Allein über Nacht – Teil 2

Die Früh-Reha
Nachdem mein Mann zwei Tage ohne Probleme atmete und man sich auf der Intensivstation nur kurz darüber wunderte, wieso dies vorher nicht möglich war, wurde er endlich verlegt.
Früh-Reha. Das klang verheißungsvoll.
Rehabilitation – der Freifahrschein zurück in das normale Leben! Da war man quasi schon so gut wie kurz vor dem Marathon, man würde bald fit wie ein Turnschuh sein dank all der Physiotherapie und den anderen unterstützenden, herausfordernden Maßnahmen. Man wäre den ganzen Tag mit Fernsehen, Musik hören, Therapien und irgendwann mit Essen beschäftigt. Man wäre bald wieder ein sprechender, gehender – ach was – joggender Teil der Gesellschaft!
Man wäre…
…allein unter überwiegend für die Therapien zu demotivierten und/oder stummen Mit-Patienten. Man würde lernen, wie unglaublich weit und steinig ein Weg zurück sein kann.

Der erste Zimmergenosse meines Mannes war Herr Müller oder Herr Meier oder Herr Schmidt – nehmen wir doch letzteren Namen.
Herr Schmidt lag im Bett, weil er einen Schlaganfall erlitten hatte. Wenn man ihn zur Therapie holen wollte, lehnte er stets mit wütendem Knurren ab. Er wollte lieber schlafen.
Mein Mann wollte unbedingt mit Therapien starten, sollte aber lieber schlafen. Und ärgerte sich. Herr Schmidt trug zu Übellaunigkeit meines Mannes sehr motiviert bei, da er ein richtig ambitionierter Hobbyschnarcher war. Vielleicht auch schon ein Berufsschnarcher. Nach Umschulung. Wie auch immer. Wenn mein Mann endlich mal einschlief, dann sägte Herr Schmidt ihn wach. Also ersann mein Mann sich eine Taktik. An seinem Finger steckte ein Pulsüberwachungssensor, der über einen angeschlossenen Monitor ein übelst lautes Warnsignal starten konnte. Also startete mein Mann das Warnsignal indem er sich dieses Teil vom Finger streifte. So viel Bewegungsfreiheit hatte er bereits zurückerlangt. Es dauerte, bis er das Ding herunter hatte, aber dann gab es den Alarm und die Schwester kam. Durch den enervierenden Ton war dann auch Herr Schmidt aus dem Schnarch-Schlaf erwacht und hörte mit dem Sägen auf bis er wieder im Tiefschlaf war. Dann startete er wieder und mein Mann machte sich zum Pulsüberwachungssensor-Gegenschlag bereit.

Immerhin konnte er inzwischen so viele Finger bewegen, dass er den iPod benutzen konnte. So härte er sich „Das Lied von Eis und Feuer an“ und noch vieles Andere. Er war wirklich glücklich darüber. Ich will mir gar nicht vorstellen wie es ist, wenn man nur liegen kann. Blind und stumm und unbeweglich. Da ist ein iPod wirklich etwas ganz Besonderes.

Mein Mann träumte sehr viel und sehr schräg während der Krankheit. Die erwähnten medizinischen Experimente waren ein Teil davon. Aber ein Traum, in dem ich bei strahlendem Sonnenschein ausgelassen ins Meer lief und er mir folgen wollte, während ihn jedoch ein medizinischer Schlauch irgendwo an seinem Körper davon abhielt.
Und dann noch der Traum, der bis heute immer mal wieder erwähnt wird, weil er so viel ausdrückt und weil er einfach weh tut, wenn man ihn hört.
Er träumte er sei gesund und zuhause. Er war nicht genesen sondern eben einfach gesund, nicht krank gewesen. In diesem Traum kuschelte er mit unserer mittleren Tochter auf dem Sofa.
Und wachte in seinem gelähmten Körper auf, um ganz allein zu sein.

Die Kinder zu Besuch
Die Kinder durften zu Besuch kommen, sagte die eine Schwester. (Später, bei einem weiteren Besuch, wurden sie der Station verwiesen, weil Kinder dort verboten waren. Wie auch immer – es herrschte eine Sicherheit spendende Einigkeit innerhalb des Personals).

Sie freuten sich, mein Mann freute sich und ich natürlich auch.
Sie waren aufgeregt und wollten die Station stürmen. Ich hatte ihnen natürlich immer wieder gesagt, dass der „Dada“ nicht gucken und sprechen und schon gar nicht laufen konnte. Ich hatte ihnen gesagt, er sähe ein bisschen anders aus. Im Liegen fielen die Gesichtslähmungen, die das zusätzlich zum GBS aufgetretene Miller-Fisher-Syndrom verursacht hatte, zum Glück kaum auf. Es war ein bisschen wie nach einer umfangreichen Botox-Behandlung – einer unserer Scherze…
Ich mahnte die Kinder jedenfalls zur Ruhe soweit möglich. Sie entdeckten ihn und rannten zu ihm an das Bett.
Bis dahin war der Besuch schön.

Danach war er einfach nur noch total stressig und furchtbar für alle Beteiligten. Die Mittlere legte vorsichtig ihre Hand auf den Arm ihres trotz allem schlecht wiederzuerkennenden Papas und dieser hatte sofort Schmerzen. Er war so druckempfindlich, dass sich die Kinderhand wie eine heftig aufgeblasene Blutdruckmanschette angefühlt habe, sagte er später.
Wie auch immer. Die Kinder waren in der Krankenhausumgebung nicht glücklich. Wer ist das schon? Sie wuselten herum. Ich mahnte sie pausenlos zur Ruhe, dirigierte sie zu den Malstiften und trug die Jüngste herum. Dann begannen sie, sich heillos auf dem Boden herumzuwälzen. Eigentlich war das nicht ihre Art aber es war ja auch eine Ausnahmesituation.
Einige Wochen darauf wusste ich dann, dass sie im Krankenhaus immer die Neigung hatten, sich auf solche für sie untypische Arten zu verhalten…
Leider war es also überhaupt nicht schön, so wie man es sich immer ausgemalt hatte, um sich innerlich aufrecht zu halten, wenn es mal wieder besonders schwierig war.
Ich wunderte mich, dass sie so schnell das Interesse an ihrem Lieblingspatienten verloren. Nachher verstand ich die Situation schon. Während dessen gingen sie meinem Mann gehörig auf den Zeiger, so dass er immer wütender gestikulierte, weil er einfach zu krank für so ein Gewusel und Geplapper war. Schließlich schnappte ich sie und ging.

Neues Zimmer
Mein Mann wurde in ein anderes Zimmer verlegt und ich hatte diese Szene, die in schlechten Filmen für Dramatik sorgt: Das Bett war leer als ich ankam. Straff gezogene Laken, zugezogene Gardinen. Mann verschwunden. Ich machte mich auf die Suche und eine Schwester teilte mir dann mit, dass er nun zwei Zimmer weiter läge. Danke für die Info.
Mein Lieblingspatient lag wieder in einem Zweibettzimmer. Neben ihm ein junger Mann, der im Koma zu liegen schien. Sein ebenmäßiges, auffallend attraktives Gesicht lächelte engelsgleich zu welchen Träumen auch immer. An seine Bett saß an manchen Nachmittagen seine Freundin sowie auch seine Familie. Seine Freundin spielte vom Notebook Musik für ihn ab und sprach leise mit ihm. Die Familie wies irgendwann darauf hin, wie gut es meinem Mann bereits gehe und dass er selbst sicherlich auch irgendwann so toll durch Augenzwinkern buchstabieren können würde.
Ich wünschte es ihm ganz fest. Er lächelte ohne Unterbrechung und sah wirklich sehr zufrieden aus.

Mein Mann sah weniger zufrieden aus. Man hatte ihn am Morgen in das Bad geschoben und er hatte sich im Spiegel gesehen. Er musste wohl den „Cast-Away-ich-habe-Feuer-gemacht-Look“ erst einmal verarbeiten. Das volle Haar bildete einen wüsten Rahmen für ein ziemlich gelähmtes Gesicht. Und nicht zu vergessen: Der schief rasierte Bart. Ja, er sah wirklich schon viel, viel besser aus. Geduld war auch hier das Zauberwort wie an allen anderen Baustellen dieser Lebensphase.

Von der Schüchternheit zum Mut
Mein Mann wurde häufig durch den Tubus in seinem Hals abgesaugt. Und musste ewig darauf warten, dass eine Schwester kam, die dies erledigte. Währenddessen stieg der Schleim in der Lunge dann auf Unterseite Oberkante. Oder heißt das Oberseite Unterkante? Ich kann mir das einfach nicht merken…

Er bat um mehr zu trinken und man sagte ihm, das sei nicht möglich, weil ihm nach der Gabe zwei Litern Wasser durch die Magensonde quasi ab dem begonnenen dritten Liter das Wasser in die Lunge laufen würde. So sagte man es ihm wirklich. Und er? Konnte auf diese Frechheit nicht antworten.
Aber ich. Ich lief zur Höchstform auf. Eigentlich hatte ich immer einen gute Portion sozialphobischer Anwandlungen. Bis zu dieser Krankheit. Ich legte mich mit jedem an, wenn es nötig war. Von der Krankenschwester über den Physiotherapeuten bis zum Chefarzt. Ich habe vermutlich furchtbar genervt. Aber es hat sich immer wieder gelohnt.
Wie bei der Beatmungsmaschine, da war ich aber noch sehr nett gewesen.
Nach dem Unsinn mit dem Wasser in der Lunge habe ich dies sofort im Scherzton den Physiotherapeuten erzählt. Die in das Lachen einstimmten:“Ja genau, daher ertrinken auch so viele Leistungssportler, die fünf Liter am Tag trinken. Wenn 2 Liter im Magen sind, öffnet sich der unsichtbare Magen-Lungen-Kanal. Und schwupps ist man ertrunken. Noch während man auf dem Sofa sitzt.“
Die fanden das superlustig. Mein Mann fand es ein bisschen respektlos, so angelogen worden zu sein.
Es gab viele solche ärgerliche Kleinigkeiten. Zum Beispiel nicht dicht geschlossene Cuffs (kleiner Ballon im Hals, der während der Intubierung den eventuell laufenden Speichel zurückhält), wegen denen Lungenentzündungen entstehen. Die wiederum dazu führen, dass dieser blöde Tubus noch ein bisschen länger im Hals bleiben muss. Und die Sprachtherapie warten muss. Und die Logopädin befürchtete, sie habe das irgendwie verschuldet, weil sie zu früh irgendwelche Übungen mit ihm gemacht habe, die sie dann wieder unterlassen wollte. Also sprach ich auch mit ihr und überzeugte sie vom Gegenteil. Woraufhin sie sich im Teamgespräch beim Arzt über die entsprechende Nachtschwester beschwerte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, jeden gegen jeden auszuspielen. Der gute alte Niccolò war ganz bestimmt sehr stolz auf seine strebsame Schülerin. Ganz bestimmt.
Zu dieser Zeit nahm ich zu Hause den Kater einer unserer lieben Freundinnen auf. Dies war als Quarantäne gedacht, da im Wohnort unserer Freundin ein Virus umging, das diese ihrer Samtpfoten bisher verschont hatte. Da der Kater den etwas femininen Namen „Missy“ trug und ich die Erlaubnis unserer Freundin für eine Umbenennung hatte, taufte ich ihn in Ehren an meinen neuen Lehrmeister Macchiavelli.

Fortschritt Rollstuhl
Der erste Rollstuhl war ein gepolstertes Modell mit Kopfstütze. In diesem saß mein Mann halb liegend und konnte sich zum ersten Mal wieder umsehen.
Und genau das konnte er wieder: Gucken- seine Augen waren wieder offen.
Ein guter Tag war das und ich war total glücklich. Ebenso wie es mich beglückt hatte, ihm endlich wieder eigene T-Shirts bringen zu können.
„Bringen sie aber keine guten Shirts, die müssen eh dauernd gewaschen werden – da landet immer der Schleim vom Absaugen drauf,“ sagte die Schwester.
War mir egal. Ich brachte ihm schöne Shirts mit Druck und in kräftigen Farben. Für irgendwas hat man ja seine Waschmaschine.
Schleim vom Absaugen. Worüber man sich plötzlich Gedanken machen musste. Nach der Krankheit sagte mal jemand zu mir:“Es ist schon ungewöhnlich, so eine Lebenssituation wie die ihre. Da lernt man seinen Partner von physischen Seiten kennen, die einem eigentlich erst im Rentenalter begegnen. Pflege bringt Aspekte mit sich, die eine Beziehung nachhaltig verändern.“
Da war was dran.
Viele Bilder muss man äußerst aktiv wieder vergessen.
Nun aber war er im Rollstuhl und ich war froh, ihn mal wieder irgendwohin mitnehmen zu können.
Man muss immer nur kleine Schritte machen in so einer Lebenssituation und sich über genau diese freuen. Es heißt einfach nicht mehr „think big“ sondern eben „think small“ oder auch „tiny“…

Ich habe mir seit meiner Kindheit eine Filmszene eingeprägt, die mir immer wieder geholfen hat, wenn ich mal wieder ungeduldig war:
Sie stammt aus dem Film Momo und zeigt den Straßenkehrer wie er Momo erklärt, dass man morgens niemals die ganze zu fegende Straße betrachten und verzweifeln sollte. Sondern immer nur einen Abschnitt. Diesen fegt man dann in Ruhe. Dann den nächsten Abschnitt und am Abend ist die Straße fertig und der Tag voller kleiner Erfolgserlebnisse.
Er sagte dabei so eine Art Straßenfeger-Mantra:“Ein Atemzug – ein Schritt – ein Besenstrich“ Das habe ich nie wieder vergessen können und manchmal sage ich mir das heute noch vor in nervigen oder überfordernden Situationen.
Das Schöne daran, wenn man zu kleinen Schritten und Straßenfeger-Mantren gezwungen ist, ist die Lehre, die man daraus ziehen kann: Erfreue dich an den kleinen Dingen und nimm ausschließlich, was das Leben dir gibt.

Sprechen für Anfänger
Die Sache mit dem Tubus war klar: Wir hassten das Teil und es musste weg. Wie erwähnt standen aber immer wieder kleine und größere Hürden im Weg. Doch es wurde auf Station von einem Sprechaufsatz erzählt. Ein mysteriöses Ding unter dem wir uns nichts vorstellen konnten. Würde er wie Darth Vader klingen mit dem Teil? Wäre das dann ziemlich cool oder eher furchtbar?
Letztlich war dieser Aufsatz einfach eine Art durchlässiger Stöpsel, der dahin auf den Tubus kam, wo vorher der Beatmungsschlauch angedockt gewesen war. Dadurch atmete man dann und sprach.

Doch bis wir ihn zu sehen bekamen buchstabierten wir. Und diese Ära endete dann mit einem kleinen Gerät mit Tastatur und Display. Witzig war, das die Hülle mit den Blättern auf die ich immer die einzelnen Buchstaben notierte an einem Tag noch exakt neun Blätter enthielt. Und ich dachte: „Wenn diese Hülle leer ist, dann brauchen wir die Blätter nicht mehr.“
Und es kam tatsächlich so!

Dann wurde getippt.
Mein Mann hätte gern so einen Apparat wie Mister Hawking gehabt, aber der war vielleicht etwas zu teuer für eine Kassenleistung. Also tippte er.
Er tippte als erstes – ganz feierlich – ein Zitat aus „Der Herr der Ringe“ und ich kapierte den Witz dahinter nicht: „Wir haben vergessen wie Brot schmeckt“ leuchtete es grün vom Display und ich guckte wohl doof.
Mein Mann gestikulierte und zeigte. Ich kapierte nichts. Dabei hatte er mir nur sagen wollen, dass auch er vergessen hatte wie etwas schmeckt. Erfuhr ich aber erst ein Jahr später als ihm die Situation wieder einfiel und es war mir etwas peinlich. Vielleicht sind Aufmerksamkeit und Empathie in einer Art Fass gelagert und wenn man viel daraus verbraucht, dann ist das gute Zeug irgendwann weg…
Nach dem Tippen kam also irgendwann dieses ominöse Star-Wars-Sprach-Accessoire zum Einsatz. Ebenfalls war uns feierlich zumute als die Schwester das Ding aus der sterilen Verpackung holte.
Wir hörten zum ersten Mal wieder seine Stimme.
Klang schräg, diese Stimme direkt aus dem Hals und auch gar nicht wie Darth Vader – aber wir waren restlos glücklich.

Und wieder nicht so schön
Nicht ganz so schön war, wie viel Geduld man brauchte. Unglaublich viel. Und dieses Vorratsfass mit der Aufschrift „Geduld“ ist bei mir ohnehin fast nie randvoll…
Mein Mann steckte sich zwei Ziele:
Er wollte den Gang entlang laufen und er wollte Weihnachten zu Hause sein.
Beim ersten entmutigten ihn die Physiotherapeuten und beim zweiten die Psychologin. Die nette Dame schaffte es, dass mein Mann sich zugleich wie ein Gemüse und ein Querschnittsgelähmter fühlte. Sie fragte ihn ob er wisse, wo er sei und wie er hieße. Und spielte ein tolles Spiel mit ihm, bei dem er kleinen geometrischen Formen bestimmte Farben zuordnen musste.
„Das ist jetzt vielleicht ein bisschen einfach für sie,“ hatte sie diese Beschäftigung eingeläutet und dann wollte sie ihn wohl motivieren als sie sagte: „Sie wollen Weihnachten zu Hause sein, Herr Eldorado? Peilen sie mal lieber Ostern an.“
Sie hatte wirklich ein Talent darin, ihn sich wie Pinky und nicht wie Brain fühlen zu lassen.
Er tippte mir das Erlebnis als grüne Botschaft und ich flitzte zum freundlichen Personal. Dort sagte ich meinen inzwischen auswendig aufgesagten Text herunter:
„Es mag vielleicht schwer zu erkennen sein, aber mein Mann ist eigentlich ein großer, muskulöser und sportlicher Mann. Er hat einen beachtlichen IQ, ist ein großartiger Vater dreier Kinder und zudem beruflich sehr erfolgreich. Er ist sehr, sehr willensstark und alles in allem eine außergewöhnliche Persönlichkeit wie ich finde. Nun ist er gelähmt. Nicht mehr und nicht weniger. Er ist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.“

Zack! Damit hatten sie nicht gerechnet. Es änderte jedes Mal den Umgang mit ihm, wenn ich meinen Text aufsagte.
Der Willensstarke wollte mir nach einem Therapieerfolg unbedingt vorführen, wie toll er Stehen konnte. Diese Vorführung wurde wie ein Event geplant. Ich kam früher zur Besuchszeit, die Schwiegereltern passten auf die Kinder auf und ich wurde extra bei den Therapeuten angemeldet. Ich schob meinen Mann in den Therapie-Turn-Raum und die beiden Damen hievten ihn auf die Füße. Er stützte sich auf, stand zwischen einem Geh-Barren.
Zu diesem Zeitpunkt war er dazu verdonnert worden, Uhrglasverbände zu tragen. Kleine Plastikscheiben, die auf die Augen geklebt werden, wenn die Lider nicht richtig schließen. Damit die Augen nicht austrocknet und dauerhaften Schaden nehmen. Diese Gläser beschlagen immer, so dass er wieder nichts sah. Und wieder fand ich das gut-schlecht. Denn ich habe gar nicht stolz gestrahlt sondern mal wieder stumm geflennt.
Er zitterte und schwitzte Sturzbäche, bloß weil er stand. Ich ertappte mich kurz bei dem Gedanken, dass Weihnachten vielleicht ein wirklich hoch gegriffenes Ziel für eine Entlassung war.
Wie auch immer zerschlug ich den Gedanken und lobte meinen Mann lautstark.

Begegnungen
In der Zeit vor Weihnachten war die Heizung im Krankenhaus hoch eingestellt und die Zimmer sehr warm. Wir lagen im Bett und hörten Musik. Mein Mann bat mich irgendwann, das Fenster im Zimmer zu öffnen. Das Fenster war aber an der Seite des Bettnachbarn. Ich bin also zu ihm und fragte den – immer noch selig lächelnden – ob es ihm etwas ausmache, wenn ich das Fenster öffnen würde. Mir war klar, dass er nicht antworten konnte, aber fragen wollte ich dennoch.
Ich wusste inzwischen seinen Vornamen, hatte mit seiner Verlobten das ein oder andere Wort gewechselt und erfahren, dass er nach einem Motorradunfall so da lag. Und ebenso, dass er selber Arzt war.
Jedenfalls sah ich ihn an, während ich um sein Bett herum zum Fenster ging. Vermutlich klingt es geschmacklos, aber später hatte ich (vermutlich um den nun folgenden Schreck zu überspielen) einen Spitznamen von ihm aus der Welt der DC Comics: Harvey Two Face.
Die rechte Seite des Gesichts sah aus als habe ihm ein Riese einen Fausthieb verpasst. Es war so schlimm. Auch ihm fehlte ein Stück Schädel und auch bei ihm hing die Haut nach innen durch wo vermutlich vorher ein Teil seines Hirns gewesen war. Ich atmete tief durch und sagte zu meinem Mann, dass ich nun nicht mehr glauben würde, dass sein Mitpatient irgendwann wieder fit werden würde.
Rund zwei Wochen später traf ich auf dem Flur vor dem Zimmer die Verlobte und sie sah sehr unglücklich aus.
„Wie geht es ihrem Verlobten?“
Sie schüttelte den Kopf:

„Nicht gut. Leider gar nicht gut.“
„Das tut mir sehr leid.“
Wir sahen uns in die Augen. Ich sah ihre Tränen. Dann sagte sie:
„Wissen sie, was ich denke? Ich denke, es ist besser so, als wenn ihr Mann nicht mehr gesund würde. Sie haben drei Kinder, wir gar keine.“
Dann sah sie mir wieder in die Augen und nun weinten wir beide.
Wir haben uns noch gedrückt und dann ging sie.

Die Weihnachtsfeier stand an. Es hingen bereits Ankündigungszettel mit lustigen Weihnachtsmännern auf der Station. Die Kinder freuten sich, da sie nun offiziell dabei sein durften und auch weil die Schwestern etwas von Spekulatius und Schokolade andeuteten.

Meinem Mann machte die Aussicht auf das nahende Fest etwas Erfolgsdruck.
Doch er machte sich gut.
Die Therapeuten setzten ihm das Wochenziel von zwei Schritten und er machte Dreißig. Bald „spazierte“ er zum Ende des Ganges. Danach plumpste er aber in den Rollstuhl, so anstrengend war das. Inzwischen sprach man bereits von der Verlegung in die Reha.
Ich erfuhr, dass ich mir nicht aussuchen konnte, wohin er dann verlegt werden würde: „Irgendwas im Umkreis“ hieß es.
Doch die Aussicht auf einen weiteren Schritt nach vorne war klasse.
Die Weihnachtsfeier war nett. Man holte sogar die Komapatienten und ebenfalls bettlägerigen Schlaganfallpatienten hinzu. Mein Mann kommentierte die Feier mit: „Ja, da ist man Teil von etwas, von dem man nie Teil werden wollte.“
Die Kinder heimsten gefüllte Nikolausstrümpfe, Tonnen von Keksen und heißen Kakao ein.

Schritte vorwärts – Rennen wie Sisyphos
Als die Adventszeit da war konnte mein Mann mit Hilfe sitzen, mit Hilfe Stehen, ein bisschen Laufen, Sehen, Sprechen und – essen!
Der Tubus wurde entfernt, die Wunde geschlossen und er bekam einen großen Pudding. Und mein Mann fand das so eine Geschmacksexplosion, dass er sich fast schüttelte. Aber auch das war ein Highlight. Die Zeit der Höhen und Tiefen war nicht vorbei, aber sie hatte sich auf ein höheres Niveau begeben, so viel stand fest. Noch heute gucken wir diese Sorte Pudding in der Kühltheke immer schmunzelnd an. Unten Vanillepudding und obendrauf Schokosahne. Gefühlte 500 Gramm von beidem. Manchmal schlage ich vor, den Pudding zu kaufen und zusammen zu essen. Aber er lehnt das seit fast fünf Jahren jedes Mal ab.
Endlich wieder angenehme körperliche Gefühle. Er sagte mal, dass es Zeiten gab, in denen der Würgereiz beim Absaugen das einzige angenehme körperliche Empfinden in dieser Zeit gewesen sei. Da ist ein Pudding auf der Zunge ein blendend heller Paradies-Tag.
Ich konnte gar nicht glauben, dass ich bereits mit den Ärzten und Therapeuten darüber sprechen konnte, ihn an Heiligabend nach Hause zu holen. Nur für ein paar Stunden. Es klang himmlisch!

Und bald würde er in die Reha verlegt werden, wenn alles gut ging. Von dort aus dürfte er dann für einzelne Abende nach Hause.
Wenn alles gut ging
Ging es natürlich nicht: Mal wieder eine Lungenentzündung.
Die Aussicht, Weihnachten zu Hause verbringen zu können, wurde also noch ein weiteres Mal in Frage gestellt.

Weiter geht es in Teil 3.

Allein über Nacht – Teil 1

Vor ein paar Wochen habe ich einen Artikel in der „Welt“ gelesen, der von einem Mann im Koma handelte. Der Artikel war abwechselnd aus seiner Perspektive (er hatte überlebt) und der seiner Frau geschrieben. Meine Frau und ich fanden das interessant, und so kam die Idee, meinem Erlebnisbericht noch ihre Außenperspektive hinzuzufügen. 

Am Abend vor dem Beginn des Guillain-Barré-Syndroms waren mein Mann und ich uns sehr nah. Eine Eingebung schoss mir durch den Kopf:

“Genieße diesen Moment, denn es wird der letzte für eine sehr lange Zeit sein.“

Dieses frisch erwachte Bauchgefühl, diese tiefe Intuition, sollte mich durch die kommenden Monate (und Jahre) begleiten und mir aus vielem heraus helfen.

Wie es begann

„Mir geht’s irgendwie nicht gut. Ich seh‘ alles doppelt.“

Es gibt sie wirklich. Diese Sätze, die man nie wieder vergisst und die das Leben in „davor“ und „danach“ aufteilen.

Mein Mann hatte sich in den Tagen vor diesem Morgen, an dem er diesen Satz sagte, schon nicht besonders gut gefühlt. „Du siehst aus wie Braunbier mit Spucke“ hatte seine Mutter bei einem Besuch zu ihm gesagt.

Nun richtete er sich also neben mir im Bett auf und sah doppelt. Ich mahnte mich zur Ruhe und sah ihn mir an. Betrachtete das Gesicht, ließ ihn beide Arme ausstrecken, was er konnte. Es war nicht so, dass ein Arm hinabsank. Ich befragte ihn nach Symptomen. Schlaganfall schloss ich schnell aus. Seine Beschwerden waren einfach zu symmetrisch. Aber ich bin keine Ärztin.

Wider besseren Wissens steckte ich ihn ins Bett. Wohl in der Hoffnung, dass Verdrängung des sich zeigenden Problems dieses vielleicht gleich lösen würde. Ich holte das Bügelbrett ins Schlafzimmer, damit er nicht alleine war. Er schlief kurz ein.

„Mein Bauch und meine Füße kribbeln so komisch,“ sagte er beim Aufwachen.

Nun stellte ich das Bügeleisen ab und mich gleich der Realität.

„Okay, geh dich waschen. Du musst zum Arzt, hm?“

Die Kinder mussten in den Kindergarten und das Baby wollte versorgt werden.

Er rief aus dem Bad: „Mein Augenlid hängt so komisch, ich seh‘ aus wie Käpt’n Ahab.“

Ich rauschte zu ihm nach oben.

„Guck mal, wie ich aussehe…!“

Ja, da bekam ich Angst aber ich wusste gleich, dass sie Null Komma Nix bringen würde. Also packte ich das Baby und ihn ins Auto, schrammte im Stress einen Poller und düste zum Doc.

„Hm, ja, ich weiß auch nicht recht. Schlaganfall schließe ich aus,“ sagte die freundliche Ärztin.
„Und Borreliose?“ hakte ich nach.
„Unsicher. Eher nicht. Ich überweise sie ganz schnell mal zu einem MRT.“

Also Überweisung geschnappt, Baby verpackt, Mann an die Hand genommen und wieder ins Auto. Die Untersuchung ergab, so teilte man uns erst auf Nachfrage mit, dass er keine Gehirnblutung oder andere Auffälligkeiten im Gehirn zeigte.

O-okay – was nun?

Wieder nachfragen also. Von allein gab man uns keine Auskunft. Der Tipp war klar, da Hände und Füße und Bauch immer mehr kribbelten und sich das Augenlid immer weiter schloss: Krankenhaus – Notfallambulanz.

Zuhause Station gemacht. Mein Mann rief seine Eltern an. Und er sprach telefonisch mit einem Mann vom Rettungsdienst wegen eines Krankenwagens. Sei nicht nötig, sicherte man ihm zu. Schön, denn das hätte unsere unterdrückte Angst sicher sofort in Panik verwandelt.

Aber das Entsetzen in den Augen meiner Schwiegermutter habe ich noch in Erinnerung. Die Schwiegereltern kamen, damit die Oma sich um unser Baby kümmern konnte. Mein Schwiegervater fuhr uns zur Ambulanz- mein Puls war inzwischen etwas zu hoch für verantwortungsbewusstes Autofahren – sagte die Schramme an unserem Kotflügel, die der Poller hinterlassen hatte.

In der Ambulanz wurde mein Mann nicht lange untersucht. Nur wenige Reflextests, ein paar Fragen und ein prüfender Blick, dann:

“Sie sind ein Fall für die Neurologie. Wollen sie ins Krankenhaus A oder B?“

Wieder mein Bauchgefühl, das entschied, da mein Mann dazu in diesem Moment nicht in der Lage war.Krankenhaus B war die richtige Entscheidung, aber das erfuhr ich erst später, als die superliebe und empathische Ärztin uns dort mitteilte, dass sie Fälle dieser Krankheit häufiger behandelte im Gegensatz zu Krankenhaus A.

Wunderbar, da fühlte ich mich schon irgendwie ein homöopathisch kleines Bisschen besser. Während wir auf den Vater meines Mannes warteten, der sein Auto holte, fragte ich meinen Mann ganz direkt:

„Du willst jetzt nicht gehen, oder?“

Mit gehen meinte ich sterben. Er verstand mich. Und verneinte, während er mir in die Augen sah. So gut er das eben noch konnte.

Das Krankenhaus

Jedenfalls kam mein Mann im Krankenhaus zunächst einmal in die Ambulanz.

„Ja, sie haben wirkliche Probleme,“ stellte der junge Arzt dort treffend wie unsensibel fest und befragte mich nach medizinischer Familiengeschichte und weiteren Details meines Mannes, der kurz darauf in die Röhre geschoben wurde.

Nach einigen Untersuchungen bekam er eine Lumbalpunktion und scherzte dabei noch, dass dies ja sei wie eine PDA unter der Geburt und gar nicht so schlimm, wie die Frauen immer behaupten würden. Ich meinte, dass die Nadel der Punktion etwas heftiger ist und er auch nicht vorher lokal betäubt wurde – aber ich sagte ihm dazu nichts.

Als der Arzt dann zu einem Ergebnis kam, musste ich mich wirklich kurz an der Liege hinter mir festhalten:

„Also, Multiple Sklerose ist es schon mal nicht.“

Puh, dachte ich – so etwas Krasses steht hier im Raum? MS? So etwas Furchtbares könnte in mein, in UNSER Leben treten? Passiert hier gerade so etwas in dieser Größenordung?

„Was denn dann?“ hakte mein Mann zögerlich nach.
„Ich denke, das können wir nur per Ausschlussdiagnose sagen: Es ist wohl das Guillain-Barré-Syndrom.“
„Ach,“ fragte mein Mann, „das, von dem sie vorhin sagten, es würde erst schlimmer und dann wieder weggehen?“ Er schien innerlich erleichtert zu seufzen.
„Ja, genau das. Wir behalten sie nun hier.“

Mein Mann war weg. Auf unbestimmte Zeit.

Ich brauchte ihm nicht mal Sachen zu holen, sagte man mir. Er würde keinen Pyjama brauchen auf der Stroke Unit, der Halb-Intensiv-Station. Da gab es die prima Kittelchen, die ich bisher nur aus amerikanischen Krankenhausserien kannte. Wie auch die tollen Betten, von denen die Schwestern so schwärmten. Wie auch immer.

Aber Zahnbürste und Co durfte ich zumindest holen. Das tat ich dann auch.
Als ich ihn am Abend noch einmal sah, machte ich ihm den Fernseher an, als wäre es ein Trost, das TV im Zimmer zu haben. Ich sprach ihm kurz Trost zu und sagte dazu irgend etwas vermutlich sehr Belangloses.

Mein Schwiegervater fuhr zurück, ich saß neben ihm und meine Gedanken flitzten. Er rief dann seine Frau an, die gerade die Kinder ins Bett bringen wollte und teilte mit, dass es für mich sicher schöner sei, wenn ich erst einmal bei inne bleiben würde, statt mit den Kindern alleine im Haus zu sein. Sie war gestresst, weil sie die Kinder gerade in die Schlafanzüge hatte stecken wollen. Ich musste dann den Kindern erklären, dass ihr Vater für eine lange Zeit nicht bei ihnen sein konnte. Musste ihnen sagen, dass er im Krankenhaus bleiben würde, bis es ihm wieder gut ging.

Sie sahen mich mit großen Augen an.

Wie jetzt? Ihr Papa, der Mann mit den fast zwei Metern Größe und den riesigen Muskeln? Der, an dessen ausgestreckte Arme man sich hängen kann wie an einen Baum? Der sollte krank sein? So richtig? Kein Schnupfen sondern was Richtiges?

„Wie lange ist er denn krank, Mama?“

Ja, das wusste ich nicht. Erst Tage darauf war es klar: Irgendwas zwischen drei und zwölf Monaten hatte man mir mitgeteilt. Ja, etwas vage aber genauer ginge es nun einmal nicht bei so einer Erkrankung.

Mein Schwiegervater saß während des Arztgesprächs neben mir.

„Ihr Mann ist schwer krank im Moment. Das muss man ganz klar sagen. Er wird wieder gesund. Unser letzter Patient mit GbS trägt schon wieder seine Töchter durch die Gegend. Der lag auch so da oben.“

Die Intensivstation

So da oben liegen. Das sah ungefähr so aus:

Mein Mann litt ohne Ende unter den sich ausbreitenden Lähmungen. Natürlich tat er das. Und Schmerzen hatte er auch. Als ich ihn wiedersah war er auf die Intensivstation verlegt worden. Er konnte kaum noch schlucken  und so wischte ich seinen Speichel mit Tüchern von der Zunge. Er lallte schon als er sagte: “Ich will Narkose. Jetzt.“

Die bekam er. Als er wieder aufwachte – zwei Tage darauf und ein kurzes künstliches Koma später – war er stumm und gelähmt.

Er war durch einen Schnitt intubiert. Im Hals. Das bedeutet man kann nicht mehr sprechen und nichts mehr riechen. Nicht mehr schlucken und natürlich gehört eine Magensonde dazu. Ein Beatmungsgerät ebenfalls. Und bis zu 18 Perfusoren, welche die Medikamentierungen regelten. Sie bildeten zwei bis drei grüne Türme im Hintergrund des Bettes an der Wand. Mein Schwiegervater sah sie mit augenscheinlich mulmigem Gefühl an. Ich empfand sie zum Glück als Sicherheit. Gleiches galt für den Monitor der Vitalfunktionen.

Ich betrachtete die Kurven und Messwerte und war beruhigt, dass die Basis der Physis meines Mannes wie am Schnürchen lief. Aber wie er so da lag – das musste man kurz verarbeiten. Das, was ja viele Angehörige so schockt: Ein geliebter Mensch zwischen Kabeln und Schläuchen. Ja, aber…das alles erhielt ihn am Leben. Ein großer Blutwäscheapparat stand im Raum und „wusch“ die schädlichen Enzyme aus seinem Körper. Plasmapherese nennt sich das. Klang gut. Und auch beruhigend.

Ich sah ihn auch irgendwie anders als leblos zwischen Schläuchen:

Er erinnerte mich an eine Serie meiner Kindheit. Irgendwas mit zwei Indianer-Jungs, von denen ich den einen sehr aufregend gefunden hatte. Dieser war irgendwann richtig krank und lag flach in seinem Tipi. Ein richtiger Krieger war er. Und total am Ende.

So sah mein Mann für mich aus. Etwas hatte den riesigen Krieger völlig umgeworfen.

Nur was hatte ihn umgeworfen? Warum war das geschehen? Darüber würden er und ich bei gegebener Zeit schon noch nachdenken. Über das berühmte „Warum“? Man braucht viel Mut, um sich darauf eine Antwort zu geben oder geben zu lassen.

Doch als ich da auf der Intensivstation stand vertagte ich diese Gedanken. Ich weinte stumm – darin war ich schon immer gut. Das kann ich sogar während ich scherze. Ich dachte „Gut, dass seine Augenlider auch gelähmt sind und er mich nicht sieht. Sicher demotivierend, so eine weinende Ehefrau.“

Also scherzte ich. Sagte ihm, dass es sehr elegant von ihm sei, eine Krankheit mit französischen Namen zu bekommen. Klänge schöner als „Morbus Irgendwas“. Lachen konnte er nicht. Nur noch mit dem rechten Zeh zucken. Ich hoffe, er hat geschmunzelt. Man ahnt gar nicht, worüber man so alles lachen kann. Je nachdem, was das Leben einem so offeriert.

In den ersten Tagen fürchtete ich um sein Leben. Ich musste tatsächlich akzeptieren, dass diese Gedanken nun Teil meines, unseres Lebens waren. Gedanken wie: “Mein Gott, wie sagt man seinen Kindern, dass der Papa tot ist?“

Um ehrlich zu sein übte ich das im Kopf immer mal wieder. Stellte mir die Kinder dabei vor. Bekam Panik, beruhigte mich und härtete mich dadurch ein bisschen ab. Ich wollte gefeit sein. Das will ich am liebsten immer. Besonders, wenn etwas derart Großes und Unvorhersehbares in mein Leben getreten ist wie diese Krankheit.

Mein Alltag

Während mein Mann träumte, Außerirdische(?) und Ärzte würden mit ihm illegale Experimente machen (oder Ähnliches, aber Kafkaeskeres), schlug ich mich mit Behörden, gerichtlicher Vormundschaft, reduziertem Einkommen, meiner Arbeit, dem Noro-Virus im dadurch geschlossenen Kindergarten und vielem weiteren herum. Einer kaputten Spülmaschine zum Beispiel. Und plötzlich ausfallenden Glühbirnen an meinem Auto. Und auch plötzlichem unerklärlichem Ölverlust an dem selben. Ich lernte rasch, Glühbirnen zu wechseln und Ölstände zu kontrollieren…

Ich dachte: “Wow, nun werde ich aber selbstständig. Wie unglaublich emanzipiert. Das gefällt mir und das behalte ich bei, auch wenn er wieder gesund ist. Ich pfeif auf alle rollenbezogenen Tätigkeiten. Ich mache alles, das ich augenscheinlich auch tun kann! Okay…und muss…“

Wie sah mein Tag ungefähr aus in dieser Zeit?

  • Morgens gegen 6 aufstehen und sofort in der Klinik anrufen, wann ich zum Waschen kommen kann.
  • Schwiegereltern anrufen und Uhrzeit durchgeben.
  • Kinder zum Kindergarten bringen.
  • Auf Schwiegereltern warten und dann zur Klinik düsen.
  • Meinen Mann ausziehen, waschen, cremen etc.
  • Bei ihm bleiben, wenn die Physiotherapeuten kommen. (Ihn begeistert loben, wenn sie ihm im Bett aufrichten. Er war zausig, abgemagert, zitterte vor Anstrengung und war auch – wie ich da beim ersten Mal bemerkte – von mir sehr schief rasiert worden…)
  • Nach Hause fahren (ihn ungern alleine lassen), Schwiegereltern verabschieden
  • Hinsetzen und arbeiten (Ich bin Texterin, arbeite von zu Hause aus)
  • Kinder vom Kindergarten abholen und kochen.
  • Essen
  • Mit den Kindern spielen, fernsehen, kuscheln, reden
  • Auf Schwiegereltern warten. Mit Schwiegervater ins Krankenhaus zur Besuchszeit (1 Stunde)
  • Nach Hause kommen. Kinder bettfertig machen. Abendessen machen. Kinder in die Betten bringen. Spülen (die Spülmaschine musste ja streiken…)
  • Zeit für mich (Sport machen, Fernsehen. Oder Chatten oder Telefonieren, um mich von Freunden aufbauen und mir Mut machen zu lassen.)
  • In’s Bett. Direkt neben das Handy, das bei einem Notfall meines Mannes sofort klingeln würde. Man schläft übrigens recht schlecht neben so einem Handy…

Das Drumherum

Mein Mann hatte gerade eine neue Arbeitsstelle. Die er nun nicht antreten konnte. Wir fürchteten also um seinen Job. Und unsere daran hängende Existenz. Doch es stellte sich bald heraus, dass sein neuer Arbeitgeber eine formidable Art hatte, mit seinen Mitarbeitern umzugehen. Auch mit denen, die noch keine Sekunde für ihn hatten arbeiten können. Die neuen Kollegen schickten ihm sogar Genesungskarten und unterschrieben alle. Mein Schwiegervater übernahm die Korrespondenz mit dem Vorgesetzten meines Mannes und berichtete ihm immer über alle Fortschritte und den jeweiligen status quo.

70 Prozent des Gehalts zahlt die Krankenkasse bei einer längeren Erkrankung. Das ist gemein wenig, wenn man drei Kinder hat. Aber es ging. Der Dispo rutschte zwar, aber ich hatte zum Glück Einiges gespart, das ich nun verwendete.

Noch mehr Intensivstation

Die Zeit der Intensivstation dauerte neun Wochen, wenn ich mich recht entsinne. Fühlte sich an wie neun Monate…

Dauernd ging es auf und ab. Mit dem Gesundheitszustand und der untrennbar daran gekoppelten Gefühlsachterbahn. Die Werte, Aussichten und Diagnosen, ja, sogar die Menge der Perfusoren lenkten meine Gefühle. Bestimmten sie. Mal Lungenentzündung, dann wiederum zurücklehrende Beweglichkeit (so etwas wie „auch der zweite Zeh kann zucken“). Dann mussten wir uns als Besucher vermummen: Er hatte sich etwas eingefangen oder mitgebracht – da kann man mit Krankenhäusern lange drüber diskutieren…

Der Arzt sagte:

„Sie müssen heute Schutzkleidung tragen, ja, Frau Eldorado?“
„Okay. Warum?“
„Ja, ihr Mann hat ESBL. Also nicht schlimm und nur lokal begrenzt.“

ESBL. Diese vier Majuskeln hatte ich auf einem Bett stehen sehen. Tagelang. Ein Bett, das man mit Folie überzogen hatte und das vor der Intensivstation auf dem Gang stand, auf dem wir warteten, wenn wir zu Besuch wollten.

„Patient hatte ESBL“ hatte dort gestanden. Klang nicht ermutigend, dieses „hatte“. War es das letzte, was er gehabt hatte, ehe das Bett für ihn überflüssig geworden war? Wir vermummten uns jedenfalls. Der Arzt hatte erklärt, der ESBL-Erreger sei nur im Intimbereich aufgetreten und wir alle hätten den manchmal. Nicht Besorgnis erregend sei das.

War das nicht so ein multiresistentes Zeug, das Antibiotika außer Kraft setzen konnte, weil es irgendwas in diesen Medikamenten spaltete? Vielleicht irrte ich mich ja auch…

Zwei Tage darauf – ich kam morgens immer ins Krankenhaus um meinen Mann zu waschen (es tut einem kranken Menschen einfach gut, wenn bekannte Hände ihn überall betasten und zudem bekommt man morgens im Krankenhaus, wenn alle zu beschäftigt sind um einen zu beachten, eine Menge mehr mit als zu den Besuchszeiten) erfuhr ich dann etwas Interessantes:

„Ja, Frau Eldorado, heute müssen sie sich nicht mehr vermummen.“
„Prima. Also ist der Erreger weg oder wie?“
„Nein, aber wir wissen seit eben, dass er nicht gefährlich ist.“

Oh-ha. Hatte man mir nicht zwei Tage zuvor bereits zugesichert, dass der Erreger ungefährlich sei? Ich befand, das so eine Sache schlecht für das Vertrauen sei. Aber nicht zu ändern.

Die Schwestern drehten meinen Mann im Bett. Seine Gesichtsmuskeln schafften immerhin so viel motivierte Teamwork, dass sie Schmerzen ausdrücken konnten. Die Schwestern lasen daraus lieber Angst ab – einfacher. Sie sagten ihm immer wieder, dass er nicht fürchten müsse aus dem Bett zu fallen. Ich bekam das an einem Morgen mit.

„Er hat doch keine Angst. Er hat Schmerzen,“ sagte ich also.
„Wie kommen sie denn darauf?“
„Na, weil er aussieht wie ein Mensch mit Schmerzen. Und weil ich ihn schon ein paar Jährchen kenne.“

Und prompt bekam er Schmerzmittel. Ich ließ ihn danach regelrecht vollpumpen. Er war dauerhigh. Ich dachte, er würde mich dann zwar wegen des Entzugs verfluchen, aber in einem dämmerigen Zustand bekommt man vielleicht nicht mit, dass man ein Mehr-Monatsticket Hölle und zurück gebucht hat.

Also verlautbarte ich die Devise: Immer rein mit dem guten Zeug!

(Ja, der Entzug war fies und dauerte drei Tage – aber beschimpft hat mein Mann mich deswegen bis heute nicht.)

Während der Wochen der Intensivstation lernte ich haargenau, wie wunderbar Gefühle Achterbahn fahren können und wie abscheulich dabei alle Loopings, Winden und Steilfahrten (nach unten) sind.

Immer wieder war ich voller Mut, wusste, mein Mann würde wieder ganz fit. Dann sah ich mich aus dem Haus ausziehen, die Kinder an der Hand und hinein in eine kleine, behindertengerechte Wohnung, wie man sie als Rollstuhlfahrender eben braucht. Ich wusste tief in mir,  dass er ganz gesund werden würde. Ich wusste es einfach.

Aber Angst kann sehr, sehr stark sein. Zudem war ich damals schon eine Angst-Expertin. Mit einer Angst-Erkrankung und Neigung zu Panik-Attacken. In dieser Lebensphase jedoch kam so etwas nicht einmal vor. (Keine Angstgedanken, keine Panik. Kam aber später wieder und zwar mit Wucht. Wunderte mich dann aber nicht…)

Und ich dachte mir: “Hey, ich vertage meine Themen gerade. Jetzt geht es um meinen Mann. Panik ist gerade nicht angesagt. Irgendwann gönne ich mir eine Therapie. Später. Irgendwann.“

Mein Mann hatte wechselnde Bettnachbarn. Sie wechselten aus zwei Gründen: Verbesserung des Zustandes und Verlegung oder Tod. Letzteres ereilte den ersten Zimmergenossen. Er wurde aus der Intensivstation geschoben, während wir draußen auf die Besuchszeit warteten. Auch die zweite Mitpatientin wurde irgendwann verlegt. Ich erinnere mich aber, wie man während einer meiner morgendlichen Besuche das Trennrollo zwischen den Betten herunter zog. Die Mitpatientin musste sauber gemacht werden. Sie hatte abgeführt. So heißt das, wenn man es schafft, sich zu überwinden, einfach in das Bett zu machen. Was soll man auch sonst tun, wenn man nicht aufstehen kann?

Hinter dem schmuddelig wirkenden weißen Rollo kamen Sätze zu mir herüber, die meine Dozentin für Krankenpflege sicherlich sofort hätten ergrauen lassen.

„Boa Frau M.! Was für ’ne Sauerei haben sie denn hier veranstaltet! Guck dir das mal an, Esmeralda!“ rief die eine Schwester und ich fragte mich, wie Frau M. sich da liegend wohl gerade fühlte.
„Mein Gott, Frau M! Das reicht aber für ne ganze Woche! Bah!“ keifte die andere Schwester.

Um einen späteren schamhaften Moment vorwegzunehmen hüstelte ich. Das änderte nichts. Die Damen in Weiß waren in Fahrt.

„Das ist so typisch! Wenn die Ärzte dann mal wieder drei Kapseln Abführmittel verschreiben am Wochenende! Dann haben wir hier die Sauerei!“

Ich hörte sie mit Papier hantieren und Wasser plätschern. Okay und ich roch auch, worüber geflucht wurde.

„Echt toll, die Ärzte! Die sollten das hier mal wegmachen, dann wüssten sie mal, was sie da eigentlich verschreiben.“

Ich seufzte. Hab ich in der Zeit vermutlich oft getan.

Die dritte Mitpatientin kam mit dem Helikopter. Wurde operiert und dann in das Zimmer gebracht. Sie war eine junge Mutter. Sie verfrachteten sie in das Bett, bedeckten sie kaum. So lag die Frau da, eine Brust lag ganz frei, die Decke verlief nur über die andere Seite des Oberkörpers. Niemand änderte daran etwas.

Die Schwester sagte zur anderen: „Ich weiß auch nicht, ob man immer jeden auf Teufel komm raus retten muss…also das hier ist ja wieder mal…“

Der Kopf der Patientin war höllisch geschunden. Noch war dieser gnädig durch Verbände verdeckt. Doch einige Tage darauf lag der Kopf dann ohne weiße Binden da. Oben unter der durch wild anmutend verteilte wulstige Nähe verunzierten Kopfdecke fehlte ein Stück Schädel. Das sah man daran, dass der Kopf oben komplett flach war. Und die Haut etwas durchhing. Ich erinnere mich, meine Schwiegermutter gewarnt zu haben, nur ja nicht nach links zu gucken, wenn sie das Zimmer betrat. Sie wollte ihren Sohn an einem Abend besuchen und musste dafür an der Patientin vorbei.

Ich erfuhr, während ich zwei Tage später auf die Fotos ihrer beiden kleinen Kinder blickte, die von den Schwestern in Bettnähe aufgehängt wurden, dass die Frau einen Autounfall gehabt hatte. Ein Raser hatte sie nervös gemacht, sie hatte irgendwie die Kontrolle verloren. Sie war gefahren, Mann und Kinder waren mit im Auto gewesen. Die Kinder waren auf der Kinderintensiv. Der Mann hatte ein paar blaue Flecken.

Die Frau starb kurz nachdem mein Mann die Intensivstation verlassen durfte, wie ich später erfuhr. Den Namen der Frau werde ich vermutlich nie vergessen.

Und ihren Anblick.

Und die Fotos ihrer Söhne.

Einmal mehr war ich durchzogen vom schmerzendem Mitgefühl. Und auch heute bin ich es noch, wenn ich an die Familie denke.

Unsere Kinder

Ich sprach mit unseren Kindern während dieser Lebensphase immer stets sehr freundlich und richtig aufmerksam liebevoll. Es gab nur einen kleinen Schimpf-Anfall beim Abendessen. Da war eine Flasche Ketchup umgefallen. Super-Gau für die Nerven. Habe mich danach entschuldigt und bekam ein paar nachsichtige, weise Kinderblicke als Antwort.

Die Kinder verpackten das alles gut, wie es mir schien. Jahre darauf erst, wenn ihr Papa auf Geschäftsreise musste, merkte man noch wie traumatisiert sie im Grunde durch diese Erlebnisse waren. Sie hatten immer Angst, weinten und sprachen von der Krankheit. So heißt das bei uns „Dadas Krankheit.“

Sie nennen ihn „Dada“, ihren Papa.

Es gibt vor Dadas Krankheit und bei Dadas Krankheit.

Und sie erzählen von den Albträumen, die sie hatten und den Ängsten und wie es sich anfühlte, sich zu fürchten, er könne sterben. Aber das würde alles sehr viel später erst kommen.

In der akuten Krisensituation hangelt man sich von einem Tag zum anderen und meint, wenn man das Krankenhaus erst verlassen hat, dann sei alles gut. Man muss sich an diesem Glauben auch festhalten. Es ist einfach wichtig, um den Mut zu behalten.

Unsere Freunde

Ich bekam wunderbare Hilfe durch unsere Freunde – von denen man ja immer sagt, man erkenne sie in ihrer wahren Gestalt erst in der Not. Da ist etwas Wahres dran.

Ich bin noch heute sehr dankbar.

Sie kamen und backten Kekse mit den Kindern, sie kamen und badeten die Drei abends nach dem langen Spielen mit ihnen. Sie kamen und bastelten kleine Feen und Prinzessinnen. Sie kamen und fuhren mit den Kindern in den Zoo. Sie kamen und feierten mit  mir meinen Geburtstag, damit ich ein paar Stunden abschalten konnte. Später kamen sie ins Krankenhaus, lasen meinem Mann vor und noch später kamen sie und scherzten mit ihm.

Ich habe richtig echte Nächstenliebe erfahren und begann immer häufiger, abends im Bett mit Gott zu sprechen. Dann sprach ich nicht mehr, sondern hörte zu und tief in mich hinein. Und lernte. Lernte eine Menge Dinge, die mich durch diese Zeit begleiteten und leiteten.

Noch ein bisschen Intensivstation

Als die Zeit auf der Intensivstation sich ihrem Ende näherte und mein Mann auf die Früh-Reha-Station verlegt werden sollte, verhandelte ich mit der Ärztin um den Zeitpunkt.

Mein Mann musste selbstständig atmen. Das tat er (offiziell) noch nicht. Sie gestattete daher, dass die Kinder kurz zu ihrem Papa dürften. Den Tubus in seinem Hals würden sie abdecken, ebenso die Apparate. Mir gefiel der Gedanke und er gefiel mir nicht. Ich wollte, dass sie den Papa in der Vertikalen sahen – nicht stumm und unbeweglich liegend. Sie sollten so wenig wie möglich erschrecken. Und das Schicksal war uns ganz gut gewogen:

(Ja, auch diese Gewogenheit gibt es im Leben manchmal nur in homöopathischen Dosen, die man vermutlich wirklich genau betrachten und annehmen sollte, statt mit der Dosis zu hadern…)

Zuerst hatte mein Mann noch eine weitere Lungenentzündung (klassische Folge der maschinellen Beatmung). Er buchstabierte mir (Mühselige Angelegenheit. Wir schafften fünf Sätze pro Stunde), dass er atmen könne und wolle. Aber die Maschine sei falsch eingestellt und mache Ärger.

Also sprach ich mit einer der sympathischeren Krankenschwestern. Eine von denen, die zugleich auch etwas zu sagen hatten. Ich hatte inzwischen (hab ich Charme oder was?) nette Kontakte zu allen Schwestern geknüpft, köstlichen Bio-Kaffee verteilt, mir natürlich alle Namen und auch ein bisschen Familiengeschichten gemerkt und die Kaffeekasse gefüttert. Da ich ihnen die komplette Morgenpflege eines Patienten (meines Mannes eben) abnahm und dies wohl ganz anständig machte, dabei noch scherzen konnte und alles in allem niemand zur Last zu fallen schien, konnte ich mir ab und an etwas herausnehmen.

Ich tat wirklich absolut alles, das ich überhaupt tat, einzig und allein für meinen Mann. Ich kam mir vor, als habe ich nur für ihn den Macchiavelli gelesen. Das Ziel nie aus den Augen verlieren. Verhandeln wo nötig, Zähne zeigen wo nötig. Beides niemals verwechseln.

Ich musste also nun versuchen, diese Maschine von ihm entfernt zu bekommen.

Ich sagte etwas wie: “Guten Morgen Schwester Bernadette. Ich würde sie gern um einen kleinen Gefallen bitten. Nur um die Moral meines Mannes zu stärken. Wären sie so lieb, ihn noch einmal ganz kurz von der Beatmungsmaschine zu nehmen? Er würde gern ein paar wenige Züge selber atmen.“

Ich muss zugeben, dass ich genau wusste, dass er bereits selber atmen konnte. Man dies aber irgendwie nicht mitbekommen hatte auf der Station. Weswegen das dämliche Beatmungsgerät dauernd Alarm schlug und so tat, als könne er nicht atmen. Es war falsch eingestellt worden.

Die Schwester lächelte und willigte ein.

Klick…  das Ding war aus.

Pfft…. die restliche Luft floss aus dem Schlauch und mein Mann atmete.

Und atmete.

Und atmete und wurde von diesem Moment an tut er das bis heute ohne maschinelle Hilfe.

Der Verlegung stand also nichts mehr im Weg.

Weiter geht es dann im Teil 2.

80 über Nacht – Teil 4

Als nächstes war Laufen lernen angesagt. Sprechen hatte ich – mit allen möglichen und unmöglichen Verzögerungen – langsam wieder gelernt. Zumindest konnte ich mich in etwa so gut wie ein Besoffener artikulieren. Wie ein sehr Besoffener.

Das war wieder ein Thema für sich. Ich hatte mit den ersten begleiteten Steh- und Gehversuchen angefangen, als ich noch nicht sprechen konnte. Das bedeutete, dass ein Mal am Tag zwei Physiotherapeuten vorbeikamen, die mich ja nach Zeitplan und meinem aktuellen körperlichen Zustand im Bett aufrichteten oder hinstellten. Wenn es mir aus irgendeinem Grund nicht besonders ging und ich nur sitzen und nicht stehen durfte, war der Tag für mich gelaufen – die Physiotherapie war der einzige Teil des Tages, der (subjektiv) für mich einen Fortschritt bedeutete. Okay, die Ergotherapie auch – aber das Gefühl ans Bett gefesselt zu sein war deutlich enervierender als meine mangelnde Feinmotorik.

Natürlich lief es nicht immer gut, und auch die Therapeuten waren nicht immer der Meinung dass ich soweit gehen sollte wie ich es gerne wollte. Das führte mal wieder zu einer „Ich gegen das Krankenhaus“-Situation:

Eines Morgens (ich hatte mal wieder ein in meinen Augen nutzloses Wochenende ohne Therapie hinter mir) signalisierte ich den Therapeuten, dass ich gerne stehen wollte. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich so halb sprechen, will heißen mit Sprechaufsatz ging´s, aber den kriegte ich halt nicht immer. Also mal wieder per Gewurschtel kommunizieren.

„Sie wollen stehen, Herr Eldorado?“

Das wollte ich nicht, aber wenn ich nein gesagt hätte, hätten sie mich im Bett gelassen – also nickte ich. Wenig später, auf den Beinen, signalisierte ich Laufbewegungen.

„Sie wollen laufen? Das finde ich jetzt noch ein wenig früh … sie können ja gerade so stehen …“

Ich fluchte innerlich. Und nickte. Was soll ich sagen? An dem Tag war nix für mich zu holen.

Aber einen Tag später brachte er Verstärkung mit. Mit zwei Physiotherapeuten unter den Armen machte ich den ersten Schritt meines neuen Lebens. Wie immer war es ein kleiner, lächerlicher und frustrierender Schritt, der mir nur zu bewusst mache wie es um mich stand. Ein großer Schritt für einen kranken Körper, sozusagen, aber ein kleiner Schritt für mich, der ich noch immer eigentlich gesund in diesem kranken Körper steckte.

Am ersten Tag machte ich einen Schritt. Zwei Tage später wollte ich mehr. Die Therapeutin, die gerade bei mir war, blickte skeptisch.

„Sie können sich ja fünf Schritte als Ziel für diese Woche setzen, Herr Eldorado.“

Ich wollte (mal wieder) ausrasten. Fünf Schritte? Die tickte ja wohl nicht richtig. Wie so häufig – das kann ich heute mit einem gewissen Stolz sagen – setzte sich meine Sturheit durch. Am Ende der ersten Woche machte ich 60 Schritte.

Aber ich musste auch lernen, das meine Sturheit zwar einiges mehr bewegen konnte als die Ärzte und Pfleger erwarteten – aber leider viel weniger als ich erwartete. Stolz wie Oscar organisierte ich nach den ersten Erfolgen, dass meine Frau beim Lauftraining dabei sein konnte. Die Therapeuten brachten mich in den Physioraum, halfen mir zwischen zwei Stangen auf die Beine – und ich schleppte mich schwitzend und keuchend  fünf Schritte quasi allein vorwärts. Das war wohl ein bißchen wie beim ersten Auftritt von Monika Lierhaus: Obwohl es toll war, wie viel sie wieder gelernt hatte, waren die meisten schockiert davon.

Viele Monate später erzählte mir meine Frau, dass sie währenddessen geweint hatte – aber nicht vor Freude.

„Ich habe Dich immer als jemanden gekannt, der eine Couch alleine trägt oder einen Baum ausreißt. Du warst einer der stärksten Männer, die ich kannte. Und jetzt musstest Du Dich so voranschleppen. Ich weiß ja dass das für diese Situation toll war – aber trotzdem …“

Okay, halten wir fest: Laufen war erstmal Mist und würde auch noch lange ein Thema sein. Aber einige Dinge wurden zu dieser Zeit substanziell besser: Ich konnte den iPod selbst bedienen, meine Kopfhörer mit einiger Mühe selbst wieder in die Ohren tun. Und ich konnte mit dem Nintendo DS spielen, den meine Frau mir geschenkt hatte. Das war eine geradezu absurd vielfältige Auswahl an Handlungsmöglichkeiten für mich.

Dazu muss man sagen, dass totale Handlungsunfähigkeit interessante Effekte auf die menschliche Psyche hat. Ich habe einmal gelesen, dass man sich daran gewöhnt, das Bedürfnisse einfach nicht erfüllt werden, so dass dieses nach und nach verschwinden. Das kann ich sogar bestätigen – ich habe in den ersten Wochen gelernt sehr, sehr viel einfach auszuhalten. Das ging soweit das mein einziges positives Körpererlebnis der Brechreiz war, den ich manchmal beim Absaugen verspürt hatte.

In dieser Zeit machte ich auch gute Erfahrungen mit dem Pflegepersonal – zum Beispiel mit Schwester Candy. Schwester Candy hatte sich mir mit dem denkwürdigen Satz „Hallo, ich bin Schwester Candy!“ vorgestellt. Es fiel mir unglaublich schwer, nicht „Natürlich bist Du das.“ zu antworten. Sie war richtig gut drauf, sehr nett und ich hatte das Gefühl dass sie sich über meine Besserung freute. Anstatt mich zu wenden wie ein Brathähnchen kam sie in mein Zimmer, sah mich Nintendo DS spielen, und fragte mich: „Auf welcher Seite liegen Sie denn gerade, Herr Epler?“

Zur Erklärung: Neurologische Patienten werden so ungefähr alle zwei Stunden gedreht, um wundliegen zu verhindern und den Körper anzuregen. Logischerweise konnte ich meine neuen Freiheiten aber nur in der Rückenlage auskosten, die theoretisch nur alle vier Stunden erlaubt war. Da ich durch meinen neuen Bewegungsdrang aber kaum in Gefahr war mich wundzuliegen, war ich Candy für dieses Entgegenkommen sehr dankbar.

Mein großes Ziel (Weihnachten zuhause sein) stand aber trotz allem noch in der Schwebe. Ich befand mich immer noch in der Frühreha – zwischen mir und der Freiheit lag auf jeden Fall noch die „normale“ Reha, und noch war nicht klar, wann ich dorthin kommen würde. Und wo dieses dorthin überhaupt wäre.

To be continued …

„Wie hast Du das nur ausgehalten?“

Meine Frau hat Nummer 4 ja im Krankenhaus bekommen. Nachdem wir Geburtshaus und Hausgeburt schon durchhatten, erschien das unserem durch Schicksalsschläge und Alterserscheinungen gesteigerten Sicherheitsbedürfnis nur angemessen. Rund um die Geburt war das auch eine sehr gute Entscheidung. Nur als man uns hinterher mitteilte, dass sie nach der Geburt am besten vier Tage dableiben sollte, waren wir ein wenig … unterrascht. Aber gut, hat ja auch seine Vorteile:

  • Dreimal Essen am Tag (okay, das gibt´s im Knast auch)
  • Rund-um-die-Uhr-Betreuung (hm, gibt es im Knast auch …)
  • Großzügige Besuchszeiten (ja, deutlich besser als im Knast!)
  • Es gibt einen Fernseher (okay, der kostet drei Euro am Tag und läuft nur mit Kopfhörern – keine Ahnung wie das im Knast so ist)

Und so weiter. Trotzdem sagte ich meinem Vater schon an Tag 1, dass sie das nicht so lange aushalten wird. So kam es auch, dass ich am Tag direkt nach der Geburt, während ich kurz aus organisatorischen Gründen unterwegs war, zur Mittagszeit eine SMS bekam:

Das Essen sieht aus wie etwas, das Martha Stewart fotografiert hat.

Einen Tag später war sie ziemlich übernächtigt, weil Nummer 4 nachts immer richtig schön aufdrehte und man in der Stillzeit als Mutter da ziemlich unverzichtbar ist. Tagsüber hatte man einmal pro Stunde (mindestens!) Besuch von einer freundlichen Dame, die die Müllbeutel im Zimmer wechselte. Da ist es mit dem Schlafen also auch nicht weit her. Wir – ich hatte noch mit im Familienzimmer geschlafen – überlegten, ob wir uns einen Tag fernsehen gönnen sollten. „Da läuft doch eh nur Mist“, meinte meine Frau, mittlerweile sichtlich enerviert. „Ich will hier weg, wie hast Du das nur ausgehalten?“

Ich habe die deutlich größere Krankenhauserfahrung von uns beiden, das ist klar.

„Krankenhaus ist Mist,“ antwortete ich. „Wenn man nicht laufen kann oder sonst stirbt ist das schon okay, aber so lange man noch kriechen kann wird man versuchen zu fliehen.“

So kam es dann auch – da es keine wichtigen medizinischen Gründe für einen längeren Aufenthalt gab, habe ich schnell (*hüstel* zwei Stunden lang *hüstel*) das Auto grundgereinigt und die beiden nach Hause geholt.

„Die macht das aber nicht richtig!“

Nummer 1, 2 und 3 sind total vernarrt in Nummer 4. Heute waren sie natürlich zu Besuch und wickelten ihn, trugen ihn herum, und schoben ihn im Kinderwagen spazieren. Zwischendurch kassierte eine der Kinderkrankenschwestern ihn ein, um ihn einer Untersuchung zu unterziehen. Unter der Führung von Nummer 2 stürmten die Mädels hinterher und wollten ins Untersuchungszimmer mitkommen. Die Schwester wollte sie dort aber (natürlich) nicht haben. Sie bot aber an, dass die Drei von außen zuschauen könnten.

Misstrauisch klebten die Mädels sich an die Scheibe und beobachteten die Untersuchung. Sie haben ja ein Geschwisterdiplom, also sind sie (in ihren eigenen Augen) auch echte Experten. Und so ging es los:

Nummer 2: „Die macht das überhaupt nicht richtig! So haben wir das aber nicht gelernt!“
Nummer 1: „Genau, guck mal wie sie die Füße anfasst!“
Nummer 2: „Und die hat den Kopf beim Hochheben gar nicht abgestützt!“

Ich wies darauf hin, dass die Schwester vermutlich schon weiß, was sie tut. Es half nichts – wenn man sie von ihrem Bruder trennt, werden sie echt pampig. 🙂

80 über Nacht – Teil 3

Nach einigen Wochen in der Frühreha ging es  langsam bergauf mit mir. Wenn ich sage langsam, dann meine ich Langsam. Mit großem L.

Mehrmals am Tag kamen diverse Therapeuten zu mir und übten mit mir die einfachsten Dinge des Alltags – kleine Holzstücke in kleine Holzlöcher stecken und wieder herausziehen, fünf Minuten Sitzen, meine obersten Fingerglieder oder meine Gesichtsmuskeln einige Millimeter bewegen. Das ging alles für meinen Geschmack viel zu schlecht, und vor allem ging es viel zu langsam voran. Wir hatten mittlerweile November, und mein Ziel stand fest: Ich wollte Weihnachten nach Hause. Aber zwischen mir und meinem Ziel standen vor allem zwei Dinge: die Tatsache dass ich nicht schlucken und nicht sitzen konnte. Nicht schlucken bedeutete Erstickungsgefahr ohne Tubus, nicht Sitzen bedeutete ich konnte mich nicht mal im Rollstuhl herumschieben lassen.

Regelmäßig wurde ich mittlerweile von Träumen geplagt, in denen mein Unterbewusstsein meinen Zustand vergessen hatte, und in denen ich mich ganz normal bewegen und laufen konnte. Es war immer sehr deprimierend, nach einer solchen Nacht aufzuwachen. Zumal die Fortschritte, die ich in dieser Zeit machte, sehr klein und keineswegs kontinuierlich waren.

Da ich nicht nur das Guillain-Barré-Syndrom, sondern auch noch das Miller-Fisher-Syndrom hatte, war mein Gesicht schwer mitbetroffen und ebenfalls gelähmt. Dies führte unter anderem dazu, dass ich eben nicht zuverlässig schlucken konnte – weshalb ich intubiert bleiben musste. Was wiederum dazu führte, dass ich nicht sprechen konnte. Meine Frau wurde in dieser Zeit immer wieder gewarnt, dass manche Männer (irgendwie ist das eine vorwiegend männliche Krankheit, warum auch immer) ihre Frauen ziemlich wüst beschimpfen, wenn sie erst einmal wieder reden können. Ja, dass man sich nicht verständigen konnte führte schon zu Wut – aber dass man seine Wut eh überhaupt nicht ausleben kann führt auch dazu, dass sie wieder verfliegt. Abgesehen davon hatte ich sowieso alles andere im Sinn als meine Frau zu beschimpfen – der fast immer tägliche Besuch von ihr war das Highlight meines Tages.

Beschimpfen wollte ich viel eher den Teil des Krankenhauspersonals, der mich behandelte wie einen Vollidioten. Zum Beispiel Doktor Guck und Doktor Blind.

Wochenlang hatte ich überhaupt nichts sehen können, weil ich meine Augen nicht öffnen konnte. Als ich meine Glubscher dann endlich halbwegs unter Kontrolle hatte und zum ersten Mal meine Frau mit offenen Augen empfangen konnte, begannen Doktor Guck und Doktor Blind einen Streit darüber, ob ich Augengläser tragen müsste. Augengläser (oder besser: „Uhrglasverbände“, wie sie eigentlich genannt wurden) ist ein euphemistischer Ausdruck für eine Augenbinde. Die Dinger verschließen die Sicht komplett, was ja medizinisch seinen Sinn hat (die Augen trocknen sonst aus). Aber nachdem ich zwei Wochen lang unter Doktor Gucks Obhut gar keine tragen musste, weil meine Augen geschlossen waren, kriegte ich die Dinger prompt wieder verpasst, sobald Doktor Blind spitzgekriegt hatte, dass ich meine Augen öffnen konnte. Die Gefahr war wohl, dass die Lider sich nicht richtig schlossen. Kann ich ja verstehen. Trotzdem war mein Verständnis begrenzt, als ich gerade zum ersten Mal meine Frau angeschaut hatte und dann prompt Doktor Blind beschloss, dass jeglicher Luftkontakt meine Netzhäute verbrennen würde. Doktor Guck hingegen hatte die Dinger schon seit Wochen vollständig abgelassen, weshalb es mir nicht so dramatisch vorkam, dies auch weiter so zu handhaben, nun, wo ich meine Augen besser kontrollieren konnte.  Es endete damit, dass ich auf einer augenärztlichen Untersuchung bestand, die genau Null Schäden feststellte, und plötzlich durfte ich die Dinger nicht nur mal für eine Stunde ablassen, sondern musste sie nie mehr tragen. Es ist aber auch eine Last mit diesen Patienten.

Meine neue Fähigkeit blieb nicht ohne Folgen. Kaum dass ich gucken konnte, setzte mich meine Psychologin vor ein Computerspiel. Ich dachte so: Wow – Computerspiel! Nachdem ich wochenlang nur meine Augenlider von innen gesehen hatte wäre mir Pacman wie Virtual Reality vorgekommen! Leider war das ein Spiel für Schimpansen: Man musste Formen und Farben auf einem Bildschirm erkennen und korrekt zuordnen. Sie hatte mich zwar gewarnt, dass dies „ein wenig einfach“ für mich sein könnte, aber sie hatte sich offensichtlich nicht genug mit mir und meinem Fall beschäftigt um zu verstehen dass ich a) nicht völlig auf den Kopf gefallen war und b) meine Krankheit meine geistigen Fähigkeiten überhaupt nicht einschränkte.

Nachdem sie mich mit entmutigenden Einschätzungen und unterfordernden Aufgaben einige Wochen lang fertig gemacht hatte, blies meine Frau weitere Schimpansenspiel-Termine mit ihr ab. Wir waren uns einig, dass Sich-deprimiert-und-verarscht-fühlen nicht mein Therapieziel war. Dies war aber nicht das letzte Mal, dass ich dieser Dame als psychologischem Endgegner gegenüberstehen sollte.

Bis dahin hatte ich allerdings noch einen Zwischenboss vor mir: Schwester Rabiata 2.0. Oder 3.0. Ich bin mir bei der Versionierung nicht völlig sicher.

Schwester Rabiata suchte mich alle zwei Wochen in der Nachtschicht heim und hatte es, wie erwähnt, auf die Integrität meiner Lunge abgesehen. Wenn SIE nachts an der Reihe war, wusste ich dass ich keinen Schlaf finden würde. Nächte mit IHR waren ein Albtraum aus beißenden Schläuchen, Atemnot, Geröchel und schließlich ihrem Gemecker, wenn sie nach drei Stunden einmal gucken kam, was der dämliche Herr Eldorado jetzt schon wieder wollte. (Die Antwort: LUFT!)

Schwester Rabiata schaffte es auch, mir meinen ersten Testlauf zur Tubusentfernung zu ruinieren. Ich hatte meine Logopädin (übrigens ein exzellentes Beispiel für eine freundliche, engagierte Therpeutin) tagelang bekniet, dass ich einen Sprechaufsatz probieren wollte – einen Spezialaufsatz für den Tubus, der die Luftröhre nicht abriegelte, sondern mir erlaubte durch den Mund zu atmen – so dass man (halbwegs) sprechen konnte. Das war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich.

Leider war in dieser Nacht Schwester Rabiata an der Reihe. Meine Lunge war dauergereizt, ich röchelte wie der Marlboro-Mann, und irgendwie war der Aufsatz auch nicht korrekt verschlossen (mehr Details möchte ich nicht liefern, es war jedenfalls ätzend). Am nächsten Tag hatte ich Fieber und eine Lungenentzündung, und die Logopädin glaubte natürlich dass dies an dem von mir erbettelten Testlauf gelegen hatte. Stattdessen, da bin ich sicher, hatte die besondere Fürsorge von Schwester Rabiata mir diesen Rückschlag eingebracht.

Ich brauchte eine halbe Stunde um meiner Frau buchstabierend mitzuteilen, dass ich glaubte, dass gar nicht der Sprechaufsatz an der Pneumonie Schuld war, und sie musste dies der Logopädin mitteilen, und so weiter. Trotz allem warf mich das einige Tage zurück, und das waren LANGE Tage.

Schwester Rabiata hatte aber nicht nur keinen Respekt vor meiner Lunge, sie hatte auch von der Psychologin gehört, dass meine geistigen Fähigkeiten auf die eines Schimpansen geschrumpft waren. Als ich nämlich im Rahmen dieser Lungenentzündung nachts um zusätzliches Wasser bat (per Hand- und Klopfzeichen, versteht sich), meinte sie:

„Sie haben heute schon zwei Liter Wasser bekommen, Herr Eldorado, wenn ich ihnen jetzt noch etwas anhänge läuft das in ihre Lunge und sie ersticken!

Ich bekam das Wasser über einen Schlauch in meinen Magen, wohlgemerkt. Es änderte aber nichts: Ich musste mir ins Gesicht lügen lassen und Durst haben.

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