Der tote Winkel

Der tote Winkel

Nummer 3 ist gerade in der Vorbereitung für die Fahrradprüfung an der Grundschule.

Vorhin übten wir zusammen den theoretischen Teil. Dabei kamen wir irgendwann zu einem Bild, das einen LKW und eine Fahrradfahrerin zeigte – beide wollten rechts abbiegen.

Ich: Siehst du, Nummer 3? Die Radfahrerin ist im Toten Winkel. Sie muss gut aufpassen. Was muss sie denn tun, wenn sie abbiegen will?“

Nummer 3: „Na, sie muss Abstand halten: Vier Fahrradlängen. Und dann abbiegen.“

Ich: „Stimmt. Was genau bedeutet denn eigentlich der Ausdruck ‚Toter Winkel‘?“

Sie: „Ja, das weiß ich! Das bedeutet, wenn man nicht aufpasst und in dem Winkel drin ist und dann nicht gesehen wird beim Abbiegen, dann ist man tot. Deshalb ‚Toter Winkel’… „

Ja, genau so ist das.

 

Kindergedanken – heute: Tragen

Kindergedanken – heute: Tragen

Nummer 4 bietet mir eine wunderbare Möglichkeit: Da er sprachlich überaus gut entwickelt ist, kann er seine Gedanken ausdrücken. Und so erhalte ich Einblicke in die Gedankenwelt und Wahrnehmung eines Kleinkinds.

Er erinnert sich auch an viele verschiedene Dinge aus seiner Babyzeit. Er erzählte zum Beispiel:

„Als ich geboren wurde, das war gut. Da gab es ein Loch für mich und davor eine Rutschbahn. Und dann sehr viel Licht. Dann haben wir gekuschelt.

Da fällt einem nix mehr ein, außer zu sagen: Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass die Wahrnehmung eines Menschen von Beginn an funktioniert. Der Satz „Daran kann sich das Kind eh nicht mehr erinnern!“ fällt somit weg.  Erlebnisse prägen uns und hinterlassen unsichtbare Spuren in unseren Gefühlen und auch in unserem Körpergedächtnis. Und diese bleiben für immer. Selbst dann, wenn wir uns nicht mehr bewusst erinnern können.

Nummer 4 und das Tragen

Nummer 4 war ein High Need Baby. Ein Kind, das man nie ablegen konnte, außer als er einige Monate alt war, in eine elektronische Schaukel – ich hätte niemals gedacht, dass ich je so verzweifelt sein würde, mir so ein Teil anzuschaffen. Aber man lernt nie aus. Auch das vierte Kind bringt seine Lehren mit sich.

Tragen war voll sein Ding: Legte man ihn auch nur neben sich auf das Sofa, kam deutliche Unzufriedenheit auf. Einschlafen im Liegen war doof. Vielmehr sollte ich ihn besingen und tragen. Gerne auch eine Stunde lang oder mehr. (Habe ich erwähnt, dass ich irgendwann schlimmste Rückenprobleme hatte?)

Klar, wir wissen alle: Babies brauchen Nähe und Geborgenheit. Manche eben rund um die Uhr. Ich wollte nun herausfinden, wie sich das Abgelegtwerden für ein so Nähe bedürftiges Kind genau anfühlt.

Daher befragte ich ihn zu diesem Thema:

Ich: „Nummer 4, warum wolltest du als Baby eigentlich nie Liegen, sondern nur getragen werden. Wieso hast du immer geweint, wenn man dich hingelegt hat?“

Er: „Das waren eben Gefühle.“

Ich: „Was denn für welche?“

Er: „Ich hatte Angst vor den Geistern. Da waren immer drei Geister. Einer war Helllila, einer Blau und einer Orange. Und die waren immer da und wollten meine Milch wegtrinken.“

Ich: „Und wenn ich dich getragen habe, dann waren die nicht da?“

Er: „Doch, aber du hattest keine Angst vor denen. Und dann hatte ich eben auch keine. Tragen liebe ich.“

Ich: „Und waren die auch da, wenn du einschlafen solltest?“

Er: „Ja, die waren dann auch da. Du hast dich dann neben mich gelegt. Und dann haben die Geister sich zu dir gelegt. Du hattest keine Angst und da hatte ich auch keine mehr. Jetzt habe ich aber gar keine Angst mehr vor denen. Jetzt trinke ich Tee und keine Milch mehr. Und die sind meine Freunde geworden. Weil ich groß bin. Wenn man groß wird, hat man einfach keine Angst mehr vor den Geistern.“

Ich bin ziemlich dankbar für dieses Gespräch.

Ich habe die Geister als Gefühle verstanden oder gedeutet. Als archaische Existenzängste, also ein noch nicht entwickeltes Urvertrauen und die innere Anspannung, die daraus resultiert.

Inzwischen fühlt er sich nicht mehr abhängig – er kann schließlich Tee trinken ❤

Und da befallen sie ihn nicht mehr, diese Gefühle.

Sind faszinierende Einblicke, oder?

 

Kindergedanken – heute: Zecken

Kindergedanken – heute: Zecken

Unser K2, der zarte Kater, war von einer Zecke als Köstlichkeit auserkoren.

Heute morgen schritten wir mit der Zecken-Karte zur Tat und entfernten das ziemlich eklige Teil. Nummer 4 sah gespannt zu.

Später entspann sich folgender Dialog:

Nummer 4: „Warum hat der Beiß-Käfer die Katze gebeißt?“

Ich: „Der Beiß-Käfer heißt Zecke. Und Zecken trinken Blut von Tieren und Menschen.“

Er: „Und warum hast du den abgemacht, den Beiß-Käfer?“

Ich: „Weil es so ist: Wenn der Beißkäfer eine Krankheit hat, dann bekommt der Mensch, den er beißt, die Krankheit auch.“

Er: „Der sollte besser zum Arzt gehen, wenn der krank ist, der Beiß-Käfer.“

Ich: „Der Beiß-Käfer weiß nicht, dass es einen Arzt gibt.“

Er dachte kurz nach: „Hm, wieso weiß der das nicht?“

Ich: „Weil, hm, Tiere zwar mit uns zusammenleben. Aber auf ihre ganz eigene Art. Sie wissen nicht alle Dinge die wir wissen. Und wir wissen nicht alles, das sie wissen. Ein Wolf kann ganz toll jagen. Ohne ein Bi-Jumm (Gewehr). Das können wir Menschen nicht. Und ein Vogel weiß auch ohne Navi, wohin er fliegen muss. Auch wenn er ganz weit fliegt. Dafür weiß der Wolf nicht, dass man im Supermarkt einkaufen kann. Und der Vogel kennt keinen Arzt.“

Er: „Ja, es gibt keinen Wolf beim Einkaufen. Ich hab‘ nie einen in Penny gesehen. Der Wolf ist aber klug oder ist der dumm?“

Ich: „Auf jeden Fall. Tiere sind nicht dümmer als Menschen. Es gibt sehr kluge und nicht so kluge Tiere. Der Wolf weiß nur eben andere Dinge als Menschen.“

 

Er hat noch eine ganze Weile darüber nachgedacht. Und der Wolf ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder nannte er mich Mama-Wolf und sich Baby-Wolf.

Er erzählte auch, wie toll Katzen schleichen können und wir (Menschen) nicht. Und ich merkte, dass er befürchtete, Tiere könnten darunter leiden, dass sie nicht all das wissen, dass wir Menschen wissen.

Ich wette, er wird im Supermarkt demnächst noch mal gründlich nachsehen, ob er dort Wildnis-Bewohner sieht.

Und ich bin dankbar, einmal mehr in die Gedanken- und Gefühlswelt unseres Toddlers hineingesehen zu haben.

❤ Immer wieder erstaunlich, was in den kleinen Köpfen vorgeht, oder?

Fufel-Chroniken

Wie angekündigt, geben wir hier ab und an Kindermund und Anekdoten aus unseren Chroniken zum Besten.

Dies tun wir ja auch in Form des besonderen Kindermunds unseres „Heiligen Augustinus„, aber eben auch mit dem gesammelten Kindermund der letzten 13 Jahre.

Früher

Vor Jahren liebten unsere beiden großen Mädels sehr emotionale Spielthemen. Mein bester Freund nannte sie immer „Die Drama Queens“ und das traf in’s Schwarze.

Ein typischer Spiel-Dialog, den wir bis heute als Running Gag einsetzen ist folgender:

Nummer 1: „Nimm meine Haaaand!“

Nummer 2 (gespielt schluchzend): „Ich kommt nich draaaan!“

Nummer 1: „Aber dann derbst du!“

Nummer 2 (noch verzweifelter): „Ich weiiiiß!“

Dann kam ein Schrei, ein Stöhnen, ein Schluchzen und ein langgezogenes „Aaaaaaaaa!“

Für dieses Spiel der missglückten Rettung legte sich Nummer 1 auf das Etagenbett oder die Treppe oder das Sofa. Nummer 2 positionierte sich dann so weit unter ihr wie möglich. Nur die Fingerspitzen berührten sich noch.

Eine klassische, dramatische Klippen-Szene.

Ich erinnere mich an einen Nachmittag vor vielleicht sieben Jahren, als ich an der Nähmaschine im Nebenzimmer saß. Die beiden Drama Queens versanken im Spiel. Sie waren damals beide noch im Kindergarten, fünf und drei Jahre alt.

Nach dem obligatorischen „Aaaaaaaa!“ herrschte die übliche atemlose Stille. Jene Atmosphäre, die sich niedersenkt über eine Szenerie tiefster Verzweiflung. Erdrückend, kaum zu ertragen. (Jepp, das mit der Drama Queen hamse von mir, die beiden)

Dann:

Nummer 2 kommt mit weit aufgerissenen Augen zu mir ins Zimmer, packt meine Oberarme, starrt mich panisch an und ruft:

„Die Prinzessin des Lebens ist tot! Sie ist tooo

t!“

Und verschwindet wieder.

Ich war ehrlich total geschockt.

Dann musste ich lachen.

Ich kann heute sagen:

Ja, ich erlebte jenen Tag, der die Welt in eine Zeit davor und eine danach aufspaltete.

Der Tag, an dem die Prinzessin des Lebens starb.

Wir alle wissen, was danach ohne ihre wärmende Lichtkraft aus diesem Planeten wurde, oder etwa nicht?

Ein Bild aus besseren Tagen: Die Prinzessin des Lebens streut Blüten

Ein Bild aus besseren Tagen: Die Prinzessin des Lebens streut Blüten

Kindermund der besonderen Art: Neues vom Heiligen Augustinus

Kindermund der besonderen Art: Neues vom Heiligen Augustinus

Gestern:

Der Heilige Augustinus, äh, Nummer 3: „Mama, heute wurden wir mal wieder gezwungen, äh gebeten, uns in Religion Gott bildhaft vorzustellen.

Ich: „Ich nehme an, das missfiel euch, Heiliger Augustinus?“

Sie: „Och, das machte mir diesmal nichts. Ich habe Folgendes gesagt:

Wenn Gott einen Kopf hätte, dann trüge er Kronen aus Schmerz, Wut, Trauer und Glück.

Und hätte er Hände, dann wären sie aus Gefühl.

Und wenn er einen Umhang hätte, dann wäre dieser gewebt aus dem Universum.“

Sie hat sehr genaue Vorstellungen, unsere Nummer 3.

Die Fufel-Chroniken

Wieder ein Beitrag aus den Fufel-Chroniken.

Wir gehen nicht chronologisch vor, sondern teilen mit Euch einfach immer mal wieder Eindrücke aus dem Leben mit den Fufels.

Es war im Jahr 2006 und wir steckten mitten in unserem Umzug. Ich war mit Nummer 3 schwanger. Zusammen mit Nummer 1 und Nummer 2 wühlte ich mich durch einige Kartons, um den Inhalt auszusortieren. Beide sind zu diesem Zeitpunkt vier und zweieinhalb Jahre alt.

Nummer 2 hielt freudig lachend eine alte, braune Kurzhaarperücke hoch.

„Mama! Ich hab‘ was Tolles gefunden!“

Ich: „Ja, was denn? Zeig doch mal her.“

Sie, strahlend: „Ich hab Opas Haare gefunden – der hat ja keine mehr.“

 

Noch mehr aus den Fufel Chroniken gibt es hier.

World’s Best Dada

World’s Best Dada

Heute ist Vatertag. Man sieht viele Nicht-Väter mit Bollerwagen voller Alk durch die Parks ziehen. Sie feiern da irgendwas – was auch immer.

Unser Vater hier hat seinen Ehrentag nie so gefeiert. Ich habe auch meinen Muttertag nicht mit einem stressigen Kaffeekränzchen verbracht. Da sind wir beide also einer Meinung, er und ich.

Neben den Plänen, die wir für diesen Tag haben, möchten wir hier einmal sagen, wofür an den anderen 364 Tagen immer zu wenig Zeit und Raum ist. Das haben unsere „Fufels“ hier diktiert. Außer Nummer 4 – der wird von uns zwangssynchronisiert 😀

Nummer 4:

Lieber Dada,

Nam-Nam, es ist toll, dass Du mir immer ein Nam gibst, denn ich esse echt gerne! Und dass Du mit mir morgens manchmal kuschelst und Shawn das Schaf guckst ist so schön! Und dass Du mich so oberoberlieb hast, fühlt sich toll an! Und die vielen Kosenamen, die Du mir gibst, die liebe ich auch sehr. Du bist groß und haarig. Haarig bin ich auch schon, aber so groß wie Du will ich unbedingt auch werden.

Ich bin Schatzi-Mücke, der Kumpel. Dein Bäro und Dein Babymann und Dein Dickerchen und Du bist mein Dada! Besser kann es gar nicht sein!

Dada, ich hab Dich noch viel lieber als meinen Bawa und die Feuawea! Nam! Nam!

Nummer 3:

Lieber Dadi,

ich möchte Dir sagen, dass Du ein toller Vater bist. Oder Dada, wie man es auch sagen will.

Du isst einfach alles, am meisten Gemüse, weil Du ein einzigartiger Dada bist. Deshalb müssen wir auch immer Gemüse essen. Und ich mag Deine T-Shirts. Und dass ich mich an Dich dranhängen und an Deinen Armen turnen kann finde ich auch toll. Und dass Du immer, also meistens, wenn ich Dich sehe, lieb bist. Das ist auch toll an Dir. Und dass wir oft mal abends etwas mit Dir gemütlich gucken dürfen, weil Du uns dafür Zeit von Deinem Feierabend überlässt. Und dass Du immer am Wochenende Frühstück machst ist schön.

Ich finde es doof, dass Du so lange auf der Arbeit bist und ich möchte Dich mal länger sehen, weil Du mein Dada bist. Und es ist toll, dass wir Dich Dada und nicht Papa nennen, weil so heißen schon so viele. Und Papa ist einfach zu normal. Mein Dada ist nämlich nicht normal, sondern besonders. Und ich finde es toll, dass Du mich mit auf die Welt gebracht hast und dass ich zwei Augenfarben habe. Ich glaube, das meiste habe ich von Dir geerbt. Vor allen Dingen, den Hulk in mir. Nein, Spaß!

Ja, Du bist mein Dada und Du bist der Beste! Und ich will mal so braune Haare haben wie Du! Dass Du mein Dada bist ist auch toll, weil Du der Beste auf der ganzen Welt bist – das ist ja das Besondere an Dir!

Amen von Deinem Heiligen Augustinus

Nummer 2

Lieber Dad,

ich finde es ganz toll, dass Du Dich immer so lieb um uns kümmerst und dass Du es so gut nachvollziehen kannst, dass wir Mama manchmal nerven und wenn es ihr mal nicht gut geht. Dann fühlt sich Mama nämlich besser und freut sich über Dich – dann fühlst Du Dich auch besser.

Und ich finde es toll, dass Du mir so viel über Technik erklärst und dass Du mit mir Minecraft spielst, wenn wir Ja-Sage-Tage haben. Es gefällt mir an Dir, dass ich mit Dir Festplatten ein- und ausbauen darf. Du bist immer so lieb! Und dass Du immer Frühstück mit Bacon am Wochenende machst – das gefällt mir auch an Dir. Und ich mag es sehr gerne, abends mit Dir zu kuscheln und etwas zu gucken. Und Die Legenden von Andor spielen mit Dir ist ganz episch.

Ich freue mich immer, wenn Du von Deinen doofen Geschäftsreisen nach Hause kommst.

Superfettes Küüüüüsschen, Dein Küken

Nummer 1

Lieber Dad,

mir macht es immer Spaß, wenn wir zusammen am Esstisch Die Legenden von Andor spielen. Und ich finde es klasse, dass Du am Wochenende morgens immer Frühstück machst (auch wenn Du Dich manchmal darüber aufregst oder beschwerst).

Ich mag an Dir, dass Du so lustig bist und so stark und so groß. Und so schön. Und schlau. Und ich mag es, wenn wir abends manchmal zusammen was gucken. Oder wenn wir zusammen Wer bin ich? spielen.

Danke, dass Du so fleißig für uns arbeitest – wir haben so viele tolle Sachen und große Zimmer, tolle Spiele und es fehlt uns nichts. Bis auf einen kleinen Roboter, der für mich Die Glocke abschreibt. Und ich freue mich immer, wenn ich Dich sehe. Ich finde es auch ganz toll, wenn Du mit uns irgendwo hin fährst, damit die Mama sich mal ausruhen kann. Danke, dass Du mit den beiden Kleinen ein Wochenende verbracht hast, damit wir nach Paris konnten.

Alles Liebe, Dein Äffchen

Fufels

Ich kann noch Einen:

Es gab in der goldenen Zeit, in der meine pubertierenden Lieblinge noch kleine Mäuschen waren, noch mehr Wörter in Familiensprache.

Eines davon verwenden wir bis heute immer mal wieder und lieben es sehr:

Fufels

So haben sich unsere Mädels selber genannt. Es gab dazu auch Verben:

sich verfufeln

was einfach sich verstecken heißt. Oder auch

verhubelt

was bezeichnete, dass etwas versteckt war. Und dann noch

verhubelfufelt

das bedeutete, es gab irgendwo einen versteckten Fufel. Er war verhubelfufelt.

Als Nummer 3 geboren wurde, benannte wir sie sofort als Baby-Fufel.

Mit der Zeit kamen den Großen die Idee, eine Band zu gründen und sich dann The Fufels zu nennen und letztlich, als sie noch etwas größer waren, dann schrieben sie ihren Namen dann sehr lässig:

FufelZ

Ich frage mich, ob ich diese Namen später mal in eine der möglichen Hochzeitsreden der Kinder einbauen werde.

„Heute beginnt für unseren Fufel Nummer 1 ein neuer Lebensabschnitt …“

Oder vielleicht lassen sie sich das als eine Art Künstler- oder Ordensnamen im Ausweis eintragen?

Ich jedenfalls liebe das Wort Fufel und es zeigt, dass sie sich als eine Gemeinschaft empfinden, die sie irgendwie bezeichnen wollten. Damit man gleich von außen erkennt, wie sehr sie zusammengehören – das finde ich ganz großartig 🙂

Aus der Bibliothek des kleinen Lords

Nummer 2 sitzt neben Nummer 3, die in ein Buch vertieft ist.

Nummer 2: „Was ist das für ein Buch? Wieso ist darin so herumgekrickelt?“

(sie hasst es, wenn Bücher misshandelt werden.)

Nummer 3:„Darin müssen wir markieren. Das ist aus der Schule.“

Nummer 2: „Aha. Und was ist das nun für ein Buch?“

Nummer 3: „Das (sie hält das Buch mit dem Umschlag nach vorne hoch) ist meine Igel-Leküre.“

Nummer 2 und ich müssen lachen.

Ich: „Nennt Eure Lehrerin das so?“

Nummer 3: „Ja. das hat Frau Sowieso so genannt.“

Ich (skeptisch)„Wirklich? Sie hat sich da hingestellt und gesagt Lest dies, werte Kinder, es ist die Igel-Lektüre?“

Nummer 3 (etwas leise)„Ähh … nee, das hab ich so genannt.“

Igel-Lektüre. Ich finde das formidabel. Ich liebe Dinge mit Retro-Charme.

Der Heilige Augustinus

Nummer 3 ist von kleinauf … nennen wir es mal religiös orientiertGern teile ich mal einige ihrer Gedanken und Sätze zu diesem Thema, dann könnt Ihr Euch ein Bild machen.

Mit ungefähr zweidreiviertel Jahren lag sie auf der Wiese und sah in den Himmel. Dann drehe sie sich zu mir um und sagte:

„Jesus und Gott sind eigentlich das selbe, oder? Ich meine, ganz im Kern.“

Sie sagte im ungefahr gleichen Alter, dass sie oft mit Gott spräche, mir aber nicht alles aus diesen Gesprächen mitteile. Ich fragte sie, mit was für einer Stimme Gott spräche. Ihre Antwort:

„Gott hat eine Stimme aus Licht. Er ist aus Licht. Sein Reich ist aus Licht.“

Nun mag man denken, in unserem Haus würde viel über diese Themen gesprochen. Aber dem war nicht so. Inzwischen ist das anders …

Als ihr Papa krank und dann wieder gesund war sagte sie:

„Gott sagt, seine Arbeit ist nun getan. Der Dada musste krank werden um zu spüren, wie traurig er in der Seele ist. Nun weiß er es. Und nun wo er wieder gesund ist, kann Gott sich Anderen zeigen.“

Wie sie sich am Strand mit Gott unterhielt, haben wir ja bereits beschrieben.

So etwas sagte sie häufiger, bis sie in den Kindergarten kam. Da verlor es sich langsam. Inzwischen zeigt sich ihr Interesse an der Religion eher auf alltägliche Weise. Zum Beispiel beim Tischgebet. Sie besteht darauf und wir folgen brav. Sie begann mit ein paar Klassikern aus dem Kindergarten („Komm, Herr Jesus …“) und ging bald dazu über, ein paar persönliche Dankesworte zu sprechen. Wenn jemand währenddessen wibbelt und flüstert, erntet er einen strafenden Blick. Nummer 2, renitent wie immer, hat einmal nachäffende Grimassen geschnitten. Darauf ein kühl-strenger Seitenblick von Nummer 3 und der Kommentar: „Tja, dann ist dein Essen eben nicht gesegnet.“

Einmal wagte ihr Vater, großen Hunger zu haben und irgendwie zu drängeln, da guckte sie kurz abfällig. Ihr strafender Satz dazu:“Na, dann friss doch schon mal.“

Irgendwann erhielt sie von mir daher den Namen Heiliger Augustinus – das fiel mir in jenem Moment ein. Flugs gegoogelt und festgestellt, dass ein paar mich beeindruckende Zitate von diesem Augustinus von Hippo oder Augustinus Aurelius zu finden waren. Und so blieb der Name. Wenn wir alle am Tisch zu beten haben dann sagt sie immer „Los, alle schlagen die Hände zusammen“. Dieser mir zuvor unbekannte, antiquiert klingende Ausdruck setzt bedingungslosen Gehorsam voraus. Sonst bekommen wir böse Blicke.

Unser privater Augustinus saß nun vorhin am Tisch und stocherte mit der Gabel zwischen Fisch und Gemüse.

Ich (provokant grinsend): „Heiliger Augustinus, du beleidigst die Schöpfung, wenn du Fisch und Gemüse verschmähst.“

Nummer 3: „Ich hab keinen Hunger.“

Ich (gespielt empört und streng): „Aber du hast fast nichts gegessen, wie willst du da satt sein? Los, sag dem lieben Gott, dass du den von ihm geschaffenen Fisch verabscheust. Sag ihm auch gleich, dass er sich die widerlichen Möhren hätte sparen können.“

Sie warf mir einen Blick zu. Daraufhin faltete sie die Hände, blickte nach oben und sagte äußerst bestimmt: „Lieber Gott, ich. habe. keinen. Hunger.“