Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Eine sehr gute Idee!

Andreas Thema zum „kindlichen Nein aus elterlicher Sicht“ auf ihrem Blog Runzelfüsschen fand ich sofort spannend.

Als Eltern, die vielmehr begleiten statt klassisch zu erziehen, begegnet uns gerade dieses Thema schon lange und immer wieder. Klar, wir sind seit bald 14 Jahren Eltern und haben diverse Kinder – da bleibt es nicht aus, sich immer wieder mit den frei entfalteten Individuen um uns herum auseinanderzusetzen. Und zwar konstruktiv, bitteschön.

Ich las mich ein wenig durch die bereits zur Parade verfassten Artikel und überlegte:

„Tja, wie sieht das denn bei mir aus? Wie gehe ich mit einem kindlichen Nein um? Und wie handhabe ich es überhaupt mit diesem Wort?“

Das N-Wort

Dieses Wort – wie wir alle schon gefühlt Tausend Mal gehört haben – ist basal wichtig für das gesamte Leben. Von der aktuell (endlich!) groß diskutierten sexuellen Selbstbestimmung, bis hin zur Abgrenzung, zum Schutz vor Überforderung und Erschöpfung: Das Nein ist einfach genial. Allerdings nicht genial einfach in der Ausführung.

Das Nein ist die Kür des Selbstbewusstseins. Das Nein fragt nicht danach, ob Nein-SagerInnen trotzdem lieb gehabt werden. Das Nein will schützen, ausdrücken, ablehnen, klarstellen. Es will nicht für Harmonie sorgen, sich anpassen, gemocht werden, lieb sein und helfen wie das Ja.

Wobei diese Klassifizierungen eventuell Klischees sind, die sowohl das Ja selbst als auch das Nein im Sinne des gleichberechtigten und vorurteilsfreien Umgangs ablehnen würden.

Schauen wir uns doch beide mal im von uns Eltern gel(i)ebten Alltag situativ an:

„Nein, es gibt jetzt keine Bonbons.“

Dieser Satz wird von Kinder zwischen rund 2 und 20 Jahren sehr ungehalten aufgefasst. Mögliche Reaktionen: Wutanfall mit und ohne Tränen sowie mit und ohne gesamten Einsatzes des Körpers, Betteln, Schimpfen oder vernunftbegabte Akzeptanz im Verbindung mit mühsam erlerntem Bedürfnisaufschub. Letzteres eher selten und überwiegend erst bei Kindern ab circa 21 Jahren gut zu beobachten.

„Nein, wir bleiben nicht länger hier. Wir fahren jetzt nach Hause.“

Nun, dies ist eine situationsabhängige Aussage: Beim Zahnarzt löst sie etwas mehr Begeisterung aus als auf dem Spielplatz oder beim Besuch einer befreundeten Familie mit netten Kindern, Kuchen und einem Kachelpool.

„Nein, du darfst deiner Schwester nicht an den Haaren ziehen! Hör sofort auf!“

Auch hier ist die Freude beim Hören des Satzes eher einseitig: Nur die Schwester mag Erleichterung zeigen. Ehe sie zur Rache übergeht. Dann ist ein weiteres Nein gefragt.

Das Nein ist knallhart. Bereits der Buchstabe N kann nach einer kontinuierlichen Benutzung über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten Unbehagen auslösen. Eine Nein-Phobie entwickelt sich. Viele Menschen sind betroffen.

Dies betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Hier sind es besonders (diverse, einige, nicht ganz so wenige) Männer, die eine Ablehnung als Vernichtung ihrer Gesamtgeschlechtsidentität nicht hinnehmen wollen und straffällig werden. Nein scheint also auch Gefahren zu bergen. Nein wird nicht immer akzeptiert. Und ist dennoch nötig.

Das sollte man also vorleben: „Ich akzeptiere Dein Nein“ ist absolut wichtig für die Entwicklung eines Menschen. Es steht für Akzeptanz und Respekt. Und sollte von beiden Seiten gelebt werden: Von Kindern und Eltern.

Akzeptieren lernen oder sanft umschiffen?

Anja von der Kellerbande beschrieb in ihrem Beitrag zur Blogparade, ein Nein könne man umschiffen, indem man es positiv umformuliert. Das ist eine sehr gute Idee – die ich auch immer gerne verwende, wenn sie denn umsetzbar ist.

Manchmal erscheint es mir wie eine Toddler-Tortur, wenn die anderen Familienmitglieder Nummer 4 genüsslich ein Nein präsentieren. Wie ärgert er sich und regt sich auf, wenn sie in dieser besonderen „Nun-lernst-du-etwas-über-Konsequenz-und-so“-Art das Four-Letter-Word einsetzen. Und dann weint er meistens. Komisch.

Nein! Niemals!

In der Tat finde ich „Nein, wir gehen jetzt nicht in den Garten. Nein, da regnet es.“ wesentlich unglücklicher formuliert als „Lass uns drinnen spielen, ja? Draußen werden wir im Moment einfach zu nass. Wir gehen raus, wenn es nicht mehr regnet.“

Na klar, gleich nach dem Essen

 

Allerdings ist es wichtig, Möglichkeiten zu bekommen, um zu lernen, das Nein zu akzeptieren. Daher sollte es dann und wann zum Einsatz kommen. Es zu umschiffen ist sicherlich sinnvoll, um das Kind nicht andauernd seiner gesamten negativen Gefühlspalette auszusetzen. Vor allem eben, wenn es noch klein ist. Zugleich aber sollte es begreifen, wo Grenzen sind. Das ist eine Erfahrung, die es unabdingbar für seine Entwicklung braucht.

Vorbild sein

Wie so oft. Nein – leider wie immer – ist es unerlässlich, ein Vorbild zu sein. Am besten ein gutes. Ein schlechtes Vorbild ist natürlich auch nicht zu verachten – oft ist es ja das Einzige, wozu man an manchen Tagen taugt.

Insgesamt sind wir ja aber immer darum bemüht, möglichst fehlerfrei durch die Elternphase des Lebens zu kommen. Auch wenn das vollkommener Irrsinn ist – aber so sind wir liebenswürdigen, liebenden Eltern eben: Wir wollen für unser Kind so viel Glück, Erfüllung und innere Sicherheit wie möglich. Das zeichnet uns aus.

Und wenn man nur ein gutes Vorbild ist, dann reagieren Kinder binnen kurzer Zeit wie in folgendem Beispiel:

Kind: „Nein, Mama, ich brauche keine Jacke. Neeeeiiiiin!“

Mutter: „Aber es sind nur 8 Grad draußen und es regnet. Du wirst krank. Und überhaupt: Kannst du das nicht mal positiv formulieren? Mich nervt dein dauerndes Nein!“

Kind: „O-okay: Ich möchte bitte lieber keine Jacke anziehen. Ich mag den Regen auf meiner Haut und im Auto ist es dann eh wieder so warm, dass ich schwitze.“

Mutter: „Na bitte. Geht doch. Hab ich dir doch auch so vorgemacht – das positive Umformulieren.“

Pö-hö. Ja, da könnt Ihr lange drauf warten, dass es so abläuft – aber es wäre nett, ne?

My beloved room: Die Meta-Ebene

Es geht aber in der Tat schon in diese Richtung, wenn man mit dem Kind die Meta-Ebene nutzt. Etwas, das ich persönlich eh immer gern mal empfehle: In Partnerschaften ebenso wie in der „Erziehungs“-Beziehung.

Die Meta-Ebene ist ein Ort, an dem weder Vasen noch Schimpfworte fliegen. Dort trifft Verstand auf Verstand. Und das Drumherum wird draußen gelassen. Ein sicherer Raum, in dem jeder sprechen kann. Der/die eigene, innere/r MediatorIn spricht und hört hier zu.

Bei uns geht das so:

„Okay, Kinder, ihr wundert euch, warum ihr in letzter Zeit mehr Aufgaben im Haushalt bekommt. Das erkläre ich euch, damit ihr nicht etwas übergestülpt bekommt, dessen Hintergrund ihr weder kennt noch zu dem ihr etwas sagen könnt. Ich habe das probeweise so eingeführt, weil ich bemerkt habe, wie ihr in eine Dysbalance geratet, weil ihr den gesamten Nachmittag im Bett liegt. Es ist wichtig, dass man Phasen von Entspannung mit Phasen von gesunder Anspannung abwechselt. Einseitige Überbetonung führt zu allerlei mistigen Gefühlen. Wie fühlt ihr euch, nachdem wir das nun einige Tage so ausprobiert haben?“

So habe ich das hier erst vor wenigen Tagen gesagt. Und schon habe ich die Kinder, die sich durch diese Art meines Respekts gewertschätzt und wahrgenommen fühlen, ein Stück weit auf der Meta-Ebene. Sie protestieren zwar dennoch maulend, wenn sie anschließend die Küche aufräumen müssen, aber sie tun es im Bewusstsein unserer Begegnung auf der Meta-Ebene. Und nehmen es an, weil sie zuvor einräumten, es sich eigentlich so zu wünschen: Mehr Aufgaben und dadurch auch mehr innere Ausgeglichenheit sowie das gute Gefühl, ein konstruktiver Bestandteil der Familie zu sein.

Die Meta-Ebene.png

Und das mache ich schon mit dem Kleinsten so.

„Ich würde dir supergerne gläserweise Bonbons geben, mein Süßmann. Aber das geht nicht. Dann würdest du schlechte Zähne bekommen und wärst irgendwann ganz dick und könntest krank werden. Leider darf ich das nicht. Ich würde gerne, aber es geht nicht.“

Ja, er weint dann trotzdem vielleicht im Gedanken an Gläser voller Süßkram, aber er versteht, dass auch ich nicht die allmächtige Entscheiderin bin. Es geht eben nicht um Macht, sondern um Notwendigkeit und Sachzusammenhänge.

Später sagte er dann: „Ich will noch einen Keks. Ich will dick werden. Das finde ich schön.“

Gut Ding will Weile haben und so …

Die Dosis macht’s

Das Nein verwende ich nicht inflationär, sondern mit Bedacht. Und meist lasse ich es einfach weg. Außer es hat konkret einen rhetorischen Nutzen.

„Können wir tauschen?“

fragt Nummer 4 gerne, wenn er sein Eis fast weggeschleckt hat und dann auf meines guckt.

„Nein. Ich habe mich auch auf mein Eis gefreut. Und du hattest schon eines. Aber ich lasse dich gerne mal lecken.“

Na klar kann die brave, aufopferungsvolle Mama hier sofort eilends und fast beschämt über das eigene Eisschleckbedürfnis hinweg ihre Kaltspeise komplett weiterreichen. Und genau das habe ich früher auch getan. Mir fehlte einfach der Mut, mich entgegen dem pädagogischen Mainstream zu verhalten (Hoch lebe der Mythos der aufopferungsvollen Mutter ohne eigene Bedürfnisse!). Das ist aber falsch. Denn die Lehre des Kindes hierdurch ist:

„Die sagt immer Ja und gibt mir alles. Als Mutter denkt man nie an sich. Wenn ich mal Mutter werde, dann gebe ich auch immer allen alles bis ich ganz leer und erschöpft bin. Ich bekomme als Kind immer, was ich will und als Erwachsene gar nicht mehr. Vielleicht sollte ich schön viel an mich reißen, so lange ich klein bin und dann am besten nicht erwachsen werden, denn immer mein Eis abgeben zu müssen stinkt mir bereits jetzt schon.“

Vielleicht ist es gut, Kindern zu zeigen, was wichtig ist. Und was nicht. Sich ein Eis zu gönnen ist gut und richtig. Sich alles wegschlecken zu lassen nicht unbedingt. So sehe ich das zumindest inzwischen. Daher gibt es dann ein gesund abgegrenztes Nein von mir.

So viel aus unserem Hause zum Thema Nein.

 

 

 

 

 

Die Mutter-Kind-Kur, Epilog

Wie angekündigt schreibe ich nun, wie es nach der Rückfahrt von der Kur mit Reifenpanne weiterging.

Wir warteten also zwei Stunden auf den ADAC, es war inzwischen kalt und dunkel, der gelbe Engel telefonierte im Auto mit der Zentrale, um abzusprechen, wie es nun weitergehen sollte.

Einen Mietwagen wollte ich nicht, weil a) Nerven am Ende und keine Lust auf noch über 2 Stunden Fahrt mit 4 Kindern, die allesamt Hunger hatten. Wie ich auch. Und weil b) im Mietwagen kein passender Autositz für Nummer 4 sein würde und ich den Reboarder nicht im Dunkeln und ohne Anleitung würde umbauen können und weil c) ich nicht am kommenden Tag wieder 5 Stunden Fahrt erleben wollte, um mein Auto abzuholen und gegen den Mietwagen zu tauschen.

Ich klopfte an die Scheibe des ADAC-Mannes und teilte ihm die Sachlage mit. Er nickte und berichtete dem Menschen in der Zentrale.

Als er ausstieg teilte er mir mit, dass man für uns ein nahes Hotelzimmer suchen würde und wir dann morgen mit ausgetauschten Reifen zurückfahren könnten. Ich stimmte zu und folgte dem gelben Wagen im Schneckentempo zur nächsten Werkstatt. Dort informierte ich Mr. Essential und der schwang sich in Richtung Bahnhof aus dem Haus:

„Wir freuen uns schon seit drei Wochen auf diesen Tag, an dem wir wieder alle zusammen sind. Ich habe eine BahnCard – ich komme nach Paderborn.“

Ich telefonierte mit dem ADAC-Zentralen-Mann, um mitzuteilen, was genau für eine Unterkunft wir denn brauchten:  Fast alle Hotels waren wegen des Weihnachtsmarktes ausgebucht und unsere Ansprüche (6 Personen inklusive Kleinkind, das Babybett braucht) erschwerten die Suche.

Derweil versorgten sehr liebenswürdige Werkstattmitarbeiter*innen meine Kinder mit Gummibärchen und Malblättern. Es dauerte wieder eine kleine Ewigkeit, bis es weiterging. Ich telefonierte mehrere Male mit dem ADAC-Zentralen-Mann, der sein Bestes tat, ein Hotel für uns zu finden und dann mit einem Taxiunternehmen nach dem anderen: Keines hatte einen Wagen mit Kindersitz. Also absolut keines.

Letztlich blieb mir nichts übrig: Ich musste den Sitz von Nummer 3 (Sitzerhöhung mit Rücken- undKopfschutz) nehmen, sie so wie möglich einstellen und Nummer 4 reinsetzen. Nummer 3 kam auf eine eingebaute Sitzerhöhung.

Luxus pur, fast gratis

Der Taxifahrer schlich dann mit 40 km/h los und brachte uns in das Vier-Sterne-Hotel, in dem wir die Nacht verbringen würden.

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Das Fenster vom Bad ins Zimmer war prima um beim Duschen fernzusehen – ein Lautsprecher lieferte den Ton dazu …

Wir checkten ein, verteilten uns auf die drei Zimmer und trafen uns dann alle in meinem Zimmer. Ich schaltete den Fernseher ein – eine seltsame Erfahrung (ich tue das ja höchstens ein Mal im Jahr) und kaum saßen wir, wuselte Nummer 4 herum, fummelte alles interessiert an, klaubte den Kuli vom Schreibtisch, wollte damit die Wand bemalen und so weiter. Ich atmete ruhig in den Bauch, um nicht in Stress zu verfallen …

Für ihn stand ein Reisebett (auf dem Bild rechts zu sehen) am Fußende des Bettes. Ich fragte mich, wie wir da nachher gut einschlafen sollten. Denn ich würde nicht um 20 Uhr müde sein – Nummer 4 jedoch schon …

Unsere Mägen knurrten und in Anbetracht der Tatsache, dass das Kleinkind mit seinen verständlicher Weise neugierigen Patschehändchen meine verständlicher Weise malträtierten Nerven malträtierte, sprang ich auf.

Wir holten uns etwas zu essen (Pommes mit dick Mayo!) und begegneten auf dem Weg in der Tat doch den drei netten gelben Engeln aus der Werkstatt, die uns eine Dönerbude empfahlen, woraufhin wir ihnen einen schönen, späten Feierabend wünschten.

Später kam Mister Essential an, wir freuten uns alle sehr, zusammen zu sein und unterhielten uns ein bisschen. Nummer 3 und Nummer 4 durften derweil baden und durch das Fenster im Bad zu uns winken. Dann verteilten sich Nummer 1 und 3 in ihr Zimmer sowie Nummer 2 in ihr Einzelzimmer.

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Die Aussicht war toll – kann das Foto kaum wiedergeben

Die Nacht war so … ha, ha … speziell. Zuerst wollte Nummer 4 in das Reisebett. Dann nicht mehr. Mister Essential brachte die Größeren zu ihren Zimmern und so war ich mit dem Toddler alleine. Es war richtig spät – so gegen 22:30 Uhr. Ich legte mich kurzerhand mit ihm hin und lenkte ihn mit einem „Der Sendung mit der Maus“ auf Amazon Instant von der Tatsache ab, dass er schlafen sollte. In einer fremden Umgebung. Und eigentlich lenkte die Maus auch mich ab.

Ich kuschelte mit ihm und  – er schlief nach wenigen Minuten ein. Mister Essential gesellte sich dazu. Zuerst war es sehr süß, flüstern zu müssen und den schlafenden Süßmann zu beobachten. Nach einer halben Stunde war das Süßfinden jedoch aufgebraucht und ich versuchte, aufgedreht wie ich nach so einem Tag war, irgendwie zur Ruhe zu kommen. Ich machte mir also ganz, ganz leise „Die Barbiere“ von Mark Twain an (Kurerprobte Einschlaf-Hilfe, Ihr wisst?).

Kaum fielen endlich meine Augen zu, rollte sich Nummer 4 quer in’s Bett. Ich lag auf den berühmten 30 Zentimetern und war hellwach. Ich sah zu Mister Essential: Ihm ging es genau so. Der Rest der Nacht verlief so: Kaum waren wir eingeschlafen und manchmal im REM-Schlaf, setzte sich Nummer 4 im Bett auf, sah sich um und legte sich wieder hin. Wir waren hellwach. Oder er trat. Oder er summte. Oder er legte sich quer. Oder er rollte sich. Dabei öffnete er nie die Augen. Wir aber jedes Mal

Morgens sah er sehr zufrieden aus. Und wir genau so, wie wir uns fühlten: Wie die Zombies.

Mister Zombie: „Das war also meine erste Nacht mit Familienbett,“ er schlurfte mit nach vorn ausgestreckten Armen Richtung Bad, wo er sich auf den Badewannenrand sinken ließ und sich gähnend das Gesicht rieb, „und meine letzte.“

Wir wussten gleich, wir würden uns noch oft daran erinnern und es lustig finden, wie so viele Dinge im Leben, die man hinterher umbewertet, wenn die negativen Effekte erst verflogen sind.

 

Das Frühstück war sehr gut – es gab ein riesiges Büffet und wir besprachen schon mal die anstehende Weihnachtszeit, um an etwas Schönes zu denken und den Stress des vergangenen Tages loszulassen.

Nach dem Frühstück gingen Mister Essential, Nummer 3 und Nummer 4 ein bisschen bummeln. Bei dieser Gelegenheit entdeckten wir einen kleinen Laden für Abend- und Brautmoden. Dort suchten wir dann spontan die Kommunionsschuhe für Nummer 3 aus. So hatten wir ein sehr schönes Andenken an den Trip nach Paderborn. Anschließend vertrieben wir uns die Wartezeit auf mein Auto damit, ein paar Klamotten aus dem Sale einer großen Modekette zu erstehen. Hier waren auch die beiden großen Mädels dabei.

Gegen Mittag fuhren wir dann nach einem Snack los in Richtung Heimat.

Wo wir ohne Zwischenfälle ankamen.

Endlich zuhause

Es war so picobello ordentlich. Bis wir unsere 100 Koffer und Taschen und Tüten hineintrugen.

Nummer 3 meldete an, ihr sei etwas blümerant – aber sie ging im allgemeinen Auspacken und Räumen etwas unter. Und irgendwie schoben wir es auf die Fahrt. Oder so.

Nun kam dann auch endlich der Moment, auf den ich mich so gefreut hatte: Es gab Glühwein und der Adventskalender konnte ausgepackt werden.

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Es muss das „Innere Kind“ in mir gewesen sein, das sich so sehr darauf gefreut hatte: Der Adventskalender

Ich nahm die Schere, mit der wir nacheinander unsere Geschenke von der Gardinenstange schnibbeln würden und … es klingelte an der Tür.

Nummer 3s Freundin, die sie sehr vermisst hatte, stand dort. Und schon konnte ich umsetzen, was ich in der Kur gelernt hatte. Ich wollte endlich diese schöne halbe Stunde mit der Familie. Nummer 3 wollte das auch, aber eben auch raus. Ich entschied, nachdem ich in mich gehorcht hatte, dass wir zuerst in Ruhe auspacken wollten, was Nummer 3 der Freundin mitteilte. Und diese mit: „Ich warte dann vor der Tür“ kommentierte. Da saß sie dann und trommelte mit den Fingern gegen die Scheibe. Nummer 1 ging darauf zur Tür und erklärte knapp den Sachverhalt mit der Bitte, bitte einfach nach Hause zu gehen – Nummer 3 käme dann zu ihr.

Das Auspacken war dann wirklich superschön und mit jedem Augenblick fühlte ich mich zuhause weniger fremd.

Wir packten weiter aus, Nummer 3 schwirrte ab.

Abends, als sie zurückkam war ihr noch blümeranter. Noch später musste sie sich dann übergeben. Nummer 1 trug ganz fürsorglich eine Matratze neben Nummer 3s Bett, um ihr vorzulesen. Nummer 3 hatte immer wieder Angst vor’m Brechen. Ich machte ein spontanes Puppenspiel mit ihrer großen Plüschbiene, der angeblich noch viiiiel schlechter war und die sich noch viiiiel mehr vor dem Brechen fürchtete. Sie lachte immer wieder tapfer. Und musste immer wieder brechen.

Nummer 1 schlief bei ihr, um sie zu beruhigen (Geschwister können großartig sein, hm?)

Der nächste Tag bestand aus Erledigungen und einem alltäglichen Erleben: Schule, Tagesmutter, Wäsche waschen …

Die Kinder hatten noch drei Tage Schule vor sich, dann würden die Weihnachtsferien starten. Mister Essential freute sich auf seinen Urlaub – einen Tag vor Ferienbeginn. Und ihm wurde blümerant. Und er bekam Nummer 3s Virus. Und ich kümmerte mich um ihn.

Und 48 Stunden darauf musste ich plötzlich zur Toilette rennen. Und ich lag echt zwei Tage flach. Und rannte zum Klo. Und ich hasse Erbrechen so sehr. Ich hatte immer richtig Panik davor. Überhaupt hatte ich Panik vor Magen-Darm-Infekten und den letzten erlitt ich als Nummer 3 ein Baby war – also vor fast 9 Jahren. Aber nun war es so weit und meine Kotz-Angst (Fachwort: „Emetophobie“) wurde zu einer Crash-Therapie.

Das war aber irgendwie toll, denn ich konnte einfach liegen, mich mies fühlen und Mister Essential arrangierte alles. Er brachte Nummer 4 zur Tagesmutter machte Homeoffice an seinen letzten beiden Arbeitstagen und ich musste nur zum Klo rennen. Und wurde meine Emetophobie los. Weil ich es ganz einfach nicht so schlimm fand. Obwohl es heftig war.

Meine liebe Freundin Cathérine hatte mal gesagt: „Du hast keine Angst vor’m Kotzen als solches. Du hast Angst vor Kontrollverlust. Aber in Wahrheit musst du dich mal so richtig auskotzen. Das täte dir gut. Wenn du mal brechen musst, dann tu es in dem Gedanken, endlich alles loszuwerden.“ Ja, das war sehr weise Kotz-Philosophie. Sie ist ohnehin eine sehr kluge und weise Frau, aber das nur nebenbei. Und so war sie es, an die ich dachte, während ich über dem Eimer hing. Freundschaftliche Romantik pur.

Ich freute mich in der Tat darüber, alles mal auszukotzen. Und als ich es los war freute ich mich auf Weihnachten und darauf, meine ganzen Lehrsätze und Leitideen der Kur umsetzen zu können. Sobald ich dazu käme. Wenn mal kurz das Leben anhalten würde, damit ich loslegen konnte. Das würde es ja ganz sicher bald tun. Oder?

Kurz nachdem ich diese Gedanken hatte trudelten in meiner WhatsApp-Gruppe der „Kur-Mädels“ die ersten Nachrichten vom vorweihnachtlichen Stress ein. Und davon, dass man es als Mutter eh vergessen könnte, mal zu entspannen. Und ich stellte mich beim Lesen innerlich auf stur:

„Ich werde definitiv einiges verändern. Dann dauert es eben! Nix da – Mütter könnten eh nicht entspannen!“

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Weihnachtsstimmung: Nicht immer einfach, sich einzulassen

Ich fand die Gefühle und Beobachtungen, dass es sauschwer ist, aus seinen inneren Programmen heraus zu kommen, so wertvoll! Weihnachtsstress rund um Kochen und Familienbesuch war da sehr geeignet. Ich las, was in meinen Kur-Kolleginnen vorging und spürte in mich hinein, was das genau mit mir machte. Welche Zweifel es ansprach und welche Hoffnungen.

Weihnachten

Weihnachten war, äh, ganz nett. Ich verbrachte 1,5 Stunden damit, herumzukriechen und den Müll der Geschenkverpackungen aufzuheben sowie Spielzeug aus ihren Verpackungen zu lösen wie einst Houdini sich selbst. Ich freute mich über meine eigenen schönen Geschenke. Und spürte nach, wie sich der Besuch meines Schwiegervaters und meiner Schwägerin anfühlte. Und fragte mich, was meine Mutter, mein Vater und mein Bruder wohl an diesem Abend machten. Und das machte mich traurig.

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Weihnachten mit gemischten Gefühlen, trotz funkelndem Baum

In den folgenden Tagen, die in das neue Jahr hineinführten, begriff ich, dass man lange braucht, um sich zu verändern. Und wie tief alte Programme sitzen. Ich freute mich, mich zur Kur-Nachsorge in meinem Wohnort (diese findet bei der Caritas statt) angemeldet zu haben, um mit diesem Prozess nicht alleine zu sein. Dort treffen sich sechs Mal zehn Frauen mit Burnout gemeinsam mit einer Therapeutin.

Dran bleiben!

Eine Therapeutin in der Kur hatte gesagt:

„Bitte denken sie nicht, sie kämen zurück in ihr Leben, seinen voller Kraft und würden lospowern und alles sei zugleich entspannter als vorher, weil sie es durch die Kur sind. Das Leben ist immer gleich. Nur sie sind es, die sich verändern kann, um ihm anders entgegenzutreten.“

Diese drei Sätze sind Gold wert. Denn genau so ist es. Man bekommt Impulse, die sehr wertvoll sind. Man muss sich der Erfahrung einer Kur ganz aussetzen. Dazu sollte man sehr achtsam sein, um wahrzunehmen, wie sich einzelne Anwendungen, Gespräche und Therapien anfühlen. Und wie man sich selbst verändert.

Es ist wichtig, Veränderung bedingungslos zu wollen und zu bejahen. Und es muss einem klar sein, dass Widrigkeiten auftreten werden. So als wolle jemand (das ist man in Wahrheit übrigens selbst) prüfen, ob man auch ganz sicher sei, etwas ändern zu wollen.

Der Alltag stoppt nicht. Mein Kalender ist nach wie vor fast täglich mit Terminen gespickt. Es geht zum Arzt, zum Kinderarzt, zur Kur-Nachsorge, mal zu einer Freundin oder zum Lehrergespräch. Dabei ist genau der gleiche Haushalt zu bewältigen. Die Herausforderungen sind gleich. Sie stressen mich nur nicht mehr wirklich. Außer, ich habe das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, weil es zu viel ist.

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„Rumms!“ Der Alltag ist wieder da …

Dann priorisiere ich Aufgaben. Und lege eine Anzahl fest (höchstens 4 Extra-Aufgaben neben dem alltäglichen Kram). Und der Rest kann mir für diesen Tag gestohlen bleiben. Die wichtigste Aufgabe nach oben, dann nach unten hin immer „unwichtiger werden“. Man erledigt von oben weg, was man eben schafft und lob sich in Gedanken für jeden Haken, den man danach setzt.

Abends kann man aufschreiben, was man alles bereits am Tag erledigt und geschafft hat. Man wundert sich meist, wie viel das war. Und wieder erkennt man dies vor sich an.

In diesem Leben habe ich schon genug mit- und durchgemacht. Ich lasse mich nicht mehr stressen, weil irgend jemand erwartet, dass ich einen Möhrenkuchen für die Lesefest backen oder bitte bereits gestern unterschriebene Schulzettel abzugeben habe.

Man muss innerlich täglich am Ball bleiben. Die Kur-Nachsorge ist eine sehr gute Unterstützung für mich bei diesem Prozess – das würde ich jeder Mutter nach der Kur empfehlen.

Soweit also zu meinem Ankommen im Alltag nach der Kur.

Epilog-Epilog

Ich habe mir übrigens ein neues Auto gekauft.

Klar, so: „Reifen kaputt- neues Auto muss her.“

Im Ernst: Es war für mich ein äußeres Zeichen, dieses Liegen-Bleiben auf nicht mal halber Strecke zwischen Erholung und Zuhause. Ich mochte meinen C8 sehr. Auch mit dem Platten. Er hatte sogar einen Namen – er war eigentlich eine Sie: „Madame Celeste“. Und wir nannte sie auch immer „Die Madame“, meinen eleganten, rauchgrauen Van.Und schaukelten auf ihren irre bequemen Sitzen in unsere Urlaube und durch den Alltag.

Und dann sah ich mein neues Auto stehen – genau da, wo wir uns nach der Rückreise beschweren gingen über die falsch eingestellte Spur. Der Schaden an „der Madame“ wurde behoben, das Autohaus, beziehungsweise die Werkstatt desselben, entschuldige sich. Und ich entdeckte meinen neuen Wagen. Schwarz, schnittig und mit Chrom und mit Alufelgen. Und mit Technick-Schnickschnack. Und seine Kofferraumklappe öffnet und senkt sich elektrisch. Und die Schiebetüren natürlich auch (damit hatte uns unsere Madame schon total verwöhnt und wollten darauf nicht verzichten) und überhaupt ist er großartig und hört auf Sprachbefehle, hat tausend Fahrassistenten und eine Rückfahrkamera und er zeigt mir die aktuellen Verkehrsschilder auf dem Display an und ich höre mein Hörbuch während der Fahrt via Bluetooth und, und, und … er ist ein Er, der „Señor“.

Das Auto steht in seiner Symbolik für die Art, sein eigenes Leben zu führen. In Träumen kann es ebenfalls ein Hinweis auf das eigene Leben sein. Träume, in denen man die Kontrolle über den Wagen verliert, eingeschlossen wird oder nicht bremsen kann, haben einen direkten Bezug zur Lebensführung. Da frage ich mich, was der Kauf des Señors bedeutet …

Wenn Interesse besteht, schreibe ich gerne noch über die Nachsorge und praktische Tipps für den Alltag, mit denen man ein positives Herangehen schulen kann. 

Würdelos

Nummer 3 ist ja schwer verliebt in Friedrich, der Junge, über den sie so poetisch sagte, er sei der Honig für die Bienen.

Ich finde den Knaben auch sehr sympathisch und er ist, mal ganz klassisch gesagt, äußerst gut erzogen. Daher spreche ich gern spaßend über ihn als meinen Schwiegersohn.

Vorhin im Auto ging es wieder um ihn:

Nummer 3: „Manche aus meiner Klasse sind schon zusammen. Manche gehen mit einem Jungen. Die Gunhilde ist mit dem Klausi zusammen und die  Mirabella mit dem Friedrich.“

Ich geschockt: „Was? Wie? Deine Freundin MIrabella? Mit dem Bienenhonig? Ja, aber …“

Nummer 3: „Ja also, die waren zusammen. Friedrich hat Schluss gemacht. Ich glaube, sie hat ihn zu sehr genervt, hat er gesagt.

Kurze Pause. Dann: „Ich denke, er hat bemerkt, dass sie unter seiner Würde ist.

Okay, Mirabella, Du Freundin meiner Tochter, die unter der Würde meines Schwiegersohns ist: Das war die erste Lektion in: Im Krieg und in der Liebe …

Wir haben es getan!

Wir haben es getan!

Yeah, wir haben gestern und heute Eier gefärbt.

Ohne Ostereierkleid und Dauergrinsen. Dafür aber in der Tat mit etwas Spaß. Zumindest, nachdem wir Nummer 4 beschäftigt hatten und er sich nicht mehr nölend an unsere Beine klemmte (im Hintergrund rechts Teile der Dauerbaustelle hier …).

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Nummer 3 als Fachfrau für Farben und Schmierereien schritt zu Werke:

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Hier benutzt Nummer 2 die Eierstempel – solche hatten wir nie zuvor ausprobiert und waren neugierig …

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… sah ganz einfach aus …

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… war es aber nicht:

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Und das Ergebnis? Na ja, mal ehrlich:

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Dann machten wir Brillant-Eier. Klingt nobel. War ein bisschen Sauerei, aber nur ein bisschen. Dafür machte das Geschmiere allen Spaß. Mir auch.

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Und heute dachten wir, 30 Eier seien vielleicht zu wenig. Wir haben noch 20 weiße gekauft und dann sehr hübsche Farben verwendet. So sehen unseren gesammelten Werke nun aus und warten auf ihren Einsatz am Sonntag:

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Dann werden sie getätscht – eine alte Tradition der Familie Mr. Essentials.

Nach dem Tätschen (dem Aneinanderhauen durch zwei Personen mit je einem Ei in der Hand) sehen sie dann so aus wie Nummer 2s verunglücktes Stempel-Ei …

Löblich einsichtig

Nummer 1 und Nummer 2 haben heute einen Klassenkameraden zu Besuch. Sie sitzen oben im sonnenhellen Zimmer von Nummer 2 mit zwei Laptops und spielen Minecraft.

Das Mittagessen nahmen sie mit hoch. Dann brachte ich ihnen ein Schälchen mit Süßem. Das naschten sie. Dann hörte und sah man wieder nichts.

Gerade kommt Nummer 2 zu uns nach unten:

„Hallo Mum und Dad.“

Sie installierte sich im Türrahmen.

Ich: „Hey Süße! Wollt ihr vielleicht ’ne Pause machen und mal ein bisschen rausgehen?“

Sie: „Nö.“

Ich: „Wäre es vielleicht besser, ’ne Pause zu machen und mal ein bisschen rauszugehen?“

Selbstironisches Grinsen. Sie: „Ja.“

Nun folgen sie dem Tipp des nichtexistenten Ratgebers für die Gamer-Gesundheit und spazieren einmal um den Block …

Ein Gedicht von Nummer 3

Timo sitzt im Knast

Am heutigen Tage, wo die Sonne hoch am Himmel steht

Und wo es Timo schlecht ergeht:

Denn er sitzt im Knaste und dreht die Daumen,

Zum Frühstück gab’s verschimmelte Pflaumen.

Dieser Tag fing nicht nur furchtbar an –

Timo denkt: Ob er noch schlimmer werden kann?

Ja, das konnt‘ er, wohlgemerkt,

Er dachte: „Der Knast wurd‘ von jemand Starkem gestärkt.“

Denn Ausbrechen war ziemlich leicht,

bis der starke Mann kam vorbei geschleicht:

„Entschuldigung, dass ich störe, ich wollte mich hier anmelden.

Denn ich gehöre zu den starken Polizei-Helden.“

Der Gefängnis-Wärter sagt:

„Und haben sie noch einen Grund dafür?“

„Ja, der Timo, der sitzt hier.

Ich muss mich für seinen Diebstahl rächen.

Denn ich hatte einen großen Stier,

Den stahl er mir. Jetzt muss er blechen!“

Der Timo hörte alles mit.

Er sagte: „Ach du Sh**.“

Man sagt, dass der starke Mann

Alle Leut‘ zum Schmause machen kann.

Jetzt lief der starke Mann zu Timos Zelle ran.

Doch die Zelle steht ja leer!

Es war ganz geheim bisher:

Timo ausgebrochen ist.

Der starke Mann sagt:

„So ein Mist.“

Timo läuft in die Welt hinaus,

er läuft so schnell er kann nach Haus‘.

Pflaumen isst er nun nicht mehr.

Er tarnt sich – die Polizei sucht ihn sehr.

Finden tut sie ihn ja nicht,

Aber das ist ihre Pflicht!

Timo hat ’ne neue Frisur –

Wie soll’n sie ihn erkennen nur?

Ich mag die Binnenzäsur am Ende der dritten Strophe – die ist so heinz-erhardt-mäßig irgendwie 😀

40 Tage ohne

40 Tage ohne

Ich habe mit dem Fasten gute Erfahrungen gemacht.

Allerdings faste ich nicht auf der geistig-physischen Ebene, sondern nur auf der geistigen. Ich verzichte hierbei also nicht auf bestimmte Lebensmittel. Vor ein paar Jahren habe ich mit dem Fasten begonnen. Ich nahm mir im ersten Jahr Folgendes vor: Keine Lügen, keine Ausreden, keine Ausflüchte – nur die Wahrheit. Ich verzichte auf Unwahrheiten.

Und das gefiel mir in den 40 Tagen so gut, dass ich es beibehielt. Ich spürte, dass die Menschen, die mein Fastenziel kannten, mir viel mehr Vertrauen entgegenbrachten. Ich spürte, dass sie sich gewertschätzt fühlten, weil ich sie nicht mit klassischen Ausreden „abspeiste“, wenn ich zu spät kam oder etwas verbaselt hatte. Ich hatte den Eindruck, Menschen spüren, wenn sie belogen oder angeflunkert werden.

Ich sage beim Zuspätkommen ungefähr so etwas: „Es ist mir unangenehm, dass ich zu spät bin, aber ich habe meinen Hintern nicht früher hochbekommen. ich bin heute einfach unmotiviert und müde. Entschuldige“ oder beim Verbaseln: „Tut mir leid, ich hatte Aufschieberitis. Hab ich echt selten, aber nun hatte ich sie und daher habe ich das-und-das nicht rechtzeitig fertig bekommen.“ Schwieriger sind die White Lies. Also jedes „Du bist zu dick für dieses Kleid.“ Da habe ich mich inzwischen einfach auf Diplomatie und Empathie besonnen. „Ich finde, das Kleid steht dir nicht ganz so gut, es wirft Falten an genau den Stellen, an denen du sie bestimmt nicht haben willst“ ist nicht unbedingt immer einfach auszusprechen. Manchmal wartete ich mit den (meinen) Wahrheiten auch einfach lange auf den richtigen Augenblick. Das Verschweigen in der Zwischenzeit habe ich dann aber nicht auf’s Konto notiert.

Ich habe nämlich ein kleines Konto im Kopf, auf dem ich zahlenmäßig meine Fehltritte notiere. Jedes unwahre und leider so verführerisch einfache „ich muss den Termin absagen, weil ein Kind krank ist“ landete dort. Ich bin nach vier Jahren inzwischen bei 28 Unwahrheiten gelandet – die meisten davon waren Ausreden.

Letztes Jahr habe ich mir das Fasten ein Mal geklebt. Ich war im ersten Babyjahr und verzichtete bereits auf Schlaf, Spaß, Entspannung, Freizeit und Selbstbestimmtheit 😀

Dieses Jahr habe ich die ganze Familie eingeladen, das Experiment des geistigen Fastens mit mir zu teilen. Ich sagte, wer Lust hat kann mitmachen. Niemand muss. Sie wollten alle. Daher habe ich kleine Kärtchen vorbereitet, die ich für jeden mit einem schon leicht österlichen Aufkleberchen versah. Jeder bekam eines und schrieb sein Fasten-Vorhaben auf. Wir hängten diese an den Seidenblumenstrauß, den wir in Richtung Ostern mit immer mal wieder einem österlichen Anhänger dekorieren werden, bis er fertig ist.

Es ergaben sich beim Ausfüllen der Karten folgende Gesprächssequenzen:

Nummer 1: „Was soll ich nur nehmen? Ich hab verpennt, mir etwas zu überlegen. Auch wenn Mama mich tausend Mal dran erinnert hat. Hab’s wohl irgendwie aufgeschoben bis es zu spät war. Öhö …“

Mr. Essential: „So wie ich das verstehe soll man auf etwas verzichten, von dem man sich befreien möchte. Oder auf etwas, dessen Wert man erfassen will. In deinem Fall empfehle ich Ersteres. Schreib doch drauf: Ich verzichte auf meine Aufschieberitis.“

Nummer 1 (lachte selbstironisch <-tolle Eigenschaft ihrerseits): „Das kann ich gleich lassen. Das schaff ich nie.“

Wir bestärkten sie allesamt darin, es zu versuchen und ich erklärte noch mal, dass wir uns jeden Tag ein bisschen davon erzählen wollen, wie der Verzicht so bisher klappt und welche Erfahrungen man dadurch macht. Wir sagten ihr, dass wir glauben, dass sie es viel besser schaffen kann als sie selbst glaubt. Da notierte sie plötzlich den Vorschlag ihres Vaters und war zufrieden.

Ich: „Um ehrlich zu sein weiß ich nicht genau, wie ich mein Vorhaben aufschreiben soll.“

Nummer 3 (als heiliger Augustinus ja quasi Profi im Thema): „Was ist denn dein Fastenziel? Willst du von etwas den Wert erkennen oder dir was Gutes tun? Oder was genau?“

Ich: „Ich würde es gut finden, wenn ich es schaffe, wieder etwas besser dafür zu sorgen, dass ich meine Freiräume und Bedürfnisse schütze und mich im Gleichgewicht halte. Ich verliere das Wissen zu oft aus den Augen, dass ich mich gesund abgrenzen sollte.“

Nummer 3: „Schreib doch auf: Ich will mich endlich durchsetzen. Das wäre genau das, was du brauchst.“

Ich (leicht verdattert von ihrer punktgenauen Analyse): „Äh, der Satz soll aber beginnen mit Ich verzichte auf …

Nummer 3: „Dann eben: Ich verzichte auf Selbstaufgabe.“

Verblüfft (obwohl ich sie ja eigentlich doch gut kenne) nahm ich den Stift und schrieb.

Nummer 3 liebt seit Jahren meine Ehrlichkeit und notierte für sich selbst das gleiche Ziel. Wobei sie sagte, es sei für sie härter, weil sie ein Kind sei und die schneller und mehr lügen würden. Ich sagte ihr, dass ich das bezweifle, weil Erwachsene allein schon mindestens so viele Ausreden benutzen wie Kinder. Zudem sei es auch wichtig, auf Selbstlügen zu verzichten und genau das falle Erwachsenen oft richtig, richtig schwer.

Nummer 2 wollte darauf verzichten, aufbrausend zu sein. Aber sie notierte auch gleich noch, dass sie keine emotionalen Ausraster zeigen wolle. Nichts Hysterisches, nichts Aggressives, keine Beleidigungen und sie wollte das Petzen an den Nagel hängen. Statt nur eines Vorhabens hatte sie sich gleich ein Paket geschnürt, diese kleine Perfektionistin.

Ich bin nun gespannt, wie das ab morgen so laufen wird. Vielleicht berichte ich hier ja zwischendurch mal ein wenig darüber.

Nicht untypische Momentaufnahme aus dem Leben mit Kindern

Die Mädels hatten beschlossen, sich durch das Spazierengehen mit Nummer 4 Medienminuten zu verdienen. Diese setzt man bei uns ein, um eben Medien nutzen zu dürfen. Man erhält sie durch Bewegung an der frischen Luft. Es ist eine Währung mit knallhartem Wechselkurs, die aber von den Kindern sehr geliebt wird.

Bereits gestern kündigten sie an, einen nachmittäglichen Spaziergang machen zu wollen. Heute warteten sie ungeduldig und gefühlt 1000 mal nachfragend darauf, dass ihr Mini-Bruder aufwachte. Als es endlich so weit war, rannte Nummer 3 nach oben. Ich (beschäftigt) rief ihr nach, dass sie ihn doch ohnehin nicht aus dem Bett heben könne und sich besser eine größere Schwester mitnehmen solle. Abwinkend verschwand sie, um zwei Sekunden später durch das Haus (und das Babyphone) Nummer 1 zu rufen. Immer lauter und immer ungeduldiger quakte sie den Namen durch das Haus. Schließlich stand Nummer 1 augenrollend auf und ging ins Wohnzimmer, um sich dort auf das Sofa zu setzen.

Ich fragte, ob sie nicht höre, dass Nummer 3 Hilfe brauche und dass Nummer 4 bereits meckere, weil er endlich aus dem Bettchen wolle. Sie brummelte etwas von „Ja, die kann doch wohl auch Nummer 2 rufen. Ich bin beschäftigt“. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits etwas angenervt, blieb aber wie gewohnt (zu) freundlich. Ich komplimentierte sie nach oben und bald kamen sie zu Dritt wieder herunter. Kurz darauf folgte Nummer 2.

Sie holte in der Tat ohne Murren den Kinderwagen aus dem Auto und brachte ihn vor die Tür während Nummer 1 den Kleinen in den warmen Overall steckte. Ich argwöhne, dass sich Nummer 2 so schnell für das Kinderwagenholen meldete, weil sie weniger Bock darauf hatte, die quirlige Nummer 4 in den Overall zu stecken. Aber gut. Nummer 2 und Nummer 3 wollten mit den Inlinern fahren. Bereits gefühlte 1000 Mal hatte ich gesagt, dass Inlinern und Kinderwagenschieben im Grüppchen kontraproduktiv für das Fortkommen ist und sie bei solchen Aktionen schnell die Lust verlieren, weil mindestens Nummer 3 nur mit Gezeter und/oder Gejammer und meterweise Abstand hinterher inlinert. Ich sagte nichts weiter dazu. Sie würden eben herausfinden, ob es Spaß macht. (Sie hatten in den erwähnten 1000 Malen zuvor bereits herausgefunden, dass es keinen Spaß macht)

Irgendwann zog es so eisig zu mir um die Ecke und ich stand auf um nachzusehen. Eigentlich hatte ich das im Sinne der Selbstständigkeit nicht tun wollen. Immerhin sollten sie nur ein Kleinkind in einen Kinderwagen setzen. Der eisige Hauch rührte daher, dass sie die Haustür zu lange offen gelassen hatten. Im Flur lagen Schuhe herumgeworfen. Weil sie sich ja für Inliner entschieden hatten. Sie riefen mich. Ich ging nach draußen, wo Nummer 1 mit recht wenig Elan versucht, Nummer 3 in den Fußsack des Wagens zu stopfen. Ich stand frierend auf Hausschuhen im Nieselregen, verpackte den Kleinen, zog die Regenhaube auf den Wagen (denn beim Tempo der Schwestern wäre er nass bevor es losging) und ging wieder rein.

Dort sah ich mich um und entdeckte in exakt jedem Raum der unteren Etage sowie auch auf den Sofas Popcorn. Popcorn aus der zyklopischen (nun fast leeren) Karnevalsleckerchen-Schüssel. Also nutzte ich die Ruhe des Spaziergangs nicht für etwas Entspannendes, sondern holte den nervtötenden Staubsauger runter. Dem fällt seit der letzten Behandlung durch Mr. Essential dauernd ein Rad ab und die Kinder haben die Plastikschiene geschrottet, in die man das Rohr einrastet, damit man den Sauger kompakt hinstellen kann und das Rohr nicht irgendwo anlehnen muss. Nach der letzten Benutzung durch Nummer 1 (gestern, wegen Popcorn überall…) war der Staubbehälter des beutelfreien Saugers natürlich nicht geleert worden wie es angeordnet wurde. Und so durfte ich das auch zuerst tun.

Ich saugte die untere Etage, räumte auf und schob mir dann zwei Scheiben Brot in den Toaster (mein glutenfreies Brot, das ich heute bekam, als ich mit dem noch nicht abgelaufenen aber verschimmelten Vorgänger-Brot zum Supermarkt fuhr um mich zu beschweren) und machte mir einen Tee.

Das sah dann wohl so verdächtig nach einer Auszeit für Mama aus, dass die Kinder auf ihrem Spaziergang eine star-wars-mäßige Erschütterung der Macht spürten. Denn kaum saß ich mit zwei köstlichen Scheiben Toast und einem ebenfalls leckeren Tee auf dem Sofa, hörte ich Nummer 2 miesgelaunt das Haus betrampelntreten. Sie sei ja (nach knappen 20 Minuten) wieder umgedreht, weil die beiden anderen sich nur gestritten haben. Ganz furchtbar sei das gewesen. Es sei ihr ganz gleich, dass sie nun auf wertvolle Medienminuten verzichten müsse. Sie habe das einfach nicht aushalten können. Nummer 3 sei auf den Inlinern so lahm gewesen und habe sich daher dauernd an den Kinderwagen gehängt, was Nummer 1 genervt habe.

Die Anderen kämen gleich. Man könne das Ganze ja in ein paar Wochen bei schönem Wetter und bester Laune viel toller machen.

Daraufhin ging sie in ihr Zimmer, um es sich dort gemütlich zu machen.

Hatte ich erwähnt, dass sie vor dem Spaziergang eine gute Halbe Stunde zu Dritt auf dem Sofa saßen und sich stritten, weil Nummer 3 pausenlos plapperte oder mindestens nervige Geräusche mit dem Mund produzierte? Nicht? Dann sei das hiermit erwähnt.

Zurück kamen sie übrigens nach rund einer Stunde. Und erzählten, Nummer 2 habe sich plötzlich abgesetzt, nachdem sie einen Streit mit ihnen begonnen hatte. Während Nummer 1 lieb und gut gelaunt vom Spaziergang berichtete, quakte Nummer 3 ungeduldig aus dem Flur, weil sie Hilfe bei den Inlinern brauchte …

So und nun freue ich mich auf den Feierabend 😀

Interessante Theorie: Kinder innerhalb des Familiensystems

Interessante Theorie: Kinder innerhalb des Familiensystems

Eine Freundin erzählte mir vor über zehn Jahren von einer Theorie, die ich sehr interessant fand und noch heute finde. Sie hat sich immer wieder bewahrheitet. Ich teile sie mit, dann könnt Ihr selber mal schauen, ob sie bei Euch oder in Eurem Umfeld auch simmt.

Es ist weniger etwas Mysteriöses als etwas Psychologisch-Systemisches 😉

Es geht um die Kinder und wie die Reihenfolge ihrer Geburt im Zusammenhang mit ihrem Charakter steht:

Kind 1: Der „Familienerhalter“. Das traditionsbewusste Erstgeborene legt Wert auf wiederkehrende Rituale. Es liebt Dinge wie die weihnachtliche Bescherungs-Glocke und den Eröffnungswalzer auf Hochzeiten. Es kümmert sich als Erwachsene/r bei Krisensituationen der Familie um den Zusammenhalt und organisiert Familienfeiern. Das Kind behütet jüngere Geschwister auf mütterliche/väterliche Art und geht selten in Konkurrenzsituationen mit ihnen. Es ist eher strebsam, angepasst und diszipliniert. Auf Grund seiner Anpassungsfähigkeit wird es mit seinen Bedürfnissen manchmal übersehen.

Kind 2: Der „Punk“. Das zweite Kind überprüft das Nest auf seine Haltbarkeit. Und später jedes weitere System. Es zeigt systemische Missstände auf und eckt dadurch in Institutionen an. Seine oft renitente Art muss man schon zu schätzen wissen, damit man etwas daraus lernen kann und sich nicht angegriffen fühlt. Das Zweitgeborene geht in Konkurrenz mit dem stolz machenden Erstgeborenen und sucht rasch nach seinen starken Eigenschaften. Oft punktet es durch Humor, Charme oder kleine Showeinlagen, weil die Klassiker der von Eltern geliebten Eigenschaft schon vom Kind 1 besetzt sind. Es wird ganz sicher nicht übersehen, da es oft auf sich aufmerksam macht. Dies gilt besonders, wenn es noch kleinere Geschwister hat, die ihm auch noch die Position des niedlichen Nesthäkchens wegnehmen.

Kind 3: Das Drittgeborene sowie alle Folgenden sind „Die Überflieger“. Sie machen die Eltern glücklich. Nicht nur, weil sie die Kleinen sind (durch welche sich die Eltern am längsten jung fühlen), sondern weil sie sich ihrer Wirkung bewusst sind. Durch ein charmantes Lächeln zaubern sie elterlichen Ärger hinfort und sehen dies auch in ihrem Leben später mindestens als letzten Ausweg aus Konflikten. Sie sind hilfsbereit, anhänglich und oft sehr kuschelig. Zuerst „laufen sie im Familienalltag so nebenher“ wegen der größeren Kinderanzahl. Dann genießen sie es, wie viel die Eltern ihnen gestatten, sobald die Größeren groß sind. Sie lernen zum Einen, sich durchzusetzen und entwickeln zum Anderen ein sehr schönes Sozialverhalten, was sie in den Schulklassen und Kindergärten zu beliebten FreundInnen sowie SpielkameradInnen macht.

Und? Kommt es bei Euch auch so oder ähnlich hin?

(Bei uns stimmt es in weiten Teilen … )