Attachment Parenting: Langzeiterfahrungen, Teil 1

Es wird viel diskutiert, umgesetzt, ausprobiert und besprochen: Der bedürfnis – und bindungsorientierte Umgang von Eltern und Kindern ist ein aktuelles Thema.

Ein Mensch, der in seinem So-Sein angenommen wird und dessen Bedürfnisse wahrgenommen werden, entwickelt sich zu einem selbstsicheren Wesen. So – sehr kurz umrissen – die grundsätzliche und begrüßenswerte Idee.

Es gibt nichts Wichtigeres für ein neugeborenes Kind als Nähe, Wärme, Liebe und Sicherheit. Nur so bauen wir Menschen Urvertrauen auf. Eine unzureichende oder unzuverlässige Zuwendung hinterlässt Spuren.

Wir liebenden und aufmerksamen Eltern möchten für unsere Kinder den bestmöglichen Start in das Leben. Damit dieser später ein gesundes Fundament für die kindliche Seele bildet.

Geborgenheit und Liebe, ein warmes Nest und Zuwendung ist, was kleine Menschen zunächst brauchen. Werden sie größer, ist es an der Zeit, ihnen Freiräume zu geben. Sie selbstständig werden zu lassen. Unsere Kinder gehören uns nicht. Wir dürfen dankbar sein, dass sie uns anvertraut wurden. Sie sollen sich frei entfalten können.

Du bist unsere Welt

Aus dieser Dankbarkeit sollte ein Grundrespekt erwachsen. Und aus diesem eine absolut individuelle Betrachtung der Familienmitglieder.

Es wird so oft gesagt und geschrieben – man kann es jedoch nicht oft genug betonen:

Jede Familie geht ihren Weg. Es gibt kein Anleitungsbuch für alle. Daher bin ich sicher, dass eine fertige Liste für alle zum Abhaken niemals der richtige Weg ist. Ich persönlich habe tiefes Vertrauen in alle Eltern, die sich verständnisvolle Gedanken um ihre Kinder machen: Sie gehen einen liebevollen Weg und sind in der Lage, vertrauensvoll zu kommunizieren.

Instinkt und erste Erfahrungen

Ich habe instinktiv vor fast 14 Jahren diesen Weg gewählt: Die individuellen Bedürfnisse des Kindes wurden stets wahrgenommen. Erst beim vierten Kind und mit fast vierzig Jahren jedoch bin ich erst in der Lage, dies in einer Tiefe zu tun, die ich selbst als erfüllend bezeichnen würde.

Ich verstehe unter Bindung – und Bedürfnisorientierung eine emotionale und zugleich reflektierte Geisteshaltung:

Ich habe im besten Fall hierbei – und das ist absolut wichtig – nicht nur die Gefühle meiner Kinder im Blick, sondern auch meine eigenen: Ich muss genau unterscheiden können, was ich für meine Kinder tue und ob ich vielleicht nur (unbewusste, eigene) Bedürfnisse in sie hineininterpretiere. Natürlich ist jedes Kind anders und es kann nicht alles für jedes passen. Und diese Basis alleine ist schon sehr fragil und schwierig.

Mir fiel beim jahrelangen Beobachten der Thematik Einiges auf:

  • Man muss sich vor der Geburt des ersten Kindes sicher und klar sein, dass diese Art der Begleitung voraussetzt, dass man sich komplett von alten (selbst erfahrenen) Erziehungsmustern gelöst hat oder lösen wird. Man kann einem Kind, zu dem man eine vertrauensvolle und respektvolle Bindung („auf Augenhöhe“) hat, nicht plötzlich sagen: „Oar, das ist schon wieder falsch, gib dir mal Mühe!“ oder „Es reicht mir! Du machst das jetzt, weil ich es sage!“  Es ist wenig sinnvoll, das Kind plötzlich nicht mehr da abzuholen wo es steht, sondern in alte Muster zu verfallen und vorübergehend auf einen hierarchischen Umgang umzustellen.

Attachment Parenting

  • Zugleich wird man immer wieder merken: Kinder wünschen Grenzen und Autorität – es ist unglaublich schwierig, langfristig eine Balance zu finden. Man muss einfach damit zurechtkommen, dass man andauernd neu austarieren und reflektieren muss. Das wiederum bietet aber auch Potential für eigene Entwicklungsschritte.
  • Diese Art des Umgangs eignet sich in aller Konsequenz eigentlich nur, wenn man wenige Kinder hat. Oder mehrere, dafür aber wirklich sehr gut darin ist, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und vor allem auch zu befriedigen. Letzteres ist unerlässlich, da Kinder zum Einen nach Vorbild leben und zum Anderen sicherlich einen nicht förderlichen charakterlichen Weg einschlagen, wenn ihre Bedürfnisse auch nach dem Kleinkindalter noch die allerwichtigsten der gesamten Familie sind.
  • Man muss weit entfernt vom Mutter-Mythos leben. Die „aufopferungsvolle, selbstlose Mutter“ ist die Antagonistin einer Frau, die zu den Kindern eine Beziehung auf Augenhöhe führen möchte. Schnell verliert sie sich zwischen den Bedürfnissen ihres Babies und des Kleinkindes. Und das kann sie kaum mehr stoppen. (Been there, done that …)
  • Kindliche Bedürfnisse sind nicht nur Wärme, Liebe, Vertrauen, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit und Co. Sondern auch emotionale Eigenständigkeit, Selbstständigkeit (im Alltag), Sich ausprobieren dürfen, Abnabeln, Grenzen spüren, sich am Gegenüber emotional reiben und in ihm spiegeln können, Anleitung finden. Man muss in aller Konsequenz bereit sein, auch diesen nachzugehen. Es kann schwierig sein, das kleine Mäuschen, das nachts in Mamas Arm schläft, am Morgen gleich mal alleine auf das höchste Klettergerüst zu lassen. Und es kann beispielsweise ebenso heftig sein, in einer engen Bindung belogen zu werden, dies darf man nicht persönlich nehmen, sondern das hinter der Lüge stehende Bedürfnis wahrnehmen. Im Grunde ist Attachment Parenting „für Babies und Kleinkinder gemacht“ – so las ich das neulich. Und da ist sicher etwas dran. Allerdings kann man es fortsetzen und das kommt nicht nur den Kindern zu Gute, wenn man bestimmte Punkte beachtet.
  • Die Eltern müssen beide mit diesem Stil des Umgangs vollkommen einverstanden sein.
  • Bedürfnisse äußern sich auf unterschiedliche Weisen. Und diese sind bekanntlich nicht immer angenehm. Man braucht innere Ausgeglichenheit, um auf die emotionalen Bedürfnisse gut eingehen und sie richtig einschätzen zu können.
  • Wenn man viele Kinder hat und wenig Unterstützung, dann ist das Leben anstrengend. Wenn man hier nun nicht auf seine eigene Bedürfnisbalance achtet, dann geht man unter. Aufopferung und Bindungsorientierung gehören nicht zusammen! Kindern soll nicht vermittelt werden „Solange du klein bist, nehmen deine Mitmenschen dich wahr, wenn du groß bist, darfst du deine Bedürfnisse auf den Müll werfen – so wie ich. Also werde lieber eine Petra oder ein Peter Pan.“
  • Selbstreflexion und Beobachtung der Familie ist wichtig, damit man nicht jedes Bedürfnislein sofort umsetzt („Eis! Aufmerksamkeit! Kuchen! Riesengeburtstagsparty!“) – denn das ist es, was aus einem Menschen einen selbstverliebten Dorian Gray macht, der seine Eltern irgendwann wütend ablehnt, wenn diese Rundumversorgung endet (mit dem eigenen Auszug, der frustrierten Mutter im Streik oder einer späten Einsicht der Eltern)

Bedürfnisse sind sehr individuell

Ich beschreibe hier meine persönlichen Erfahrungen mit unseren vier Kindern während der ersten Jahre:

Als ich 2002 Mutter wurde, gab es die Begriffe Attachment Parenting oder Bindungsorientierte Erziehung nicht. Zumindest nicht in meinem Umfeld und auch bis heute haben überwiegend internetaffine Eltern damit zu tun – so kommt es mir vor. Ich habe bisher nur zwei Mütter analog getroffen, die wussten, was das ist.

Und zugleich möchte ich anmerken, dass ich die klassischen Eckpunkte Familienbett/Langzeitstillen/Tragen etc. nicht oder aus sich ergebenden Bedürfnissen und Möglichkeiten nur eingeschränkt umgesetzt habe. Das wiederum gelte lediglich als Disclaimer. Ich bin mit meinen Entscheidungen dahingehend vollkommen d’accord, denn man kann seine Kinder ganz genau so bindungsorientiert begleiten, wenn man nicht langzeitstillt oder zusammen schläft. Es ist zudem eine emotionale, individuelle (und wissenschaftlich mehrfach belegte) Angelegenheit, auf welche Weisen man Bindung entstehen lässt. Ich habe sogar Zweifel daran, dass sie nötig sind, obwohl ich sie überwiegend befürworte. Denn das Wichtigste, so glaube ich, sind eine vertrauensvolle Kommunikation sowie ein empathischer Umgang miteinander.

Unsere Nummer 1 schlief im Jahr 2002 natürlich neben unserem Bett in ihrem Bettchen  – wir wollten sie bei uns in der Nähe haben. Gut, ich bekam kein Auge zu, weil der Gedanke, jederzeit von nur einem Schnaufen geweckt zu werden,eine nervöse Person mich eben vom Schlafen abhält. Ich fand es allerdings mehr als süß, meinen ganzen Stolz neben mir liegen zu sehen. Gern hätte ich sie mit ins Bett genommen, aber davor warnten mich Hebammen und Ärztin. Und auch mein Instinkt riet mir ab.

Nummer 1 war unruhig und sehr fordernd. Sie wurde mehr und mehr zu einem Schreibaby – ich stand innerlich unter Daueranspannung (später erst sollte ich begreifen, dass dies der Grundzustand der meisten Mütter während der ersten Jahre mit Kindern ist). Und meine Tochter anscheinend auch. Wir stressten uns gegenseitig. Jedoch war ihr Vater eher ausgeglichen und auf ihn reagierte sie ähnlich. Ich ahnte, dass ich ihr nicht ganz geben konnte, was sie brauchte – allein schon, weil ich einfach nicht herausbekam, was das war. Ich probierte daher Verschiedenes aus und lernte sie dadurch besser kennen. Ich erlernte ihre ganz eigene Sprache, in dem ich genau auf ihre Mimik und Gestik achtete.

Das Stillen fand ich furchtbar. Ich hasste es. (Hierzu werde ich bald einen eigenen Artikel verfassen, gemeinsam mit Jana vom Hebammenblog. Thema: „Wie fühlen sich Geburt und Stillen für Frauen an, die sexuelle Gewalt erlebten?“ Ich kann hier schon mal verraten: Es ist nicht so dolle.) Ich tat es natürlich dennoch, da es für mich zum Grundbedürfnis kleiner und besonders eben sehr kleiner Menschen gehört. Ich hätte es nur auch sehr gerne genossen. Stattdessen kippte ich regelmäßig, nachdem mein kleiner Barracuda meine Brüste binnen 5 Minuten beidseitig gelehrt hatte, wie das Opfer einer vampirischen Attacke auf das Sofa um und fühlte mich deliriös. Und dazu kam der psychische Stress, den das Stillen für mich bedeutete. (Das hat sich übrigens bis zum vierten Kind auch nicht geändert.)

Die Hebamme erwartete allerdings mit üblichem Druck von mir, ausgiebig zu stillen und als mein Instinkt mir sagte, die Trinkdauer sei zu kurz und das Kind anschließend zu unruhig, empfahl sie mir einfach durchzuhalten, noch öfter anzulegen und viel zu trinken. (Bis Nummer 1 Untergewicht hatte, mir ihr anhaltendes, verständliches Weinen den letzten Nerv raubte und ich letztlich nach 7 Monaten zufüttern musste).

Mir war es wichtig zu spüren, was mein Kind braucht. Ich stellte fest, dass dieses Kind, das tagsüber niemals mehr als zwei Stunden schlief und dennoch die Nacht zum Tage machte, etwas innerlich Getriebenes an sich hatte. Nummer 1 wollte immer mehr als sie konnte. Ich hatte bald begriffen: Dieses Kind wird erst zufrieden sein, wenn es laufen kann. Bis dahin müssen wir die Zeit überbrücken. Und mein oberstes Ziel war es, das Schreien meines Babies zu vermeiden, indem ich las, was es brauchte. Leider ließ sich ein Baby wie Nummer 1, das die Standardkriterien eines Schreikindes erfüllte, davon nicht immer so gut abhalten.

Nummer 1 war ungern im Kinderwagen aber gerne im Tragetuch oder der Tragehilfe. Sie mochte überhaupt körperliche Nähe nur in Form von Tragen. Also trug ich. Drückte oder küsste ich sie, wendete sie sich ab oder stemmte die Arme gegen mich.

Selbstverständlich ließ ich das sein. Ich gab ihr Nähe auf Distanz und wir scherzten, es sei mit diesem Mädchen, wie einen Kaktus zu umarmen. Wir akzeptierten es und ich respektierte ihre Gefühle. Sie fühlte sich in der Tat zufriedener als sie laufen konnte. Sie mochte es, die Kontrolle über ihren Aufenthaltsort zu haben. Sie war ein echtes „Äffchen“: Liebte es, wenn man mit ihr herumturnte und Blödsinn machte – stets humorvoll und lustig.

Nummer 1

Mit rund zwei Jahren kam die erste Autonomiephase. Ich ließ ihren Gefühle Raum. lenkte bisweilen um, begrenzte, wenn sie es brauchte. Und wir hatten selten Probleme miteinander. Ich kenne kein „Ich will den blauen Becher! Aaaaaaah!“, keine Wutausbrüche. Ich habe mich immer daran gehalten, dass ein Mensch, der sich gerade „anstrengend“ oder „unangenehm“ zeigt, etwas mehr gute Gefühle braucht und diese habe ich dann gegeben, um eine Balance herzustellen. Etwas Akzeptierendes wie „Du bist gerade wütend. Okay. Kann ich dir helfen? Nein? Auch okay“ hat bei ihr unterstützend gewirkt.

Inzwischen war Nummer 2 geboren und ich lernte ein Baby kennen, das in sich ruhte und sehr anhänglich war. Nummer 2 wurde von einem Familienfreund „Little Buddha“ genannt. Auch, weil sie fast 4 Kilo wog auf 50 Zentimetern. Vor allem aber, weil sie zufrieden wirkte. Sie wuchs zufrieden vor sich hin und wollte eher beobachten als mitzumischen. Mit ihr konnte man nicht herumaffen – dann erschrak sie. Sie bewegte sich manchmal wie in Zeitlupe – daher nannten wir sie eine kleine Schildkröte.

Nummer 2

Während Nummer 1 körperlich sehr geschickt war und niemals ein Fleckchen auf ihrem Kleidchen hinterlassen wollte, war Nummer 2 eher tollpatschig und wenig in ihrem Körper zu Hause. Irgendwie war sie immer verschmiert und ihre Klamotten dreckig: Sie war eine klassische Denkerin. Begann mit acht Monaten zu sprechen und „erst“ mit 15 Monaten holperig zu laufen. Dafür las sie dann mit 5 bereits fließend, nachdem sie es sich selbst beigebracht hatte.

Ich gab ihr viel Nähe und Zärtlichkeit, während Nummer 1 es eher mochte, mich nur in der Nähe zu sehen, um sich sicher zu fühlen.

Es gab keine Eifersucht zwischen den beiden: Ich hatte Nummer 1 während der Schwangerschaft nicht auf eine Spielkameradin vorbereitet, sondern auf ein pflegebedürftiges Baby. Und um dieses durfte sie – als ehrenwerte große Schwester – sich kümmern. Sie war eben die Größere und auf Grund dieses sicheren Gefühls (das definitiv eine Spur Überlegenheit enthalten durfte), akzeptierte sie ihre Schwester mit sehr viel Liebe und vor allem Verständnis. Sie lernte rasch, sich zurückzunehmen und ihre eigenen Bedürfnisse auch mal aufschieben zu müssen zu Gunsten eines noch kleineren Kindes, das noch nicht warten konnte. Ich zollte ihr meine Anerkennung und sie fühlte sich gut.

Nummer 2 wurde viel mehr getragen, gekuschelt und abgeknutscht – weil es ihr so gut gefiel. Sie forderte zugleich weniger Autonomie ein. Sie war ein Speikind und so mussten wir beide mehrmals täglich die Klamotten wechseln. Zum Einschlafen lag sie in einem Stubenwagen neben dem Elternbett, wo sie abends im Halbschlaf circa 2 Stunden lang vor sich hin brummte, ehe sie richtig einschlief. Zuvor lag mein Mann immer eine Stunde mit ihr kuschend auf dem Sofa: „Auf die Couch gepinnt werden“ nannte er das und es war auf die Dauer ein zunehmend einseitiges Vergnügen.

Ich unternahm mit den beiden Kindern immer öfter etwas. Nummer 1 liebte frische Luft und Bewegung. Nummer 2 liebte Liegen und Beobachten. Beide bekamen, was sie brauchten. Nummer 2 entwickelte sich zu einem wissbegierigen Kind mit sehr langen Frageketten, die ich ausnahmslos und immer beantwortete. Sie gierte nach Informationen, schloss Zusammenhänge, forschte. Sie brauchte dauernd Ansprache und Input. Und sie war von Beginn an sehr, sehr sensibel. Böse Zungen nennen solche Kinder gerne „Heulsusen“. Fakt ist: Sie empfand sehr viel. Gerüche, Laute, Geschichten, Gefühle an sich (Hochsensibilität – ja, das kann man so nennen. Wir respektieren dies und sorgen dafür, dass es ihr damit soweit gut geht.). Alles war immer „totaaal schmerzhaft“, trat ihr jemand auf den Fuß, so war es „mit voller Absicht!“, kam jemand in einer Geschichte zu kurz oder starb sogar eine Figur, konnte sie wochenlang darüber sehr traurig sein. Sie weinte sehr, sehr viel.

Während der Opa dies manchmal genervt mit „Bitte, Kind, stell doch mal deine Sirene ab“ kommentierte, nahm ich es seufzend (aber nicht weniger genervt) hin. Ich verstand: So ist das Kind nun mal. Aber es strengt natürlich an, wenn jemand viel weint. Und laut. Und vor allem nach jedem schönen Ausflug im Auto zu meckern und zu heulen. Ich habe gerne gesagt: „Being sad is her happiness“: Waren es zu viele gute Eindrücke gewesen, brauchte sie ein Gegengewicht, um wieder in Balance zu kommen. Sich frei entfaltende, vertrauensvolle Persönlichkeiten zeigen eben auch sehr viele Charaktereigenschaften. Diese sind für das Umfeld nicht immer einfach zu „ertragen“. Bedürfnisse kollidieren nun mal. Und umso öfter, je mehr Familienmitglieder da sind. Der eigene Raum wird zwangsläufig kleiner – viele Geschwister zu haben ist ein sehr natürlicher Zustand, in dem man sich selbst gut zu regulieren lernt. Das macht es aber nicht unbedingt entspannt und einfach für den oder die Einzelne/n

Nummer 1 „kochte ihr eigenes Süppchen“, war in sich zufrieden und eher introvertiert. Gemeinsam aber drehten sie jedoch auf und tauchten tief in Fantasiewelten ab. Hierbei habe ich sie niemals gestört, sondern mich immer danach gerichtet, dass sie diese herrliche Zeit voll auskosten können. (Aber wehe, ich hatte einen Telefonhörer in der Hand! Dann ließen sie alles fallen und suchten mich auf, um Bedürfnisse zu äußern. Habe das Telefonieren damals aufgegeben.)

Beide waren noch nicht im Kindergarten. Das änderte sich mit unserem Umzug, als Nummer 3 geboren wurde und das Studium meines Mannes beendet war:

Die beiden waren fünf, beziehungsweise 3 Jahre alt als Nummer 3 geboren wurde und etwas später kamen die beiden Großen in den Kindergarten.

Nummer 3

Auch dieses Mal wurde das kleine Wesen herzlich von den Größeren aufgenommen. Nur Nummer 2 zeigte Spuren von Eifersucht. Nummer 1, die „Erhalterin der Systeme“, wie wir sie gerne nennen, ging sofort auf in ihrer neuen Rolle als zweifache große Schwester.

Nummer 3 war ein Anfänger-Baby: Schlief wunderbar, brüllte niemals und sah sich tatsächlich zufrieden um, wenn sie auf einer Decke lag. Das kannte ich noch nicht: Die beiden ersten waren fordernder gewesen, ließen sich ungern ablegen. Nummer 3 schien ihre ganz eigene Weisheit mit zu uns gebracht zu haben und unser Job war wirklich eher klassisches Begleiten mit ab und an ein paar Hinweisen.

Sie liebte Selbstständigkeit, sprach mit zweieinhalb Jahren bereits ganze Sätze mit langen Nebensätzen und kletterte in unseren Apfelbaum. Auch hier ließ ich sie ihre Fähigkeiten ganz kennenlernen. Ihre Körperbeherrschung war erstaunlich. Sie redete bald ununterbrochen. Philosophierte über Gott und stellte allerlei erstaunliche Fragen, die beantwortet werden wollten. Sie brauchte viel Nähe und ein offenes Ohr, sowie viele Antworten.

Ich vermied Strafen, regte positiv an, kommunizierte gewaltfrei (und viel). Ich hielt mich an den wunderbaren Grundsatz, dass man für keine Information zu jung oder zu klein sein kann – sie muss eben nur entwicklungsgerecht mitgeteilt werden. Ich war und bin überzeugt, dass man den kindlichen Gehirn weit mehr „zumuten“ kann, als man im ersten Moment denkt. So erfuhren unsere Kinder nicht nur viele Fremdworte, sondern vor allem auch viele Zusammenhänge. Ganz gleich aus welchen Bereich: Literatur, Kunst, Geschichte, Politik, Sprachen … sie interessierten sich für alles Mögliche und erhielten sehr viele geistige Anregungen.

Nummer 2 erging sich weiterhin darin, sehr viel zu empfinden und dies deutlich auszudrücken. Sie weinte immer noch quasi andauernd. Und ich tröstete sie geduldig. Ab und an wurde mir das zu viel, aber ich fand, es sei wohl sehr inkonsequent, plötzlich nicht mehr die Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen und richtig zu behandeln, nur, weil es nun drei kleine Kinder im Haus waren, um die ich mich überwiegend alleine kümmerte.

Ich wollte vermeiden, dass Nummer 2 ein klassisches Sandwich-Kind werden würde – mit all den Repressalien, die das bekanntlich für ein Kind mit sich bringt. Also bekam sie sehr viel Aufmerksamkeit.

An dieser Stelle mag dem oder der einen oder anderen LeserIn der Gedanke kommen: „Puh, das klingt aber anstrengend: Drei so unterschiedliche Persönlichkeiten wahrzunehmen und deren Bedürfnisse aufzufassen und umzusetzen. Und irgendwie klingt es so, als käme die Mutter selber irgendwann etwas  zu kurz“

Exakt. Beides.

Die Mutter, das Individuum

Es ist so: Man hat doch ein gewisses Kontingent an eigener Energie. Diese entstammt der Grundenergie und der, die man generiert. Um sie zu generieren braucht man verschiedene Dinge (Maslowsche Bedürfnispyramide und so), auf die man achten sollte: Die eigenen Bedürfnisse. Bei nur einem oder zwei Kindern funktioniert das gut. Meine Erfahrung zeigt, dass es ab drei Kindern etwas haarig wird.

Ich bin nämlich auch ein Individuum mit Bedürfnissen, die Essen, Duschen und Schlafen übersteigen. In meinem Fall gab es da noch eine traumatische Kindheit mit all ihren Auswirkungen zu verarbeiten.

Mamaaa! (1)

Dies alles zusammen war zu viel.

Dennoch waren meine Kinder das Niveau der Bedürfnis- und Persönlichkeitswahrnehmung gewohnt. Ich konnte es ihnen schlecht entziehen oder einschränken, ohne negativen Einfluss auf sie zu nehmen.

Man kann sich dieses hohe Level an Energieausgabe jedoch nur leisten, wenn man viel Kontingent hat: Familienmitglieder, die helfen. Oder schöne Hobbies. Oder eine recht unbeschwerte Biographie. Wenn man nichts davon hat, wird auf Dauer die Freude über die Kinder nicht ausreichen, um das nötige Energielevel aufrecht zu erhalten.

Ich merkte es zunächst nicht: Die Jahre vergingen und die Kinder waren glücklich. Ich war glücklich. Ich war müde und auch manchmal erschöpft und oft echt auch genervt. Aber meine Mädels sich entwickeln zu sehen war für mich ganz herrlich. Ich bekam nicht mit, wie viel Energie es mich kostete, mich weitaus mehr um andere Menschen als um mich selbst zu kümmern. Und ich hielt meine Bedürfnisse klein mit den klassischen Gedanken, dass dies eben normal sei, wenn man Kinder hat. Dass Mütter sich eben hintenanstellen, was nicht mal bravourös, sondern erwartenswert sei et cetera.

Ich hatte neben meiner Freude an der eigenen Familie eine mich dauernd kritisierende Schwiegerfamilie. Ich war einfach nicht gut genug, egal, was ich tat. Und ich tat daher immer mehr. Ich hatte doch bereits keine liebevollen leiblichen Eltern – da hätte ich so gerne ein Ersatz-Nest gehabt. Leider konnte mich dieses potentielle Nest nicht leiden und schob mich, das unerwünschte Kuckuckskind, dauernd an den Nestrand. Die Atmosphäre war vergiftet, übergriffig und anstrengend.

Und das kostete vielleicht Energie! Diese musste ich aber auch aus dem Glück mit den Kindern ziehen. Ich begann das zu tun, was viele Mütter tun: Ich sublimierte eigene Bedürfnisse durch die Erfüllung der kindlichen Bedürfnisse. Soll heißen: Ich brauchte Zuspruch und Liebe. Und gab beides den Kindern. Um aus deren Freude und Sicherheit beides auch für mich zu ziehen. Das ist so, als würde man sich am eigenen Zopf aus dem Matsch ziehen. Oder seinen eigenen Atem aus einer Tüte atmen: Das geht nur bedingt gut.

Ich wollte mir etwas Schönes gönnen, so aus immer wieder aufflammender Selbstliebe. Und kaufte wieder nur etwas für die Kinder. Mit der Post-Partum-Figur waren Umkleidekabinen eh ein Gräuel und süße Kinderkleidchen passen den Kleinen immer perfekt!

Hatte ich eine Praline in der Hand, guckte Nummer 1 mir neidisch darauf und ich fühlte mich sofort egoistisch. Ich gab sie ihr. Nummer 1 hatte bereits als Baby blitzschnell in meinen kauenden Mund gefasst und mein Essen herausgenommen, um es selber zu verschlingen. Ehrlich wahr. Ich dachte: „Es ist ja nur Essen, die Kinder freuen sich mehr darüber. Ihnen ist das wichtiger als mir.“

Darauf folgten:

„Es ist ja nur eine Ruhepause, die Kinder brauchen mich aber bestimmt sehr dringend. Ich muss auch nicht dauernd nur ‚rumliegen!“

„Es ist ja nur ein Toilettenbesuch und kein Wellnesstag. Dann bin ich eben gestresst. Sie wissen es ja nicht besser.“

„Es ist ja nur ein seltenes Telefonat mit der Freundin und ich schließe mich auf dem Klo ein, um es zu Ende zu führen, während sie an der Tür hämmern. Aber man muss ja auch nicht dauernd labern.“

Ob ich manchmal wütend geworden bin? Oh ja, natürlich. Ich habe gezeigt, wenn es mir zu bunt wurde. Angebrüllt habe ich sie jedoch nicht. Ich bin manchmal lauter geworden und habe mich hinterher wie eine Versagerin in puncto Selbstbeherrschung gefühlt. Insgesamt war ich aber sehr, sehr langmütig. Und diszipliniert.

Als sie größer waren und gemeinsam ein Stündchen spielen konnten, begann ich wieder zu zeichnen. Das war mein Hobby. Ich zeichnete Comics. Von sexy Vampiren, die frei von Moral die Nacht besaßen. Hach. Das tat gut, so mitten zwischen Kleinkindkotze und den auf einen klapperigen Ständer balancierten Wäschebergen.

Aber es ging ja vermutlich allen Müttern so. Das hörte und las man ja. Also war es vermutlich der normale Lauf der Dinge. Man gab von seinen Bedürfnissen erstmal fast alle weg. Weil sie nicht so wichtig sind. Die Kinder gehen vor. Und sie sind der Quelle der Freude, der Energie und zugleich das tiefe Loch, in dem sie wieder verschwindet. Wer seine Freude nicht aus den Kindern zieht und dauernd glücklich ist, ist eine miese Mutter – so lernt man das schließlich.

Als Nummer 3 neun Monate alt war begann ich freiberuflich als Texterin zu arbeiten. Das tat mir sehr gut. Inhaltlich und auch wegen des Geldes. Ich hasse das Gefühl von Abhängigkeit nämlich. Unabhängigkeit ist eines meiner Bedürfnisse.

Ich war ganz erstaunt, dies festzustellen. Zugleich gestand ich mir nicht ein – da ich mein Bild von mir als Powerfrau zum Durchhalten so dringend brauchte – dass ich wirklich zu viel leistete.

Zudem hatte ich inzwischen- durch den Entzug derselben – weitere Bedürfnisse an mir festgestellt.

Nun aber war ich in meinem eigenen System gefangen und ich konnte sie kaum erfüllen. Ich liebte es eigentlich, mich in Ruhe zu schminken und gut anzuziehen. Ich quatschte eigentlich gern ausgiebig und ungestört mit Gleichaltrigen. Ich hatte eigentlich gerne Zeit für Kunst, Literatur, ein bisschen Schneiderei, ein Gläschen Wein, einen Einkaufsbummel, guten Sex. Eigentlich hatte ich eine Menge Fernweh und interessierte mich für fremde Länder und deren Geschichte. Ich liebte es eigentlich, allein zu sein. Ich mochte keine Fremdbestimmung. All das waren Merkmale meiner eigenen Persönlichkeit, die sich nicht komplett verändert, weil man Kinder bekommt.

Doof gelaufen.

Wie das Ganze für die Kinder und für mich weiterging? Und was die Kinder inzwischen selber über diesen Umgang mit ihnen sagen?

Das erfahrt Ihr bald in Teil 2

 

 

Entwicklung: Jedes Kind ist anders

Entwicklung: Jedes Kind ist anders

„Deine Kinder sind alle so unterschiedlich! Wieso sind die so?“

Manchmal werde ich gefragt, wieso unsere vier Kinder alle so derart unterschiedlich sind und sage:

„Ich nehme an, das liegt an unserer erzieherischen Grundeinstellung. Sie sollen ihre Persönlichkeiten frei entfalten können – eine Persönlichkeit besteht eben nicht nur aus Kreativität und Empathie. Sondern auch schon mal aus Opportunismus und Taktlosigkeit. Dadurch ist das Ganze anstrengend, aber auch uneingeschränkt bereichernd.

Sie dürfen sich ganz zeigen. Und natürlich begleiten wir sie auch durch analytisches Betrachten aller Anteile, so weit das möglich ist. Das Ziel ist bei allen gleich: Wir möchten sie dabei unterstützen, selbstständige, einfühlsame, selbstbewusste und vor allem zufriedene Erwachsene zu werden. Das ist ein sehr anstrengendes aber auch bereicherndes Unterfangen.“

Jedes Kind ist anders – hört man oft. Was bedeutet das denn genau? Was brauchen Kinder, um sich frei zu entfalten? Und wohin führt das unter Umständen?

Liebevolle Begleitung

Ein Kind wird auf dem Lebensweg begleitet. Es geht die erste Zeit an unserer Hand. Nach und nach lösen wir unseren Griff. Wir gehen dann neben oder hinter ihm. Es selbst wählt aber den Weg.

Es wird nicht gezogen oder geschoben. Manchmal ein wenig gestupst. Aber so selten wie möglich. Das Wort Erziehung stößt uns manchmal auf, weil wir das Verb „ziehen“ darin nicht so gelungen finden. Wir begleiten. Klingt schön, oder? Dennoch wähle ich den Terminus „Erziehung“ dennoch, weil er allgemein gefasst und dadurch ebenso allgemein verständlich ist.

Wir sind dankbar, wenngleich manchmal maßgeblich erschöpft, unsere Kinder anvertraut bekommen zu haben.

Das bedeutet keinesfalls, dass wir nicht etwas wie die „Juulschen Leitwölfe“ sind. Oft geht Erziehung auf Kosten von Beziehung baden. Es ist sehr schwierig, da immer ein Gleichgewicht zu finden. Unsere Kinder sind ein wenig zu sehr vor dem Leben geschont und auch verwöhnt worden. Es ist schwer, das im Nachhinein auszugleichen. Aber während Kinder klein sind, kann man die ganzen Auswirkungen des Umgangs mit ihnen nun mal noch nicht so gut erkennen wie zu späteren Zeitpunkten.

Dennoch ist ihre Persönlichkeitsentwicklung sehr gut gelungen. An der Alltagstauglichkeit arbeiten wir momentan (seit fast einem Jahr) gemeinsam. Auch auf Wunsch der Kinder hin, die sich beklagten, weil sie merkten, dass sie sich etwas unselbstständig fühlten und Einiges dazu lernen wollten. Nun klagen sie über viele Aufgaben, die sie bekommen. Weil sie es gewohnt sind, dass sie ebenso verwöhnt wurden wie viele andere auch – es ist eben halt ein Teil des Zeitgeistes. Und ich hatte nicht immer das Selbstbewusstsein, einen anderen, einen eigenere Weg einzuschlagen. Vor allem, da man mich gelegentlich schon als eine Art Dompteurin oder Felddragoner bezeichnet wurde.

Ja, sie sind verwöhnt – ein Ausdruck, an dem sich viele stoßen. Sie sind an Dinge gewöhnt worden, die sie als Selbstverständlichkeit annahmen. Es ging ihnen übergut. Nun werden viele sagen: Wie passt das denn zusammen? Einerseits von Beziehung quatschen und dann sagen es ging den Kindern zu gut? Es kann einem doch gar nicht zu gut gehen!“

Doch. Das kann es. Und das ist dann wiederum gar nicht mehr gut. Ich habe viel gelernt aus den Ergebnissen meiner Erziehungsüberzeugungen. Und da wir ja noch einen kleinen Menschen hier haben, werde ich bei demselbigen etwas anders vorgehen, wenn auch der Grundsatz der Bedürfnisorientierung bleibt – ich habe gelernt, dass man sich ab drei Kindern eigene und neue Modelle überlegen muss, um diesen Grundsatz zu ergänzen.

So viel zum selbstehrlichen Fazit nach fast 14 Jahren Elternsein mit mehr Beziehung statt Erziehung.

Der individuelle Weg

Auf dem oben erwähnten Lebensweg vermitteln wir Eltern natürlich Regeln und Wertvorstellungen. Diese bilden einen Leitfaden. Der Rest ist individuelles Tempo und eine eigene Entfaltung. Diese wird  – ganz natürlich – durch die Anzahl der in der Familie lebenden Personen beschränkt. Eine One-(Wo)Man-Show kann hier bei uns keiner veranstalten. Dazu bietet eine größere Familie einfach keinen Raum. Dies kann einschränkend sein, aber das nicht nur im negativen Sinne.

Es ist ein ur-natürliches Gefüge, in einer Familie zu leben. Und diese muss nicht nur aus drei Personen bestehen. Wohl und sicher fühlen wir Menschen uns mit einem Kreis aus rund 20 bis 30 Personen. Unserem uralten Sippengefüge. Im Kern befindet sich der jeweils eigene Kreis. Drumherum sind Tanten und Onkel, da sind Großeltern und Geschwister. da sind Schwägerinnen und Großcousinen. Alle helfen mit. Äh, halfen. Heute sieht das etwas mitunter etwas anders aus in der Sozialstruktur:

Mutter+Vater+1,3 Kind(er)

Jede weitere Person, schränkt ein und bereichert, lehrt und lernt. Es ist ein sehr interessantes Wechselspiel verschiedener Aspekte.

Um Raum und Sicherheiten zu gewährleisten, legen wir Menschen Regeln fest. Auch innerhalb unserer Familien.

Wir sind viele

Klingt, wie aus einer Broschüre, hm? 😀

Unsere Haus-Regeln lauten beispielsweise (Auszug): 

  • Jeder trägt seinen Teil zum Familienleben bei. Wir teilen Spaß und Arbeit.

(Das ist mitunter echt anstrengend zu vermitteln.)

  • Unser Umgang ist geprägt von Respekt. Keine Lügen, keine Schimpfwörter.

(Respekt ist unabdingbar. Lügen und Schimpfwörter kommen jedoch vor, werden aber         sofort besprochen.)

  • Jeder darf sich entfalten. Außer er stört den Raum des Anderen.

(Das bekommen wir im Allgemeinen gut umgesetzt. Ging in der Vergangenheit aber              fast ausschließlich auf Kosten der elterlichen Räume-> verwöhnt!)

  • Vorlieben, Abneigungen und Interessen werden geschlechtsunabhängig akzeptiert.

(Das stellt überhaupt kein Problem dar. Man muss sich selbst allerdings fortlaufend               reflektieren und beobachten. Denn manches schleicht sich unbewusst ein.)

  • Niemand geht frustriert oder traurig ins Bett.

(Von meiner Mutter übernommen: Vor dem Schlafengehen wird sich                  vertragen/ausgesprochen)

Unsere Werte sind beispielsweise (Auszug):

  • Unsere Mitmenschen werden respektvoll, höflich und freundlich behandelt. Wir achten besonders auf Andere, die älter sind oder eingeschränkt. Hierbei vergessen wir jedoch nicht unseren Selbstschutz.

(Jeps, unsere Kinder bieten älteren Menschen oder Schwangeren immer einen Sitzplatz an. Sie begrüßen Gäste und beherrschen die allgemeine Etikette erstaunlich gut. Sie können sich im Notfall jedoch auch überwiegend gut verteidigen.)

  • Wir besprechen Probleme miteinander und arbeiten lösungsorientiert zusammen.

(Wir analysieren und überlegen. Irgendwie findet man immer eine Lösung. Problemverliebtheit ist nicht so unser Ding.)

  • Wir respektieren andere Menschen und sind interessiert an ihrem Leben.

(Klappt auch bestens.)

  • Glaube und Philosophie sind Elemente unseres Alltags

(Es ist nicht nur unser Augustinus mit ihrem Tischgebet. Wir reden sehr viel über Weltanschauungen, Psychologisches und Glaubensthemen verschiedener Richtungen.)

  • Wir sind ein konservativer Haufen. Mit einer guten Portion Freigeist.

(Die berühmte Wurzel-und-Flügel-Geschichte Goethes: Die klassischen Werte erden uns und so können wir getrost den Kopf in die Wolken recken. Oder könnten: Denn oft genug vergisst man die Leichtigkeit, wenn man zu lange im Alltagszahnradgetriebe steckte …)

Viele Individuen

Werte und Regeln bilden den Entwicklungsrahmen. Darüber hinaus entfalten sich unsere Kinder frei.

Wir haben oft Vorstellungen davon, wie ein Mensch sein sollte oder könnte. Es ist nicht nötig, jedes Talent zwingend zu nutzen oder jede Anlage fördern zu müssen. Kinder bringen alles mit, das sie brauchen. Wir brauchen nur ausreichendes Vertrauen in sie.

Und in uns selber.

Kinder zu begleiten bedeutet oft auch, sich zurückzunehmen. Und sie machen zu lassen. Manchmal lässt man sie dabei zu sehr alleine und manchmal begluckt man sie zu sehr. Allermeistens passiert Letzteres.

Kinder können sehr gut entscheiden, ob es zu viel oder zu wenig Begleitung ist. Es ist wichtig, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu erschaffen, in der sie dies auch mitteilen können.

„Mama, ich brauche deine Hilfe.“

ist genau so wichtig anzuerkennen wie

„Äh, das kann ich echt schon alleine, Papa!“

Wichtig ist, in sich selbst hinein zu fühlen. Wir alle tragen in uns Zweifel und Ängste. Diese zu erkennen und sorgsam mit ihnen umzugehen, ist eine große Aufgabe. Ich persönlich neige dazu, eine Glucke zu sein. Und während das bei kleineren Kindern noch auf mehr als Toleranz stößt, ist es für größere Kinder hinderlich. Also reflektiere ich:

Ein älteres, persönliches Beispiel:

„Warum möchte ich mich gluckenartig auf meine Küken setzen und immer auf sie aufpassen?“

Antwort: „Weil ich sie sicher und behütet aufwachsen sehen will. Ihnen soll nichts von dem passieren, was mir passierte.“

Lösung: Ich darf meine Ängste und Einschränkungen nicht auf meine Kinder übertragen. Also beobachte ich aufmerksam, wo ich die Grenzlinie zwischen Begleiten und Beglucken ziehe. Und zwar individuell bei jedem Kind. Und nebenbei sollte ich vielleicht noch ein wenig meine Kindheit aufarbeiten, wenn ich mir das so ansehe …

Ehrliche Selbstreflexion ist eigentlich unabdingbar. Dazu ist es sehr schön, eine/n PartnerIn zu haben, mit der oder dem man vertrauensvoll besprechen kann, was man entdeckt. Und in diesem Vertrauen sollte man auch annehmen, was das gegenüber beobachtet. Das fällt uns oft schwer, weil wir alle oftmals so tief verunsichert sind. Alles fühlt sich wie Kritik an und wenn man brav war, dann wird man nicht kritisiert: Wir sind alle Kinder klassischer Erziehung: „Brav „= Lob und „Böse“ = Sanktion.

 

Begleitung voller Aufmerksamkeit ist für mich ein Ausdruck von dem, was ich als Respekt empfinde.

Ich bin gut

Erstes Kind, zweites Kind – noch mehr Kinder

Das Kind entfaltet sich innerhalb des gebotenen Rahmens und dieser verändert sich mit wachsender Familie. Eine Familie entwickelt sich im besten Fall immer weiter.

Wie meine Mutter so schön sagte (und das kann ich trotz meiner hier und auch hier beschriebenen tief sitzenden Probleme mit ihr guten Gewissens teilen):

„Ein Kind nimmt jeden Raum ein, der sich ihm bietet. Er spürt diesen instinktiv und nimmt ihn komplett ein. Das ist seine natürliche Art und auch ein Recht: Sich Raum erarbeiten und für sich sorgen.

Als ich klein war, da war der Raum sehr eng. In den 1950ern. Da mussten Kinder schweigen, wenn Erwachsene sprachen und bekamen durchaus auch Schläge, wenn sie dies missachteten.

Heute fahren Kinder Erwachsenen und auch anderen Kindern einfach ins Wort. Die Mutter lässt sich unterbrechen und wendet sich dem Kind meist sofort zu, wenn sie unterbrochen wird. Das ist sehr viel Raum. Darüber könnte man diskutieren. Es ist aber eine Gegenbewegung zum alten Stil. Und den lehne ich eigentlich ab. Aber das Ganze muss sich noch einpendeln auf ein für beide Parteien gesundes Maß.“

Beim ersten Kind hat man oft genaue Ideen und Vorstellungen. Manchmal sublimiert man Dinge, die man selber  als Kind vermisste. Man beginnt mit dem Elternwerden auch, seine eigene Kindheit und die eigenen Eltern zu hinterfragen.

Durch das erste Kind kommt man seinen Eltern oftmals näher, fragt um Rat und bindet deren Erfahrungen mit ein. Oft hat man auch Vorsätze wie a) Das hat meine Mutter immer gemacht und ich finde es ätzend. Da mach ich glatt das Gegenteil. Oder b) Das hat meine Mutter immer gemacht und ich finde es klasse. Das mache ich auch. Man sucht Orientierung. Und diese oftmals am Anfang in Extremen.

Das zweite Kind zeigt die eigenen Grenzen der Aufmerksamkeit und Leistung auf. Während das erste die gesamte Aufmerksamkeit bekam, kann das zweite auf mehr Freiheit hoffen. Zugleich steckt es natürlich, genau wie das Erstgeborene ab der Geburt jeden weiteren Kindes, in einer Konkurrenzsituation. Auch dies prägt die Entwicklung.

Über das dritte Kind sagen viele (die kein solches haben): „Das dritte läuft so mit!“ Nein. Das tut es nicht. Und das sollte es auch nicht. Es muss ohnehin die elterliche Aufmerksamkeit gleich mit zwei anderen Kindern teilen. Und da sollte es Raum für die eigenen Bedürfnisse erhalten. Hier helfen beispielsweise feste Rituale. Und auch die Erinnerung der größeren Kinder, dass sie eben genau dies sind: Älter und größer. So kann das Jüngste erst einmal in Ruhe ein Küken sein. Das Erstgeborene hat nun zwei „unter sich“, eines davon besonders niedlich (Baby) und eines in der Mitte, das nach oben strebt während es vielleicht regrediert, um mit dem Baby mithalten zu können. Schnell wird das Erste dann „vernünftig“ und zeigt sich als erhaltendes Element im Familiengeflecht.

Kindliche Eifersucht kommt durch Konkurrenzempfinden (unter Anderem, aber es lässt sich darauf zurecht kürzen) und diesem haben wir in unserem Familiensystem immer entgegengewirkt, indem wir klarstellten: „Das Baby ist sehr klein. Es kann nicht viel und darf nicht so viel wie du. Du bist größer, kannst und darfst mehr. Wir alle wollen, dass es dem Baby gut geht. So wie es dir als Baby gut ging. Auch wenn es manchmal anstrengend ist – wir bekommen das hin! Elterliche Liebe wird niemals geteilt. Sie wird immer mehr, je mehr Kinder man hat. Liebe kann wachsen, mache dir da keine Sorgen.“

So kamen die Großen eher in eine verständnisvolle und pflegerische Position. Sie empfanden trotzdem manchmal Eifersucht und teilten diese aber dann vertrauensvoll mit. Wir haben dann immer Lösungen gefunden oder zumindest klärend gesprochen.

Die freie Entwicklung des vierten Kindes ergibt sich bei uns im Rahmen der Überbetreuung durch die gesamte Familie: Alle wollen den kleinen Süßmann kuscheln und mit ihm spielen.

Unser Nachzügler verbringt ganz bewusst jeden Vormittag bis halb Eins bei Tageseltern, die gleichaltrige Kinder betreuen. Als er dort die ersten Mal war, begriff er gar nicht, was für ein seltsamer Vorgang es war, dass ihm jemand etwas wegnahm. Er konnte sich absolut nicht dagegen wehren. Schließlich kannte er es nur so, dass ihm alles gebracht und erleichtert wird. So lernt er bereits vor dem Kindergarten mit seiner großen Gruppensituation mit anderen Kindern auch Konflikte zu erleben.

In Ruhe lassen

Unsere ersten beiden kamen mit nur 17 Monaten Abstand zur Welt. Sie spielten viel zusammen. Ich habe mich immer, wenn sie alleine zu spielen begannen, herausgezogen und auch herausgehalten. Das selbstständige Spielen zu fördern war eine meiner Prämissen. Und ich habe von unseren Kindern bis heute höchstens ein Mal im Jahr „Mir ist laaangweilig“ gehört.

In Ruhe spielen, wachsen, probieren und forschen lassen. Alle Fragen beantworten. Kein „Dafür bist du zu klein“ – weder bei Aktivitäten, noch bei möglichen Antworten.

Alle Fragen werden beantwortet. Ja, auch die peinlichen und unangenehmen. Es hilft auch hier, sich zu selbst zu hinterfragen, warum man bestimmte Dinge nicht so gerne beantworten möchte. So habe ich das zumindest immer gehalten.

Und netter Weise erhalte auch ich immer Antworten. Manchmal muss ich mehrmals nachfragen, aber irgendwann teilen sie sich doch mit. Und dann zumeist recht eloquent.

Jede Familie ist anders – jedes Kind auch

Jede Familie lebt nach ganz eigenen Vorstellungen. Und das ist großartig. Außer die Gesundheit oder sonstige Unversehrtheit der Kinder ist gefährdet – aber davon sprechen wir hier nicht. Sondern von liebenden Eltern, die das Glück der Kinder im Auge haben.

Innerhalb dieser gesunden Vorgaben wachsen die Kinder auf. Wenn man sie nicht in bestimmte Richtungen zieht, sondern eher zuschaut, welche Wege sie selber wählen, dann lernt man sie nicht nur gut kennen, sondern lernt oft auch, wie richtig sie in ihren Selbsteinschätzungen liegen.

Gibt es Leidensdruck, weil bestimmte Probleme immer wieder auftreten, dann ist man natürlich gefragt, direkt zu unterstützen. Manchmal brauchen sie einen Schubser in Richtung Selbstständigkeit, denn das ist etwas, das momentan nicht ganz oben auf der pädagogischen Liste des elterlichen Mainstreams steht. Für manche schon, klar. Aber ich nenne es bewusst Mainstream: Eine Haupt-Strömung ist das.

Kinder entfalten sie sich eigentlich von ganz alleine. Und ich sehe immer wieder Kinder – oder lese bei meinen Blogger-KollegInnen darüber – die frei aufwachsen dürfen. Dies meint keine kleinen Narzissten, um die sich eine ganze elterliche Welt dreht (und die für sie belastender Weise auch der Mittelpunkt der selben sein müssen). Sondern ganz wunderbar freie Menschen, die forschen, basteln, sich mit Matsch beschmieren, in Pfützen springen, Fragen stellen, ihr eigenes Tempo haben und sich selbst kennenlernen dürfen.

Und zum Schluss: Unsere Vier

Einzig nicht artig

Nummer 1 (13 Jahre) hat ein spannendes Spektrum zwischen schüchtern-verzagt und lauthals-für-Andere-einstehend. Sie ist unsere Jeanne D’Arc, die sich für Andere einsetzt und sich zugleich bis vor einer Weile kaum traute, im Supermarkt nach der Schlagsahne zu fragen.

Sie war als Baby ein Schreikind oder High Need Baby. Zugleich hasste sie körperliche Nähe von Beginn an. Wollte aber auch nicht abgelegt werden. Ein Teufelskreis aus malträtierten Nerven, verrücktem Glück und völliger Übermüdung. Sie schlief jedoch mit vier Monaten durch und verlagerte ihre bedürfnisintensive Art auf den Tag. Sie krabbelte mit 7 Monaten, lief mit 12 Monaten, sprach ab 18 Monaten. Davor interessierte Sprache sie wenig.

Sie war bisher immer enig romantisch, bisweilen etwas herb. Sie besitzt eine wundervolle Selbstironie und ist sehr zuverlässig. Aber sie kann auch ganz formidabel prokrastinieren. Was sie jedoch sehr genau weiß und gerne loswerden möchte. Sie bittet um Hilfe, wenn sie welche braucht und bekommt sehr viel ganz alleine hin. Ihre Umarmungen sind herzliche Klopfer, wie ich sie unter Kumpels erwarte. Zugleich ist sie sehr feinfühlig, aber nicht hypersensibel.

Sie ist gerne mit ihrer Familie zusammen und chillt gern. Sehr gern. Gute Leistungen zu erbringen macht sie sehr glücklich.

Sie findet Schminke, Nagellack und Ähnliches ziemlich affig und mag es sehr natürlich. Sie liebt Geschichte und Fremdsprachen udn hat bereits seit Jahren einen festen Berufswunsch. Sie will Lehrerin werden.

Zudem ist sie in der Pubertät und das bedeutet, wir können gespannt sein, was für ein Schmetterling am Ende herauskommt. Vielleicht ist es auch ein Bombardierkäfer. Man weiß es noch nicht ❤

Nummer 2

Sie (12 Jahre) ist romantisch und niedlich. Sie liebt süße kleine Dinge, Manga, Animes, Zeichnen und ist sehr verschmust. Sie ist hochsensibel, hatte immer Probleme in der Schule – erst wegen akuter Unterforderung, dann wegen akuten Mobbings.

Sie war ein Speikind, das stets gut gelaunt war. Und hat ab dem Kleinkindalter sehr, sehr, sehr viel geweint. Und gekuschelt. Und geweint. Sie krabbelte mit 6 Monaten, Sprachstart mit 10 Monaten, lief mit 15 Monaten. Lehrte sich das Lesen und Schreiben mit 5 Jahren.

Nummer 2 nimmt vieles persönlich, weil sie durch das Mobbing an dieser Stelle schon echt vorbelastet ist. Dieses ist allerdings gerade im Endstadium durch verschiedene Interventionen von uns und der Schule sowie einer Fachfrau einer Beratungsstelle. Und man spürt deutlich, wie sie aufblüht und sich täglich verändert. Zurück zum weitestgehend unbeschwerten Dasein.

Am liebsten ist sie in ihrem Zimmer bei geschlossener Tür und zeichnet oder liest. Oder kuschelt mit Mama.

Sie denkt dauernd nach, schläft schlecht ein und ist oft müde. Ihr Wissensdurst war durch die gesamte Kindheit riesig. Sie interessiert sich neben dem Erwähnten für Physik, Mode, Subkulturen, Geschichte, Geheimnisvolles. Sie mag Symbole und historische Anekdoten, Romantisches und Niedliches. Sie ist ein verspielter und sehr humorvoller Mensch, der Systeme auf ihre Konsequenz, Haltbarkeit und vor allem ihre Sinnhaftigkeit überprüft. Wer durchfällt, erhält von ihr eine Mitteilung. Bei Lehrern ist das sehr beliebt …

Sie will Psychologin und am liebsten gleichzeitig Mangaka (Zeichnerin japanischer Comcis/Manga) werden und steckt ebenfalls mitten in der Pubertät. Sie ist, wie ihre große Schwester, sehr hoch gewachsen und hat mich bald größenmäßig eingeholt (ich bin 1,72 Meter).

Nummer 3 bezeichnet sich gerne als „Tom Boy“, obwohl ich ebenso gerne darauf hinweise, wie schwierig ich Etikettierungen finde. Aber sie ist 9 Jahre alt und braucht dieselbigen. Sie liebt Motorräder, Baumaschinen, Barbies, ronantische Kleider, coole Lederjacken, Hulk und Tiere. Sie ist eine Idealistin – genau wie ihre beiden Schwestern.

Ihre Lieblingsbeschäftigung ist das Nachstellen einer 80er-Jahre-Kindheit wie ihre Eltern sie hatten. Und das ist großartig: Sie ist dauernd draußen, bei jedem Wetter und nie alleine. Sie hat so ein Freundinnengrüppchen, mit dem sie klettert, schaukelt, baut und rutscht. Sie tauchen in phantasievolle Spiele ein, lachen viel und stromern mit den Rädern durch die Gegend.

Sie will Kriminalkommissarin werden und unbedingt eine Harley besitzen.

Sie trägt ihr Haar gerne kinnlang und asymmetrisch geschnitten. Einfach cool eben. Ihr Vorname bedeutet „Amazonenkönigin“ (Nein, sie heißt nicht Xena …) und das passt so richtig gut zu ihr.

Sie krabbelte mit 9 Monaten, sprach ab 11 Monate, lief mit 17 Monaten. Sie sprach mit zweieinhalb ganze Sätze mit Nebensätzen und startete das religiöse Philosophieren in der Tat im zarten Alter von drei Jahren.

Nummer 4 ist ein herzensguter kleiner Mann mit einem unfassbaren Spachvermögen.

Er kann sehr sympathisch frech sein und das dann aber mit dem passenden Grinsen. Er genießt in vollen Zügen dieses Meer von Liebe, das ihn umgibt. Er wird von einer Bekannten gerne „Glücks-Baby“ genannt und das passt. Er war ein High Need Baby und ist auch immer noch recht needy. Aber durch ungezählte Stunden des Tragens, Singens, Kuschelns und Sich-Beschäftigens ist er voller Urvertrauen.

Was nicht heißt, dass er nicht vorsichtig und bisweilen ängstlich ist. Er spricht seit er 8 Monate alt ist immer mehr. Er hat kaum noch Hilfslaute („g“ ausgesprochen wie „d“ oder Ähnliches). Sätze mit Nebensätzen sind kein Thema für diese Quasselstrippe. Er denkt viel nach, teilt seine Gedanken mit und ist gleich zwei Minuten später wieder total albern.

Zwischen „Ich vermute, es ist keine so gute Idee, was du da machst“ und „Mama, du Achn-Kachn-Äch-Dächn, bist du ein Bagger?“ liegen manchmal nur Sekunden …

 

 

 

 

Weil’s so schön war …

In unserer neuen Kategorie „Weil’s so schön war“ stellen wir frisch überarbeitete Blogartikel vor, die als Evergreens immer wieder interessant sein können.

Themen rund um Babies, Schwangerschaft, das Leben mit Kindern – wie immer gnadenlos ehrlich, mitunter lustig und natürlich manchmal auch heart-warming.

Den Anfang macht der Blogpost „Fremdbestimmt“, in dem ich über das Leben mit Babies und Kleinkindern schreibe. Wie erfüllt man als Mutter überhaupt seine eigenen Bedürfnisse, wenn man ein oder mehrere kleine Kinder hat? Geht das überhaupt oder gerät man selbst ins Hintertreffen? Habe ich das hinbekommen? Wie entwickelte ich mich als Mutter?

Zu diesem hat Christian von familista übrigens einen Artikel mit besonders charmant passenden Fotos geschrieben.

Los geht’s:

Fremdbestimmt

Fremdbestimmt

So kann es sich durchaus öfter mal anfühlen, das Muttersein .

In einem Gespräch mit einem Kollegen kam Mister Essential auf unsere Nummer 4 zu sprechen.

Der sympathische Mann und erfahrener Vater zweier Kinder sagte dazu:

“Wow, dass ihr euch das noch mal angetan habt. Das ist so heftig – diese krasse Fremdbestimmung …”

Mister Essential erzählte mir das als er wieder zu Hause war und meinte, es sei ja schon sehr treffend, dass er genau diesen Aspekt zuerst genannt habe. Die Fremdbestimmung.

Und ich sagte, ohne lange nachzudenken:

“Ja, das ist ja auch genau das, was mich länger hat darüber nachdenken lassen, ob ich noch ein weiteres Kind möchte. Und ich finde das ganze Gepöngel mit Baby, Tasche, Kinderwagen und so auch schon anstrengend. Das Geschmiere beim Essen, das Wickeln oder Gesichtswaschen unter harter Gegenwehr und all das – aber das ist gar nicht weiter schlimm für mich. Die Fremdbestimmung ist für mich das mit Abstand Härteste.”

Mein Mann hatte beim Essen geantwortet:

“Ja, das erste Jahr war auch richtig hart. Und meine Frau empfindet die Fremdbestimmung auch wirklich als belastend.”

Oh ja, das tut sie. Vor allem eben weil sie nicht mehr Mitte Zwanzig ist und das Abenteuer Mutterschaft mit neugierigen und ganz hingebungsvollen Schritten zum ersten oder zweiten Mal erkundet. Sie sucht nicht mehr ewig und mit aller Liebe bestimmte Spielzeuge einzeln aus oder näht mit ganz viel Zeit aus der Wildseide, in die eines der Hochzeitsgeschenke verpackt war, ein Rüschenschürzchen für das Kleid der Erstgeborenen. Sie wälzt nicht mehr die Zeitschriften auf der Suche nach nützlichen Tipps. Sie seufzt nicht mehr heroisch-tapfer, wenn sie akrobatisch mit Baby auf dem Schoß zur Toilette gehen muss. Sie weint nicht mehr aus Erschöpfung, wenn das Baby endlich schlummert, nachdem es eine Stunde nur schrie und lächelt dabei noch selig in Gedanken an das süße schlafende Kindchen.

Was macht sie stattdessen?

Alles für die lieben Kleinen

Waaah! Land unter …!

Ich weiß sofort, wie genervt ich bin und lächle nichts mehr erzwungen weg. Ich beobachte, dass da eine innere Grundanspannung in mir ist, die ich in der Retrospektive immer während der ersten eineinhalb Babyjahre hatte. Zuerst dachte ich, das sei eine Art Dauerbereitschafts-Instinkt. Dann hielt ich es für ein bisschen stress-neurotisch und halte es inzwischen für eine Mischung aus beidem.

Bis man einem Kind sagen kann Warte kurz, ja? (und kein Gebrüll als Antwort bekommt) bleibt diese Anspannung einfach in mir. Und ich kann sie nicht ausstehen. Ich finde, sie hetzt mich durch den Tag. Als ob man nicht ich immer wieder alles schnell-schnell machen muss. Schnell-schnell ins Bad, ehe das Kind aufwacht, schnell-schnell einen Tee runterkippen, ehe es Zeit zum Kochen ist, schnell-schnell noch bügeln, damit man danach noch Zeit für’s Spielen hat – denn bald trudeln ja die drei Großen aus den diversen Schulen ein. Es gibt auch noch den Modus schnell-schnell Pause machen, sonst ist es zu spät. Den vernachlässige ich leider immer mal wieder.

Die Sache ist die, dass die Fremdbestimmung einen hart trifft wenn man sich a) nicht besonders gut innerlich gegen die Bedürfnisse des Kindes abgrenzen kann, man b) nicht immer voller Hingabe ist und man c) diese Zeiten schon etwas öfter erlebt hat. Vielleicht sollte man als Punkt d) noch erwähnen, dass es vermutlich hilft, sich aufgeben zu wollen, denn wer ganz gern auf seine (Grund-)Bedürfnisse schauen möchte, der hat quasi verloren. Ich bin eine Punkt-a-bis-d-Kandidatin.

Erinnerungen und späte Analyse

Jetzt nach der vierten Babyphase meines Lebens kann ich auf mich selbst zurückblicken und erinnere mich, wie sauer ich auf mich war, weil ich nicht die relaxte Super-Mama sein konnte, die ich von mir zu sein erwartete. Ich fühlte mich gehetzt und konnte nicht mal entscheiden, wann ich zum Klo durfte. Ich sah zu, wie aus der endlich aufblühenden jungen Frau mit den glänzend lackierten Fingernägeln, der Zeit zum Ausgehen und der hübschen Unterwäsche unter den schönen Klamotten jemand wurde, der dauernd vergaß, sich die Nägel überhaupt zu feilen, mit dem Rest-Schwangerschafts-Übergewicht kämpfte und der einen weißen Baumwollstill-BH trug. Aufblühen war vertagt. Definitiv.

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Leben mit Kindern: Eine Herausforderung. Täglich neu. Und ja: das ist ein Handabdruck im ausgekippten Essen.

Ich hockte vor elf Jahren mit einem (dauerspuckenden) Säugling und einer (alles auseinandernehmenden) Eineinhalbjährigen in einer sehr (hübschen) Wohnung (mit zwei Etagen, sehr nett) im Stadtteil einer Kleinstadt. Ich hatte kein Auto zur Verfügung und die nächste Haltestelle war so weit weg (wie auch der nächste Supermarkt), dass ich die halbe Stunde zur Innenstadt meistens latschte. Das machte ich oft, weil die Zimmerdecke die Tendenz zum Herunterfallen hatte. Auf dem Rückweg war der gefühlt vier Meter lange Geschwisterkinderwagen gefüllt mit Einkäufen aus dem Lieblings-Drogeriemarkt.

Und ich fragte mich, warum ich eigentlich zu schwächlich war, ihn die paar Kilometer ohne Schnaufen zu schieben. Einmal schob eine mich begleitende Freundin ihn und stöhnte nach zwei Metern: “Mann, ist das Monsterteil schwer. Mach den Einkauf doch mit dem Auto am Wochenende oder schnell am Abend.”

Aber der Einkauf war ja mein Wochenhighlight – das wollte ich ungern hergeben. Habe dann weniger eingekauft. Und bin öfter mal in den nahen Schlecker. Die Filiale war ungefähr so groß wie eine Camenbert-Schachtel und mit dem Schlachtschiff Kinderwagen kaum zu durchfahren. Ich war trotz allem total stolz, wenn ich den Kinderwagen schob und ich fand die beiden Mädels da drin einfach himmlisch.

Es gab einen Spielplatz im Stadtteil. Da konnte Nummer 1 drei Mal rutschen und ein paar Mal schaukeln bis es Nummer 2 im Wagen langweilig wurde und sie zu meckern begann …

Ich sagte mir damals, dass dieser Zustand, so frustrierend öde ich ihn immer mal wieder fand, besser war als der zuvor mit dem Schreikind als erstes Baby. Oder der in der letzten Schwangerschaftsphase mit Nummer 2 – die ich oft nachmittags wie erschossen auf dem Sofa liegend verbrachte, während Nummer 1 mich zum Spielen animieren wollte. Dies tat sie, indem sie ihr Spielzeug rund um meinen Kugelbauch warf und stapelte.

Einmal in der Woche war Nummer 1 in dieser Phase bei den Schwiegereltern – und ich als brave Schwiegertochter machte mir nicht etwa einen Tee und las ein gutes Buch. Ich nutzte meinen Freiraum zum Putzen und aufräumen. Sollte ja niemand sagen können, ich sei faul. Und zudem musste ich ja zeigen: Ja, ich bin sehr schnell wieder schwanger geworden, aber ich habe selbstverständlich alles im Griff – kritisiert mich bitte ausnahmsweise mal nicht.“

Es reichte ja, dass ich ungehöriger Weise schon wieder schwanger geworden war. Damals bastelte ich auch Geburtstagskarten für alle Verwandten meines Mannes und zog den Kindern die juckenden, hässlichen Pullover an, die meine Mutter wie ein Perpetuum mobile strickte. Ich war also zusammengefasst einfach sehr jung und sehr unsicher.

Das Leben drehte sich plötzlich in einem kleinen Kreis rund um das eigene Zuhause.

Die Babyzeit mit Nummer 3 verbrachte ich in einer sehr schön geschnittenen Altbauwohnung (wieder mit zwei Etagen – also genug Platz)  in Düsseldorf. Wunderbare 90 Treppenstufen trennten uns von der Welt und allen Verwandten, die älter als 60 waren – denn die kamen so selten wie möglich bis gar nicht.

Das wiederum kam mir großartig vor, aber 180 Stufen am Tag (zum Spaziergang runter und wieder rauf) in hochschwanger und danach mit Baby fand ich blöd. Aber ich wurde recht sportlich und hatte prima Muskeln. Das Vor-Schwangerschaftsgewicht hatte ich schnell wieder und untertraf es sogar noch. Ich war viel unterwegs mit den Dreien, kaufte mir neue Klamöttchen, machte die Mädels ebenfalls chic und war irgendwie war ich nicht mehr ganz so angespannt. Es ging bergauf.

Spannten mich vielleicht und eventuell auch die eigenen Ansprüche an? Und hatte dies nachgelassen? Oder tat es mir gut, nicht mehr in der Kleinstadt zu hocken und mich für jede winzige gegönnte Bequemlichkeit mies zu fühlen, weil ich Kritik von der nahen Schwiegermutter befürchtete? Nummer 3 war zudem ein formidables Baby – sie weinte fast nie. Sie hatte nie Bauchweh und das Zahnen schien sie einfach zu ignorieren. Sie schlief pünktlich und immer gleich lang. Unfassbar war das. Ich war wirklich entspannter und begann sogar, wieder freiberuflich zu arbeiten – während Nummer 3s Mittagsschlaf ging das sehr gut. Unsere Babys waren mit jedem weiteren immer pflegeleichter geworden. Und ich immer ein klein wenig entspannter.

Die letzte Babyzeit meines Lebens

Daher dachte ich, als Mister Essential im Jahr 2012 mit glänzenden etwas wie „Hm, also, wo drei groß werden, würden auch vier groß …“ murmelte ein nächstes Baby wäre vermutlich schlichtweg im Alltag nicht zu bemerken. Nein, nicht wirklich – ich hatte vor den Nächten Respekt und wusste, dass ich die Babyphase oft öde finden würde. Aber ich entschied mich für ein viertes Kind.

Am meisten Angst (ja, wirklich Angst) hatte ich vor der Fremdbestimmung. Und sie traf mich knallhart, muss ich sagen. Nummer 4 war im ersten Jahr nicht das pflegeleichteste, sondern das anstrengendste Baby.

Ich war nicht mehr oder weniger fremdbestimmt, sondern vielmehr zu einem selbstaufgegebenen Bedürfniserfüllungsroboter geworden. Dazu kam, dass mich zum Einen mein Alter und zum Anderen die beiden Fehlgeburtserfahrungen prägten. Dem kleinen Wunschkind soll es nur ja an nichts fehlen – predigte die Verlustangst.

Nun, wo er tatsächlich herumläuft, seine Zahnbürste nach der Benutzung selber wieder in den Becher steckt und sich bestens verständigen kann, sehe ich Land. Ich weiß, dass nun der Punkt erreicht ist, an dem es steil nach oben geht. Denn mir fiel wieder ein, dass Kommunikationsreife und Alter des Kindes viel ausmachen. Er versteht fast alles, das ich sage und er kann mir hinterherlaufen anstatt zu weinen, wenn ich kurz aus dem Raum muss. Ich muss ihn auch nicht mehr überall hintragen – na ja, wenn es nach ihm geht schon. Das ist schon viel wert: Er ist ein Kleinkind geworden.

Dennoch spüre ich, dass ich mich eigentlich schon in der Phase der Selbstbestimmung befunden habe, als er auf die Welt kam. Ich habe mir gepredigt, die Babyzeit zu genießen. Während ich wie ein Zombie den Kinderwagen vor mir her schob (ich verwendete ihn ob der Müdigkeit gern als eine Art Rollator), hörte ich von allen Seiten: “Ach genießen sie es! Die sind ja nicht lange so klein!” und dachte mir immer: “Bitte wiederholen sie nur den letzten der beiden Sätze und schütteln mich dabei ein wenig aufmunternd, ja?”

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Nummer 2 und ihr erster Schuh, 10 Jahre nach dem Kauf: Sie wachsen wirklich irgendwie, diese Kinder.

Gute Seiten

Ich fühlte mich am Ende des berühmten ersten harten Jahres jedenfalls viel besser als mittendrin. Ich begriff, dass ich ja nicht nur Ende Dreißig bin und nicht mehr Mitte Zwanzig, sondern dass ich vor allem für insgesamt sechs Menschen sorgen muss.

Ich schließe mich nun in den Kreis der Personen, die meiner Fürsorge bedürfen, endlich selbst mit ein, denn auch diese Lektion des Lebens habe ich (viel zu) langsam verstanden. Ich denke mir, es wird schon anstrengend sein, was Du da alles schaffst – kein Wunder wenn Du Dich dauernd so etwas schlapp wie während einer Erkältung fühlst. Ich erkenne also meine Leistung an. Das konnte ich vor zehn Jahren definitiv nicht. Ich bin selbstsicher in meinen Entscheidungen und kann sie bestens vor mir vertreten.

Ich fühle mich nicht nur müde und fremdbestimmt. Sondern reif, stolz und erfahren. Ich bin keine junge Frau mehr, die sich innerlich von Ansprüchen unter Druck setzen lässt und äußerlich versucht, es allen recht zu machen. Das Stadium der jungen, unsicheren Mama habe ich längst verlassen. Inzwischen habe ich eine große Tochter, die in diesem Jahr zum Teenager wurde und eine andere große Tochter, die sich öfter die Nägel lackiert als ich (wäh!) und eine kleinere große Tochter, die morgens alleine auf die Uhr schaut um zu sehen, wann sie die Jacke anziehen muss. Wenn das mal nicht eine gute Bilanz ist!

Die Drei passten in der letzten Erkältungsphase nachmittags auf Nummer 4 auf als ich heftig erkältet war. Ich lag im Bett und bekam Tee gebracht! Das stelle man sich mal vor! Kein Kind hopste auf mir herum und niemand musste von mir zum Klo begleitet werden während ich ein Fieberthermometer im Mund hatte. Ich lag da, machte Bingewatching mit dem iPad und wurde gesund.

Fremdbestimmt und dennoch Danke

Also danke ich dem lieben Gott und auch mir selbst für das Erreichen wunderbarer Meilensteine. Ich bin inzwischen in der Lage zu erkennen, dass anstrengende Phasen ihr Gutes haben und ebenso, dass ich nichts andauernd schönreden muss, nur weil ich mich dazu entschieden habe (zum Beispiel Leben mit Kindern :D). Ich danke für die lebhaften, schlauköpfigen und bereichernden Kinder um mich herum. Ich danke für den kleinen, heiß ersehnten Mann mit den großen Knopfaugen, der so gerne mit mir kuschelt.

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Mein Mantra. Auch wenn es Phasen gibt, in denen es schwerfällt. Vor allem sollte man auch sich selbst mit Liebe behandeln, statt sich aufzuopfern, wie man es oft von Müttern verlangt.

Eins Zwei Drei Vier – wie das ist, mit mehreren Kindern zu leben

Klar werde ich immer mal wieder gefragt, wie das Leben mit vier Kindern so ist. Ich denke mir dann immer:

„Viel anstrengender als mit einem, aber weniger anstrengend als mit sechs.“

Meist wird auch nicht gefragt – sondern gleich etwas festgestellt:

„Also ich könnte das nicht. Da würde ich bekloppt.“ 

Äh ja. Ich war es schon vorher – das hilft.

Wie wir viele wurden:

Kind Nummer 1

Wir hatten ein Kind und dachten: Wow, das ist ja eine krasse Umstellung! Nichts ist mehr wie vorher. Es gab von vielen Dingen so viel mehr und von anderen so viel weniger. Alle Eltern kennen das. Wir hatten uns sehr über die Schwangerschaft gefreut und arrangierten uns während des ersten Jahres mit der Umstellung. Nummer 1 war im ganzen ersten Lebensjahr eher unzufrieden.

Als Baby immer an der Grenze zum Schreikind, oft darüber hinaus. Ich konnte förmlich spüren, wie die Energie nur so aus mir hinausfloss. Sie war auch ein Still-„Barracuda“: Andocken – Saugen wir verrückt – nach zwei Minuten loslassen und nach der anderen Seite verlangen – zwei weitere Minuten – vollgesogen abfallen. Nach dem Stillen kippten sie und ich zu Beginn regelmäßig um und pennten ein. Ich war wortwörtlich leergesaugt. Habe gut abgenommen in der Zeit …

Kind Nummer 2

Eineinhalb Jahre lang hatten wir ein Einzelkind. Seit dieses acht Monate alt war, wuchs Nummer 2 in mir heran. Ich hatte ziemlich Schiss vor der Herausforderung mit einem laufenden Kleinkind und einem Säugling.

Zu Recht. Es war sehr anstrengend. Aber es wurde mit jedem Monat einfacher. Nummer 2 war ein sehr liebes Baby, wenngleich sie ein Speikind war und nach jeder Mahlzeit eine Milchdusche über sich und mich ausbreitete. Ich war oft bis auf die Unterwäsche nass. Immer roch ihr kleiner Speckhals nach Käse – wegen der geronnen Muttermilch. Yummy. Ich habe dauernd an ihr und mir herumgewaschen.

Ich hatte nie Angst, dass meine Liebe nicht für zwei reichen könnte – ich machte mir nur Sorgen um meine Nerven. Wir zogen in eine größere Wohnung um während ich schwanger war.

Mit zwei so kleinen Kindern war es eine interessante Mischung aus Unter – und Überforderung. Nummer 1 wuselte herum und Nummer 2 wollte gestillt werden. Hilflos saß ich auf dem Sofa mit dem Mini an der Brust und sah zu, wie Nummer 1 Tonnen an Spielzeug und Küchenutensilien in der Wohnung verteilte. Nach dem Stillen durfte ich das alles dann aufräumen. Gestaubsaugt habe ich mehrmals täglich und der Sauger stand immer griffbereit. Ich habe in der Tat Nummer 2 neben diesem Gerät auf dem Wohnzimmerteppich entbunden …

Wir lebten damals in der Studiumsphase – bloß ohne die Parties und das Ausschlafen am Wochenende. Aber mit so langen Pausen, dass wir in diesen zusammen am PC spielten oder rumhingen und entspannten.

Kind Nummer 3

Nummer 3 machte sich im Sommer 2006 als zweiter Punkt auf dem Schwangerschaftstest bemerkbar. Mr. Essential befand sich im Studiums-Endspurt und während für mich der Zeitpunkt für ein drittes Kind gut passte, stresste ihn der Gedanke zunächst. Doch irgendwie hatten wir uns einigen können und Nummer 3 wurde in die Familie „eingeladen“. Ein Mal in der Woche waren Nummer 1 und Nummer 2 damals bei den Großeltern. In den Kindergarten gingen beide noch nicht.

Wir zogen in eine andere Stadt und Mr. Essential machte montags seine Abschlussprüfung (1,6! Yeah!) und donnerstags war die Einleitung im Krankenhaus. Wir hatten in der Tat den Geburtsstart passend terminiert. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Mr. Essential bereits seit Längerem in einer PR-Agentur. Er hat in der Tat Job und Studium sowie Familie gleichzeitig hinbekommen. Nummer 1 war fünf Jahre alt und Nummer 2 war drei Jahre alt, als sie beide große Schwestern wurden. Vorbereitet habe ich alle Kinder gleich: Sie lernten, dass sie große Geschwister würden. Ich versprach keine Spielkameraden oder Knuddelbabies. Sondern ich sagte ihnen klar, was das Schöne und auch das Nicht-so-Schöne an einem Baby im Haus sein würde. Und es gab selten Eifersucht. Der Plan klappte also.

Die Großen kamen in den Kindergarten und als Nummer 3 neun Monate alt war, begann ich im Homeoffice freiberuflich zu arbeiten, was mich sehr glücklich machte.

Nummer 3 war ein Anfängerbaby. Sehr zufrieden und ruhig. Sie weinte nur absolut selten. Hatte sie Hunger, dann stimmte sie eine Art zaghaftes Meckern an. Mehr nicht. Ein Traum war das. Ich war phasenweise dennoch abends richtig fertig. Manchmal tränten meine Augen vor Müdigkeit, während ich die Stufen zum Kinderzimmer hochging und ich sah verschwommen. Daran erinnere ich mich noch gut.

Ich war viel unterwegs mit den Dreien. Zu den Großeltern ging es nicht mehr so häufig – auch wegen des Kindergartens. Aber an den Wochenenden waren sie vielleicht alle zwei bis drei Monate dort. Wenn ich krank war, dann ergab sich selten eine Unterstützung. Mr. Essential war beruflich mehr als eingespannt und hatte wenig Zeit für Familie, außer an den Wochenenden.

Drei Kinder erfordern eben, dass man zusehen muss, wie man im Job weiterkommt.

Und das gelang ihm sehr gut.

Wir zogen aus der Großstadt um und leben nicht mehr in einer Wohnung, sondern in einem schönen, gemieteten Haus. Mit einem kleinen Garten. Der Kindergarten war großartig und die Grundschule nicht weit. Morgens marschierten die Großen dorthin und ich mit Nummer 3 zum nahen Supermarkt. Dort kauften wir uns Joghurt und holten Brötchen, um beides dann im Garten zu frühstücken. Ich habe ab mittags nach dem essen wirklich dauernd aufgeräumt. Bis heute nervt es mich, wenn ein Haus so aussieht, als ob da acht Kinder wohnen. Schrecklich finde ich das. Bei anderen Menschen ist mir das egal. Ich fühle mich selbst damit nur nicht wohl.

Also wuselte ich herum, machte den Haushalt und so weiter. Gearbeitet habe ich da immer noch freiberuflich, bis ich in der PR-Agentur anfing, wo ich eineinhalb Jahre ausprobieren durfte, wie das so ist, mit der Vereinbarkeit. Unsere Kinder sind meistens gesund und so konnte ich das wagen. Die Großeltern wären im Notfall eingesprungen. Doch als unsere Oma schwer erkrankte, fiel diese Option weg und obwohl ich mit meinem Fortkommen im Job sehr zufrieden sein konnte und bereits über neue Möglichkeiten gesprochen wurde, kündigte ich dann letztlich, weil es einfach zu viel wurde.

Kind Nummer 4

Wir kauften das Haus und zogen um.

Schule und Kindergarten wurden gewechselt. Nicht unbedingt Verbesserungen, aber es ging nicht anders.

Das Leben mit den Dreien war längst eingespielt. Als Wunschkind Nummer 4 kam, waren die Großen 10, 9 und 6 Jahre alt. Es gab inzwischen nur noch einen einzigen – sehr lieben – Opa. Dieser Opa kümmerte sich auch hier um die drei Großen, während Nummer 4 geboren wurde.

Ansonsten gibt es für uns keine familiäre Unterstützung.

Wie anstrengend es mit unserem „High-Need-Boy“ wurde, kann man auf diesem Blog nachlesen. Hier und hier und auch hier.

Es war richtig knackig. So ein Baby hatten wir noch nie. Und dazu noch drei Kinder. Das war dann richtig krass. Und wir haben oft gelacht:

Er: „Weißt du noch, wie wir vor elf Jahren dachten, ein einziges Kind sei anstrengend?“

Ich: „Haha, ja, man kennt es ja nicht anders …“

Er: „Das hier IST anders …“

Wir haben uns für die Kinder immer aus der Liebe und dem Bauchgefühl heraus entschieden. Natürlich hatten wir innere Sorgen und Vorbehalte. Schafft man es nervlich? Schafft man es finanziell? Kommt niemand zu kurz? Geht das überhaupt ohne familiäre Unterstützung?

Die Antworten sind immer die gleichen: Man wird sehen, man gewöhnt sich und natürlich kann man alles schaffen. Es ist nur nicht immer das reine Zuckerschlecken.

Was ist am Leben mit vielen Kindern anstrengend?

Ich finde manchmal, dass es durchaus zu wuselig und zu laut ist – na klar. Ich bin (nicht lachen!) ein Mensch, der sehr gerne alleine ist. Aber zugleich bin ich mit diesen vier Persönlichkeiten schrecklich gern zusammen.

Schade finde ich, dass man sich nicht so sehr auf den Einzelnen einstellen kann. Das geht einfach nicht. Ich schaue sehr genau hin, analysiere und begleite. Aber bei nur einem Kind ginge das viel besser. Klar sage ich mir, dass es auch ein „zu viel des Guten“ gibt und dies wieder eine andere Herausforderung für mich als Mutter wäre, aber es ist ja immer so: „Die Gelockten wollen glatte Haare und andersherum“. Sind jedenfalls zwei von den vieren mal nicht da, dann ist es mir oft zu langweilig und leer im Haus. Wenn nur eine mal woanders übernachtet, dann vermisse ich sie. Ich kann echt irgendwie körperlich spüren, dass wir nicht komplett sind.

Man muss viele Termine, Wünsche, Entwicklungen, Befindlichkeiten und Probleme speichern und koordinieren. Das ist sehr viel Arbeit. Man kommt dabei definitiv zu kurz. Wir haben einen Kalender mit sechs Spalten und die bekomme ich in manchen Monaten erschreckend vollgeschrieben.

Man muss verzichten lernen. Es gibt keine großen tollen Urlaube. Es gibt von allem (Materiellem) weniger für alle.

Bei vier Kindern ist Mitarbeit erforderlich. Ganz klar, dass jeder Aufgaben erledigen muss. Sie müssen selbstständig sein. Eigentlich. Leider habe ich sie ziemlich verwöhnt, sagt Mr. Essential und ihnen viel zu viel abgenommen. Diesen Fehler muss ich nun mühselig korrigieren. Das klappt jedoch recht gut, ist aber auch dringend nötig.

Vier Kinder reden/plappern/quietschen/meckern gleichzeitig. Das kann die Hölle sein.Echt. Ich habe seit Jahren immer mal wieder so ein Zwitschern und Rauschen im Ohr. Das spricht wohl seine eigene Sprache.

Vier Schwangerschaften steckte (m)ein Körper gut weg. Das, was mich an meinem Körper stört, das war nach der ersten Schwangerschaft schon so. Es veränderte sich bei den weiteren nicht. Das kann auch anders ablaufen, wie ich hörte.

Mit vier Kindern muss man Unmengen einkaufen. Unmengen waschen. Unmengen bügeln und tausend Mal die gleichen Sätze predigen. Das sind die Sätze und Erinnerungen, die wir alle kennen. Man muss sie nur viel öfter sagen. Weil zu mehr Personen.

Ab und an hörte ich so etwas:

„Ach, ob jetzt eins, zwei, drei oder vier. Sooo groß ist der Unterschied nicht. Man muss ja eh waschen und kochen. Wäscht und kocht man eben mehr.“

Das ist wirklich Unsinn. Es geht nicht nur um die Mengen an Arbeit, sondern um die Unmengen an Aufmerksamkeit. Die wächst nicht. Die Nerven passen sich an, man schafft mehr, erträgt mehr, powert mehr. Das darf ich sagen, weil ich ja die Stadien alle durch habe. Man hat wirklich mehr um die Ohren als wenn man weniger Kinder hat.

Mit einem einzelnen Kind hatten wir mehr Freiheiten, mehr Geld und mehr innere Ressourcen als mit mehr Kindern. Alleine alle zu scheuchen, damit man rechtzeitig zu Sechst im Auto sitzt .. das ist „ein Bisschen“ anders als bei einem Einzelkind.

Familienbett, Abstillen nach Wunsch des Kindes und ähnliches sind für uns lediglich romantische Ideen. Wenn ich lese, dass die Natürlichkeit in solchen Themen das Hauptargument ist, dann sage ich progressiv: „Großfamilien sind noch viel natürlicher!“ Und da gehen viele Fisimatenten einfach nicht. Manchmal tut einem das leid.

Achtsamkeit ist oftmals etwas, an das ich mich bewusst erinnern muss, um es einzusetzen. Bei so vielen Menschen auf einem Haufen, da ist es nicht einfach. Da nimmt man sich keine Zeit für kleine Entscheidungen. Welche Teesorte kaufe ich? Welches Shirt passt am allerdbesten zu dieser Hose? Wie fühle ich mich gerade? Was brauche ich jetzt? Ist mir gerade nach einem Kaffee? Das ist alles nur noch Tand und Luxus.

Habe mal ein Wochenende bei einem mit mir innig befreundetem Paar verbracht, das kinderlos in einem süßen Häuschen in der Heide lebt. Da habe ich erst den Kontrast begriffen! Diese ganze Stille! Die Zeit, um zu entscheiden, wie man sein Frühstücksei gerne hätte! Allein das! Hier ist das morgens eher kantinenmäßig …

Schön viele

Man kann mit vier Kindern in einem 1,80-Meter-Bett kuscheln. That’s Heaven! Alle liegen um mich herum – lauter Menschen, die durch mich auf diese Welt kamen und die ich begleiten darf. Ich liege da dankbar und Mr. Essential sagt: „Oh Mann, ich an deiner Stelle würde ersticken!“ So unterschiedlich kann man wahrnehmen.

Jedes Kind ist anders. Bei uns stimmt das haargenau. Ihre Persönlichkeiten, Interessen, Reaktionen und Vorlieben sind teilweise so unterschiedlich! Und so gibt es immer ein Kind, mit dem man ein Thema teilen kann. Ich merke das schon an Nummer 4: Mit Nummer 1 spielt er gerne Baby-Apps oder sieht sich eine Folge „Shawn das Schaf“ an. Nur Nummer 2 bringt ihn anscheinend perfekt ins Bett. Nummer 3 ist für ihn irrwitzig komisch – die beiden kreischen oft vor Lachen zusammen.

Als Mensch, der als Kind eine große und innige Familie sehr vermisst hat, genieße ich viele Aspekte des Lebens mit vielen Kindern. Und das werde ich sicherlich auch noch, wenn ich mal faltig bin und Enkelkinder habe.

Die Kinder streiten, sie helfen sich, sie teilen, sie lernen so unendlich viel voneinander. Nicht nur die klassischen Social Skills. Auch tiefe Gefühle weit darüber hinaus. Und Verantwortungsbewusstsein. Und sich zurücknehmen zu können sowie sich auch zu behaupten. Mit Nummer 3 zum Beispiel legt sich in der Schule niemand an. Sie hat zwei große Schwestern und obwohl sie äußerlich klein und schmächtig erscheint, ist sie stark und selbstbewusst. Bei all diesen Prozessen und Erlebnissen darf ich dabei sein. Für solche Erfahrungen darf man wirklich danken.

Die Idee, ich würde dieses Leben beenden, ohne Anderen das Leben ermöglicht und sie darin begleitet zu haben, lag mir stets fern und machte mich beim Gedanken daran traurig. Ganz gleich, was ich an Schlimmem erlebte: Das Leben an sich habe ich gern weitergegeben und durch die Geburten der Kinder gewürdigt. Das ist ein religiöser oder spiritueller Aspekt, der mir sehr wichtig ist.

Ich bin umgeben von Liebe und darf mit meinen Händen einen tiefen Sinn berühren. Manchmal ist es unfassbar anstrengend und dann ist es wiederum so tief, dass ich nicht verstehe, wie es auch nur Momente lang selbstverständlich wirken kann.

Har-har, Du Landratte!

Har-har, Du Landratte!

Mr. Essential und ich gehören zur Minderheit der Deutschen, die das Bargeld scheuen.

Er hatte so etwas hier mal erwähnt: Kaum ist Bargeld im Haus kommt am gleichen Tag ein Schrieb aus der Schule, in dem genau dieser Betrag verlangt wird. Wir gehen von einer Verbindung zwischen Geldautomaten und Bildungsanstalt aus.

Der Rest verschwindet dann stets in später nicht mehr nachvollziehbaren Kanälen.

Heute Morgen ergab sich Folgendes:

Er: „Sag mal, hast du zwei Euro für mich?“

Ich: „Ich glaub‘ nicht. Die Kinder haben mich gestern abgezogen und sind mit dem Geld zum Penny geradelt …

Er seufzt.

Ich: „Ich guck‘ mal, was noch in meiner Tasse ist.“ (Darin bewahre ich etwas Kleingeld auf)

Kurz darauf schaut er in meine ausgestreckte Hand. Wir sehen uns an.

Er: „60 Cent und eine Perle? Was bist Du? Eine verarmte Piratin?“

Ich: „Das ist eine Bastelperle, die ich nicht verlieren wollte! Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass wir die höchste Einstufung beim Elternbetrag für die Tagesmutter haben und uns immer noch gegenseitig für zwei Euro anschnorren müssen …“

Bevor sich jemand für uns freut, dass wir dem Hedonismus frönen könn(t)en: Wir sind echt weit von der Ataraxie entfernt.

Hätten wir kein Haus, keine zwei Autos und die paar Kinderchen, dann … ja dann! Dann würden wir leben wie … keine Ahnung – wie jemand, der theoretisch den höchsten Elternbeitrag zahlen muss, aber praktisch eher ferne Urlaubsziele ansteuert.

Aber: Wir verzichten aus Liebe – das macht uns weniger zu Piraten als zu … keine Ahnung – etwas Netterem 😀

Prio 1

Als ich noch in einem Büro arbeitete, da gab es etwas, das ich sehr schätzte: Die Einteilung der Aufgaben in verschiedene Prioritäten. Prio 1 war mega-wichtig. Daran hielt man sich, das war überschau- und umsetzbar. Vor allem, weil die Einstufung stimmig war.

Im Leben als Mutter beziehungsweise Familienmanagerin ist das anders. Es werden dauernd Versuche gemacht, von außen eine Prio 1 aufzuerlegen.

Das beginnt mit unseren vielzitierten Elternbriefen aus der Schule. Die mit den fünfzig Ausrufezeichen. Und geht über die regelmäßige Kontrolle beim Zahnarzt, die pünktlichen Impfungen, die ebenso regelmäßigen Tierarztuntersuchungen der Viecher über das Pflegen der kindlichen Freundschaften zu Elternsprechstunden mit Lehrern sowie elterlichem Engagement in den Schulen. Und sofortiges Bezahlen all der Beträge, die überall verlangt werden. Und so weiter …

Im Moment ist das so:

Die Wichtelgeschenke müssen schnell gekauft, verpackt und abgegeben werden (bei Schule und sportlichem Hobby), der Abschnitt „Was möchte ich alles gerne für das Weihnachtsfest backen und anschleppen“ aus der Schule muss sofort unterschrieben und mitgegeben werden. Die Kinder müssen umgehend lernen, an alle nötigen Schulsachen zu denken. Die 2 Euro hier und 6 Euro da müssen zügig in einen Umschlag gepackt, beschriftet und mitgegeben werden. Die Arzttermine müssen zeitnah gemacht und nicht verschoben werden.

Beispiel für das lustige Prio-1-Spiel gefällig? Ich wollte am Freitag Nummer 3 zu ihrer Freundin am letzten Wohnort zur Übernachtungsparty bringen. Lange geplant und uns hier sehr wichtig. Da meldet sich die Englischlehrerin mit (völlig vorhersehbarem Inhalt) und will mich am gleichen Tag zur Zeit unserer Abfahrt sehen. Auf den Einwand Nummer 2s, dass wir da bereits im Auto sitzen kommt ein leicht angegiftetes: „Ja dann muss eure Mutter eben wissen, was ihr wichtig ist …“

Ich zahlte es ihr heim (bin manchmal von unserem Familienfreund Machiavelli besessen), indem ich zum Abschied sagte:

„Ja, vielen Dank, Frau Lehrerin, dass sie uns zehn Minuten früher bereits herbestellen konnten war sehr gut. Ich war ohnehin schon so in Eile. Ich bringe die Kleine ja nicht hier im Umfeld irgendwo hin. Sondern mit insgesamt einer Stunde Fahrzeit an den alten Wohnort. Es ist uns wichtig, die Freundschaften dort zu pflegen. Umzüge sind ja sehr belastend für Kinder. Aber es war gut, dass sie mir bestätigten, was ich mir bereits gedacht hatte – so kenne ich unsere Kinder eben. Was sie eben sagten passt ins Bild.“

Dabei hievte ich die hampelnde Nummer 4 auf meinen Arm und ließ mit Mater-Dolorosa-Lächeln die Wickeltasche wie versehentlich vom Arm gleiten. Frau Lehrerin reagierte entsprechend leicht beschämt und wünschte einen besonders schönen Abend. Sie lobte im Rausgehen noch einmal, wie sehr man sähe, wie das sprachliche und musische Talent dieser so lobenswert intelligenten Kinder doch von Zuhause mitkommen würde. Soso.

Die Mitarbeit verlangenden Personen vermitteln stets das Gefühl, „Ja, das hier ist Prio 1.“ Jeder meint das. Andauernd. Es ist zum Durchdrehen.

Und das ist es deshalb zum Durchdrehen, weil mein erwähnter Familienkalender nun sechs statt fünf Spalten hat. Alle regelmäßig gefüllt. Ich habe suchen müssen, um einen zu bekommen, der so viele Spalten hat. Und diese mussten auch groß genug sein, damit alles reinpasst. Diesen Kalender bekam ich bei einem sehr liebevoll sortierten, christlichen Geschenkeversand. Hab‘ echt lange gesucht, aber Familien mit mehr als vier Mitgliedern gibt es eben nur zu 3 Prozent in Deutschland. Zu dem Kalender gab es übrigens eine kleine Plüschmaus im Talar. Diese Kirchenmaus habe ich unserem Heiligen Augustinus geschenkt. Der sie seitdem sehr liebt. Aber das nur nebenbei.

Die Idee, dass ich ein Einzelkind hätte (was ich immerhin eineinhalb Jahre lang hatte), bringt mir Folgendes mit:

Das eine Kind wäre leicht zu überwachen. Es hätte immer seine Sportsachen, seine Hausaufgaben und seine drecksdusseligen tausend Zettel mit in der Schule. Alle Termine wären gemacht. Weil ich daran denken würde. Habe das neulich der Frau Klassenlehrerin erklärt: „Das, was andere Kinder da haben, mit denen sie meine Kinder vergleichen, ist eine Pseudo-Selbstständigkeit. Weil die Eltern in Wahrheit an alles denken. Meine sind gezwungen, selbst an das meiste zu denken. Ich lerne mit ihnen Vokabeln und erinnere sie an das Lernen für Klassenarbeiten. Glauben sie im Ernst, diejenigen, die ihre Pröllen beisammen haben, haben da selber dran gedacht?“ Sie musste einräumen, dass sie das nicht glaube …

Unsere Kinder leben in einer für Menschen recht natürlichen Umgebung einiger Geschwister. Dies passt so ziemlich gar nicht zu unserer Gesellschaft. Die Ansprüche an mich als Mutter sind die gleichen, wie man sie an Mütter mit einem oder zwei Kinder stellt. Das schlaucht. Wer genau hat Verständnis? Fast niemand. Ich muss all das tun, das andere Mütter auch tun. Nur eben nicht ein oder zwei Mal sondern vier Mal. Ich wirkte dabei unangestrengt und freundlich. Sonst sagt nachher jemand: „Hä, warum hat sie denn die ganzen Blagen bekommen, wenn sie’s nicht hinkriegt?“ Und das will man ja vermeiden.

Warum hat sie all die Blagen denn bekommen?

Aus Liebe.

Und diese Liebe lässt mich wirklich sehr große Anstrengungen, viel Arbeit, eine Menge nerviges Zeugs und sehr viel Verzicht ertragen. Aber sie sorgt nicht dafür, dass ich mich am Jahresende nicht wie ein leergesaugter Zombie fühle. Oder dafür, dass ich manchmal nicht ausrasten möchte, wenn ich meinen vollgestopften Kalender ansehe und dabei höre, an was ich gefälligst noch alles denken sollte. Wenn ich eine verantwortungsbewusste Mutter wäre. Im Grunde gelten für meine Familie hier die Regeln, die früher einmal galten, als man noch diverse Kinder hatte. Aber das müsste man erst einmal allen klarmachen …

Es ist einfach nicht möglich, wenn man unter der Woche quasi allein erziehend ist, vier Kinder und ’ne große Bude hat, sowie beruflich orientiert bleibt, an all den be*** P*** zu denken, den die Welt für wichtig hält, zu denken. Es geht nicht. Ist alles in Wahrheit nicht wichtig. Kommt vielen nur so vor. Und ich muss die Souveränität aufbringen, denjenigen das zu vermitteln. Und das bitte nicht als Schwäche meinerseits. Sondern noch irgendwie honorabel. Kann ich grad irgendwie nicht. Und will ich auch nicht. Ich finde, manches kann man sich auch selber überlegen.

Ich möchte das gerne mal veröffentlichen. So zum Mitschreiben: Vier Kinder sind wirklich mehr, viel mehr Arbeit als eins oder zwei. Ich habe mir schon immer mal wieder anhören müssen, dass es ja nur etwas mehr Wäsche und Einkauf sei. (Von denen, die eines oder zwei haben). Ich habe auch Bewunderung bekommen von anderen Menschen. Insgesamt will ich mir immer noch ein T-Shirt bedrucken lassen: Ich habe verflucht viel zu tun – lasst mich mit eurem Pröll in Ruhe!

Wäre mal wieder Zeit für eine Aus-Zeit. Ich komme grad nur nicht dazu. Das hätte aber wirklich Prio 1