Attachment Parenting: Langzeiterfahrungen, Teil 2

Teil 1 des Erfahrungsberichtes findet sich hier.

Kinder-Bedürfnisse, Mutter-Bedürfnisse

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Angsterkrankung mit Panikattacken. Meine Seele (oder auch: meine Psyche, für alle, denen dieser Terminus eher zusagt) steckte in einem Käfig und zerrte an den Stäben. Aber ich konnte sie nicht mehr herauslassen, da war ja kein Raum mehr für mich. Ich hatte jeden Raum mit den Kindern gefüllt oder ihn von ihnen füllen lassen. Im Glauben, dies sei richtig so. Ich hatte ja gar nicht gemerkt, wie ich langsam in’s Hintertreffen geraten war. Ein Familiensystem baut man schließlich nicht planmäßig auf. Es entfaltet und entwickelt sich dynamisch durch seine TeilnehmerInnen. 

Raumverteilung im System

Zugleich gab es immer etwas „im Außen“, um das ich mich kümmern musste:

Die Kinder waren im Kindergarten sehr unglücklich. Bei einer Quote von über 90 Prozent nicht-deutschsprachigen Kindern kamen sie dort doch etwas zu kurz, da die Erzieherinnen sich immer um die Kinder kümmerten, die eben Förderungsbedarf hatten. Nummer 1 (zum Zeitpunkt des Kindergarteneintritts 5 Jahre alt) wurde immer aggressiver und launischer. Nummer 2 (3 Jahre alt) immer weinerlicher. Die KiTa-Leiterin nahm mich zur Seite und sagte, es sei nicht der richtige Kindergarten für uns. Ich hatte zuvor gedacht, dass es gut sei, mit vielen Kulturen zusammen zu sein und verschiedene Menschen kennenzulernen. Leider war das nicht ganz so einfach gewesen.

Der nächste geeignete Kindergarten war ziemlich weit weg. Ich hätte mit den beiden plus Baby mit Straßenbahnen und Bus fahren müssen. Das wollte ich uns nicht so gerne antun. Dann wurde am nächsten Wochenende in unser Auto eingebrochen und wir sahen darin – und an den Einschusslöchern im Straßenschild an der Häuserecke –  ein Zeichen, die Großstadt zu verlassen.

Wir zogen um in eine Vorstadt des Ruhrgebiets und genossen den Charme der „Ländlichkeit“. Ich kam innerlich etwas herunter, war aber immer noch krank. Langsam begann ich, mich auf mich selbst zu besinnen. Und beschloss, eine Therapie zu starten. Da wurde mein Mann schwer krank und ich vertagte diese Idee um eineinhalb Jahre.

Raumverteilung im System 2.png

Die Kinder begleitete ich nach wie vor zuverlässig auf die gleiche Weise. Sie bekamen von meinen Ängsten nichts mit. Das wollte ich absolut vermeiden. Ich fing sie während der Erkrankung ihres Vater auf und schiffte sie ohne schwere Beeinträchtigungen dadurch. Währenddessen lernte ich aber auch, etwas mehr auf mich zu achten. Ursprünglich, damit ich genug Energie für die Pflege und Betreuung meines Mannes hatte. Der Nebeneffekt war aber, dass ich dies beibehielt. Es war allerdings nicht genug. Das wiederum sollte ich erst später spüren.

Als es meinem Mann wieder besser ging und er sich in das Arbeitsleben wiedereingegliedert hatte, begann ich ein Jahr darauf, in der gleichen Agentur zu arbeiten. Nun hatte ich das klassische Vereinbarkeitsthema mit Stau/Kindergartenabholzeit/Ferienbetreuungsfragen.

Ich war damit befasst wahrzunehmen, wie es vor allem Nummer 2 ging, die sehr viel Aufmerksamkeit brauchte und einforderte. Nummer 1 kam bald in die Schule, die beiden Kleinen besuchten zusammen den ausgesprochen guten neuen Kindergarten. Ich begann meine Therapie. Zeit verging, wir lebten uns gut ein und machten zugleich Pläne für die Zukunft. Die meisten Familienmitglieder atmeten aus (ich nicht) und das System richtete sich neu aus nach der Krankheit. Meine Panikattacken und Ängste waren inzwischen Alltagsbegleiter für mich. Ich steckte sie weg und machte weiter wie zuvor. Die Kinder und ihre Bedürfnisse waren nach wie elementar wichtig und bekamen einen großen Raum. Dies bezog sich nicht mehr so sehr auf „Ich hab Durst!“ sondern eben auf alle Bedürfnisse, die kleineren und die großen. Ich empfand es als unverantwortlich, ihnen plötzlich die Zusage meiner Aufmerksamkeit und die Achtsamkeit für ihre Bedürfnisse zu versagen. 

Neuanfang

Wir beschlossen, ein Haus zu kaufen und fanden eines in einer 30 Minuten entfernten Kleinstadt. In einem idyllisch gelegenen Teil derselben. Ganz ländlich, nahe am Rhein, wunderschön.

Neuanfang

Nummer 1 und 2 waren inzwischen beide in der Schule. Nummer 3 kam in einen extrem „dörflichen“ (anspruchslosem 0815-) Kindergarten mit Kaffee trinkenden Erzieherinnen, die turnusmäßig die gleichen schablonierten Bastelwerke anfertigten, damit die Kinder sie zusammenklebten. Die Kinder leierten in einem speziellen Dialekt, den Nummer 3 kaum verstand. Sie fand zwar Freunde – das tut sie immer binnen kürzester Zeit – war aber unterfordert. Hier hieß es also wieder: Auffangen und ausgleichen.

Nummer 2 erlebte Ähnliches in der Schule und zeigte bald Anzeichen einer deutlichen Niedergeschlagenheit. Sie störte den Unterricht, weinte für „jedes Bisschen“ und fühlte sich in der Schule absolut nicht gut. Wieder zwei Baustellen für mich. Ich hatte viel auszugleichen für die beiden und viel nachzudenken. Schließlich tröstete ich Nummer 3 immer wieder damit, dass sie ja auch in absehbarer Zeit in die Schule käme und bot ihr an, den Kindergarten zu wechseln. Doch sie wollte nicht schon wieder in eine neue Umgebung und blieb.

Mit Nummer 2 machte ich einen Termin zu einem Intelligenztest in einem Hochbegabtenzentrum aus. Im vorherigen Wohnort hatte eine neue (engagierte) Lehrerin mich auf Nummer 2 angesprochen (die bereits dort im Unterricht auffällig gewesen war) und vorgeschlagen, einen solchen Test machen zu lassen, falls Nummer 2 in der Schule unglücklich werden würde. Nun war es also soweit: Vor allem, um der Lehrerin, die heftig allergisch auf „aus der Reihe tanzenden Kinder“ reagiert hatte, vielleicht zeigen zu können, dass die Wut, die sie auf meine Tochter empfand, einfach nicht angebracht war. Ich wollte Nummer 2 beschützen und ihr zugleich deutlich zeigen: „Nein, du bist nicht dumm, auch wenn du dich nach der Behandlung an beiden Schulen genau so fühlst.“

Wir bekamen am Ende eines sehr langen Test-Tages einen ebenso langen Ausdruck mit. Mit diesem ging es zur Schule und nach einigem Hin- und Her im Rahmen einer Schulkonferenz durfte Nummer 2 sich die 3. Klasse schenken.

Meine Therapie tat mir gut, meine Ängste wurde ich dennoch nicht los. Irgendwie hatte meine Seele einfach zu viel durchgemacht. Und ich hatte (so viel spoilere ich hier schon mal) nie gelernt, wirklich auf mich zu achten. Selbstliebe war ein Fremdwort. Ich hatte mal irgendwann in meinem Leben besser auf mich geachtet – aber das war gewesen, bevor ich Mutter geworden war.

Ich kündigte, als unsere Notfall-Kinderbetreuung (meine Schwieger-Oma) durch schwere Krankheit ausfiel und letztlich verstarb, meinen Job in der Agentur (knapp vor meiner ersten Aufstiegschance …) und arbeitete wieder freiberuflich. 

Zeit verging. Mein Mann litt immer noch unter den Nachwirkungen seiner Krankheit, ich übernahm viele seiner einstigen Aufgaben oder fühlte mich mies, wenn er diese unter erschwerten körperlichen Bedingen selber übernahm. Er fühlte sich mies, wenn er Hilfe von mir annehmen musste und insgesamt ist ein körperlich eingeschränkter Mann meistens erst einmal kein besonders glücklicher. 

Und doch packte er sehr viel – es kostete ihn nur immer viel mehr Nerven. Es spielte sich insgesamt eine neue Routine ein.

Wir hatten wieder mehr Energie, fühlten uns erholter, bis die nächste Baustelle anbrach: Nummer 2 fühlte sich in der nächsten, der weiterführenden Schule nicht sehr wohl, da sie gemobbt wurde. Auch Nummer 1, die man in die gleiche Klasse eingeteilt hatte, wurde belastet, da sie mit ausgegrenzt wurde und keine Freunde fand. Es gab wieder – oder immer noch – viele Bedürfnisse, um die ich mich kümmerte. Und zwar immer sehr gründlich und mit viel Zeit, in der ich mich zu den verschiedenen Themen informierte und Lösungen suchte. Letztlich befreite sich Nummer 2 zunächst aus der Problematik, in dem sie Gewalt anwendete. Wir hatten hier damals darüber berichtet.

Insgesamt ging es mir psychisch immer besser und es gab immer wieder monatelange Phasen ganz ohne Angst. Ich wusste noch nicht, dass die Angst nicht nur ein Symptom für frühkindliche Traumata war, sondern mehr: Sie verdrängte andere Gefühle. Solche, die ich mir verbot. Also bekämpfe ich sie, atmete sie weg, entspannte mich. Und vergaß, sie als Hinweis zu sehen, im Moment ihres Auftretens zu schauen, was ich eigentlich in Wirklichkeit empfand.

Doch das Leben spielte sich ein, ich traf morgens Freundinnen zum Frühstück, gönnte mir Zeit für mich und teilte mir meine freiberufliche Tätigkeit so ein, dass ich auch mal Raum für mich hatte.

Wir beschlossen irgendwann, noch ein viertes und letztes Kind zu bekommen.

Das Ende der „Bedürfnis-Romantik“

Die Schwangerschaft war wunderbar. Ich war glücklich und stolz. Wir alle waren das.

Das Baby war dann das mit großem Abstand anstrengendste Neugeborene, das ich je erlebt habe. Wir hatten gedacht: „Wir alten Hasen packen das noch mal locker. Unsere Babies wurden ja von Mal zu Mal immer weniger kompliziert und anstrengend. Vermutlich pennt der Kleine den ganzen Tag“. Mitnichten.

Unser High-Need-Baby hatte quasi einen Strohhalm in mich und meine Kraftreserven gesteckt und saugte daran. Und zwar so richtig.

Raupe Nimmersatt

Ich bekam eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, schleppte mich in wirklich ätzenden Zuständen (wegen der Schilddrüsenüberfunktion) durch den Alltag. Dazu kamen dann weitere Themen und Bedürfnisse:

Nummer 3 litt, weil Nummer 1 und 2 in die Pubertät kamen und nicht mehr mit ihr spielen wollten. Zudem war da das Baby, das ihr den Rang als Nesthäkchen gestohlen hatte. Nummer 1 und 2 litten unter typischen Pubertätssymptomen und fühlten sich in ihren Gefühlen und Körpern unwohl. Nummer 2 litt unter dem wieder auflebenden Mobbing in der Schule, Nummer 1 litt mit, weil sie als Schwester zwischen den Fronten stand in der Klasse und alle brauchten sie mich, um dies alles wahrzunehmen und aufzufangen. 

Das gelang mir allerdings immer weniger. Ich hatte gefühlt den ganzen Tag einen Säugling an meiner Brust hängen oder im Tragetuch an mich gebunden, schälte wippend Gemüse – denn auf der Stelle stehen duldete der Nachwuchs nicht und so weiter. Ich hatte es mal bildhaft beschrieben: „Ich hörte Latein-Vokabeln ab, während ein Mensch an mir saugte und gleichzeitig der Paketmann an der Tür klingelte“.

Ich wurde immer müder, mein Kreislauf machte immer mal wieder schlapp. Meine Hebamme riet zu dringendem Abstillen oder mindestens nächtlichem Zufüttern. Dies tat ich unter Gewissensbissen. Ich fütterte zu und konnte ab dann dabei zusehen, wie Nummer 4 sich ganz abstillte: Er drehte den Kopf irgendwann einfach weg von der Brust. Auch die Flasche wollte er jedoch bald darauf danach nicht mehr haben: Er wollte löffeln.

Dann gab es einen Punkt, den ich so schnell nicht vergessen werde: Während eines Filmabends dachte ich plötzlich erschrocken (ich zuckte dauernd zusammen, weil ich so unter Anspannung stand):

„Was ist denn das für ein komisches Geräusch?“ Ich hatte gelacht. Und vergessen, wie sich das anhörte.

Ich quälte mich morgens aus dem Bett in die zähe Routine meines anstrengenden, arbeitsreichen und eintönigen Alltags.

Ich wusste es nicht, aber ich litt am Burnout.

Mütter im Burnout (1)

Der Punkt der Veränderung

Ich zu meiner Hausärztin, organisierte alles Nötige und ging zur Kur.

Und ich lernte endlich, für mich da zu sein. Auch und vor allem gegen Widerstände (Kinder, die ich an das übliche Mutterbild „Mama kommt ganz zuletzt an die Reihe“ gewöhnt hatte ganz in vorderster Reihe …).

Ich fühlte mich mies, weil ich den Kindern den gewohnten Umgang mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen kürzte. Ich lernte dann, mich deshalb nicht mehr mies zu fühlen.

Ich begriff, dass man die Bedürfnisse und Selbstentfaltung von mehr als einem oder zwei Kindern nur dann wirklich gewährleisten kann, wenn alles passt. Keine Krankheiten, keine familiären Notfälle oder andere Krisen dürfen eintreten. Und wenn dies doch der Fall ist, muss man abgegrenzt genug sein und den Kindern ausreichend vermittelt haben:

Du bekommst was du brauchst, wenn es möglich ist. Ansonsten musst du dich in Bedürfnisaufschub üben und selber Lösungen finden können. Jetzt gerade habe ich andere Dinge auf dem Sender, um die ich mich kümmern muss. Du weißt, dass ich im Notfall für dich da bin. Und ich weiß, dass du autark genug bist, um eine Weile für dich da sein zu können.“

Dann sagten Nummer 1 und Nummer 2 während der Kur etwas, das für mich alles veränderte:

„Wir sind ziemlich verwöhnt und unselbstständig. Das geht uns ziemlich auf’s Ego. Du wolltest, dass es uns immer gut geht. Und das war wirklich megalieb und so. Aber viel zu anstrengend. Du musst uns jetzt helfen, das alles nachzuholen. Wir fühlen uns ultrageliebt, aber auch wie kleine Trottel. Wir werden es zwar hassen, aber: Bitte mach selbstständige Menschen aus uns, auch wenn das Arbeit für uns bedeutet!“

Unselbstständig? Ich hatte doch gar nicht helikoptert. Ich hatte sie mit Freunden stundenlang frei herumziehen lassen. Sie konnten bereits Wäsche waschen, einfaches Essen kochen und Fenster putzen. Sie analysierten erstaunlich gut das Verhalten ihrer Mitmenschen, hatten Selbstironie und ihr Sozialverhalten und auch ihr Benehmen wurden immer wieder von verschiedenen Seiten gelobt. Sie empfanden sich als Trottel? Wie meinten sie das?

Sie meinten, dass sie besser hätten lernen sollen, ihre Bedürfnisse weitreichender selber zu befriedigen. Viel mehr, als ich das auf Grund meiner Einschätzung und des Kampfes gegen den Mainstream der Kinderziehung („Es soll ihnen an nichts mangeln“) getan hatte. Sie wollten nur von fern begleitet werden. Und keine Mutter, die dauernd wahrnahm, welche Regung ihre Psyche nun schon wieder tat. Sie wollten den Mut haben, einfach beim Zahnarzt anzurufen und einen Termin auszumachen. Sie wollten mal etwas hinbekommen, ohne nach zwei Sekunden „Mamaaa!“ zu rufen. Sie waren im Alltag recht verpeilt und zugleich doch intelligente und aufmerksame Menschen. Etwas an ihnen war auf der Strecke geblieben. Es passte nicht zum Rest. Wenn man auf der einen Seite mit Erwachsenen locker in Gesprächen mithalten kann und auf der anderen Seite dauernd sein Turnzeug vergisst, dann fühlt man sich einfach nicht gut. 

Alles falsch gemacht?

Nun hatte ich da aber immerhin eben genau solche Kinder vor mir: Kinder, die sich gut ausdrücken können und deren Beobachtungen sehr reflektiert sind. Kinder mit weit ausgebildeten, freien Persönlichkeiten, die vertrauensvoll ihre Meinung sagen.Daher hörte ich genau hin, was sie mir zu sagen hatten. Und das empfand ich als sehr krass:

Ich hätte mich nicht genug abgegrenzt, sagen sie. Sie hätten nicht gelernt, mich mit respektvollem Abstand zu behandeln. Sie hätten mehr Führung und etwas weniger Zuwendung gebraucht, finden sie. Mehr Erwartungen hätte ich an sie stellen sollen, an denen sie hätten wachsen müssen, das hätte sie angespornt. Ich hätte immer alles gleich vergeben, weil ich Verständnis gehabt hätte – dies hätte sie träge gemacht.

Sie sagen: „Wir haben niemals Angst gehabt, dass du uns nicht mehr lieb hast!“

Und ich:“ Ja, aber das ist doch wunderbar. genau das wollte ich!“

Sie erwiderten: „Tja, vielleicht. Aber so konnten wir mit dir machen, was wir wollten. Du hast ja eh alles sofort verziehen. Eine Liebe, die alles aushält muss eben wohl auch alles aushalten. Das ist eigentlich nicht gut. Weder für dich noch für uns.“

Ich bin dankbar, dass sie dies sagen können. Die Manöverkritik, die viele Eltern fürchten, kenne ich nun schon. Und ich wachse an ihr. Sie befreit mich. Sie erlaubt mir, auch in der Mutterrolle endlich ich selbst zu werden.

Sie zeigt mir auch, dass unsere Bindung und unser Vertrauen wunderbar tief sind. Dies zeigt, dass meine Kinder viele neuronale Verbindungen aufgebaut haben, weil ich ihnen immer alles respektvoll beantwortete. Sie vertrauen mir, weil ich sie respektvoll behandelte und nicht belogen habe. Ich habe sie nie aus eigener Motivation oder eigenen Bedürfnissen heraus wie kleine Kindchen behandelt, sondern ihre Persönlichkeiten frei wachsen lassen. Und das hat sie zu etwas ganz Wunderbarem werden lassen: Sie sind ganz sie selbst. Der Rest ist der Feinschliff, den sie einfordern.

Neulich las ich mit ihnen übrigens gemeinsam Artikel über Attachment Parenting.

Sie kommentierten:

Nummer 2: „Klingt wie das, was du mit uns gemacht hast. Wir wissen ja, was dabei herauskam. Aber echt: danke, dass wir nicht auch noch mit sechs immer noch gestillt wurden. Das ist ja grauenhaft! Und danke, dass du keine Fotos davon gemacht und aller Welt gezeigt hast. Danke, dass wir nie alle zusammen in ein Bett gepfercht wurden. Bäh, Nummer 3s Knochenfüße an meinen nackten Beinen – eine grauenhafte Vorstellung!“

Nummer 3: „Das ist gemein! Ich würde es liiiieben, wenn wir alle zusammen schlafen würden. Ich liebe das auch, wenn wir das mal machen, wenn der Dada auf Geschäftsreise ist!“

Nummer 1: „Ich brauche das gar nicht. Ich brauche viel Privatsphäre und Nähe war noch nie so mein Ding. Also ich sehe das wie Nummer 2: ich hätte das nicht leiden können, so eng zusammen zu liegen. Außerdem glaube ich, dass man viel zu lange klein und unselbstständig bleibt, wenn man so lange wie ein Baby behandelt wird. Muss echt jeder selber wissen, aber meins ist das nicht.“

Nummer 2: „Und mal echt, Mama: Wollen Ehepaare nicht auch mal allein im Bett sein? Die brauchen doch auch mal Zeit für sich im eigenen Zimmer. Das fehlt doch dann auch.“

Nummer 3: „Na, vielleicht bekommen sie dann nicht so viele Kinder. Ist ja auch besser, weil so groß, dass vier Kinder reinpassen ist ja eh kein Bett.“

Nummer 1: „Kinder kann man auch woanders zeugen als im Bett.“

Nummer 3: „Wo denn?“

Nummer 1 (großschwesterlich wissend): „Was weiß ich? Im Garten, im Wohnzimmer, in der Küche, in einem Hotel … ?“

Nummer 2: „Haha, klingt sehr romantisch. Ich hätte ein sauschlechtes Gewissen, wenn ich jahrelang zwischen Mama und Dada gelegen hätte. Was, wenn die weniger verliebt wären oder so? Dann würde ich denken, das lag an mir, auch wenn das nicht deshalb war. Nee, danke. Ich finde es gut so, wie es ist. Haben nun mal nicht alle die gleichen Bedürfnisse.“

Nummer 1: „Ich versteh schon, wie das im Grunde gemeint ist: Kinder, deren Bedürfnisse wahrgenommen werden, fühlen sich geliebt. Wenn man missachtet wird oder Vorwürfe bekommt für seine Bedürfnisse, dann fühlt man sich nicht gut, klar. Aber das kann man auch übertreiben. Wir fühlen uns geliebt und auch selbstbewusst, auch wenn ich schüchtern bin. Aber dass ich das bin liegt daran, dass ich nur ein halbes Jahr gestillt wurde – das schwöre ich. Ich bin einfach so. Es ist meine Aufgabe, das zu ändern, wenn ich das will. Man hat ein Recht auf eigene Herausforderungen, sonst wächst man nicht. Ich glaube, meine Kinder erziehe ich ganz anders: Sie bekommen auch viel Liebe, aber sie müssen einfach mehr selber klarkommen. Nur das zusammen macht wirklich stark. Sonst fühlt man sich ewig wie ein kleines Kind.“

Nummer 2: „Das gefällt vielen Müttern vielleicht auch. Die werden gerne gebraucht. Oder sie verpassen einfach den Moment, an dem ihnen das nicht mehr guttut und machen immer weiter damit. So wie Mama. Wir sind ultra-attached. Und das ist echt nicht nur gut. Ich freue mich, dass ich mich gut und wertvoll fühle. Aber irgendwie kann man in diesem Umgang sehr schwer so Grenzen ziehen.“

Abschließende Gedanken

Für kleine Kinder ist dieser Weg ideal. Man muss ihn allerdings kontinuierlich zurückschrauben, je älter die Kinder werden. In kindlichen Bedürfnissen liegt nur bedingt Romantik. Sie brauchen Liebe, natürlich. Aber auch noch viel mehr. Vieles davon ist sehr anstrengend zu geben. Auch wenn es nichts mit Selbstaufopferung zu tun hat: Loslassen ist eines davon. Sie auch mal auf die Nase fallen lassen (bildlich und körperlich). Sie ernst nehmen und ihnen dennoch Grenzen setzen – mindestens dort, wo eigene Wünsche anfangen. Die Bindungstheorie oder auch das bedürfnisorientierte Erziehen ist für kleine Kinder gedacht. Zumindest in der engen, kuscheligen Art. Was nach der Kleinkindphase kommt, ist etwas ganz anderes. Und man sollte zugleich nicht aufhören, die Bedürfnisse wahrzunehmen und die Notwenigen umzusetzen. Bedürfnisaufschub ist nämlich auch ein Bedürfnis – das wissen Kinder nur nicht. Sie müssen ihre Bedürfnisse für andere zurückstecken lernen – auch für elterliche.

Es besteht einfach die Gefahr, dass Mama auslaugt, während die Kinder es für selbstverständlich halten, dass sie viel zu viel um sie dreht. Dadurch fehlt ihnen auch Orientierung und Anleitung. Kinder brauchen in der Tat Vorbilder. Ein Vorbild, das sich abhetzt, damit andere, schnell-schnell, ihren Saft aus dem roten und nicht dem blauen Becher bekommen, das werden sie nachahmen. Und dann gibt es die nächste Generation ausgebrannter und sicherlich nicht glücklicher Mütter. 

Natural Parenting ist eine Idee – wie ich kürzlich durch eine Kommentatorin zu Teil 1 dieses Langzeiterfahrungsberichtes erfuhr – die von einem Mann (William Sears) maßgeblich (mit-)geprägt wurde, der ein als fundamentalistisch zu bezeichnender Christ ist: Die Idee des männlichen Familienoberhaupts und an dessen Seite der aufopferungsvollen Mutter als Meer voller gebender Liebe und voller Selbstaufopferung liegt hier zu Grunde. Gestreng wird keine Abweichung geduldet: Die erschöpfende Mutter sollte sich notfalls in eine Therapie begeben, um nicht vom Kurs abweichen zu müssen, weil es einfach zu viel ist. Sie soll in der Not nach Kraftquellen suchen – es scheint nicht vorgesehen zu sein, dass sie Grenzen setzt. Gesunde Grenzen für sich und ihre Kinder.

„Frauen in der Selbstaufopferung“ ist in der Tat tief verankert in der christlichen Tradition. Wer sich aber aufopfert zieht sich zurück, untergräbt seinen Wert und dient den anderen Teilnehmenden eines Systems im Prinzip als (energetische) Nahrung. Das System zieht aus ihnen heraus, was es braucht. Ein respektvoller Umgang miteinander im Sinne familiärer und auch partnerschaftlicher Liebe sieht doch eigentlich anders aus.

Wer die Balance schafft, sich selbst Gutes zu tun und eben auch seiner Familie – der hat viel erreicht. In meiner Kur sagte eine der Therapeutinnen mal:

„Sie kennen das, meine Damen: Im Flugzeug sagt die nette Flugbegleiterin immer: Setzen sie zuerst sich die Sauerstoffmaske auf und dann den Sitznachbarn. Während sie keine Luft bekommen, sind sie nämlich keine große Hilfe.“ 

Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Eine sehr gute Idee!

Andreas Thema zum „kindlichen Nein aus elterlicher Sicht“ auf ihrem Blog Runzelfüsschen fand ich sofort spannend.

Als Eltern, die vielmehr begleiten statt klassisch zu erziehen, begegnet uns gerade dieses Thema schon lange und immer wieder. Klar, wir sind seit bald 14 Jahren Eltern und haben diverse Kinder – da bleibt es nicht aus, sich immer wieder mit den frei entfalteten Individuen um uns herum auseinanderzusetzen. Und zwar konstruktiv, bitteschön.

Ich las mich ein wenig durch die bereits zur Parade verfassten Artikel und überlegte:

„Tja, wie sieht das denn bei mir aus? Wie gehe ich mit einem kindlichen Nein um? Und wie handhabe ich es überhaupt mit diesem Wort?“

Das N-Wort

Dieses Wort – wie wir alle schon gefühlt Tausend Mal gehört haben – ist basal wichtig für das gesamte Leben. Von der aktuell (endlich!) groß diskutierten sexuellen Selbstbestimmung, bis hin zur Abgrenzung, zum Schutz vor Überforderung und Erschöpfung: Das Nein ist einfach genial. Allerdings nicht genial einfach in der Ausführung.

Das Nein ist die Kür des Selbstbewusstseins. Das Nein fragt nicht danach, ob Nein-SagerInnen trotzdem lieb gehabt werden. Das Nein will schützen, ausdrücken, ablehnen, klarstellen. Es will nicht für Harmonie sorgen, sich anpassen, gemocht werden, lieb sein und helfen wie das Ja.

Wobei diese Klassifizierungen eventuell Klischees sind, die sowohl das Ja selbst als auch das Nein im Sinne des gleichberechtigten und vorurteilsfreien Umgangs ablehnen würden.

Schauen wir uns doch beide mal im von uns Eltern gel(i)ebten Alltag situativ an:

„Nein, es gibt jetzt keine Bonbons.“

Dieser Satz wird von Kinder zwischen rund 2 und 20 Jahren sehr ungehalten aufgefasst. Mögliche Reaktionen: Wutanfall mit und ohne Tränen sowie mit und ohne gesamten Einsatzes des Körpers, Betteln, Schimpfen oder vernunftbegabte Akzeptanz im Verbindung mit mühsam erlerntem Bedürfnisaufschub. Letzteres eher selten und überwiegend erst bei Kindern ab circa 21 Jahren gut zu beobachten.

„Nein, wir bleiben nicht länger hier. Wir fahren jetzt nach Hause.“

Nun, dies ist eine situationsabhängige Aussage: Beim Zahnarzt löst sie etwas mehr Begeisterung aus als auf dem Spielplatz oder beim Besuch einer befreundeten Familie mit netten Kindern, Kuchen und einem Kachelpool.

„Nein, du darfst deiner Schwester nicht an den Haaren ziehen! Hör sofort auf!“

Auch hier ist die Freude beim Hören des Satzes eher einseitig: Nur die Schwester mag Erleichterung zeigen. Ehe sie zur Rache übergeht. Dann ist ein weiteres Nein gefragt.

Das Nein ist knallhart. Bereits der Buchstabe N kann nach einer kontinuierlichen Benutzung über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten Unbehagen auslösen. Eine Nein-Phobie entwickelt sich. Viele Menschen sind betroffen.

Dies betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Hier sind es besonders (diverse, einige, nicht ganz so wenige) Männer, die eine Ablehnung als Vernichtung ihrer Gesamtgeschlechtsidentität nicht hinnehmen wollen und straffällig werden. Nein scheint also auch Gefahren zu bergen. Nein wird nicht immer akzeptiert. Und ist dennoch nötig.

Das sollte man also vorleben: „Ich akzeptiere Dein Nein“ ist absolut wichtig für die Entwicklung eines Menschen. Es steht für Akzeptanz und Respekt. Und sollte von beiden Seiten gelebt werden: Von Kindern und Eltern.

Akzeptieren lernen oder sanft umschiffen?

Anja von der Kellerbande beschrieb in ihrem Beitrag zur Blogparade, ein Nein könne man umschiffen, indem man es positiv umformuliert. Das ist eine sehr gute Idee – die ich auch immer gerne verwende, wenn sie denn umsetzbar ist.

Manchmal erscheint es mir wie eine Toddler-Tortur, wenn die anderen Familienmitglieder Nummer 4 genüsslich ein Nein präsentieren. Wie ärgert er sich und regt sich auf, wenn sie in dieser besonderen „Nun-lernst-du-etwas-über-Konsequenz-und-so“-Art das Four-Letter-Word einsetzen. Und dann weint er meistens. Komisch.

Nein! Niemals!

In der Tat finde ich „Nein, wir gehen jetzt nicht in den Garten. Nein, da regnet es.“ wesentlich unglücklicher formuliert als „Lass uns drinnen spielen, ja? Draußen werden wir im Moment einfach zu nass. Wir gehen raus, wenn es nicht mehr regnet.“

Na klar, gleich nach dem Essen

 

Allerdings ist es wichtig, Möglichkeiten zu bekommen, um zu lernen, das Nein zu akzeptieren. Daher sollte es dann und wann zum Einsatz kommen. Es zu umschiffen ist sicherlich sinnvoll, um das Kind nicht andauernd seiner gesamten negativen Gefühlspalette auszusetzen. Vor allem eben, wenn es noch klein ist. Zugleich aber sollte es begreifen, wo Grenzen sind. Das ist eine Erfahrung, die es unabdingbar für seine Entwicklung braucht.

Vorbild sein

Wie so oft. Nein – leider wie immer – ist es unerlässlich, ein Vorbild zu sein. Am besten ein gutes. Ein schlechtes Vorbild ist natürlich auch nicht zu verachten – oft ist es ja das Einzige, wozu man an manchen Tagen taugt.

Insgesamt sind wir ja aber immer darum bemüht, möglichst fehlerfrei durch die Elternphase des Lebens zu kommen. Auch wenn das vollkommener Irrsinn ist – aber so sind wir liebenswürdigen, liebenden Eltern eben: Wir wollen für unser Kind so viel Glück, Erfüllung und innere Sicherheit wie möglich. Das zeichnet uns aus.

Und wenn man nur ein gutes Vorbild ist, dann reagieren Kinder binnen kurzer Zeit wie in folgendem Beispiel:

Kind: „Nein, Mama, ich brauche keine Jacke. Neeeeiiiiin!“

Mutter: „Aber es sind nur 8 Grad draußen und es regnet. Du wirst krank. Und überhaupt: Kannst du das nicht mal positiv formulieren? Mich nervt dein dauerndes Nein!“

Kind: „O-okay: Ich möchte bitte lieber keine Jacke anziehen. Ich mag den Regen auf meiner Haut und im Auto ist es dann eh wieder so warm, dass ich schwitze.“

Mutter: „Na bitte. Geht doch. Hab ich dir doch auch so vorgemacht – das positive Umformulieren.“

Pö-hö. Ja, da könnt Ihr lange drauf warten, dass es so abläuft – aber es wäre nett, ne?

My beloved room: Die Meta-Ebene

Es geht aber in der Tat schon in diese Richtung, wenn man mit dem Kind die Meta-Ebene nutzt. Etwas, das ich persönlich eh immer gern mal empfehle: In Partnerschaften ebenso wie in der „Erziehungs“-Beziehung.

Die Meta-Ebene ist ein Ort, an dem weder Vasen noch Schimpfworte fliegen. Dort trifft Verstand auf Verstand. Und das Drumherum wird draußen gelassen. Ein sicherer Raum, in dem jeder sprechen kann. Der/die eigene, innere/r MediatorIn spricht und hört hier zu.

Bei uns geht das so:

„Okay, Kinder, ihr wundert euch, warum ihr in letzter Zeit mehr Aufgaben im Haushalt bekommt. Das erkläre ich euch, damit ihr nicht etwas übergestülpt bekommt, dessen Hintergrund ihr weder kennt noch zu dem ihr etwas sagen könnt. Ich habe das probeweise so eingeführt, weil ich bemerkt habe, wie ihr in eine Dysbalance geratet, weil ihr den gesamten Nachmittag im Bett liegt. Es ist wichtig, dass man Phasen von Entspannung mit Phasen von gesunder Anspannung abwechselt. Einseitige Überbetonung führt zu allerlei mistigen Gefühlen. Wie fühlt ihr euch, nachdem wir das nun einige Tage so ausprobiert haben?“

So habe ich das hier erst vor wenigen Tagen gesagt. Und schon habe ich die Kinder, die sich durch diese Art meines Respekts gewertschätzt und wahrgenommen fühlen, ein Stück weit auf der Meta-Ebene. Sie protestieren zwar dennoch maulend, wenn sie anschließend die Küche aufräumen müssen, aber sie tun es im Bewusstsein unserer Begegnung auf der Meta-Ebene. Und nehmen es an, weil sie zuvor einräumten, es sich eigentlich so zu wünschen: Mehr Aufgaben und dadurch auch mehr innere Ausgeglichenheit sowie das gute Gefühl, ein konstruktiver Bestandteil der Familie zu sein.

Die Meta-Ebene.png

Und das mache ich schon mit dem Kleinsten so.

„Ich würde dir supergerne gläserweise Bonbons geben, mein Süßmann. Aber das geht nicht. Dann würdest du schlechte Zähne bekommen und wärst irgendwann ganz dick und könntest krank werden. Leider darf ich das nicht. Ich würde gerne, aber es geht nicht.“

Ja, er weint dann trotzdem vielleicht im Gedanken an Gläser voller Süßkram, aber er versteht, dass auch ich nicht die allmächtige Entscheiderin bin. Es geht eben nicht um Macht, sondern um Notwendigkeit und Sachzusammenhänge.

Später sagte er dann: „Ich will noch einen Keks. Ich will dick werden. Das finde ich schön.“

Gut Ding will Weile haben und so …

Die Dosis macht’s

Das Nein verwende ich nicht inflationär, sondern mit Bedacht. Und meist lasse ich es einfach weg. Außer es hat konkret einen rhetorischen Nutzen.

„Können wir tauschen?“

fragt Nummer 4 gerne, wenn er sein Eis fast weggeschleckt hat und dann auf meines guckt.

„Nein. Ich habe mich auch auf mein Eis gefreut. Und du hattest schon eines. Aber ich lasse dich gerne mal lecken.“

Na klar kann die brave, aufopferungsvolle Mama hier sofort eilends und fast beschämt über das eigene Eisschleckbedürfnis hinweg ihre Kaltspeise komplett weiterreichen. Und genau das habe ich früher auch getan. Mir fehlte einfach der Mut, mich entgegen dem pädagogischen Mainstream zu verhalten (Hoch lebe der Mythos der aufopferungsvollen Mutter ohne eigene Bedürfnisse!). Das ist aber falsch. Denn die Lehre des Kindes hierdurch ist:

„Die sagt immer Ja und gibt mir alles. Als Mutter denkt man nie an sich. Wenn ich mal Mutter werde, dann gebe ich auch immer allen alles bis ich ganz leer und erschöpft bin. Ich bekomme als Kind immer, was ich will und als Erwachsene gar nicht mehr. Vielleicht sollte ich schön viel an mich reißen, so lange ich klein bin und dann am besten nicht erwachsen werden, denn immer mein Eis abgeben zu müssen stinkt mir bereits jetzt schon.“

Vielleicht ist es gut, Kindern zu zeigen, was wichtig ist. Und was nicht. Sich ein Eis zu gönnen ist gut und richtig. Sich alles wegschlecken zu lassen nicht unbedingt. So sehe ich das zumindest inzwischen. Daher gibt es dann ein gesund abgegrenztes Nein von mir.

So viel aus unserem Hause zum Thema Nein.

 

 

 

 

 

Umgeschaut: Interessante Blogartikel für Eltern

Umgeschaut: Interessante Blogartikel für Eltern

Immer mal wieder

Ich möchte gerne heute und in Zukunft mit Euch teilen, was ich bei meinen verehrten Blogger-KollegInnen an lustigen, spannenden, interessanten oder nachdenklichen Artikeln entdeckt habe.

Ich werde das von Zeit zu Zeit und erst einmal nicht unbedingt regelmäßig machen. Wenn ich merke, dass es Euch besonders gut gefällt, dann kann ich dies gerne als neue Rubrik einführen. Ansonsten teile ich einfach immer mal wieder.

Die Reihenfolge spiegelt nicht die Beliebtheit wieder, sondern unterliegt dem gerechten Gesetzt des Zufalls.

1. Schockierend und berührend

Am 15. Juni erschien der Artikel Der vierte Mann von Tina auf Werden und Sein. Der Text wird sicherlich vielen, besonders Müttern, unter die Haut gehen. Ich habe in meinem Kommentar dazu bereits angedeutet, das mich nicht mehr viel umhaut, weil ich selbst so viel erlebt habe. Zugleich aber besitze ich natürlich viel Empathie – aus demselben Grund. Daher überlese ich das, was weniger belastete Menschen erschreckt einfach als Fakt und nehme wahr, was aus dem einstigen traumatisierten Kind wurde. Wie es als erwachsener Mensch schreibt und empfindet.

Ich freue mich immer, wenn jemand es schafft, auszudrücken, was ihn einst prägte. Und sei es noch so negativ und traumatisierend. Solche Erlebnisse hinterlassen auch nach Jahrzehnten ihre deutlichen Spuren. Und zugleich geben sie die Chance, sehr stark zu werden.

Tinas Artikel hat eine Triggerwarnung: Es geht um alkoholkranke Eltern und Gewalt gegen Frauen.

2. Vorbeugen und heilen

Mara macht sich Gedanken heute, am 23. Juni, Gedanken über mütterlichen Burnout und wie man ihm vorbeugend begegnen kann. Dazu hat sie einen sehr informativen Artikel der Rheinischen Post gefunden. Narzissmus und Burnout – wie gehört das denn zusammen? Und wieso haben Frauen (Mütter!) inzwischen viel häufiger Erschöpfungszustände als Männer? Lässt sich herausfinden – einfach mal ‚rüberhüpfen zu Maras Gedanken.

3. Tick-Tack oder wie aufregend Warten doch sein kann

Bella wartet auf’s Baby. Zusammen mit Familie Berlin tun wir das auch. So ganz solidarisch, weil wir das große Warten ja auch schon vier Mal hinter uns haben…

Da Bella fragt, wie bei uns die Geburten starteten:

1. Mal: Spontan mit Wehen, zuhause (na ja, 14 Tage nach dem Termin ist spontan ein großes Wort …:D).

2. Mal: Aufwachen mit leicht gerissener Fruchtblase um 10 Uhr. Wehen dann ab 15 Uhr.

3. Mal: Wehen nach Einleitung per zweimaligem Priming bei ET+7 (auf Wunsch der total erschöpften Mutter nach unzählbaren Stunden schmerzhafter, Schlaf raubender Senkwehen – würde ich allerdings nicht noch einmal so entscheiden. Nummer 3 trägt mir den Rausschmiss immer noch nach und heute denke ich auch selbst anders darüber. Aber ihr wisst ja: Eine erschöpfte Schwangere will nichts mehr als Erleichterung …)

4. Mal: Beginn mit Wehen zu Hause. Abwarten, ob es regelmäßig wird. Der berühmte Schleimpropf (den persönlich hab ich nie zu Gesicht bekommen) verabschiedet sich, was ich durch Blut bemerke. Anruf bei Ehemann, Opa, Hebamme, Krankenhaus und so weiter …

4. Viel durchgemacht und nun ein wunderschöner Tag

Eva, die während der Schwangerschaft die Diagnose Blutkrebs bekam (und mein Anlass war, mich bei der DeutschenKnochenMarkSpende DKMS zu registrieren) hat nicht nur eine Facebookseite, sondern auch einen Blog. Auf diesem entdeckte ich am 20. Juni den Artikel über ihren herrlichen Tag der Hochzeit und Taufe ihrer Tochter. Wir rührend und wunderbar zu sehen, wie glücklich sie ist und wie gut es ihr geht!

5. Voll dufte, ey!

Niemand –  außer der von mir so gern als einmalige Wortvirtuosin betitelte Rike – kann den Umstand eines Haufens Kinderkacke auf’m Teppich so wunderbar erzählen. Es geht um Sauberkeitserziehung. Bitte esst nicht beim Lesen, wenn Ihr da empfindsam seid 😀

Ich habe mich übelkeitsfrei bekringeln können: Habe ja bekannter Maßen diverse Kinderchen. Ich wurde bepinkelt, bekackt und mir wurde schon in’s Gesicht gekotzt – ja, meinen Mund hatte ich zu diesem Zeitpunkt offen, weil ich „Ooooh, du Arme, dir ist schlecht…“ sagen wollte und es nur bis zum „Ooooh“ schaffte, als die Ladung kam. Diese lief mir dann zusätzlich in den Ausschnitt des Nachthemds und am nackten Körper runter, bis sie auf den Boden tropfte. Na, noch Appetit?

Mich gibt es auch auf Rezept als Appetitzügler bei Diäten. Oder Ihr nehmt Rikes Artikel. Rike forte. Fragt mal Eure Ärztin danach. Oder Euren Arzt.

Kleider, Fotos, Wissen

Ich lese sehr gerne auf dem Blog Textile Geschichten. Es ist kein Mama-Blog. Ich mag ihn sehr gern, weil ich einfach ein absoluter Fan des Themas Mode und Kleidung bin. Auch und besonders der historische Part von Kleidung interessiert mich. Wer gerne mal in vergangene Zeiten tauchen möchte und wissen will, ob es wirklich Schneider mit zerrissenen Hosen gab, der kann hier hinein gucken.

 

Entwicklung: Jedes Kind ist anders

Entwicklung: Jedes Kind ist anders

„Deine Kinder sind alle so unterschiedlich! Wieso sind die so?“

Manchmal werde ich gefragt, wieso unsere vier Kinder alle so derart unterschiedlich sind und sage:

„Ich nehme an, das liegt an unserer erzieherischen Grundeinstellung. Sie sollen ihre Persönlichkeiten frei entfalten können – eine Persönlichkeit besteht eben nicht nur aus Kreativität und Empathie. Sondern auch schon mal aus Opportunismus und Taktlosigkeit. Dadurch ist das Ganze anstrengend, aber auch uneingeschränkt bereichernd.

Sie dürfen sich ganz zeigen. Und natürlich begleiten wir sie auch durch analytisches Betrachten aller Anteile, so weit das möglich ist. Das Ziel ist bei allen gleich: Wir möchten sie dabei unterstützen, selbstständige, einfühlsame, selbstbewusste und vor allem zufriedene Erwachsene zu werden. Das ist ein sehr anstrengendes aber auch bereicherndes Unterfangen.“

Jedes Kind ist anders – hört man oft. Was bedeutet das denn genau? Was brauchen Kinder, um sich frei zu entfalten? Und wohin führt das unter Umständen?

Liebevolle Begleitung

Ein Kind wird auf dem Lebensweg begleitet. Es geht die erste Zeit an unserer Hand. Nach und nach lösen wir unseren Griff. Wir gehen dann neben oder hinter ihm. Es selbst wählt aber den Weg.

Es wird nicht gezogen oder geschoben. Manchmal ein wenig gestupst. Aber so selten wie möglich. Das Wort Erziehung stößt uns manchmal auf, weil wir das Verb „ziehen“ darin nicht so gelungen finden. Wir begleiten. Klingt schön, oder? Dennoch wähle ich den Terminus „Erziehung“ dennoch, weil er allgemein gefasst und dadurch ebenso allgemein verständlich ist.

Wir sind dankbar, wenngleich manchmal maßgeblich erschöpft, unsere Kinder anvertraut bekommen zu haben.

Das bedeutet keinesfalls, dass wir nicht etwas wie die „Juulschen Leitwölfe“ sind. Oft geht Erziehung auf Kosten von Beziehung baden. Es ist sehr schwierig, da immer ein Gleichgewicht zu finden. Unsere Kinder sind ein wenig zu sehr vor dem Leben geschont und auch verwöhnt worden. Es ist schwer, das im Nachhinein auszugleichen. Aber während Kinder klein sind, kann man die ganzen Auswirkungen des Umgangs mit ihnen nun mal noch nicht so gut erkennen wie zu späteren Zeitpunkten.

Dennoch ist ihre Persönlichkeitsentwicklung sehr gut gelungen. An der Alltagstauglichkeit arbeiten wir momentan (seit fast einem Jahr) gemeinsam. Auch auf Wunsch der Kinder hin, die sich beklagten, weil sie merkten, dass sie sich etwas unselbstständig fühlten und Einiges dazu lernen wollten. Nun klagen sie über viele Aufgaben, die sie bekommen. Weil sie es gewohnt sind, dass sie ebenso verwöhnt wurden wie viele andere auch – es ist eben halt ein Teil des Zeitgeistes. Und ich hatte nicht immer das Selbstbewusstsein, einen anderen, einen eigenere Weg einzuschlagen. Vor allem, da man mich gelegentlich schon als eine Art Dompteurin oder Felddragoner bezeichnet wurde.

Ja, sie sind verwöhnt – ein Ausdruck, an dem sich viele stoßen. Sie sind an Dinge gewöhnt worden, die sie als Selbstverständlichkeit annahmen. Es ging ihnen übergut. Nun werden viele sagen: Wie passt das denn zusammen? Einerseits von Beziehung quatschen und dann sagen es ging den Kindern zu gut? Es kann einem doch gar nicht zu gut gehen!“

Doch. Das kann es. Und das ist dann wiederum gar nicht mehr gut. Ich habe viel gelernt aus den Ergebnissen meiner Erziehungsüberzeugungen. Und da wir ja noch einen kleinen Menschen hier haben, werde ich bei demselbigen etwas anders vorgehen, wenn auch der Grundsatz der Bedürfnisorientierung bleibt – ich habe gelernt, dass man sich ab drei Kindern eigene und neue Modelle überlegen muss, um diesen Grundsatz zu ergänzen.

So viel zum selbstehrlichen Fazit nach fast 14 Jahren Elternsein mit mehr Beziehung statt Erziehung.

Der individuelle Weg

Auf dem oben erwähnten Lebensweg vermitteln wir Eltern natürlich Regeln und Wertvorstellungen. Diese bilden einen Leitfaden. Der Rest ist individuelles Tempo und eine eigene Entfaltung. Diese wird  – ganz natürlich – durch die Anzahl der in der Familie lebenden Personen beschränkt. Eine One-(Wo)Man-Show kann hier bei uns keiner veranstalten. Dazu bietet eine größere Familie einfach keinen Raum. Dies kann einschränkend sein, aber das nicht nur im negativen Sinne.

Es ist ein ur-natürliches Gefüge, in einer Familie zu leben. Und diese muss nicht nur aus drei Personen bestehen. Wohl und sicher fühlen wir Menschen uns mit einem Kreis aus rund 20 bis 30 Personen. Unserem uralten Sippengefüge. Im Kern befindet sich der jeweils eigene Kreis. Drumherum sind Tanten und Onkel, da sind Großeltern und Geschwister. da sind Schwägerinnen und Großcousinen. Alle helfen mit. Äh, halfen. Heute sieht das etwas mitunter etwas anders aus in der Sozialstruktur:

Mutter+Vater+1,3 Kind(er)

Jede weitere Person, schränkt ein und bereichert, lehrt und lernt. Es ist ein sehr interessantes Wechselspiel verschiedener Aspekte.

Um Raum und Sicherheiten zu gewährleisten, legen wir Menschen Regeln fest. Auch innerhalb unserer Familien.

Wir sind viele

Klingt, wie aus einer Broschüre, hm? 😀

Unsere Haus-Regeln lauten beispielsweise (Auszug): 

  • Jeder trägt seinen Teil zum Familienleben bei. Wir teilen Spaß und Arbeit.

(Das ist mitunter echt anstrengend zu vermitteln.)

  • Unser Umgang ist geprägt von Respekt. Keine Lügen, keine Schimpfwörter.

(Respekt ist unabdingbar. Lügen und Schimpfwörter kommen jedoch vor, werden aber         sofort besprochen.)

  • Jeder darf sich entfalten. Außer er stört den Raum des Anderen.

(Das bekommen wir im Allgemeinen gut umgesetzt. Ging in der Vergangenheit aber              fast ausschließlich auf Kosten der elterlichen Räume-> verwöhnt!)

  • Vorlieben, Abneigungen und Interessen werden geschlechtsunabhängig akzeptiert.

(Das stellt überhaupt kein Problem dar. Man muss sich selbst allerdings fortlaufend               reflektieren und beobachten. Denn manches schleicht sich unbewusst ein.)

  • Niemand geht frustriert oder traurig ins Bett.

(Von meiner Mutter übernommen: Vor dem Schlafengehen wird sich                  vertragen/ausgesprochen)

Unsere Werte sind beispielsweise (Auszug):

  • Unsere Mitmenschen werden respektvoll, höflich und freundlich behandelt. Wir achten besonders auf Andere, die älter sind oder eingeschränkt. Hierbei vergessen wir jedoch nicht unseren Selbstschutz.

(Jeps, unsere Kinder bieten älteren Menschen oder Schwangeren immer einen Sitzplatz an. Sie begrüßen Gäste und beherrschen die allgemeine Etikette erstaunlich gut. Sie können sich im Notfall jedoch auch überwiegend gut verteidigen.)

  • Wir besprechen Probleme miteinander und arbeiten lösungsorientiert zusammen.

(Wir analysieren und überlegen. Irgendwie findet man immer eine Lösung. Problemverliebtheit ist nicht so unser Ding.)

  • Wir respektieren andere Menschen und sind interessiert an ihrem Leben.

(Klappt auch bestens.)

  • Glaube und Philosophie sind Elemente unseres Alltags

(Es ist nicht nur unser Augustinus mit ihrem Tischgebet. Wir reden sehr viel über Weltanschauungen, Psychologisches und Glaubensthemen verschiedener Richtungen.)

  • Wir sind ein konservativer Haufen. Mit einer guten Portion Freigeist.

(Die berühmte Wurzel-und-Flügel-Geschichte Goethes: Die klassischen Werte erden uns und so können wir getrost den Kopf in die Wolken recken. Oder könnten: Denn oft genug vergisst man die Leichtigkeit, wenn man zu lange im Alltagszahnradgetriebe steckte …)

Viele Individuen

Werte und Regeln bilden den Entwicklungsrahmen. Darüber hinaus entfalten sich unsere Kinder frei.

Wir haben oft Vorstellungen davon, wie ein Mensch sein sollte oder könnte. Es ist nicht nötig, jedes Talent zwingend zu nutzen oder jede Anlage fördern zu müssen. Kinder bringen alles mit, das sie brauchen. Wir brauchen nur ausreichendes Vertrauen in sie.

Und in uns selber.

Kinder zu begleiten bedeutet oft auch, sich zurückzunehmen. Und sie machen zu lassen. Manchmal lässt man sie dabei zu sehr alleine und manchmal begluckt man sie zu sehr. Allermeistens passiert Letzteres.

Kinder können sehr gut entscheiden, ob es zu viel oder zu wenig Begleitung ist. Es ist wichtig, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu erschaffen, in der sie dies auch mitteilen können.

„Mama, ich brauche deine Hilfe.“

ist genau so wichtig anzuerkennen wie

„Äh, das kann ich echt schon alleine, Papa!“

Wichtig ist, in sich selbst hinein zu fühlen. Wir alle tragen in uns Zweifel und Ängste. Diese zu erkennen und sorgsam mit ihnen umzugehen, ist eine große Aufgabe. Ich persönlich neige dazu, eine Glucke zu sein. Und während das bei kleineren Kindern noch auf mehr als Toleranz stößt, ist es für größere Kinder hinderlich. Also reflektiere ich:

Ein älteres, persönliches Beispiel:

„Warum möchte ich mich gluckenartig auf meine Küken setzen und immer auf sie aufpassen?“

Antwort: „Weil ich sie sicher und behütet aufwachsen sehen will. Ihnen soll nichts von dem passieren, was mir passierte.“

Lösung: Ich darf meine Ängste und Einschränkungen nicht auf meine Kinder übertragen. Also beobachte ich aufmerksam, wo ich die Grenzlinie zwischen Begleiten und Beglucken ziehe. Und zwar individuell bei jedem Kind. Und nebenbei sollte ich vielleicht noch ein wenig meine Kindheit aufarbeiten, wenn ich mir das so ansehe …

Ehrliche Selbstreflexion ist eigentlich unabdingbar. Dazu ist es sehr schön, eine/n PartnerIn zu haben, mit der oder dem man vertrauensvoll besprechen kann, was man entdeckt. Und in diesem Vertrauen sollte man auch annehmen, was das gegenüber beobachtet. Das fällt uns oft schwer, weil wir alle oftmals so tief verunsichert sind. Alles fühlt sich wie Kritik an und wenn man brav war, dann wird man nicht kritisiert: Wir sind alle Kinder klassischer Erziehung: „Brav „= Lob und „Böse“ = Sanktion.

 

Begleitung voller Aufmerksamkeit ist für mich ein Ausdruck von dem, was ich als Respekt empfinde.

Ich bin gut

Erstes Kind, zweites Kind – noch mehr Kinder

Das Kind entfaltet sich innerhalb des gebotenen Rahmens und dieser verändert sich mit wachsender Familie. Eine Familie entwickelt sich im besten Fall immer weiter.

Wie meine Mutter so schön sagte (und das kann ich trotz meiner hier und auch hier beschriebenen tief sitzenden Probleme mit ihr guten Gewissens teilen):

„Ein Kind nimmt jeden Raum ein, der sich ihm bietet. Er spürt diesen instinktiv und nimmt ihn komplett ein. Das ist seine natürliche Art und auch ein Recht: Sich Raum erarbeiten und für sich sorgen.

Als ich klein war, da war der Raum sehr eng. In den 1950ern. Da mussten Kinder schweigen, wenn Erwachsene sprachen und bekamen durchaus auch Schläge, wenn sie dies missachteten.

Heute fahren Kinder Erwachsenen und auch anderen Kindern einfach ins Wort. Die Mutter lässt sich unterbrechen und wendet sich dem Kind meist sofort zu, wenn sie unterbrochen wird. Das ist sehr viel Raum. Darüber könnte man diskutieren. Es ist aber eine Gegenbewegung zum alten Stil. Und den lehne ich eigentlich ab. Aber das Ganze muss sich noch einpendeln auf ein für beide Parteien gesundes Maß.“

Beim ersten Kind hat man oft genaue Ideen und Vorstellungen. Manchmal sublimiert man Dinge, die man selber  als Kind vermisste. Man beginnt mit dem Elternwerden auch, seine eigene Kindheit und die eigenen Eltern zu hinterfragen.

Durch das erste Kind kommt man seinen Eltern oftmals näher, fragt um Rat und bindet deren Erfahrungen mit ein. Oft hat man auch Vorsätze wie a) Das hat meine Mutter immer gemacht und ich finde es ätzend. Da mach ich glatt das Gegenteil. Oder b) Das hat meine Mutter immer gemacht und ich finde es klasse. Das mache ich auch. Man sucht Orientierung. Und diese oftmals am Anfang in Extremen.

Das zweite Kind zeigt die eigenen Grenzen der Aufmerksamkeit und Leistung auf. Während das erste die gesamte Aufmerksamkeit bekam, kann das zweite auf mehr Freiheit hoffen. Zugleich steckt es natürlich, genau wie das Erstgeborene ab der Geburt jeden weiteren Kindes, in einer Konkurrenzsituation. Auch dies prägt die Entwicklung.

Über das dritte Kind sagen viele (die kein solches haben): „Das dritte läuft so mit!“ Nein. Das tut es nicht. Und das sollte es auch nicht. Es muss ohnehin die elterliche Aufmerksamkeit gleich mit zwei anderen Kindern teilen. Und da sollte es Raum für die eigenen Bedürfnisse erhalten. Hier helfen beispielsweise feste Rituale. Und auch die Erinnerung der größeren Kinder, dass sie eben genau dies sind: Älter und größer. So kann das Jüngste erst einmal in Ruhe ein Küken sein. Das Erstgeborene hat nun zwei „unter sich“, eines davon besonders niedlich (Baby) und eines in der Mitte, das nach oben strebt während es vielleicht regrediert, um mit dem Baby mithalten zu können. Schnell wird das Erste dann „vernünftig“ und zeigt sich als erhaltendes Element im Familiengeflecht.

Kindliche Eifersucht kommt durch Konkurrenzempfinden (unter Anderem, aber es lässt sich darauf zurecht kürzen) und diesem haben wir in unserem Familiensystem immer entgegengewirkt, indem wir klarstellten: „Das Baby ist sehr klein. Es kann nicht viel und darf nicht so viel wie du. Du bist größer, kannst und darfst mehr. Wir alle wollen, dass es dem Baby gut geht. So wie es dir als Baby gut ging. Auch wenn es manchmal anstrengend ist – wir bekommen das hin! Elterliche Liebe wird niemals geteilt. Sie wird immer mehr, je mehr Kinder man hat. Liebe kann wachsen, mache dir da keine Sorgen.“

So kamen die Großen eher in eine verständnisvolle und pflegerische Position. Sie empfanden trotzdem manchmal Eifersucht und teilten diese aber dann vertrauensvoll mit. Wir haben dann immer Lösungen gefunden oder zumindest klärend gesprochen.

Die freie Entwicklung des vierten Kindes ergibt sich bei uns im Rahmen der Überbetreuung durch die gesamte Familie: Alle wollen den kleinen Süßmann kuscheln und mit ihm spielen.

Unser Nachzügler verbringt ganz bewusst jeden Vormittag bis halb Eins bei Tageseltern, die gleichaltrige Kinder betreuen. Als er dort die ersten Mal war, begriff er gar nicht, was für ein seltsamer Vorgang es war, dass ihm jemand etwas wegnahm. Er konnte sich absolut nicht dagegen wehren. Schließlich kannte er es nur so, dass ihm alles gebracht und erleichtert wird. So lernt er bereits vor dem Kindergarten mit seiner großen Gruppensituation mit anderen Kindern auch Konflikte zu erleben.

In Ruhe lassen

Unsere ersten beiden kamen mit nur 17 Monaten Abstand zur Welt. Sie spielten viel zusammen. Ich habe mich immer, wenn sie alleine zu spielen begannen, herausgezogen und auch herausgehalten. Das selbstständige Spielen zu fördern war eine meiner Prämissen. Und ich habe von unseren Kindern bis heute höchstens ein Mal im Jahr „Mir ist laaangweilig“ gehört.

In Ruhe spielen, wachsen, probieren und forschen lassen. Alle Fragen beantworten. Kein „Dafür bist du zu klein“ – weder bei Aktivitäten, noch bei möglichen Antworten.

Alle Fragen werden beantwortet. Ja, auch die peinlichen und unangenehmen. Es hilft auch hier, sich zu selbst zu hinterfragen, warum man bestimmte Dinge nicht so gerne beantworten möchte. So habe ich das zumindest immer gehalten.

Und netter Weise erhalte auch ich immer Antworten. Manchmal muss ich mehrmals nachfragen, aber irgendwann teilen sie sich doch mit. Und dann zumeist recht eloquent.

Jede Familie ist anders – jedes Kind auch

Jede Familie lebt nach ganz eigenen Vorstellungen. Und das ist großartig. Außer die Gesundheit oder sonstige Unversehrtheit der Kinder ist gefährdet – aber davon sprechen wir hier nicht. Sondern von liebenden Eltern, die das Glück der Kinder im Auge haben.

Innerhalb dieser gesunden Vorgaben wachsen die Kinder auf. Wenn man sie nicht in bestimmte Richtungen zieht, sondern eher zuschaut, welche Wege sie selber wählen, dann lernt man sie nicht nur gut kennen, sondern lernt oft auch, wie richtig sie in ihren Selbsteinschätzungen liegen.

Gibt es Leidensdruck, weil bestimmte Probleme immer wieder auftreten, dann ist man natürlich gefragt, direkt zu unterstützen. Manchmal brauchen sie einen Schubser in Richtung Selbstständigkeit, denn das ist etwas, das momentan nicht ganz oben auf der pädagogischen Liste des elterlichen Mainstreams steht. Für manche schon, klar. Aber ich nenne es bewusst Mainstream: Eine Haupt-Strömung ist das.

Kinder entfalten sie sich eigentlich von ganz alleine. Und ich sehe immer wieder Kinder – oder lese bei meinen Blogger-KollegInnen darüber – die frei aufwachsen dürfen. Dies meint keine kleinen Narzissten, um die sich eine ganze elterliche Welt dreht (und die für sie belastender Weise auch der Mittelpunkt der selben sein müssen). Sondern ganz wunderbar freie Menschen, die forschen, basteln, sich mit Matsch beschmieren, in Pfützen springen, Fragen stellen, ihr eigenes Tempo haben und sich selbst kennenlernen dürfen.

Und zum Schluss: Unsere Vier

Einzig nicht artig

Nummer 1 (13 Jahre) hat ein spannendes Spektrum zwischen schüchtern-verzagt und lauthals-für-Andere-einstehend. Sie ist unsere Jeanne D’Arc, die sich für Andere einsetzt und sich zugleich bis vor einer Weile kaum traute, im Supermarkt nach der Schlagsahne zu fragen.

Sie war als Baby ein Schreikind oder High Need Baby. Zugleich hasste sie körperliche Nähe von Beginn an. Wollte aber auch nicht abgelegt werden. Ein Teufelskreis aus malträtierten Nerven, verrücktem Glück und völliger Übermüdung. Sie schlief jedoch mit vier Monaten durch und verlagerte ihre bedürfnisintensive Art auf den Tag. Sie krabbelte mit 7 Monaten, lief mit 12 Monaten, sprach ab 18 Monaten. Davor interessierte Sprache sie wenig.

Sie war bisher immer enig romantisch, bisweilen etwas herb. Sie besitzt eine wundervolle Selbstironie und ist sehr zuverlässig. Aber sie kann auch ganz formidabel prokrastinieren. Was sie jedoch sehr genau weiß und gerne loswerden möchte. Sie bittet um Hilfe, wenn sie welche braucht und bekommt sehr viel ganz alleine hin. Ihre Umarmungen sind herzliche Klopfer, wie ich sie unter Kumpels erwarte. Zugleich ist sie sehr feinfühlig, aber nicht hypersensibel.

Sie ist gerne mit ihrer Familie zusammen und chillt gern. Sehr gern. Gute Leistungen zu erbringen macht sie sehr glücklich.

Sie findet Schminke, Nagellack und Ähnliches ziemlich affig und mag es sehr natürlich. Sie liebt Geschichte und Fremdsprachen udn hat bereits seit Jahren einen festen Berufswunsch. Sie will Lehrerin werden.

Zudem ist sie in der Pubertät und das bedeutet, wir können gespannt sein, was für ein Schmetterling am Ende herauskommt. Vielleicht ist es auch ein Bombardierkäfer. Man weiß es noch nicht ❤

Nummer 2

Sie (12 Jahre) ist romantisch und niedlich. Sie liebt süße kleine Dinge, Manga, Animes, Zeichnen und ist sehr verschmust. Sie ist hochsensibel, hatte immer Probleme in der Schule – erst wegen akuter Unterforderung, dann wegen akuten Mobbings.

Sie war ein Speikind, das stets gut gelaunt war. Und hat ab dem Kleinkindalter sehr, sehr, sehr viel geweint. Und gekuschelt. Und geweint. Sie krabbelte mit 6 Monaten, Sprachstart mit 10 Monaten, lief mit 15 Monaten. Lehrte sich das Lesen und Schreiben mit 5 Jahren.

Nummer 2 nimmt vieles persönlich, weil sie durch das Mobbing an dieser Stelle schon echt vorbelastet ist. Dieses ist allerdings gerade im Endstadium durch verschiedene Interventionen von uns und der Schule sowie einer Fachfrau einer Beratungsstelle. Und man spürt deutlich, wie sie aufblüht und sich täglich verändert. Zurück zum weitestgehend unbeschwerten Dasein.

Am liebsten ist sie in ihrem Zimmer bei geschlossener Tür und zeichnet oder liest. Oder kuschelt mit Mama.

Sie denkt dauernd nach, schläft schlecht ein und ist oft müde. Ihr Wissensdurst war durch die gesamte Kindheit riesig. Sie interessiert sich neben dem Erwähnten für Physik, Mode, Subkulturen, Geschichte, Geheimnisvolles. Sie mag Symbole und historische Anekdoten, Romantisches und Niedliches. Sie ist ein verspielter und sehr humorvoller Mensch, der Systeme auf ihre Konsequenz, Haltbarkeit und vor allem ihre Sinnhaftigkeit überprüft. Wer durchfällt, erhält von ihr eine Mitteilung. Bei Lehrern ist das sehr beliebt …

Sie will Psychologin und am liebsten gleichzeitig Mangaka (Zeichnerin japanischer Comcis/Manga) werden und steckt ebenfalls mitten in der Pubertät. Sie ist, wie ihre große Schwester, sehr hoch gewachsen und hat mich bald größenmäßig eingeholt (ich bin 1,72 Meter).

Nummer 3 bezeichnet sich gerne als „Tom Boy“, obwohl ich ebenso gerne darauf hinweise, wie schwierig ich Etikettierungen finde. Aber sie ist 9 Jahre alt und braucht dieselbigen. Sie liebt Motorräder, Baumaschinen, Barbies, ronantische Kleider, coole Lederjacken, Hulk und Tiere. Sie ist eine Idealistin – genau wie ihre beiden Schwestern.

Ihre Lieblingsbeschäftigung ist das Nachstellen einer 80er-Jahre-Kindheit wie ihre Eltern sie hatten. Und das ist großartig: Sie ist dauernd draußen, bei jedem Wetter und nie alleine. Sie hat so ein Freundinnengrüppchen, mit dem sie klettert, schaukelt, baut und rutscht. Sie tauchen in phantasievolle Spiele ein, lachen viel und stromern mit den Rädern durch die Gegend.

Sie will Kriminalkommissarin werden und unbedingt eine Harley besitzen.

Sie trägt ihr Haar gerne kinnlang und asymmetrisch geschnitten. Einfach cool eben. Ihr Vorname bedeutet „Amazonenkönigin“ (Nein, sie heißt nicht Xena …) und das passt so richtig gut zu ihr.

Sie krabbelte mit 9 Monaten, sprach ab 11 Monate, lief mit 17 Monaten. Sie sprach mit zweieinhalb ganze Sätze mit Nebensätzen und startete das religiöse Philosophieren in der Tat im zarten Alter von drei Jahren.

Nummer 4 ist ein herzensguter kleiner Mann mit einem unfassbaren Spachvermögen.

Er kann sehr sympathisch frech sein und das dann aber mit dem passenden Grinsen. Er genießt in vollen Zügen dieses Meer von Liebe, das ihn umgibt. Er wird von einer Bekannten gerne „Glücks-Baby“ genannt und das passt. Er war ein High Need Baby und ist auch immer noch recht needy. Aber durch ungezählte Stunden des Tragens, Singens, Kuschelns und Sich-Beschäftigens ist er voller Urvertrauen.

Was nicht heißt, dass er nicht vorsichtig und bisweilen ängstlich ist. Er spricht seit er 8 Monate alt ist immer mehr. Er hat kaum noch Hilfslaute („g“ ausgesprochen wie „d“ oder Ähnliches). Sätze mit Nebensätzen sind kein Thema für diese Quasselstrippe. Er denkt viel nach, teilt seine Gedanken mit und ist gleich zwei Minuten später wieder total albern.

Zwischen „Ich vermute, es ist keine so gute Idee, was du da machst“ und „Mama, du Achn-Kachn-Äch-Dächn, bist du ein Bagger?“ liegen manchmal nur Sekunden …

 

 

 

 

Danke, lieber Spiegel!

Ich habe mich ja sehr gefreut, als ich letztens durch einen veritablen Shitstorm darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich jetzt die bessere Mutter bin. Ich meine, wie oft muss man sich heute als Mann schon ausrangiert und abgesägt fühlen?

Im Straßenverkehr: Sind doch eh nur die Penisträger, die immer alle Unfälle verursachen und Menschen totfahren. Im Beruf: Mangelnde Sozialkompetenz und brachialer Egoismus führen zwar vielleicht dazu, dass wir Altvorderen uns momentan noch halbwegs behaupten – aber nur auf Kosten der Gesamtwirtschaft, die selbstverständlich erheblich darunter leidet, dass sie immer noch von grunzenden Alphatieren beherrscht wird. (Wer würde das nicht??)

In der Schule sind wir eh schon lange die Schmuddelkinder und haben schlechte Noten und psychische Probleme, weil wir nicht mehr unsere Mitschüler vermöbeln dürfen. Und wenn wir das Schulsystem ohne Amoklauf überstanden haben, treten wir der NPD oder dem IS  bei, um endlich mal richtig Rabatz zu machen. Putzen, Wäsche waschen oder Geschenke machen können wir auch nicht. Und wegen der Männergrippe sind wir auch noch schreckliche Jammerlappen.

Auch in der Familie, dachte ich, schlagen wir uns nicht allzu spektakulär – aber das hat mich der Spiegel ja jetzt eines Besseren belehrt. Und das Bestechende: Während wir den Frauen heute praktisch auf ganzer Linie unterlegen sind, schlagen wir sie in der Disziplin, in der wir uns am wenigsten Mühe geben – Mutter sein. Tut doch auch mal gut, oder?

The Man

The Man

Wie vielen hier bekannt ist haben wir drei Töchter. Und einen Sohn. Letzteren erhoffte ich mir ab Kind 2. Aber irgendwie hatte das Schicksal andere Ideen. Wie so oft. Hinterher kann man ja immer herausfinden, wieso nun dieser und jener Wunsch eben doch nicht (oder später) erfüllt wurde.

Die drei Mädels sind so frei wie möglich erzogen. Nicht frei von Benimmregeln und Anstand. Sie dürfen einfach mögen und anziehen, was sie wollen. Rüschenrock zu Motorradprintshirt? Klar. Stinkende, idiotische Pferdchen mit Fischschwänzen und Kronen fliegen auf dem Todesstern mit? Warum nicht? Prinzessinnenkostüme? Immer her damit. Holzschwerter? Die auch, na klar.

Mich hat es immer genervt, wenn Klischees kamen: „Oh drei Mädchen, das ist aber süüüß!“ Oder „Die helfen bestimmt der Mama ganz viel!“ (Ha. Ha.) oder „Da wartet der Papa aber noch auf einen zum Fußballspielen, ne?“

Nummer 1 war in der Fußball-AG und so gut, dass ich meinen Ball nie länger als 10 Sekunden behalten kann, wenn sie mit mir (gegen mich!) spielt. Nummer 2 und sie lebten lange im Star-Wars-Universum und besaßen Kiloweise Lego aus der Serie. Wie sie eben auch Belville haben, die Puppenstube von Lego.

Nummer 3 klettere bereits im zarten Alter von zweieinhalb Jahren in unseren Apfelbaum. Rauf und runter. Sie schraubte mit drei Jahren Regale von Ikea zusammen. Echt jetzt. Sie kann sich enorm gut wehren, hat ein laut Zeugnis ausgezeichnetes Sozialverhalten und liebt Hulk. Und sie liebt Bagger.

Und da schlage ich den Bogen zu The Man.

The manly Cliché

The Man war ein paar Monate alt, als seine Patentante sagte: „Oh Mann, der ist so männlich irgendwie!“

Inzwischen ist er bald 19 Monate alt und sie hat Recht.

Das sage ich so. Etwas zähneknirschend, denn ich bin so eine, die eben gerne ohne diese geschlechtereinsortierende Zeug lebt. Da ich selber eben auch, na ja, nicht so die klassische Frau bin. So wie man sich die wohl vorstellt. Wie auch immer man das macht. Ich habe Eigenschaften und Vorlieben, die viele als männlich bezeichnen. Manchmal erstaunte ich Menschen damit, dann kam ich mir komisch vor.

Und ich dachte, wenn ich nun ein Kind des anderen Geschlechts habe, dann lasse ich dieses auch so frei wie möglich (wir sind alle noch lange nicht frei davon, alte Rollenbilder nicht wenigstens subtil weiterzugeben und zu erwarten) groß werden. Groß werden die Unterschiede ja nicht sein. Und diese Klischees – die stimmten nicht!

Okay:

Er hat zwei Puppen, die mag er. Mehr aber mag er den Fuchs. Und den Biber („Biba!“) Und die Eule („Eune“).

Und am meisten, mit großem Abstand zu allem, mag er den Babba. Zuerst war nur der echte Bagger so bezeichnet worden. Inzwischen ist Babba das Wort für alle Maschinen. Große (Schwerlasttransporter) und kleine (Mini-Akku-Schrauber). Manchmal ist „Babba!“ eine freudige Interjektion für allerlei Wunderbares (Rasensprinkler mit hoher Fontäne, aufgefundener Schleifer, riesiger Hammer). Liebe zu motorisierten oder elektrischen Geräten aller Art: Check.

The Man flitzt den ganzen Tag herum. Wirklich. Er setzt sich manchmal hin und guckt mit Nummer 1 eine Folge „Shawn das Schaf.“ Dann flitzt er wieder los.

Er schraubt, untersucht, erkundet, entdeckt. Er klettert, rennt, steigt Treppen. Er tanzt. Er ist dauernd in Bewegung. Bewegungssüchtig ohne Ende: Check. Forschen/Erkunden/Entdecken: Check.

Er mag Musik. Besonders mag er Metal. Ja, echt. Er macht Headbanging. Man will es nicht glauben.

ER war bisher kränklicher als die drei Mädels. Mehr Husten, mehr Naselaufen, Fieber beim Zahnen. Kannte ich auch nicht. Der empfindliche Mini-Mann: Check.

Er hängt unglaublichst an seiner Mama. Unser „Don Carlos“ (er heißt nicht Carlos, hat aber einen anderen spanischen Namen) ist mega-eifersüchtig. Niemand darf Mama (oder Schwestern) anfassen. Keine anderen Kinder darf ich anlächeln. Dann knurrt er wie ein Wolf und wird sogar handgreiflich. Besitzergreifendes-Gehabe: Check.

Er kuschelt gern mit mir. Er nimmt meinen Kopf in beide Patschehände, sieht mir tief in die Augen und sagt „Mami…“ Nein, er sagt es nicht. Er beschwört mich damit geradezu. Dann bekomme ich einen Kuss. Einen sehr festen. Und noch einen und noch zehn. Er streichelt meine Arme, meine Hände, mein Gesicht. Er kommt auf mich zu gerannt, wenn er mich sieht und drückt mich fest. Das kannte ich so nicht von den Mädels. Der verschmuste Sohn, der an Mama hängt: Check.

Mit dem Dada guckt er am liebsten ein Video von einem zyklopischen Schreitbagger. Ein Riesenbagger, der sogar laufen kann. Okay, das Teil macht mir auch immer ganz glasige Augen …

Dauerpower

The Man ist dauernd in Action. Den ganzen Tag ohne Pause, außer er schläft.

Er verdrückt Unmengen Essen.

Nun sind es draußen heute so 3.000° Celsius. Und gestern war das auch so. Wir hingen im Haus rum. Er wollte raus. Wie immer wirft er einem dann die Schuhe an den Kopf (er weiß genau, wem welche Schuhpaare gehören) und dann wird gebrüllt, wenn man nicht mit ihm vor die Tür geht. Wahlweise die Haus- oder Terrassentür. Das ist ihm gleich. Hauptsache bewegen. An der Luft.

Vorgestern schlief er nicht ein. Mittags nicht und abends nicht. Und wir dachten, es sei die Hitze. Er hatte dauernd rumgezeigt und „Hei! Hei!“ (heiß, heiß) gesagt.

Gestern war ich mutiger – wir waren draußen.

Rasensprenger an und dann ab in die Sonne. Und er war dabei. In Action. Zuerst zaghaft wegen des kalten Wassers, dann legte er los. Und was soll ich sagen? Er wollte mittags geradezu gerne ins Bett und schlief vier (!) Stunden lang.

Er brauchte einfach Bewegung, Erkundungen und Entdeckungstouren.

Nun kam mir vage der Gedanke, dass ich es wohl doch ertragen muss, dass die Geschlechter etwas unterschiedlich und dennoch basal „einheitlicher“ sind. *Hüstel*

Eine Ansammlung von Klischees. Alles, was mir Jungs-Mütter prophezeiten sehe ich hier auf zwei kleinen Käsefüßen herumlaufen. Und nackt sein will er auch dauernd! Er war sogar einer von diesen breitbeinig-auf-dem-Ultraschall-sein-Geschlecht-präsentierenden Jungs.

Ausnahmen: Er könnte mit sicheren Nachbildungen von Schwertern Kämpfen spielen. So was haben wir. Aber die wirft er weg zu Gunsten einer Malerrolle. Die mag er lieber.

Er ist sehr vorsichtig. Er stößt sich zum Beispiel nie den Kopf an der Tischplatte, wenn er drunterkrabbelt. Er guckt immer vorsichtig hoch, ehe er da wieder auftaucht. Er klemmt sich die Finger nicht, weil er gut aufpasst, wenn er Türen oder Schubladen schließt.

What about the Women?

Nun prophezeie ich als MehrfachMädchenMama mal zurück:

An Euch, die Ihr die erste Tochter bekommt:

Sie wird alles hören, das Ihr sagt. (Außer das, das sie hören soll.) Sie wird an allem interessiert sein, was du tust. Im Bad, an der Supermarktkasse, im Gespräch mit der besten Freundin. Sie wird Puppen lieben und anziehen und ausziehen und anziehen.

Sie wird weniger um sich schlagen als sie mit Worten treffsicher Andere bombadiert. Nicht nur Mengenmäßig. Das auch. Sondern auch so fies. Kleine, verbale Giftstacheln. Das wird sie sehr gut können. Was gut, falls der Unterricht im Ringen, den ihr ihr bitte erteilen werdet, mal nicht gut umsetzbar ist.

Sie wird in der Tat Haarschmuck lieben. Und Schmuck. Und Nagellack. Manche Mädchen sähen aus wie Christbäume, wenn man sie nicht aufhielte. Tokioter Christbäume – die, auf denen sich alle Farben des Universums befinden. Kleider wird sie mögen. Oh ja! Bei Minus 18 Grad wird sie aus dem Zimmer kommen und einen Tüllfetzen tragen. Einen mit Spaghettiträgern. Und wehe, Ihr werdet das Wort „Lungenentzündung“ in den Mund nehmen!

Sie wird nicht mehr weinen als kleine Jungen. Statistisch nachweislich. Manchmal aber wird man das glauben. Oft.

Sie wird Dich, liebe Mutter, sehr gut verstehen. Ihr werdet Euch austauschen können. Hierbei geht es um alle Themen. Vom ersten Kindergartenkuss bis zur Menstruationshygiene. Nichts wird Deiner Tochter an Dir entgehen und andersherum auch nicht. Sie wird sagen, dass sie Angst vor Geburten hat, weil die wehtun. Sie wird oft darüber nachdenken. Ganz gleich, was Du ihr dann erzählst von Entspannungstechniken und dem dankbar angenommenen Wunder des Lebens. Sie wird keine Kinder mehr bekommen wollen.

Sie wird bemerken, wenn Du zunimmst und abnimmst. Sie macht Dir Komplimente. Und spricht ehrliche Wahrheiten aus.

Sie wird alles kommentieren.

Sie wird zu beleidigtem Rückzug neigen. Und zu lautem, beleidigtem Rückzug.

Solltet Ihr mehrere Töchter haben, dann ändert sich manches: Sie werden nicht ihre Kleidchen liebevoll auf Bügel hängen, sondern ins Zimmer klatschen und sie werden sich nicht stundenlang gegenseitig kämmen, sondern zusammen Chaos stiften.

Ihr werdet Euch oft in stillem Einverständnis einig sein, Du und Deine Tochter. Sie wird Dich verstehen können. Und Du sie auch, denn Du warst mal wie sie.

Du hast eine Tochter, die vielleicht eine Tochter bekommt, die eine Tochter bekommen kann. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.

Wir haben hier ein Foto mit vier Generationen Frauen darauf. Uroma, Oma, Mutter, Baby.

Das hat mal echt Power.

Hoch leben die Klischees. Darauf ein Gläschen Prosecco mit ’ner Erdbeere. Prost. 

Welche Erfahrungen habt Ihr mit dem Thema Geschlechterklischees gemacht?

Weicheier voraus! (?)

Dieser Artikel der Huffington Post (inzwischen vielen bekannt) hat mich zu einem Blogpost inspiriert, den ich schon lange schreiben wollte.

Die Frage dahinter: Erziehen wir Eltern von heute die Memmen von morgen?

Mir fiel beim Nachdenken auf, dass ich exakt keiner eindeutigen Meinung war. Es gab Einiges, das für eine sensible, bedürfnisorientierte Erziehung sprach, sowie Einiges, das mich nachdenklich machte. Natürlich finde ich nicht, dass alle heutigen Kinder in der Zukunft „Memmen“ sein werden. Ich setzte mich aber mit dem Gedanken dahinter auseinander – mit der Kritik am Erziehungsstil der Gegenwart.

Und so etwas tue ich bekanntlich gerne differenziert und so sachlich wie möglich. Beim Thema Erziehung ist das ja für uns Mütter nicht immer einfach. Ich mag es, mich auch in gegenteilige Meinung hineinzuversetzen und manchmal finde ich darin ein Korn Wahrheit – besonders, wenn ich mich zuerst aufregen wollte …

Auch dieses Mal wollte ich mir die Kritik so ruhig und objektiv wie möglich ansehen. Hierfür habe ich die Kritik gründlich beleuchtet und denke, der Ausdruck „Memmen-Erziehung“ zielt auf das ab, was eben gerade in der Erziehung aktuell gelebt wird. Und damit habe ich mich dann auseinandergesetzt. Ich schreibe strukturiert auf, was gegen und was für die aktuelle Erziehungs-Strömung spricht.

Einmal die Pros der „Memmen-Erziehung“ und dann die Contras:

essentialunfairness.wordpress.com

Kann man zu viel Liebe bekommen?

Pro: Zum Thema der Panik vor Schadstoffen in Kleidung, Nahrung, Spielzeug, Schnullern oder Trinkbechern: Eltern sind heute sehr informiert, die Medien für jeden immer greifbar. Man erfährt von jedem neuen Skandal und jedem Produktrückruf sofort. Man liest als Kommentar unter etwas wie

„Alnatura ruft Dinkelstangen zurück“ etwas wie Folgendes:

„Na toll, wem kann man denn noch vertrauen, wenn nicht mal denen?“

Und dann denkt man sich:

„Jup. Genau. Wem eigentlich?“

So wird man sehr vorsichtig und gefahrenbewusst. Und so wird schlimmstenfalls ängstlich, mindestens aber vorsichtiger. – Man wird durch die eigene, liebevolle (!) Motivation und moralischen, beziehungsweise gesellschaftlichen Druck dazu gebracht, immer das Beste zu wollen und was das genau ist, wird auch mitgeliefert:

Es gibt so viele Regeln und ungeschriebene Gesetzte speziell für Mütter! So viele Kommentare und Ratschläge. Vieles beginnt mit

„Wie kann eine Mutter nur …?“

Das macht uns vorsichtig und auch umsichtig. Ich sehe nicht ein, dass beides für die Kinder unbedingt schlecht sein soll. Nein, man muss nicht sofort springen, wenn ein Kind etwas möchte, aber es kategorisch ignorieren, damit es „seinen Platz findet“ auch nicht.

Kinder sind sensibel. Will man gestählte und eventuell harte Menschen oder mitfühlende Erwachsene großziehen? Solange man seinem Kind Empathie nahebringt, wird es das selbe mit seinen Mitmenschen tun. Klar, man darf nicht um das Kind herumspringen und es mit Konsum zumüllen, ohne sich ihm wirklich zu widmen und zu öffnen. Aber das tun ja auch die wenigsten, denke ich.

Negative Erfahrungen können, wenn sie nicht richtig begleitet werden, sehr negative Auswirkungen haben. Wenn man seinen Kindern etwas zumutet, dann nur, wenn man sie stärkend hindurch begleiten kann. Weil man selber sehr stark und gefestigt ist oder psychologisch versiert, pädagogisch geschult oder Ähnliches. Wenn das gewährleistet ist, dann profitieren Kinder enorm von der Begleitung auch durch schwierige Lebensereignisse, anstatt sich selbst überlassen zu werden, so wie es oft in den 80ern war.

Die Eltern denken sich ihre Ängste nicht aus. Diese werden geschürt. Auch von Firmen, die ihre Produkte verkaufen wollen. Die Bio-Label sagen

„Alles andere ist Giftmüll – hier ist die passende (von uns in Auftrag gegebene) Studie.“

So geht es mit vielen weiteren Produkten. Zudem gibt es laufend Nachrichten über verschwundene Kinder, sexuellen Missbrauch, Mobbing und vieles weitere Gefahren. Zudem gibt es Gefahren durch den vielen Verkehrß, Umweltgifte und vieles mehr. Das verängstigt und verunsichert Eltern – wie sollen sie da mutig ihre Kinder in das Leben schicken?

Ja, in den guten alten 80ern bekamen wir Fanta mit zwei Jahren und hatten keinen Schutzhelm. Und tranken puren Saft aus der Nuckelflasche. Und steckten im Gehfrei (meins klappte bei voller Fahrt übrigens gern zusammen …).Und atmeten Zigarettenqualm ein. Und wir waren nicht angeschnallt. Und saßen auf dem Gepäckträger.

Und wenn dabei nie ein Kind verunglückt oder (auch als Spätfolge) erkrankt wäre, wieso wurden diese Dinge dann geändert? Sind das nur Verschwörungen der Industrie? Oder gab es in der Tat früher viel mehr kindliche Verkehrstote? Mehr Karies? Mehr Unfälle im Haushalt? Ja, das alles gab es und heute ist das Leben für Kinder viel gesünder und sicherer. Warum es immer mehr Allergien und verhaltensauffällige Kinder gibt, das fragen sich allerdings sehr viele Experten.

Einerlei: Die 80er waren mitunter gefährlich, die meisten haben überlebt und können sagen:

„Hey ja, es war wüst, aber uns hat es auch nicht geschadet!“

Und die anderen … ja, die können leider nicht mehr mitreden.

Kinder könnten mit ihren Problemen allein gelassen werden oder irgendwann nicht mehr daran glauben, dass ihnen jemand hilft, wenn sich kein Erwachsener ihnen zuwendet. Zu viel Zuwendung schadet – zu wenig schadet aber weit mehr.

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Menschen, deren Bedürfnisse zuverlässig erfüllt werden, entwickeln Urvertrauen. Damit sind natürlich Grundbedürfnisse gemeint: Liebe, Zuwendung, Nahrung, Schlaf, Sauberkeit. Es geht nicht um teuerste Kindermode oder Ähnliches. Es geht um’s Lieben, Wärmen, Nähren, Kümmern. Um ein offenes Ohr bei Problemen. Und das braucht jeder Mensch. Wer so aufwächst, gibt diese Liebe auch an Andere weiter. Und das wiederum bräuchte die ganze Welt.

Kinder atmen Atmosphäre. Herrscht zuhause ein liebevolles Klima, in dem auch die Erwachsenen liebevoll und ehrlich zueinander sind, dann werden die Kinder sich ebenso verhalten. Hektik, Vorwürfe und Streitereien sowie Machtspielchen zwischen den Eltern sind destruktiv. Kommt so etwas aber doch vor, dann fängt die konstruktive familiäre Atmosphäre dies gut ab. Wenn sie da ist. Daher ist es wichtig, sein Verhalten ehrlich zu beobachten. Diese Ansätze kann man in der „Memmen-Erziehung“ sehr wohl aufgreifen und ausarbeiten. Hier geht es um Gemeinsamkeit, statt um selbstverliebte Einzelkämpfer, die ihre eigenen Gefühle auf das Kind projizieren. Natürlich gibt es die auch. Von ihnen unterscheidet man sich, indem man seine Motive erkennt. Und das steht jedem frei.

Contra:

Seine Kinder ins Zentrum zu stellen gehört einfach (und vielleicht manchmal mit seltsamen Auswüchsen) zum aktuellen Mainstream der Erziehung. So gut die Gedanken und Wünsche einer Idee auch sein mögen – nichts ist ohne Schattenseiten. Man sollte seinen Standpunkt flexibel halten, gerade wenn es um Menschen geht, die sich entwickeln und wachsen. Um Individuen. In den 70ern kam beispielsweise das Laisser-faire auf und war in Mode.

Es erschien vielen Eltern als der einzig selig machende Weg für Kinderseelen.

Nie wieder Gewalt gegen Kinder! Freie Selbstentfaltung! Weg mit der Distanz zu den Erwachsenen! Weg mit dem autoritären Mist der Kriegs(verbrecher-)generation! Nachvollziehbare und zeitgemäße Gedanken. Und Grundsteine des Umgangs mit Kindern, wie wir ihn heute kennen.

Von der linksliberalen Ecke wanderte die Idee des Kindes als gleichberechtigtem Familienmitglied in den Mainstream. Eine sehr gute Entwicklung. Mit teilweise erschreckenden Auswüchsen, über die man heute nur die Köpfe schütteln kann.

Es entstanden die berühmten Kinderläden – dort durften die Kinder auch mal mit Essen werfen, sich lachend ausziehen, sie spürten ihre Grenzen und die anderer, sie konnten sich frei entfalten. Sie sollten Grenzen selber erkunden und selbstbewusst werden, indem sie selbst etwas tun und entscheiden durften.

Und sie „durften“ leider auch immer mal wieder manche Erzieher an Stellen streicheln, an denen man sich nicht von Kindern streicheln lassen sollte. Auch das geschah im Gedanken an das Kindeswohl. Das Establishment war prüde und verbot die freie Entfaltung. Da musste man sich aufstellen und protestieren, die kindliche Sexualität als ur-kindliches recht entfalten. Es gab die Idee, man sollte Kinder beim elterlichen Sex zuschauen lassen. Sie sollten auch ruhig mitmachen. Dadurch entstünden mündige und freigeistige Staatsbürger.

Ja, die Revolution in der Pädagogik hatte schräge und verstörende Blüten.

Dieses (wirklich sehr extreme, aber deshalb nicht unsinnige) Beispiel zeigt, dass die besten Ansätze nicht vor (oftmals großen) Fehlern gefeit sind.

Jede nachfolgende Generation fasst sich dann an den Kopf und denkt: „Ja, aber wir wissen es ja Gott sei Dank besser. Wir wissen jetzt, wie es richtig ist.“

Dabei sind alles Entwicklungen, die aufeinander aufbauen. Es gibt Trends und Tendenzen. Mal sollen Frauen  nur ja keine Hausfrauen werden und dann sollen sie hingebungsvoll den sicheren Kern der Familie wahren. Dann wieder von vorne. Und noch mal zurück. Das wird noch lange so gehen. So lange es Menschen gibt. Daher sollte man Kritik ruhig erst einmal ansehen. Vielleicht zeigt sie die nächste Strömung – das kann man nie wissen.

Im Augenblick hat sich die Pädagogik dahin entwickelt, dass kindliche Bedürfnisse sehr genau wahrgenommen werden und auch (oftmals umgehend) befriedigt werden sollen. Die Kinder sollen dadurch im Selbstvertrauen gestärkt und sich geliebt sowie angenommen fühlen.

Der Ansatz ist großartig! Und auch er birgt Schattenseiten.

Als Langzeitfolgen nennen Experten (und beobachtende Mitmenschen) das Heranwachsen kleiner Narzissten ohne Benehmen, Empathie und die Fähigkeit, sich für das Gemeinwohl mal zurücknehmen zu können.

Ja, das sind Extremdarstellungen. Aber dennoch sollte man Warnungen ja vielleicht erst einmal ernst nehmen.

Es sind nicht nur die Experten klug, die das sagen, was einem gefällt.

Da wird man ja zu einer Art Unternehmen, das exakt die Studien in Auftrag gibt, die es bestätigen. Und die finden wir ja doof.

Kinder, die in überhöhter Position mit ihren Wünschen und Bedürfnissen über der Familie thronten, bekommen viel zu viel Verantwortung und ein unechtes Selbstbild. Dieses lässt sich später nur mittels knallharter Erfahrungen im „echten“ Leben korrigieren. Da kommen dann all die blutigen Nasen und fieses Konflikte auf. Dort, wo es fordernde Chef*innen und unbequeme Kolleg*innen sowie anspruchsvolle Partner*innen gibt.

Wenn man nun bei der Erziehung nicht die richtigen Schwerpunkte setzte, dann wird das einstige Kind auf sehr unangenehme Weise dazulernen.

Die Komponente der Konsum-Überschüttung ist eine der Begleiterscheinungen des Fokus auf die Kinder, der sich in unserer Gesellschaft eingestellt hat.

Unselbstständigkeit und Verhaltensauffälligkeiten sind zwei Dinge, die Lehrer*innen und Erzieher*innen immer wieder als Beobachtungen aus ihrem Berufsalltag äußern. Das sind weitere negative Auswüchse des an sich sehr guten Grundgedankens. Es liegt vielleicht ja doch nicht alles an den Umweltgiften, sondern an verschiedenen sozialen und pädagogischen Komponenten.

Die „Weichei-Erziehung“ geht nur bei einer geringen Kinderanzahl in der Familie so richtig gut. Das startet man romantisch mit einem Kind und endet spätestens bei Dreien langsam – oder auch ganz schnell.

Denn die Bedürfnisse dreier Menschen (und bitte auch noch die eigenen) kann kaum eine Mutter rappzapp wahrnehmen und befriedigen. Oder sie tut es und erlebt als Langzeitfolge etwas wie Erschöpfungszustände oder andere Erkrankungen, davon kann ich zum Beispiel ein Lied singen. Mir war der Balanceakt nicht gut gelungen. Nicht auf lange Sicht. Es gibt Dinge, die kann man erst nach langen Jahren umfänglich beurteilen, musste ich feststellen.

Auch sind in größeren Familien die Tendenzen der Bedürfnisorientierten Erziehung eher schwierig umzusetzen: Im Elternbett wird es auch eng, wenn da alle so lange mitschlafen dürfen wie sie möchten. Drei Kinder zeitgleich zu stillen wird auch etwas stressig, je nachdem in welchem Altersabstand sie sind und wann das Kind sein natürliches Abstillbedürfnis erreicht hat. Da ist die Orientierung an den kindlichen Bedürfnissen dann etwas schwieriger. (Es gibt nur wenige Prozente Großfamilien, ich weiß das. Aber diese stellen einen sehr großen Anteil an der Gesamtkinderzahl unseres Landes.)

Wünschenswert ist der Einklang des kindlichen und erwachsenen (Er-)Lebens. Solange es für Kinder normal ist, gegen die Badezimmertür zu treten wenn Mama pinkelt und ihr ins Wort zu fallen, wenn sie mit der Nachbarin spricht um dann auch noch immer Gehör zu erhalten, stimmt etwas nicht.

Hier entstehen dann keine Memmen, sondern rücksichtslose Menschen. Den Toiletten-Kampf kenne ich selber. Ab einem gewissen Alter habe ich es dann geschafft, rückgängig zu machen, dass die Kinder die Existenz der Badezimmertür als Affront empfanden. War aber harte Arbeit. Zuvor war ich der Überzeugung, dass sie es brauchen, in meiner Nähe sein zu können. Und weiter habe ich das nicht hinterfragt. Weil das irgendwie einfach von allen Müttern so erlebt wurde …

Es ist inzwischen schon echt schwer, sich gegen den gesellschaftlichen Trend zu wehren und zu sagen: „Ich gehe alleine zum Klo, Kind. Du wartest jetzt.“

– Oft wird nicht hinterfragt oder individuell entschieden, sondern bestimmten festgelegten Regeln gefolgt, weil der soziale Druck groß ist. Es scheint Dinge zu geben, die unerlässlich sind, um die Bindung und Entwicklung zu stärken. Und diese soll man dann irgendwie durchexerzieren. Mainstream ist natürlich per definitionem nicht individuell und man muss sich seinen Teil herausnehmen, ihn für sich passend schleifen.

Aber da bieten sich enorme Schlachtfelder für die berüchtigten Mommy Wars – man steht schnell unter Druck. Das wiederum tut niemandem gut.

Immer mehr Mütter leiden an Burnout – wäre es nicht besser, sie würden zuerst lernen, sich um sich selbst zu kümmern und die eigenen Bedürfnisse beachten? So wie man bei einem Druckabfall im Flugzeug zuerst sich und dann anderen die Sauerstoffmaske aufsetzt? Die Mütter kommen bei der Idee „Die Kinder kommen immer zuerst und stehen im familiären Zentrum“ irgendwie etwas kurz. Das kann ebenfalls ungewollte Langzeitfolgen haben.

Kinder sollen sich etwas zutrauen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Aus der Überbewertung und Erhöhung entstehen anscheinend Narzissten. Woher will man wissen, ob man da die Balance hält? Wie gut die eigene Erziehung gefußt hat, merkt man meist erst so richtig nach zehn bis zwölf Jahren.

Misserfolge können stärken. Aus dem Weg geräumte Schwierigkeiten schwächen. Auch hier ist die Balance-Frage da. Wie viel kann ich meinem Kind zumuten? Wo soll ich eingreifen? Beim Schuheanziehen? Beim Spielplatz-Streit? Beim Schulfhof-Mobbing, das in den good old times noch „Ärgern“ hieß?

Hier ein persönlicher Hinweis zum Maßstab:

In den guten, alten 80ern wurde ich an der Haltestelle gemobbt. Geärgert, getriezt und verprügelt hieß das da noch. Ich konnte mich nicht wehren, stecken Misserfolge ein. Ich klagte das meiner Mutter, die klagte es hilflos meinem Vater und brachte mich zum Bus.

Das war irgendwann auch blöd und mein Vater stattete widerwillig den Eltern des Mobbers einen Besuch ab. Der Mobber beschwerte sich darüber bei mir. Schließlich gab mein Vater mir den Hinweis, ich solle dem Mobber Angst machen. Irgendwie gelang mir das nicht. Ich war so entmutigt und mir fehlte das Selbstbewusstsein.

Einerlei: So motiviert waren meine Eltern selten.

Und? Hat mir alles nicht geschadet!

Doch, hat es.

Ich steckte Misserfolge und Demütigungen ein. Weil ich ein klassisches Opfer war. Von klein auf. Deprimierend war das, frustrierend und ego-raubend. Und es stauten sich viele Aggressionen an. Auch nicht gesund. Die Eltern, die heute zu den Lehrern rennen und sich beschweren, sind nicht unbedingt hysterisch. Mütter, die wie verrückt nach dem einen blauen Nuckel suchen oder in drei Supermärkte wetzen, weil das Kind nun mal nur den einen Apfelsaft trinken möchte – die … hm … dürften ihre Lebenszeit manchmal vielleicht anders planen, ohne dadurch ihre Kinder zu traumatisieren.

Kindern kann man etwas zumuten. Man sollte es sogar. Selbstverständlich nur in einem begleiteten Rahmen. Aber nicht in einer fahrbaren Intensivstation mit Vollfederung und doppeltem Boden.

Das Kind wurde mehr und mehr zum Projekt, statt zum selbstverständlichen Lebensbestandteil. Daher steht es im familiären Mittelpunkt. In meiner Kindheit ging es am Wochenende darum, dass möglichst alle etwas Nettes erlebten. Oder oft auch nur die Eltern. Da musste man irgendwie durch. Bei gutem Wetter gingen die Eltern Tennis spielen oder die Mutter wollte sich sonnen – dann ging es an den Baggersee oder ins Freibad. Oder es ging zum Einkaufen in die Stadt. Und man trieb sich da irgendwie rum. Oder es ging zu einer Autoausstellung, einem Stadtfest oder mal zum Minigolf.

Die Idee, „Wir Eltern atmen das Glück der Kinder ein und allein das ist für uns Freude genug“ ist recht jung.

Die Ängstlichkeit der Eltern hemmt die Kinder in ihrer Entwicklung. Ein Kind, das klettern und fallen darf, lernt rasch, dass es sehr gut wieder aufstehen und erneut klettern kann. Es lernt seine Grenzen kennen und erfährt sich in allen Schwächen und Stärken. Das gibt Selbstsicherheit.

Was kann man Kindern denn nun zutrauen und zumuten?

Können Zehnjährige bügeln, wenn man in der Nähe bleibt und sie sich dadurch sicher fühlen? Ja.

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann ...

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann …

Können sie Wäsche nach Farben sortieren? Ja. Nein. Meistens.

Können sie über 8 Stunden lang im Steinbruch Säckeweise Steine schleppen? Zum Beispiel in Pakistan? Ja. Sollten sie aber nicht.

Können sie einen Kaffeeautomaten bedienen und stolz dem Besuch Getränke bringen? Aber sicher.

Können sie ihr Bett machen und ihr Zimmer aufräumen? Theoretisch ja. Praktische Umsetzung schwieriger als beim Steineschleppen.

Können Kinder jedweden Alters alleine verarbeiten, etwas Bedrohliches oder Beängstigendes gesehen oder erlebt zu haben? Nein.

Können Kinder es heil überstehen bei einem Autounfall nicht angeschnallt zu sein, wie in den 80ern? Nein.

Können Kinder emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie nicht oder nur kurz gestillt wurden, nie in einem Tragetuch saßen, früh im eigenen Zimmer schliefen, Gläschenkost bekamen und den Schnuller immer in der auf der Packung angegebenen Größe benutzten? Ja.

Können sie emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie in einer Umgebung leben, in der sie verunsichert werden, in denen die Erfüllung ihrer ureigenen Bedürfnisse unzuverlässig stattfindet und in der sie sich nicht oder nur zeitweise geborgen fühlen können? Nein.

Können Kinder gut aufwachsen, wenn man ihnen eine gesunde Mischung aus Liebe, dem gesunden Etwas-Zutrauen, Rückhalt, manchmal etwas gesundem Druck, Verständnis und dennoch zuverlässiger Anleitung zuteil werden lässt? Unbedingt.

Erziehung verändert sich im Laufe der Lebensjahre

In den ersten Lebensjahren ist man in einer warmen Wolke aus romantischer Liebe. Das Kind ist niedlich und sehr nah an einem selbst. Es findet und zeigt sich immer mehr selbst, je älter es wird.

Bis zum Eintritt in die Grundschule empfand ich persönlich das Leben mit Kindern immer als sehr „niedlich“.

Klar, es war auch stressig und immer wieder beanspruchte es mich sehr. Überwiegend war es einfach (be-)rührend, süß, bereichernd, beglückend und kuschelig mit den drei Kleinen.

Aber so ein Kindergartenkind, das nach dem Vorlesen auf dem Sofa der Kuschelecke eingeschlafen ist oder eines, das im Garten für Mama einen Blumenstrauß abrupft, der nur aus Blütenköpfen besteht, ist ganz anders als ein Schulkind, das von Klassenkameraden verhauen wird. Oder eine pubertierendes Mädchen, das abends plötzlich im Wohnzimmer steht und mitteilt, dass es gerade seine erste Periode bekommen hat. Die Zeiten ändern sich. Und eben nicht nur die. Man selbst muss mitgehen. Bedürfnisse verändern sich.

Während der Grundschulzeit sieht man bereits immer mehr der eigenen kindlichen Persönlichkeit und noch mehr kann man dann erleben, wie das Kind in der „ernsten“ Welt zurechtkommt. Man hört von Lehrern, dass es sehr schüchtern ist oder schlampig oder albern oder eben selbstbewusst, sozialkompetent oder was auch immer. Da spürt man dann spätestens immer mehr, dass man einen kleinen Menschen zu einem großen Menschen werden lässt.

Dieser wird irgendwann einen Chef und Kollegen haben, er muss sich Konflikten und Druck stellen können.

Hierfür braucht er Vertrauen in sich selbst. Und dieses erhält man nicht durch zu viele Misserfolge und auch nicht, wenn man zu oft sich selbst überlassen wird. 

Daher lehne ich ein Verteufeln der „Memmen-Erziehung“ rundheraus ab.

Aber auch ein Übertreiben der selben in Richtung Überfürsorge – denn diese verkehrt den schönen elterlichen Wunsch in das Gegenteil.

Persönliche Anekdote zum Schluss

Als ich ungefähr acht oder neun Jahre alt war machte ich mit meinen Eltern Urlaub am Meer. Es wurde ein Pony ausgeliehen. Das Tier war mehr eine Art weiße Felltonne mit viel zu kurzen Streichholzbeinen, aber das tut nichts zur Sache – ich fand es schön und weiß bis heute, dass es „Cindela“ hieß.

Mein Vater, durch die Pferdezucht seines Onkels von klein auf Reiter, nahm aus dem Stall eine Longe mit (das ist ein langes Seil, an dem man ein Pferd um sich herum im Kreis laufen lassen kann, während man es vom Zentrum heraus anleitet).

Er trieb die „Felltonne“ an. Und ich saß oben drauf. Die kleinen Beine trappelten unter mir und es wurde immer schneller. Das Pony schaffte es sogar, sich irgendwie zu strecken und noch schneller zu werden.

Dann ließ mein Vater die Longe länger, der Kreis wurde größer, ein größerer Stein lag im Weg und es kam, wie es kommen musste: Ich flog über den Hintern des Pferdes im Bogen auf die Erde.

Mein Vater kam zu mir und sagte in einem Ton, den er sicherlich aus irgendeinem Film hatte und der in meiner Welt mit „Mein Sohn ….“ hätte beginnen müssen: „Steig wieder auf. Wenn man vom Pferd fällt, dann muss man stets wieder aufsteigen.“

(Mein Therapeut kommentierte diese Erinnerung übrigens mit: „Hm, da ist aber eine Menge Sadismus im Spiel, finden sie nicht?“)

Ich habe aus der Situation Folgendes mitgenommen und das als Grundschulkind (soll zeigen, wie viel Kinder begreifen und wahrnehmen können):

– Mein Vater vermisste einen Sohn, mit dem er „etwas anfangen konnte“. Sein Erstgeborener mit Asperger war es jedenfalls nicht.

– Meinem Vater machte es Freude, Lektionen zu erteilen

– Ich wusste, dass ich meinem Vater eine Menge zutrauen musste und bekam Angst vor ihm

– Ich wusste, dass ich richtig reiten lernen wollte, um nie wieder vom Pferd zu fallen

– Das Pferd, das ich rund 10 Jahre später besaß, wollte ich nach einem heftigen Beinahe-Unfall nie wieder reiten und es musste verkauft werden.

Ich bin im Leben immer sofort aufgestanden, wenn ich gefallen bin. Es scheint nichts zu geben, das mich wirklich lange umhaut. Wenn ich etwas wirklich will, strenge ich mich an bis ich es erreiche. Das liegt aber nicht an dieser dusseligen Lektion. Sondern an meiner Resilienz, meinem Charakter und anderen Faktoren. Ich wünschte, es läge daran, dass man mich gesundes Selbstvertrauen geschult hätte, statt diverser Lektionen in Härte, Aushalten, Alleine-Klarkommen und „Wie-der-Sohn-den-Papa-stolz-machen-kann-Lehren“. Durch Letzteres habe ich auch noch ein Störung der Geschlechterrollenidentifikation bekommen.

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich ...

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich …

Ich bin mir sicher : Wir ziehen keine Generation von Memmen und Narzissten groß.

Vielen Kinder scheint es an klassischem Benehmen zu fehlen, höre ich immer wieder. Und an manchen anderen klassischen Tugenden. Aber doch nicht allen! Und zudem wachsen sie noch.

Sie sind sehr sensibel und begreifen individuell gesehen oft weit mehr als man denkt. Sie spüren Atmosphären, Launen und Stimmungen. Sie brauchen Schutz und unbedingte Kommunikation. Das heißt nicht, sie dürfen pausenlos schnattern, bis Mama die Ohren bluten.

Sondern sie brauchen zuverlässige Menschen, die sich ihnen widmen und denen sie unbedingtes Vertrauen schenken. Sonst ziehen sie sich in sich selbst zurück und resignieren im schlimmsten Fall. Dann werden sie zu Menschen, die sich hart machen, um nicht verletzt zu werden und zu jenen, die meinen, immer alleine alles bewältigen und schaffen zu müssen. Menschen, für die das Annehmen von Hilfe Angst und Schwäche bedeutet. Huch, jetzt rede ich ja über mich … 😀

Sie sind im Laufe der Entwicklung immer weniger nah an den Eltern und orientieren sich immer mehr an ihrer Peer Group sowie der gesamten Gesellschaft. Sie werden vieles noch lernen. Lernen müssen.

Und das schaffen sie am besten, wenn sie gute Wurzeln entfalten und zugleich den Kopf in die Wolken stecken durften.

Da bin ich mir ganz sicher.

Wieviel sind drölfzig Euro Spielzeug denn in Kubikmeter?

Ms. Essential und ich haben gestern Abend in einer spontanen Aktion das Zimmer von Nummer 3 ausgemistet. Eigentlich hat Nummer 3 sogar zwei (kleine) Zimmer – ein Vorzimmer und ein Schlafzimmer. Beide sind aber ehrlich eher klein. Jedenfalls hatte sie im Vorzimmer für Jahre eine Ikea-Spielküche mit Unmengen an Zubehör stehen, sowie einen kleinen Tisch und zwei Stühle. Jetzt, wo sie groß ist, wollte sie gerne einen Schreibtisch haben.

Diesem Wunsch haben wir gestern entsprochen und ihr einen kleinen Schreibtisch besorgt. Der Plan hatte nur einen Haken – wir mussten zu seiner Umsetzung ihr Zimmer betreten. Und das war – wie immer – ein bißchen wie damals im Dschungel von Vietnam.

Ohne jetzt zu deutlich zu übertreiben konnte man das Bett fast nicht erreichen. Die Regale quollen über, vor dem Bett stapelte sich die schmutzige Wäsche, die Küchengeräte waren komplett über den Boden verstreut und versuchten mich zu Fall zu bringen und mir das Genick zu brechen.

„Jetzt reicht´s!“ schnaubte Ms. Essential und stapfte die Treppe hinunter. Eine Minute später war sie wieder da – mit einem Müllsack in der Hand.

(An dieser Stelle bitte hymnische Choräle hinzufügen)

Ihr müsst wissen, dass der Müllsack für uns ein ewiges Streitthema ist. Wann immer wir uns über chaotische Kinderzimmer ärgern, schlage ich vor „den ganzen Mist doch einfach wegzuwerfen“. Mrs. Essential hält dann dagegen, dass die Kinder „das doch gerade erst bekommen haben“ oder „die Oma es ihnen geschenkt hat“. Sie versteht normalerweise nicht, dass diese Argumente völlig nebensächlich sind und ich natürlich vollkommen recht habe. 

Nicht so gestern. Da kam sie die Treppe hinauf gestapft, mit einem Müllsack in der Hand. Eine Amazone des Spielzeugentsorgens. Eine Göttin des Puppengemetzels.

Ich verstand natürlich sofort, was die Stunde geschlagen hatte, und bestärkte sie in diesem Blutrausch.

„Genau, das muss alles weg, nein, das braucht sie nicht mehr, daran erinnert sie sich doch sowieso nicht. Guck mal, diese Schublade quillt auch noch über. Nein, nicht nachdenken, wegwerfen!“

Nummer 1 unterstützte uns bei der Aktion und half, bei zweifelhaften Gegenständen eine Entscheidung zu treffen. („Braucht sie dieses Bein hier noch?) Als wir die Aktion ungefähr zur Hälfte beendet hatten, hörten wir Schritte auf der Treppe. Nummer 3 war auf dem Weg in ihr Zimmer …

„Oh Gott,“ flüsterte Ms. Essential. „Wir sind doch noch nicht fertig!“

Ich packte Nummer 1 an den Schultern. „Schnell! Du musste sie aufhalten!“

Unsere Große stürmte ihr entgegen und lenkte sie ab, während Ms. Essential und ich weiter Spielzeug in Müll umdeklarierten. Ungefähr 90 Minuten später hatten wir drei 120 Liter-Müllsäcke mit … Dingen … gefüllt. Das meiste davon konnte man nicht einmal guten Gewissens als Spielzeug bezeichnen, es waren mehr so Puppenrutschen ohne Aufhängung, winzige Kaffeeuntersetzer oder kopflose Puppen und puppenlose Köpfe. Wobei ich zugeben muss, das natürlich auch voll funktionales Spielzeug dabei war.

Hinterher stellten wir uns die Frage, woher der ganze Krempel eigentlich kam. Die Antwort ist erschreckenderweise relativ einfach: Die Kinder haben einmal im Jahr Geburtstag, jedes Jahr ist wieder Weihnachten, und zwischendurch kriegen sie Taschengeld und dann und wann auch einmal so ein Geschenk. Ich weise innerfamiliär seit Jahren darauf hin, das jeder Euro, den man in Spielzeug investiert, 10 Cent an Kosten für Müllsäcke nach sich zieht (und – viel schlimmer – unbezahlbare Elternfreizeit kostet). Aber normalerweise beschimpft mich Mrs. Essential dann nur als herzlosen Spielzeughasser.

Gestern jedoch wurde uns klar, dass das alles einfach viel zu viel Krempel ist. Wir sind schon relativ restriktiv in Bezug auf Geschenke – jedes Kind kriegt nur ein Budget von 50 Euro pro Geschenkanlass, auch Opa und Tante liegen nicht wesentlich darüber. Wir haben nichtmal so unglaublich viele Verwandte die was schenken. Neu kreierten Schenkfesten wie Ostern oder dem Kindertag verweigern wir uns so weit wie möglich – Ostern liegt das Budget unter 10 Euro und den Kindertag ignorieren wir vollständig. Alles andere kommt uns sowieso nicht ins Haus, und wir lassen uns auch nicht einreden dass man zu diesen Gelegenheiten am besten einen Flatscreen schenken sollte (wobei … der fliegt dann wenigstens nicht rum).

Bei einer großen Familie gerät so etwas nämlich selbst unter strikten Vorgaben sehr schnell außer Kontrolle – 50 Euro pro Geburtstag mal Verwandtschaft plus Weihnachten mal 50 Euro mal Verwandtschaft plus Sonderanlässe mal 4 macht ungefähr drölfzig Hundert Euro pro Jahr, die wir an Spielzeug ins Haus bekommen. Und die dann aus den Schubladen quellen und mir die Füße brechen wollen.

Ich sehe ja irgendwo ein, das „Alles wegschmeissen! Soll Gott es aussortieren!“ nicht unbedingt die Lösung für alle diese Probleme ist. Aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass in der Spielzeugindustrie nur schlechte Menschen arbeiten, die Eltern hassen.

… und der Jüngling blickte in den See und ward verliebt …

… und der Jüngling blickte in den See und ward verliebt …

… als er sich mit dem Schönen vereinen wollte, stürzte er in das Wasser und ertrank. Tragisch, was dem Sohn des Flussgottes zustieß, den Caravaggio so wunderschön malte, oder?

Es gibt ein neues Thema, sogar gleich mit Studie, zur Frage nach dem modernen, elterlichen Umgang mit den Kindern. Die Welt schreibt dazu „Überhöhung durch Eltern fördert Narzissmus bei Kindern“.

Hier geht es darum, dass Eltern (Viele? Manche? Einige? Die meisten?) ihre Kinder als Dreh- und Angelpunkt des Universums ansehen. Die Kinder sind als solche immer besser als andere und über jede Kritik durch andere Eltern, andere Kinder, ErzieherInnen oder LehrerInnen erhaben. Der Ansatz sieht sich hier im Gegensatz zur Psychoanalyse an der Stelle, dass den Kindern der Narzissmus anerzogen wird. In der Psychoanalyse ist es eher so, dass ein Mensch mit zu wenig Bezug zu anderen Menschen, also einer mit kleinem Selbstwertgefühl, zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung neigen kann. Ein eher vernachlässigtes als erhöhtes Kind wird zu einem selbstverliebten Pfau wird. Einer, der keine Kritik verträgt und sich gerne als überlegen darstellt. Weil er sich eben innerlich mickrig fühlt.

Logisch – wie Psychologie immer ist, meiner Meinung nach.

Die neuen Narzissten sollen der Studie nach dazu erzogen oder geprägt werden. Klingt auch nicht unlogisch. Aber ich finde, auch ihnen mangelt es doch an elementaren Dingen: Sie werden gefördert aber wenig gefordert. Sie dürfen nicht in Ruhe mal versagen und verzagen. Sie dürfen sich nichts zutrauen und sich mal überschätzen, um durch die Umwelt eine keine Korrektur des Selbstbildes zu erfahren. Wer perfekt ist und sogar über andere Kinder erhaben, ja, der kann sich ja gar nicht weiterentwickeln – ach, er muss es ja nicht!

Klar, wir alle haben mitbekommen, dass sich die Gesellschaft der Generation Selfie ganz gerne selbst betrachtet. Und jeder kennt mindestens ein Kind, dessen Eltern es glorifizieren, wette ich.

Ich habe immer mal wieder ganz gern betont, wie sehr ich gegen das Prinzip des „Projekt Kind“ bin. Und wie schnell man vor allem bei Einzelkindern (ja ja, Klischeereiterei?) in die Falle gerät, das Kind in ein Zentrum zu setzen. Klar gibt es eine Menge nicht-narzisstische und sehr sozialkompetente Einzelkinder – aber eben auch andere. Um ein Einzelkind so zu erziehen, dass es selber aufräumt, den Müll rausbringt, seine Schuhe putzt und so weiter, braucht man innerlich die Überzeugung des pädagogischen Nutzens, Hat man mehrere Kinder, so ergeben sich diese Tätigkeiten aus der Logik des Zusammenlebens. Allein schon, weil die Eltern gar nicht die Diener markieren können. Die Versuchung, einem einzelnen Kind zu viel des Guten angedeihen zu lassen, ist jedenfalls gegebenen. Klasse ist, dass viele ihr dennoch widerstehen. Auch bei zwei Kindern ist es noch möglich, beiden alles hinterherzutragen und sie zu überhöhen. Aber ich glaube, die Möglichkeiten dazu sinken mit wachsender Kinderzahl. Also bezieht sich die Studie eventuell eher auf die moderne Drei-Personen-Familie, nehme ich an. Aber das macht sie ja weder uninteressant noch unwichtig. Der Trend zu wenigen Kindern ist nach wie vor da. Und er hat viele Ursachen, so viel ist bekannt.

Und wieder möchte ich anmerken, dass in den Zeiten vor dem Projekt Kind kein Raum war für Überhöhung. Klar gab es den klassischen verzogenen Adelsspross – aber schon mal etwas vom verwöhnten Bauernmädchen gehört? Ich auch nicht.

Die Gefahr, die eigenen Kinder zu erhöhen und mit Materiellem zu überhäufen ist recht neu, weil die Möglichkeiten dazu ebenfalls jung sind. Daher können gar nicht alle Eltern auf sie gefasst und innerlich vorbereitet sein. Das eine Kind ist eben eine ganz große Sache im Leben. Sie soll glücklich und perfekt für alle ablaufen.

Da können bestimmte Anlagen eben auf der Strecke bleiben.

Ich glaube definitiv nicht, dass eine Generation soziale Schwachmaten großgezogen wird. Aber es gibt mehr davon als vor ein paar Jahrzehnten. Irgendwie finde ich es nett, wenn es eine Phase im Leben gibt, die nur einem selbst gehört und in der man sich selbst wahrnehmen und seine (Aus-)wirkungen testen kann. Das sollte aber in einem gesunden Rahmen geschehen.

Insgesamt geht es ja immer um Strömungen – schon alte Philosophen der Antike moserten bekanntlich über die schlechten Manieren der nachfolgenden Generation. Daher halte ich nichts von einem Generations-Bashing. Aber ich denke, wenn man messbar machen kann, welche Strömungen und Trends es gibt, dann ist das interessant. Mehr Gewalt unter Kindern und härtere Gewalt unter jungen Erwachsenen ist eine Tendenz, die ich gefährlich finde. Und die wachsende Zahl Selbstverliebter auch.

Was nimmt man seinem Kind nicht alles, wenn man ihm alle Widrigkeiten aus dem Weg räumt? Wie wenig Selbstbewusstsein baut jemand auf, der als kleiner König geboren wird? Als Prinz und Prinzessin. Sind ja auch beliebte Kosenamen für Neugeborene, wenn ich das mal so anmerken darf. War in meiner Kindheit nicht so. Ich hatte keine Freundin, auf deren blütenweißer Bettwäsche in feinsten Rosa der Schriftzug „Kleine Prinzessin“ stand. Und die Kindershirts haben inzwischen aussagekräftige Prints wie: „Mein Papa ist cooler als deiner“ oder „Tut, was ich sage, sonst schreie ich“ sowie „Ich bin die Prinzessin – erwartet meine Befehle“. Ich warte noch auf „Mein Papa hat den Längsten“ und „Ich bin die rosa Projektionsfläche der Vorstellungen meiner Mama“. Das habe ich bisher noch nicht gesehen …

In der Antike, als man sich die verschiedenen Versionen der Geschichte des Narziss erzählt, warnte man bereits vor den Gefahren des Narzissmus: Mangelnde Selbsterkenntnis, die tödlich endet. Tödlich im symbolhaften Sinne. Wer sich nicht erkennen kann, der lebt nicht. Er ist ein Abziehbild, das Produkt seiner oberflächlichen Betrachtung. Er kann im Spiegel niemals erkennen, wer er wirklich ist, sondern erhöht sich aus Selbstschutz durch seine Schönheit oder Äußerlichkeit. So ist das gemeint, glaube ich. Und ein alter Hut, wie ich mal annehmen will. Narzissten gab es schon immer. Man kann sich die psychologischen Biographien vieler historischer Figuren ansehen und stößt immer wieder auf welche. Unter den Diktatoren gibt es zufälliger Weise eine Häufung.

Okay, mein Fazit: Ja, die Tendenz zum Narzissmus nehme ich auch wahr. Und zwar zum anerzogenen, der an der Basis meiner Meinung nach gar nicht so weit entfernt vom klassisch psychoanalytisch betrachteten steht, weil eben elementare Dinge wie Empathie und Selbstwertgefühl nicht durch hohle Glorifizierung entstehen können.

Wir dürfen unseren Kinder ruhig etwas zumuten. Sie können eine Menge (mehr als wir manchmal denken) und auch vieles aushalten. Vielleicht muss man nicht ohne Betäubung den Backenzahn ziehen lassen, aber Kinder können mit so vielen Dingen umgehen, dass ich manchmal ganz fassungslos bin. Das Schöne an Kindern sieht man nicht, wenn man sie mit Goldstaub bewirft. Damit verdeckt man es nur.

Hörfehler mit Brokkoli

Ihr habt ja vielleicht schon mal mitbekommen, dass Nummer 3 uns mit ihren Essgewohnheiten beim Mittagessen sehr gerne auf den Nerv geht. Sie mag nicht nur keinen Brokkoli, eigentlich mag sie überhaupt kein Gemüse und nörgelt auch ansonsten bei praktisch jeder Mahlzeit rum. Zu ihrem Unglück gibt es bei uns nämlich zu praktisch jeder Mahlzeit irgendein Gemüse. Was eben dazu führt, dass maximal zwei Mahlzeiten in der Woche ohne Nummer 3-Genörgel ablaufen (wenn es Möhrensuppe gibt oder nur einen winzigen Klecks Buttergemüse).

Da ich momentan Urlaub habe, übernehme ich schon mal öfter das Kochen. So auch heute – es gab Hackbraten mit Ei und Gemüseauflauf. Mit Brokkoli.

So kam es, das Nummer 3 in die Küche geschlurft kam.

„Was ist das?“
Ich antwortete (wie immer): „Gift.“
Sie: „Boa, ich seh doch dass da Brokkoli drin ist!“
Ich: „Nummer 3 , ich muss Dir noch erzählen dass ich letztens einen tragischen Unfall hatte. Seitdem habe ich einen seltenen Hörfehler. Wenn jemand einen Satz sagt, in dem das Wort ‚Brokkoli‘ vorkommt, höre ich nur dieses Wort. Und dann glaube ich natürlich, das diese Person sich noch mehr Brokkoli bestellt.“
Sie: „Ich will Deinen doofen Brokkoli nicht essen!!!“
Ich (grinsend): „Du möchtest also noch mehr Brokkoli haben?“

Das Ende vom Lied? Sie hat den Brokkoli natürlich nicht gegessen. Aber ich habe mit ihr einen Pakt geschlossen: Wenn wir einen gemüsefreien Tag in der Woche einführen, wird sie nie wieder über das Essen nörgeln.

Ich glaube noch nicht so richtig daran. Aber wir werden es versuchen.