Tabuthema Fehlgeburt?

Ich las gerade diesen Artikel und wundere mich nun: Ist das Thema Fehlgeburt wirklich ein Tabu?

Mich hat das Thema irgendwie nie beschäftigt, muss ich zugeben. Ich bekam meine drei Töchter ohne große Angst vor einer Fehlgeburt. Meiner Mutter muss das damals unglaublich blauäugig vorgekommen sein. Sie sagte jedes Mal: „Freu dich nicht zu sehr. Es heißt nicht umsonst Guter Hoffnung sein. “ Das war mir aber zu schwarzmalerisch und ich hab es abgetan.

Weil ich es unsinnig fände, aus etwas Natürlichem und Menschlichen wie einer Fehlgeburt ein Tabu zu machen, schreibe ich meine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema auf. Geburtsberichte gibt es nämlich wirklich wie Sand am Meer. Aber kaum welche über Schwangerschaften, die zu früh enden. Dabei ist das bei einer sehr großen Prozentzahl so.

Als wir uns für eine Nummer 4 entschieden hatten, war ich nicht mehr Mitte Zwanzig sondern tendenziell eher so irgendwie Ende Dreißig. Und da hatte ich mehr Sorgen als Blauäugigkeit. Letztere war inzwischen eigentlich verschwunden. Ich hatte das Gefühl, es würde ein Jahr dauern bis es klappen würde. Und schwierig werden. Ich dachte: „Jetzt ist es März und im kommenden März bin ich dann erst schwanger.“

Ich war zwar nicht mehr blauäugig aber meine gute alte Intuition war wohl geblieben, wie sich zeigen sollte. Zwischen dem einen und dem anderen März lagen bald ein paar negative Schwangerschaftstests. Früher, als ich noch nicht eine uralte Schachtel gewesen war, da war ich immer sehr schnell schwanger geworden. So dachte ich. Und das ärgerte mich – klar, wer spürt schon gern den Zahn der Zeit an sich nagen?
Ich nahm das aber so an und entspannte mich ein wenig. Dann hatte ich den ersten positiven Test. Ich freute mich zuerst über den dünnen zweiten Strich, starrte ihn dann an und dachte: „Der Strich ist zu dünn – das gibt nix.“ Abends bin ich etwas ängstlich ins Bett. Sonntagmorgens wachte ich mit einem typischen menstruationsartigen Ziehen im Bauch auf: „Aus der Traum“ habe ich wortwörtlich gedacht und so war es auch.

Dann, gleich im übernächsten Monat blieb die Regel wieder aus. Neuer Test musste her. Zwei knallblaue Striche! Yeah! Aber das flaue Gefühl blieb. Ich war bei der Frauenärztin, bekam ein Ultraschallbild. Die Fruchthöhle sah irgendwie länglich aus. Die Ärztin sagte, dass müsse nichts bedeuten. Es sei besser, wenn sie sofort rund sei, klar. Aber sie habe genug längliche gesehen, aus denen auch etwas geworden wäre. Ich googelte Tausend Mal „Längliche Fruchthöhle“ und erfuhr, dass dies sowohl ein schlechtes Zeichen als auch nicht von Bedeutung sein konnte.

Ich fuhr über’s Wochenende zu Freunden und hatte recht entspannte Stunden – die beiden freuten sich sehr mit mir über die Neuigkeit, die ich nicht an die große Glocke hängte, aber ihnen mitteilte. Auf der Rückfahrt im Zug dachte ich nach und fühlte in mich hinein. Ich hatte total bekloppte Gefühle. Als hockte da ein panischer kleiner Kerl in mir. Einer, der nicht wusste, ob er gehen oder bleiben wollte.

Wenige Tage danach, am Donnerstagabend, saß ich mit der Familie am Tisch und hatte plötzlich Schmerzen. Ich bekam richtig Panik und spürte sofort: „Oh nein, das war’s“ und legte mich auf das Sofa. Mein Mann versuchte mich mit „Das wird schon nix Schlimmes sein“ zu beruhigen, aber ich wusste, alle seine Versuche, mich aufzumuntern würden sich nicht bewahrheiten. Freitagmorgens fuhren wir zur Ärztin.
Da saß ich dann eineinhalb Stunden mit dem Abortus imminens, dem drohenden Abort, im Wartezimmer. Und blutete immer mehr und spürbarer. Irgendwann begann ich vor lauter Verzweiflung zu weinen und mein Mann brachte mich zu den freundlichen  Arzthelferinnen.

Er: „Meine Frau glaubt, dass sie eine Fehlgeburt hat, wie sie ja auch zuvor am Telefon angekündigt hat. Sie blutet immer stärker. Wenn das nun kein Notfall ist und sie schnell drangenommen wird, dann weiß ich nicht.“

Arzthelferin aus der Vorhölle: „Tja, und? Da könnte man ja nun auch nichts mehr machen. Dann weise ich sie eben jetzt ins Krankenhaus ein!“

Ich: „Nein, ich habe schon fast zwei Stunden blutend hier gewartet. Ich will nicht ins Krankenhaus rüberfahren, mich anmelden und noch mal zwei Stunden warten.“

Sie: „Tja, da kann ich ihnen auch nicht helfen. Mehr kann ich nicht …“

Sie wurde unterbrochen, weil meine Ärztin aus dem Sprechzimmer kam und mich (weinendes Häufchen) geschockt ansah. Dann befragte sie mich, warf der Bösen einen ebensolchen Blick zu und nahm mich mit ins Behandlungszimmer.

Ein kurzer Ultraschall, noch mehr Tränen – sogar bei der Ärztin. Ja, es war ein vollständiger Abort. Eine Fehlgeburt.

Ich musste danach dann zum Drogeriemarkt und mir zwei Packungen dicker Binden kaufen, um aufzufangen, was von meiner einstigen, unsicheren Freude noch übrig war.

Zuhause erklärte der Mann den Kindern, was passiert war. Sie konnten das nicht recht greifen. Jedenfalls eierten und kreischten sie bald ausgelassen und nervten mich Trauerkloß kolossal. Ich hab sie dann angeschnauzt und mich noch mieser gefühlt.

Ich habe in den folgenden ersten zwei Wochen des Vor-mich-hin-Blutens immer wieder Panik gehabt, das Blut könnte Reste der Frucht enthalten und ich würde das sehen – daran erinnere ich mich noch. Und ich empfand das irriger Weise alles als schmerzhaft demütigend, dieses Bluten. So, als würde ich es einfach nicht mehr können , das Schwangersein.

Ich war echt traurig und musste dann lernen, denjenigen, den ich wegen seiner mir so erschienen Angst vor dem Leben Prinz Panik genannt hatte, loszulassen. Ich dachte mir, er findet eine andere Familie – eine, in der man sich nur auf ihn, den Verängstigen, konzentrieren kann. Und das gefiel mir. Ich stellte mir ein Paar vor, das am besten schon lange auf ein Kind gewartet hatte, bei denen er dann die Nummer 1 war. Das gefiel mir sehr. So konnte ich ihn loslassen. Den Schwangerschaftstest habe ich mit dem Ultraschallbild umwickelt und alles zusammen in einen Schrank gelegt. Der Geburtstermin wäre der 24.6.2013 gewesen. Dieses Datum vergesse ich irgendwie nicht.

Das war im Oktober 2012.

Ich bin nicht lange sehr traurig gewesen. Nur die folgenden Monate waren anstrengend, weil ich mich ja immer fragen musste, ob es jemals (erfolgreich) wieder klappen würde. Ich wurde zum Hämatologen geschickt, der erzählte was von leichter Hämophilie und leichter Thrombophilie. Bei einer folgenden Schwangerschaft würde ich mir täglich Heparinspritzen verpassen müssen. Später, bei der Anmeldung zur Geburt, belächelte der Chefarzt der Gynäkologie im Geburtskrankenhaus diese übervorsichtige Diagnose. Er meinte nicht, dass diese im Zusammenhang mit den Fehlgeburten stünde.

Es war März 2013, als ich den dritten positiven Test hatte, der dann auch wirklich und wahrhaftig die heutige Nummer 4 anzeigte.

Bis ich der neuen Schwangerschaft traute vergingen circa fünf Monate derselben und einige Ultraschalluntersuchungen. Ich lernte, mich selbst zu spritzen. Seitdem machen mir Spritzen und Blutabnahmen nix mehr aus. Insgesamt wuchs mit jeder Woche der Schwangerschaft das wackelige Gefühl der Sicherheit. Ich hatte anfangs die irrige Angst, es könnte schon wieder Prinz Panik sein, der sich bei mir einnistete, um dann vielleicht nicht in der 9. oder 10. Woche, sondern in der 13. oder 14. Woche zu verschwinden. Die Angst blieb eine Weile. Aber plötzlich war ich mir sicher: Das ist jemand anderes und er wird bleiben.

Ich glaube, ich habe die Fehlgeburt recht gut überwunden, weil ich glaube, dass sie zum Leben einfach dazugehört. Weil ich nicht davon ausgehe, dass Kinder entstehen, weil Eltern sie machen oder schöner: zeugen, sondern weil es Seelen sind, die bei passenden Familien leben wollen. Manchmal entscheiden sie sich dann um. Das muss man ihnen zugestehen. Man muss sich dann in Liebe trennen. Aber dies spiegelt nur meine persönliche Einstellung wieder. Inzwischen lebt Prinz Panik sicher irgendwo und wird prima umsorgt. Das ist doch eine tröstliche Vorstellung. Ich bin nur traurig, weil ich ihn niemals kennenlernen werde. Ansonsten habe ich das Erlebte gut verdaut.

Manchmal aber, wenn ich abends müde und etwas unkonzentriert etwas im Internet schreibe, wie einen Kommentar oder Ähnliches, dann ertappe ich mich dabei, zu schreiben „Ich habe 5 Kinder“ und das einfach korrigiere. So als hätte ich den Überblick verloren. Aber erst, als ich diesen Artikel hier geschrieben habe, wurde mir überhaupt erst bewusst, warum das so ist.

Leben ist nicht selbstverständlich. Und zugleich alltäglich – es ist schwer, in einem Leben voll scheinbarer Sicherheit mit den letzten großen Unsicherheiten zu leben. Das macht Fehlgeburten heute so schwierig. Und man spricht vielleicht echt nicht viel darüber. So entsteht der Eindruck, sie passierten so selten.

Nummer 4, unser bezaubernder Minimann mit den rund fünfzig Kosenamen, ist inzwischen ein Jahr bei uns.

Ja, der energiegeladene kleine Junge, der zu mir passt und den ich so von Herzen zu uns eingeladen habe, wohnt nun hier. Das verflixte erste Jahr, in dem etwas wie SIDS droht, ist auch vorbei – es sieht so aus, als bliebe er.

Während der Trauer über die Fehlgeburt las ich mal, dass es einen alten Mythos gibt, nach dem der Erzengel Gabriel die – stets protestierende – Seele aus dem Paradies hole und während der neun Monate im Mutterleib erzöge. Ich musste bei dem bildhaften Gedanken schmunzeln: Eine Seele wehrt sich bei der Idee, ein Mensch zu werden und ein Leben meistern zu müssen.
Und so hatte ich aus irgendeinem Grund Verständnis mit Prinz Panik. Ich dachte mir, er hat zwei Anläufe gebraucht und immer nur kurz in meinem Bauch durchgehalten. Er braucht wohl noch etwas Zeit … im Paradies …. Oder wo auch immer.

Dann kam eben einer und hat wohl nicht so sehr protestiert. Was für ein Glück, für das man durchaus Dank empfinden darf.