Blogparade: #Familienalbum

Nachdem ich schon begeistert die vielen Fotos alter Spielzeuge, Süßigkeiten, Fahrzeuge und Ähnlichem der „Wir Kinder der 70er und 80er“-Gruppe bei Facebook genieße, kam mir Frau Mutters Blogparade #Familienalbum sehr entgegen. Ich möchte gerne meine Erinnerungen mit Euch teilen.

Und ich habe natürlich auch Fotos herausgesucht.

Das erste Foto zeigt mich im Alter von etwa zweieinhalb Jahren. Großartig finde ich dabei den Kinderwagen. Meine Mutter war damals richtig stolz auf dieses tolle Modell, das aus einem mir völlig unbekannten Material namens „Knautschlack“ bestanden hat. Das weiß ich, weil sie es immer wieder gerne erwähnte:

Spaziergang

Ebenso gern erzählte sie die Geschichte, wie mein Vater stolz von einem Arbeitskollegen einen Kinderwagen für mich nach der Geburt erstanden hatte. Er war dunkelblau. Und alt und fleckig und staubig. Und er eierte nicht nur beim Schieben sondern quietschte auch trotz Ölen. Sie war stinksauer und kaufte einen neuen Wagen. „Nagelneu in Knallrot und mit Panoramafenster.“ Dieses Fenster bestand aus drei festen Kunststoffolien, die in die Kopfseite und die Seiten des Liegewagens eingebracht waren. Durch diese konnte das glückliche Baby nach draußen sehen. Ja, ich erinnere mich genau an die herrlichen, vorbeiziehenden Landschaften, die ich sehr genossen habe. Ehrlich jetzt …

Auf dem zweiten Bild bin ich drei Jahre alt:

Karneval 1979:  Der Schlaghosen-Indianer war in Mode

Ich ging Karneval 1979 also als Schlaghosen-Indianer. Nebenstamm der Sioux oder der Plattfüße. Ich frage mich, warum die Knieflicken auf die Schienbeine versetzt wurden. Wenn man genau hinsieht, erkennt man die dunklen Kreise, an denen sie vorher aufgenäht waren. Ich nehme an, die Hose wurde „ausgelassen“. Damals, in der guten alten Zeit, nähte Mutter die Hosen um, damit sie lange passten. Dann wurden sie eben „ausgelassen“, indem diese Saumnaht aufgetrennt wurde. Dabei hat sie vermutlich auch die Flicken versetzt. Das flotte Jäckchen mit dem allover Indianer-Print hat sie auch selber genäht. Wie jedes meiner Kostüme. Es wurden nur Accessoires gekauft (man beachte meinen Tomahawk).

Das war bei vielen Kindern so. Oder man trug als (inzwischen politisch unkorrekt, aber ich nenne es wegen der zeitlichen Authentizität dennoch so) „Zigeunerin“ Mamas alten, weiten Rock und Tantes Bluse – dazu ein Kopftuch an das ein paar Goldmünzen angenäht waren. Fertig.

Ich erinnere mich sehr gut an die fantastischen Schlaghosen – wer modisch was auf sich hielt trug Hosenbeine mit einer Weite wie ein Damenrock! In unserem Familienalbum befanden sich Fotos auf denen meine Eltern in schicken Anzügen mit Schlaghosen herumliefen. Und ich hatte natürlich auch welche. Wie man auf dem Karnevalsfoto sieht.

Ich weiß auch noch einige der Sätze, die Mütter damals zu ihren Kindern sagten:

„Iss auf, du bist zu dünn, die Leute reden schon. Sieht aus als würde ich nicht kochen. Iss, Kind!“

„Wenn du aufgeräumt hast, macht Papa nachher den Johnny Controletti.“

„Wieso ist hier wieder Starbeleuchtung?“

„Habt ihr zuhause Säcke vor den Türen?“

„Wenn es dunkel wird kommst du nach Hause.“

„Hier sind 30 Pfennig für ein Matschbrötchen.“

„Ist dein Vater Glaser?“

„Heute ist um Acht Zapfenstreich. Morgen ist Schule.“

Und auch etwas wie:

„Lass den Papa, der braucht jetzt Ruhe. Er hat den ganzen Tag gearbeitet.“

„Papas Arbeit ist mehr wert als meine – er verdient ja sein Geld damit.“

„Ich bin nur Hausfrau. Ich mag das nicht, wenn ich das irgendwo als Beruf eintragen muss. Ist ja schließlich kein richtiger Beruf.“

Und dann hatte mein Vater (meine Mutter hatte damals noch keinen Führerschein – wir hatten auch kein Telefon. So was gab es.) einen Audi 100. Dieser Wagen fiel mir wieder ein, als ich in der Serie „Ashes to ashes“ sah, wie der DC Gene Hunt mit einem knallroten Quattro ‚rumdüste. Ich habe auch ein Foto von diesem Auto gefunden. Im Hintergrund achte man sowohl auf die „Kaufhallen“-Flagge (inzwischen ist Kaufhalle eine Immobiliengesellschaft) und links den flotten Renault 4.

Auf diesem Bild bin ich übrigens Vier. Neben mir, in einem Ensemble aus selbstgenähter Caprihose, weißen Pumps und engem T-Shirt, steht meine Mutter. Leider sieht man auf dem Bild nicht, dass ihre Augenbrauen damals so dünn wie ein Bleistiftstrich waren. Dafür lenkt sich der Blick auf meine formidabel sportliche Tasche. Auf meine Metallic-Ballerinas war ich mächtig stolz. Ob meine Mutter sich farblich zum Audi passend gekleidet hat? Zuzutrauen wäre es ihr gewesen 😀

Am Auto

Im Jahr 1983 kam ich in die Schule. Meine Schultüte war Rot-Metallic (irgendwie war alles metallic. Kam wohl gerade in Mode) und hatte ein großes, aufgeklebtes Papierbild von Schneewittchen. Ich habe die Tüte geliebt und meine Eltern transportierten sie im übervollen Urlaubsauto von einem idyllischen Ort namens Plön mit nach Hause. Dort hatte ich michin die Schultüte verliebt. Oben hatte sie klassisches Krepppapier als Verschluss. Innen waren unter anderem rosa und weiße Pfefferminzkissen in einer Spitztüte.

Ich habe mir große Mühe gegeben, schnell besonders schön schreiben zu können. Also übte ich jeden Tag. Hier bin ich vier Wochen nach meiner Einschulung mit der Tafel mit dem anhängenden Lappen, dem Griffel, meinem Pumuckl-Anspitzer und dem Schwämmchen in der praktischen Dose:Hausaufgaben

Besonders mag ich hier nicht nur meine vorbildlichen „La, Le, Lu und LI“ sondern auch das beige-braune Deckchen. Neben Metallic war alles andere um uns herum damals Beige und Braun. Vor allem die Bäder. Gehalten in zauberhaftem Bahama-Beige, bei dem man sich zwanzig Jahre später fragte, ob man bei der Auswahl spontan um 40 Jahre gealtert war – oder woher der gediegene Geschmack sonst hätte kommen können.

Weitere Sätze meiner Kindheit, die mir einfallen:

„Frauen achten gern auf ihre schlanke Linie.“

„Mama macht gerade den Aerobic-Kurs im WDR-Fernsehen.“

„Ich brauche unbedingt eine neue Flasche Haarspray. So hält ja nichts!“

„Du kannst Fernsehen bis zum Abendessen. was läuft? Trio mit vier Fäusten/Agentin mit Herz/Hart aber herzlich? In Ordnung.“

Und ein paar Klassiker meiner Mutter. Sie erzählt oft aus ihrer Kindheit. Und auch das gehört ja zu den 80ern – man hörte diese Geschichten:

„Du kannst für alles so dankbar sein. Im Krieg damals gab es gar nichts. Die Oma ist geflohen damals aus Pommern. Ich hatte kein eigenes Zimmer (Nicht, dass ich eines gehabt hätte – teilte mir die 12 Quadratmeter mit meinem sieben Jahre älteren Bruder), sondern schlief mit Mutti in ihrem alten Ehebett. Wenn sie ins Bett kam, dann hat sie immer die Bettdecke aufgeschüttelt. Gott allein weiß warum. Ich wurde jedes Mal wach, weil es so kalt wurde. Aber ich mochte es trotzdem irgendwie. Weil sie es nett gemeint hat. So in den Arm nehmen oder so – das lag ihr nicht. Ich glaube, das war wegen den Kriegserlebnissen.“

„Meine Mutter hat nie viel über den Krieg gesagt. Ist bestimmt ein schlechtes Zeichen. Ihre Tante ist damals gestorben und hat acht Kinder hinterlassen. Die hatte Syphilis bekommen. Also, weil die Russen da waren.“

„Iss auf, die Kinder in Afrika haben nichts zu essen. Die wären froh.“ (Später schlug ich vor, es ihnen einfach zu schicken, vielleicht würden sie ja gern Leber mit Rosenkohl haben)

„Nimm 20 Pfennig und geh zur Telefonzelle, ja? Dann sagst du dem Onkel Bescheid, dass wir am Sonntag um drei kommen.“

Und Eindrücke aus der 50er-Jahre-Kindheit meiner Mutter, die auf mich als Kind einwirkten:

„Meine Mutter verbot mir damals mit meiner Freundin Anneliese zu spielen. Weil die Familie arm war und alle in einem Bett schliefen. Die hatten nur zwei Zimmer aber acht Kinder. Irgendwann sagte Anneliese mal zu mir: Manchmal geht nachts so komisch die Bettdecke rauf und runter. Ich glaub, dann machen die noch ein Kind. Ich glaube, wegen dieser Verhältnisse durfte ich da nicht hin. Ich bin trotzdem hingegangen. Hätte Mutti das gewusst, hätte es was mit dem Teppichklopfer gegeben.“

„Aus den Kartoffelferien hab ich meiner Mutter mal eine Karte ohne Port geschickt. Ich wusste gar nicht, dass man Briefmarken kaufen muss. Hatte nur die Postkarte gekauft. Ich habe ja damals bei dem besseren Bauern gearbeitet. Da gab es zwei Mark am Tag. Bei den anderen gab es nur eine Mark. Meine Mutter war richtig sauer, weil sie Nachporto bezahlen musste.“

Das war alles noch gar nichts: Der Vater meines Mannes hat ihm wiederum erzählt, wie er damals (1944) als Sechsjähriger Granatenfischen gemacht hat (gefundene Granate in den See und *rumms* kommen die leckeren Fische hoch) und wie ihm eine Suppe aus Wodka und vom Bruder erlegten Spatzen das Leben rettete als er Typhus hatte. Den Wodka hatte die Mutter auf dem Schwarzmarkt gegen die Taschenuhr ihres Vaters getauscht.

Wir waren beide jedenfalls mächtig dankbar damals in den 80ern. Waren wir ehrlich. Ich hatte keine Lust auf ein Zwang-Familienbett mit zehn Anderen oder einer deckenaufschüttelnden Mutter, die vom Krieg so traumatisiert war, dass dieses Aufschütteln fast die einzige zärtliche Geste war, die sie zeigen konnte.

Ich mochte das ganze gute Zeug: Die Kaugummiautomaten aus denen man neben Kaugummis, billigen Blechringen und den Fallschirmspringern auch gebrannte Mandeln bekam. Die Unmengen an Spielzeug zu Weihnachten (bestimmt fünf Geschenke gab es!) liebte ich natürlich auch. Und die vollen Osternester mit Schoko-Osterhasen und diesen Fondanteiern (die wiederum mochte ich nie). Und meine schönen Kleider, von denen meine Mutter viele selber strickte. Und überhaupt die große Rolle, die Kinder spielten. Und ich hatte einen Autositz, auf den ich stolz war. das hatte nicht jeder. Manche saßen einfach auf dem Rücksitz oder Mamas Schoß.

Noch etwas zum Schluss:

Lag es eigentlich an den Brillen und Frisuren der späteren 80er, dass uns Erwachsene so uralt vorkamen? Und dass Großeltern vermutlich seit Jahrhunderten leben mussten? Mein Mann fragte damals zumindest seine Mutter:

„Sag mal, lebtest du schon als die Dinosaurier noch lebten?“

Das fand sie absolut nicht amüsant … Ich jetzt gerade schon 😀