Kinder in Deutschland hat einen Fernseher oder einen Pc oder eine Konsole im eigenen Zimmer.

Darüber könnte man sich echt mal streiten. Oder über Aspekte der geschlechterspezifischen Erziehung. Da gibt es wahre Sümpfe, die man mal beleuchten sollte. Oder über Verkehrssicherheit. Oder über Bio-Kosmetika für Kinder? Oder über ein zuckerfreies Leben? Oder über global das Ablehnen bestimmter Nahrungsmittel? Oder über Mama-Taxis (ach ne, das gibt es ja schon) oder über bedingungslose Ehrlichkeit Kindern gegenüber. Oder über Sexualaufklärung an Schulen (Mist, da gibbet auch schon Streit). Wie wäre es mit der Frage nach Fertigprodukten wie Maggi Fix? Und McDonalds, wie ist es damit? Dann könnte man über Religionsvermittlung Kindern gegenüber streiten- ein heißes Eisen …

Hm, wie wäre es damit: Man könnte sich darüber streiten, ob man für die Kinder ein gutes Vorbild ist, wenn man die Meinungsfreiheit respektiert. Wenn man in Diskussionen, die ja durchaus prinzipiell begrüßenswert sind, respektvoll bleibt. Und wenn man ihnen zeigt, wie tolerant man wirklich ist, auch wenn die Lampe der Political Correctness das Thema gerade mal nicht beleuchtet.

Die liebevolle aufgeklärte und wohlwollende Haltung der Eltern gegenüber ihrem Kind, beziehungsweise ihren Kindern, ist alles entscheidend. Und wenn diese Ausdruck im gemeinsamen Schlafen findet, dann ist das wunderbar. Und wenn sie durch etwas Anderes ausgedrückt wird, dann ist das ebenso wunderbar.

Ich mochte übrigens einen Kommentar auf dem StadtLandmama-Blog sehr gerne:

„(…) aber das gehört auch dazu, wenn man einen Text schreibt zu dem es so viele unterschiedliche Meinungen gibt.
Das macht doch einen Blog aus, wenn ich monotone Massenmeinungen lesen möchte, kann ich mir ja die „Brigitte“kaufen ;)“

Ab und an darf man mal verallgemeinern und ‚rumschimpfen – manchen gelingt das ja auch sehr humorvoll und pointiert (Kabarettisten verdienen ihr Geld damit…). Ich schimpfe ja auch manchmal rum, nicht wahr?

Ich bin dankbar, dass Kinder in unserer Zeit so viele Möglichkeiten haben und vor allem wahrgenommen werden. Das ist unendlich viel wert. Selbst in meiner Kindheit bekamen Kinder vermutlich die Hälfte der Aufmerksamkeit von heute. Gut, auch darüber ob das nun gut oder schlecht ist, ließe sich streiten. Am besten sag ich doch lieber nix mehr 😀

IMG_2640 … (ich hätte auch den Sofa-Sex mit Playmo nachstellen können – aber Pornographie sprengt den Rahmen unseres Blogs nun wirklich 😀 )