Attachment Parenting: Langzeiterfahrungen, Teil 2

Teil 1 des Erfahrungsberichtes findet sich hier.

Kinder-Bedürfnisse, Mutter-Bedürfnisse

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Angsterkrankung mit Panikattacken. Meine Seele (oder auch: meine Psyche, für alle, denen dieser Terminus eher zusagt) steckte in einem Käfig und zerrte an den Stäben. Aber ich konnte sie nicht mehr herauslassen, da war ja kein Raum mehr für mich. Ich hatte jeden Raum mit den Kindern gefüllt oder ihn von ihnen füllen lassen. Im Glauben, dies sei richtig so. Ich hatte ja gar nicht gemerkt, wie ich langsam in’s Hintertreffen geraten war. Ein Familiensystem baut man schließlich nicht planmäßig auf. Es entfaltet und entwickelt sich dynamisch durch seine TeilnehmerInnen. 

Raumverteilung im System

Zugleich gab es immer etwas „im Außen“, um das ich mich kümmern musste:

Die Kinder waren im Kindergarten sehr unglücklich. Bei einer Quote von über 90 Prozent nicht-deutschsprachigen Kindern kamen sie dort doch etwas zu kurz, da die Erzieherinnen sich immer um die Kinder kümmerten, die eben Förderungsbedarf hatten. Nummer 1 (zum Zeitpunkt des Kindergarteneintritts 5 Jahre alt) wurde immer aggressiver und launischer. Nummer 2 (3 Jahre alt) immer weinerlicher. Die KiTa-Leiterin nahm mich zur Seite und sagte, es sei nicht der richtige Kindergarten für uns. Ich hatte zuvor gedacht, dass es gut sei, mit vielen Kulturen zusammen zu sein und verschiedene Menschen kennenzulernen. Leider war das nicht ganz so einfach gewesen.

Der nächste geeignete Kindergarten war ziemlich weit weg. Ich hätte mit den beiden plus Baby mit Straßenbahnen und Bus fahren müssen. Das wollte ich uns nicht so gerne antun. Dann wurde am nächsten Wochenende in unser Auto eingebrochen und wir sahen darin – und an den Einschusslöchern im Straßenschild an der Häuserecke –  ein Zeichen, die Großstadt zu verlassen.

Wir zogen um in eine Vorstadt des Ruhrgebiets und genossen den Charme der „Ländlichkeit“. Ich kam innerlich etwas herunter, war aber immer noch krank. Langsam begann ich, mich auf mich selbst zu besinnen. Und beschloss, eine Therapie zu starten. Da wurde mein Mann schwer krank und ich vertagte diese Idee um eineinhalb Jahre.

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Die Kinder begleitete ich nach wie vor zuverlässig auf die gleiche Weise. Sie bekamen von meinen Ängsten nichts mit. Das wollte ich absolut vermeiden. Ich fing sie während der Erkrankung ihres Vater auf und schiffte sie ohne schwere Beeinträchtigungen dadurch. Währenddessen lernte ich aber auch, etwas mehr auf mich zu achten. Ursprünglich, damit ich genug Energie für die Pflege und Betreuung meines Mannes hatte. Der Nebeneffekt war aber, dass ich dies beibehielt. Es war allerdings nicht genug. Das wiederum sollte ich erst später spüren.

Als es meinem Mann wieder besser ging und er sich in das Arbeitsleben wiedereingegliedert hatte, begann ich ein Jahr darauf, in der gleichen Agentur zu arbeiten. Nun hatte ich das klassische Vereinbarkeitsthema mit Stau/Kindergartenabholzeit/Ferienbetreuungsfragen.

Ich war damit befasst wahrzunehmen, wie es vor allem Nummer 2 ging, die sehr viel Aufmerksamkeit brauchte und einforderte. Nummer 1 kam bald in die Schule, die beiden Kleinen besuchten zusammen den ausgesprochen guten neuen Kindergarten. Ich begann meine Therapie. Zeit verging, wir lebten uns gut ein und machten zugleich Pläne für die Zukunft. Die meisten Familienmitglieder atmeten aus (ich nicht) und das System richtete sich neu aus nach der Krankheit. Meine Panikattacken und Ängste waren inzwischen Alltagsbegleiter für mich. Ich steckte sie weg und machte weiter wie zuvor. Die Kinder und ihre Bedürfnisse waren nach wie elementar wichtig und bekamen einen großen Raum. Dies bezog sich nicht mehr so sehr auf „Ich hab Durst!“ sondern eben auf alle Bedürfnisse, die kleineren und die großen. Ich empfand es als unverantwortlich, ihnen plötzlich die Zusage meiner Aufmerksamkeit und die Achtsamkeit für ihre Bedürfnisse zu versagen. 

Neuanfang

Wir beschlossen, ein Haus zu kaufen und fanden eines in einer 30 Minuten entfernten Kleinstadt. In einem idyllisch gelegenen Teil derselben. Ganz ländlich, nahe am Rhein, wunderschön.

Neuanfang

Nummer 1 und 2 waren inzwischen beide in der Schule. Nummer 3 kam in einen extrem „dörflichen“ (anspruchslosem 0815-) Kindergarten mit Kaffee trinkenden Erzieherinnen, die turnusmäßig die gleichen schablonierten Bastelwerke anfertigten, damit die Kinder sie zusammenklebten. Die Kinder leierten in einem speziellen Dialekt, den Nummer 3 kaum verstand. Sie fand zwar Freunde – das tut sie immer binnen kürzester Zeit – war aber unterfordert. Hier hieß es also wieder: Auffangen und ausgleichen.

Nummer 2 erlebte Ähnliches in der Schule und zeigte bald Anzeichen einer deutlichen Niedergeschlagenheit. Sie störte den Unterricht, weinte für „jedes Bisschen“ und fühlte sich in der Schule absolut nicht gut. Wieder zwei Baustellen für mich. Ich hatte viel auszugleichen für die beiden und viel nachzudenken. Schließlich tröstete ich Nummer 3 immer wieder damit, dass sie ja auch in absehbarer Zeit in die Schule käme und bot ihr an, den Kindergarten zu wechseln. Doch sie wollte nicht schon wieder in eine neue Umgebung und blieb.

Mit Nummer 2 machte ich einen Termin zu einem Intelligenztest in einem Hochbegabtenzentrum aus. Im vorherigen Wohnort hatte eine neue (engagierte) Lehrerin mich auf Nummer 2 angesprochen (die bereits dort im Unterricht auffällig gewesen war) und vorgeschlagen, einen solchen Test machen zu lassen, falls Nummer 2 in der Schule unglücklich werden würde. Nun war es also soweit: Vor allem, um der Lehrerin, die heftig allergisch auf „aus der Reihe tanzenden Kinder“ reagiert hatte, vielleicht zeigen zu können, dass die Wut, die sie auf meine Tochter empfand, einfach nicht angebracht war. Ich wollte Nummer 2 beschützen und ihr zugleich deutlich zeigen: „Nein, du bist nicht dumm, auch wenn du dich nach der Behandlung an beiden Schulen genau so fühlst.“

Wir bekamen am Ende eines sehr langen Test-Tages einen ebenso langen Ausdruck mit. Mit diesem ging es zur Schule und nach einigem Hin- und Her im Rahmen einer Schulkonferenz durfte Nummer 2 sich die 3. Klasse schenken.

Meine Therapie tat mir gut, meine Ängste wurde ich dennoch nicht los. Irgendwie hatte meine Seele einfach zu viel durchgemacht. Und ich hatte (so viel spoilere ich hier schon mal) nie gelernt, wirklich auf mich zu achten. Selbstliebe war ein Fremdwort. Ich hatte mal irgendwann in meinem Leben besser auf mich geachtet – aber das war gewesen, bevor ich Mutter geworden war.

Ich kündigte, als unsere Notfall-Kinderbetreuung (meine Schwieger-Oma) durch schwere Krankheit ausfiel und letztlich verstarb, meinen Job in der Agentur (knapp vor meiner ersten Aufstiegschance …) und arbeitete wieder freiberuflich. 

Zeit verging. Mein Mann litt immer noch unter den Nachwirkungen seiner Krankheit, ich übernahm viele seiner einstigen Aufgaben oder fühlte mich mies, wenn er diese unter erschwerten körperlichen Bedingen selber übernahm. Er fühlte sich mies, wenn er Hilfe von mir annehmen musste und insgesamt ist ein körperlich eingeschränkter Mann meistens erst einmal kein besonders glücklicher. 

Und doch packte er sehr viel – es kostete ihn nur immer viel mehr Nerven. Es spielte sich insgesamt eine neue Routine ein.

Wir hatten wieder mehr Energie, fühlten uns erholter, bis die nächste Baustelle anbrach: Nummer 2 fühlte sich in der nächsten, der weiterführenden Schule nicht sehr wohl, da sie gemobbt wurde. Auch Nummer 1, die man in die gleiche Klasse eingeteilt hatte, wurde belastet, da sie mit ausgegrenzt wurde und keine Freunde fand. Es gab wieder – oder immer noch – viele Bedürfnisse, um die ich mich kümmerte. Und zwar immer sehr gründlich und mit viel Zeit, in der ich mich zu den verschiedenen Themen informierte und Lösungen suchte. Letztlich befreite sich Nummer 2 zunächst aus der Problematik, in dem sie Gewalt anwendete. Wir hatten hier damals darüber berichtet.

Insgesamt ging es mir psychisch immer besser und es gab immer wieder monatelange Phasen ganz ohne Angst. Ich wusste noch nicht, dass die Angst nicht nur ein Symptom für frühkindliche Traumata war, sondern mehr: Sie verdrängte andere Gefühle. Solche, die ich mir verbot. Also bekämpfe ich sie, atmete sie weg, entspannte mich. Und vergaß, sie als Hinweis zu sehen, im Moment ihres Auftretens zu schauen, was ich eigentlich in Wirklichkeit empfand.

Doch das Leben spielte sich ein, ich traf morgens Freundinnen zum Frühstück, gönnte mir Zeit für mich und teilte mir meine freiberufliche Tätigkeit so ein, dass ich auch mal Raum für mich hatte.

Wir beschlossen irgendwann, noch ein viertes und letztes Kind zu bekommen.

Das Ende der „Bedürfnis-Romantik“

Die Schwangerschaft war wunderbar. Ich war glücklich und stolz. Wir alle waren das.

Das Baby war dann das mit großem Abstand anstrengendste Neugeborene, das ich je erlebt habe. Wir hatten gedacht: „Wir alten Hasen packen das noch mal locker. Unsere Babies wurden ja von Mal zu Mal immer weniger kompliziert und anstrengend. Vermutlich pennt der Kleine den ganzen Tag“. Mitnichten.

Unser High-Need-Baby hatte quasi einen Strohhalm in mich und meine Kraftreserven gesteckt und saugte daran. Und zwar so richtig.

Raupe Nimmersatt

Ich bekam eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, schleppte mich in wirklich ätzenden Zuständen (wegen der Schilddrüsenüberfunktion) durch den Alltag. Dazu kamen dann weitere Themen und Bedürfnisse:

Nummer 3 litt, weil Nummer 1 und 2 in die Pubertät kamen und nicht mehr mit ihr spielen wollten. Zudem war da das Baby, das ihr den Rang als Nesthäkchen gestohlen hatte. Nummer 1 und 2 litten unter typischen Pubertätssymptomen und fühlten sich in ihren Gefühlen und Körpern unwohl. Nummer 2 litt unter dem wieder auflebenden Mobbing in der Schule, Nummer 1 litt mit, weil sie als Schwester zwischen den Fronten stand in der Klasse und alle brauchten sie mich, um dies alles wahrzunehmen und aufzufangen. 

Das gelang mir allerdings immer weniger. Ich hatte gefühlt den ganzen Tag einen Säugling an meiner Brust hängen oder im Tragetuch an mich gebunden, schälte wippend Gemüse – denn auf der Stelle stehen duldete der Nachwuchs nicht und so weiter. Ich hatte es mal bildhaft beschrieben: „Ich hörte Latein-Vokabeln ab, während ein Mensch an mir saugte und gleichzeitig der Paketmann an der Tür klingelte“.

Ich wurde immer müder, mein Kreislauf machte immer mal wieder schlapp. Meine Hebamme riet zu dringendem Abstillen oder mindestens nächtlichem Zufüttern. Dies tat ich unter Gewissensbissen. Ich fütterte zu und konnte ab dann dabei zusehen, wie Nummer 4 sich ganz abstillte: Er drehte den Kopf irgendwann einfach weg von der Brust. Auch die Flasche wollte er jedoch bald darauf danach nicht mehr haben: Er wollte löffeln.

Dann gab es einen Punkt, den ich so schnell nicht vergessen werde: Während eines Filmabends dachte ich plötzlich erschrocken (ich zuckte dauernd zusammen, weil ich so unter Anspannung stand):

„Was ist denn das für ein komisches Geräusch?“ Ich hatte gelacht. Und vergessen, wie sich das anhörte.

Ich quälte mich morgens aus dem Bett in die zähe Routine meines anstrengenden, arbeitsreichen und eintönigen Alltags.

Ich wusste es nicht, aber ich litt am Burnout.

Mütter im Burnout (1)

Der Punkt der Veränderung

Ich zu meiner Hausärztin, organisierte alles Nötige und ging zur Kur.

Und ich lernte endlich, für mich da zu sein. Auch und vor allem gegen Widerstände (Kinder, die ich an das übliche Mutterbild „Mama kommt ganz zuletzt an die Reihe“ gewöhnt hatte ganz in vorderster Reihe …).

Ich fühlte mich mies, weil ich den Kindern den gewohnten Umgang mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen kürzte. Ich lernte dann, mich deshalb nicht mehr mies zu fühlen.

Ich begriff, dass man die Bedürfnisse und Selbstentfaltung von mehr als einem oder zwei Kindern nur dann wirklich gewährleisten kann, wenn alles passt. Keine Krankheiten, keine familiären Notfälle oder andere Krisen dürfen eintreten. Und wenn dies doch der Fall ist, muss man abgegrenzt genug sein und den Kindern ausreichend vermittelt haben:

Du bekommst was du brauchst, wenn es möglich ist. Ansonsten musst du dich in Bedürfnisaufschub üben und selber Lösungen finden können. Jetzt gerade habe ich andere Dinge auf dem Sender, um die ich mich kümmern muss. Du weißt, dass ich im Notfall für dich da bin. Und ich weiß, dass du autark genug bist, um eine Weile für dich da sein zu können.“

Dann sagten Nummer 1 und Nummer 2 während der Kur etwas, das für mich alles veränderte:

„Wir sind ziemlich verwöhnt und unselbstständig. Das geht uns ziemlich auf’s Ego. Du wolltest, dass es uns immer gut geht. Und das war wirklich megalieb und so. Aber viel zu anstrengend. Du musst uns jetzt helfen, das alles nachzuholen. Wir fühlen uns ultrageliebt, aber auch wie kleine Trottel. Wir werden es zwar hassen, aber: Bitte mach selbstständige Menschen aus uns, auch wenn das Arbeit für uns bedeutet!“

Unselbstständig? Ich hatte doch gar nicht helikoptert. Ich hatte sie mit Freunden stundenlang frei herumziehen lassen. Sie konnten bereits Wäsche waschen, einfaches Essen kochen und Fenster putzen. Sie analysierten erstaunlich gut das Verhalten ihrer Mitmenschen, hatten Selbstironie und ihr Sozialverhalten und auch ihr Benehmen wurden immer wieder von verschiedenen Seiten gelobt. Sie empfanden sich als Trottel? Wie meinten sie das?

Sie meinten, dass sie besser hätten lernen sollen, ihre Bedürfnisse weitreichender selber zu befriedigen. Viel mehr, als ich das auf Grund meiner Einschätzung und des Kampfes gegen den Mainstream der Kinderziehung („Es soll ihnen an nichts mangeln“) getan hatte. Sie wollten nur von fern begleitet werden. Und keine Mutter, die dauernd wahrnahm, welche Regung ihre Psyche nun schon wieder tat. Sie wollten den Mut haben, einfach beim Zahnarzt anzurufen und einen Termin auszumachen. Sie wollten mal etwas hinbekommen, ohne nach zwei Sekunden „Mamaaa!“ zu rufen. Sie waren im Alltag recht verpeilt und zugleich doch intelligente und aufmerksame Menschen. Etwas an ihnen war auf der Strecke geblieben. Es passte nicht zum Rest. Wenn man auf der einen Seite mit Erwachsenen locker in Gesprächen mithalten kann und auf der anderen Seite dauernd sein Turnzeug vergisst, dann fühlt man sich einfach nicht gut. 

Alles falsch gemacht?

Nun hatte ich da aber immerhin eben genau solche Kinder vor mir: Kinder, die sich gut ausdrücken können und deren Beobachtungen sehr reflektiert sind. Kinder mit weit ausgebildeten, freien Persönlichkeiten, die vertrauensvoll ihre Meinung sagen.Daher hörte ich genau hin, was sie mir zu sagen hatten. Und das empfand ich als sehr krass:

Ich hätte mich nicht genug abgegrenzt, sagen sie. Sie hätten nicht gelernt, mich mit respektvollem Abstand zu behandeln. Sie hätten mehr Führung und etwas weniger Zuwendung gebraucht, finden sie. Mehr Erwartungen hätte ich an sie stellen sollen, an denen sie hätten wachsen müssen, das hätte sie angespornt. Ich hätte immer alles gleich vergeben, weil ich Verständnis gehabt hätte – dies hätte sie träge gemacht.

Sie sagen: „Wir haben niemals Angst gehabt, dass du uns nicht mehr lieb hast!“

Und ich:“ Ja, aber das ist doch wunderbar. genau das wollte ich!“

Sie erwiderten: „Tja, vielleicht. Aber so konnten wir mit dir machen, was wir wollten. Du hast ja eh alles sofort verziehen. Eine Liebe, die alles aushält muss eben wohl auch alles aushalten. Das ist eigentlich nicht gut. Weder für dich noch für uns.“

Ich bin dankbar, dass sie dies sagen können. Die Manöverkritik, die viele Eltern fürchten, kenne ich nun schon. Und ich wachse an ihr. Sie befreit mich. Sie erlaubt mir, auch in der Mutterrolle endlich ich selbst zu werden.

Sie zeigt mir auch, dass unsere Bindung und unser Vertrauen wunderbar tief sind. Dies zeigt, dass meine Kinder viele neuronale Verbindungen aufgebaut haben, weil ich ihnen immer alles respektvoll beantwortete. Sie vertrauen mir, weil ich sie respektvoll behandelte und nicht belogen habe. Ich habe sie nie aus eigener Motivation oder eigenen Bedürfnissen heraus wie kleine Kindchen behandelt, sondern ihre Persönlichkeiten frei wachsen lassen. Und das hat sie zu etwas ganz Wunderbarem werden lassen: Sie sind ganz sie selbst. Der Rest ist der Feinschliff, den sie einfordern.

Neulich las ich mit ihnen übrigens gemeinsam Artikel über Attachment Parenting.

Sie kommentierten:

Nummer 2: „Klingt wie das, was du mit uns gemacht hast. Wir wissen ja, was dabei herauskam. Aber echt: danke, dass wir nicht auch noch mit sechs immer noch gestillt wurden. Das ist ja grauenhaft! Und danke, dass du keine Fotos davon gemacht und aller Welt gezeigt hast. Danke, dass wir nie alle zusammen in ein Bett gepfercht wurden. Bäh, Nummer 3s Knochenfüße an meinen nackten Beinen – eine grauenhafte Vorstellung!“

Nummer 3: „Das ist gemein! Ich würde es liiiieben, wenn wir alle zusammen schlafen würden. Ich liebe das auch, wenn wir das mal machen, wenn der Dada auf Geschäftsreise ist!“

Nummer 1: „Ich brauche das gar nicht. Ich brauche viel Privatsphäre und Nähe war noch nie so mein Ding. Also ich sehe das wie Nummer 2: ich hätte das nicht leiden können, so eng zusammen zu liegen. Außerdem glaube ich, dass man viel zu lange klein und unselbstständig bleibt, wenn man so lange wie ein Baby behandelt wird. Muss echt jeder selber wissen, aber meins ist das nicht.“

Nummer 2: „Und mal echt, Mama: Wollen Ehepaare nicht auch mal allein im Bett sein? Die brauchen doch auch mal Zeit für sich im eigenen Zimmer. Das fehlt doch dann auch.“

Nummer 3: „Na, vielleicht bekommen sie dann nicht so viele Kinder. Ist ja auch besser, weil so groß, dass vier Kinder reinpassen ist ja eh kein Bett.“

Nummer 1: „Kinder kann man auch woanders zeugen als im Bett.“

Nummer 3: „Wo denn?“

Nummer 1 (großschwesterlich wissend): „Was weiß ich? Im Garten, im Wohnzimmer, in der Küche, in einem Hotel … ?“

Nummer 2: „Haha, klingt sehr romantisch. Ich hätte ein sauschlechtes Gewissen, wenn ich jahrelang zwischen Mama und Dada gelegen hätte. Was, wenn die weniger verliebt wären oder so? Dann würde ich denken, das lag an mir, auch wenn das nicht deshalb war. Nee, danke. Ich finde es gut so, wie es ist. Haben nun mal nicht alle die gleichen Bedürfnisse.“

Nummer 1: „Ich versteh schon, wie das im Grunde gemeint ist: Kinder, deren Bedürfnisse wahrgenommen werden, fühlen sich geliebt. Wenn man missachtet wird oder Vorwürfe bekommt für seine Bedürfnisse, dann fühlt man sich nicht gut, klar. Aber das kann man auch übertreiben. Wir fühlen uns geliebt und auch selbstbewusst, auch wenn ich schüchtern bin. Aber dass ich das bin liegt daran, dass ich nur ein halbes Jahr gestillt wurde – das schwöre ich. Ich bin einfach so. Es ist meine Aufgabe, das zu ändern, wenn ich das will. Man hat ein Recht auf eigene Herausforderungen, sonst wächst man nicht. Ich glaube, meine Kinder erziehe ich ganz anders: Sie bekommen auch viel Liebe, aber sie müssen einfach mehr selber klarkommen. Nur das zusammen macht wirklich stark. Sonst fühlt man sich ewig wie ein kleines Kind.“

Nummer 2: „Das gefällt vielen Müttern vielleicht auch. Die werden gerne gebraucht. Oder sie verpassen einfach den Moment, an dem ihnen das nicht mehr guttut und machen immer weiter damit. So wie Mama. Wir sind ultra-attached. Und das ist echt nicht nur gut. Ich freue mich, dass ich mich gut und wertvoll fühle. Aber irgendwie kann man in diesem Umgang sehr schwer so Grenzen ziehen.“

Abschließende Gedanken

Für kleine Kinder ist dieser Weg ideal. Man muss ihn allerdings kontinuierlich zurückschrauben, je älter die Kinder werden. In kindlichen Bedürfnissen liegt nur bedingt Romantik. Sie brauchen Liebe, natürlich. Aber auch noch viel mehr. Vieles davon ist sehr anstrengend zu geben. Auch wenn es nichts mit Selbstaufopferung zu tun hat: Loslassen ist eines davon. Sie auch mal auf die Nase fallen lassen (bildlich und körperlich). Sie ernst nehmen und ihnen dennoch Grenzen setzen – mindestens dort, wo eigene Wünsche anfangen. Die Bindungstheorie oder auch das bedürfnisorientierte Erziehen ist für kleine Kinder gedacht. Zumindest in der engen, kuscheligen Art. Was nach der Kleinkindphase kommt, ist etwas ganz anderes. Und man sollte zugleich nicht aufhören, die Bedürfnisse wahrzunehmen und die Notwenigen umzusetzen. Bedürfnisaufschub ist nämlich auch ein Bedürfnis – das wissen Kinder nur nicht. Sie müssen ihre Bedürfnisse für andere zurückstecken lernen – auch für elterliche.

Es besteht einfach die Gefahr, dass Mama auslaugt, während die Kinder es für selbstverständlich halten, dass sie viel zu viel um sie dreht. Dadurch fehlt ihnen auch Orientierung und Anleitung. Kinder brauchen in der Tat Vorbilder. Ein Vorbild, das sich abhetzt, damit andere, schnell-schnell, ihren Saft aus dem roten und nicht dem blauen Becher bekommen, das werden sie nachahmen. Und dann gibt es die nächste Generation ausgebrannter und sicherlich nicht glücklicher Mütter. 

Natural Parenting ist eine Idee – wie ich kürzlich durch eine Kommentatorin zu Teil 1 dieses Langzeiterfahrungsberichtes erfuhr – die von einem Mann (William Sears) maßgeblich (mit-)geprägt wurde, der ein als fundamentalistisch zu bezeichnender Christ ist: Die Idee des männlichen Familienoberhaupts und an dessen Seite der aufopferungsvollen Mutter als Meer voller gebender Liebe und voller Selbstaufopferung liegt hier zu Grunde. Gestreng wird keine Abweichung geduldet: Die erschöpfende Mutter sollte sich notfalls in eine Therapie begeben, um nicht vom Kurs abweichen zu müssen, weil es einfach zu viel ist. Sie soll in der Not nach Kraftquellen suchen – es scheint nicht vorgesehen zu sein, dass sie Grenzen setzt. Gesunde Grenzen für sich und ihre Kinder.

„Frauen in der Selbstaufopferung“ ist in der Tat tief verankert in der christlichen Tradition. Wer sich aber aufopfert zieht sich zurück, untergräbt seinen Wert und dient den anderen Teilnehmenden eines Systems im Prinzip als (energetische) Nahrung. Das System zieht aus ihnen heraus, was es braucht. Ein respektvoller Umgang miteinander im Sinne familiärer und auch partnerschaftlicher Liebe sieht doch eigentlich anders aus.

Wer die Balance schafft, sich selbst Gutes zu tun und eben auch seiner Familie – der hat viel erreicht. In meiner Kur sagte eine der Therapeutinnen mal:

„Sie kennen das, meine Damen: Im Flugzeug sagt die nette Flugbegleiterin immer: Setzen sie zuerst sich die Sauerstoffmaske auf und dann den Sitznachbarn. Während sie keine Luft bekommen, sind sie nämlich keine große Hilfe.“ 

Ist der Idiot-Dad ein Mythos?

Wer oder was ist ein Idiot Dad?

In meiner Vorstellung ist das ein Vater, der entweder so tut, als sei er unfähig, ein Baby zu versorgen oder einer, der vor der schmiedeeisernen Toren einer Mother Gatekeeping oder Maternal Gatekeeping betreibenden Frau steht und kein Argument hat, hineingelassen zu werden. Hinein zu seinem Kind oder seinen diversen Kindern.

Gelesen hat man ja schon Einiges dazu.

Mütter, die ihren Lebenszweck und Daseinssinn ganz auf die Nachkommenschaft verlegen und niemandem gestatten, ihnen einen Hauch dieser sie bestätigenden Aufgabe abzugeben. Mütter, die vorgeblich den zugehörigen Vätern nichts zutrauen und sich angeblich aus lauter Angst um das Überleben ihrer Kinder schützend vor diese werfen, wenn der Papa sich nähert.

Und dann gibt es noch diese speziellen Väter, die Peter Pans der Krabbelgruppen.

Männer wie dieser: Vater filmt Sohn auf Spielplatz. Sohn rutscht von Hängebrücke, baumelt kopfüber hinunter und ruft um Hilfe. Der den Jungen haltende Stiefel beginnt bedrohlich vom Fuß zu rutschten. Vater lacht und filmt weiter. Sohn kreischt. Vater lacht. Plumps. (So beobachtet vom mehr als irritierten Mister Essential)

„Ich mach aus meinem Sohn einen echten Kerl – dazu lege ich ihn einem Stier auf den Kopf. Lustig!“ sagt Idiot Dad.

Haben wir alle schon mal irgendwo gesehen, solche Väter. Da sind auch fast ausschließlich Söhne Opfer des Verhaltens. Töchter sah ich zumindest noch nie kopfüber baumeln, während Papa lachte. Papas stählen Söhne, damit die später dann auch ihre Söhne auslachen, statt ihnen zu helfen. Damit sie eben echte Kerle werden. Echte Kerle, das sind diese roboterhaften Wesen ohne Gefühle. Also GANZ ohne. Außer Hunger. Das sind ganz sicher nicht die, die sich nachts mit einem Baby abmühen, damit es trotz Bauchweh einschläft. Nicht die mit dem Hustensaft und nicht die, in deren Armen man seinen Liebeskummer ausweint. Sie bürsten keine Puppen, bauen Holztürmchen nur zum Zerstören und nehmen ganz sicher keinen Lappen in die Hand.

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„Wie gut, dass Idiot Dad’s Kinder einen Schutzengel haben,“ denken die Mütter.

Mein Vater war so ein Idiot Dad. Und ich erinnere an diverse Begebenheiten, in denen er dies demonstrierte. Beispielsweise an jenem Nachmittag, als er mich von der Schule abholen sollte, aber meine Klasse (also Stufe. Nicht „a“ b“oder „c“) nicht wusste. Dies war allerdings eine Steigerung zu dem Tag, an dem er vor einer Schule stand, um mich abzuholen, die ich seit einem Jahr nicht mehr besuchte. Er hat mir kein einziges Geschenk gekauft, mich nie angezogen, selten gefüttert oder mir die Schuhe angezogen.

Er wartete immer genervt stöhnend und mit dem Autoschlüssel klimpernd im Hausflur, während meine Mutter meinem Bruder und mir die Jacken und Schuhe anzog. Er vergaß natürlich jeden Geburtstag außer seinen, bzw. kannte die Daten einfach nicht. Er dachte vor zwei Jahren noch, ich hätte am 29.11. Geburtstag. Das war immerhin rührend nah dran. Es ist der 30. November. Natürlich holte er meine Mutter nach den Geburten auch nicht vom Krankenhaus ab und schon gar nicht ein eine saubere Wohnung. Sie durfte zuerst immer spülen und Blumen gab es auch nicht.

Klarer Fall vom dramatischem, lieblosen Nichtwissen/Desinteresse. Zudem zementierte er als selbsternannter Herr des Hauses die Angemessenheit seines Verhaltens mit der Feststellung, ein Mann zu sein. Als solcher habe er ausschließlich zu arbeiten, danach vorbereitetes Essen zu vertilgen und sich anschließend auszuruhen. Während seine Frau ihren Feierabend immer erst später genießt – so sei das eben. Das war in den 1980er Jahren. Und ich nahm an, die Welt habe sich seitdem stark verändert. Aber vielleicht eben doch nicht in jedem Bereich und jeder Familie.

Da ist er noch mal, der Schutzengel ...

Da ist er noch mal, der Schutzengel …

Dann gab es noch den Pool jener dusseligen Väter, von denen Mister Essential erfuhr, als er nach dem Umzug Bankformalitäten erledigen fuhr.

Bankangestellte: „Oh je, jetzt bräuchten wir ihre Frau …“

Er: „Für eine Unterschrift?“

Sie: „Nein, für die Geburtsdaten der Kinder.“

Er: „Whsg?“

Sie: „Ja wie? Wissen sie die etwa? Da wären sie ja der erste Vater hier!“

Schwer irritiert zählte er die Daten auf. Daraufhin läutete sie ein goldenes Glöckchen und alle ihre Kolleginnen kamen, um den wunderbaren Mann zu bestaunen, der dies vollbracht hatte. Und sie warfen Konfetti und sich auf die Knie, um ihm zu huldigen, dem Vortrefflichen.

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„Ich kann das auch!“ ruft stolz der Idiot Dad.

Gibt es diese Dusseligen echt?

Ja. Die leben öfter mit so einer erwähnten Gatekeeperin zusammen. Diese schaut ihnen mit so einem „Fräulein-Rottenmeier-Gesichtsausdruck“ zu, während sie zittrig ihr Erstgeborenes wickeln. Und diese rümpft die Nase, wenn sie vergessen, Feuchttücher einzupacken oder gar ganz ohne die übliche Picknick-Wickel-Bespaßungs-Ausstattung das Haus verlassen. das können solche Mütter auch locker tun, denn sie selbst meistern fehlerfrei die bleischwere Bürde der Mutterschaft. Im Alleingang, denn das weitere Kind (gemeint ist damit der Mann) stellt hierbei eher eine Zusatzbelastung dar, welche die Mater Dolorosas ertragen müssen.

„Das gehört doch so, oder?“ fragt Idiot Dad.

Aber nicht immer. Es gibt auch gewitzte Faultiere, die es von kleinauf gewohnt waren, dass jemand mit Brüsten unliebsame Aufgaben übernimmt. Oder sagen wir mal: Aufgaben eines bestimmten Bereichs. Ein Bereich, der Dinge beinhaltet wie: Das Hinterherräumen von Dingen, das Waschen von Schmutzwäsche, das Falten von sauberer Wäsche, das Kochen, das Putzen und Saugen, das Schreiben von Karten zu jeglichem Anlass, das Erinnern an Termine/Sportzeug/Schulbrote/Führerscheinprüfung/Geburtstagsgeschenke u.v.m.

Und wenn sie heiraten, fällt ihnen womöglich irgendwann auf, dass die Anvermählte ebenfalls Brüste hat. Dann schießt es ihnen durch den Kopf: „Ha! Die macht Wäsche! Diese Exemplare machen das immer!“

Spätestens, wenn diese Person ein Kind zur Welt gebracht hat, dann merkt er: „Die mit den Brüsten heißen Mama, wenn sie ein Kind bekommen haben. Mamas räumen allen alles hinterher, erinnern einen an alles und putzen auf jeden Fall. Fein.“

Und wenn sein Gegenüber diese Annahme bestätigt, indem es brav putzt und hinterher räumt, dann wird aus den beiden ein glückliches Paar voller lang anhaltender Leidenschaft und tiefem Respekt.

Dann sagt sie irgendwann mit einstudiertem, typisch mütterliche-leidgeprüftem Grinsen: „Ich hab drei Kinder. Zwei Töchter und meinen Mann.“

Es existieren auch jene, die auf den stabilen Inseln der Retro-Tradierung leben: Die sind dann ähnlich wie mein Vater gelagert. Sie unterscheiden nicht nach Möglichkeiten, sondern nach Geschlecht.

Tief in uns allen verankert sind die alten Rollenbilder. Entweder, man streift sie bewusst ab (was weit mehr ein richtiger Prozess ist, als vielen bewusst wird) oder man richtet sich nach ihnen.

Das „Alle rufen nach Mama“-Syndrom kennen viele von uns. Letztlich rufen nur wenige Kinder nach ihrem Vater, wenn sie etwas brauchen, suchen oder sich verletzt haben. Weil meist auch die Mutter die Hauptbezugsperson ist. Wären die meisten Väter die meisten Tagesstunden mit dem Nachwuchs zusammen, sähe das ganz anders aus.

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„Endlich kommt MAMAAAA nach Hause!“ Alle seufzen erleichtert.

Und die Elternzeit-Väter? Was ist mit denen, hä?

Väter nehmen wenn, dann nur zwei Monate Elternzeit und machen dann auch nur Urlaub – hört man auch immer wieder. Manchmal liegt das daran, dass beide Elternteile nicht gleich viel verdienen.

Wie bei uns zum Beispiel. Von dem Höchstbetrag des monatlichen Elterngeldes hätten wir grad man unsere Hausrate im Monat und vielleicht noch zwei Einkäiufe zahlen können. Und die ganze Schwangerschaft über sparen, damit Mister Essential acht Wochen wickelt und nicht-stillt – das erschloss sich uns persönlich nicht als lohnend.

Das Modell ist für gut verdiendende Spätgebärende beim ersten Kind gedacht – als Anreiz, gut gebildete Paare zur Fortpflanzung zu motivieren. Es soll niemanden unterstützen, der bereits zwei oder gar mehr Kinder hat und im klassischen Rollenmodell lebt. Es ist ein wirtschaftliches Model, keines für Familien mit einer Vollzeit arbeitenden Person (das sind faktisch nun mal meist die Männer) und einer Halbtags arbeitenden Person. Die sind eh nicht wirtschaftlich attraktiv und sollten sich optimieren.

Und daher kriegen daher auch keine tolle Elternzeit. Kosten aber auch weniger, denn 70 % vom Halbtagsjob ist recht günstig – da Mama immer die Elternzeit nimmt, ist das Billigere dem Staat ja gewiss. Und wenn sie Vollzeit arbeitete, dann kann der Papa ja seine zwei Monate nehmen. Ist auch noch bezahlbar. Denn schließlich bekommt man ja nur höchstens 1.700 Euro oder so. Das wären in unserem Fall aber nicht die 70 % eines Einkommens, nach dem wir unser Leben ausgerichtet haben. Und nein, meine paar Hundert Euro Nebenverdienst hätten das nicht rausgehauen.

Kinder, Küche und so

Es ist nach wie vor so, dass (ja, auch bei zwei Vollzeit arbeitenden Menschen ohne Kinder!) Frauen weit mehr Hausarbeit machen als Männer. Wenn Kinder da sind, dann wird der männliche Anteil noch weniger – das liegt dann daran, dass die meisten Mütter mehr Zeit im Haus verbringen. Dort kennen sie sich dann irgendwann sehr gut aus und die Männer gehen ihnen abends und/oder am Wochenende zur Hand.

Männer werden gelobt, wenn sie ein Kind beaufsichtigen. Man dankt ihnen. Wir kennen das alle: Sie tun einen Handschlag und bekommen Applaus. Von Frauen. Sie sind nicht selbstverständlich mit ihren Kindern zusammen, während die Mutter ausgeht oder etwas erledigt. Sie babysitten. Wie Fremde, die man bezahlt und die danach die Kinder wieder in die eigentlich Obhut zurückgeben. Letzteres ist der entscheidende Punkt. „Ich bin nicht wirklich verantwortlich. Ich bin der Betreuer interim. Bald kommt die richtige Betreuungsperson zurück. Dann atme ich wieder durch.“ Babysitter eben.

Nummer 4s Patenonkel erlebte mal irgendwann Folgendes:

Er trug einen Babyjungen (Sohn seiner Ex-Frau mit neuem Partner – ja, diese drei Menschen arbeiten großartig für ihre insgesamt zwei Kinder zusammen) in einer Trage vor der Brust. Im Ernsting’s Familiy-Laden fand sich ein Träubchen aus gurrenden Frauen zusammen, die ihn anstarrten.

Er ist nicht so der, der gern auf einer Bühne steht und sah sich dementsprechend fragend um.

„Ach, das ist ja sooo toll!“ rief eine der Frauen aus.

Er: „Äh – was genau?“

Sie: „Na, sie und das Baby.“

Er (der zwar nicht gern auf Bühnen steht aber wahnsinnig schlagfertig, klug und witzig ist): „Was meinen sie? Dass ich das Baby trage?“

Eine Andere fiel ein: „Ja! Und das sie hier Söckchen mit dem Kleinen kaufen gehen! So toll!“

Er (staubtrocken): „Es ist toll, dass ich mit einem Baby Socken kaufen gehe?“

Zustimmende Begeisterung. Hände wurden andächtig aneinandergelegt, man neigte sich vor, dutzelte das Kind.

Er: „Hören sie: sie finden das toll, weil ich ein Mann bin. Oder haben sie auch schon mal einer Mutter dazu gratuliert, dass sie mit einem Baby Socken kauft?“

Ratlosigkeit.

Er: „Das ist nichts Besonderes. Das ist ganz normal. Ich bin ein müder Mensch mit einem Baby vor der Brust und ich stehe hier in einem kleinen Laden, um Socken zu kaufen. Da ist keinerlei Glamour. Ich bin kein Held. Machen sie sich mal nicht so klein, indem sie einen Mann bewundern, weil er das tut, was sie hier alle gerade tun. Tun sie das bitte nicht.“

Hat er so oder ähnlich gesagt. Fand ich sehr interessant. Die Frauen waren übrigens sehr ratlos.

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„Ein Mann mit Kinderwagen! Kommt schnell her, liebe Mutterschafts-Kolleginnen! das müsst ihr sehen! Schnell, lass uns ihm hudligen!“

Vielleicht vermittelte man ihnen, dass Väter sich niemals kümmern. Und dass man alle (Hunde, Pferde, Kinder, Männer) ganz doll loben muss, wenn sie etwas fein machen. Und ein Leckerli gibt es dann. Sonst hören die benannten Wesen am Ende noch auf dem Guten, das sie da tun!

Oder sie waren begeistert, weil ihre Partner nie im Leben einen ihrer Nachkommen an sich schnallen würden, um einkaufen zu gehen. So etwas Banales aber auch! Kein Heldentum in Sicht. Baby im Tragedings! Manche Männer bekommen von der Vorstellung an Tragetücher- oder Dinger schon Koro.

Ganz gleich, was der Hintergrund war: Solange man Väter für Selbstverständliches lobt, geschehen zwei Dinge zugleich: 1.) das eigene Rollenverständnis wird aufgezeigt und 2.) es wird niemals aufhören

Trottel-Väter

Nachdem ich den nufigen Beitrag las, der mich zu diesem Post inspirierte, fiel Nummer 4 irgendwie um, während Mister Essential mit ihm spielte und weinte. Ich nutzte den Augenblick:

„Du Idiot Dad!“

Wir haben uns ziemlich amüsiert. Und stellten in einem kurzen anschließenden Gespräch fest, dass ich immer perfekt sein müsse, um ihn weiterhin so beleidigen zu können. Ich erwiderte, dies sei mir ein Leichtes. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ich schließlich mit ihm zusammenlebe, dem Idiot Dad.

Kaum fiel ihm später in der Küche etwas herunter, hab ich ihn dann wieder beschimpft.

So funktioniert das nämlich sehr gut, dass man jemanden zum Idioten macht. Er bekommt eine Lupe über den Kopf und man glotzt dann mit wachsamem Auge durch. Ich verspreche: Man findet immer was! 

(Zahlreiche Schwiegermütter leben seit Jahrhunderten nach diesem Lupen-Modell.)

Was kann ich als Mutter denn für die Trottelväter dieser Welt?

Solange ich die Hand an der Wiege bin und keinen Millimeter preisgebe – vertiefe ich das Rollenklischee.

Solange ich „Idiot Dad“ rufe ebenfalls. :D.

Wann immer ich so tue, als hätte ich selbst niemals etwas dazulernen müssen, verleugne ich zwar bequemer Weise meine Schwächen, aber ich lasse meinen Partner auch als Vater zurück.

Wann immer ich meinem Sohn vermittle, dass bestimmte Aufgaben für geschaffen Frauen sind und Panik bekomme, wenn er mit Puppen spielen will (was bekanntlich das spielerische Vorbereiten auf bestimmte Rollen ist) oder er mitbekommt, wie ich mich bei seinem Vater für das „Babysitten“ am Abend bedanke, wird er sich dies merken.

Und wie sieht hier bei uns mit der selbstverständlichen Teilnahme eines Vaters am Familienleben aus?

Ja, hier wohnt der Idiot Dad – das habe ich ja schon erläutert 😀

Im Ernst: Mister Essential und ich leben nach einem klassischen Rollenmodell und es bedarf schon einer eigentlich sehr selbstbewussten Frau, um dies zu tun, ohne Negatives an die Kinder zu vermitteln. Ich bin diese Frau nicht immer. Ich hasse es oft genug, alle an alles erinnern zu müssen, hinterherzuräumen und Ähnliches. Daher lasse ich das zunehmend und die Kinder lernen sehr viel schneller aus den Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen als aus meinen Gebetsmühlen-Sätzen.

Unser Dad kommt um 19:00 oder 19:30 nach Hause. Und ist am Wochenende da. Und ist fast genau so erschöpft von dieser anstrengenden Lebensphase, ja -dem ganzen anstrengenden Leben- wie ich es bin. Okay, ich fahre in Kur (und er genießt die Zeit in selbstbestimmter Ruhe zuhause … WTF? …), weil ich erschöpft bin, meine psychosomatischen Rückenschmerzen nicht wirklich weggeturnt bekomme und eigentlich jemanden brauche, der als Fachperson sagt: „Hören sie auf, sich für alles verantwortlich zu machen! Lernen sie verflixt noch eins, Pausen zu machen und ihre Bedürfnisse zu respektieren!“.

Aber er ist auch müde und verbringt die tollen Wochenenden – genau wie ich – damit, Dinge zu reparieren, zu renovieren oder irgendwas zu besorgen. Es werden Termine wahrgenommen, Sachen erledigt. Erholung hatte man – die meisten kennen das – vor Jahrzehnten zuletzt.

Er ist also nicht versiert in den Abläufen. Er legt für die Kinder jene sagenumwobenden, grausligen Klamotten-Kombis raus. Er weiß nicht, wo sich hier alle möglichen Dinge im Haus befinden. Sein letztes Hemd bügelte er vor, hm, vielleicht zwei Jahren. Er räumt die Spülmaschine oft morgens aus. Und am Wochenende kocht er. Abends beschäftigt er sich eine halbe Stunde mit Nummer 4. Er überweit die dauernden Beträge an die Schule, hat neulich Taschenrechner für die Kinder bestellt. Und Schuhe bestellt er auch für sie.

Den Rest mache ich. Alleine.

Hinzu kommt in unserem Fall:

Durch die letzten Reste der neurologischen Schäden und Nachwirkungen der Erkrankung (die er an seinen Händen und im Körper insgesamt hat) kann er mich auch oft gar nicht unterstützen. Es fällt ihm beispielsweise schwer, etwas vom Boden aufzuheben – wie soll er das dann für mich tun, wenn mein Rücken schmerzt? Jackenknöpfe schließen, sich wehrende Kleinkinder anziehen, fummelige Spielsachen bespielen, am Boden sitzen, mit der Hand schreiben, jegliche feinmotorischen Arbeiten – das ist alles eine mittelschwere Quälerei für ihn.

Also bleibt es entweder an mir hängen oder ich lasse es ihn tun und fühle mich dabei mies. Als würde ich einen Rollstuhlfahrer bitten, für mich einkaufen zu fahren. So etwas tut man irgendwie nicht entspannt. Ich rechne ihm an, dass er diese Dinge dennoch tut, aber während ich mich mies fühle, ist das keine wirkliche Unterstützung. Entweder ich mache es selbst oder ich fühle mich wie schlecht. Eine Lose-Lose-Situation.

Aber:

Mit ihm diskutiere ich bestimmte Entwicklungen der Kinder, Erziehungsmöglichkeiten, bespreche, an welchen Stellen die Kinder unsere Unterstützung brauchen und wie diese aussehen könnte. Er kann ganz selbstehrlich einsehen, welche Charakterzüge der Kinder ihm selbst ähneln und sich hineinversetzen, wie er sich als Kind fühlte. Das ist wertvoll, da mir ja keine normale Kindheit mit einer Selbstentfaltung möglich war – sprich: Ich kann nur ahnen, womit ich meine Eltern total genervt hätte. Faktisch aber war ich überwiegend die Emotionalausgleichssklavin meiner Mutter.

So erfahre ich dann, wie normale Kinder sich vor Aufgaben drücken, heimlich Schokolade oder Eis wegfuttern, schummeln, lügen und all diese Dinge.

Er ist auch sehr ehrlich zu mir. Das ist nicht immer einfach für mich – aber es ist natürlich zielführend. Wenn ich etwas im Umgang mit den Kindern nicht so hinbekomme, wie ich es möchte oder es mir guttut, dann weist er mich darauf hin. Direkt geliefert mit einer kurzen, situativen Analyse meiner Schwachstellen.

Und das ist mir sehr wichtig.

Noch mehr?

Ich habe noch mehr zum Thema gefunden bei den Großen Köpfen

und auch von einem Vater, der mit seinem Artikel die Arbeit der Frauen honorieren möchte, in den Kommentaren aber anscheinend recht missverstanden wird.

Zum Thema „Wie wirkt sich das väterliche Verhalten auf Kinder aus“ findet man auch Lesenswertes bei Kinder Unlimited.

Studieren mit Job und Kindern? Das geht schon, aber …

So einen schnieken Schreibtisch hatte ich als Student noch nicht.

So einen schnieken Schreibtisch hatte ich als Student noch nicht.

Mittlerweile erscheint es mir zwar wie eine weit entfernte Vergangenheit, aber es gab mal eine Zeit, in der ich einen erheblichen Anteil meiner Wachphase mit institutionalisiertem Lernen verbracht habe. Also möchte ich dem Aufruf folgen und auch einen Beitrag zur #LernenFamilie-Blogparade leisten.

Fangen wir mal von vorne an.

Vor 13 Jahren hatte sich ein Teil meines Studiums gerade als Sackgasse herausgestellt, als Ms. Essential schwanger wurde. Ich hatte damals Technische Redaktion an der RWTH Aachen studiert – musste mir aber nach ein paar harten Semestern eingestehen, dass es für den Mathematik-Part davon bei mir einfach nicht reichte. Auch wenn ich immer ganz gut rechnen konnte. Also musste ich umsatteln und hatte damals – mit fast 24 Jahren – gerade mal das Grundstudium in der Tasche. Das Grundstudium war so was wie der Bachelor, nur ohne Vorteile. Das Grundstudium qualifizierte einen zum Weiterstudieren und sonst zu nix.

Gleichzeitig hatten verschiedene Entwicklungen dazu geführt, das Ms. Essential in ihrem Beruf als Familienpflegerin nicht mehr arbeiten würde. Wir befanden uns damals finanziell gesehen zwar nicht in einer Sackgasse, aber in einer Sinuskurve irgendwo weit unten.

Ich beschloss, mein Studium zwar weiterzuverfolgen, musste aber nebenher ziemlich viel arbeiten. Zum Glück hatte ich die ersten paar Jahre meines Studiums nicht komplett verschwendet, sondern mir ein paar Referenzen zugelegt, die es mir ermöglichten, zuerst als Texter und später als Marketingberater ein bisschen was zu verdienen. Das ging auch sehr gut los – ich fand eine Web-Agentur, die großen Bedarf an suchmaschinenoptimierten und dennoch lesbaren Texten hatte (damals war das noch mehr ein Widerspruch als heute) und mich mit regelmäßigen Aufträgen versorgte. Die gar nicht mal so schlecht bezahlt waren. Der große Vorteil: Ich konnte bei freier Zeiteinteilung von zuhause aus arbeiten.

Also legte ich meine Seminare an der Uni auf möglichst wenige Tage und wurde Dauergast bei Blockseminaren, um möglichst viele Tage für die Arbeit freizuhaben. Für Vorlesungspausen kaufte ich mir ein Notebook (aua, das tat weh im Portmonee) und gewöhnte mir an, für diese Zeit abends zuhause vorzurecherchieren. Mobiles Internet, das gab es ja noch nicht, und falls doch, konnte ich es mir nicht leisten. Ich suchte mir ein paar Ecken an der Uni wo es Strom gab und textete in den Pausen so vor mich hin.

Leider veränderte sich der Markt ein wenig und ich hatte mich zu sehr auf meinen Dauerkunden verlassen. Mittlerweile hatte Nummer 2 sich angekündigt und wir hatten eine größere Wohnung bezogen die wir uns nach meiner Kalkulation durchaus erlauben konnten. Die Kosten stiegen an, aber in einem Maß, das mich ursprünglich nicht beunruhigte. Ich wusste ja recht gut, was ich mit welchem Zeitaufwand verdienen konnte, und meine Noten waren auch in Ordnung …

Bis mich eines Abends der Geschäftsführer meines wichtigsten Kunden anrief und mir mitteilte, dass sie meine Arbeit zwar sehr schätzten, mir aber aufgrund einiger Änderungen im Suchalgorithmus nur noch die Hälfte von dem zahlen konnten, was sie mir bis jetzt gezahlt hatten.

Bämm. Da hockten wir also, in einer Wohnung, die wir uns plötzlich nicht mehr leisten konnten. Ich entmottete mein Fahrrad, um zukünftig kostengünstig zum Bahnhof zu fahren und per Semesterticket zu pendeln. Ms. Essential kurvte derweil mit einem billigen Kinderwagen durch unseren Vorort und kaufte im Schlecker Babygläschen ein, um ein kostengünstiges Ziel für den täglichen Spaziergang zu haben.

Ich begann an einer Exit-Strategie zu arbeiten, um nicht dauerhaft an diesen Kunden gebunden zu sein, und suchte mir ein paar weitere kleine Kunden sowie einen Studentenjob im Wissenschaftsministerium. Leider waren diese ganzen Tätigkeiten weitaus schlechter bezahlt als meine ursprüngliche Arbeit – so dass ich immer mehr Zeit aufwenden musste, damit das Geld halbwegs stimmt. Ich bat meine neuen Auftraggeber bei den Abrechnungen mogeln zu dürfen, damit ich nicht permanent über die einem Studenten erlaubten 20 Stunden pro Woche kam. Ich glaube in einigen Wochen hatte ich damals einen Vollzeitjob und daneben ein Vollzeitstudium.

Neben dem Geld hatte ich vor allem eine Sorge: Ich dachte mir, da sind zig tausend intelligente Menschen mit Dir an der Uni, die alle viel mehr Zeit auf ihr Studium verwenden können. Deine Noten werden jetzt total absacken, weil Du viel zu wenig Zeit in Dein Studium investierst. Soziale Kontakte an der Uni hatte ich schon lange nicht mehr, also wurschtelte ich mich so im Alleingang da durch, bis auf einige wenige Gruppenprojekte.

Zu allem Überfluss wurde die Leiterin der Pressestelle, in der ich damals aushalf, auch noch gefeuert. Nach einer gewissen Karenzzeit, in der ich die Pressetelle alleine schmiss, vergab das Unternehmen den Auftrag an eine Agentur und ich verlor ebenfalls meinen Job. (Okay, einen meiner Jobs …)

Als ich damals abends mit Ms. Essential sprach, gab sie mir einen folgenschweren Tipp: „Du solltest diese Agentur anrufen und fragen ob die nicht jemanden brauchen, der sich mit diesem Unternehmen sehr gut auskennt. Vielleicht nehmen die Dich ja.“

Ich hatte zwar mordsmäßig Bammel – aber ich tat es. Die Agentur stellte mich in der Tat vom Fleck weg ein, übernahm mich nach dem Studium und rechnete mir sogar meine zahlreichen Nebentätigkeiten als Volontariat an. Bevor es aber soweit kam musste ich ja auch nochmal irgendwann mein Studium abschließen. Zu diesem Zeitpunkt feilschten Ms. Essential und ich um den Zeitpunkt für Nummer 3. Sie wollte gerne alle Kinder bekommen haben ehe sie 30 war, ich wollte wenigstens ein einziges Kind ordnungsgemäß bekommen nachdem ich mit dem Studium fertig war. Am Ende koordinierte ich meine Prüfungstermine mit dem Geburtstermin. Meine späte Rache: Nummer 4 haben wir bekommen als ich nicht nur ordentlich mit dem Studium fertig war, sondern auch deutlich mit Mitte 30. 😀

Als ich schließlich meinen Abschluss in der Tasche hatte und nach all den Jahren der Dreifachbelastung auch noch meinen Doktortitel machen wollte, machte mir das Leben einen Strich durch die Rechnung.

Was ist jetzt die Moral von der Geschicht? Ich denke es hat sich gelohnt, das Studium trotz aller Mehrbelastung durchzuziehen. Trotzdem hat es mich und meine Familie auch etwas gekostet. Ich habe nie wieder die ersten Monate eines Kindes so intensiv erlebt wie bei Nummer 1. Nummer 2 und 3 sind mehr so mitgelaufen, und erst jetzt als „später Vater“ von Nummer 4 erleben ich diese Phase wieder etwas bewusster. Dennoch sehe ich den Junior deutlich weniger als früher Nummer 1. Allein die zahlreichen Geschäftsreisen machen mich zuhause oft eher zu einem Gast denn zu einem vollwertigen Familienmitglied.

Weiterbildung neben Familie und Beruf ist nichts, was man so nebenher erledigt. Andererseits: Mindestens ein Elternteil wird ohnehin die gesamte Kindheit des Nachwuchses Vollzeit arbeiten, da kann man ja wenigstens dafür sorgen dass es ein qualifizierter Job ist, oder?

Beruflich hat es sich für mich mehr als gelohnt – ich habe einen spannenden Job, wir kommen mittlerweile ganz gut aus und ich bin seit kurzem auch noch Gastdozent an einer Hochschule. Wäre schwer geworden ohne eigenen Abschluss …

Toddler Traces und ihre Verwandten …

Die Reihe der Toddler Traces kennt Ihr ja schon ganz gut.

Heute präsentiere ich zwei weitere Meisterwerke Nummer 4s:

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Das hier ist unsere Ofenbank. Die wunderschöne Verzierung stammt von einem Hämmerchen …

... und das ist unsere Reaktion darauf - ein schonender Filzstopper.

… und das ist unsere Reaktion darauf – ein schonender Filzstopper.

Hier hat Nummer 4, der gerade die unteren Eckzähne bekommt, in meinen neuen Korbsessel gebissen:

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Hier hat Nummer 4 in meinen neuen Korbsessel gebissen.

Wer aber nun denkt, das Kleinkind als solches sei die einzige Personengruppe, die im Haus Spuren hinterließe, der irrt natürlich gewaltig. Genau so viele werden durch die Heranwachsenden verursacht.

Daher präsentiere ich heute die Verwandten der Kleinkindspuren:

Die Teenie Traces:

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Hier fanden die Teenies, es sei nötig, verbotener Weise im elterlichen Bett Kekse zu essen …

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Dieses Foto illustriert die Tatsache, dass die größeren Kinder niemals in der Lage sind, eine Toilettentür nach Benutzung hinter sich zu schließen. Dies gilt ebenso: Toilettenbürsten werden stets ignoriert und wenn man zur Benutzung gezwungen wird, dann lässt man die Brille unten, um sie vollzutropfen. Auch nach über einem Jahrzehnt Übung. Und Toilettendeckel bleiben natürlich stets oben. Leeres Toilettenpapier …

... wird auf diese Weise ersetzt: Genervte Mutter stellt neue Rolle hin. Diese wird (auch nach dauernder Ermahnung) niemals in den Halter gespannt. Nein, man stellt oben drauf und verwendet es von dort aus ...

… wird auf diese Weise ersetzt: Genervte Mutter stellt neue Rolle hin. Diese wird (auch nach dauernder Ermahnung) niemals in den Halter gespannt. Nein, man  verwendet es die Rolle von dort aus, wo Mama sie so schön nonverbal-kommunikativ abstellte …

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Hier sieht man die Treppe, die in das ausgebaute Dachgeschoss führt, das die beiden großen, hellen und schönen Zimmer der Teenies beherbergt. Davor habe ich versammelt, was a) zuvor von mir auf die Treppe gelegt wurde, damit es mit hochgenommen und das dann einfach (wie üblich) durch die Stufen heruntergetreten wird und b) jener Müllsack aus Nummer 2s Zimmer, der exakt 4 Wochen vor ihrer Zimmertür stand und den ich dann unübersehbar unten platzierte. Dazu noch ein Bademantel, der völlig sauber in die Wäsche geworfen worden war – wegen akuter Unlust, diesen auf einen Haken im Bad zu hängen (was näher gewesen wäre als die Wäschetonne) und c) ist da noch der Wäschekorb mit frischer Wäsche, den die beiden in ihre Schränke einräumen sollen. Dauer des späteren Einräumens: Circa 14 Tage.

Weil’s so schön war …

In unserer neuen Kategorie „Weil’s so schön war“ stellen wir frisch überarbeitete Blogartikel vor, die als Evergreens immer wieder interessant sein können.

Themen rund um Babies, Schwangerschaft, das Leben mit Kindern – wie immer gnadenlos ehrlich, mitunter lustig und natürlich manchmal auch heart-warming.

Den Anfang macht der Blogpost „Fremdbestimmt“, in dem ich über das Leben mit Babies und Kleinkindern schreibe. Wie erfüllt man als Mutter überhaupt seine eigenen Bedürfnisse, wenn man ein oder mehrere kleine Kinder hat? Geht das überhaupt oder gerät man selbst ins Hintertreffen? Habe ich das hinbekommen? Wie entwickelte ich mich als Mutter?

Zu diesem hat Christian von familista übrigens einen Artikel mit besonders charmant passenden Fotos geschrieben.

Los geht’s:

Fremdbestimmt

Fremdbestimmt

So kann es sich durchaus öfter mal anfühlen, das Muttersein .

In einem Gespräch mit einem Kollegen kam Mister Essential auf unsere Nummer 4 zu sprechen.

Der sympathische Mann und erfahrener Vater zweier Kinder sagte dazu:

“Wow, dass ihr euch das noch mal angetan habt. Das ist so heftig – diese krasse Fremdbestimmung …”

Mister Essential erzählte mir das als er wieder zu Hause war und meinte, es sei ja schon sehr treffend, dass er genau diesen Aspekt zuerst genannt habe. Die Fremdbestimmung.

Und ich sagte, ohne lange nachzudenken:

“Ja, das ist ja auch genau das, was mich länger hat darüber nachdenken lassen, ob ich noch ein weiteres Kind möchte. Und ich finde das ganze Gepöngel mit Baby, Tasche, Kinderwagen und so auch schon anstrengend. Das Geschmiere beim Essen, das Wickeln oder Gesichtswaschen unter harter Gegenwehr und all das – aber das ist gar nicht weiter schlimm für mich. Die Fremdbestimmung ist für mich das mit Abstand Härteste.”

Mein Mann hatte beim Essen geantwortet:

“Ja, das erste Jahr war auch richtig hart. Und meine Frau empfindet die Fremdbestimmung auch wirklich als belastend.”

Oh ja, das tut sie. Vor allem eben weil sie nicht mehr Mitte Zwanzig ist und das Abenteuer Mutterschaft mit neugierigen und ganz hingebungsvollen Schritten zum ersten oder zweiten Mal erkundet. Sie sucht nicht mehr ewig und mit aller Liebe bestimmte Spielzeuge einzeln aus oder näht mit ganz viel Zeit aus der Wildseide, in die eines der Hochzeitsgeschenke verpackt war, ein Rüschenschürzchen für das Kleid der Erstgeborenen. Sie wälzt nicht mehr die Zeitschriften auf der Suche nach nützlichen Tipps. Sie seufzt nicht mehr heroisch-tapfer, wenn sie akrobatisch mit Baby auf dem Schoß zur Toilette gehen muss. Sie weint nicht mehr aus Erschöpfung, wenn das Baby endlich schlummert, nachdem es eine Stunde nur schrie und lächelt dabei noch selig in Gedanken an das süße schlafende Kindchen.

Was macht sie stattdessen?

Alles für die lieben Kleinen

Waaah! Land unter …!

Ich weiß sofort, wie genervt ich bin und lächle nichts mehr erzwungen weg. Ich beobachte, dass da eine innere Grundanspannung in mir ist, die ich in der Retrospektive immer während der ersten eineinhalb Babyjahre hatte. Zuerst dachte ich, das sei eine Art Dauerbereitschafts-Instinkt. Dann hielt ich es für ein bisschen stress-neurotisch und halte es inzwischen für eine Mischung aus beidem.

Bis man einem Kind sagen kann Warte kurz, ja? (und kein Gebrüll als Antwort bekommt) bleibt diese Anspannung einfach in mir. Und ich kann sie nicht ausstehen. Ich finde, sie hetzt mich durch den Tag. Als ob man nicht ich immer wieder alles schnell-schnell machen muss. Schnell-schnell ins Bad, ehe das Kind aufwacht, schnell-schnell einen Tee runterkippen, ehe es Zeit zum Kochen ist, schnell-schnell noch bügeln, damit man danach noch Zeit für’s Spielen hat – denn bald trudeln ja die drei Großen aus den diversen Schulen ein. Es gibt auch noch den Modus schnell-schnell Pause machen, sonst ist es zu spät. Den vernachlässige ich leider immer mal wieder.

Die Sache ist die, dass die Fremdbestimmung einen hart trifft wenn man sich a) nicht besonders gut innerlich gegen die Bedürfnisse des Kindes abgrenzen kann, man b) nicht immer voller Hingabe ist und man c) diese Zeiten schon etwas öfter erlebt hat. Vielleicht sollte man als Punkt d) noch erwähnen, dass es vermutlich hilft, sich aufgeben zu wollen, denn wer ganz gern auf seine (Grund-)Bedürfnisse schauen möchte, der hat quasi verloren. Ich bin eine Punkt-a-bis-d-Kandidatin.

Erinnerungen und späte Analyse

Jetzt nach der vierten Babyphase meines Lebens kann ich auf mich selbst zurückblicken und erinnere mich, wie sauer ich auf mich war, weil ich nicht die relaxte Super-Mama sein konnte, die ich von mir zu sein erwartete. Ich fühlte mich gehetzt und konnte nicht mal entscheiden, wann ich zum Klo durfte. Ich sah zu, wie aus der endlich aufblühenden jungen Frau mit den glänzend lackierten Fingernägeln, der Zeit zum Ausgehen und der hübschen Unterwäsche unter den schönen Klamotten jemand wurde, der dauernd vergaß, sich die Nägel überhaupt zu feilen, mit dem Rest-Schwangerschafts-Übergewicht kämpfte und der einen weißen Baumwollstill-BH trug. Aufblühen war vertagt. Definitiv.

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Leben mit Kindern: Eine Herausforderung. Täglich neu. Und ja: das ist ein Handabdruck im ausgekippten Essen.

Ich hockte vor elf Jahren mit einem (dauerspuckenden) Säugling und einer (alles auseinandernehmenden) Eineinhalbjährigen in einer sehr (hübschen) Wohnung (mit zwei Etagen, sehr nett) im Stadtteil einer Kleinstadt. Ich hatte kein Auto zur Verfügung und die nächste Haltestelle war so weit weg (wie auch der nächste Supermarkt), dass ich die halbe Stunde zur Innenstadt meistens latschte. Das machte ich oft, weil die Zimmerdecke die Tendenz zum Herunterfallen hatte. Auf dem Rückweg war der gefühlt vier Meter lange Geschwisterkinderwagen gefüllt mit Einkäufen aus dem Lieblings-Drogeriemarkt.

Und ich fragte mich, warum ich eigentlich zu schwächlich war, ihn die paar Kilometer ohne Schnaufen zu schieben. Einmal schob eine mich begleitende Freundin ihn und stöhnte nach zwei Metern: “Mann, ist das Monsterteil schwer. Mach den Einkauf doch mit dem Auto am Wochenende oder schnell am Abend.”

Aber der Einkauf war ja mein Wochenhighlight – das wollte ich ungern hergeben. Habe dann weniger eingekauft. Und bin öfter mal in den nahen Schlecker. Die Filiale war ungefähr so groß wie eine Camenbert-Schachtel und mit dem Schlachtschiff Kinderwagen kaum zu durchfahren. Ich war trotz allem total stolz, wenn ich den Kinderwagen schob und ich fand die beiden Mädels da drin einfach himmlisch.

Es gab einen Spielplatz im Stadtteil. Da konnte Nummer 1 drei Mal rutschen und ein paar Mal schaukeln bis es Nummer 2 im Wagen langweilig wurde und sie zu meckern begann …

Ich sagte mir damals, dass dieser Zustand, so frustrierend öde ich ihn immer mal wieder fand, besser war als der zuvor mit dem Schreikind als erstes Baby. Oder der in der letzten Schwangerschaftsphase mit Nummer 2 – die ich oft nachmittags wie erschossen auf dem Sofa liegend verbrachte, während Nummer 1 mich zum Spielen animieren wollte. Dies tat sie, indem sie ihr Spielzeug rund um meinen Kugelbauch warf und stapelte.

Einmal in der Woche war Nummer 1 in dieser Phase bei den Schwiegereltern – und ich als brave Schwiegertochter machte mir nicht etwa einen Tee und las ein gutes Buch. Ich nutzte meinen Freiraum zum Putzen und aufräumen. Sollte ja niemand sagen können, ich sei faul. Und zudem musste ich ja zeigen: Ja, ich bin sehr schnell wieder schwanger geworden, aber ich habe selbstverständlich alles im Griff – kritisiert mich bitte ausnahmsweise mal nicht.“

Es reichte ja, dass ich ungehöriger Weise schon wieder schwanger geworden war. Damals bastelte ich auch Geburtstagskarten für alle Verwandten meines Mannes und zog den Kindern die juckenden, hässlichen Pullover an, die meine Mutter wie ein Perpetuum mobile strickte. Ich war also zusammengefasst einfach sehr jung und sehr unsicher.

Das Leben drehte sich plötzlich in einem kleinen Kreis rund um das eigene Zuhause.

Die Babyzeit mit Nummer 3 verbrachte ich in einer sehr schön geschnittenen Altbauwohnung (wieder mit zwei Etagen – also genug Platz)  in Düsseldorf. Wunderbare 90 Treppenstufen trennten uns von der Welt und allen Verwandten, die älter als 60 waren – denn die kamen so selten wie möglich bis gar nicht.

Das wiederum kam mir großartig vor, aber 180 Stufen am Tag (zum Spaziergang runter und wieder rauf) in hochschwanger und danach mit Baby fand ich blöd. Aber ich wurde recht sportlich und hatte prima Muskeln. Das Vor-Schwangerschaftsgewicht hatte ich schnell wieder und untertraf es sogar noch. Ich war viel unterwegs mit den Dreien, kaufte mir neue Klamöttchen, machte die Mädels ebenfalls chic und war irgendwie war ich nicht mehr ganz so angespannt. Es ging bergauf.

Spannten mich vielleicht und eventuell auch die eigenen Ansprüche an? Und hatte dies nachgelassen? Oder tat es mir gut, nicht mehr in der Kleinstadt zu hocken und mich für jede winzige gegönnte Bequemlichkeit mies zu fühlen, weil ich Kritik von der nahen Schwiegermutter befürchtete? Nummer 3 war zudem ein formidables Baby – sie weinte fast nie. Sie hatte nie Bauchweh und das Zahnen schien sie einfach zu ignorieren. Sie schlief pünktlich und immer gleich lang. Unfassbar war das. Ich war wirklich entspannter und begann sogar, wieder freiberuflich zu arbeiten – während Nummer 3s Mittagsschlaf ging das sehr gut. Unsere Babys waren mit jedem weiteren immer pflegeleichter geworden. Und ich immer ein klein wenig entspannter.

Die letzte Babyzeit meines Lebens

Daher dachte ich, als Mister Essential im Jahr 2012 mit glänzenden etwas wie „Hm, also, wo drei groß werden, würden auch vier groß …“ murmelte ein nächstes Baby wäre vermutlich schlichtweg im Alltag nicht zu bemerken. Nein, nicht wirklich – ich hatte vor den Nächten Respekt und wusste, dass ich die Babyphase oft öde finden würde. Aber ich entschied mich für ein viertes Kind.

Am meisten Angst (ja, wirklich Angst) hatte ich vor der Fremdbestimmung. Und sie traf mich knallhart, muss ich sagen. Nummer 4 war im ersten Jahr nicht das pflegeleichteste, sondern das anstrengendste Baby.

Ich war nicht mehr oder weniger fremdbestimmt, sondern vielmehr zu einem selbstaufgegebenen Bedürfniserfüllungsroboter geworden. Dazu kam, dass mich zum Einen mein Alter und zum Anderen die beiden Fehlgeburtserfahrungen prägten. Dem kleinen Wunschkind soll es nur ja an nichts fehlen – predigte die Verlustangst.

Nun, wo er tatsächlich herumläuft, seine Zahnbürste nach der Benutzung selber wieder in den Becher steckt und sich bestens verständigen kann, sehe ich Land. Ich weiß, dass nun der Punkt erreicht ist, an dem es steil nach oben geht. Denn mir fiel wieder ein, dass Kommunikationsreife und Alter des Kindes viel ausmachen. Er versteht fast alles, das ich sage und er kann mir hinterherlaufen anstatt zu weinen, wenn ich kurz aus dem Raum muss. Ich muss ihn auch nicht mehr überall hintragen – na ja, wenn es nach ihm geht schon. Das ist schon viel wert: Er ist ein Kleinkind geworden.

Dennoch spüre ich, dass ich mich eigentlich schon in der Phase der Selbstbestimmung befunden habe, als er auf die Welt kam. Ich habe mir gepredigt, die Babyzeit zu genießen. Während ich wie ein Zombie den Kinderwagen vor mir her schob (ich verwendete ihn ob der Müdigkeit gern als eine Art Rollator), hörte ich von allen Seiten: “Ach genießen sie es! Die sind ja nicht lange so klein!” und dachte mir immer: “Bitte wiederholen sie nur den letzten der beiden Sätze und schütteln mich dabei ein wenig aufmunternd, ja?”

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Nummer 2 und ihr erster Schuh, 10 Jahre nach dem Kauf: Sie wachsen wirklich irgendwie, diese Kinder.

Gute Seiten

Ich fühlte mich am Ende des berühmten ersten harten Jahres jedenfalls viel besser als mittendrin. Ich begriff, dass ich ja nicht nur Ende Dreißig bin und nicht mehr Mitte Zwanzig, sondern dass ich vor allem für insgesamt sechs Menschen sorgen muss.

Ich schließe mich nun in den Kreis der Personen, die meiner Fürsorge bedürfen, endlich selbst mit ein, denn auch diese Lektion des Lebens habe ich (viel zu) langsam verstanden. Ich denke mir, es wird schon anstrengend sein, was Du da alles schaffst – kein Wunder wenn Du Dich dauernd so etwas schlapp wie während einer Erkältung fühlst. Ich erkenne also meine Leistung an. Das konnte ich vor zehn Jahren definitiv nicht. Ich bin selbstsicher in meinen Entscheidungen und kann sie bestens vor mir vertreten.

Ich fühle mich nicht nur müde und fremdbestimmt. Sondern reif, stolz und erfahren. Ich bin keine junge Frau mehr, die sich innerlich von Ansprüchen unter Druck setzen lässt und äußerlich versucht, es allen recht zu machen. Das Stadium der jungen, unsicheren Mama habe ich längst verlassen. Inzwischen habe ich eine große Tochter, die in diesem Jahr zum Teenager wurde und eine andere große Tochter, die sich öfter die Nägel lackiert als ich (wäh!) und eine kleinere große Tochter, die morgens alleine auf die Uhr schaut um zu sehen, wann sie die Jacke anziehen muss. Wenn das mal nicht eine gute Bilanz ist!

Die Drei passten in der letzten Erkältungsphase nachmittags auf Nummer 4 auf als ich heftig erkältet war. Ich lag im Bett und bekam Tee gebracht! Das stelle man sich mal vor! Kein Kind hopste auf mir herum und niemand musste von mir zum Klo begleitet werden während ich ein Fieberthermometer im Mund hatte. Ich lag da, machte Bingewatching mit dem iPad und wurde gesund.

Fremdbestimmt und dennoch Danke

Also danke ich dem lieben Gott und auch mir selbst für das Erreichen wunderbarer Meilensteine. Ich bin inzwischen in der Lage zu erkennen, dass anstrengende Phasen ihr Gutes haben und ebenso, dass ich nichts andauernd schönreden muss, nur weil ich mich dazu entschieden habe (zum Beispiel Leben mit Kindern :D). Ich danke für die lebhaften, schlauköpfigen und bereichernden Kinder um mich herum. Ich danke für den kleinen, heiß ersehnten Mann mit den großen Knopfaugen, der so gerne mit mir kuschelt.

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Mein Mantra. Auch wenn es Phasen gibt, in denen es schwerfällt. Vor allem sollte man auch sich selbst mit Liebe behandeln, statt sich aufzuopfern, wie man es oft von Müttern verlangt.

Public Relations der Extraklasse oder: Die Rosarote Hölle

Angestoßen durch einen Artikel von Frida Mercury auf 2kindchaos, beziehungsweise den Hinweis darauf bei Facebook greife ich ein Thema auf, über das ich schon lange gerne schreiben wollte:

Die rosarote Zwangsbrille oder Die mütterliche Schweigespirale

Wir Mütter kennen alle den herrlichen Duft eines Babynackens, können quietschen vor Freude, wenn unsere Kinder die ersten Worte sprechen und sind megastolz, wenn sie die Welt erkunden. Wir freuen uns mit ihnen über ihre Erfolge, trauern mit ihnen, wenn sie schlimmen Streit mit Freunden haben und sind immer bei ihnen, auch wenn wir ganz woanders sind.

Und wir Mütter kennen alle diese Tage. Jene Tage, an denen die ganz Kleinen schon nölig aufwachen, die Größeren miesgelaunt in die Küche kommen und gleich Streit anfangen. Tage, an denen wir hochschwanger am Boden herumkriechen und Spielzeug einsammeln. Und die vielen Tage, an denen jemand gegen die Klotür hämmert, sobald wir auf der Schüssel sitzen.

Und die vielen Phasen, in denen die Kinder Zähe bekommen. Oder in denen sie noch nicht durchschlafen. Schlafentzug ist nicht umsonst eine Foltermethode. Man vergisst oft, dass diese Kräfte zehrenden Phasen, in denen man immer nur inselartig Spaß oder Freude empfindet, nicht ewig dauern.

Wir sind hart zu uns und fordern uns auf, dennoch zu lächeln. Gute Mütter kriegen alles hin und sind dabei eine Bereicherung. Sie klagen nicht. Sie flöten und summen, während sie Toiletten putzen, für die Schule basteln und im Regen mit quakendem Baby einkaufen.

Wagen sie es hingegen jedoch öffentlich, etwas zu sagen – vor allem eben im anonymisierten Raum der sozialen Medien, dann gibt es schnell mal Gegenwind.

Die Nestbeschmutzer: Gegenwind aus eigenen Reihen

Der schlimmste Feind der Mütter ist die Moral.

Sie diktiert ohnehin jeden Menschen durch den Tag (ohne dass wir es bewusst merken – der Großteil menschlicher Gespräche dreht nur um dieses Thema) und bei Mütter legt sie sogar noch einen Zahn zu. Alles wird bewertet und beurteilt. Entweder von uns selbst oder auch gerne von der Umwelt.

Beispiel?

#RegrettingMotherhood war ein komplettes Moralthema. Kaum hatten einige Mütter irgendwo auf der Welt (Israel) innerhalb ihrer eigenen Lebensbedingungen (andere als in Deutschland übrigens) gesagt, sie wären lieber kinderlos geblieben – da gab es sofort eine Moralwelle und viele fühlten sich berufen, zu erklären, dass sie ihre Mutterschaft liiiiieben. Zu jedem Zeitpunkt. Ja, sie seien manchmal müde. Aber das sei es ihnen wert. Ist auch so – sie haben damit nicht Unrecht und das Ganze gut beschrieben. Aber es war eine moralische Angstreaktion: Jemand wagte es, so große Kritik zu üben, da muss man sich schnell distanzieren, ehe man selber noch verdächtigt wird. Oder sich selbst verdächtigt.

Habe übrigens ähnlich dazu geschrieben. Hatte auch das Gefühl, mich distanzieren zu müssen. Kenn ich also. Außerdem ist es so: Wenn die bösen Frauen lieber keine Kinder hätten, dann kann man selber sagen: „Ich bin aber eine von den Braven! Wird das bitte honoriert?“ Und das wird es natürlich. Ich habe mich währenddessen beobachtet und das auch an mir so analysiert, was für mich sehr spannend war.

Wir Mütter lieben unseren Job. Unsere sinnstiftende Lebensaufgabe natürlich.

Ja, auch um 4 Uhr morgens, wenn danach kein Schlaf mehr möglich ist. Ja, auch wenn der Kleine Durchfall bekommt an dem Abend, an dem man endlich einen Babysitter hat. Wir sind 24/7 glücklich. Dafür gibt es nämlich das, was Moral immer verspricht: Zuspruch und Anerkennung. Denn Anpassung fühlt sich für uns Menschen nun mal gut an. Es ist erwiesen, dass Protestler und Querdenker tendenziell unglücklicher sind, als Mit-dem-Strom-Schwimmer. Das kann man nun blöd finden – es ist aber so.

Als ich an Janas Blogparade teilnahm, kam auf Facebook auch ein Kommentar mit dem obligatorischen „Wie kann man nur über diese armen, hilflosen Wesen jammern, die uns so sehr brauchen?“ (das war jetzt kein O-Ton, nur sinngemäße Wiedergabe). Dabei hatte ich gar nicht über mein Baby abgemeckert, sondern nur ehrlich ein paar Startschwierigkeiten geschildert …

„Der schlimmste Feind der Mutter ist stets eine andere Mutter“

habe ich mal gelesen. Und da ist wohl etwas dran. Frauen sind nämlich seit Ewigkeiten die Hüterinnen der Moral (hatten im Patriachat ja sonst viel, ne?) und da sie eben auch zufällig diejenigen sind, die sich überwiegend um die Aufzucht der Nachkommenschaft kümmern, wachen sie wie Gargoyles über ihre Kolleginnen.

Es spricht nichts gegen das Konstrukt der Moral zur Regulierung sozialer Gruppierungen. Erst einmal. Man sanktioniert Abweichlertum. Das kann sehr gut sein und die Gruppe schützen. Meist ist es nicht so prickelnd für die Abweichler, aber eben für die gesamte Gruppe. Und da ist der Mensch eben ganz tierisches soziales Wesen: Wer Unerhörtes tut (Wäsche falsch aufhängen, Konservendosen kaufen, Kinder umbringen) wird von der Gruppe bestraft. Ausgegrenzt, abgemahnt.

Wer beim Einkauf gerade die Bonduelle-Erbsen-und-Möhren-sehr-fein in der Hand hält und mitbekommt, wie im Nachbarregal zwei Frauen ihr Moralgespräch abhalten („Also ICH koche immer frisch!“ – „Ja, ich auch. Nur faule Frauen kaufen Dosen!“), stellt die Dose schnell wieder zurück. Das meine ich beispielhaft. Äh und auch real.

Was passiert aber, wenn man die Dose dennoch kauft?

Erstens, man sagt sich: „Ich lasse mich nicht von so Übermuttis einschränken. Ich habe heute keine Zeit und mache Ravioli. Die Kinder lieben sie, ich liebe sie und morgen gibt es artig Gemüse.“

Zweitens, das schlechte Gewissen (Oberster Beamte der Moral) meldet sich und tut so, als sei er das Unterbewusstsein, damit man es nicht schnell identifiziert: „Ja, rede dir das nur weiter ein, Liebes,“ säuselt er wie der stets besoffene wirkende Captain Jack Sparrow, „wir beide wissen ja, dass du schon immer eher die Bequeme warst und nun nach Ausreden suchst.“

Das Dritte, das passiert ist: Mit einer Trotzfalte auf der Stirn und etwas zu lauten Handgriffen wird die Dose erwärmt. Im Topf – nicht in der Mikrowelle. Irgendwas muss man ja schließlich leisten, um Essen zu servieren. Es schmeckt vermutlich irgendwie lecker, hinterlässt aber einen blöden Nachgeschmack wie billiges Stevia – nur ohne die Lakritznote. Nur genau so unerwünscht.

Und nun, viertens: Die erste Regel im Bonduelle Club lautet: Es gibt keinen Bonduelle Club.

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Wird von niemandem gekauft. Nur von Ms Essential: Eine Backmischung. Aber nur, weil ich soooo viele Kinder und soo wenig Zeit habe oder: Ha-ha, Ms Essential hat ’ne Backmischung, die faule Nuss!

Hier, genau an dieser Stelle – direkt vor dem Mülleimer mit den vorwurfsvollen, leeren Konserven setzt ein Phänomen ein, das Generationen von Müttern an den Rande der Neurose und darüber hinaus trug: Die Schweigespirale.

Es wurde natürlich nie eine Backmischung gekauft, man schläft immer geduldig und gern mit den Kindern in einem Bett, man stillt immer voller Liebe und ist niemals genervt von Ewig-Saugern oder Hampel-Nucklern, man schaut nur selten auf das Smartphone während die Kinder da sind, man spricht immer flötend und zwei Oktaven höher mit den Kindern – auch wenn man mit ihnen alleine ist. Und man ist kein Mitglied im Bonduelle Club.

Aber man ist Mitglied im Club der Mütter, die sich niemals beklagen dürfen und sich stets von der besten Seite zu präsentieren haben.

Es ist für Diktaturen, die Mafia und für Sekten eine altbekannte Art der Mitgliedschaft: Man möchte kein Mitglied sein, ist aber dennoch eins.

Wer miterlebt, wie Andere gesellschaftlich sanktioniert werden („Wie kann man als Mutter nur …?!“), der schweigt selber lieber und gibt stattdessen ein bewusst gestaltetes Bild von sich ab. Unter Auslassung vieler Aspekte.

Keine Butter bei die Fische

Unsere Fische werden trocken gebraten und serviert. Statt Butter gibt es Luft und Liebe. Natürlich. Mal ehrlich dazu stehen, ein ganz normaler Mensch zu sein? Ne – dann lieber keine Butter.

Wir, die immer zufriedenen und nur manchmal im erlaubten Rahmen erschöpften Mütter. Wir wissen, wie man das macht, dieses perfekte Bild zu vermitteln, das von uns erwartet wird:

Wir sind PR-Göttinnen. Wir verdrehen, lassen aus und zeigen nur das, was unserem Unternehmen zuträglich ist. Wir können Krisen-Prävention und Krisen-PR. Wir haben das drauf. Wir kennen jede Ausrede, beherrschen Ausflüchte auf moralisch ansprechende Art und vermeiden gekonnt Schweißflecken, während wir innerlich rotieren.

Ja klar, steigt die Gefahr eines Burnout, wenn man nie selbstehrlich seine Grenzen wahrnimmt und immer weitermacht – man kann sie aber leider nicht wahrnehmen, diese Grenzen. Denn das ist verboten.

‚N sommerliches Beispiel gefällig?

Der Familienurlaub war natürlich schön und es war toll, wie die Kinder spielten. Ja, da war der eine Regentag, aber hey! wir haben das süße Foto von klein Georg im zauberhaften Matschanzug, auf dem er so niedlich in die Pfütze hüpft. Wir haben geduldig im Regen gestanden und dankbar geseufzt über das Glück, dass wir/Gott/das Schicksal und schenkte/n.

Wir waren nicht angenervt und nicht gestresst, weil wir neben dem Kackwetter und dem ewigen In-der-Bude-hocken auch noch eine Erkältung befürchten mussten. Quatsch! Und dank moderner Technik können wir seit geraumen Jahren auch allen zeigen, wie unglaublich glücklich wir waren. Man wird uns selig beim Selfie mit Kind in die Kamera grinsen sehen. Wir können nämlich nicht nur PR, sondern schauspielern auch Greta Garbo an die Wand. Oder mindestens Madonna.

Und was macht unsere Freundin Simone/Martina/Karla zuhause, wenn sie das Bild sieht? Sie denkt sich:

„Puh, die Elfriede/Johanna/Gertrude ist aber zufrieden und happy im Familienurlaub. Komisch, dass man den Gert/Thomas/Wolfgang nie auf den Fotos sieht. Ob der sich ’nen Lauen macht, dieser alte Macho? Hm, nein, der ist sicher nur fotoscheu, wie viele Männer und räumt das Ferienhaus auf, während sie Fotos macht. Jedenfalls sitze ich selbst hier in der Ferienwohnung, die auf den Fotos bei Airbnb echt schöner aussah und bin angekotzt. Vom Wetter, von den nöligen Blagen Kindern und träume davon, alleine mit Wilhelm an einem maledivischen Strand zu knutschen. Kacke, echt. Ich mach nachher schnell mal ein paar Fotos mit Mia-Sophie/Lea-Leandra/Elfriede-Mirabella und stell die flott auf’s Profil. Nicht, dass die denken, ich wäre genau die überanstrengte Mutter, die ich in Wahrheit bin vom Familienurlaub angekotzt.

Dieses Beispiel geht auch mit folgenden Szenarien und Drehorten: Weihnachten bei den Großeltern, Schulfest, Gesunder-Gemüsenachmittag in der Grundschule, Bastelsamstag im Kindergarten. Und weitere.

Alles spitze, echt!

Wer meckert, wird ausgeschimpft. Macht man mit seinen Kindern nicht. Ist das Nicht-Wahrnehmen kindlicher Emotionalausdrücke. Machen wir mit uns schon. Auch gerne gegenseitig.

Ich bin ja die Tante Essential mit dem Wahrheitsfimmel. Daher schreibe ich hier auch so bewusst und gerne ehrlich. Darüber, wie die nervtötend ersten Monate mit Babies sein können, was an Kleinkindern das mütterliche Wahnsinnsrisiko steigert und so weiter. Ich poste ein Bikinifoto von mir (Hat ne Schubkarre Courage gekostet, hab ich ja erwähnt) und schreibe gern dazu, dass ich das nur tue, weil ich ein High-Waist-Bikinihöschen trage.

Wieso pfeife ich auf Mama-Eigen-PR (weil obwohl ich ja mal in einer PR-Agentur gearbeitet habe!)? Weil ich meine Mit-Mütter liebhabe. So richtig. Ich mag nicht so gerne die, die ihre Kinder verhauen, zu wenig mit ihnen sprechen und ihren Müll auf sie projizieren – für diese habe ich dann eher etwas wie eine Mischung aus Wut, Mitgefühl und Trauer in mir.

Ich lehne Schweigespiralen prinzipiell ab. Sie führen zu nichts Gutem. Niemals. Zumindest ist mir nichts dergleichen bekannt – ansonsten belehrt mich bitte. Ich will den Mut haben, anderen Müttern ehrlich zu zeigen:

Ich könnte manchmal auch kotzen, meine Liebe(n), echt!

Das schreibe und sage ich im guten Bewusstsein, dass wir alle wissen, wie viele glückliche und dankbare Moment wir in Wahrheit eben auch haben. In denen wir dann ganz ehrlich selig grinsend unsere Nachkommenschaft in die Kamera halten, die Geduld haben, einem Marienkäfer beim Krabbeln zuzusehen, während wir eigentlich schnell und routiniert vom Kindergarten nach Hause wollen und in denen wir weinen vor Glück, weil unserem Kind beim Sturz vom Kinderzimmerregal nichts wirklich Schlimmes passiert ist – laut wegen hysterischer Gluckenmutter genervter Notfallambulanzassistenzärztin.

Kuss zum Schluss

Ja, Ihr lieben Mit-Mütter (und falls vorhanden auch Schweigespiralen-betroffener Väter):

Lasst uns mutig sein und die Schweigespirale – wenn möglich – ab und zu in die Tonne hauen. Es passiert nichts Schlimmes. Ja, wir befürchten moralische Sanktionen. Und manchmal kommen die auch. Aber wir gewinnen auch etwas: Freiheit und Entspannung. Stellt Euch mal vor, wir würden uns so unterhalten:

Freundin Eins: „Grr, bin so angenervt – gestern mal endlich wieder netter Abend mit Klaus-Dieter und natürlich – zack: „Mami, Mami, die Lotta-Grazia hat ins Bett gemacht“. Ich hätte kotzen können! Kann es denn wahr sein, dass Kinder einem dauernd das Bisschen Zeit rauben, das man noch als Paar hat?“

Freundin Zwei denkt nicht wie programmiert: „Also echt, Kinder sind das Wichtigste im leben. Sie sollte mal lieber an die arme Lotta-Grazia denken, die sich sicherlich verunsichert und gedemütigt fühlte, weil ihr dieses schlimme Missgeschick passierte. Vermutlich hat sie die viel zu früh auf’s Töpfchen gezwungen – das hat sie nun davon. Und das arme Kind! Und dann ist ihr Sex wichtiger. Es gibt ja so Eltern, die nichts Anderes im Kopf haben! Unmöglich!“

Freundin Zwei ist das, als was sie hier dargestellt wird: Eine Freundin. Sie verfällt nicht der Sucht nach innerer Bestätigung und benutzt Freundin Eins als Werkzeug derselben. Sie sagt: „Ja, Kacke, echt. Kenne ich. Weißte was? Ich schnappe mir am nächsten Samstag Lotta-Grazia und Hugo-Klaudius, die spielen ja so gern mit meinem Sohni und ihr geht mal schön aus.“ Augenzwinkern. Lächeln. Fertig.

Man kann das Ganze auch umsetzen, ohne gleich Lotta-Grazia und Hugo-Klaudius bei sich einziehen lassen zu müssen. Einfach so mal mitfühlen und ehrlich sein. Das geht nicht nur mit der besten Freundin – da kann man das leicht, weil man ihr vertraut, dass sie nicht über einen urteilt.

Man ist ehrlich und Andere trauen sich dann auch. Und schließlich feiert man das, was man sich da gerade so couragiert erarbeitet hat: die Freiheit, ein authentischer Mensch sein zu dürfen. Ohne PR.

Denn wie mies und böse PR ist, wissen wir doch alle spätestens seit Mad Men, Thank you for Smoking oder Wag the dog. Oder?

P.S.: Wer noch mehr Filme über diese höllische Sparte sehen möchte, findet hier eine gute Liste.

P.P.S.: Sorry, Mr. Essential (PR-Berater!), Du weißt, ich liebe Dich, Handlanger des Satans :-*

Toddler Traces – Kleinkinder hinterlassen Spuren im Herzen … und im Haus

Ihr Lieben, die wir während des Sommerlochs arg vernachlässigen: Wir haben Euch mitnichten vergessen!

Heute kommt ein neuer Teil der Reihe Toddler Traces.

Das erste Bild trägt wohl den Namen „Das Prinzip wurde verstanden“:

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Nummer 4 ist ein Forscher. Er weiß nun, wo die Dinge hingehören …

Das nächste Werk ist ein Ausdruck des erwähnten Forscherdrangs. Dinge müssen in andere Dinge hineinpassen.

Der Stecker des Verlängerungskabels in die wabenartig offene Oberfläche des Sofatisches (klar, daher könnte ja nun ebenfalls Strom rauskommen) oder auch einfach der bei der Badrenovierung überflüssige Siphonschlauch. Der ist ganz toll: Man kann durchtröten, dann einen Schlüssel reintun und gucken, wie der klackernd wieder rauskommt und am Ende stöpselt man den Schlauch einfach auf die schönen großen Garnspulen von Mamas Overlock-Nähmaschine. Gut, die waren davor ordentlich in einem Behälter, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt …

Im Bild hier: „Der Feuerwehrschlauch von Lego ist perfekt als Entlüfter der Heizung“

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„Ich wusste gleich, das würde passen!“ (Nummer 4s Gedanken, euphorisch)

Apropos Renovierung. Da haben die Handwerker doch noch immer kein flaches Holzstück für die Kante der Haustür mitgebracht! Da ganz unten, wo die neue Fußleiste angebracht wird, da liegt Tapete brach. Klasse, dass da so ein loser Zipfel hing. Dieser funktioniert genau so wie die Aufreißfäden an Keksrollen oder diese Eckchen an den Käsepackungen.

Diese Momentaufnahme zeigt „Wenn etwas lose ist, dann muss es ab!“

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Es war ein bisschen fummelig, aber der Wille zur Tat siegte …

Ja, er hat auch mit einem roten Holzstift die Wand bemalt, aber das hatten wir hier schon früher, daher gibt es davon heute kein Foto. Es herrscht inzwischen übrigens ein Stifte-Verbot im Untergeschoss und wer sich nicht daran hält, der muss die vom Kleinkind bekritzelte Wand reinigen. Dieses Mal traf es Nummer 2.

Das letzte Bild heute präsentiert nicht etwa, wie man farbenmäßig befürchten könnte, den Windelinhalt auf einem geduldigen Mille-Fleur-Muster, sondern die im Händchen geschmolzenen Schokodrops aus einem Muffin. Auf unserer Bettwäsche.

Der Künstler sagt: „Eine Referenz an die Handabdruck-Werke der frühen Menschheit. Hoch lebe der Cro-Magnon!“

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Das machte er nur aus Interesse an Paläontologie – behauptet er.

Endlich Neues aus Heiligenhausen – Kindermund der besonderen Art

Endlich Neues aus Heiligenhausen – Kindermund der besonderen Art

Unser „Heiliger Augustinus“ hat wieder zugeschlagen. Also nur verbal. Bisher. Es ist ja jedes Mal eine besondere Art Kindermund.

Neulich im Auto

Unser Navi wurde von meinem lieben Mann Mr. Essential vor Jahren mit einer speziellen Stimme versehen: Pastor Himmelreich. Mr. Essential fand das lustig, weil ich katholisch bin und in die Kirche gehe und er kommt dafür in die Hölle.

Der Pastor sagt jedenfalls Dinge wie Folgendes:

„Kehren sie um, Sünder!“ (Sackgasse oder verfahren)

„Kommen sie nicht vom rechten Wege ab“ (rechts abbiegen)

„Fahren sie mit Gottes Segen auf die Autobahn“ (Autobahnauffahrt)

„Nehmen sie die Arche“ (bei einer Fähre)

Dazu erklingt, wenn man „sein Ziel mit Gottes Hilfe erreicht“ eine Kirchenorgel. So.

Wir fahren im Urlaub durch Belgien und müssen eine lange Umleitung in Kauf nehmen. Mr. Essential fährt und ist leicht genervt. Bei einer neuen Anweisung „Kehren sie um, Sünder!“ sagt er:

„Jetzt halt aber mal den Schnabel, du nervst, Typ!“

Eisige Stille und ein stummes Mahnen breiten sich von der Rückbank durchs Auto. Ich versuche zu retten, was zu retten ist und sage scherzend zum Fahrer:

„Du, du, das sage ich dem Bischof, dann bekommste ’ne Watsch’n.“

Knappes Lachen, nur nicht von unserem heiligen Augustinus. Seine Stimme ist ein gestrenges Frösteln, als er sagt:

„Ja, oder er bekommt direkt eine von mir.“

Tage später beim Mittagessen

Ein paar Tage darauf sitzen wir am Esstisch und ich sage zu Nummer 3:

„Hör mal, Heiliger Augustinus, ich habe gelesen, dass der Augustinus damals aber ganz schön frauenfeindliches Zeugs verzapft hat. Was sagst du zu deiner Verteidigung?“

Und ich erwarte irgendwie noch etwas Witzig-Unsicheres. Aber es kommt mit knallhartem Tonfall:

„Ja, das war eben damals so in Mode – was hätte ich denn machen sollen, hä?“

Sprach’s und blieb komplett auf seinem Kurs. Inzwischen ist sie schon ganz stolz, dass Nummer 4 vor dem Essen schon automatisch die Patschhändchen aneinander legt und dann zuerst „Be!“ (beten) und dann „Ame(n)!“ ruft …

„Es gibt noch Hoffnung. Ich habe einen Schüler.“ resümiert sie dazu …

Heute, morgen, übermorgen

Heute war ich erstaunt, wie fies sich warme Luft beim Atmen anfühlt, wenn man mal drauf achtet.

Dann habe ich (unsere Gartenbewässerung ist lahmgelegt – Pumpe kaputt) im Haus einen Wasserhahn entdeckt. Ungenutzt. Der war für die Waschmaschine in der Einliegerwohnung, die wir nach dem Kauf in unser Haus eingemeindet haben. Also verbinde ich Gartenschläuche. Weil ich den Kindern den Rasensprenger anschließen will.

Es fehlen Steckverbindungen. Mr. Essential hat die verschlampt.

Was er sicherlich dementieren würde.

Was ich hiermit übernehme: Mr. Essential hat die Steckverbindungen natürlich nicht in den Weiten und Untiefen seines Schuppens verschlampt.

Also hopse ich, die ich bei diesem Wetter zum ersten Mal begreife, warum es wohl KLIMAkterium heißen muss (schwach, Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen zu aggressiv und zurück), obwohl ich jenseits der Menopause bin, ins Auto. Und fahre in den Baumarkt. Durch die Sahara. Und die Serengeti.

Mit den Steckdingern komme ich zurück. Verbinde alles. Schließe es an. Kein Wasser kommt aus dem Rasensprenger.

Alles wieder ab vom Hahn. Schüssel drunter. Hahn wieder aufgedreht: Da kommt ein Rinnsal als hätte das Teil etwas an der Prostata. Nun verstehe ich, wie deprimierend das Ganze für manch älteren Herrn sein muss.

Alles noch mal ab und den zweiten freien Anschlusshahn genutzt. Den wollten wir eigentlich nicht mehr nutzen. Weil er zum Nachtropfen neigt (auch ein Problem, dass viele ältere Herren … ach, lassen wir das besser). Und das ist doof, weil er in einem Schrank ist. Ja, Ihr lest richtig.

Ach, Leute, dieses eigentlich schmucke Haus hier kann man genau dann zärtlich lieben, wenn man … ich erkläre es mal so:

Ich mag Tyrion Lannister. Als einzigen Charakter der misogynsten, schmodderigsten und den-Zuschauer-quälendesten Charakter von Game of Throns. Ich mag ihn, weil wir oft ähnlich empfinden. Und vom ihm kommt mein Lieblings-Zitat. Ich glaub, das drucke ich mir aus und hänge es in unseren frisch renovierten Flur!

„I have a tender spot in my heart for bastards, cripples and broken things.“

Ja, Tyrion. Ich auch. Ist manchmal die beste und phasenweise einzige Art, sich selber zu lieben, ne?

Zurück zum Wasseranschluss im Schrank. Es ist ein Küchenunterschrank, der zu einer Bar gehört, die Mr. Essential sich gegönnt hat.

Nun hopsen die Kinder glücklich da draußen rum. Für Nummer 4 wurde dann der Sprenger abgemacht und es kam ne Blumenspritze drauf. So war er endlich ein richtiger Feuerwehrmann. Und kommentierte das mit lauten, euphorischen „JA! JA!“-Rufen. Gestern war er ja mit einem alten Brauseschlauch unterwegs, um Feuerwehrmann zu spielen. Heute hielt er den an die Blumenspritze und konstruierte damit eine in der Tat funktionierende Gartendusche! Mit dieser duschte sich Nummer 2.

Morgen kommen die Handwerker wieder. Heute konnten sie nicht. Wäre ja auch zu doof gewesen, wenn wir vor dem Urlaub hier fertig geworden wären. Einerlei. Es sieht bisher schon so gut aus, dass ich mich jenem tugendhaften Gefühl nähere, dass unter dem Namen Dankbarkeit bekannt ist.

Abends packe ich den restlichen Krams für den Urlaub. Proviant wird vorbereitet. Vorfreude gesteigert. Dann Mut antrinken, damit ich nicht in „Mal-sehen-was-diesmal-schief-läuft-Laune“ verfalle. Ihr wisst.

Übermorgen

Übermorgen werden wir bei der Abfahrt nichts vergessen. Die Nachbarn sehen nach Haus und Katzen. Wir geben ihnen den Schlüssel und werden es nicht vergessen. Wir werden daran denken, ihnen wieder schöne Leckereien als Dank mitzubringen. Wir werden eine Fahrt haben, während der Nummer 4 Landschaft und Klimaanlage genießt, anstatt zu meckern. Wir werde nur eine Pause brauchen, weil wir nur in einem Nachbarland sein werden. Alles wird nett. Ganz sicher.

Weinende Kleinkinder, singende Mittelkinder oder sich beklagende Großkinder werden als aufkommende Widrigkeiten angesehen und einfach weggeatmet. Also die Auswirkungen, nicht die Kinder. Obwohl …

Na, bin ich schon gut darin, wieder optimistischer zu sein?

Oder übertreibe ich es? 😀