Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Eine sehr gute Idee!

Andreas Thema zum „kindlichen Nein aus elterlicher Sicht“ auf ihrem Blog Runzelfüsschen fand ich sofort spannend.

Als Eltern, die vielmehr begleiten statt klassisch zu erziehen, begegnet uns gerade dieses Thema schon lange und immer wieder. Klar, wir sind seit bald 14 Jahren Eltern und haben diverse Kinder – da bleibt es nicht aus, sich immer wieder mit den frei entfalteten Individuen um uns herum auseinanderzusetzen. Und zwar konstruktiv, bitteschön.

Ich las mich ein wenig durch die bereits zur Parade verfassten Artikel und überlegte:

„Tja, wie sieht das denn bei mir aus? Wie gehe ich mit einem kindlichen Nein um? Und wie handhabe ich es überhaupt mit diesem Wort?“

Das N-Wort

Dieses Wort – wie wir alle schon gefühlt Tausend Mal gehört haben – ist basal wichtig für das gesamte Leben. Von der aktuell (endlich!) groß diskutierten sexuellen Selbstbestimmung, bis hin zur Abgrenzung, zum Schutz vor Überforderung und Erschöpfung: Das Nein ist einfach genial. Allerdings nicht genial einfach in der Ausführung.

Das Nein ist die Kür des Selbstbewusstseins. Das Nein fragt nicht danach, ob Nein-SagerInnen trotzdem lieb gehabt werden. Das Nein will schützen, ausdrücken, ablehnen, klarstellen. Es will nicht für Harmonie sorgen, sich anpassen, gemocht werden, lieb sein und helfen wie das Ja.

Wobei diese Klassifizierungen eventuell Klischees sind, die sowohl das Ja selbst als auch das Nein im Sinne des gleichberechtigten und vorurteilsfreien Umgangs ablehnen würden.

Schauen wir uns doch beide mal im von uns Eltern gel(i)ebten Alltag situativ an:

„Nein, es gibt jetzt keine Bonbons.“

Dieser Satz wird von Kinder zwischen rund 2 und 20 Jahren sehr ungehalten aufgefasst. Mögliche Reaktionen: Wutanfall mit und ohne Tränen sowie mit und ohne gesamten Einsatzes des Körpers, Betteln, Schimpfen oder vernunftbegabte Akzeptanz im Verbindung mit mühsam erlerntem Bedürfnisaufschub. Letzteres eher selten und überwiegend erst bei Kindern ab circa 21 Jahren gut zu beobachten.

„Nein, wir bleiben nicht länger hier. Wir fahren jetzt nach Hause.“

Nun, dies ist eine situationsabhängige Aussage: Beim Zahnarzt löst sie etwas mehr Begeisterung aus als auf dem Spielplatz oder beim Besuch einer befreundeten Familie mit netten Kindern, Kuchen und einem Kachelpool.

„Nein, du darfst deiner Schwester nicht an den Haaren ziehen! Hör sofort auf!“

Auch hier ist die Freude beim Hören des Satzes eher einseitig: Nur die Schwester mag Erleichterung zeigen. Ehe sie zur Rache übergeht. Dann ist ein weiteres Nein gefragt.

Das Nein ist knallhart. Bereits der Buchstabe N kann nach einer kontinuierlichen Benutzung über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten Unbehagen auslösen. Eine Nein-Phobie entwickelt sich. Viele Menschen sind betroffen.

Dies betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Hier sind es besonders (diverse, einige, nicht ganz so wenige) Männer, die eine Ablehnung als Vernichtung ihrer Gesamtgeschlechtsidentität nicht hinnehmen wollen und straffällig werden. Nein scheint also auch Gefahren zu bergen. Nein wird nicht immer akzeptiert. Und ist dennoch nötig.

Das sollte man also vorleben: „Ich akzeptiere Dein Nein“ ist absolut wichtig für die Entwicklung eines Menschen. Es steht für Akzeptanz und Respekt. Und sollte von beiden Seiten gelebt werden: Von Kindern und Eltern.

Akzeptieren lernen oder sanft umschiffen?

Anja von der Kellerbande beschrieb in ihrem Beitrag zur Blogparade, ein Nein könne man umschiffen, indem man es positiv umformuliert. Das ist eine sehr gute Idee – die ich auch immer gerne verwende, wenn sie denn umsetzbar ist.

Manchmal erscheint es mir wie eine Toddler-Tortur, wenn die anderen Familienmitglieder Nummer 4 genüsslich ein Nein präsentieren. Wie ärgert er sich und regt sich auf, wenn sie in dieser besonderen „Nun-lernst-du-etwas-über-Konsequenz-und-so“-Art das Four-Letter-Word einsetzen. Und dann weint er meistens. Komisch.

Nein! Niemals!

In der Tat finde ich „Nein, wir gehen jetzt nicht in den Garten. Nein, da regnet es.“ wesentlich unglücklicher formuliert als „Lass uns drinnen spielen, ja? Draußen werden wir im Moment einfach zu nass. Wir gehen raus, wenn es nicht mehr regnet.“

Na klar, gleich nach dem Essen

 

Allerdings ist es wichtig, Möglichkeiten zu bekommen, um zu lernen, das Nein zu akzeptieren. Daher sollte es dann und wann zum Einsatz kommen. Es zu umschiffen ist sicherlich sinnvoll, um das Kind nicht andauernd seiner gesamten negativen Gefühlspalette auszusetzen. Vor allem eben, wenn es noch klein ist. Zugleich aber sollte es begreifen, wo Grenzen sind. Das ist eine Erfahrung, die es unabdingbar für seine Entwicklung braucht.

Vorbild sein

Wie so oft. Nein – leider wie immer – ist es unerlässlich, ein Vorbild zu sein. Am besten ein gutes. Ein schlechtes Vorbild ist natürlich auch nicht zu verachten – oft ist es ja das Einzige, wozu man an manchen Tagen taugt.

Insgesamt sind wir ja aber immer darum bemüht, möglichst fehlerfrei durch die Elternphase des Lebens zu kommen. Auch wenn das vollkommener Irrsinn ist – aber so sind wir liebenswürdigen, liebenden Eltern eben: Wir wollen für unser Kind so viel Glück, Erfüllung und innere Sicherheit wie möglich. Das zeichnet uns aus.

Und wenn man nur ein gutes Vorbild ist, dann reagieren Kinder binnen kurzer Zeit wie in folgendem Beispiel:

Kind: „Nein, Mama, ich brauche keine Jacke. Neeeeiiiiin!“

Mutter: „Aber es sind nur 8 Grad draußen und es regnet. Du wirst krank. Und überhaupt: Kannst du das nicht mal positiv formulieren? Mich nervt dein dauerndes Nein!“

Kind: „O-okay: Ich möchte bitte lieber keine Jacke anziehen. Ich mag den Regen auf meiner Haut und im Auto ist es dann eh wieder so warm, dass ich schwitze.“

Mutter: „Na bitte. Geht doch. Hab ich dir doch auch so vorgemacht – das positive Umformulieren.“

Pö-hö. Ja, da könnt Ihr lange drauf warten, dass es so abläuft – aber es wäre nett, ne?

My beloved room: Die Meta-Ebene

Es geht aber in der Tat schon in diese Richtung, wenn man mit dem Kind die Meta-Ebene nutzt. Etwas, das ich persönlich eh immer gern mal empfehle: In Partnerschaften ebenso wie in der „Erziehungs“-Beziehung.

Die Meta-Ebene ist ein Ort, an dem weder Vasen noch Schimpfworte fliegen. Dort trifft Verstand auf Verstand. Und das Drumherum wird draußen gelassen. Ein sicherer Raum, in dem jeder sprechen kann. Der/die eigene, innere/r MediatorIn spricht und hört hier zu.

Bei uns geht das so:

„Okay, Kinder, ihr wundert euch, warum ihr in letzter Zeit mehr Aufgaben im Haushalt bekommt. Das erkläre ich euch, damit ihr nicht etwas übergestülpt bekommt, dessen Hintergrund ihr weder kennt noch zu dem ihr etwas sagen könnt. Ich habe das probeweise so eingeführt, weil ich bemerkt habe, wie ihr in eine Dysbalance geratet, weil ihr den gesamten Nachmittag im Bett liegt. Es ist wichtig, dass man Phasen von Entspannung mit Phasen von gesunder Anspannung abwechselt. Einseitige Überbetonung führt zu allerlei mistigen Gefühlen. Wie fühlt ihr euch, nachdem wir das nun einige Tage so ausprobiert haben?“

So habe ich das hier erst vor wenigen Tagen gesagt. Und schon habe ich die Kinder, die sich durch diese Art meines Respekts gewertschätzt und wahrgenommen fühlen, ein Stück weit auf der Meta-Ebene. Sie protestieren zwar dennoch maulend, wenn sie anschließend die Küche aufräumen müssen, aber sie tun es im Bewusstsein unserer Begegnung auf der Meta-Ebene. Und nehmen es an, weil sie zuvor einräumten, es sich eigentlich so zu wünschen: Mehr Aufgaben und dadurch auch mehr innere Ausgeglichenheit sowie das gute Gefühl, ein konstruktiver Bestandteil der Familie zu sein.

Die Meta-Ebene.png

Und das mache ich schon mit dem Kleinsten so.

„Ich würde dir supergerne gläserweise Bonbons geben, mein Süßmann. Aber das geht nicht. Dann würdest du schlechte Zähne bekommen und wärst irgendwann ganz dick und könntest krank werden. Leider darf ich das nicht. Ich würde gerne, aber es geht nicht.“

Ja, er weint dann trotzdem vielleicht im Gedanken an Gläser voller Süßkram, aber er versteht, dass auch ich nicht die allmächtige Entscheiderin bin. Es geht eben nicht um Macht, sondern um Notwendigkeit und Sachzusammenhänge.

Später sagte er dann: „Ich will noch einen Keks. Ich will dick werden. Das finde ich schön.“

Gut Ding will Weile haben und so …

Die Dosis macht’s

Das Nein verwende ich nicht inflationär, sondern mit Bedacht. Und meist lasse ich es einfach weg. Außer es hat konkret einen rhetorischen Nutzen.

„Können wir tauschen?“

fragt Nummer 4 gerne, wenn er sein Eis fast weggeschleckt hat und dann auf meines guckt.

„Nein. Ich habe mich auch auf mein Eis gefreut. Und du hattest schon eines. Aber ich lasse dich gerne mal lecken.“

Na klar kann die brave, aufopferungsvolle Mama hier sofort eilends und fast beschämt über das eigene Eisschleckbedürfnis hinweg ihre Kaltspeise komplett weiterreichen. Und genau das habe ich früher auch getan. Mir fehlte einfach der Mut, mich entgegen dem pädagogischen Mainstream zu verhalten (Hoch lebe der Mythos der aufopferungsvollen Mutter ohne eigene Bedürfnisse!). Das ist aber falsch. Denn die Lehre des Kindes hierdurch ist:

„Die sagt immer Ja und gibt mir alles. Als Mutter denkt man nie an sich. Wenn ich mal Mutter werde, dann gebe ich auch immer allen alles bis ich ganz leer und erschöpft bin. Ich bekomme als Kind immer, was ich will und als Erwachsene gar nicht mehr. Vielleicht sollte ich schön viel an mich reißen, so lange ich klein bin und dann am besten nicht erwachsen werden, denn immer mein Eis abgeben zu müssen stinkt mir bereits jetzt schon.“

Vielleicht ist es gut, Kindern zu zeigen, was wichtig ist. Und was nicht. Sich ein Eis zu gönnen ist gut und richtig. Sich alles wegschlecken zu lassen nicht unbedingt. So sehe ich das zumindest inzwischen. Daher gibt es dann ein gesund abgegrenztes Nein von mir.

So viel aus unserem Hause zum Thema Nein.

 

 

 

 

 

Weicheier voraus! (?)

Dieser Artikel der Huffington Post (inzwischen vielen bekannt) hat mich zu einem Blogpost inspiriert, den ich schon lange schreiben wollte.

Die Frage dahinter: Erziehen wir Eltern von heute die Memmen von morgen?

Mir fiel beim Nachdenken auf, dass ich exakt keiner eindeutigen Meinung war. Es gab Einiges, das für eine sensible, bedürfnisorientierte Erziehung sprach, sowie Einiges, das mich nachdenklich machte. Natürlich finde ich nicht, dass alle heutigen Kinder in der Zukunft „Memmen“ sein werden. Ich setzte mich aber mit dem Gedanken dahinter auseinander – mit der Kritik am Erziehungsstil der Gegenwart.

Und so etwas tue ich bekanntlich gerne differenziert und so sachlich wie möglich. Beim Thema Erziehung ist das ja für uns Mütter nicht immer einfach. Ich mag es, mich auch in gegenteilige Meinung hineinzuversetzen und manchmal finde ich darin ein Korn Wahrheit – besonders, wenn ich mich zuerst aufregen wollte …

Auch dieses Mal wollte ich mir die Kritik so ruhig und objektiv wie möglich ansehen. Hierfür habe ich die Kritik gründlich beleuchtet und denke, der Ausdruck „Memmen-Erziehung“ zielt auf das ab, was eben gerade in der Erziehung aktuell gelebt wird. Und damit habe ich mich dann auseinandergesetzt. Ich schreibe strukturiert auf, was gegen und was für die aktuelle Erziehungs-Strömung spricht.

Einmal die Pros der „Memmen-Erziehung“ und dann die Contras:

essentialunfairness.wordpress.com

Kann man zu viel Liebe bekommen?

Pro: Zum Thema der Panik vor Schadstoffen in Kleidung, Nahrung, Spielzeug, Schnullern oder Trinkbechern: Eltern sind heute sehr informiert, die Medien für jeden immer greifbar. Man erfährt von jedem neuen Skandal und jedem Produktrückruf sofort. Man liest als Kommentar unter etwas wie

„Alnatura ruft Dinkelstangen zurück“ etwas wie Folgendes:

„Na toll, wem kann man denn noch vertrauen, wenn nicht mal denen?“

Und dann denkt man sich:

„Jup. Genau. Wem eigentlich?“

So wird man sehr vorsichtig und gefahrenbewusst. Und so wird schlimmstenfalls ängstlich, mindestens aber vorsichtiger. – Man wird durch die eigene, liebevolle (!) Motivation und moralischen, beziehungsweise gesellschaftlichen Druck dazu gebracht, immer das Beste zu wollen und was das genau ist, wird auch mitgeliefert:

Es gibt so viele Regeln und ungeschriebene Gesetzte speziell für Mütter! So viele Kommentare und Ratschläge. Vieles beginnt mit

„Wie kann eine Mutter nur …?“

Das macht uns vorsichtig und auch umsichtig. Ich sehe nicht ein, dass beides für die Kinder unbedingt schlecht sein soll. Nein, man muss nicht sofort springen, wenn ein Kind etwas möchte, aber es kategorisch ignorieren, damit es „seinen Platz findet“ auch nicht.

Kinder sind sensibel. Will man gestählte und eventuell harte Menschen oder mitfühlende Erwachsene großziehen? Solange man seinem Kind Empathie nahebringt, wird es das selbe mit seinen Mitmenschen tun. Klar, man darf nicht um das Kind herumspringen und es mit Konsum zumüllen, ohne sich ihm wirklich zu widmen und zu öffnen. Aber das tun ja auch die wenigsten, denke ich.

Negative Erfahrungen können, wenn sie nicht richtig begleitet werden, sehr negative Auswirkungen haben. Wenn man seinen Kindern etwas zumutet, dann nur, wenn man sie stärkend hindurch begleiten kann. Weil man selber sehr stark und gefestigt ist oder psychologisch versiert, pädagogisch geschult oder Ähnliches. Wenn das gewährleistet ist, dann profitieren Kinder enorm von der Begleitung auch durch schwierige Lebensereignisse, anstatt sich selbst überlassen zu werden, so wie es oft in den 80ern war.

Die Eltern denken sich ihre Ängste nicht aus. Diese werden geschürt. Auch von Firmen, die ihre Produkte verkaufen wollen. Die Bio-Label sagen

„Alles andere ist Giftmüll – hier ist die passende (von uns in Auftrag gegebene) Studie.“

So geht es mit vielen weiteren Produkten. Zudem gibt es laufend Nachrichten über verschwundene Kinder, sexuellen Missbrauch, Mobbing und vieles weitere Gefahren. Zudem gibt es Gefahren durch den vielen Verkehrß, Umweltgifte und vieles mehr. Das verängstigt und verunsichert Eltern – wie sollen sie da mutig ihre Kinder in das Leben schicken?

Ja, in den guten alten 80ern bekamen wir Fanta mit zwei Jahren und hatten keinen Schutzhelm. Und tranken puren Saft aus der Nuckelflasche. Und steckten im Gehfrei (meins klappte bei voller Fahrt übrigens gern zusammen …).Und atmeten Zigarettenqualm ein. Und wir waren nicht angeschnallt. Und saßen auf dem Gepäckträger.

Und wenn dabei nie ein Kind verunglückt oder (auch als Spätfolge) erkrankt wäre, wieso wurden diese Dinge dann geändert? Sind das nur Verschwörungen der Industrie? Oder gab es in der Tat früher viel mehr kindliche Verkehrstote? Mehr Karies? Mehr Unfälle im Haushalt? Ja, das alles gab es und heute ist das Leben für Kinder viel gesünder und sicherer. Warum es immer mehr Allergien und verhaltensauffällige Kinder gibt, das fragen sich allerdings sehr viele Experten.

Einerlei: Die 80er waren mitunter gefährlich, die meisten haben überlebt und können sagen:

„Hey ja, es war wüst, aber uns hat es auch nicht geschadet!“

Und die anderen … ja, die können leider nicht mehr mitreden.

Kinder könnten mit ihren Problemen allein gelassen werden oder irgendwann nicht mehr daran glauben, dass ihnen jemand hilft, wenn sich kein Erwachsener ihnen zuwendet. Zu viel Zuwendung schadet – zu wenig schadet aber weit mehr.

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Menschen, deren Bedürfnisse zuverlässig erfüllt werden, entwickeln Urvertrauen. Damit sind natürlich Grundbedürfnisse gemeint: Liebe, Zuwendung, Nahrung, Schlaf, Sauberkeit. Es geht nicht um teuerste Kindermode oder Ähnliches. Es geht um’s Lieben, Wärmen, Nähren, Kümmern. Um ein offenes Ohr bei Problemen. Und das braucht jeder Mensch. Wer so aufwächst, gibt diese Liebe auch an Andere weiter. Und das wiederum bräuchte die ganze Welt.

Kinder atmen Atmosphäre. Herrscht zuhause ein liebevolles Klima, in dem auch die Erwachsenen liebevoll und ehrlich zueinander sind, dann werden die Kinder sich ebenso verhalten. Hektik, Vorwürfe und Streitereien sowie Machtspielchen zwischen den Eltern sind destruktiv. Kommt so etwas aber doch vor, dann fängt die konstruktive familiäre Atmosphäre dies gut ab. Wenn sie da ist. Daher ist es wichtig, sein Verhalten ehrlich zu beobachten. Diese Ansätze kann man in der „Memmen-Erziehung“ sehr wohl aufgreifen und ausarbeiten. Hier geht es um Gemeinsamkeit, statt um selbstverliebte Einzelkämpfer, die ihre eigenen Gefühle auf das Kind projizieren. Natürlich gibt es die auch. Von ihnen unterscheidet man sich, indem man seine Motive erkennt. Und das steht jedem frei.

Contra:

Seine Kinder ins Zentrum zu stellen gehört einfach (und vielleicht manchmal mit seltsamen Auswüchsen) zum aktuellen Mainstream der Erziehung. So gut die Gedanken und Wünsche einer Idee auch sein mögen – nichts ist ohne Schattenseiten. Man sollte seinen Standpunkt flexibel halten, gerade wenn es um Menschen geht, die sich entwickeln und wachsen. Um Individuen. In den 70ern kam beispielsweise das Laisser-faire auf und war in Mode.

Es erschien vielen Eltern als der einzig selig machende Weg für Kinderseelen.

Nie wieder Gewalt gegen Kinder! Freie Selbstentfaltung! Weg mit der Distanz zu den Erwachsenen! Weg mit dem autoritären Mist der Kriegs(verbrecher-)generation! Nachvollziehbare und zeitgemäße Gedanken. Und Grundsteine des Umgangs mit Kindern, wie wir ihn heute kennen.

Von der linksliberalen Ecke wanderte die Idee des Kindes als gleichberechtigtem Familienmitglied in den Mainstream. Eine sehr gute Entwicklung. Mit teilweise erschreckenden Auswüchsen, über die man heute nur die Köpfe schütteln kann.

Es entstanden die berühmten Kinderläden – dort durften die Kinder auch mal mit Essen werfen, sich lachend ausziehen, sie spürten ihre Grenzen und die anderer, sie konnten sich frei entfalten. Sie sollten Grenzen selber erkunden und selbstbewusst werden, indem sie selbst etwas tun und entscheiden durften.

Und sie „durften“ leider auch immer mal wieder manche Erzieher an Stellen streicheln, an denen man sich nicht von Kindern streicheln lassen sollte. Auch das geschah im Gedanken an das Kindeswohl. Das Establishment war prüde und verbot die freie Entfaltung. Da musste man sich aufstellen und protestieren, die kindliche Sexualität als ur-kindliches recht entfalten. Es gab die Idee, man sollte Kinder beim elterlichen Sex zuschauen lassen. Sie sollten auch ruhig mitmachen. Dadurch entstünden mündige und freigeistige Staatsbürger.

Ja, die Revolution in der Pädagogik hatte schräge und verstörende Blüten.

Dieses (wirklich sehr extreme, aber deshalb nicht unsinnige) Beispiel zeigt, dass die besten Ansätze nicht vor (oftmals großen) Fehlern gefeit sind.

Jede nachfolgende Generation fasst sich dann an den Kopf und denkt: „Ja, aber wir wissen es ja Gott sei Dank besser. Wir wissen jetzt, wie es richtig ist.“

Dabei sind alles Entwicklungen, die aufeinander aufbauen. Es gibt Trends und Tendenzen. Mal sollen Frauen  nur ja keine Hausfrauen werden und dann sollen sie hingebungsvoll den sicheren Kern der Familie wahren. Dann wieder von vorne. Und noch mal zurück. Das wird noch lange so gehen. So lange es Menschen gibt. Daher sollte man Kritik ruhig erst einmal ansehen. Vielleicht zeigt sie die nächste Strömung – das kann man nie wissen.

Im Augenblick hat sich die Pädagogik dahin entwickelt, dass kindliche Bedürfnisse sehr genau wahrgenommen werden und auch (oftmals umgehend) befriedigt werden sollen. Die Kinder sollen dadurch im Selbstvertrauen gestärkt und sich geliebt sowie angenommen fühlen.

Der Ansatz ist großartig! Und auch er birgt Schattenseiten.

Als Langzeitfolgen nennen Experten (und beobachtende Mitmenschen) das Heranwachsen kleiner Narzissten ohne Benehmen, Empathie und die Fähigkeit, sich für das Gemeinwohl mal zurücknehmen zu können.

Ja, das sind Extremdarstellungen. Aber dennoch sollte man Warnungen ja vielleicht erst einmal ernst nehmen.

Es sind nicht nur die Experten klug, die das sagen, was einem gefällt.

Da wird man ja zu einer Art Unternehmen, das exakt die Studien in Auftrag gibt, die es bestätigen. Und die finden wir ja doof.

Kinder, die in überhöhter Position mit ihren Wünschen und Bedürfnissen über der Familie thronten, bekommen viel zu viel Verantwortung und ein unechtes Selbstbild. Dieses lässt sich später nur mittels knallharter Erfahrungen im „echten“ Leben korrigieren. Da kommen dann all die blutigen Nasen und fieses Konflikte auf. Dort, wo es fordernde Chef*innen und unbequeme Kolleg*innen sowie anspruchsvolle Partner*innen gibt.

Wenn man nun bei der Erziehung nicht die richtigen Schwerpunkte setzte, dann wird das einstige Kind auf sehr unangenehme Weise dazulernen.

Die Komponente der Konsum-Überschüttung ist eine der Begleiterscheinungen des Fokus auf die Kinder, der sich in unserer Gesellschaft eingestellt hat.

Unselbstständigkeit und Verhaltensauffälligkeiten sind zwei Dinge, die Lehrer*innen und Erzieher*innen immer wieder als Beobachtungen aus ihrem Berufsalltag äußern. Das sind weitere negative Auswüchse des an sich sehr guten Grundgedankens. Es liegt vielleicht ja doch nicht alles an den Umweltgiften, sondern an verschiedenen sozialen und pädagogischen Komponenten.

Die „Weichei-Erziehung“ geht nur bei einer geringen Kinderanzahl in der Familie so richtig gut. Das startet man romantisch mit einem Kind und endet spätestens bei Dreien langsam – oder auch ganz schnell.

Denn die Bedürfnisse dreier Menschen (und bitte auch noch die eigenen) kann kaum eine Mutter rappzapp wahrnehmen und befriedigen. Oder sie tut es und erlebt als Langzeitfolge etwas wie Erschöpfungszustände oder andere Erkrankungen, davon kann ich zum Beispiel ein Lied singen. Mir war der Balanceakt nicht gut gelungen. Nicht auf lange Sicht. Es gibt Dinge, die kann man erst nach langen Jahren umfänglich beurteilen, musste ich feststellen.

Auch sind in größeren Familien die Tendenzen der Bedürfnisorientierten Erziehung eher schwierig umzusetzen: Im Elternbett wird es auch eng, wenn da alle so lange mitschlafen dürfen wie sie möchten. Drei Kinder zeitgleich zu stillen wird auch etwas stressig, je nachdem in welchem Altersabstand sie sind und wann das Kind sein natürliches Abstillbedürfnis erreicht hat. Da ist die Orientierung an den kindlichen Bedürfnissen dann etwas schwieriger. (Es gibt nur wenige Prozente Großfamilien, ich weiß das. Aber diese stellen einen sehr großen Anteil an der Gesamtkinderzahl unseres Landes.)

Wünschenswert ist der Einklang des kindlichen und erwachsenen (Er-)Lebens. Solange es für Kinder normal ist, gegen die Badezimmertür zu treten wenn Mama pinkelt und ihr ins Wort zu fallen, wenn sie mit der Nachbarin spricht um dann auch noch immer Gehör zu erhalten, stimmt etwas nicht.

Hier entstehen dann keine Memmen, sondern rücksichtslose Menschen. Den Toiletten-Kampf kenne ich selber. Ab einem gewissen Alter habe ich es dann geschafft, rückgängig zu machen, dass die Kinder die Existenz der Badezimmertür als Affront empfanden. War aber harte Arbeit. Zuvor war ich der Überzeugung, dass sie es brauchen, in meiner Nähe sein zu können. Und weiter habe ich das nicht hinterfragt. Weil das irgendwie einfach von allen Müttern so erlebt wurde …

Es ist inzwischen schon echt schwer, sich gegen den gesellschaftlichen Trend zu wehren und zu sagen: „Ich gehe alleine zum Klo, Kind. Du wartest jetzt.“

– Oft wird nicht hinterfragt oder individuell entschieden, sondern bestimmten festgelegten Regeln gefolgt, weil der soziale Druck groß ist. Es scheint Dinge zu geben, die unerlässlich sind, um die Bindung und Entwicklung zu stärken. Und diese soll man dann irgendwie durchexerzieren. Mainstream ist natürlich per definitionem nicht individuell und man muss sich seinen Teil herausnehmen, ihn für sich passend schleifen.

Aber da bieten sich enorme Schlachtfelder für die berüchtigten Mommy Wars – man steht schnell unter Druck. Das wiederum tut niemandem gut.

Immer mehr Mütter leiden an Burnout – wäre es nicht besser, sie würden zuerst lernen, sich um sich selbst zu kümmern und die eigenen Bedürfnisse beachten? So wie man bei einem Druckabfall im Flugzeug zuerst sich und dann anderen die Sauerstoffmaske aufsetzt? Die Mütter kommen bei der Idee „Die Kinder kommen immer zuerst und stehen im familiären Zentrum“ irgendwie etwas kurz. Das kann ebenfalls ungewollte Langzeitfolgen haben.

Kinder sollen sich etwas zutrauen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Aus der Überbewertung und Erhöhung entstehen anscheinend Narzissten. Woher will man wissen, ob man da die Balance hält? Wie gut die eigene Erziehung gefußt hat, merkt man meist erst so richtig nach zehn bis zwölf Jahren.

Misserfolge können stärken. Aus dem Weg geräumte Schwierigkeiten schwächen. Auch hier ist die Balance-Frage da. Wie viel kann ich meinem Kind zumuten? Wo soll ich eingreifen? Beim Schuheanziehen? Beim Spielplatz-Streit? Beim Schulfhof-Mobbing, das in den good old times noch „Ärgern“ hieß?

Hier ein persönlicher Hinweis zum Maßstab:

In den guten, alten 80ern wurde ich an der Haltestelle gemobbt. Geärgert, getriezt und verprügelt hieß das da noch. Ich konnte mich nicht wehren, stecken Misserfolge ein. Ich klagte das meiner Mutter, die klagte es hilflos meinem Vater und brachte mich zum Bus.

Das war irgendwann auch blöd und mein Vater stattete widerwillig den Eltern des Mobbers einen Besuch ab. Der Mobber beschwerte sich darüber bei mir. Schließlich gab mein Vater mir den Hinweis, ich solle dem Mobber Angst machen. Irgendwie gelang mir das nicht. Ich war so entmutigt und mir fehlte das Selbstbewusstsein.

Einerlei: So motiviert waren meine Eltern selten.

Und? Hat mir alles nicht geschadet!

Doch, hat es.

Ich steckte Misserfolge und Demütigungen ein. Weil ich ein klassisches Opfer war. Von klein auf. Deprimierend war das, frustrierend und ego-raubend. Und es stauten sich viele Aggressionen an. Auch nicht gesund. Die Eltern, die heute zu den Lehrern rennen und sich beschweren, sind nicht unbedingt hysterisch. Mütter, die wie verrückt nach dem einen blauen Nuckel suchen oder in drei Supermärkte wetzen, weil das Kind nun mal nur den einen Apfelsaft trinken möchte – die … hm … dürften ihre Lebenszeit manchmal vielleicht anders planen, ohne dadurch ihre Kinder zu traumatisieren.

Kindern kann man etwas zumuten. Man sollte es sogar. Selbstverständlich nur in einem begleiteten Rahmen. Aber nicht in einer fahrbaren Intensivstation mit Vollfederung und doppeltem Boden.

Das Kind wurde mehr und mehr zum Projekt, statt zum selbstverständlichen Lebensbestandteil. Daher steht es im familiären Mittelpunkt. In meiner Kindheit ging es am Wochenende darum, dass möglichst alle etwas Nettes erlebten. Oder oft auch nur die Eltern. Da musste man irgendwie durch. Bei gutem Wetter gingen die Eltern Tennis spielen oder die Mutter wollte sich sonnen – dann ging es an den Baggersee oder ins Freibad. Oder es ging zum Einkaufen in die Stadt. Und man trieb sich da irgendwie rum. Oder es ging zu einer Autoausstellung, einem Stadtfest oder mal zum Minigolf.

Die Idee, „Wir Eltern atmen das Glück der Kinder ein und allein das ist für uns Freude genug“ ist recht jung.

Die Ängstlichkeit der Eltern hemmt die Kinder in ihrer Entwicklung. Ein Kind, das klettern und fallen darf, lernt rasch, dass es sehr gut wieder aufstehen und erneut klettern kann. Es lernt seine Grenzen kennen und erfährt sich in allen Schwächen und Stärken. Das gibt Selbstsicherheit.

Was kann man Kindern denn nun zutrauen und zumuten?

Können Zehnjährige bügeln, wenn man in der Nähe bleibt und sie sich dadurch sicher fühlen? Ja.

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann ...

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann …

Können sie Wäsche nach Farben sortieren? Ja. Nein. Meistens.

Können sie über 8 Stunden lang im Steinbruch Säckeweise Steine schleppen? Zum Beispiel in Pakistan? Ja. Sollten sie aber nicht.

Können sie einen Kaffeeautomaten bedienen und stolz dem Besuch Getränke bringen? Aber sicher.

Können sie ihr Bett machen und ihr Zimmer aufräumen? Theoretisch ja. Praktische Umsetzung schwieriger als beim Steineschleppen.

Können Kinder jedweden Alters alleine verarbeiten, etwas Bedrohliches oder Beängstigendes gesehen oder erlebt zu haben? Nein.

Können Kinder es heil überstehen bei einem Autounfall nicht angeschnallt zu sein, wie in den 80ern? Nein.

Können Kinder emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie nicht oder nur kurz gestillt wurden, nie in einem Tragetuch saßen, früh im eigenen Zimmer schliefen, Gläschenkost bekamen und den Schnuller immer in der auf der Packung angegebenen Größe benutzten? Ja.

Können sie emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie in einer Umgebung leben, in der sie verunsichert werden, in denen die Erfüllung ihrer ureigenen Bedürfnisse unzuverlässig stattfindet und in der sie sich nicht oder nur zeitweise geborgen fühlen können? Nein.

Können Kinder gut aufwachsen, wenn man ihnen eine gesunde Mischung aus Liebe, dem gesunden Etwas-Zutrauen, Rückhalt, manchmal etwas gesundem Druck, Verständnis und dennoch zuverlässiger Anleitung zuteil werden lässt? Unbedingt.

Erziehung verändert sich im Laufe der Lebensjahre

In den ersten Lebensjahren ist man in einer warmen Wolke aus romantischer Liebe. Das Kind ist niedlich und sehr nah an einem selbst. Es findet und zeigt sich immer mehr selbst, je älter es wird.

Bis zum Eintritt in die Grundschule empfand ich persönlich das Leben mit Kindern immer als sehr „niedlich“.

Klar, es war auch stressig und immer wieder beanspruchte es mich sehr. Überwiegend war es einfach (be-)rührend, süß, bereichernd, beglückend und kuschelig mit den drei Kleinen.

Aber so ein Kindergartenkind, das nach dem Vorlesen auf dem Sofa der Kuschelecke eingeschlafen ist oder eines, das im Garten für Mama einen Blumenstrauß abrupft, der nur aus Blütenköpfen besteht, ist ganz anders als ein Schulkind, das von Klassenkameraden verhauen wird. Oder eine pubertierendes Mädchen, das abends plötzlich im Wohnzimmer steht und mitteilt, dass es gerade seine erste Periode bekommen hat. Die Zeiten ändern sich. Und eben nicht nur die. Man selbst muss mitgehen. Bedürfnisse verändern sich.

Während der Grundschulzeit sieht man bereits immer mehr der eigenen kindlichen Persönlichkeit und noch mehr kann man dann erleben, wie das Kind in der „ernsten“ Welt zurechtkommt. Man hört von Lehrern, dass es sehr schüchtern ist oder schlampig oder albern oder eben selbstbewusst, sozialkompetent oder was auch immer. Da spürt man dann spätestens immer mehr, dass man einen kleinen Menschen zu einem großen Menschen werden lässt.

Dieser wird irgendwann einen Chef und Kollegen haben, er muss sich Konflikten und Druck stellen können.

Hierfür braucht er Vertrauen in sich selbst. Und dieses erhält man nicht durch zu viele Misserfolge und auch nicht, wenn man zu oft sich selbst überlassen wird. 

Daher lehne ich ein Verteufeln der „Memmen-Erziehung“ rundheraus ab.

Aber auch ein Übertreiben der selben in Richtung Überfürsorge – denn diese verkehrt den schönen elterlichen Wunsch in das Gegenteil.

Persönliche Anekdote zum Schluss

Als ich ungefähr acht oder neun Jahre alt war machte ich mit meinen Eltern Urlaub am Meer. Es wurde ein Pony ausgeliehen. Das Tier war mehr eine Art weiße Felltonne mit viel zu kurzen Streichholzbeinen, aber das tut nichts zur Sache – ich fand es schön und weiß bis heute, dass es „Cindela“ hieß.

Mein Vater, durch die Pferdezucht seines Onkels von klein auf Reiter, nahm aus dem Stall eine Longe mit (das ist ein langes Seil, an dem man ein Pferd um sich herum im Kreis laufen lassen kann, während man es vom Zentrum heraus anleitet).

Er trieb die „Felltonne“ an. Und ich saß oben drauf. Die kleinen Beine trappelten unter mir und es wurde immer schneller. Das Pony schaffte es sogar, sich irgendwie zu strecken und noch schneller zu werden.

Dann ließ mein Vater die Longe länger, der Kreis wurde größer, ein größerer Stein lag im Weg und es kam, wie es kommen musste: Ich flog über den Hintern des Pferdes im Bogen auf die Erde.

Mein Vater kam zu mir und sagte in einem Ton, den er sicherlich aus irgendeinem Film hatte und der in meiner Welt mit „Mein Sohn ….“ hätte beginnen müssen: „Steig wieder auf. Wenn man vom Pferd fällt, dann muss man stets wieder aufsteigen.“

(Mein Therapeut kommentierte diese Erinnerung übrigens mit: „Hm, da ist aber eine Menge Sadismus im Spiel, finden sie nicht?“)

Ich habe aus der Situation Folgendes mitgenommen und das als Grundschulkind (soll zeigen, wie viel Kinder begreifen und wahrnehmen können):

– Mein Vater vermisste einen Sohn, mit dem er „etwas anfangen konnte“. Sein Erstgeborener mit Asperger war es jedenfalls nicht.

– Meinem Vater machte es Freude, Lektionen zu erteilen

– Ich wusste, dass ich meinem Vater eine Menge zutrauen musste und bekam Angst vor ihm

– Ich wusste, dass ich richtig reiten lernen wollte, um nie wieder vom Pferd zu fallen

– Das Pferd, das ich rund 10 Jahre später besaß, wollte ich nach einem heftigen Beinahe-Unfall nie wieder reiten und es musste verkauft werden.

Ich bin im Leben immer sofort aufgestanden, wenn ich gefallen bin. Es scheint nichts zu geben, das mich wirklich lange umhaut. Wenn ich etwas wirklich will, strenge ich mich an bis ich es erreiche. Das liegt aber nicht an dieser dusseligen Lektion. Sondern an meiner Resilienz, meinem Charakter und anderen Faktoren. Ich wünschte, es läge daran, dass man mich gesundes Selbstvertrauen geschult hätte, statt diverser Lektionen in Härte, Aushalten, Alleine-Klarkommen und „Wie-der-Sohn-den-Papa-stolz-machen-kann-Lehren“. Durch Letzteres habe ich auch noch ein Störung der Geschlechterrollenidentifikation bekommen.

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich ...

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich …

Ich bin mir sicher : Wir ziehen keine Generation von Memmen und Narzissten groß.

Vielen Kinder scheint es an klassischem Benehmen zu fehlen, höre ich immer wieder. Und an manchen anderen klassischen Tugenden. Aber doch nicht allen! Und zudem wachsen sie noch.

Sie sind sehr sensibel und begreifen individuell gesehen oft weit mehr als man denkt. Sie spüren Atmosphären, Launen und Stimmungen. Sie brauchen Schutz und unbedingte Kommunikation. Das heißt nicht, sie dürfen pausenlos schnattern, bis Mama die Ohren bluten.

Sondern sie brauchen zuverlässige Menschen, die sich ihnen widmen und denen sie unbedingtes Vertrauen schenken. Sonst ziehen sie sich in sich selbst zurück und resignieren im schlimmsten Fall. Dann werden sie zu Menschen, die sich hart machen, um nicht verletzt zu werden und zu jenen, die meinen, immer alleine alles bewältigen und schaffen zu müssen. Menschen, für die das Annehmen von Hilfe Angst und Schwäche bedeutet. Huch, jetzt rede ich ja über mich … 😀

Sie sind im Laufe der Entwicklung immer weniger nah an den Eltern und orientieren sich immer mehr an ihrer Peer Group sowie der gesamten Gesellschaft. Sie werden vieles noch lernen. Lernen müssen.

Und das schaffen sie am besten, wenn sie gute Wurzeln entfalten und zugleich den Kopf in die Wolken stecken durften.

Da bin ich mir ganz sicher.

Der gute alte Tipp und seine Folgen

Vor Jahren hörte ich den Erziehungstipp zum ersten Mal und war gleich angetan. Er versprach eine Erziehung, die lebensnah und straflos war. Greifbar und einfach umzusetzen.

Kinder lernen aus den Konsequenzen der eigenen Handlungen

Wow.

Ich habe das augenblicklich versucht, umzusetzen. So mache ich das immer, wenn mich etwas inspiriert. Ich setze es sofort um, denn später lässt man es ja meistens.

Also: Trinkbecher umgekippt, weil herumgehampelt = selber Lappen holen und aufwischen. Klappte super. Es fielen sofort weniger Becher um. Und schimpfen musste man auch nicht. Begeisterung machte sich breit. Ich hatte etwas Tolles für mich entdeckt!

Nach einigen Jahren der Anwendung können die Kinder meinen Satz schon wie Pawlowsche Plapperpapagaien vollenden. „Tja, Kinder, das ist nun die …“ beginne ich und sie sagen brav „… Konsequenz der eigenen Handlung.“

Wenn nun aber das ein oder andere Elternteil beim Lesen begeistert denkt: „Echt? Das klappt wirklich so gut? Ich glaub, dann probiere ich das doch mal aus …“ dann möchte ich es hiermit ausdrücklich bremsen.

Weil

ich nach rund sieben Jahren der Anwendung folgende Bilanz ziehe: Es funktioniert in 20 Prozent aller Fälle. In den anderen 80 Prozent der Fälle rauft man sich wie üblich das Haar oder lächelt jenes versonnen-neurotische Grinsen, das Hausfrauen an Marge Simpson so beängstigt. Es funktioniert, wenn überhaupt, nur bei kleinen Kindern und Handlungen mit einer Komplexität in Richtung Null.

Wenn unsere Kinder ihre Klamotten abends in ihre höchsteigene Wäschetonne kloppen, dann zerren sie zuvor gerne ein Hosenbein durch den Gesäßteil der Jeans. Warum, das weiß niemand. Sie machen aus ihrem Shirt einen idiotischen Klumpen mit verknoteten Ärmeln. Ein Ärmel ist auf rechts, einer auf links. Warum, das weiß niemand. Wenn ich ihnen etwas von ihrem Kram (täglich, geradezu stündlich) auf die Treppe lege, die zu ihren wunderbaren Zimmern im wunderbar ausgebauten Dachgeschoss führt, dann trampeln sie so lange darüber, bis die Dinge durch die Stufen fallen und unter der Treppe landen. Von wo aus ich sie dann entweder mit dem Marge-Simpson-Gesicht wieder heraufangele und auf die Stufen lege oder wütend wegwerfe. Dies sind nur zwei Beispiele, an denen ich die 20/80-Prozent-Regel erläutere.

Der Wäsche-Fall:

Wenn sie ihre Wäsche unbeirrbar zu Klump verdrehen, müssen sie eine Waschmaschinenladung alleine versorgen. Waschen, Aufhängen, Bügeln, Falten. Das hassen sie sehr. Und wie sie dann stöhnen, wenn sie die Ärmel und Beine im nassen Zustand (weil beim Befüllen der Maschine die Knäuel übersehen) umdrehen müssen. Äh, ist das fies, die Hände in die nasse, kalte Wäsche zu stecken. Es wird gekreischt. Böse Befriedigung macht sich breit im Mutterherzen. (Für diese bin ich übrigens durchaus bereit, ein oder zwei Jahre in der Hölle zuzubringen. Alldieweil diese für Mütter nicht aus Peitschen und Ketten besteht, sondern aus Wäschebergen, Elternabenden und Wollmäusen. Erstere Option würde die ein oder andere ja vielleicht gerne noch erwägen. Daher geht der Teufel spätestens seit dem letzten Teil des Schmachtfetzens von Shades of Grey ganz sicher …)

Zurück zu den leidenden Kindern in der Wäschekammer: Und wenn sie dann bügeln. Dieses Seufzen, das Klagen über die tropische Hitze, die Angst vor schweren Verbrennungen. Die Last des korrekten Faltens und in die betreffenden Wäschekörbe Räumens.

Fazit: Sie lassen das mit den Knäueln und Klumpen dann für eine Woche sein. Dafür musste ich aber in der Nähe sein, damit sie sich keiner Verletzung aussetzten. Und sie antreiben, damit sie überhaupt voran kamen. Und im Grunde hätte ich die ganze Aktion lassen können. Doch diese eine Woche scheint die Krone eines scheinbaren Erfolg zu sein. Und die will ich mir unbedingt aufsetzen.

Der Treppen-Fall:

Die Dinge, die ich ihnen hinterhertrage haben zum Zeitpunkt ihrer Ankunft auf den Treppenstufen sowohl Reise als auch Geschichte inne. Reise, weil ich sie aus diversen Zimmern klaubte und nach oben trug. Und Geschichte, weil wann immer mein geneigter Gatte mich dabei „erwischt“ der gleiche Kommentar kommt: „Ich würde den Mist einfach wegschmeißen. DAS würden sie sich merken.“ Und ich entgegne immer das Gleiche: „Ich habe diesen Mist aber gerade erst angeschafft oder Wishlists bei großen Onlinehändlern damit gefüllt.“ Er fügt dann lakonisch kluge Sätze toter Männer an wie „Wer immer das Gleiche tut muss sich nicht wundern, wenn immer das Gleiche dabei rauskommt.“ Ich werfe ihm dann etwas an den Kopf. Nicht.

Wenn ich die Dinge, die sich am Ende des Tages unter der Treppe sammeln, wegwerfe, dann sind sie einfach weg. Es passiert nichts. Einmal wurde gejammert und hysterisch gebrüllt. Das war es. Ansonsten würde ich – wenn ich konsequent den Mülleimer als pädagogischen Partner wählte – alle zwei Wochen neue Zirkel, Radiergummis, Buntstifte, Hefte und Haargummis neu anschaffen müssen. Denn dort liegt nicht nur jenes Zielobjekt väterlichen Hasses (Spielzeug) …

Fazit: Im Grunde sind die 20 Prozent noch geschönt wie die Finanzdaten der Lehman-Brothers. Echt jetzt. Das mit der Treppe könnte ich mir doch auch kleben, oder?

Wer also jenen Grundsatz bezüglich Handlung und Konsequenz auditiv ebenso schmackhaft findet, wie ich es eins tat, der darf bereits mit einem intensiven Gesichtsmuskeltraining beginnen. Für das Marge-Simpson-Gesicht.

Ich bin nicht mehr zu retten. Ich habe bereits ein Stockholm-Syndrom mit dieser Erziehungsmethode. Aber Ihr alle, die Ihr kleine Kinder habt und noch jenen hoffnungsvollen Glanz in den Augen: Lauft, so lange Ihr noch könnt! Oder anders gesagt und weil meine liebe Freundin Cathérine es an diesem Blog so liebt, ein passendes Herr-der-Ringe-Zitat:

„Flieht, ihr Narren!“