Trennungsschmerz – Kinderbetreuung und ihre Folgen

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an die Komplikationen, die wir mit unserer ersten Tagesmutter für Nummer 4 erleben mussten. Anschließend fanden wir rasch eine neue Tagesmutter, zu der er seit Jahresbeginn geht.

Es ist nicht nur eine Tagesmutter, sondern es sind Tageseltern. Ich stelle sie kurz vor, damit Ihr Euch ein Bild machen könnt.

Die Tagesmutter hat zwei erwachsene Söhne mit ihrem Mann, den sie in noch heute spürbarer Verliebtheit sehr jung heiratete. Sie ist eine Frau mit sehr viel Kinderliebe und einer ganz besonderen Beobachtungsgabe für ihre Mitmenschen. Vor ihrer Ausbildung zur Tagesmutter arbeitete sie in der Flüchtlingshilfe – sie ist türkischstämmig und kann recht gut Arabisch sprechen, daher war sie dort eine große Hilfe.

Der Tagesvater hat einen so selbstverständlich liebevollen und freundlichen Umgang mit Kindern, wie ich ihn selten bei Männern erlebe. Das mag sexistisch klingen, entspricht aber eigentlich nur meinen persönlichen Beobachtungen. Nummer 4 ist sehr gern in seiner Gesellschaft und nickt eifrig, wenn man fragt, ob denn dieser Mann sein Kumpel sei. Die beiden frühstücken immer ausgiebig – zusammen mit den anderen drei Betreuungskindern.

Der Wohlfühlfaktor

Die beiden leben in einer Wohnung mit einem Spielzimmer für die Kinder – inzwischen haben sie sich ein Haus gekauft, damit sie für die Tageskinder mehr Platz und einen Garten haben. Im späten Herbst wird umgezogen, zuvor renovieren sie mit Hilfe ihrer großen Familie.

Ich habe mich mit der Tagesmutter oft unterhalten – während der Eingewöhnungsphase nach Berliner Modell. Und auch beim Abholen, wenn sie mit den Kindern auf einem Spielplatz sind – was sie oft sind. Ich mag sie sehr gerne und ich merke, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Ich erzählte ihr sogar ein bisschen von meiner Familie, was ich ungern und selten tue. Sie empfand eine Menge Mitgefühl – wurde sie doch ganz anders groß. Mit fünf Geschwistern auf engem Raum und ganz viel Zusammenhalt.

Ihre Gegenwart ist sehr angenehm und man fühlt sich wohl. Kaum saß ich während der Eingewöhnungsphase auf der Esstischbank, bekam ich türkischen Tee. Ich habe vor vielen Jahren mal ein paar Grundkenntnisse in Türkisch erworben und ein bisschen blieb mir erhalten – das war ein netter Eisbrecher, weil die beiden sich sehr darüber freuten. Das Familiäre, Gastfreundliche und diese Mentalität, es anderen gerne angenehm und schön zu machen – das rührte mich. Hat es schon immer, wenn ich bei türkischen Familien eingeladen war. Ich wog auch immer fünf Kilo mehr, wenn ich abends nach Hause ging.

Die Tagesmutter sagte einmal in etwa zu mir: „Du hast ein richtiges Mutterherz. Du hast es geschafft, auch wenn du keine echte Mutterliebe bekommen konntest, selber so viel davon zu geben. Ich bewundere das sehr. Und es tut mir sehr leid, was du erleben musstest – auch wenn ich noch nicht alles weiß, das spüre ich. Aber was ich weiß, das reicht aus, um ein bisschen zu verstehen.“

Das Mutterherz und sein Nesthäkchen

Affenhorde: Zusammenhalt und Nähe inklusive (Foto RacoonyRE)

Affenhorde: Zusammenhalt und Nähe inklusive (Foto RacoonyRE)

Unsere anderen drei Kinder kennen die Tageseltern inzwischen auch. Nummer 3 bekommt immer Kekse, wenn wir zusammen Nummer 4 abholen. Diese darf sie sich aus einem Schrank in der Küche nehmen und an den anderen Kindern vorbeischmuggeln – ein Ritual, das sie liebt. Ein bisschen Oma-Ersatz empfindet sie dann, das spüre ich. Auch die großen Kinder mögen die beiden liebevollen Menschen richtig gern.

Aber: Bis vor zwei Tagen weinte Nummer 4 bei jedem morgendlichen Abschied. Jedes einzige Mal. Er rief nach mir, klammerte sich an mich – es war ein echtes Drama. Und das Wort Drama verwend eich hier nicht, um darzustellen, dass ich es übertrieben empfunden hätte. Oder dass ich einfach genervt gewesen wäre. Ich habe gelitten. Weil er gelitten hat. Nein, wir haben beide gelitten.

Ich konnte mich nie gut von den Kindern trennen und sie sich auch nicht von mir. Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Mindestens, seit Mr. Essential seine doofe Krankheit gehabt hat.

Und Nummer 4 hängt so sehr an mir – vielleicht noch mehr als mein Klettenkind Nummer 2.

Er mag die Tageseltern sehr gern, sagte früh ihre beiden Vornamen. Und er erzählt mir auch von seinen Vormittagen dort. Er beschreibt, dass er gemalt hat und berichtet, dass seine kleine Freundin (deren Namen er wütend korrigiert, wenn ein anderer Junge dort ihn falsch ausspricht: „Beleidigt nicht den klangvollen Namen meiner Herzensdame, Schuft!“) ein „Aua“ hatte.

Wenn ich ihn abhole, dann hüpft er und quietscht und ruft Mama!Mama!. Wenn ich morgens gehe, dann weint er und ruft auch Mama!Mama! – aber eben richtig leidend.

Lange, ehrliche Eingewöhnung

Die Eingewöhnungszeit betrug bei ihm, wenn man sie als abgeschlossen ansieht, sobald das Kind sich tränenfrei und zufrieden verabschiedet, acht Monate. Acht Monate. Und ich habe inzwischen genau hingefühlt, was in mir vorgeht, wenn ich ihn zurücklasse.

Ich freue mich, liebevolle Menschen in seiner Nähe zu wissen. Ich weiß, dass sie durchweg liebevoll und erfahren sind. Sie kümmern sich mit sehr viel Hingabe und auch Fleiß um ihre vier Schützlinge.

An einem Morgen in den Ferien durfte Nummer 2 auch bei den beiden bleiben. An diesem Morgen weinte Nummer 4 nicht.

Wölfe, Gérard van Drunen

So richtig schön ist’s doch im eigenen Rudel (Foto: Gérard van Drunen)

Der Welpe braucht sein Rudel. Das Rudel signalisiert ihm Sicherheit und Wohlbefinden. Beim Opa bleibt Nummer 4 auch gerne – weil ein Teil seines Rudels (die Geschwister) dabei ist. Geht das ganze Rudel weg – ist der Welpe alleine. Ich kann das zoologische Beispiel auch mit Affen: Bleibt ein Affenkind alleine bei Fremden, auch bei netten Fremden, ist es unruhig. Es braucht die Horde – heißt das bei Affen Horde? In meiner Welt ist ein Haufen Affen eine Horde. Ich liebe Affen.

Ich spüre, wie das Band zwischen ihm und mir sehr langgezogen wird, wenn ich gehe.

Ich sehe, dass er sagt: „Kann ich dich nicht umstimmen? Ich bin lieber zuhause. Hier bin ich auch gern, aber es bleibt ein Gefühl von Unsicherheit, weil es Fremde sind. Die sind mir inzwischen bekannt, aber die sind nicht mein Rudel. Ich bin abgelenkt und habe Spaß. Aber die sind nicht mein Rudel.“

Ich spüre, wie ich antworte: „Glaub mir, ich fühle mich auch nicht glücklich. Diese Lösung ist die rational beste. Aber emotional kostet sie etwas. Ich kann nicht den ganzen Tag mit dir zusammensein. Es gibt Dinge, die ich erledigen muss und ein Projekt, dem ich mich widmen möchte. Zudem gibt es eine Menge Arbeit in unserer großen Rudelhöhle, es gibt Termine, Besorgungen und Erledigungen. Jemand muss das alles machen. Und dieser jemand bin ich. Ich gebe dich für kurze Zeit hier ab, alle anderen Kinder sind länger hier. Eine so lange Verweildauer würde ich für dich zu diesem Zeitpunkt in deinem Leben niemals wollen. Zu dir und zu mir würde das nicht passen. Wir sind beide nicht hundertprozentig glücklich, aber wir können es aushalten, oder?“

Ich versetze mich in ihn hinein.

Ja, er hat Spaß dort und ich weiß, er lernt Dinge, die er später zu schätzen wissen wird. Hier zuhause wird er betüdelt und betreut, man ebnet ihm den Weg. Er war daher völlig verdutzt, als ihm ein anderes Kind morgens etwas wegnahm. Diese Situation war ihm neu. Hier bringen alle ihm etwas, wenn er es alleine nicht holen kann.

Er musste lernen, sich zu wehren. Und das kann er inzwischen. Nimmt man ihm etwas aus der Hand, zum Beispiel, weil es mal wieder etwas ist, das er nicht haben sollte (Scheren, Schraubenzieher …) dann wird er sauer. Und wie. Er ruft dann: „Meeeins!“ und wenn man Pech hat, dann bekommt man eine verpasst. Hat funktioniert. Sein Vater hat für diese Lektion länger gebraucht und sie erst mit vier Jahren lernen dürfen. Er sagt, es sei gut, wenn jemand das bereits drauf habe, sobald es in den Kindergarten geht.

Dort wird die Gruppe um ein Vielfaches größer. Wenn ich mich da hinein versetze, dann fühle ich mich gestresst und überfordert. Ja, im Gewusel einer großen Gruppe sucht man sich sein Eckchen und seine Freunde. Man geht in andere Räume zum Spielen, bekommt etwas Vorgelesen und isst zusammen.

Rudellos

Ich war ja nie in einem Kindergarten – meine Mutter schaffte es nicht, ihren Wunsch nach einer möglichst engen Bindung (Symbiose) zu mir, zu erweitern – aber jetzt als Erwachsene stelle ich es mir in der Retrospektive nicht als das Richtige für mich vor.

Hugo_Oehmichen_Im_Kindergarten

Romantische Kinderidylle aus Öl (Hugo Öhmichen, „Im Kindergarten“)

Ja, ich hatte keine Übung im Umgang mit anderen Kindern, als ich mit sechs Jahren mit mehr als zwei Kindern gleichzeitig konfrontiert war. Eine Abhärtung in Richtung „große Gruppe“ hätte mir gut getan. Also, sie wäre hilfreich gewesen. Gut getan hätte sie mir nicht. Ich hätte mich auch immer fremd gefühlt, wenngleich gewöhnt.

Klar, ich hätte mich an einen Kindergarten gewöhnen können und ich wäre vielleicht auch ganz gern dort gewesen. Aber es ist eben kein Zuhause. Dieses Gefühl hatte ich Kindergärten gegenüber schon immer.

Ganz mies

Meine Mutter war Kindergärtnerin und sie empfand ihre Ausbildung (für die man 1965 übrigens 234 D-Mark bekam/Kinoeintritt zu der Zeit 50 Pfennig, weiß ich noch – eidetisches Gedächtnis und so) als furchtbar. Die Kinder wurden noch geschlagen und das fiel ihr sehr schwer. Die Mütter sagten morgens: „Das ist ein Frecher, hau ruhig drauf, Fräulein Soundso!“ Die Kindergärtnerinnen hießen noch „Tante Marlene“ oder „Tante Sieglinde“. Als meine Mutter selbst ein Kind war, da wurden die Kinder noch an Stühle gefesselt, wenn sie andere Kinder wiederholt ungehorsam waren. Kratzen oder schlugen sie zu oft, wickelte man ihnen die Hände in Stoffbänder ein. „Die bösen Händchen müssen jetzt ruhen“ hieß das dann.

Irgendwie hat die Fremdbetreuung vielleicht ein mieses Karma, wenn sie noch vor wenigen Jahrzehnten so aussah. Ist ähnlich wie bei den Zahnärzten. Tief in uns rumoren noch die alten Geschichten und Bilder von blutigen Zangen und Extraktionen ohne Betäubung. Vielleicht ergeht es den Kindergärten, ehemals „Kinderverwahranstalten“ auch so. Jedenfalls wird ja viel diskutiert über das Für und Wieder derselbigen. Es muss also auch etwas Schlechtes daran vermutet werden.

Nun lag es nicht an ihren Erinnerungen, dass meine Mutter mich nicht in den Kindergarten ließ – sie wusste, dass die Kinder dort in den 80ern weder gefesselt noch geschlagen wurden. Sie wollte mich eben nahe bei sich haben. Ein Grund, warum ich bei der starken Orientierung auf Bindung an die Mutter heute noch mit Vorsicht reagiere – dazu werde ich demnächst noch etwas schreiben.

Zurück ins Heute und zu Nummer 4. Ich empfinde die Trennung immer noch als unangenehm für uns beide. Dennoch drehe ich durch, wenn ich monatelang mit einem wirklich anstrengendem Kleinkind (sorry, Nummer 4) zuhause hocke. Und nein, Spazierengehen ist auch keine Erfüllung. Und keinen Handschlag tun zu können auch nicht. Und niemals alleine zu sein ebenso wenig. Und arbeiten möchte ich auch ganz gerne, irgendwie. Ein paar Stunden getrennt zu sein ist also die beste Lösung. Und sie fühlt sich dennoch immer mal wieder fies an.

Das eigene Rudel

Jeden Morgen, wenn ich sein Weinen im Ohr hatte und mich auf den Weg zum Auto machte, wägte ich Gedanken und Gefühle ab. Ich dachte, dass es sich immer komisch anfühlt, ein Kind an Fremde abzugeben, die sich gegen Bezahlung kümmern. Und ich fand, die gute alte Großfamilie (die bestimmt sehr oft sehr nervte), wäre ein besserer Ort. Den es aber nicht mehr gibt.

Großfamilie aus Südafrika, Henry M. Trotter

Sieht kuschelig aus, nervt aber sicher manchmal: Großfamilie (Henry M. Trotter)

Das eigene Rudel und so. Wenn ich unsere Kinder bei den Großeltern ließ, dann konnte ich mich abends ohne schlechtes Gewissen vergnügen, wenn wir mal ausgingen. Das war das Rudel – ja, das nervte auch sehr oft – aber es war sicher, dass die eigenen Großeltern gewissenhaft und vertrauenswürdig waren. Und das, obwohl es Konflikte zwischen uns und ihnen gab. Man wusste, das eigene Fleisch und Blut, die eigene Nachkommenschaft, würden sie bestmöglich behandeln. Und das taten sie auch.

Bleibt Nummer 4 mal für die Dauer eines Einkaufs in der Betreuung seiner Mit-Welpen (von denen die beiden Großen eher fast ausgewachsene Wölfinnen sind), hat er keine Probleme, wenn er uns gehen sieht. Bei anderen Personen weint er. Das spricht eine deutliche Sprache für mich.

Gefühls- und Gedankenfazit

Ich sage an dieser Stelle ganz bewusst: „Jedes Kind ist anders – ich berichte nur aus persönlicher Sicht.“ Aber das ist ja immer das, was man tut, wenn man nicht wissenschaftlich argumentiert: aus persönlicher Sicht eigene Beobachtungen und Gedanken oder/und Gefühle kundtun.

Es gibt nicht immer eine perfekte Lösung. Ich empfinde es so, dass eine außerfamiliäre Betreuung ein Kompromiss zwischen der modernen Lebensweise, den Bedürfnissen der Familienmitglieder und allen Notwendigkeiten ist.

Es gibt so viele Studien und Meinungen zu diesem Thema. Und gerade in Deutschland wird es mehr diskutiert als in anderen europäischen Ländern. Unser Nachbarland Frankreich geht damit beispielsweise ja ganz anders um. Und Skandinavien auch.

Eine Studie zeigt, dass Kinder, die sehr früh und stundenmäßig lange fremdbetreut (ja, Entschuldigung“bekanntbetreut“) wurden, in späteren Jahren Bindungsschwierigkeiten entwickeln. Bei Facebook rufen dann Bewohner*innen der einstigen DDR: „Ja was? Sind wir alle bindungsgestört oder wie? Das hat uns nicht geschadet!“ Und ich möchte sagen: „Das weiß ich nicht. Ich kann es nicht beurteilen. Aber dass du oder auch du Kommentator*in dich als Beispiel anführst, widerlegt – wie so oft – die These nicht. Mal ganz wissenschaftlich gesehen.“

Und genau so belegen andere Untersuchungen, dass es keinerlei Langzeitnachwirkungen gäbe.  Wie so oft, entscheidet man sich für die eine oder andere Sichtweise. Meist aus persönlichen und nicht aus wissenschaftlichen Gründen …

Grautöne

Manchmal (oft!) denke ich, es wäre schön, wenn man ehrlich sein könnte. Und nicht schwarz-weiß denken müsste. Einfach mal sagen: „Das und das mag ich an diesem bestimmten Thema, aber das eine Ding daran, das nehme ich nur billigend in Kauf“

Modernes Beispiel gefällig? Das viel diskutierte Zeug wie das Familienbett, das Stillen, das Tragen, das Windelfreie, das Stoffwickeln, die Reboarder … all das.

Wie wäre Folgendes?

„Ja, ich schlafe mit meinem Kind in einem Bett. Und mein Mann schläft auch dort. Ihn nervt es manchmal, mich auch. Wir schlafen schlechter wegen des Gehampels zwischen uns, aber wenn wir zusammen aufwachen, dann finden wir, das Ganze ist es wert. Denn das lieben wir. Wir würden gerne mal quer und laut durch unser Bett vögeln, aber das geht nun mal nicht. Ja, wir schreiben, dass nur Langweiler im Bett Sex haben. Das fühlt sich einfach besser an, als wenn wir uns als die Zwangs-Asketen dargestellt sehen.

Wir wissen auch, dass Nebeneinander zu liegen öfter mal zu spontanen Liebesspielen führt. Diese verlagern wir auf Teppich, Sofa, Dusche, Esstisch … ach ne, eigentlich ist das geflunkert. So kreativ sind wir beide eigentlich im Moment nicht, dazu sind wir zu müde.

Aber: Wir lieben es dennoch. Trotz der Einschränkungen, die es bedeuten kann. Es wird ein paar Jahre in unserem Leben so sein und wir sind sicher, dass es unserer Intimität und Vertrautheit als Paar nicht schadet. Und wenn wir noch mehr Kinder bekommen, dann überlegen wir, ob das für uns so fortgesetzt werden kann. Oder wenn es uns beiden oder einem von uns nicht mehr gefällt. Ja, wir lasen, es sei schwer, das wieder umzustellen und es wird eventuell schwierig, aber das hält uns nicht davon ab, unseren Weg weiter so zu gehen. So lange, wie er sich gut anfühlt.“

Entscheidungen darf man verändern, begrüßen bedauern, revidieren.

Alles andere macht einen starr. Und es verhindert, dass man selbstehrlich ist. Dogmen im Allgemeinen führen allzu oft zu (Selbst-)Lügen. Wenn ich nicht sagen darf, was ich wirklich denke und fühle, dann bin ich mundtot einem Dogma unterworfen. Siehe #regrettingmotherhood: Kaum sagte eine Mikrozahl von Müttern (in einem anderen Land mit anderen Konditionen als bei uns) mal: „Och, noch mal würd‘ ich’s nicht machen“ dann muss schnell die rettende, moralisch hochwertige Gegendarstellung her.

Und schon wissen alle: „Alles klar, die Schweigespirale manifestiert sich da gerade. Ich darf also nicht klagen oder mal sagen, dass ich Manches manchmal bedaure. Besser ich halte meinen Mund.“

So ist es auch beim Thema der Fremdbetreuung. Grautöne stellen die Entscheidungen irgendwie in Frage. Schließlich kann eine Entscheidung nur zwischen Weiß und Schwarz stattfinden, oder? Klar, aber nach der Entscheidung sieht man eigentlich, wie beide Farben einander berühren, beeinflussen und oftmals an den Rändern vermischt werden. Wenn man es denn sehen darf. Und sagen darf.

Ich vermisse das Grau

Und weil ich das Grau vermisse sage ich:

Perfektion gibt es nicht.

Ich wünschte, es gäbe eine Welt, in der sich alle Entscheidungen perfekt anfühlen, aber die ist nicht da, wo ich bin.

Ich wünschte, ich fände es erfüllend, 24/7 mit einem Kleinkind happy together zu sein, dabei noch Zeit für den ganzen großen Haushalt zu haben und meiner Arbeit nachzugehen. Aber so ist es nunmal nicht.

Dennoch will ich meine Gefühle nicht verleugnen müssen. Ich empfinde Schmerz, wenn ich Nummer 4chen abgebe. Und er auch. Ich lasse ihn los und er mich und das lässt ihn und auch mich reifen. Aber das tut dennoch weh und ich halte es für zu früh. Aber es geht nicht anders. Und das fühlt sich doof an.

Ich muss keine Studie ‚rauskramen, die beweist, dass es ihm nicht schadet. Ich weiß, dass es keinen echten Schaden anrichtet. Aber es macht ihn ein bisschen nervöser.

Weil er begreifen muss, dass die Oberwölfin weg sein kann. Einfach weg. Und eine Welpe ohne Wölfin ist in einer potentiell bedrohlichen Situation. Da hilft auch keine andere Wölfin aus einem anderen Rudel. Zumindest fühlt sich das für Klein-Welpi so an. Ich weiß, dass die andere Wölfin da ist und sich kümmern kann, wenn etwas ist. Aber Welpi weiß es nicht wirklich. Er ist klein und instinktregiert. Er ist noch lange, lange kein vernunftbegabtes Wesen.

Loszulassen ist eine wichtige Lektion. Für mich war es immer mal wieder schwierig, zwischen Nähe und Distanz auszutarieren. Eben weil ich in meiner Kindheit erst eng umhüllende (einengende … erstickende …klebende) Nähe und dann, nach circa 12 Jahren, plötzliche Distanz erfuhr.

Ich finde nicht, dass eine möglichst enge oder nahe Bindung zu einem anderen Menschen das erstrebenswerteste Beziehungsgut ist. Weil man eben nicht abschätzen kann, was der andere Mensch da alles mitbekommt und in sich aufnimmt. Nähe darf emotional, körperlich oder geistig stattfinden und diese Ebenen brauchen ein Gleichgewicht. Nähe muss beiden gefallen und nutzen. Wenn ich Nähe will, dann sollte ich meiner Meinung nach stets überprüfen, wieso ich das möchte. Auch dazu gibt es viele interessante Studien und psychologische Theorien sowie Ansätze. Aber das gehört jetzt nicht hierhin.

Gleich fahre ich wieder los und hole Nummer 4. Ich persönlich könnte auf einer Ebene mehr als knappe drei Stunden alleine am Tag brauchen. Aber das wäre zu viel für ihn. Und für mich auch, denn eine andere Ebene würde das wiederum ebenfalls nicht wollen. Und weil man aus so vielen verschiedenen Gefühlen und Gedanken, beziehungsweise Ebenen, bestehen kann, ist das, was ich fühle, ein Kompromiss.

Er ist okay, aber er hat Schattenseiten. Für Welpe und Wölfin.

Chronischer Bazillenfrust

Nummer 4 hatte in den letzten Novemberwochen seine Eingewöhnungsphase bei der Tagesmutter.
Diese besucht er an drei Vormittagen der Woche bis mittags um Eins. Ich habe ein absolut großartiges Projekt angenommen (davon später irgenwann hier mal mehr) und arbeite daran sehr gern. Den Rest der Zeit nutze ich um unseren (ja doch recht großen) Haushalt zu machen, zum Arzt zu fahren und wenn die Zeit reicht, mache ich Pause, lese ich Zeitung und trinke einen Tee.
Ich atme durch, darf alleine zum Klo (Ihr wisst, mein Toiletten-Fremdbestimmungstrauma …) und den Raum verlassen, ohne mich bei Sohni abmelden zu müssen und Protest zu ernten.

Seit Dezember geht er dort hin, wo die sympathische Tagesmutter, ihre zweijährige Tochter sowie noch zwei kleine Jungs im Alter von rund zwei Jahren sind. Er ist da richtig gerne und freut sich zugleich so unglaublich herzerwärmend, wenn ich ihn mittags abhole.

Ich bin dann entspannt, habe etwas geschafft und bringe ihn zuhause ins Bett, wo er dann noch mal stundenlang schläft, weil er von all den Eindrücken so müde geworden ist.

Es ist also die Phase, mit der ich mich während der Babyphase innerlich aufrecht hielt. Und die Phase, die ich wirklich dringend genau so brauche, weil mein Leben sehr anstrengend ist. Ich bin jedenfalls glücklich und zufrieden so.

Theoretisch.

Faktisch war er im Dezember gerade eingewöhnt als die Ferien da waren. In dieser Zeit war ein Kind der Tagesmutter mal krank und Nummer 4 blieb zuhause. Das Projekt hatte noch nicht gestartet, aber ich musste mich morgens ehrlich gesagt innerlich ganz schön umstellen von einem Vormittag „in Freiheit“ auf na ja, eben einen mit Kleinkind, an dem die Arbeit liegen bleiben würde.

Im Januar, nach den Ferien, konnte ich ihn fast gar nicht mehr regelmäßig hinbringen, weil …. na ja … Brechdurchfall und Erkältung bei den Kindern der Tagesmutter regierten. Dazu kamen noch zwei Vormittage, an denen ich ihn brachte, obwohl die Tagesmutter mir schrieb, dass ihre Tochter Husten hatte und beim anderen Mal tränte ihr das Auge. Ich musste entscheiden, ob ich Nummer 4 einem potentiellen Ansteckungsrisiko aussetze. In den beiden Fällen habe ich das getan – wie auch die Mutter einer der beiden anderen Jungs. Ich sah da kein großes Riskiko, hab mich aber dennoch überwinden müssen. Denn ich musste ja auch etwas schaffen.

Der zweite Junge ist übrigens aus sehr traurigem Grund plötzlich da: Sein Vater starb unerwartet am ersten Weihnachtstag an einem Herzinfarkt. Der Vater war in Erziehungszeit und die Mutter die Hauptverdienerin. Sie ist Anwältin in einer Kanzlei.

Diese Woche war Nummer 4 schon zwei Mal dort und ich hatte den Morgen heute schon verplant, als der Anruf kam, dass nun die ältere Tochter den ganzen Morgen über der Kloschüssel hängt.

Ich war mit einem Mal nicht mehr so automatisch freundlich wie immer sondern sehr genervt, habe mich aber zusammengerissen. Es ist ja nicht die Schuld der Tagesmutter, dass das Kind krank ist und ich Früher mal dem Glauben verfallen war, dass man eine Arbeit annehmen kann, weil man einen Kindertagespflegeplatz hat. Bisher hatte ich unsere Kinder ab drei im Kindergarten untergebracht. Mit Tagesmüttern habe ich keine Erfahrung gehabt.

Jett sitze ich hier und anstatt zu tun, was ich heute tun wollte darf ich die Planung umschmeißen. Und das tue ich im Bewusstsein, dass die Tagesmutter in der letzten Februarwoche für drei Wochen ganz wegfällt. Da macht sie nämlich Vertretung in dem Kindergarten, in dem sie angestellt ist.

Und im Mai, da fährt sie eine Woche in Urlaub.
Und im August dann für zwei.
Und in den Ferien ist eh keine Betreuung.

Und habe ich schon erwähnt, dass ich exakt niemand habe, der einspringen kann, wenn sie ausfällt? Ich habe kein Netz aus mehr oder minder bereitwilligen Omas, die ihr Tagwerk fallen lassen, wenn ich sie brauche ( ein Hoch auf diese supertollen Unterstützungen an dieser Stelle).

Was sagt man seinen Chefs, Kollegen oder Auftraggebern eigentlich? Ich hab da keine Erfahrung. „Tut mir leid, aber die kleine Agnetha von der Tagesmutter kotzt, ich kann heute nicht“? Oder „Ich konnte gestern nicht am Projekt arbeiten, weil der kleinen Mirabella das Auge tränte – äh nein, das ist nicht mein Kind, aber ich konnte trotzdem nicht“?

Nun hocke ich hier und ärgere mich und sehe mich gedrängt, einen Kindergartenplatz anzustreben. Aber ich möchte Nummer 4 nicht an fünf Wochentagen weggeben. Sondern an dreien. Genau so, wie das eigentlich geplant war, aber nur nach dem Zufallsprinzip stattfinden kann.

Dass man sein Kind nicht zu einer Tagesmutter geben darf, die selber Kinder hat, hätte mir mal jemand sagen können … Grumpf.