Kontroversen-Clickbaiting (mit Kindern)

Ich beschäftige mich ja recht viel mit Medien, insbesondere mit Online-Medien. Da gibt es seit einiger Zeit ein interessantes Phänomen zu beobachten, dem nach meinem Kenntnisstand noch niemand einen Namen gegeben hat. Einzig das Kotzende Einhorn hat sich ein wenig damit beschäftigt.

Als von Anglizismen und Beratersprech geplagter Professional fällt mir auch prompt nur ein denglischer Begriff dafür ein:

Kontroversen-Clickbaiting

Und das geht so: Als Redakteur bei einem Onlinemedium entwickle ich ein gewisses Gespür dafür, über welche Themen Menschen sich heute gerne aufregen. Das wären zum Beispiel das Rauchverbot, Autofahrer vs. Radfahrer, Autofahrer vs. Autofahrer, Männer gegen Frauen, und so weiter. Wichtig ist nur, dass es zwei Lager gibt, die eine Blutfehde miteinander haben und die sich über die Ignoranz der Gegengruppe endlos aufregen können. Was mache ich dann? Ich bevorzuge News zu diesen Themen, wenn ich so etwas auf den Tisch bekomme („Neue Studie: Frauen verdienen zu recht 8 Prozent weniger als Männer“), oder veröffentliche Meinungsartikel wie „Warum das Rauchverbot total toll ist“. Was passiert? Anhänger der Gruppen eilen herbei und schreiben ins Kommentarfeld Dinge wie:

„Das Rauchverbot ist in Wirklichkeit total dämlich, macht unsere Kneipenkultur kaputt und ist eine Gesundheitsdiktatur!“

„Wenn Du Rauchen willst, will ich aber nicht für Deinen Krebs zahlen. Außerdem stinkst Du!“

„Selber! Und ich kriege vielleicht Krebs, dafür liege ich der Krankenkasse wenigstens nicht auf der Tasche bis ich 90 bin – Ääätsch!“

Ihr versteht, was ich meine. Warum das jetzt Clickbaiting ist? Nun ja, das Grundprinzip hat der Boulevard schon immer angewandt – da kann man sich eine beliebige Bildzeitung anschauen. Aber die Kommentarfunktion moderner Onlinemedien treibt das Spiel auf die Spitze. Denn wenn Schwunzhorst73 erst mal geschrieben hat dass das Rauchverbot doof ist und Heedzlisl88 geantwortet hat dass sie nicht für Schwunzhorstens´ Krebs zahlen will, müssen beide natürlich dauernd nachschauen: Wer hat denn gerade das letzte Wort? Und hat Pommesdieter43 vielleicht nicht auch was Dämliches zum Thema gesagt? Das Ergebnis: Unmengen von wiederkehrenden Besuchern, oder wie wir Medienleute sagen, Klicks. Klar, Unique Visitors sind mehr wert, aber die werden in so hitzige Diskussion via Facebook ja sogar auch noch reingezogen. Onlinemedien monetarisieren sozusagen die Streitkultur im Netz. Warum ich das hier schreibe? Na weil der Stern und Spiegel Online heute zufälligerweise gleichzeitig eine „Eltern vs. Kinderlose“-Debatte initiiert haben. Das fiel mir natürlich auf. Es können sich eben nicht nur Raucher und Nichtraucher streiten. Der Stern widmet diesem Thema sogar in alter Holzmedientradition den Titel. Funktioniert´s? Sicher – schaut Euch die Kommentare an.

Durchgeblättert: Eine Familienzeitschrift im PR-Check

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Als ich gerade nach Hause kam, legte meine Frau mir die aktuelle Familie&Co. auf den Tisch. „Die kommt mir irgendwie komisch vor, schau doch mal bitte durch und sag mir was davon eigentlich nicht PR oder Werbung sind.“ Dazu muss man sagen, wir konsumieren eigentlich nicht so viele Lifestyle-Zeitschriften (egal welches Segment) zuhause. Beruflich lese ich quasi alles, was mir so auf den Tisch kommt.

Zwanzig Minuten Durchblättern später das (selbst für einen abgehärteten Medienmenschen wie mich) erschreckende Ergebnis: von 106 Seiten Zeitschrift sind gerade einmal großzügig geschätzt 32 Seiten echte redaktionelle Beiträge. Der Rest besteht aus Medienkooperationen, Werbung und PR-Beiträgen. Also nicht einmal ein Drittel – ziemlich wenig, oder?

Man sagt mir nach, dass ich einem zynischen Blick auf die Medienwelt habe. Aber das hat mich dann schon nach ein wenig … überrascht.

Die zusätzlich mitgelieferten Werbeeinleger habe ich übrigens gar nicht mitgezählt.