Wieviel sind drölfzig Euro Spielzeug denn in Kubikmeter?

Ms. Essential und ich haben gestern Abend in einer spontanen Aktion das Zimmer von Nummer 3 ausgemistet. Eigentlich hat Nummer 3 sogar zwei (kleine) Zimmer – ein Vorzimmer und ein Schlafzimmer. Beide sind aber ehrlich eher klein. Jedenfalls hatte sie im Vorzimmer für Jahre eine Ikea-Spielküche mit Unmengen an Zubehör stehen, sowie einen kleinen Tisch und zwei Stühle. Jetzt, wo sie groß ist, wollte sie gerne einen Schreibtisch haben.

Diesem Wunsch haben wir gestern entsprochen und ihr einen kleinen Schreibtisch besorgt. Der Plan hatte nur einen Haken – wir mussten zu seiner Umsetzung ihr Zimmer betreten. Und das war – wie immer – ein bißchen wie damals im Dschungel von Vietnam.

Ohne jetzt zu deutlich zu übertreiben konnte man das Bett fast nicht erreichen. Die Regale quollen über, vor dem Bett stapelte sich die schmutzige Wäsche, die Küchengeräte waren komplett über den Boden verstreut und versuchten mich zu Fall zu bringen und mir das Genick zu brechen.

„Jetzt reicht´s!“ schnaubte Ms. Essential und stapfte die Treppe hinunter. Eine Minute später war sie wieder da – mit einem Müllsack in der Hand.

(An dieser Stelle bitte hymnische Choräle hinzufügen)

Ihr müsst wissen, dass der Müllsack für uns ein ewiges Streitthema ist. Wann immer wir uns über chaotische Kinderzimmer ärgern, schlage ich vor „den ganzen Mist doch einfach wegzuwerfen“. Mrs. Essential hält dann dagegen, dass die Kinder „das doch gerade erst bekommen haben“ oder „die Oma es ihnen geschenkt hat“. Sie versteht normalerweise nicht, dass diese Argumente völlig nebensächlich sind und ich natürlich vollkommen recht habe. 

Nicht so gestern. Da kam sie die Treppe hinauf gestapft, mit einem Müllsack in der Hand. Eine Amazone des Spielzeugentsorgens. Eine Göttin des Puppengemetzels.

Ich verstand natürlich sofort, was die Stunde geschlagen hatte, und bestärkte sie in diesem Blutrausch.

„Genau, das muss alles weg, nein, das braucht sie nicht mehr, daran erinnert sie sich doch sowieso nicht. Guck mal, diese Schublade quillt auch noch über. Nein, nicht nachdenken, wegwerfen!“

Nummer 1 unterstützte uns bei der Aktion und half, bei zweifelhaften Gegenständen eine Entscheidung zu treffen. („Braucht sie dieses Bein hier noch?) Als wir die Aktion ungefähr zur Hälfte beendet hatten, hörten wir Schritte auf der Treppe. Nummer 3 war auf dem Weg in ihr Zimmer …

„Oh Gott,“ flüsterte Ms. Essential. „Wir sind doch noch nicht fertig!“

Ich packte Nummer 1 an den Schultern. „Schnell! Du musste sie aufhalten!“

Unsere Große stürmte ihr entgegen und lenkte sie ab, während Ms. Essential und ich weiter Spielzeug in Müll umdeklarierten. Ungefähr 90 Minuten später hatten wir drei 120 Liter-Müllsäcke mit … Dingen … gefüllt. Das meiste davon konnte man nicht einmal guten Gewissens als Spielzeug bezeichnen, es waren mehr so Puppenrutschen ohne Aufhängung, winzige Kaffeeuntersetzer oder kopflose Puppen und puppenlose Köpfe. Wobei ich zugeben muss, das natürlich auch voll funktionales Spielzeug dabei war.

Hinterher stellten wir uns die Frage, woher der ganze Krempel eigentlich kam. Die Antwort ist erschreckenderweise relativ einfach: Die Kinder haben einmal im Jahr Geburtstag, jedes Jahr ist wieder Weihnachten, und zwischendurch kriegen sie Taschengeld und dann und wann auch einmal so ein Geschenk. Ich weise innerfamiliär seit Jahren darauf hin, das jeder Euro, den man in Spielzeug investiert, 10 Cent an Kosten für Müllsäcke nach sich zieht (und – viel schlimmer – unbezahlbare Elternfreizeit kostet). Aber normalerweise beschimpft mich Mrs. Essential dann nur als herzlosen Spielzeughasser.

Gestern jedoch wurde uns klar, dass das alles einfach viel zu viel Krempel ist. Wir sind schon relativ restriktiv in Bezug auf Geschenke – jedes Kind kriegt nur ein Budget von 50 Euro pro Geschenkanlass, auch Opa und Tante liegen nicht wesentlich darüber. Wir haben nichtmal so unglaublich viele Verwandte die was schenken. Neu kreierten Schenkfesten wie Ostern oder dem Kindertag verweigern wir uns so weit wie möglich – Ostern liegt das Budget unter 10 Euro und den Kindertag ignorieren wir vollständig. Alles andere kommt uns sowieso nicht ins Haus, und wir lassen uns auch nicht einreden dass man zu diesen Gelegenheiten am besten einen Flatscreen schenken sollte (wobei … der fliegt dann wenigstens nicht rum).

Bei einer großen Familie gerät so etwas nämlich selbst unter strikten Vorgaben sehr schnell außer Kontrolle – 50 Euro pro Geburtstag mal Verwandtschaft plus Weihnachten mal 50 Euro mal Verwandtschaft plus Sonderanlässe mal 4 macht ungefähr drölfzig Hundert Euro pro Jahr, die wir an Spielzeug ins Haus bekommen. Und die dann aus den Schubladen quellen und mir die Füße brechen wollen.

Ich sehe ja irgendwo ein, das „Alles wegschmeissen! Soll Gott es aussortieren!“ nicht unbedingt die Lösung für alle diese Probleme ist. Aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass in der Spielzeugindustrie nur schlechte Menschen arbeiten, die Eltern hassen.

Weihnachtliche Auspackorgie

Heiligabend sind wir Eltern immer besonders fleißig. Neben dem ganzen organisatorischen Drumrum ist es vor allem eine Sache, die uns in Anspruch nimmt: das Auspacken von Geschenken. Natürlich nicht unseren eigenen.

Kleine Mädchen beispielsweise bekommen immer sehr gerne Barbiepuppen geschenkt. Barbiepuppen werden sehr sicher verpackt verschifft und sind mit kleinen, ummantelten Drähten an Taille, Hand- und Fußgelenken sowie am Hals in der Verpackung festgemacht.

Kleine Mädchen, die Barbies mögen, sind daher leider nicht fähig, diese Barbies auch auszupacken. Auftritt Eltern: drei kleine Mädchen, die jeweils zwei Puppen plus noch etwas anderes geschenkt bekommen: mindestens 60 Minuten Auspackspaß für ein Elternteil (der Partner tütet derweil die Verpackungen ein, damit die Bude nicht im Chaos versinkt). Wir haben daher beim Christkind früher ausgepacktes Spielzeug bestellt. Leider hat sich das Christkind – warum auch immer – nur ein einziges Mal an diesen Wunsch gehalten.

Mittlerweile sind Nummer 1 bis 3 ja etwas größer und selbstständiger, und so packen sie viele Geschenke komplett alleine aus. Verpackung und Geschenkpapier fliegen zwar meist trotzdem durchs Wohnzimmer, aber der Zeitaufwand halbiert sich quasi. Eigentlich.

Dafür halten sie mir jetzt nämlich ihre Bildschirmgeschenke vor die Nase.

„Ich brauch das Wlan-Passwort!“
„Wo kommt hier die Speicherkarte rein?“
„Wie kann ich hier Minecraft herunterladen?“

Gleichzeitig braucht Nummer 4 natürlich komplette Unterstützung und ein bißchen was bekommen wir ja auch selber geschenkt. Meine Frau und ich haben es gestern nicht geschafft, uns auch nur ein einziges Geschenk selber zu übergeben. Stattdessen haben wir uns über die Kinderhorde, den Geschenkeberg und herausfordernd hochgehaltene Notebooks hinweg zugerufen:
„Schön! Danke! Das hab ich mir ja schon immer gewünscht!“

Das klingt übertrieben? Schaut Euch diesen Geschenkeberg an:

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Es hatte fast Retro-Charme für uns, als Nummer 3 genervt eine Puppe zu uns brachte und sich sichtlich frustriert beschwerte:

„Die ist ja wieder verpackt wie ein Staatsgeheimnis!“

Jaja, die gute alte Zeit, als die Kinder noch nur ihre Puppen nicht auspacken konnten und noch nicht Hilfe bei Systemabstürzen benötigten …