Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Eine sehr gute Idee!

Andreas Thema zum „kindlichen Nein aus elterlicher Sicht“ auf ihrem Blog Runzelfüsschen fand ich sofort spannend.

Als Eltern, die vielmehr begleiten statt klassisch zu erziehen, begegnet uns gerade dieses Thema schon lange und immer wieder. Klar, wir sind seit bald 14 Jahren Eltern und haben diverse Kinder – da bleibt es nicht aus, sich immer wieder mit den frei entfalteten Individuen um uns herum auseinanderzusetzen. Und zwar konstruktiv, bitteschön.

Ich las mich ein wenig durch die bereits zur Parade verfassten Artikel und überlegte:

„Tja, wie sieht das denn bei mir aus? Wie gehe ich mit einem kindlichen Nein um? Und wie handhabe ich es überhaupt mit diesem Wort?“

Das N-Wort

Dieses Wort – wie wir alle schon gefühlt Tausend Mal gehört haben – ist basal wichtig für das gesamte Leben. Von der aktuell (endlich!) groß diskutierten sexuellen Selbstbestimmung, bis hin zur Abgrenzung, zum Schutz vor Überforderung und Erschöpfung: Das Nein ist einfach genial. Allerdings nicht genial einfach in der Ausführung.

Das Nein ist die Kür des Selbstbewusstseins. Das Nein fragt nicht danach, ob Nein-SagerInnen trotzdem lieb gehabt werden. Das Nein will schützen, ausdrücken, ablehnen, klarstellen. Es will nicht für Harmonie sorgen, sich anpassen, gemocht werden, lieb sein und helfen wie das Ja.

Wobei diese Klassifizierungen eventuell Klischees sind, die sowohl das Ja selbst als auch das Nein im Sinne des gleichberechtigten und vorurteilsfreien Umgangs ablehnen würden.

Schauen wir uns doch beide mal im von uns Eltern gel(i)ebten Alltag situativ an:

„Nein, es gibt jetzt keine Bonbons.“

Dieser Satz wird von Kinder zwischen rund 2 und 20 Jahren sehr ungehalten aufgefasst. Mögliche Reaktionen: Wutanfall mit und ohne Tränen sowie mit und ohne gesamten Einsatzes des Körpers, Betteln, Schimpfen oder vernunftbegabte Akzeptanz im Verbindung mit mühsam erlerntem Bedürfnisaufschub. Letzteres eher selten und überwiegend erst bei Kindern ab circa 21 Jahren gut zu beobachten.

„Nein, wir bleiben nicht länger hier. Wir fahren jetzt nach Hause.“

Nun, dies ist eine situationsabhängige Aussage: Beim Zahnarzt löst sie etwas mehr Begeisterung aus als auf dem Spielplatz oder beim Besuch einer befreundeten Familie mit netten Kindern, Kuchen und einem Kachelpool.

„Nein, du darfst deiner Schwester nicht an den Haaren ziehen! Hör sofort auf!“

Auch hier ist die Freude beim Hören des Satzes eher einseitig: Nur die Schwester mag Erleichterung zeigen. Ehe sie zur Rache übergeht. Dann ist ein weiteres Nein gefragt.

Das Nein ist knallhart. Bereits der Buchstabe N kann nach einer kontinuierlichen Benutzung über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten Unbehagen auslösen. Eine Nein-Phobie entwickelt sich. Viele Menschen sind betroffen.

Dies betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Hier sind es besonders (diverse, einige, nicht ganz so wenige) Männer, die eine Ablehnung als Vernichtung ihrer Gesamtgeschlechtsidentität nicht hinnehmen wollen und straffällig werden. Nein scheint also auch Gefahren zu bergen. Nein wird nicht immer akzeptiert. Und ist dennoch nötig.

Das sollte man also vorleben: „Ich akzeptiere Dein Nein“ ist absolut wichtig für die Entwicklung eines Menschen. Es steht für Akzeptanz und Respekt. Und sollte von beiden Seiten gelebt werden: Von Kindern und Eltern.

Akzeptieren lernen oder sanft umschiffen?

Anja von der Kellerbande beschrieb in ihrem Beitrag zur Blogparade, ein Nein könne man umschiffen, indem man es positiv umformuliert. Das ist eine sehr gute Idee – die ich auch immer gerne verwende, wenn sie denn umsetzbar ist.

Manchmal erscheint es mir wie eine Toddler-Tortur, wenn die anderen Familienmitglieder Nummer 4 genüsslich ein Nein präsentieren. Wie ärgert er sich und regt sich auf, wenn sie in dieser besonderen „Nun-lernst-du-etwas-über-Konsequenz-und-so“-Art das Four-Letter-Word einsetzen. Und dann weint er meistens. Komisch.

Nein! Niemals!

In der Tat finde ich „Nein, wir gehen jetzt nicht in den Garten. Nein, da regnet es.“ wesentlich unglücklicher formuliert als „Lass uns drinnen spielen, ja? Draußen werden wir im Moment einfach zu nass. Wir gehen raus, wenn es nicht mehr regnet.“

Na klar, gleich nach dem Essen

 

Allerdings ist es wichtig, Möglichkeiten zu bekommen, um zu lernen, das Nein zu akzeptieren. Daher sollte es dann und wann zum Einsatz kommen. Es zu umschiffen ist sicherlich sinnvoll, um das Kind nicht andauernd seiner gesamten negativen Gefühlspalette auszusetzen. Vor allem eben, wenn es noch klein ist. Zugleich aber sollte es begreifen, wo Grenzen sind. Das ist eine Erfahrung, die es unabdingbar für seine Entwicklung braucht.

Vorbild sein

Wie so oft. Nein – leider wie immer – ist es unerlässlich, ein Vorbild zu sein. Am besten ein gutes. Ein schlechtes Vorbild ist natürlich auch nicht zu verachten – oft ist es ja das Einzige, wozu man an manchen Tagen taugt.

Insgesamt sind wir ja aber immer darum bemüht, möglichst fehlerfrei durch die Elternphase des Lebens zu kommen. Auch wenn das vollkommener Irrsinn ist – aber so sind wir liebenswürdigen, liebenden Eltern eben: Wir wollen für unser Kind so viel Glück, Erfüllung und innere Sicherheit wie möglich. Das zeichnet uns aus.

Und wenn man nur ein gutes Vorbild ist, dann reagieren Kinder binnen kurzer Zeit wie in folgendem Beispiel:

Kind: „Nein, Mama, ich brauche keine Jacke. Neeeeiiiiin!“

Mutter: „Aber es sind nur 8 Grad draußen und es regnet. Du wirst krank. Und überhaupt: Kannst du das nicht mal positiv formulieren? Mich nervt dein dauerndes Nein!“

Kind: „O-okay: Ich möchte bitte lieber keine Jacke anziehen. Ich mag den Regen auf meiner Haut und im Auto ist es dann eh wieder so warm, dass ich schwitze.“

Mutter: „Na bitte. Geht doch. Hab ich dir doch auch so vorgemacht – das positive Umformulieren.“

Pö-hö. Ja, da könnt Ihr lange drauf warten, dass es so abläuft – aber es wäre nett, ne?

My beloved room: Die Meta-Ebene

Es geht aber in der Tat schon in diese Richtung, wenn man mit dem Kind die Meta-Ebene nutzt. Etwas, das ich persönlich eh immer gern mal empfehle: In Partnerschaften ebenso wie in der „Erziehungs“-Beziehung.

Die Meta-Ebene ist ein Ort, an dem weder Vasen noch Schimpfworte fliegen. Dort trifft Verstand auf Verstand. Und das Drumherum wird draußen gelassen. Ein sicherer Raum, in dem jeder sprechen kann. Der/die eigene, innere/r MediatorIn spricht und hört hier zu.

Bei uns geht das so:

„Okay, Kinder, ihr wundert euch, warum ihr in letzter Zeit mehr Aufgaben im Haushalt bekommt. Das erkläre ich euch, damit ihr nicht etwas übergestülpt bekommt, dessen Hintergrund ihr weder kennt noch zu dem ihr etwas sagen könnt. Ich habe das probeweise so eingeführt, weil ich bemerkt habe, wie ihr in eine Dysbalance geratet, weil ihr den gesamten Nachmittag im Bett liegt. Es ist wichtig, dass man Phasen von Entspannung mit Phasen von gesunder Anspannung abwechselt. Einseitige Überbetonung führt zu allerlei mistigen Gefühlen. Wie fühlt ihr euch, nachdem wir das nun einige Tage so ausprobiert haben?“

So habe ich das hier erst vor wenigen Tagen gesagt. Und schon habe ich die Kinder, die sich durch diese Art meines Respekts gewertschätzt und wahrgenommen fühlen, ein Stück weit auf der Meta-Ebene. Sie protestieren zwar dennoch maulend, wenn sie anschließend die Küche aufräumen müssen, aber sie tun es im Bewusstsein unserer Begegnung auf der Meta-Ebene. Und nehmen es an, weil sie zuvor einräumten, es sich eigentlich so zu wünschen: Mehr Aufgaben und dadurch auch mehr innere Ausgeglichenheit sowie das gute Gefühl, ein konstruktiver Bestandteil der Familie zu sein.

Die Meta-Ebene.png

Und das mache ich schon mit dem Kleinsten so.

„Ich würde dir supergerne gläserweise Bonbons geben, mein Süßmann. Aber das geht nicht. Dann würdest du schlechte Zähne bekommen und wärst irgendwann ganz dick und könntest krank werden. Leider darf ich das nicht. Ich würde gerne, aber es geht nicht.“

Ja, er weint dann trotzdem vielleicht im Gedanken an Gläser voller Süßkram, aber er versteht, dass auch ich nicht die allmächtige Entscheiderin bin. Es geht eben nicht um Macht, sondern um Notwendigkeit und Sachzusammenhänge.

Später sagte er dann: „Ich will noch einen Keks. Ich will dick werden. Das finde ich schön.“

Gut Ding will Weile haben und so …

Die Dosis macht’s

Das Nein verwende ich nicht inflationär, sondern mit Bedacht. Und meist lasse ich es einfach weg. Außer es hat konkret einen rhetorischen Nutzen.

„Können wir tauschen?“

fragt Nummer 4 gerne, wenn er sein Eis fast weggeschleckt hat und dann auf meines guckt.

„Nein. Ich habe mich auch auf mein Eis gefreut. Und du hattest schon eines. Aber ich lasse dich gerne mal lecken.“

Na klar kann die brave, aufopferungsvolle Mama hier sofort eilends und fast beschämt über das eigene Eisschleckbedürfnis hinweg ihre Kaltspeise komplett weiterreichen. Und genau das habe ich früher auch getan. Mir fehlte einfach der Mut, mich entgegen dem pädagogischen Mainstream zu verhalten (Hoch lebe der Mythos der aufopferungsvollen Mutter ohne eigene Bedürfnisse!). Das ist aber falsch. Denn die Lehre des Kindes hierdurch ist:

„Die sagt immer Ja und gibt mir alles. Als Mutter denkt man nie an sich. Wenn ich mal Mutter werde, dann gebe ich auch immer allen alles bis ich ganz leer und erschöpft bin. Ich bekomme als Kind immer, was ich will und als Erwachsene gar nicht mehr. Vielleicht sollte ich schön viel an mich reißen, so lange ich klein bin und dann am besten nicht erwachsen werden, denn immer mein Eis abgeben zu müssen stinkt mir bereits jetzt schon.“

Vielleicht ist es gut, Kindern zu zeigen, was wichtig ist. Und was nicht. Sich ein Eis zu gönnen ist gut und richtig. Sich alles wegschlecken zu lassen nicht unbedingt. So sehe ich das zumindest inzwischen. Daher gibt es dann ein gesund abgegrenztes Nein von mir.

So viel aus unserem Hause zum Thema Nein.

 

 

 

 

 

Einblicke: Meine Woche

Immer mal wieder bitten Leser*innen mich, doch mal etwas über meinen Alltag zu schreiben. Und heute ist der Tag, an dem ebendieser Alltag mir dazu genug Zeit lässt.

Meine letzte Woche und ein Ausblick auf die laufende:

Montag

6:30 Wecker klingelt. Im Bett Zeitung lesen (digital). Dauert ewig, bis diese heruntergeladen ist. Nummer 1 und Nummer 3 sind kränklich und bleiben zu Hause. Nummer 2 rafft sich in der kommenden halben Stunde zur Schule auf.

8:30 Nummer 4 bei der Tagesmutter abliefern. Wie an jedem Montag eine etwas sensible Angelegenheit.

9:00 Treffen mit meiner Mit-Katechetin zum Besprechen der Vorbereitung auf die Erstkommunion. Wir lernen uns kennen, trinken einen Kaffee zusammen, schlagen die Ordner auf und gehen die einzelnen Stunden bis Weihnachten durch. Es gibt viel zu besprechen. Am Ende reden wir noch über die Grundschule unserer Kinder und tauschen uns über Probleme aus.

12:10 Ende des Treffens und Fahrt zur Tagesmutter. Ab 13 Uhr wird meine neue Waschmaschine geliefert, die, wie auf Facebook mehrmals berichtet, eine ganz eigene und nervige Geschichte hat.

Ich kuschle mit Nummer 4, sehe nach Nummer 3 und beginne zu kochen, während die beiden Größeren nach Nummer 4 sehen.

14:00 Nummer 2 kommt aus der Schule und wäre auch lieber krank gewesen, statt zu lernen: Laune mies.  Es gibt Essen. Und ein bisschen Streit dazu. Wie öfter mal, seit die Großen einen Hormonschub erlitten. Oder mehrere. Die Kinder räumen die Küche und den Esstisch auf. (Nicht zu früh freuen: Sie lassen dabei dauernd etwas stehen und „vergessen“ immer, den Tisch abzuwischen). Nummer 4 macht Mittagsschlaf.

15:30 Die Waschmaschine kommt, kann nicht angeschlossen werden, weil der Anschluss seltsamer weise nicht passt. Ich fotografiere den betreffenden Teil aus der Bedienungsanleitung und bitte Mr. essential, das Teil abends noch zu kaufen. Ich nehme mir heraus, das nicht selbst zu tun, ich soll mich ja schonen und so. Nebenbei scheuche ich Nummer 1 und 2, Englisch zu üben. Komischer Weise haben sie darauf nur bedingt Lust, machen es dann aber.

16:00 Pause: 30 Minuten. Danach ein bisschen bügeln und um

17:00 Die erschöpfte Nummer 4 wecken, der irgendwie krank aussieht. Die Großen wechseln sich an den Nachmittagen ab, jeweils rund 2 Stunden Nummer 4 mitzubetreuen oder auch mit ihm spazieren zu gehen. Nummer 2 spielt mit ihm. Ich räume auf und staubsauge.

18:00 „Wie spät ist es eigentlich, Nummer 1?“ – „Sechs.“ – „Erst? Geht dieser Tag denn niemals um?“ Wir lachen. Ein Kaugummitag. Ich spiele mit Nummer 4 in dessen Zimmer. Er hat einen heißen Kopf.

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Mal wieder krank – wohl eine Runde Bazillen-Pingpong in der Familie gespielt?

18:40 Mister Essential kommt nach Hause, früher als sonst. Und dafür sogar mit der Verjüngung des Waschmaschinenanschlusses. Das Teil kommt dran, Nummer 4 „hilft“ dabei und zur Strafe für all den Ärger (Umtausch der zuvor neu gelieferten Maschine weil beide Schläuche Löcher hatten und der Aquastop undicht war -> Boden nun in Wellen, Versicherung des Anbieters muss kontaktiert werden…) muss sie sofort waschen, was ihre 9-Kilo-Trommel hergibt: Einmal eine 40-Grad-Ladung rein. Habe ja binnen sieben Tagen ohne Waschmaschine von uns sechs Personen genug Schmutzwäsche, um die Maschine sehr gründlich einzuweihen …

Wäschekammer

Juchu – es geht an die Wäscheberge!

20:00 Nummer 4 ist bettfertig und kuschelt mit uns, während er auf dem iPad eine Folge „Oonas Insel“ (Bei Netflix/sehr empfehlenswert) gucken darf. Danach gegen

20:25 geht er ins Bett, was er doof findet. Aber leider dennoch muss. Nach 10 Minuten mit Schimpfen, Beruhigen, Schimpfen, Schaukeln auf Schaukelstuhl, Schimpfend schläft er ein.

Gegen 21:00 Feierabend, Serie an. Ach Halt:

21:30 Waschmaschinenladung in den Trockner tun und nach 30 Minuten rausholen, aufhängen. Danach wieder hinpflanzen und weitergucken.

Dienstag

Dinge wie aufstehen, kochen und so weiter spare ich mir – die sind ja jeden Tag gleich. Während des Mittagsschlafs von Nummer 4 ist meist meine Online-Zeit irgendwann.

Am Dienstag habe ich nachmittags nicht viel außer dem Üblichen zu tun gehabt. Aber ich war spontan einkaufen und habe den Bofrost-Mann (Tiefkühllieferservice) vergessen. Dieser hatte den vorbestellten Pralinen-Adventskalender für Mister Essential vorbeigebracht, den ich für ihn orderte, damit er sich in meiner Abwesenheit damit vollstopfen die Einsamkeit versüßen kann.

Ich habe angefangen, ein Shirt für Nummer 4 zu nähen, habe einige Klamotten geflickt und eine Liste mit den Dingen, die ich für die Kur einpacken muss, geschrieben. Und mir eine Liste mit Sehenswürdigkeiten sowie Supermärkten in der Umgebung rausgesucht: Mal will man dort ja auch vielleicht etwas einkaufen. Spekulatius zum Beispiel.

Mittwoch

Morgens habe ich mich in mein Projekt vertieft.

Um 15:30 hatte ich mal wieder einen Termin beim Therapeuten – die habe ich alle paar Monate, so nach Bedarf. Mehr gibt es nicht, rein krankenkassentechnisch.

Danach bin ich zurückgeflitzt und um 18:00 startete der Martinszug von Nummer 3s Schule. Eineinhalb Stunden ging es durch den Ortsteil, raus in die windigen Felder und wieder zurück. Dann das geleierte Martinsspiel. Mister Essential kam wie jedes Jahr zu spät, suchte uns und eilte unserem Zug entgegen. Nummer 4 weinte und wollte zu Fuß laufen, was aber nicht ging. Am Ende packte ich ihn, Nummer 2 und Nummer 3 ein und Mister Essential stellte sich an der FresstütenMartinstütenausgabe an.

Um 20:00 saßen wir am Tisch und guckten auf das, was wir für die 10,- „Spende“ pro Tüte bekommen hatten. Unter Anderem eine ganz doll nützliche Stirnlampe mit Gummibändern. Ein Kilo Alibi-Vitamine und Smarties, eine Tafel Vollmilchschokolade und so Kleinkrams. Und natürlich den obligatorischen Weckmann. Wow. Begeisterung, Jubel. Ich habe mir dann einen Glühwein heiß gemacht. Nummer 3 hat wieder ein bisschen Fieber (na ja, erhöhte Temperatur) bekommen. Nummer 4 ist auch nicht fit.

Donnerstag

Vormittags Business as usual. Allerdings sind Nummer 4 und Nummer 3 zuhause, das verlangsamt das Business etwas.

15:20 Alle Kinder ins Auto, 30 Minuten zum Opa fahren, wo ich Nummer 1 und Nummer 4 parke, um mit den anderen beiden zum Zahnarzt zu fahren. Dort soll um 16:00 eine Fissurenversiegelung vorgenommen werden, was bei Nummer 2 gut klappt, aber Nummer 3 beginnt zu weinen und die nette Prophylaxespezialistin bricht die Behandlung ab. Ich bleibe noch ein wenig beim Opa, als ich die beiden abhole.

Auf dem Rückweg um 18:00 gibt es Stau, was lästig ist, weil ich mit Mister Essential noch den Wocheneinkauf machen muss. Vor 20 Uhr. Nummer 2 textet ihm, dass ich mich verspäte. Um 20:00 muss ich nämlich zum Treffen der Katechetinnen.

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Hurra: Stau auf dem Rückweg vom halberledigten Zahnarzttermin. Rücklichter als Wochenhöhepunkt?

Zuerst schnell nach Hause, Kinder raus aus dem Auto, Mister Essential rein ins Auto und los zum Discounter. Auf dem Rückweg lässt er mich am Restaurant raus.

Faule Erwachsene

Endlich mal wieder einkaufen: Donnerstäglich grüßt das Aldi-Tier.

20:05 fast pünktlich komme ich an, gesellige Runde, ziemlich lustig. Alles Nötige wird geplant und durchgesprochen. Da ich eine echte Zugezogene und ein totaler Outsider bin, weihe ich mich durch diesen Akt des Socialising ein bisschen ein.

21:40 bin wieder zuhause. Jetzt ein bisschen entspannen und – wie üblich – gegen 22:30 ins Bett.

Freitag

Ich freue mich auf einen Tag mit nur einem Termin: Kieferorthopädin mit Nummer 1.

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Glanzpunkte des Alltags. Hier als Beispielbild: Vorbereitung einer Wurzelbehandlung.

Nummer 1,3 und 4 sind vormittags wieder außer Haus, dafür ist Nummer 2 nun krank.

Ich kaufe ein bisschen in der Drogerie ein, nähe ein wenig weiter, bügle beim Hörbuch und so weiter. Es ist immer ziemlich schnell

12:15 und ich hole Nummer 4 ab.

Danach typischer Alltag. Mister Essential hat Homeoffice-Tag. Diesen hat er, wenn es sich einrichten lässt, jede Woche. Entweder donnerstags oder freitags.

Am Nachmittag bin ich im Nähzimmer und höre Hörbuch – das ist nahe an Wellness! Ich gucke auf die Uhr:

„Was? Schon 16:45? Mist, den Zahnarzttermin für Nummer 1 verpasst und Nummer 4 muss geweckt werden!“

Ich aktiviere Nummer 2, um den Minimann zu wecken und gucke gestresst auf den Kalender, als Nummer 1 lässig nach unten kommt:

„Fahren wir jetzt?“

Hinter ihr Nummer 2 mit einer ziemlich müde aussehenden Nummer 4 auf dem Arm.

Es war 15:45 … also reichte die Zeit, um schnell loszudüsen.

Eigentlich sollte abends Besuch kommen, aber der sagte leider ab, weil er irgendwie den Termin verschwitzt hatte.

Abends, gegen 19:45 fahren wir ins Kino und gucken „Spectre“.

Samstag

Wir frühstücken spät und ich fahre während Nummer 4 Schläfchen zum Ikea. Wir müssen noch unsere Garederobenecke im Flur einrichten.

Das tun wir, nachdem wir zurück sind und daraus ergeben sich, wie so oft, noch weitere Änderungen. Eine Kindergarderobe passte doch nicht wie geplant und so weiter. Wir planen, ändern und freuen uns auf den Feierabend.

Nach den Ereignissen in  Paris ist die Stimmung gedrückt und wir setzen abends irgendwie so gar nicht auf traute, intensive Zweisamkeit wie sonst, sondern setzen uns mit einem französischen Rotwein auf das Sofa und unterhalten uns. Dann sehen wir uns etwas später noch eine Serienfolge an. Der Wecker wird gestellt und wir gehen ins Bett.

Sonntag

7:30 Weckerklingeln. Ich quäle mich aus dem Bett, Mister Essential wirft die Kaffeemaschine an und weckt Nummer 3. Mit ihr geht es zum Vorstellungsgottesdienst der Kommunionskinder 2016. Nummer 1,2, und 3. Nummer 3 ist ganz chic und fragt nur irritiert, wieso ich ihr ein Stoffblümchen ins Haar stecke. Nach so etwas steht unserem kleiner Hulk nicht immer den Sinn. Dafür aber nach Religiösem, wie viele wissen.

8:30 Gottesdienst bis 9:30 danach

9:45 Kirchencafé im Pfarrheim mit Besprechung des Ablaufs und ein paar Keksen. Auf dem Rückweg holen wir beim Bäcker Hörnchen für die Daheimgebliebenen. Wir frühstücken zusammen.

Wir schrauben noch ein bisschen an der Garderobe herum. Mister Essential sicherte den hohen Gartenzaun wegen des Windes, ich nähte das Shirt fertig (Foto folgt) und Mister Essential kochte.

Nummer 3 traf sich mit Freundinnen. Während Nummer 4s Schläfchen guckte Mister Essential „Archer“ und ich nähte für den im Dezember anstehenden 80. Geburtstag von Mister Essentials Onkel einen kleinen Wappenrock mit Barett für Nummer 4. Der Geburtstag wird ein Rittergelage und wir als alt Mittelalterfans lassen uns nicht lumpen und gehen in Kostümen. Und werden auch noch mittelalterliches Liedgut einstudieren. Nur Nummer 4 besaß noch nichts Altertümliches. Jetzt schon, dank zweier Stoffreste in schwarz und gelb, sowie dreier vergoldeter Knöpfe.

Diese Woche

Diese Woche steht unter dem Stern ganz alltäglicher und innerlicher Vorbereitung auf die Kur.

Montag war ein ganz normaler Tag, war nachmittags im Spielzeugladen mit Nummer 3 und Nummer 2, um ein Geschenk für Nummer 3s Freundin und ein paar Kleinigkeiten zu kaufen. Habe viel gewaschen (Nachholbedarf wg. erwähntem Waschmaschinen-Ausfall) und gebügelt.

Schon mal Taschen und Koffer für die Kur herausgeholt, sowie einiges gepackt und rausgesucht. Passen Nummer 4s Schwimmwindeln noch? Wo ist die vorbereitete Tasche mit den Geburtstagssachen für ihn? Und so weiter.

Dienstag gab es um 11:00 ein Gespräch mit der Klassenlehrerin von Nummer 1 und 2. Wir besprachen, was die beiden in der Kur an Unterrichtsmaterial abarbeiten sollen und so Diverses (wenn Lehrer einen mal in den Klauen haben …), um 15:45 war dann der Logopädie-Termin von Nummer 3. Ich holte sie von der Schule ab – mit müder Nummer 4 im Gepäck – dann war gleich das nächste Lehrergespräch. Auch hier eine Kombi aus Elternsprechtag und Kur-Besprechung. Während die Großen eher faul und chaotisch waren, waren Nummer 3s Leistungen besser, ordentlicher und auf dem Weg nach oben. Seit der Noteneinführung waren diese nämlich etwas eingebrochen.

Das Gespräch mit der Lehrerin der Großen aber war so gruselig für mich, dass mir danach schwindelig war und Mister Essential etwas früher nach Hause kam, um eine Lagebesprechung einzuberufen: Fazit waren diverse Veränderungen des Alltags und ein Entzug der Unterhaltungselektronik, die nicht nur unterhält, sondern ablenkt zum Prokrastinieren verführt.

Mittwoch, also heute traf ich mich nach dem Wegbringen Nummer 4s mit einer Freundin um 9:00 zum Frühstück in einem Café, was sehr nett war. Mal wieder unter (einer) Gleichaltrigen, die nicht Mister Essential waren! Um 16:00 ist die erste Katechese-Stunde, während dieser passen die Großen auf Nummer 4 auf. Gegen 17:20 werde ich wieder zuhause sein. Ich muss noch nebenbei waschen und packen.

Um 20:30 treffe ich meinen längsten und lieben Freund. Ja, der Tag ist eigentlich zu lang (vor allem, weil Nummer 4 sich eine nächtliche Heulerei angewöhnt hat, die Mister Essential begünstigte und ihm nun abgewöhnen muss.)Aber ich möchte nicht alle meine Kontakte verlieren, weil ich Kinder habe und die mich so erschöpfen 😀

Donnerstag gibt es dann gleich um ca. 9:15 noch ein Außer-Haus-Frühstück: Mit Cathérine – sie wohnt im gleichen Ort wie unser Opa, 30 Minuten weit weg also. Ich fahre gleich nach dem Wegbringen durch. Um 20:00 die „Katechetinnen-Runde“ – hier werden in regelmäßigen Abständen die anstehenden Stunden des Kommunionsunterrichts erklärt und soweit besprochen. Das geht bis mindestens 21 Uhr. Ich nehme dann Unterlagen und Materialien mit, die ich Freitag zu meiner Mit-Katechetin bringe, bei die Stunden stattfinden.

Freitag sind Nummer 2 und Nummer 3 im Jugendkeller, wo sie mit anderen Kindern und einer ehrenamtlichen Mutter backen und spielen und eine Menge Fanta sowie Chips essen trinken werden. Dort bringe ich sie um 17:00 hin und hole sie um 19:00 wieder ab. Um 20:00 kommen unsere Rollenspiel-Freunde, die meistens bis 23:00 bleiben.

Samstag bringen wir die Kinder allesamt zum Opa. Dort wollten sie vor der Kur noch mal übernachten. Wir haben dann sturmfrei und werden – entgegen sämtlicher lustiger Eltern-Sprüche auf Facebook weder putzen und den Tag verschlafen, sondern die gemeinsame Zeit genießen.

Sonntag sollte ich eigentlich auch wieder um 8:30 in die Kirche, vor allem, da meine Mit-Katechetin da in den kommenden drei Wochen Präsenz zeigen muss. Mal sehen, wie ich das mit ihr abspreche.

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Zeitblase

In der Zeitblase

Meine Oma hat Plattdeutsch gesprochen. So eine Variante aus dem äußersten westlichen Zipfel des Landes.

Immer, wenn sie ein neues Enkelchen präsentiert bekam, nahm sie es in ihre besonders kräftigen Arme, wiegte es hin und her und sagte wehmütig:

„Äwer se bliewe joa net sue.“

„Aber sie bleiben ja nicht so.“

Meine Mutter, ihres Zeichens eine typisch gebeutelte Schwiegertochter dieser Frau, sagte mir als Kommentar dazu: „Am liebsten hätte ich immer gesagt Na und? Das ist ja wohl auch gut so! aber ich hab mich nicht getraut. Ist doch toll, dass Kinder immer mehr können. Mehr sprechen, mehr mitteilen, lesen, schreiben und so weiter. Sollen die etwa immer kleine, weinende Babies sein? ich verstehe nicht, wie man es bedauern kann, dass Kinder groß werden.“

Ich schon. Ne, Oma?

„Se bliewe joa net sue.“

Ganz genau. Oma hatte Recht.

Wenn man zum ersten Mal Mutter wird und auch, wenn dies in einer nicht allzu großen Zeitspanne ein zweites Mal geschieht, dann weiß man nicht, dass man gefangen ist. In einer pastellfarbenen Babyduft-Häkelschühchen-Breilöffelchen-Kindergartentäschchen-Bastelnachmittags-Süßheits-Blase. Aber man ist es.

Alles dreht sich um bestimmte Momente, Bedürfnisse und Pläne. Macht das Baby kein „Bäuerchen“, ist man verunsichert, hat Angst vor den berüchtigten Koliken, die schon so so viele Kinder und Mütter fertigmachten. Kann sich das Kleinkind nicht wehren, wenn andere ihm die Schaufel klauen oder haut es sofort zu feste zurück – dann sorgt man sich auch darum.

Man sorgt sich um die perfekte, lebenserhaltene Schlafumgebung. Man ist immer ganz nah dran, am ganz elementaren Sein. Und vergisst in den ersten knapp 6 Lebensjahren des Sprösslings fast, dass danach ein anderes Leben beginnt. Ein ganz anderes.

Vielleicht gibt es ein Geschwisterkind, das zwei Jahre nach dem ersten geboren wurde. Dann hat man zwei von den berühmten kleinen Mäusen. Und die gehen zusammen in kleine Kindergartengrüppchen, die Kuschelbären oder Reegenbogenponies oder Mausebäckchen heißen. Und an ihren Garderobenplätzchen sind niedliche Motive aufgeklebt. Und es gibt süße kleine Fächer für klitzekleine Gummistiefelchen. Und auf dem Nachhauseweg erzählen sie lauter putzige Sachen. Und man organisiert furchtbar herzerwärmende Geburtstagsfeiern. Das ist alles so … hach!

Eignung, Einstufung, Erprobung

Man hat im Kindergarten gehört, wie schön die Kleinen sich entwickeln. Sie haben gelernt, sich ein bisschen sozialverträglich durchzusetzen, sie können teilen und ihre Tellerchen selber spülen. Man liest ihnen abends Geschichtchen vor und deckt sie zu. Ein paar Jahre lang.

Während man noch den zarten Duft der selbstverständlich bio-dynamischen Babycreme in der Nase hat und sich aus dem Tragetuch schält, geschehen Dinge.

Eines heißt Zahnwechsel, eines heißt Medizinischer Einschulungstest und dann bastelt man eine Schultüte. Oder kauft eine. Und selbst da ist alles noch ist so süß und klein.

Während der nach der Einschulung folgenden vier Jahre wird alles anders.

Nicht nur, dass viele früher aufstehen müssen. Und nicht nur, dass man zu den armen Socken gehört, die die Hauptsaisonpreise zu latzen haben. Nicht nur, dass man ab sofort täglich Zettel aus der Schule erhält, stets noch mehr Kuverts/Kleingeld/Lust auf’s Backen haben soll. Man ist plötzlich gedanklich schon näher daran, sich zu fragen, ob man sein(e) Kind(er) ausreichend auf das Eintreten in die Leistungsgesellschaft vorbereitet hat.

Die vier Jahre steigern sich inhaltlich langsam auf ein ernstzunehmendes Maß. Ab der dritten gibt es Noten. Noten! Leistungsnachweise in Form von Ziffern und Worten. Nicht wenige Kinder lernen in diesem Jahr etwas Neues kennen: Nachhilfeunterricht. Aufregung vor Klassenarbeiten. Und einige erleben die Angst vor dem Zeugnis.

Der Ernst des Lebens

Nicht gleich ab der ersten Klasse wird es also so richtig ernst. Man wird schrittweise gewöhnt. In Häppchen wird es ernster. Die vierte Klasse dient dann dazu, die Kinder aufzuteilen. Sie auszusortieren. Damit man sie in die nachfolgenden Schulen einsortieren kann. Und da gibt es dann für einige Eltern und Kinder noch mehr Gedanken, Sorgen, Nachhilfe, Üben.

Plötzlich denkt man daran, dass die Kinder irgendwann eine Ausbildung oder ein Studium machen werden. Wow. Das ist aber nahe dran an Ausziehen-und-ohne-Eltern-wohnen!

Während man dann das Kindergartentäschchen von vor vier Jahren in der Andenkenkiste ansieht und die Strampler, dann hat man das ein oder andere Klößchen im Hals. Wenn man denn zu solchen Halsklößchen neigt. Aber auch ansonsten kann man es kaum fassen.

Schwuppdiewupp

Und *zack* hockt man auf den Stühlen in irgendeiner Aula zur Informationsveranstaltung einer der weiterführenden Schulen. Dann gibt es noch ein Abschlussgrillen in der süßen Grundschule und auf geht es in die Ferien vor dem Schulwechsel. *Zack-zack*! Das Kindergartentäschchen wäre längst unter einer dicken Staubschicht, hätte man es nicht sicher in der Andenkenkiste verstaut.

Dann hat man vielleicht eine Tochter und diese ist plötzlich so groß, dass sie einen rein theoretisch-biologisch zur Oma machen könnte. Oh my God!

Es geht nicht darum, dass die Zeit vorbeirasen würde. Im Rückblick fühlen sich dann solche 12 Jahre auch wirklich wie über ein Jahrzehnt an. Aber man hat die ersten Jahre davon in einer niedlichen Blase verbracht, aus der man dann ohne hörbares Plopp einfach rausfliegt. Es gibt dann weniger Schulzettel, Kleingeld muss man dennoch ständig abdrücken, oder auch mal ein paar Hundert Euro auf einmal für eine/zwei Klassenfahrt/en.

Aber es gibt auch immer weniger von diesem Niedlich. Das muss man verdauen.

Klar, mit den Kindern zu diskutieren, zu philosophieren und zusammen Frisuren ausprobieren oder Latein-Vokabeln zu üben ist wirklich ganz großartig. Aber es ist nicht niedlich.

Ihr Lieben …

… wenn Ihr noch in den sechs bis zehn niedlichen Jahren seid: Genießt es trotz der miesen Nächte, der umgekippten Kakaobecher, der KiTa-Fest-Einladungen, dem Muffin-Backen und des Chaos. Ja, das macht Ihr sicherlich meistens schon. Dann bestätige ich Euch hiermit, dass dies genau richtig ist.

Denn denkt daran (hilft auch im Falle, dass die lieben Kleinen besonders nerven): „Se bliewe joa net sue!“

❤ ❤ ❤ ❤

Erstickende Spießigkeitsfalle Elternschaft

Ach, was war ich mal cool.

Das ist lange her.

Da war ich vermutlich auch relaxed und fand mich körperlich überaus in Ordnung.

Ich hatte Hobbies, kam herum, ließ mich inspirieren und war sehr spontan. Meine Meinung war oft (oder meistens) weitab des Mainstreams und das war mir ziemlich egal.

Mein Leben gehörte mir.

Wenn ich umziehen wollte, dann tat ich das.

Wenn ich mal nicht kochen wollte, dann ließ ich das. (War oft. Sooo gern koche ich nicht.)

Wenn ich spontan ins Kino wollte, dann tat ich das.

Wenn mir nicht nach frühem Aufstehen am Samstag war, dann ließ ich das.

Wenn mir anschließend nach einem Frühstück außer Haus war, dann machte ich das.

Wenn mir danach nicht nach Einkaufen zu Mute war, dann ließ ich das.

Ich dachte nicht darüber nach, wann jemand anderes Hunger hatte oder ob ich ein guter Mensch bin, obwohl ich manchmal meine schlechte Laune zeigte.

Ich liebte Parties und spannende Erlebnisse. Ich war gesund vorsichtig und dennoch neugierig.

Ich hatte die Nase im frischen Wind des Lebens, war experimentierfreudig, fuhr samstagabends spontan an’s Meer und hing abends mit Freunden im Irish Pub der schönen Stadt herum. Oder wir gingen essen. Oder wir machten Ausflüge …

Genäht habe ich damals nur für mein Hobby. Das Ganze sah dann so aus:

Satzvey

oder so:

Himmelsstürmer

oder so:

Samarkand

So sah Mr. Essential damals übrigens aus:

Karolyi

Dann wurde ich Mutter.

Es gab schon noch Parties …

Auf einer Party im Jahr 2007

Auf einer Party im Jahr 2007

… ehe alle potentiellen Gäste auch langsam dafür abends zu erschöpft waren und immer mehr Absagen kamen. Da gaben wir das Party-Feiern auf und verlegten uns auf Kindergeburtstage. (Davon haben wir inzwischen insgesamt 32 hinter uns.)

Es gab noch ein einziges Live-Rollenspiel, dann war Schluss – das war vor 10 Jahren.

Wir verlegten uns auf’s „Pen and Paper-Rollenspielen“. Das ist quasi Rollenspiel im Home Office. Ohne Kostüme – alles nur in der Fantasie und mit Würfeln als Entscheidern. Das ging gut und auch ohne jemandem für mehrere Tage die kleinen Kindern aufzubürden. Das machen wir auch heute noch. Alle paar Monate.

Wir hatten damals noch Energie, um abends auszugehen. Die Großeltern passten auf die Kinder auf und so konnten Mr. Essential und ich so rund alle 6 bis 8 bis 10 bis 12 Wochen abends weg. Nur nicht an den Hochzeitstagen – da hatten beide Großelternpaare irgendwie immer was vor oder waren in Urlaub. Aber gut. Waren ja auch unsere Kinder. Das kann man finden wie man will, aber wir waren allein verantwortlich. Alles andere waren Gimmicks. So sahen wir das irgendwie auch.

Nahmen uns aber vor, als Großeltern anders zu agieren.

Sieh dir beim Verfall zu

Da kommt das nächste Elter-Ding ins Spiel:

Ich nenne es „Auf den Zahn der Zeit gekettet“ zu sein. Denn das ist man als Eltern. Man sieht die Kinder wachsen. Kaum hat man die Fotos von vor drei Jahren in der Hand, steigt der Blutdruck: „Was? So groß sind sie schon? Da waren sie so klein! Wie die Zeit vergeht …“

Ein (kinderloser) Kollege Mr. Essentials sagte mal: „Die Großstadt ist für Kinderlose echt ’ne Todesfalle: Du sitzt mit 25 da und trinkst teuren Cappuccino. Und du sitzt mit 35 da und trinkst teuren Cappuccino. Und irgendwann bist du 60 und trinkst immer noch Cappuccino. Das ist gruselig.“

Man erlebt als Eltern echt bewusst(er), wie die Jahre dahin ziehen. Man wird älter. Man spürt es jeden Tag. Man lebt ein ganz anderes Leben als zuvor. Man erlebte Schwangerschaften und Geburten, man litt bei Zahnweh mit, man sorgte sich bei Fieber. Man ist jahrelang nur auf die Gefühle anderer Menschen fokussiert. Ganz einfach, weil das nötig ist.

Und dann zieht man den Kopf raus aus dem Sandkasten und *schwupps* kauft man dem Krabbelkind den ersten BH. Das ist vielleicht krass!

Man riecht noch das Babyköpfchen, das aus dem Tragetuch lugte und *zack* hält man das Zeugnis der Klasse 6 in der Hand!

Kernentspannt im Tragetuch und morgen schon bei der Führerscheinprüfung

Kernentspannt im Tragetuch und morgen schon bei der Führerscheinprüfung

Dann werden drumherum die ersten Bekannten krank – vielleicht auch man selber. Das Leben hinterlässt Spuren. Schwangerschaften bekanntlich auch. Nichts bleibt, es wird spürbar und sichtbar anders. Die ersten familiären Todesfälle geschehen. Und man wird sich der Endlichkeit dieser Veranstaltung hier irgendwie bewusst.

All das zusammen drückte mal der Vater von Nummer 1s Patenonkel so wunderbar aus:

„Die Einschläge kommen näher!“

Bämm! Bämm!

Anpassung 

Ich musste mich jedenfalls immer mehr anpassen. Ich war ja zuvor nicht wirklich sehr angepasst. Da hatte ich enormen Nachholbedarf.

Zuerst noch hatte ich meine eigenen Ideen und Gedanken. Solange die Kinder klein sind geht das recht gut. (Zumindest besser als wenn die Schulzeit ansteht. Da ändert sich vieles noch einmal. Nicht nur die Aufstehzeit am Morgen.)

Beim ersten Kind marschierte ich zum Beispiel noch locker ins Geburtshaus. Mutter und Schwiegermutter ruderten hektisch und panisch mit den Armen. Unverantwortlich war das ja irgendwie und überhaupt, was soll das Gequatsche von wegen „Ich folge meinen Instinkten?“

„Und wenn sie ’nen Arzt braucht? Oder Schmerzmittel?“

„Na ja, aber wenn sie meint … die machen ja heute eh alles anders. Und wie sie wollen. Wir hätten uns das nicht getraut. Ob sie sich das gut überlegt haben?“

Den Satz hörten wir komischen Vögel echt oft:

„Habt ihr euch das auch gut überlegt?“

Nee, wir sind so geistige Kurzstreckenraketen.

Der Satz kam beim Namen des ersten Kindes, für den wir extra im finnischen Konsulat anrufen und ihn beglaubigen lassen mussten (Gut, die Finnen freuten sich damals irrsinnig, dass jemand einen finnischen Namen haben wollte, der sogar noch bei ihnen selten ist. Und da hat der Attaché sehr schwungvoll seine Unterschrift unter das Papier gesetzt …)

Und wir hörten den Satz während der Hochzeitsplanung und auch später immer wieder und wiedeBeim zweiten Kind, also 17 Monate später, war ich bei der Geburt zuhause. Da hatte sich das Umfeld an meine beknackten Ideen gewöhnt. Riskant fanden es einige aber immer noch.

Zudem war ich eh jemand, der Krankheiten für einen Ausdruck der Seele hielt, ein Hobby hatte, bei dem man sich am Wochenende mittelalterlich verkleidet und mit Polsterwaffen verhaut und jemand, der einen manchmal extrovertierten Klamottenstil hatte. Und überhaupt eine Frau, die gebildet war und Meinungen hatte. Eine, die meinte, wenn man unzufrieden mit etwas sei, dann solle man es ändern. Und eine, die dieses furchtbare Wort Individualismus mochte. Eine Unangepasste!

Man wusste also, was man zu erwarten hatte. Damit passte ich null in meine Schwiegerfamilie, die es vielleicht als verletzend empfand, dass sich Mr. Essential ausgerechnet so eine Frau aussuchte. Eine, die so ganz anders war als sein Familiensystem es vorsieht. Wir waren quasi wirklich wie Max Black und Caroline Channing …(Mr. Essential ist natürlich die Schnösel-Tante :D)

Mit der Zeit hörte ich dann so immer mal wieder Kritik. Irgendwie war ich keine brave Haus- und Ehefrau und irgendwie putzte und bügelte ich nicht genug.

Und irgendwie verunsicherte mich die Kritik und das Gefühl, nicht richtig in die Welt der guten Mütter zu passen, wurde stärker. Die Vorwürfe wurde direkter, dann wieder giftiger und subtil. Ab und an richtig verletzend. Ich spürte schnell: „Ich bin in ihren Augen nicht gut genug. Nicht für ihren Sohn und nicht für die Kinder.“

Das alles erleben ja sehr viele Frauen. Meistens haben sie Kinder. Dann sind sie wohl Mütter. In der Elternfalle.

Also legte ich damals los. Ich backte Küchlein und bastelte Karten für die Familienmitglieder, ich merkte mir die Geburtstage von Mr. Essentials ganzer Verwandtschaft und alle wurden sie bedacht. Ich nähte für die Kinder und bastelte auch mit ihnen. Süße Pap-Fensterbilder und so. Ich zwang mich, das alles auf einen puppenstubenmäßige Art niedlich zu finden.

In Wahrheit erstickte es mich. (Da passte es gut, dass ich 2007 die erste Panikattacke mit Erstickungsgefühl hatte …)

Das Früher ist mit einem Mal weg

Ich erinnerte mich kaum noch an das Früher in dem ich ganz ich selbst war. Es verblasste. Zusammen mit den Parties, der Schminke und den schicken Dessous. Da ich nach zwei Schwangerschaften eh um die 80 Kilo wog, musste ich für letztere in meinem Empfinden eh erst mal 20 Kilos abwerfen.

Das setzte mir auch irgendwie zu. Ich war bekloppt und hatte Übergewicht. Doof war das alles 2004.

Also passte ich mich weiter an. Ich wollte in jedem Fall „gut genug“ sein. Für wen ich das wollte und ob ich das wirklich wollte, das zählte nicht mehr. Ich war verunsichert und wollte dieses Gefühl schnell loswerden. Und Anpassung macht den Menschen nachweislich glücklicher als Rebellion. So wählte ich nach einer rebellischen Phase immer mehr den Weg des geringeren Widerstandes.

Abgenommen habe ich – das war mir wichtig für’s Selbstwertgefühl. Ich bin nun mal irgendwie in übergewichtig nicht ich selbst.

Aber irgendwie fühlte ich mich in Dessous immer noch nicht wohl. Nachdem ich mich nach der ersten Geburt zum ersten Mal nackt im Spiegel sah, bekam ich einen Weinkrampf und der war absolut nicht hormonell …

Ich dachte mir: „Der Lack ist ab. Und kommt nie wieder. Okay. Bisher hast du dich attraktiv gefühlt und gern gezeigt. Und Bikinis getragen. Das ist jetzt für immer vorbei. Vom Leben und für’s Leben gezeichnet. Oh mein Gott.“

Das wiederum verstärkte den Gedanken, dass ich mich dann lieber auf etwas weniger Frau-Sein und etwas mehr Mama-Kinder-Spielzeug-Breischale konzentrieren sollte. Glamour war eh hin. Und vielleicht war das tolle Selbstbewusstsein von vorher eh nur schnöde Eitelkeit. Ist doch gut, wenn die weg ist. Du hast jetzt eh andere Themenfelder. Fight lookism! und so …

Die Romantik ist hin

Die romantischen Vorstellungen waren auch bald hin.

Mr. Essential arbeitete immer mehr. Mehrere Kinder forderten berufliches Einbringen und er hat ohnehin lieber mehr Erfolg als weniger. Die süße Studentenzeit, in der man viel mit den Kindern machte und Zeit füreinander hatte – die war vorbei.

Das Leben wurde sofort enger, härter, anspruchsvoller. Und von außen, von der Arbeit, diktiert. Und von Moralvorstellungen, die an Mütter gerichtet werden. Von der (Schwieger-)Familie, von der Gesellschaft – nur nicht von einem selber. Dazu muss man sich immer wieder abgrenzen. Auch nicht einfach.

Keine Zeit für kleine, verliebte Telefonate, keine gemeinsamen Pausen mehr. Kein süßes „Mit-den-Kindern-in-der-Mensa-Treffen“. Nix.

Ich hockte ohne Auto im dörflichen Stadtteil einer Kleinstadt. Er arbeitete sich manchmal echt dumm und dusselig.

Und allein das Rollenmodell sorgte für viele Injektionen der Spießigkeitsspritze. Unmerklich. Immer mal wieder. Immer mehr.

Die Rush Hour des Lebens erfasste und wie ein D-Zug.

Plötzlich wollte ich pünktlich mit den Kindern essen.

Plötzlich wollte ich, dass mein Mann immer geputzte Schuhe und ein gebügeltes Hemd hatte.

Plötzlich kaufte ich Sprühstärke.

Plötzlich besaß ich eine Küchenschürze, weil beim Backen mit den Kindern alles immer so komisch dreckig wurde.

Plötzlich staubsaugte ich zwei Mal am Tag.

Plötzlich fand ich es komisch, Unterwäsche zum Geburtstag zu bekommen – die Kinder fragten ja schließlich, was denn der Dada der Mama geschenkt hatte. Und was sollte man da sagen ohne dass sie kichern würden?

Plötzlich traf ich meine Freunde immer weniger.

Plötzlich hatte ich drei Kinder

Kind Nummer 3 ist da

               Kind Nummer 3 ist da

Wir wohnten in einer großen Stadt in einem Altbau oben unter dem Dach und ich schleppte mich täglich (erst schwanger, dann mit Baby) unzählige (nein, 90, bzw. 180!) Stufen rauf und runter.

Aber ich hatte Energie und die Mode-Stadt hatte eine schöne Einkaufsmeile, Parks und vieles mehr zu bieten.

Ich blühte echt etwas auf. Wir wollten zuerst wegen familiärer Konflikte an das andere Ende Deutschlands ziehen, aber Mr. Essential lenkte ein, was ich nachvollziehen kann und wir wohnten eine Dreiviertelstunde weiter weg. Ganz oben im schwer erreichbaren Nest.

Aus dieser Zeit stammt auch das Party-Foto oben. Ich begann, wieder zu arbeiten: Ich suchte mir Kunden für das Texten, arbeitete im Home Office und war zufrieden.

Okay, meinen Mann sah ich manchmal erst nach 22 Uhr. Und dann waren wir total erschöpft. Das war nicht gerade erbaulich für unsere Beziehung. Aber das würde ja irgendwann sicher besser. Nach der nächsten Stufe auf der Karriereleiter. Nee, auf der danach. Ja, dann eben auf der danach. Okay, dann, wenn endlich genug Geld da war durch all die Beförderungen. Ach, der Lebensstandard war total niedrig und wurde langsam mit angehoben? Tja, dann war eben nie genug Geld da.

Manchmal machten wir den Kindergarten blau – was ja locker ging – und genossen nette Vormittage. Die zwei Größeren, das Baby und ich. Wir fuhren mit der U-Bahn in die Stadt und gönnten uns Eis, Nuckel oder ab und an Kleidchen. Das gefiel uns allen Vieren gut. Freitagmorgens im Schlafi fernsehen. Danach langsam ein bisschen Müsli schaufeln und dann kuscheln. Ganz entspannt.

Als die Kinder in die Schule kamen, war auch das vorbei.

Da wohnten wir bereits in einem Haus mit kleinem Gärtchen in einer anderen Stadt. Vorstadtidylle in einem modernen Townhouse.

Der Ernst des Lebens – für Klein UND Groß

Da wurde dann „Backen-sie-für-das-Schulfest und Melden-sie-sich-als-Elternhelfer und Kommen-sie-zum-Elternabend!“-Druck gemacht.

Also wurde gebacken. Aber gehasst habe ich es sofort. Ich fand es toll, dass die Kinder zur Schule gehen konnten, ohne einem Auto zu begegnen. Ich ging da gerne spazieren. Aber ich hatte immer noch Panikattacken.

Komisch.

Es war nicht nur die Vergangenheit, die „von hinten“ drückte, sondern auch dieses spießige Leben, das mich von allen Seiten einquetschte.

Was man alles nicht mehr durfte – eine lange Liste.

Was man alles musste – die Liste war genau so lang.

Vieles erledigt sich ja auch für Eltern von selber:

Ewig lange wach bleiben. Oder spontaner Sex auf dem Esstisch. Oder mal Geld auf den Kopf hauen für ein nettes Shopping zu zweit. Oder …. Ihr kennt das ja alles selber.

Dafür gab es konservative Ansprüche, gegen die ich mich nur schwer wehren konnte. Aus der Erziehung ließ ich sie weitgehend heraus – das kostete Energie!

Meine Kinder sollten sich klassisch benehmen können. Das war mir wichtig. Und ich brachte ihnen christliche Grundwerte bei. Nächstenliebe, Mitgefühl und so weiter. Aber ich drückte sie nicht in (Gender-) Rollen und ich machte ihnen wenig von den typischen Vorwürfen, lieferte wenig abgedroschene Sätze. Ich blieb da irgendwie relaxed.

Alles andere war nicht mehr relaxed. Ich selbst zum Beispiel.

Das Eigenheim – Meilenstein im Leben von Eltern

Wir zogen um, in unser eigenes Haus in eine Kleinstadt. Dörfliche Idylle.

Aus den Parties waren Familienfeste wie zu den beiden Erstkommunionen geworden. Wobei ich Events immer noch genieße – das bemerkte ich dabei. Beide Feiern waren sehr berührend und die Kinder mit ihren 9 Jahren waren genau halb erwachsen. das waren kleine Initiationsriten in einer Zeit, die so etwas kaum noch bietet.

Aber dieses Klischee von: „Ich hätte nie gedacht, dass ich es mal lieben würde, einen Vorgarten zu pflegen und mit den Kindern zu backen und an meinen Geburtstagen gemütlich zu Hause zu bleiben“ das traf auf mich nie zu. Hab’s mir aber eine Weile lang vorgegaukelt.

Weil ich wähnte, sonst unglücklich zu werden – nein: Zu spüren, dass ich es bereits irgendwie war.

Das lag nicht nur an den Rollenvorgaben für Frauen und Mütter, die an sich ja ’ne Menge Potential für’s Unglücklichsein beinhalten – es lag an mir.

Rückenfreies Abendkleid versus Poloshirt

Irgendwie sah ich mir mehr und mehr an, was da mit mir passiert war.

Und irgendwann sagte ich mal zu Mr. Essential: „Mann, Mann, früher war mehr Lametta (das sage ich eh sehr gern)! Irgendwie fühle ich mich wie ein rundgeschliffener Kieselstein.“

Ecken und Kanten weg. Profil weg. Übrig blieb eine Person mit hohen Selbstansprüchen, ’ner Menge Muffinbackformen und einer Menge Wut im Bauch.

Ich trug immer klassischere Klamotten. Das Extrovertiert-Modische war futsch. Wozu sollte ich auch stylish sein – um in der Vorstadt blöd angeglotzt zu werden?

„Ja, wieso eigentlich nicht? Muss ich mich denn in den Mama-Eiheitsbrei mischen?“ giftete mein altes Ich frustriert und kramte im Kleiderschrank.

Zum Elternabend setzte ich das dann manchmal um. Und dann glotzten sie. QEE. „Bah! Schlank, geschminkt UND tolle Klamotten? Die soll sich lieber um ihre Kinder kümmern – so wie wir!“ Fühlte sich auch doof an. Also dann eben nicht.

Jetzt

Jetzt habe ich mir langsam große Teile meiner selbst zurück erarbeitet.

Die Familie drumherum hat sich aufgelöst – es gibt nur noch den lieben Schwiegervater/Opa und Mr. Essentials Schwester.

Da gibt es keinen Druck mehr.

Außer dem, den ich mir selber mache. Die Mischung aus geringem Selbstwertgefühl, dessen Reste durch Kritik und Ansprüche vertilgt wurden, und meinem Perfektionismus war furchtbar. Dabei bedingten die beiden Elemente sich ja auch noch …

Inzwischen lebe ich seit fast einem Jahr überwiegend angstfrei.

Und habe endlich mehr Klamotten als meine Töchter im Schrank – das war früher auch nicht so.

Das was vom Lebenssystem, das man als Eltern nun mal hat, vorgegeben wird, kotzt mich jedoch immer noch an.

Die ganzen Zwänge empfinde ich persönlich als sehr stark. Hinterfrage ich sie, ziehe ich oft nur die Brauen hoch oder schmunzle.

Das ist eben auch meine Art des Umgangs damit: Ich sehe es als eine Art Theateraufführung, die ich nicht ganz für voll nehme, weil sie mich fertig macht, wenn ich in ihr mehr als Zuschauerin bin. Ich will weder Statistin noch Darstellerin sein. Ich sehe lieber zu und philosophiere oder analysiere (mache ich ja eh gern).

Die vermeintlich juvenile Plattitüde: „Mach dein eigenes Ding!“ kehrt langsam wieder zurück zu mir. Denn wenn ich das mache, dann bin ich ergo ich selbst.

Wer sollte ich auch sonst sein?

In diesem Sinne:

Wir verkleiden uns immer noch gerne 😀

30er HuS 5 30er Else klassisch

Family is where the heart is – Internationaler Tag der Familie

Familienleben: Mama geht zur Toilette

Familienleben: Mama geht zur Toilette

Heute besuchen wir, Mr. Essential, Nummer 4 und ich meine liebe Freundin Cathérine, die Nummer 4s Patentante ist. Mit von der Partie sind bei ihr der Vater ihres großen Sohnes (Nummer 4 s Patenonkel) und, soweit ich weiß, auch der Vater des kleinen Sohnes.

Es ist ja der Internationale Tag der Familie und da treffen wir uns zu Kaffee, Kuchen und zum Patentreffen im Sonnenschein.

Im Rahmen des Verabredens schrieben Cathérine und ich vorhin per WhatsApp so ungefähr:

Cathérine: „Wann kommt ihr denn nachher?“

Ich: „So um halb Drei.“

C: „Prima.“

Dann war kurz Pause, in der es hier irgendwie sehr anstrengend wurde:

Ich: „Es wird wohl eher Vier – die sind hier alle durchgeknallt.“

C: „???“

Ich: „Nummer 2 hat Nummer 4s Breipulver in der Küche verteilt, weil sie vor lauter Durchgeknalltheit auf die Nase gefallen ist. Nun fegt sie leidend. Mr Essential ist bräsig seit gestern (hat akzeptablen Grund, aber trotzdem …) und Nummer 3 jault und meckert, weil sie staubsaugen muss.“

C:“ Staubsaugen?“

Ich: „Ja, in ihrem Zimmer. Muss sie sonst natürlich nie, aber heute. Weil ich ihr um 9 gesagt hab, sie soll den Boden freiräumen. Um 12:30 war er immer noch voll. Ich wollte saugen, das konnte ich deshalb nicht. Nun muss sie das selber machen. Und meckert, poltert, schimpft, jault. Grausam.“

C: „Argh. Klingt schön. Nicht.“

Ich: „Home is where the heart ist.<wutschnaubender Smiley>“

C: „… wohl eher, wo das Herz pocht. Meins zumindest.“ (Sie leidet wegen Eisenmangels an beschleunigtem Puls. Oder wegen Stress. Oder wegen beidem? Ich bin da noch nicht ganz sicher …)

Ich: „Home ist where the heart tachykard pochs. Wir beide kotzen uns gleich beieinander schön …“

Pause

Ich: „… aus. Sorry, Nummer 3 kam schnaubend und jaulend runter – hatte das letzte Wort vergessen zu schreiben-“

C: „Atmen!“

Ich: „Du meinst schnauben?“

Seit dieser Konversation streiten sich die drei Mädels hier die ganze Zeit und ich halte den Kopf nur mit dem Gedanken über Wasser, dass ich gleich verschwinden werde. Ohne diese drei Nervensägen, die sich gerade gegenseitig als „Kürbiswasser“ (was auch immer …) beschimpfen …

Tag der Familie. Wer sagt denn, dass der romantisch und idyllisch sein soll, hä?

Euch allen wünsche ich aber natürlich so etwas. Denkt an all die Werte und die Freude, die Ihr erst erfahren dürft, seit Ihr Euch vermehrt habt. An all das sich potenzierende Glück, dass man empfindet, sobald man das erste Baby in die heimische Wiege legt und das berühmte Strahlen der Kinderaugen an Weihnachten, Geburtstagen und bei ToysRus.

Das tue ich zumindest an Tagen wie diesen sehr oft und sehr fest 😀

Ich wollte niemals wissen …

Ich wollte niemals wissen …

In unserer neuen Serie stellen wir kurz und knapp vor, von welchen Dingen des Lebens wir überhaupt nichts wissen wollten als wir jung und kinderlos waren – und von denen wir jetzt leider viel zu viel wissen.

Ich wollte niemals wissen …

… was ein Feuerstättenbescheid ist.

… wie viel Wasser aus einem von einem Fachmann versehentlich angebohrten Heizungsrohr fließen und durch die Decke in den Flur regnen kann.        

… dass man trotz Wochenende überhaupt keine Freizeit haben kann.

… wie oft man seinen Kindern 8,50 Euro mit in die Schule geben muss.

… mit wie wenig Schlaf der menschliche Körper auskommen kann.

… dass es als Kunstform gilt, Dammrisse ohne Betäubung zu nähen.

… dass mit Bonding keine Sexspielart gemeint ist.

… dass man sich sonntags verkatert fühlen kann, ohne samstags außergewöhnlich viel Spaß gehabt zu haben.

… wie viele Bilder Kinder verschenken, auf denen nur zwei Bleistiftstriche zu sehen sind.

… wie viel Spielzeug vier Kinder besitzen können.

… dass man seinen Samstagvormittag damit verbringen kann, 100 Seiten Papierkram wie Rechnungen, Versicherungsscheiß, Bescheide jedweder Art und Garantiescheine zu archivieren.

… dass Dinge wie Duschvorhangstangen in elegantem Grau, Wischroboter und Backformen auf meiner Amazon-Wishlist landen würden.

… wie laut Spielzeug sein kann.

… wie sehr die Kinder manchmal schon vermisse, bevor sie eine Nacht beim Opa schlafen.

Wer möchte, kann diese Liste gerne ergänzen und fortsetzen – vielleicht fällt Euch noch etwas ein, dass Ihr niemals wissen wolltet 🙂

Baby Traces

Im Grunde müsste diese neue Serie Spuren die ein Kleinkind im Haus hinterlässt heißen, denn Nummer 4 ist es wichtig, dass er kein Baby mehr ist. Und mir auch.

Aber Baby Traces klingt so kompakt und knuddelig, dass es mir lieber ist.

Hier also einige typische Baby Traces in unserer Behausung. Ich wette, Ihr kennt so etwas, oder?

Gestern waren wir, Mr. und Ms. Essential, mit Nummer 4 essen. Nummer 4chen saß neben seinem Vater und stopfte sich ganz ordentlich voll. Sobald er mehr wollte, oder es ihn nach etwas gelüstete, das sich auf des väterlichen Sitznachbars Teller befand, schnappte er sich dessen Ärmel und zupfte daran. Am Ende des Essens sah das dann so aus:

Foto 3 Kopie

Nummer 4 war (sehr) kurz alleine im Bad – man sieht hier nicht: Zahnbürsten auf dem Boden, Mülleimerinhalt verteilt:

Foto (2)

Und dann gibt es noch den Look, den unsere Küche typischer Weise hat, seit Nummer 4 sich fortbewegen kann:

Foto 4 Kopie

Es wird in Zukunft sicher noch mehr solcher Fotos geben. Vor allem von seinem Hochstuhl und dem Bodenbereich darunter fehlt noch eins 😀

Und es fehlt noch eins von Mr. Essentials Nase, die auf ihrer Wurzel eine kleine aber sichtbare rote Stelle hat. Dahin hat Nummer 4 gestern sein Duplo-Fenster gehämmert.

Ein guter Freund (Concettas Mann) nannte seinen ältesten Sohn früher öfter mal Wüstling. Ich ertappte mich neulich dabei, diesen Kosenamen aus den Tiefen meines Unterbewusstseins gekramt zu haben – denn Nummer 4 heißt auch öfter mal so. Hab ganz vergessen, dass Concettas Mann zu erzählen …

Fremdbestimmt

Fremdbestimmt

Gestern Abend war mein Mann zusammen mit seinem Vorgesetzten (in diesem Fall – in bestem Deutsch: der CEO) essen, der aus München angereist ist und einige Tage hier im Westen verbringt.

Der sympathische Mann und erfahrener Vater zweier Kinder sagte wohl irgendwann in Bezug auf unseren kleinen Nachzügler Nummer 4:

„Wow, dass ihr euch das noch mal angetan habt. Das ist so heftig – diese krasse Fremdbestimmung …“

Mein Mann erzählte mir das als er wieder zu Hause war und meinte, es sei ja schon sehr treffend, dass er genau diesen Aspekt zuerst genannt habe. Die Fremdbestimmung.

Und ich sagte, ohne lange nachzudenken:

„Ja, das ist ja auch genau das, was mich länger hat darüber nachdenken lassen, ob ich noch ein weiteres Kind möchte. Und ich finde das ganze Gepöngel mit Baby, Tasche, Kinderwagen und so auch schon anstrengend. Das Geschmiere beim Essen, das Wickeln oder Gesichtswaschen unter harter Gegenwehr und all das – aber das ist gar nicht weiter schlimm für mich. Die Fremdbestimmung ist für mich das mit Abstand Härteste.“

Mein Mann hatte beim Essen geantwortet:

„Ja, das erste Jahr war auch richtig hart. Und meine Frau empfindet die Fremdbestimmung auch wirklich als belastend.“

Oh ja, das tut sie. Vor allem eben weil sie nicht mehr Mitte Zwanzig ist und das Abenteuer Mutterschaft mit neugierigen und ganz hingebungsvollen Schritten zum ersten oder zweiten Mal erkundet. Sie sucht nicht mehr ewig und mit aller Liebe bestimmte Spielzeuge einzeln aus oder näht mit ganz viel Zeit aus der Wildseide, in die eines der Hochzeitsgeschenke verpackt war, ein Rüschenschürzchen für das Kleid der Erstgeborenen. Sie wälzt nicht mehr die Zeitschriften auf der Suche nach nützlichen Tipps. Sie seufzt nicht mehr heroisch-tapfer, wenn sie akrobatisch mit Baby auf dem Schoß zur Toilette gehen muss. Sie weint nicht mehr aus Erschöpfung, wenn das Baby endlich schlummert, nachdem es eine Stunde nur schrie und lächelt dabei noch selig in Gedanken an das süße schlafende Kindchen.

Was macht sie stattdessen?

Ich weiß sofort, wie genervt ich bin und lächle nichts mehr erzwungen weg. Ich beobachte, dass da eine innere Grundanspannung in mir ist, die ich in der Retrospektive immer während der ersten eineinhalb Babyjahre hatte. Zuerst dachte ich, das sei eine Art Dauerbereitschafts-Instinkt. Dann hielt ich es für ein bisschen stress-neurotisch und halte es inzwischen für eine Mischung aus beidem.

Bis man einem Kind sagen kann Warte kurz, ja? bleibt diese Anspannung einfach in mir. Und ich kann sie nicht ausstehen. Ich finde, sie hetzt mich durch den Tag. Als ob man nicht ich immer wieder alles schnell-schnell machen muss. Schnell-schnell ins Bad, ehe das Kind aufwacht, schnell-schnell einen Tee runterkippen, ehe es Zeit zum Kochen ist, schnell-schnell noch bügeln, damit man danach noch Zeit für’s Spielen hat – denn bald trudeln ja die drei Großen aus den diversen Schulen ein. Es gibt auch noch den Modus schnell-schnell Pause machen, sonst ist es zu spät. Den vernachlässige ich leider immer mal wieder.

Die Sache ist die, dass die Fremdbestimmung einen hart trifft wenn man sich a) nicht besonders gut innerlich gegen die Bedürfnisse des Kindes abgrenzen kann, man b) nicht immer voller Hingabe ist und man c) diese Zeiten schon etwas öfter erlebt hat. Vielleicht sollte man als Punkt d) noch erwähnen, dass es vermutlich hilft, sich aufgeben zu wollen, denn wer ganz gern auf seine (Grund-)Bedürfnisse schauen möchte, der hat quasi verloren. Ich bin eine Punkt-a-bis-d-Kandidatin.

Erinnerungen und späte Analyse

Jetzt in der vierten Babyphase meines Lebens kann ich auf mich selbst zurückblicken und erinnere mich, wie sauer ich auf mich war, weil ich nicht die relaxte Super-Mama sein konnte, die ich von mir zu sein erwartete. Ich fühlte mich gehetzt und konnte nicht mal entscheiden, wann ich zum Klo durfte. Ich sah zu, wie aus der endlich aufblühenden jungen Frau mit den glänzend lackierten Fingernägeln, der Zeit zum Ausgehen und der schönen Unterwäsche unter den schönen Klamotten jemand wurde, der dauernd vergaß, sich die Nägel überhaupt zu feilen, mit dem Rest-Schwangerschafts-Übergewicht kämpfte und der einen weißen Baumwollstill-BH trug. Aufblühen war vertagt. Definitiv.

Ich hockte vor elf Jahren mit einem (dauerspuckenden) Säugling und einer (alles auseinandernehmenden) Eineinhalbjährigen in einer sehr (hübschen) Wohnung (mit zwei Etagen, sehr nett) im Stadtteil einer Kleinstadt. Ich hatte kein Auto zur Verfügung und die nächste Haltestelle war so weit weg (wie auch der nächste Supermarkt), dass ich die halbe Stunde zur Innenstadt meistens latschte. Das machte ich oft, weil die Zimmerdecke die Tendenz zum Herunterfallen hatte. Auf dem Rückweg war der gefühlt vier Meter lange Geschwisterkinderwagen gefüllt mit Einkäufen aus dem Lieblings-Drogeriemarkt. Und ich fragte mich, warum ich eigentlich zu schwächlich war, ihn die paar Kilometer ohne Schnaufen zu schieben. Einmal schob eine mich begleitende Freundin ihn und stöhnte nach zwei Metern: „Mann, ist das Monsterteil schwer. Mach den Einkauf doch mit dem Auto am Wochenende oder schnell am Abend.“ Aber der Einkauf war ja mein Wochenhighlight – das wollte ich ungern hergeben. Habe dann weniger eingekauft. Und bin öfter mal in den nahen Schlecker. Die Filiale war ungefähr so groß wie eine Camenbert-Schachtel und mit dem Schlachtschiff Kinderwagen kaum zu durchfahren. Ich war trotz allem total stolz, wenn ich den Kinderwagen schob und ich fand die beiden Mädels da drin einfach himmlisch. Es gab einen Spielplatz im Stadtteil. Da konnte Nummer 1 drei Mal rutschen und ein paar Mal schaukeln bis es Nummer 2 im Wagen langweilig wurde und sie zu meckern begann …

Ich sagte mir damals, dass dieser Zustand, so frustrierend öde ich ihn immer mal wieder fand, besser war als der zuvor mit dem Schreikind als erstes Baby. Oder der in der letzten Schwangerschaftsphase mit Nummer 2 – die ich oft nachmittags wie erschossen auf dem Sofa liegend verbrachte, während Nummer 1 mich zum Spielen animieren wollte. Dies tat sie, indem sie ihr Spielzeug rund um meinen Kugelbauch warf und stapelte. Einmal in der Woche war Nummer 1 in dieser Phase bei den Schwiegereltern – und ich als brave Schwiegertochter machte mir nicht etwa einen Tee und las ein gutes Buch. Ich nutzte meinen Freiraum zum Putzen und aufräumen. Sollte ja niemand sagen können, ich sei faul. Es reichte ja, dass ich ungehöriger Weise schon wieder schwanger geworden war. Damals bastelte ich auch Geburtstagskarten für alle Verwandten meines Mannes und zog den Kindern die juckenden, hässlichen Pullover an, die meine Mutter wie ein Perpetuum mobile strickte. Ich war also einfach sehr jung und sehr unsicher.

Die Babyzeit mit Nummer 3 verbrachte ich in einer sehr schön geschnittenen Altbauwohnung (wieder mit zwei Etagen)  in Düsseldorf. Wunderbare 90 Treppenstufen trennten uns von der Welt und allen Verwandten, die älter als 60 waren – denn die kamen so selten wie möglich bis gar nicht. Das kam mir großartig vor, aber 180 Stufen am Tag (zum Spaziergang runter und wieder rauf) in hochschwanger und danach mit Baby fand ich blöd. Aber ich wurde recht sportlich und hatte prima Muskeln. Das Vor-Schwangerschaftsgewicht hatte ich schnell wieder und untertraf es sogar noch. Ich war viel unterwegs mit den Dreien, kaufte mir neue Klamöttchen, machte die Mädels ebenfalls chic und war irgendwie war ich nicht mehr ganz so angespannt.

Spannten mich vielleicht und eventuell auch die eigenen Ansprüche an? Und hatte dies nachgelassen? Oder tat es mir gut, nicht mehr in der Kleinstadt zu hocken und mich für jede winzige gegönnte Bequemlichkeit mies zu fühlen, weil ich Kritik befürchtete? Nummer 3 war zudem ein formidables Anfängerbaby – sie weinte fast nie. Sie hatte nie Bauchweh und das Zahnen schien sie einfach zu ignorieren. Sie schlief pünktlich und immer gleich lang. Unfassbar war das. Ich war wirklich entspannter. Unsere Babys waren mit jedem weiteren immer pflegeleichter geworden. Und ich immer ein klein wenig entspannter.

Die letzte Babyzeit meines Lebens

Daher dachte ich, ein nächstes Baby wäre vermutlich schlichtweg im Alltag nicht zu bemerken. Nein, nicht wirklich – ich hatte vor den Nächten Respekt und wusste, dass ich die Babyphase oft öde finden würde. Aber am meisten Angst (ja, wirklich Angst) hatte ich vor der Fremdbestimmung. Und sie traf mich knallhart, muss ich sagen. Nummer 4 war im ersten Jahr nicht das pflegeleichteste, sondern das anstrengendste Baby. Ich war nicht mehr oder weniger fremdbestimmt, sondern vielmehr zu einem selbstaufgegebenen Bedürfniserfüllungsroboter geworden. Dazu kam, dass mich zum Einen mein Alter und zum Anderen die beiden Fehlgeburtserfahrungen prägten. Dem kleinen Wunschkind soll es nur ja an nichts fehlen – predigte die Verlustangst.

Nun, wo er tatsächlich herumläuft, seine Zahnbürste nach der Benutzung selber wieder in den Becher steckt und sich bestens verständigen kann, sehe ich Land. Ich weiß, dass nun der Punkt erreicht ist, an dem es steil nach oben geht. Denn mir fiel wieder ein, dass Kommunikationsreife und Alter des Kindes viel ausmachen. Er versteht fast alles, das ich sage und er kann mir hinterherlaufen (und manchmal noch krabbeln), anstatt zu weinen, wenn ich kurz aus dem Raum muss. Ich muss ihn auch nicht mehr überall hintragen. Das ist schon viel wert.

Dennoch spüre ich, dass ich mich eigentlich schon in der Phase der Selbstbestimmung befunden habe, als er auf die Welt kam. Ich habe mir gepredigt, die Babyzeit zu genießen. Während ich wie ein Zombie den Kinderwagen vor mir her schob (ich verwendete ihn ob der Müdigkeit gern als eine Art Rollator), hörte ich von allen Seiten: „Ach genießen sie es! Die sind ja nicht lange so klein!“ und dachte mir immer: „Bitte wiederholen sie nur den letzten der beiden Sätze und schütteln mich dabei ein wenig aufmunternd, ja?“

Gute Seiten

Ich fühle mich am Ende des berühmten ersten harten Jahres jedenfalls viel besser als mittendrin. Ich begreife, dass ich ja nicht nur Ende Dreißig bin und nicht mehr Mitte Zwanzig und dass ich vor allem für insgesamt sechs Menschen sorgen muss. Ich schließe mich da ein, denn auch diese Lektion des Lebens habe ich (viel zu) langsam verstanden. Ich denke mir, es wird schon anstrengend sein, was Du da alles schaffst – kein Wunder wenn Du Dich dauernd so etwas schlapp wie während einer Erkältung fühlst. Ich erkenne also meine Leistung an. Das konnte ich vor zehn Jahren definitiv nicht. Ich bin selbstsicher in meinen Entscheidungen und kann sie bestens vor mir vertreten.

Ich fühle mich nicht nur müde und fremdbestimmt. Sondern reif, stolz und erfahren. Ich bin keine junge Frau mehr, die sich innerlich von Ansprüchen unter Druck setzen lässt und äußerlich versucht, es allen recht zu machen. Das Stadium der jungen, unsicheren Mama habe ich längst verlassen. Inzwischen habe ich eine große Tochter, die in diesem Jahr zum Teenager wird und eine andere große Tochter, die öfter die Nägel lackiert hat als ich (wäh!) und eine kleinere große Tochter, die morgens alleine auf die Uhr schaut um zu sehen, wann sie die Jacke anziehen muss. Wenn das mal nicht eine gute Bilanz ist!

Die drei passten neulich nachmittags auf Nummer 4 auf als ich heftig erkältet war. Ich lag im Bett und bekam Tee gebracht! Das stelle man sich mal vor! Kein Kind hopste auf mir herum und niemand musste von mir zum Klo begleitet werden während ich ein Fieberthermometer im Mund hatte. Ich lag da, machte Bingewatching mit dem iPad und wurde gesund.

Fremdbestimmt und dennoch Danke

Also danke ich dem lieben Gott und auch mir selbst für das Erreichen wunderbarer Meilensteine. Ich bin inzwischen in der Lage zu erkennen, dass anstrengende Phasen ihr Gutes haben und ebenso, dass ich nichts andauernd schönreden muss, nur weil ich mich dazu entschiedne habe (zum Beispiel Leben mit Kindern :D). Ich danke für die lebhaften, schlauköpfigen und bereichernden Kinder um mich herum. Ich danke für den kleinen, heiß ersehnten Mann mit den großen Knopfaugen, der so gerne mit mir kuschelt. Und ich nenne Nummer 4 trotzdem Kleine Nervensäge, weil er einfach viel zu viel von diesem fordernden, ungeduldigen Brummen hören lässt …