Der tote Winkel

Der tote Winkel

Nummer 3 ist gerade in der Vorbereitung für die Fahrradprüfung an der Grundschule.

Vorhin übten wir zusammen den theoretischen Teil. Dabei kamen wir irgendwann zu einem Bild, das einen LKW und eine Fahrradfahrerin zeigte – beide wollten rechts abbiegen.

Ich: Siehst du, Nummer 3? Die Radfahrerin ist im Toten Winkel. Sie muss gut aufpassen. Was muss sie denn tun, wenn sie abbiegen will?“

Nummer 3: „Na, sie muss Abstand halten: Vier Fahrradlängen. Und dann abbiegen.“

Ich: „Stimmt. Was genau bedeutet denn eigentlich der Ausdruck ‚Toter Winkel‘?“

Sie: „Ja, das weiß ich! Das bedeutet, wenn man nicht aufpasst und in dem Winkel drin ist und dann nicht gesehen wird beim Abbiegen, dann ist man tot. Deshalb ‚Toter Winkel’… „

Ja, genau so ist das.

 

Was sagt Ihr dazu?

Vorhin erzählte mir Nummer 3 etwas aus der Schule, genauer gesagt aus dem Schwimmunterricht der zweiten Klasse. Ich wüsste gerne, was Ihr dazu meint:

Sie: „Mama, wenn man seine Schwimmsachen vergisst, dann muss man nackt mitschwimmen.“

Ich: „Ach, das ist ja Quatsch. Keine Sorge – das sagt die Lehrerin nur so.“

Sie: „Nein, das macht sie echt. Vorletztes Mal nämlich musste Yolanda nackt schwimmen.“

Ich war entsetzt:

„Was? Wie? Ja und wie hat sie reagiert? Hat sie nicht geweint? Das ist doch furchtbar, nackt vor der Klasse rumlaufen zu müssen.“

Sie: „Klar hat sie geweint und wie. Aber Frau Klotz hat gesagt, sie muss. Ich hab Frau Klotz gesagt, dass sie weint und man sie nicht zwingen soll. Ich hab gesagt, sie soll sie auf der Bank sitzen lassen. Aber Frau Klotz meinte, Yolanda würde sich da nur langweilen und sie müsste schließlich was lernen.“

So. Die Situation ist ja schlimm genug. Frau Klotz aber war die Lehrerin, die auf die sexuell konnotierte Belästigung eines Schülers Nummer 2 gegenüber vor zwei Jahren Folgendes gesagt hat:

„Tja, da frag ich mich ja , warum du so etwas mitmachst, wenn es dir angeblich nicht gefällt …“

Ich habe langsam den Eindruck, Frau Klotz (Name natürlich geändert, wie immer bei uns) kann mit bestimmten Themen nicht wirklich (sensibel) umgehen.

Ich denke darüber nach, der Schulleitung zu schreiben, beide Fälle zu schildern und darauf zu bestehen, dass meine Tochter sicherlich nicht nackt schwimmen gehen wird. Zudem noch in einem öffentlichen Bad, wo eine Menge Fremder sind. Puls die eigene Klasse. Ich finde das unfassbar.

Für mich ist das demütigend und eigentlich eine Form von Misshandlung durch massive Beschämung.

Wie seht Ihr das?

Übertreibe ich damit oder ist das wirklich mehr als grenzwertig?

Muli-Mamas innerer Taschenkampf

Als Nummer 1 vor sechs eingeschult wurde, sagte mir die Klassenlehrerin:

„Eine meiner Prioritäten ist die Selbstständigkeit der Kinder. Bitte erinnern sie ihre Tochter nur anfangs an den Turnbeutel. Wenn sie ihn dauernd vergisst, dann sitzt sie auch dauernd auf der Bank und das wird sie sich merken. Sie müssen also nicht von zu Hause aus darauf achten – das ist eine meiner Aufgaben als Lehrerin und gehört zu den Kompetenzen, die Schüler entwickeln sollten.

Und bitte, bitte tragen sie ihr nicht die Schultasche. Diese ist Bestandteil der Schule und gehört schon quasi symbolisch auf den Rücken der Schülerinnen und Schüler. Hat ihre Mutter die Tasche für sie getragen? Nein? Meine auch nicht – und das war gut so. Sie hat mich selten daran erinnert, dass ich Hausaufgaben machen oder für eine Klassenarbeit lernen muss. Das waren meine Aufgaben und ich habe sie allein gemacht. Wenn ich Hilfe brauchte, dann war meine Mutter stets zur Stelle. Meist war ich aber einfach stolz, es selbst zu schaffen. Und dieses schöne, selbstbewusste Gefühl der Selbstständigkeit nehmen wir unseren Kindern, wenn wir sie so lange wie möglich wie Kleinkinder behandeln.“

Letzteres macht man eh nur für sein eigenes Gefühl und nicht wirklich für das Kind. Darin wurden wir uns während des Gesprächs schnell einig.

Freitag musste ich an diese Lehrerin denken.

Ich fuhr im Auto an einer Mutter vorbei, die ihren vielleicht siebenjährigen Sohn von der Schule abgeholt hatte. Da lief sie nun – in der linken Hand eine Einkaufstüte, in der Rechten ein Sechserpack Getränkeflaschen und auf dem Rücken was? Na, die Schultasche des Jungen. Der hopste vergnügt und verträumt durch die Fußgängerzone und wurde von ihr immer wieder zu sich gerufen – die beiden hatten es wohl eilig.

Typische Szene der von mir persönlich gehassten Kategorie „die Muli-Mama“. Ich hasse das ja schon, wenn ich Einkäufe ‚reinschleppe und dabei über die Katzen stolpere, während die diversen Kinder auf mich einreden. Oder wenn ich auf der rechten Schulter Nummer 4s Rucksack, links meine Handtasche und auf dem Arm Nummer 4 bugsiere, um zum Auto zu kommen, damit ich ihn zur Tagesmutter fahren kann.

Aber die Idee, ich buckle auch noch die Schultasche, die kam mir zum Glück nicht wirklich. Beziehungsweise ich habe sie ganz schnell verdrängt, entgegen eines gewissen moralischen Herdentriebs. War anstrengend, vermutlich wäre das Schleppen einfacher gewesen als meine doofe Prinzipienreiterei …

ich kenne ja einiges: Baby in der Seitentrage und vier Mal täglich die 90 Altbaustufen rauf und runter – damals mit Nummer 3. So habe ich die beiden Größeren zum Kindergarten gebracht und abgeholt. Auf dem Rückweg brachte ich dann öfter mal noch einen kleinen Einkauf mit. Da hätte ich mir ja die Kindergartentaschen noch an die Ohren hängen können, oder? So als wandelnder Christbaum – wäre sicher ein richtiger Ego-Boost gewesen …

Neulich sah ich diese Fotostrecke. Nachgestellte körperliche Leistungen von Müttern im Alltag. In einer Turnhalle waren so wie im Sportunterricht aus Kästen Treppen nachgebaut und eine Frau zerrte beispielsweise einen mit einem Medizinball beladenen Kinderwagen da hoch, während sie im Arm einen weiteren Ball trug.

Zu den Foto gab es Tipps einer Expertin dazu, wie man sich in diesen Situationen körperlich zumindest ein bisschen entlasten könne. So etwas wie: „Nach dem Hochzerren des Kinderwagens erst mal das Kleinkind vom Arm und ein paar Dehnübungen für den Rücken machen“. Ich sehe mich seitdem immer wieder um, aber turnende Mamas, die Rücken und Nerven retten wollen, habe ich noch nicht entdeckt. Falls so ein Kleinkind der sich gerade etwas entlastenden Mutter mir mal entgegenrennt, weil sie es ja turnend nicht gut betreuen kann, dann fange ich es und bringe es ihr. Versprochen.

Ich sehe so etwas oft und habe es, wie viele meiner Berufskolleginnen auch selber oft erlebt. Mir geht das aber echt auf den Geist, diese Geschleppe. Ich fühle mich echt wie ein Muli und so nenne ich das auch. Es ist nicht einer der Bestandteile meiner Lebensaufgabe hier, den ich wirklich mag.

Schlimm genug, dass man nicht drumherum kommt, manchmal das kleine Lastentier zu spielen, aber nicht auch noch mit Schul- und Kindergartentaschen.

Man darf seinen Kindern durchaus etwas Angemessenes zumuten. Ein Bild ausgebeuteter Kinderarbeiter im pakistanischen Steinbruch sollte man gleich aus dem Kopf verbannen – denn das ist nicht, was unser Nachwuchs durchmachen muss, wenn er seine Plünnen selber trägt. Sondern er bekommt ein Recht zugestanden: Das Recht auf Selbstständigkeit.

Ganz gleich, was ich alles über verschiedene Grundschullehrerinnen schrieb oder noch schreiben könnte: Dieses erste mir begegnende Exemplar fand ich formidabel. Liebevoll und zugleich vernunftbetont. Aufmerksam und pädagogisch angenehm versiert. Ohne Getüdel und Heckmeck. Perfekt.

Wohngemeinschaft und Gefühlsduselei

Nummer 3 füllte heute Mittag ein Steckbriefbuch aus. Dieses war simplifiziert, so dass man nur ankreuzen musste: Ja oder Nein.

Zuerst schrieb sie Namen, Adresse und Co auf. Dann las sie sich durch die Multiple-Choice-Seiten.

Sie: „Mama, guck mal, hier fragen sie, in welcher Top-Model-WG ich wohnen will.“

Ich sah mir das Buch an.

Ich: „Hinten kannst Du Dir eine Auswahl an WGs ansehen – da sind die Modeltanten immer so zusammen abgebildet, dass sie eine WG darstellen. Da kannst du dir eine aussuchen.“

Sie nickte und blickte dann gleich wieder auf.

Sie: „Äh, ich will nicht mit denen in einer WG wohnen. Das ist mir zu blöd.“

Kurze Pause. Dann: „Äh, was ist überhaupt eine WG?“

Das war schnell erklärt.

Nummer 3 dazu: „Ich möchte überhaupt in gar keiner WG wohnen. Ich wohne hier am liebsten.

Damit war die Steckbriefbuchgeschichte noch nicht vorbei. Sie las die nächste Frage vor:

„Bist du heimlich verliebt?“

Kurzes Nachdenken – dann:

„Ich bin nicht heimlich verliebt. Jeder weiß, in wen ich verliebt bin (Anm.: der „Bienenhonig“)- ich zeige meine Gefühle offen!“

Ich habe mich ziemlich amüsiert über ihre Ausdrucksweise, was sie wie üblich ziemlich ärgerte 😉

Von der Kunst, die Menschen zu zeichnen

Gestatten, das ist Schindholm, der Knecht:

Foto 4

Mit seinem stets wachen Blick und dem lächelnden Munde begeistert er die Menschen rings um ihn.

Und das ist Kuniberta, die Magd:

Foto 3

Leider gab ihr der Herrgott eine Mixtur aus Gleichmut und Einfalt in die Wiege.

Die beiden arbeiten nicht alleine auf ihrem Hof. Sie haben Gefährten und Gefährtinnen. Diese zusammen nennt man das Gesinde. Ohne „l“ bitte, darauf legt das Gesinde Wert. Allesamt haben sie, die kleinen und große Mägde und Knechte eine wunderbare neue Aufgabe: Sie zeigen jungen Menschen die Schönheit und Vollkommenheit des menschlichen Körpers. Und den Wandel desselben vom Kinde zum Herangewachsenen. Hierbei zeigen sie die wichtigsten Merkmale der männlichen und weiblichen Leiber. Besonders zu nennen sind bei den Frauen die großen Füße, die breiten Hälse, der wie zufällig positionierte und schräg sitzende Bauchnabel, das manchmal interessant trichterförmige Intimmerkmal, stets unterschiedlich große und nicht immer runde Brüste, sehr lange Oberschenkel, fehlende Taillen und Hüften sowie möglichst missproportionierte Gesichter:

Foto 2

Ja, oh! Haben Sie da gerade Schindholm entdeckt? Ich auch! Dann hat er uns bisher gekonnt belogen und sich als Mann ausgegeben. Gut, dass das nun herauskam, ehe er versucht, sein Heimatland von englischen Invasoren zu befreien!

Das männliche Gesinde präsentiert sich für die Bildung der Jugend ebenfalls gern nackt. Besondere Merkmale: Große Füße, sympathische Gesichter, Bartstoppeln:

Foto 1

Es wird seither vermutet, der Zeichner – vermutlich ein neuer Zögling seiner Zunft – wurde bei der Lektion der Aktzeichnerei der Mägde ausgeschlossen, weil er dafür zu jung war. Fortan musste er sich das Weibsvolk vorstellen, wie es ihm richtig deuchte. Und seine Vorstellungskraft war mager. Der Bursche wird inzwischen wohl mit aus Pinseln gefertigten Ruten gegeißelt. Recht so!

Wie sollen die armen Kinderlein denn lernen, wie der Storch die Kindchen bringt, wenn ein Stümper wie er ihnen das Interesse mit gräulichem Bilde im Keime erstickt?

(Bildmaterial aus dem Unterricht der zweiten Grundschulklasse zum Sexualaufklärungsunterricht. Führte bei unseren Kindern zu satirischem Protest. Bei mir übrigens auch …)