Wie man eine junge Mama aufbaut – Blogparade #MeinBriefAnMich

Wie man eine junge Mama aufbaut – Blogparade #MeinBriefAnMich

Jana vom Hebammenblog ruft zu einer sommerlichen Blogparade auf, bei der es darum geht, sich selbst einen Brief zu schreiben. Allerdings in die Vergangenheit. Nämlich zu dem Zeitpunkt, als man eine frischgebackene Mama war.

Das gefiel mir außerordentlich gut!

Ähnliches habe ich bereits bei „Briefe an mein jüngeres Ich“ gemacht und empfand das sehr interessant und auch berührend.

Wie baut man eine junge Mama (sich selbst) auf? Welche Erfahrungen habe ich damals gemacht? Ich nehme Euch mit auf eine Zeitreise und teile meine persönlichen Erfahrungen mit Euch. In diesem Brief an mich als Newbie-Mum vor bald 13 Jahren:

„Liebe Lareine,

Dein erster Gedanke nach drei Stunden Dauerpressen war: „Ich werde für immer die Pille nehmen, bis ich sterbe!“ Nach dieser Tortur hätten sicher viele so gedacht, also hab kein schlech… oh, Moment…da fällt mir sofort etwas ein:

Du wirst in den folgenden Tagen jemanden kennenlernen, der Dein Leben für immer begleiten wird:

Das schlechte Gewissen.

Du wirst es dauernd spüren. Wenn Du mal zwei Minuten an Dich denken möchtest oder alleine ins Bad willst. Wenn Du eigentlich lieber selber etwas essen möchtest, das Deine Tochter Dir aus dem Mund kramen und in den ihren schieben wird. Wenn Du siehst, dass dein Frust-Schoko-Futtern und das Wunschgewicht nicht zusammenpassen. Wenn Du merkst, dass Du das Stillen ganz schrecklich findest und Dich dennoch moralisch dazu gezwungen fühlst.

Wenn Du bemerkst, dass Hebammen, die eine Frau mit schneeweißen Lippen und Schwindelgefühlen, die kaum eine Treppe hinabsteigen kann, nach der Geburtshausgeburt einfach nach Hause schicken, ohne mal wenigstens nach dem Blutdruck zu sehen, vielleicht nicht ganz so gut sind, wie man Dich glauben machen will.

Wenn Du genervt bist, weil Du nie mehr alleine mal eben das Haus verlassen kannst. Oder weil du manchmal Dein High-Need-Baby gern dem Postboten mitgeben willst – das schlechte Gewissen wird immer da sein!

Gewöhne Dich an diesen neuen Dauerbegleiter in dem Wissen, dass all die anderen Mütter, von denen Du keine einzige kennst, weil Deine Freundinnen alle noch längst keine Kinder bekommen haben (oder es niemals tun werden), ebenso empfinden.

Den meisten Müttern geht es wie Dir.

Deine Tochter wird bald eine besonders unleidliche Phase haben. Und noch eine und eine weitere. Sie wird die Definition des Schreikinds erfüllen und Du wirst dauernd an Dir zweifeln. Dann wird sie richtig unzufrieden werden und Du wirst denken, sie wird beim Stillen nicht mehr satt. Die Hebamme sagt: „Immer weitermachen! Mehr anlegen, selbst mehr trinken.“ Du tust das auch, hast sie dauernd an der Brust und dennoch kommt nicht genug Milch. Da wird sie dann sechs Monate alt sein. Inzwischen steckt sie sich Löffel und alles Ähnliche in den Mund. Der Kinderarzt wird entsetzt auf ihr geringes Gewicht gucken und sofort das Zufüttern mit Pulvermilch anordnen. Schon wieder wirst Dich Dich schlecht fühlen, weil Dein Baby Hunger hatte.

Du musst keine Tränen in den Augen haben, wenn Du die Milch kaufen gehst. Viel später wird Dir eine Hebamme sagen, dass es manchmal so abläuft: Das Baby ahmt das Essen nach, indem es dauernd spielerisch „löffelt“, unbewusst reagiert der Mama-Körper mit Milchrückgang, da das Kind signalisiert „Ich will etwas Festes essen! Schnell und viel!“ Besonders selbstständige Kinder, die früh krabbeln und sitzen vermitteln dieses wohl oft dem Mutterkörper.

Wichtig an dieser Erfahrung ist Folgendes:

Trotz des Hebammen-Tipps des Dauer-Anlegens hast Du gespürt, dass Du weniger Milch produzierst und bist dennoch brav der Anordnung gefolgt, obwohl Dir Dein Innerstes sagte: „Sie braucht etwas mehr als das Bisschen Milch.“ Sieh es einfach so: Dein Instinkt war gut, Du bist ihm nur nicht gefolgt. Später aber wirst Du das immer öfter tun und goldrichtig damit liegen.

Zwei Monate später dann wirst Du wieder schwanger sein.

Inzwischen hast Du gerade geheiratet. Ja, es beginnt dann eine anstrengende Zeit für Dich. Du hast natürlich Angst vor all dem, was da auf Dich zukommt. Aber ich kann Dir sagen: Du wirst sehr stolz und oft glücklich sein. Klar, das ist stressig mit zwei so kleinen Kindern zugleich. Und Du wirst oft genug am liebsten wegrennen. Aber nach kurzer Zeit werden die beiden sehr innig und wirklich stundenlang zusammen spielen. Sie werden ein Herz und eine Seele sein. Die kleine große Schwester wird das Baby-Schwesterchen vom ersten Blick an lieben. Dieser Augenblick des ersten Zusammentreffen wird Dich auch nach über einem Jahrzehnt in der Erinnerung noch rühren.

Dein großes Töchterchen will immer mehr als es kann. Und Du unterstützt es sehr gut dabei, sich zu entwickeln. Dein Instinkt wird sich verfeinern und Du hast immer Zugriff darauf. Es ist das Beste, was man hat, denn: Jedes Kind ist anders. Und es können nicht alle Tabellen, Ernährungstipps, Windelsorten und Spielzeuge für jedes Kind gleich gut passen. Daher gibt es die mütterliche Intuition, behaupte ich.

Typische Muttergefühle

Du zweifelst oft an Dir und wenn Du mal lauter wirst und schimpfst, dann schämst Du Dich. Stattdessen wäre es besser, Dich da abzuholen, wo Du stehst: Du bist eine sehr junge Frau von Mitte zwanzig mit einem Säugling und einem Kleinkind, dafür aber ohne Auto in einem kleinen Stadtteil einer Kleinstadt.

Das ist öde, überfordernd und frustrierend. Klar, es ist auch süß, niedlich, stolz machend. Aber eben nicht nur. Die Weichzeichner-Welt der Eltern-Zeitung gibt es in Wirklichkeit nicht. Oder hast Du schon mal eine Familie gesehen, die ausgeglichen und selig lächelnd – und allesamt in Beige und Weiß gekleidet – knallbunte Ostereier bemalen? Nein? Weil es sie nicht gibt!

Es gibt auch nicht die Mütter, die immer gutgelaunt und gerecht sind. Und nicht jene, die lächelnd putzen, während die Kinder pausenlos knatschend an ihrem Rockzipfel hängen, im Putzwasser matschen oder sich auf den Staubsauger setzen. Es gibt keine Frauen, die es aushalten, Woche um Woche mit Kleinkindern in einer Wohnung zu hocken, ohne langsam durchzudrehen, wie ein ein neurotischer Vogel, der den Kopf im Kreis dreht.

Denke mehr an Dich und fülle Deine Ressourcen auf

Du verzichtest zu viel. Du grenzt Dich den Kindern gegenüber zu wenig ab. Deine Bedürfnisse wirst Du nach und nach schon selber nicht mehr wahrnehmen. Daher rate ich Dir, Dich viel mehr auf sie zu konzentrieren. Auch im Kleinen. Trink mal was, wenn Du Durst hast. Dein Durstgefühl nimmst Du ja auch kaum noch wahr.

Höre ruhig auf den Hinweis Deiner Mutter: „Kinder spüren ganz genau, welchen Raum innerhalb der Familie oder der Gesellschaft sie füllen können. Sie richten es sich in diesem Raum ein. In den 1950er Jahren zum Beispiel, da hatten wir kaum Raum. Man bekam eine auf den Mund gehauen, wenn man einem Erwachsenen ins Wort fiel. Heute wenden sich die Mütter den Kindern zu und vergessen, dass sie sich eigentlich gerade mit ihrer Freundin unterhielten. Du bietest den Raum, die Kinder füllen ihn – das ist ein natürlicher Verlauf. Du musst nur überlegen, wo und wie viel Raum du geben willst.“

Die Kinder füllen den gebotenen Raum. So einfach ist das. Sie spüren, ob ein Nein wirklich Nein heißt oder man verhandeln kann. Sie sehen, dass ihre Mutter jemand ist, der regelmäßig Pausen macht und sich Auszeiten nimmt. Oder eben nicht. Und sie werden das in ihrem Leben irgendwann nachahmen. Also mach ihnen das Beste vor 😉

Die Unsicherheiten werden immer weniger und man wird mit der Zeit als Mutter immer versierter. Nur das schlechte Gewissen pappt an einem wie eine Schmeißfliege. Es hilft, sich selbst mit fremden Augen zu betrachten, wenn es wieder da ist.

Statt zu denken: „Hätte ich mal weniger gemeckert heute …“ tut es gut, sich zu sagen: „Hey, du hattest heute deine Periode mit fiesen Bauchschmerzen, die Kinder haben dauernd genölt, das Wetter war mies und dir fällt seit Wochen die Decke auf den Kopf. Jeder Mensch wäre da mies drauf. Nur Mütter glauben, dass sie sich von außen ihre Gefühle bestimmen lassen sollten. Das ist Unsinn. Sei ruhig ein echter Mensch mit echten Gefühlen und Verhaltensweisen.“

Stell Dir vor, Du wärst Deine eigene Freundin – das kann helfen. Wie würdest Du eine gute Freundin betrachten und was würdest Du ihr raten, wenn sie mal meint, zu viel gemeckert zu haben? Oder sich schämt, weil sie sich in einem Leben mit Menschen, mit denen sie sich kaum unterhalten kann, oft langweilt? Manchmal hilft es auch, sich vorstellen, ein Mann würde Dein Leben leben.

Wie es wohl wäre, wenn ein Mann sich für dauernde Vorsorgeuntersuchungen auf so einen Stuhl begeben müsste und wie er es wohl fände, wenn Wildfremde in weißen Kitteln ihnen Finger in alle möglichen Körperöffnungen stecken würden? Oder wenn er mit einem Bauch im Walrossstadium der Schwangerschaft auf dem Badezimmerboden herumkröche, um alles schön sauber zu machen? Schnell merkt man dann, dass man sich wesentlich mehr wie selbstverständlich zumutet, als das andere Geschlecht (in der eigenen Vorstellung) hinnehmen würde.

Hier kannst Du Dich von Deiner Prägung abgrenzen. Das schadet echt nicht. Frauen sind noch viel zu viel darauf geprägt, es allen recht zu machen und erwarten, nur dann Liebe zu bekommen, wenn sie alle selbstlos glücklich machen. Viel zu untergeordnet! Verlange mehr für Dich! Bedenke doch, was Du alles bereits erleben musstest. Ein Mensch wie Du braucht viel Liebe und Verständnis. Vor allem und zuerst von sich selbst.

Ich bin Deine Zukunft

Du ahnst nicht, wie sehr Du und Dein Leben sich verändern werden. Du wirst irgendwann trotz und wegen allem eine selbstbewusste Frau, die ihre Stärken kennt. Klar, das ist ein langer Weg, aber Du bist willensstark und gründlich genug, um meist reflektiert zu sein und Dich sehr genau zu beobachten. So wird das klappen. Und mit den zwei Kindern kommst Du wirklich irgendwann locker zurecht. So gut, dass Du ihre Anzahl im Laufe des kommenden Jahrzehnts verdoppeln wirst …

Im Gegensatz zu Deinen verhassten Pfunden. Von denen wirst Du vom Zeitpunkt der ersten Geburt gute zwanzig Kilo abwerfen. Du wirst irgendwann in den Umkleiden stehen und innerlich jauchzen, weil Dir einfach alles passt, das Dir gefällt. Dafür wirst Du Disziplin und Durchhaltevermögen aufbringen. Glaubst Du jetzt grade nicht, hm? Freue Dich ruhig darauf.

Ach, Du hast echt viele Stärken, wie jede andere Mutter auch –  es dauert nur immer so lange, bis Mütter sich trauen, diese wahrzunehmen und bewusst zu leben.

Vergiss Deine Interessen nicht und halte im Auge, immer genug Ausgleich zu erhalten. Du wirst immer mehr Kinder und immer weniger Zeit für Dich haben. Da ist es enorm wichtig, auf sich selbst zu achten.

Herzlichste Grüße aus Deiner Zukunft

Lareine

Wie lief er ab, #derTagmeinerGeburt?

Vielen Dank, liebes „Nieselpriemchen“, für diese interessante und neue Idee! Die Blogparade #derTagmeinerGeburt hat mich sofort angesprochen. Ich freue mich schon darauf, die Geburtsberichte aus den „guten, alten Zeiten“ zu lesen, die mich während dieser Blogparade erwarten könnten.

Da meine Mutter mir öfter von meiner Geburt erzählte, kann ich jenen erstaunlich warmen, letzten Novembertag des Jahres 1976 vielleicht recht gut skizzieren:

Es war ein Dienstag, ein Tag nach dem errechneten Termin und meine Mutter trug ihren Frühlingsmantel, weil es eben recht unwinterlich warm war. Als die Wehen sie etwas zu pieken begannen, brachten meine Eltern meinen sechs Jahre älteren Bruder zu einer sehr lieben, mütterlichen Freundin meiner Mutter.

Dann kurvten sie in ihrem hübschen roten Ascona (oder war es noch der ockerfarbene Manta, ihr erstes Auto?) mit dem Klinikkoffer im Gepäck in das acht Kilometer entfernte Krankenhaus der westdeutschen Kleinstadt, in der ich zur Welt kommen sollte. Ich weiß sogar noch den Namen meiner Hebamme, aber es soll ja hier alles hübsch anonym bleiben.

Der Start ins Leben gestaltete sich geradezu metaphorisch und exemplarisch für mich, ein bisschen Max-Black-mäßig:.

Meine Mutter wurde nach ihrer Ankunft im Krankenhaus von den freundlichen  energischen (Ordens-) Schwestern auf den Gang der Geburtsstation komplimentiert. Sie „junges Huhn“ (26 Jahre alt aber zehn Jahre jünger aussehend, wie immer) solle sich gedulden.Meinem Vater hätten sie das wohl besser sagen sollen, denn dieser hatte nach einer knappen Stunde des Neben-der-Wehenden-Sitzens keine Lust mehr und fuhr nach Hause.

Nicht, dass dort ein Telefon gewesen wäre, mit dem sie ihn hätte erreichen können. Meine Eltern vertrauten diesem teuren, unnötigen Teufelsapparat noch nicht einmal zehn Jahre nach meiner Geburt.

Er war jedenfalls weg. Muttern saß auf dem Plastikstuhl und wippte vor und zurück. Irgendwie kamen ihr die Wehen wohl recht wehenmäßig vor, denn sie hatte ganz schönes Ziepen.

Die Hebamme lief mehrere Mal geschäftig an ihre vorbei, doch meine Mutter – zwischen erlernter Anpassungsfähigkeit und Selbstlosigkeit verunsichert – lächelte immer nur diszipliniert-tapfer, statt um Hilfe zu bitten.

„Ach, bei ihnen dauert es ja noch. Ich komme nachher noch mal rum,“ sagte die Fachfrau und meine Mutter lächelte mit zusammengepressten Lippen.

Irgendwann, so nach zwei Stunden, wuselte die Dame wieder über den Gang. Währenddessen war meine Mutter in den entspannenden Genuss mehrerer schreiender Gebärender gekommen, deren Stimmen durch diverse Türen drangen und leicht eingeschüchtert. Sie saß da immer noch alleine, während ihr Mann sich zuhause mit dem Fernseher von seiner großen Bürde des Nichtstuns ablenkte.

„Na, kommen sie mal mit, wir wollen doch mal nachgucken,“ kam es von der Hebamme, die meine Mutter in ein Zimmer brachte. Meine Mutter sah sich um und die Hebamme räusperte sich sichtlich verlegen:

„Äh, ja, tut mir leid. Der Kreißsaal wird gerade renoviert. Das hier ist unsere Teeküche.“

Aber ein Kreißbett hatte man reingeschoben.

Meine Mutter schluckte kloßig beim Anblick der Beinstützen mit den Ledergurten. Verschwörerisch neigte sich die Hebamme zu ihr und beruhigte sie:

„Na, Kindchen, wo wir ihnen heute keinen richtigen Kreißsaal bieten können, da kann ich den Doktor bestimmt überzeugen, die Beingurte wegzulassen.“

„Mh-hm,“ kam es wohl von meiner Mutter, die mit Tränen in den Augen auf das Kreißbett kletterte. Die Hebamme untersuchte sie kurz und meinte dann ganz entgeistert:

„Ja, aber! Es ist ja schon so weit! Warum haben sie denn nichts gesagt, mein Gott? Und da lässt man sie auf dem Gang sitzen, also nein! Ich rufe den Arzt!“

Der Arzt kam wehenden Kittels in die Szene und drückte meiner Mutter zur Begrüßung die Lachgasmaske auf das Gesicht. Meine Mutter dusselte wohlig weg und träumte, sie hielte ihr Kind bereits in den Armen. Sie hörte nicht, wie der Schlagbohrer des Handwerkers nebenan im Kreißsaal seinen Höllenlärm begann und nicht, wie die Kollegen des Schlagbohrerhandwerkers mit den Hämmern loslegten.

Sie träumte, sie habe alles hinter sich.

Dann weckte sie die Hebamme.

„So, nun ist es soweit. Pressen sie! Pressen sie!“

Irgendwie hatte meine Mutter wieder Tränen in den Augen, als sie aus ihrem Wunschtraum erwachte und im Lärm sowie der grellen Deckenbeleuchtung und den Kommandos landete. Eine Hand des Arztes lag schwer auf ihrem nackten Oberschenkel. Aber gnädiger Weise ersparte er ihr tatsächlich, sie breitbeinig anzubinden, wie sie es bei ihrer ersten Geburt erlebt hatte.

Da ging die Tür links auf und einer der Arbeiter steckte seinen Kopf herein. Er glotzte meiner Mutter kurz zwischen die Beine und meinte dann:

„Wollte nur mal fragen, ob der Krach von uns irgendwie hier stört, oder so?“

Dann sah er meiner Mutter ins Gesicht und sprach lauter, als sei sie wegen eines Hörsturzes und nicht wegen einer Geburt auf dem Horrorbett mit den Beinfesseln:

„Stören wir sie, gute Frau?“

Tja, und was machte meine Mutter? Mit Tränen in den Augen – sowie Schmerzen ganz woanders – tapfer lächelnd den Kopf schütteln.

Daraufhin legte der Schlagbohrermann wieder los. Nun sprach die Hebamme auch lauter. Gezwungener Maßen.

„Gleich haben wir’s geschafft! Pressen! Pressen!“

Und in der Tat durfte ich kurz darauf auch das gleißend helle Licht genießen.

Zack – abgenabelt.

Zack – kopfüber gehalten.

und zack – unzärtlicher Klaps als unnötige Atemhilfe. War mal groß in Mode.

„Danke für die schöne Begrüßung auf diesem Planeten, ihr Hirnis!“ sollen meine ersten Worte gewesen sein.

Ich machte wohl einen fitten Eindruck, wurde gemessen und war mit 55 Zentimetern und 3.300 Gramm ganz angemessen präsent. Ich wurde nicht gebadet, sondern gelobt, weil ich ein so sauberes Mädchen war und in einen Krankenhausstrampler gesteckt.

Meine Mutter wurde versorgt, die Nachgeburt kam, sie wurde untersucht und ins Zimmer geschoben. Da lag sie dann zusammen mit einer 16-jährigen Mutter, die auf einem Schwimmring saß. Das tat sie, weil sie einen Dammriss jenseits des IV. Grades hatte. Vermutlich XVI. Grad, so wie meine Mutter das beschrieb. Die Schwimmring-Mama hatte auch ein Mädchen geboren.

Und da lag auch die frisch gebackene Mutter eines Sohnes, dessen Vor- und Zunamen ich auch noch weiß. Ich sollte den mal ausfindig machen und fragen, ob er auch heute noch einen Schweißausbruch bekommt, wenn jemand einen Bohrer anwirft, so wie ich …

Die Mit-Mutter ohne Schwimmring sagte:

„Und wenn sie dich gleich fragen, ob du stillen willst, dann sagst du besser nein. Weil die Schwestern werden ordentlich bräsig, wenn sie dir dauernd das Kind bringen müssen. Darauf haben die keine Lust. Also nimm die Abstillpillen, sonst machen die dir hier das Leben zur Hölle. Die wecken dich nachts zum Fiebermessen und so was.“

Als dann die Oberschwester wegen des Stillens kam – angemessen korpulent und mit kräftig Dominanz in jedem Gramm – bekam meine Mutter die Pillen schon direkt wortlos hingehalten und ich wurde eins von den puffelwangingen Milupa-Kindern. Obwohl meine Mutter gern gestillt hätte.

Nach drei Tagen durfte meine Mutter gehen. Mein Vater war am Tag nach der Geburt zu Besuch gewesen und hatte in der Tat ein paar Tränchen verdrückt, als er mich hat liegen sehen. Später schwor er stets frech grinsend, es seien Tränen des Grams gewesen. Fand ich nie wirklich witzig.

Seit der Nacht meines Lebensstarts war es plötzlich doch Winter geworden. Meine Mutter hatte ganz naiv morgens am Entlassungstag versucht, in ihre Vor-Schwangerschaftskleidung zu schlüpfen, die sie im Koffer mitgenommen hatte. Aber leider hatte sie sich da fehleingeschätzt und nun nahm sie einen Bus in Richtung der nächstgrößeren Kleinstadt, um dort warme Kleidung zu kaufen. Ihren Frühlingsmantel hatte sie bibbernd um sich gewickelt.

Als sie dann später am Tag nach Hause kam, war da niemand.

Außer einem Berg Spül, auf den mein Vater keinen Bock gehabt hatte.

Kein Willkommen, keine Blumen, keine Babyschühchen. Nur dreckiges Geschirr.

„Danke für gar nichts, du Herzgemahl!“ hat meine Mutter da in die leere Wohnung gebrüllt und ihrer Enttäuschung Luft gemacht.

Ganz sicher nicht. Aber sie hatte sicher mal wieder nasses Zeugs in den Augen.

Sie legte mich in meinen Stubenwagen, der mit einem richtig schönen Stoff in rotem Schottenkaro bezogen war. Und ich schlief.

In den folgenden Wochen entwickelte ich mich allerdings zu einem Schreikind.

Irgendwie war ich wohl nicht ganz zufrieden.

Mein Bruder konstatierte, er wolle in den Hühnerstall der Oma ziehen, weil ich so ein schreckliches Schwesterchen war. Ich war ihm einfach zu laut.

Wenn meine Mutter mich spazieren fuhr, dann blickten die Nachbarinnen in den Wagen und sagten nicht viel. Sie waren meinen schönen Bruder gewohnt, der mit seinen dunklen Augen und samtigem Haar bestochen hatte. Ich trug eine Art Fussel-Tonsur auf dem Kopf und brüllte die Leute an, wenn sie mir zu nahe kamen.

Ich wette, meine Mutter hatte da auch öfter mal Tränen in den Augen.

Das waren nun eher die ersten 21 Tage meines Lebens, als nur der #TagmeinerGeburt. Aber für einen richtigen Geburtsbericht hätte ich meine Mutter wohl schreiben lassen müssen und dies ist nun einmal nicht möglich. Daher beschrieb ich alles, das ich noch aus ihren Erzählung im Kopf habe.

Es ging ja auch um einen Einblick in die Geburten der vergangenen Jahrzehnte und dafür ist meine Beschreibung ja vielleicht doch ganz brauchbar.

Ach, als meine Mutter übrigens die Wöchnerinnen-Station eine Weile darauf besuchte, um der Hebamme zu danken, zeigte diese ihr stolz und immer noch etwas verschämt den neuen Kreißsaal: Er blitzte wunderbar in schneeweißen Kacheln von oben bis unten.

„Sieht aus wie ein Schlachthof mit leicht abzuspritzenden Wänden, “ äußerte meine Mutter mutig ihren ersten Gedanken. Nicht.

Goethe und das Stillen

Wir hatten hier schon mal einen Post zum Thema Still-Zwang vor dem Hintergrund einer neuen Langzeitstudie. Nun war ich im Internet an den letzten Abenden viel lesend unterwegs. Hier begegnete mir das Thema Stillen noch einmal und es entspannen sich darauf einige Gedanken und nehme Euch, wenn Ihr wollt, gerne mit auf die (Achtung: etwas lange) Reise vom Blog/Artikel/Facebook-Kommentar-Hölzchen auf’s Mummy-War-Stöckchen.

Es ging häufig um begeisterte oder auch nicht-begeisterte Langzeitstillerinnen. Viele von ihnen schrieben etwas wie:

„Also ich stille seit 2 Jahren und 5 Monaten und ich liebe die Nähe. Mein Kind fordert das auch ein. Manchmal ist es mir zu viel. Aber ich kann einfach noch nicht loslassen. Mein Kind setzt sich auf meinen Schoß und sagt das Wort für Stillen. In der Öffentlichkeit ist mir das unangenehm. Aber nur wegen der Blicke! Es ist so schwer, die Blicke zu ignorieren. Ich stille nachts seit der gesamten Zeit. Wir genießen das beide sehr. Langsam bin ich aber müde. Ich möchte wieder mehr Kraft haben, richtig wach sein und der Schlafmangel zehrt doch sehr an mir. Aber ich trau mich nicht abzustillen. Was, wenn ich meinem Kind schade? Vielleicht bin ich zu egoistisch.“

Aus meiner freien Rezitation darf jeder entnehmen, was er möchte – sie ist recht klassisch. Die Kommentatorinnen waren sich alle im Grunde einig und beschrieben Ähnliches. Ein stimmiger, zustimmender Austausch Gleichgesinnter.

Dann mischte sich ein Vater ein und berichtete, dass seine Frau den Sohn mit sechs Monaten abgestillt habe, weil sie immer weniger Milch hatte, trotz der vielen Hebammentipps. Sein Sohn habe dann schnell das Interesse an der Brust verloren und sei aber ein gesundes, zufriedenes Kind, das inzwischen alles vom Tisch essen würde und einen großen Entdeckerdrang habe. Er selbst wäre unsicher, ob die Bindung nicht durch die vielen anderen Faktoren des Lebens beeinflusst würde. Er wüsste keinen Grund, warum man ewig stillen sollte, wenn es irgendwie belastend wäre. Sonst hätten ja Nicht-Gestillte in jedem Fall eine geringere Bindung zu den Eltern. Eine Mutter zweifelte als Reaktion an, dass es Kinder gäbe, die nach ein paar Monaten das Interesse verlören, denn ihres würde immer noch nach der Brust verlangen und sei über Zwei. Die Stilldauer in Deutschland sei ohnehin kürzer als in sehr vielen Ländern der Welt, obwohl es wegen der Natürlichkeit das Beste sei. Es wurde angezweifelt, dass diese Mütter die Wahrheit berichteten, sondern vielleicht nur einen schnellen Ausweg suchten. Woraus denn? Aus einem glücklich machenden Weg? Daraus will man wohl kaum entkommen. Ein bisschen Streit kam dann auch auf und schaukelte sich hoch:

Mummy War. Kriegsschauplatz hier: Langzeit- gegen Kurzzeitstillende. Und der arme Papa mittendrin. Er sagte dann auch schnell nix mehr.

Da wurde ich nachdenklich.

Vor allem wegen des Arguments der Natürlichkeit. Das nervt mich schon lange gewaltig.

Ja, in vielen Ländern der Welt passt es aus verschiedenen Gründen sicherlich gut, wenn man lange stillt und dies ist dort mit allen Vorzügen allgemein bekannt. Da guckt dann auch niemand, wenn das Stillkind sich in der Öffentlichkeit mit fünf Jahren „selbst bedient“. In vielen Ländern der Welt passt es sehr gut, wenn man sein Kind dauerhaft im Tragetuch trägt, auch weil Kinderwagen nur auf Geh-und Asphaltwegen Sinn machen. (Das Tragen dient hier als anderes Beispiel vom Kampfplatz der Mummy Wars).

Aber das bedeutet doch nicht, dass man sich einfach irgendeinen Umstand aus einem Land herauspicken kann, der einem gefällt und diesen glorifiziert. In Indien werden Kinder lange gestillt. Und weibliche Kinder getötet (prä- und postnatal). In vielen Ländern machen alle Eltern ein Co-Sleeping mit allen ihren vielen Kindern. Dies mag dort nicht unbedingt wegen eines Ratgebers zum Attachment-Parentings so sein, der Menschen mit einem großen, westlichen Individualberdürfnis das Gute an der engen Bindung zum Kind zeigen will und das intime Zusammenschlafen sowie den Sex der Eltern zu reglementieren sucht. In Afrika bekommen die Massai eine prima Hüfte in der Spreiz-Anhock-Stellung des Tragetuches ihrer Mutter. Man trinkt dort traditionell Blut aus frisch angestochenen, lebenden Tieren. Man schmiert Tierkot auf seine Hütten, um sie zu isolieren und stabilisieren. Vieles davon erscheint mir als sehr natürlich. Nein, alles. Warum schmieren wir nicht alle etwas aus dem Katzenklo an unsere Hauswand? Genau: Weil wir das so nicht brauchen. Und ein männlicher Initiationsritus in unseren Gefilden ist nicht das gefährliche Springen über viele nebeneinander stehende Rinder. Sondern etwas wie das erste Fußballspiel mit Papa oder der Kauf des ersten Rasierers. Wir nehmen Stoff- oder Fertigwindeln oder gar keine. Aber im letzten Fall schieben wir das Baby nicht mit dem Anus über unser Knie, kratzen den Kot dann mit einem Ast ab und werfen diesen weg. Das wäre aber ultimativ-afrikamäßig-natürlich.

Die klassische Idee, des Edlen Wilden kommt mir dann in den Kopf. Ethnologisch längst überholt kommt sie daher und suggeriert eine tiefe Verbindung mit der Natur, die wir durch die naturgemäße Behandlung unserer Babies erreichen. Diese Verbindung teilen wir dann mit. Aus unseren vollbeheizten Wohnzimmern und mit unseren diversen Devices mit. Hm …

Nun möchte ich mal etwas Persönliches dazu sagen:

Ich habe alle meine Kinder gestillt und mochte es nur in wenigen Momenten. Ich hatte schmerzende Brustwarzen, war wegen der Schmerz-Ausgleichshaltung verspannt bis zum Dauerkopfschmerz und hatte aufplatzende Blasen auf den Brustwarzen unter denen sich rasch neue bildeten. Kinder hatten kurze Zungenbändchen, aber nicht zu kurz. Kinder wurden anders angelegt, half nicht. Es half nur Abhärtung. Wenn das Baby hungrig wurde, brach mir oft genug der Schweiß aus. Ich bezweifelte, dass „Oh nein, es hat schon wieder Hunger und es wird wieder wehtun“ gut für die Bindung sei und sprach mit den Hebammen. Empfehlung der Hebammen war immer „Salbe/Heilwolle drauf und zurück an die Front. Es ist das Beste für’s Kind.“ oder „Wenn du vor Schmerzen weinen musst, dann lass es ruhig zu.“ 

Nur die eine Hebamme, die aufgrund einer Brust-OP selber nicht wirklich viel stillen konnte, erlaubte mir das Zufüttern, als ich fast in Ohnmacht fiel, weil drei Kinder, eine unentdeckte Schilddrüsenüberfunktion und ein Baby mit 2-Stunden-Still-Rhythmus bei 45 Minuten Trinkdauer zu viel waren. Sie erzählte mir auch, wie sie sich einmal weinend mit einem Fläschchen und der Tochter zum Füttern im Auto versteckt hatte. Warum? Weil sie auf einem Hebammen-Kongress war und sich vor den Anfeindungen fürchtete, wenn sie in der Halle die Flasche gegeben hätte …

Ich habe insgesamt neun Hebammen und zwei Hebammenschülerinnen während vier Schwangerschaften und Geburten erlebt. Ein bisschen Überblick kann man sich da machen. Ich erlebte vertraulich-nette Gespräche und wunderbare Bein-Massagen. Ich bekam Globuli und Tipps aus dem Kräutergarten (die ich wertschätze). Ich wurde mit Tee und Bio-Keksen verwöhnt. Ich erlebte, wie Hebammen mir eine Hand ins Genital schoben und den Saum des Muttermundes hinter den Babykopf zerrten. Ich bekam eine der in der Wirkung ebenfalls höchst umstrittenen, recht schmerzhaft-blutigen Eipollösungen. Dabei brannte aber eine hübsche Kerze. Alles war sehr natürlich. Auch das Antreiben zum Vollpower-Dauerpressen bei acht Zentimeter Muttermundöffnung und die dann drei Stunden dauernde Austreibungssphase, während der ich innerlich immer mehr darum bettelte, mir möge man in den Kopf schießen. Natürlich schmerzmittelfrei. Die Hebamme damals fröhlich währenddessen: „Ja, ein Kind zu bekommen ist wie eine Kokosnuss zu kacken.“ Nach der Geburt kein Glückwunsch, sondern der eindringliche Satz: „Der gebt ihr aber keinen Schnuller, ne?“ Das mitgebrachte Betäubungsspray für den beachtlichen Riss in meinen Genitalien nahm sie kopfschüttelnd und verwendete es mit ähnlicher Attitüde. Der echte Feldscher tackert zerrissenes, empfindliches Fleisch mit heißer Nadel aber ohne Betäubung- das hatte ich nicht gewusst. Hätte so was ein Arzt gebracht, dann aber wehe. Der ist nämlich per se nicht natürlich …

Der Bogen zurück zum Stillen:

Ich stillte zwischen drei und irgendwas um die sechs Monate. Mal blieb die Milch aus, mal musste ich Medikamente nehmen, mal verging erst mir und dann dem Baby die Lust. Mal schlich es sich durch das Zufüttern aus, das meine Gesundheit erhalten sollte. Ich mochte es nie sehr, hatte aber immer ein gesellschaftlich induziertes schlechtes Gewissen beim Abstillen. Ich verfüge stets lieber selber über meinen Körper, alles Andere ist mir mehr als unangenehm. Aber das ist meine individuelle Geschichte.

Ich wurde nie gestillt und die Bindung an meine Mutter war sehr, sehr innig. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um sie zu lösen als es für meine psychische Gesundheit nötig war. Es gibt also scheinbar Wege, auch kranke Wege, eine starke Bindung herbeizuführen. Sicherlich aber viel mehr gesunde. Beides geht auch ohne Stillen. Meine Töchter hängen sehr an mir. Die eine zeigt es mehr, die andere weniger. Sie scheinen bindungsfähig. Haben aber auch Verlustmomente erlebt und das tief vertrauensvolle Verhältnis zum Leben wurde unter Anderem durch einen Todesfall in der Familie erschüttert. Und durch den Verlust eines Großelternpaares (das war die anstrengende Lösung einer starken Bindung) ebenfalls. Steckten sie sehr gut weg. Konnten immer darüber reden. Die Sechs-Monate-Voll-Gestillte scheint nicht mehr an mich gebunden als die anderen. Alle sprachen sehr früh (fließende Sätze  inklusive Nebensätze mit zweieinhalb), lasen zum Teil ehe sie in der Schule waren, konnten ihre Bedürfnisse und Gefühle mitteilen. Dumm scheinen sie nicht. Das viel-getragene Nummer 4chen ist total auf mich fixiert. Ich höre, das sei bei Jungs oft so. Oder doch weil er ein 1a-Tragling ist? Wer kann das sagen?

Sie wurden alle in Tüchern und Tragen getragen. Zwei sogar im Baby-Björn-Hüft-Zerstörer. Zwei sind besonders sportlich und beweglich, eine davon war die im Baby Björn Gemarterte. Sie sind selten krank und alle komplett durchgeimpft. Sie leben (Achtung: sehr natürlich und afrikanisch!) mit diversen Geschwistern. Und haben die klassischen Rollenprobleme der Geburtsreihenfolge. Und auch sehr natürlich: Sie müssen mithelfen und Verantwortung übernehmen, weil ihre Mutter durch die diversen Kinder viel zu tun hat.

Ich kann keine Auswirkungen des Stillens oder Tragens sehen. Aber davon, dass ich ihnen alle Fragen beantworte und ehrlich bin. Davon, dass ich sie nicht schlage und mich entschuldige wenn ich etwas verbockt hab. Ich leide mit ihnen und lache mit ihnen. Wir haben zusammen eine Menge erlebt und auch durchgemacht. Wir haben ’ne Menge Bindung, sage ich mal so verwegen.

Mein Fazit:

Ich kann ebenfalls nicht verstehen, wie man mit Geburtsdauer, Stilldauer, Schmerzmittelverweigerung während Entbindungen, Drei-Stunden-Zwanzig-Kilo-Kinder-Tragen und ähnlichem angeben kann. Es erinnert mich an den Schwanzvergleich von Schwanzlosen. Leistung wird hervorgezerrt wo keine ist. Geburten sind eine Leistung. Ja, gut. Das ist eine Amputation auch. Nur die ist nicht alltäglich und natürlich. Der Charme des Opas, der „im Krieg noch ohne Betäubung zum Zahnarzt musste“ liegt hier in der Luft. Mir reicht’s.

Ich freue mich über jede glückliche Berufskollegin. Ihr und auch den anderen gilt mein Respekt. Egal ob und wie lange sie stillt, entbindet, trägt oder was sie kocht oder was sie sich im Fernsehen ansieht. Zu diesen Themen würde ich irgendwann mal echt gern eine Blogparade starten.

Etwas wie: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Fies, engstirnig und aggressiv haben wir schon so oft. Es nervt nämlich, wie sich im weltweiten Netz pausenlos etwas vorgeworfen wird. Faulheit, Verantwortungslosigkeit und Schlimmeres. Immer schön raus mit der Moral-Keule. Mal kurz die eigenen, oft auch verdeckten Motive einer Handlung zu durchleuchten – das wäre was. Oder sich zu fragen, ob man ein tolles Vorbild ist, wenn man niemanden toleriert, der etwas Anderes denkt. Oder sich vielleicht sogar von ihm inspirieren lässt. Schön dreist und grenzenlos in der Anonymität rumbashen. Das ist wirklich viel erwachsener als jemandem die Schippe auf den Kopf zu hauen. 

Ich würde die Aggressorinnen des Mummy Wars gern ansprechen können:

„Kommt mal runter, Ladies!“ würde ich sagen, “ leidet Ihr so sehr unter Schlafmangel oder was? Ach so, selber unsicher und dann andere vor den moralischen Richter zerren, um das nicht spüren zu müssen? Sehr sympathisch. Generell etwas aggressiv und selbstverliebt? Auch schön. Überzeugt intolerant? Viel besser. Es ist nicht so, dass Ihr andere verletzt und verunsichert. Mitnichten! Was wären wir ohne noch ein bisschen mehr Unfrieden? Wie blöd, wenn wir uns gegenseitig unterstützen würden.“

Ich sage es immer wieder: Mütter sind etwas Tolles! Gerade hier bei uns, einem Land mit weltweit einer der geringsten Geburtenraten, sind wir mutig. Wir bekommen nicht so nebenbei mal ein paar Kinder wie es in den letzten Jahrtausenden der Fall war. Wir starten wahre Familien(-und-Job-)Projekte und nehmen Unsicherheiten in Kauf, die schwer wiegen, weil sie das Seelenleben der uns anvertrauten Kinder betreffen. Und die aller-allermeisten von uns machen den Job gut. Wir sind die erste Generation, die das fast ohne Althergebrachtes schafft. Die erste in Jahrtausenden! Ja, es gibt Ausnahmen – aber die diskreditieren doch nicht einen ganzen Berufsstand. 

Wir sollten füreinander wirklich edel, hilfreich und gut sein. Danke, Goethe.

Könnte man diesem Mann etwas abschlagen? 😀

Goethe Jung