Burnout Prävention: 1 Jahr nach der Kur

Heute vor einem Jahr bin ich mit unseren vier Kindern in Kur gefahren. Diagnose: Burnout oder auch „Akuter Erschöpfungzustand“. Ja, okay, so wird das nicht aufgeschrieben, weil Burnout (noch) keine anerkannte Erkrankung ist. Es heißt dann „Stress.“ Die Patientin hatte Stress und eine starke muskuläre Dysbalance im Rücken und so weiter …

Burnout. Und zurück. Heute schreibe ich dazu, was sich in meinem Leben durch die Kur und danach verändert hat.

Wie verlief das letzte Jahr? Was wurde anders und was blieb? Welche Herausforderungen gibt es noch und welche wurden gemeistert?

Hier könnt Ihr meinen ausführlichen Erfahrungsbericht im Stil eines Tagebuchs nachlesen.

Welche Ziele hatte ich nach der Kur?

Nun geht es bei einer Kur ja nicht darum sich drei Woche urlaubsmäßig zu erholen, um sich dann wieder für ein paar Jahre auszupowern und dann wieder in Kur zu fahren.

fullsizerender-15

In diesem Heft notierte ich während der Kur meine Ziele

Als Ziel ist eine Veränderung des Lebens gesetzt. Damit man glücklich lebt.

„Ein ausgeglichenes Leben erfordert niemals einen Urlaub.“

So sieht es aus. Wir alle sollten so leben, dass wir Erschöpfungen vorbeugen und notfalls Veränderungen vornehmen.

Aber wie war das gleich? 80 Prozent aller Menschen, die Veränderungen in ihren Leben vornehmen scheitern bereits am dritten Tag.

Hier sieht man schnell: Das ganze ist eine Mammutaufgabe.

Man muss durch und durch von der Veränderung überzeugt sein. Und: Sie muss mehr Nutzen haben als der aktuelle Zustand. Das Gehirn liebt nämlich Gewohnheiten – ja, auch schlechte. Es hat tagtäglich so viel zu leisten, dass alles, was easy-peasy abläuft (also ohne Nachdenken), im Gehirn Glück auslöst. Das Belohnungszentrum des Gehirns – das Limbische System – sorgt für Glücksgefühle. Zum Beispiel, wenn wir während einer krassen Diät die Chipstüte öffnen. Oder faul auf das Sofa fallen, statt abends noch eine Runde Laufen zu gehen.

Das Neue, das durch die Veränderung kommen soll,  muss einen so großen Nutzen haben (im Sinne von Glücksgefühlen), dass das Gehirn bereit ist, dieses neue Programm zu installieren. Wen es beispielsweise glücklich macht, jeden Tag zu Joggen oder zu Walken, der wird auch dranbleiben. Wer es hasst, der kann es gleich lassen und sich eine andere Sportart suchen.

Wer davon profitiert, sich jeden Morgen duftend einzucremen, der wird immer neue Creme kaufen müssen. Wen das eigentlich nur nervt, der braucht es gar nicht erst zu versuchen, weil es so in einer Zeitung empfohlen wurde.

In der Kur steckt man sich am besten also erreichbare Ziele.

Meine notierten Ziele waren: 

  •  Ich möchte lernen, auf mich und meine Bedürfnisse zu achten und mich von den Wünschen und Bedürfnissen Anderer gesund abzugrenzen.
  • Ich möchte Abstand vom Alltag schaffen können.
  • Ich möchte lernen, mit der Fremdbestimmung des Lebens umzugehen, indem ich Gegenpole finde.
  • Ich wünsche eine berufliche Veränderung.
  • Ich möchte weniger „Müssen“ und mehr „Wollen“ erleben.
  • Ich möchte die morgendlichen kalten Beingüsse beibehalten (Ob ich das packe? brr..).
  • Ich wünsche mir, meine Ziele zu erreichen.

„Butter bei die Fische!“ – wie sieht es denn nun aus?

Okay. Ich habe meine Kurziele im Kopf, daher habe ich die Unterlagen nicht herausgeholt. Ich wollte ganz bewusst schauen, was sich in 12 Monaten für mich verändern ließ und was ich aktiv verändert habe.

Um diese Ziele beibezuhalten habe ich einen Nachsorgekurs besucht.

Dieser besteht immer noch: Wir treffen uns ein Mal im Monat bei einer sehr guten Heilpraktikerin für Psychotherapie. Dann resümieren wir, schauen wie es gerade bei jeder von uns aussieht und besprechen diverse Themen. es gibt Übungen zur Visualisierung, Meditation, Arbeit mit dem Inneren Kind und Arbeit mit den Teilpersönlichkeiten (Nach „Psychosynthese“ von Roberto Assagioli – ein Hammer für die psychologische Arbeit!). Wir als Gruppe werden kreativ, wir machen Brainstorming, wir unterstützen einander urteilsfrei, wir lachen und weinen und behalten unsere Bedürfnisse im Blick.

fullsizerender-11

Ich habe einen Hefter für die wichtigen Notizen und Arbeit der Kurnachsorge-Gruppe angelegt

fullsizerender-7

Von wegen „Eigenlob stinkt“!  Diesen Unsinn durfte ich schnell über Bord werfen und lernen, zu meinen Stärken zu stehen. 

(Nicht wundern bei dem Bild oben – falls Ihr es lesen könnt: Die hinter den Stärken stehenden negativ wirkenden Worte sind die möglichen Schattenseiten der Stärken – dies gehört zur Arbeit mit der „Psychosynthese“. Hier geht es darum, immer im Gleichgewicht zu sein. dazu muss man eigene Stärken und auch deren Schatten sowie auch Schwächen und deren Lichtteile kennenlernen.)

fullsizerender-10

Und Ihr dürft noch einen Blick in den Hefter werfen: Notizen sind während Veränderungen das A und O, echt.

fullsizerender-9

Anleitung zur Muskelentspannung aus einer Frauenzeitschrift: Immer alles sammeln (und nutzen! :D), das hilfreich sein kann.

Zudem gibt es vom „harten Kern“ des Grüppchens aus „Kur-Kolleginnen“ eine WhatsApp-Gruppe. Wir quasseln ein wenig, durch den Kontakt sind wir latent immer an uns und die Ziele erinnert und ja, wir  vermissen einander inzwischen sehr. Der (Teenager-)Sohn einer Kur-Freundin kommt uns zwischen Weihnachten und Silvester besuchen. Wir wollen uns alle wiedersehen und hoffen, dass das irgendwie und irgendwann klappt.

Dies hilft sehr, um auf dem neuen Weg zu bleiben.

Habe ich gelernt, auf meine Bedürfnisse zu achten und mich abzugrenzen?

 

fullsizerender-13

So sieht es aus: Mama braucht mal Ruhe!

fullsizerender-12

Wer sich zurückziehen kann, der kann auch wieder geben (Cooler Türhänger, ne?)

 

Wir Frauen haben meistens überhaupt nicht gelernt, uns zu lieben, nachsichtig mit uns zu sein und unsere Bedürfnisse umzusetzen. Das ging mir nicht anders.

Ich war sehr mies darin, mir überhaupt Bedürfnisse zuzugestehen. Ich bin schließlich Mutter – da muss man sich doch für 20 Jahre selbst in den Schrank sperren und für die Bedürfnisse Anderer verschenken, oder?

Ich habe gelernt, meine Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen. Das war ein echt anstrengender Prozess. Ich kann sie leider nicht immer umsetzen. Viel zu selten, um genau zu sein.

Die Wahrnehmung ist ein guter Erfolg nach 12 Monaten, aber ich bin noch nicht ganz zufrieden. Nun ja: Im Sinne des Life long learning mache ich weiterhin meine Erfahrungen.

Und: Mit einem Kleinkind im Haus ist man eh so fremdbestimmt, dass wahre Entfaltung einfach warten muss.

Und wie sieht es mit Abstand vom Alltag aus?

Puh, hm. Na ja.

Das gelingt mäßig.

Unser Leben ist so voll. Voller Termine, Arbeit, Verantwortung, Hausverkauf, Alltagsbewältigung und bis vor Kurzem noch die Belastung durch das Mobbing.

Dauernde Selbstüberwindung ist alltäglich. Ich mache nichts Schönes so lange, wie ich es will. Sondern bis ich abberufen werden. Zu Terminen, zum aufwachenden Kleinkind, zur Haustür …

Viele Tage beginnen mit Disziplin und enden auch damit. Und zwischendurch auch wieder viel Überwindung. Ich habe zudem Bedürfnisse wie Ordnung: Ich habe immer ein gemachtes Bett, es gibt keinen „Chaos-Stuhl“ im Schlafzimmer – der wird rasch aufgeräumt. Ich räume gefühlt den halben Tag allen hinterher oder/und erinnere sie daran, ihren Kram wegzuräumen, sonst würden wir hier echt stolpern: Über Schulranzen, Sporttaschen, Zeug auf der Treppe etc.

Ja, Fünf gerade sein lassen habe ich schon gelernt. Das sind bereits meine Fünf – denn ich kann nicht leben wie in der Villa Kunterbunt.

Wir, mein Mann und ich, stellen fest, dass früher einfach mehr Lametta war. Es ist echt gerade hier die Rush Hour des Lebens. Es macht nicht halb so viel Spaß wie es sollte, aber doppelt so viel Arbeit, wie man bewältigen will.

Manchmal gehen wir aus. Wir haben unsere Rituale als Paar (der Samstagabend gehört uns!), aber diese lassen sich nicht immer einhalten und umsetzen. Wir hatten zwischendurch (durch meine Prägung auf Bedürfnissverzicht und Caring gegenüber dem Beziehungspartner) eine ungute Dynamik. Diese haben wir allerdings sehr, sehr gut aufräumen können, weil ich durch die Kur und ihre positiven Veränderungen in mir viel selbstbewusster war. Auch das war anstrengende Arbeit, von der man sich kaum erholen kann – wie von aller anstrengenden (inneren und äußeren) Arbeit.

Aber: Selbstliebe ist ein großes Thema für mich geworden, das ich auch richtig gut umsetzen konnte, wofür ich echt dankbar bin.

Und so weiß ich, dass ich Veränderungen schaffe, wenn es möglich ist.

Aber den Alltag selber finde ich immer noch anstrengend und inhaltlich echt etwas lahm. Es ist noch zu freudlos. Ich arbeite daran.

Wie viel Fremdbestimmung ist noch da? Gibt es die erhofften Gegenpole?

Ich fühle mich immer noch sehr fremdbestimmt. Und das ist auch der einzige echte Knackpunkt für  mich persönlich. Ich habe drei Kleinkindphasen (eine mit gleichzeitiger Säuglingsphase) durch. Voller Hingabe. Jeden Tag war ich stolz, was ich alles geschafft hatte mit so kleinen Kindern. Und hatte immer etwas, auf das ich mich freute: Ausgehen am Wochenende, ein Abend zu zweit, ein gutes Essen, Besuch von Freunden…

Das ist viele Jahre her. Und ich muss sagen, dass ich meine wiedergewonnenen Freiheit schon sehr liebte. Und die sind nun weg. Für Jahre. Ich habe diese enthusiastische Hingabe der ersten und zweiten und dritten Phase mit so kleinen Kindern einfach nicht mehr. Die würde mir helfe. Aber ehrlich: Die euphorische Liebe, mit der man sich über süßes Spielzeug freut, mit der man jeden Schritt des Kindes bestaunt und mit der man jeden keinen Erfolg mitteilen will, die ist einfach beim vierten Kind nicht mehr so dicke vorhanden. Die Fremdbestimmung regiert mich und vermiest mir echt oft Laune, obwohl ich ganz brav innerlich Gegenentwürfe mache und auszubalancieren versuche.

Ja, psychoanalytisch gesehen ist mein inneres Kind tief unbefriedigt: es musste sich immer zu Gunsten Anderer zurücknehmen. Seine Eltern „be-eltern“ und galt sofort als egoistisch, wenn es mal „ich“ sagte oder etwas wollte. Will gar nicht wissen, wie persönlich meine Mutter wohl meine Autonomiephase (landläufig gemeiner und fälschlicher Weise als „Trotzphase“ bezeichnet) aufgefasst hat … meine heftige Biographie ploppt immer wieder auf und muss auch noch bearbeitet werden, damit die Ganzwerdung, das Sich-Selbst-Finden- und-Entfalten funktionieren kann.

Und Gegenpole habe ich kaum. Der Tag ist immer noch voll. Voll Kieferorthopäden, Logopäden, Zahnärzten, Kinderärzten (oh Mist! Muss heute noch einen U-Termin für Nummer 4 machen!…), Lehrergesprächen, voller Besorgungen und Erledigungen (allein die Logistik gebrauchter Kleidung ist hier ein Kracher…).

Ich schaffe es kaum, mir Räume einzurichten. Das sagte ich vorgestern auch zu Mister Essential: „Ich kann mich fast gar nicht zurückziehen. Seit fast drei Jahren. das ist furchtbar für mich.“

Ja, ich habe neulich morgens ein Mal nichts gearbeitet, sondern gebadet. Ich kam mir wie eine Revoluzzerin vor. Und ja, ich nähe manchmal, während Nummer 4 schläft (er macht noch Mittagsschlaf, yeah!) und ich schicke die Kinder weg, die wirklich immer vor der Badezimmertür ‚rumlatschen, sobald mein Popo die Klobrille berührt.

fullsizerender-6-kopie

Noch mehr Einblicke in mein Leben: Was tut man nicht alles aus Liebe? Pudelkleidung nähen für den „Therapiehund“ Nummer 2s zum Beispiel. (Echt, ja. Das Tier hat keine Unterwolle und zittert bei Kälte. Bei Regen bleibt es einfach stehen und will nicht mehr laufen – daher der Regenmantel …)

fullsizerender-5-kopie

Ich nähe auch „vernünftige“ Sachen, wirklich! Und das tut mir wirklich sehr gut. Seine Interessen zu pflegen ist wirklich wichtig.

Aber ich wäre so glücklich, wenn ich beispielsweise eine Mutter hätte, die manchmal käme und mir helfen würde. Oder sonst irgendwen. Hach, das wäre vermutlich toll.

So komme ich eben recht langsam voran beim Gegenpol-Schaffen.

Wie steht es denn um die berufliche Veränderung?

Tja-haa: Das habe ich volle Kanne geschafft.

Ich bin während der ersten paar Treffen der Kurnachsorge-Gruppe darauf gekommen. es war plötzlich sonnenklar, während ich den anderen Teilnehmerinnen zuhörte und ihre Probleme analysierte. Irgendwann sagte unsere Gruppenleiterin:

„Das hätte ich ganz genau so gesagt. dem habe ich nichts hinzuzufügen.“

Ich war so im Einklang mit mir während dieser Art der Unterstützung der Anderen. Bei der Analyse und auch den Ideen zur Veränderung!

Plötzlich wusste ich es: Das wird mein neuer Beruf!

Ja, ich hörte seit Jahren meine Freunde sagen: „Wieso wirst Du eigentlich nicht Psychotherapeutin? Das ist voll dein Metier!“

Na, mir war nicht nach einem erdrückenden Studium. So war das.

Als mir bewusst wurde, dass ich auch Heilpraktikerin für Psychotherapie werden konnte, da fiel dieser Ballast ab: Ich musste gar nicht studieren. Viel mehr hätte ich eine sehr viel freier Auswahl der Therapieformen und könnte sehr kreativ vorgehen.

Ich besprach diese Eingebung mit der Gruppenleiterin und sie lächelte.

Dann suchte ich mir (mit viel Bauchgefühl) die passende Schule und bin nun seit September angemeldet. Im Oktober 2018 ist meine Prüfung.

Und ich liebe es so sehr! Ich lerne so gerne – die Inhalte sprechen mich total an. Es ist echt mein Ding!

fullsizerender-4-kopie

So sieht mein Schreibtisch derzeit aus. Und mein Bücherregal erst: ziemlich voll …

Weniger „Müssen“ – mehr „Wollen“?

Es ist zu viel Müssen. Habe ich ja bereits beschrieben: Sechs Personen, Haus(-verkauf/kauf), Ausbildung, Alltag vom Hemdenbügeln bis zur Erinnerung des Kindes an das Verstellen der Zahnspange. Ihr kennt das.

Ich arbeite im Moment am „Wollen“. Es ist so, dass ich Thema für Thema angehe und schaue, was gerade möglich ist. Nicht ohne Frustrationen, muss ich zugeben.

Ich wäre gerne viel freier. Aber im Moment kann ich echt nur nehmen, was möglich ist.

Ich habe die beiden großen Kinder auf deren Wunsch hin (und vor allem, weil es das einzig Sinnvolle ist) zu mehr Selbstständigkeit begleitet. Nummer 1 ist inzwischen echt ein Hammer, was das angeht! Sie ist noch ein bisschen Kind und zugleich sehr erwachsen – 14 Jahre alt – und bemerkt genau, wann sie etwas tun kann, um die Familie zu unterstützen. Meistens tut sie das auch. Ich bin ebenso froh, wenn mal blockiert und durchhängt – schließlich habe ich immer noch die Bedürfnisse und psychischen Befindlichkeiten von uns allen Sechsen im Blick … Abgrenzung ist wirklich ein Balanceakt für Mütter.

Nummer 2 erholt sich gerade so wunderschön von der schlimmen Zeit des Mobbings. Sie muss in teilen „nachreifen“ – Sie übersprang die dritte Klasse und musste sich schnell reifemäßig angleichen. Wir bemerkten aber neulich im Gespräch, dass ein teil von ihr noch 8 Jahre alt ist. Und dieser ist noch nicht gut in den Disziplinen der Größeren: Bedürfnisaufschub. Einsicht, Selbstdisziplin – alles noch ziemlich auf Null. Sie wünscht sich nun aber, dass dieser Teil in Liebe und Ruhe auch reifen kann. Und dabei begleite ich sie.

Und die kalte Dusche am Morgen? Aus dem Ziel is‘ doch nix geworden, oder?

Man glaubt es kaum: Doch. Ich mache es immer noch. Außer am Wochenende.

Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag genüsslich zu duschen. So ganz in Ruhe und rituell. Den Abschluss bildeten die kalten Güsse über die Beine hoch bis zur Taille mit abschließendem Abduschen der Fußsohlen.

Dann hörte ich, tägliches Duschen sei Gift für die Haut (Schutzbarriere und so). Ich habe dann umgestellt und mache es so, dass ich jedes zweite Mal den ganzen Körper einseife (gönne mir immer wunderbar duftende Naturkosmetik) und an den anderen eben nur die Zonen, bei denen mir Hygiene besonders wichtig ist (wir nennen sie hier zärtlich die „Stinkzonen“). Ich fühle mich morgens dadurch wunderbar belebt und gepflegt. Danach nehme ich mir Zeit zur Gesichtspflege inklusive Make-Up. Und ja: ich entferne das Zeug wirklich jeden Abend wieder und verwende danach eine Nachtcreme.

Ausnahmen? Selten.

Ziele erreicht?

Ich bin zufrieden mit den Veränderungen. Ich bin nicht zufrieden mit dem Ist-Zustand.

Hä?

Ja, ich finde, was ich binnen 12 Monaten verändert habe, das war eine gute Leistung.

Aber Punkte wie das dauernde Abarbeiten von Terminen und Verpflichtungen bei viel zu wenig Freizeit und zu kurzem Feierabend und die Fremdbestimmung durch Nummer 4 – nerven mich immer noch.

Ich habe diese Dinge im Blick und nutze die kleinen Lücken und Möglichkeiten, bis diese sich erweitern und ich noch mehr Raum für mich, für Freude und für Selbstentfaltung habe.

fullsizerender-4

Bald ist wieder Weihnachten – ein Jahr ist um.

Tipps oder so?

Ein paar Tipps habe ich:

Wenn Ihr gerade im Erschöpfungszustand seid oder einen hinter Euch habt und keinen mehr haben wollt, dann gibt es gut Möglichkeiten.

Es gibt gute Literatur zur Burnout-Prävention und alles drumherum.

Fachlich sehr gut gestaltet ist dieses Buch: Thomas M.H. Bergner: „Burnout-Prävention“ Zusammen im Set mit 27 Tests und 94 Übungen. Ist nicht umsonst – aber man sollte es sich wert sein. Selbstliebe und so.

Da wir fast alle Probleme damit haben, ist Arbeit mit dem Inneren Kind gut. Dazu gibt es inzwischen Hörbücher mit Übungen wie „Das Kind in Dir muss Heilung finden“ von Stefanie Stahl. Hier sind klassische Übungen die Ergänzung zu kurz gefasstem Fachwissen. Auch „Versöhnung mit dem inneren Kind“ von Thich Nhat Hanh ist sehr gut. Empfohlen wurde es mir durch unsere Gruppenleiterin.

Michaela Huber schreibt in „Der innere Garten. Ein achtsamer Weg zur persönlichen Veränderung“ über die Möglichkeiten der Selbstentwicklung. CD und Buch sind nicht nur von meiner Heilpraktikerschule wärmstens empfohlen, sondern absolut für jeden geeignet, der spürt, dass er sich selbst kennenlernen und entfalten möchte.

Im Moment lese ich „Achtsamkeit. Der Weg zur eigenen Wertschätzung“ von Jutta Vogt-Tegen. Ganz großartig! Alltagstauglich, einleuchtend und umsetzbar. Dieses Buch wurde mir auf der „WestFam“-Bloggerkonferenz vom Verlag Lingen zur Verfügung gestellt. Ich plane dazu demnächst hier eine Rezension. Achtsamkeit ist ein unglaublich wichtiger Punkt. Als Gegenpol zum Stress und zur Hetze. Als Erinnerung an die Schönheit des Augenblicks. Als Hilfe bei Angsterkrankungen. Achtsamkeit ist ein Geschenk. Inzwischen ist der Begriff so bekannt, dass es viel Literatur, Seminare und viele Übungen zum Thema gibt.

Wichtig sind auch Erinnerungen in Form von Botschaften und Zetteln.

Was auch immer man verändern will, muss man dem Hirn „unterjubeln“ – dieses träge und zugleich megafleißige Ding in unserem Kopf sucht immer den einfachsten Weg. Schließlich filtert es ja schon den ganzen Tag so viel und schaltet und wirkt. Also:

Zettel schreiben und ab an den Badezimmerspiegel, den Kühlschrank, auf den Nachtisch – wohin auch immer. Und da kann alles draufstehen, außer Verneinungen.

Bitte immer positiv formulieren. Auch im geistigen Umgang mit sich selbst:

„Boa, schon wieder hab ich es nicht gepackt!“ ist nicht so günstig. So, wie Ihr nicht mit Euren Kindern reden würdet, so dürft Ihr auch echt nicht mit Euch reden.

Hilfreich ist eher: „Beim nächsten Mal schaffe ich es!“

Frau Vogt-Tegen (siehe oben) schreibt übrigens in ihrem Buch, dass die erschreckende Mehrheit menschlicher Gedanken negativ ist. Achtet mal darauf – das ist wirklich krass, was man so denkt!

Auf Eure Zettel könnt Ihr schreiben:

„Heute schon 30 Minuten für mich eingeräumt?“

oder

„Augen schließen, drei Mal durchatmen.“

oder

„Bitte sich selbst zulächeln!“(Klingt beknackt, fand ich auch. ist aber echt klasse! Einfach ausprobieren.)

„Ich bin auf einem guten Weg. Komme ich ab, bemerke ich es, lobe mich für dieses Bemerken und gehe wieder zurück auf den Weg.“

fullsizerender-6

Hier: Einer meiner „Kühlschrank-Zettel“

fullsizerender-5

Manchmal hilft einfach nur Humor: Launischer Kühlschrankmagnet für meine Zettel

Ja, wirklich: So sollten wir eigentlich mit uns umgehen. Man hat mehr davon.

Stopp!

Das Wort „eigentlich“ kann man aus dem Wortschatz streichen. Es schmälert, es ist unentschlossen und leider wenig hilfreich. Auch hier könnt Ihr darauf achten, wie oft Ihr das (eigentlich) sagt! Und am besten, sofort damit aufhören. Es hat eine sehr kraftvolle Wirkung, wenn man nicht „Eigentlich gerade Hunger hat und eigentlich nach Hause möchte“, sondern klar mitteilt „Ich habe Hunger und möchte nun nach Hause.“

Und „man“? Ja, dieses Indefinitpronomen habe ich auch extra oben mal verwendet.

Kann man auch weglassen. Nicht ganz. Sondern nur, wenn man von sich spricht:

„Tja, man fühlt sich dann irgendwie übergangen und enttäuscht.“ greift beim Anderen weniger als: „ICH fühle mich übergangen und enttäuscht.“

Gerne verstecken wir uns hinter dem „man“. Das verhindert aber oft, dass wir unsere Gefühle klar mitteilen. Und so werden diese leicht übergangen. Was enttäuschend ist. Siehe oben.

Liebt Euch, achtet auf Euch, atmet durch und vergesst nicht: Ihr seid zum Einen als Mütter Vorbilder (Sollen unsere Kinder sich denn später auch mal verausgaben?) und zum Anderen in Eurem Leben nicht zum Abarbeiten des selbigen da.

Ganz gleich, ob Ihr gläubig seid oder nicht. Einerlei, ob Ihr glaubt, dies sei Euer einziges Leben oder es gab viele und wird noch viele geben:

Das Leben endet, ohne dass wir (meistens zumindest) wissen, wann es das tun wird. Es ist dazu da, mit Sinn gefüllt zu werden.

Wir können angesichts dieses Fakts im Grunde nur glücklich sein. Oder uns pausenlos fürchten.

Verändern können wir nur uns selber. Und wenn wir unglücklich sind, dann ist es unerlässlich zu schauen, welchen Anteil wir selber haben. Andere sind nur sehr bedingt schuld daran. Meist gibt es etwas in uns, das uns unglücklich werden lässt. Oft auf Umwegen. Wenn man sich verändert, geschehen Verschiebungen im System, im eigenen Umfeld, in der Familie. Ganz automatisch. Es werden Dinge wie von alleine möglich, an die man so nicht geglaubt hätte.

Bei akutem Burnout ist zudem eine Therapie absolut empfehlenswert und kann mit der Hausärztin oder dem Hausarzt besprochen werden. Das gleiche gilt für eine (Mutter-Kind-)Kur.

Der, wie ich finde, wichtigste Satz zum Thema Burnout ist:

„Ausbrennen kann nur, wer in Flammen stand.“

Burnout ist kein peinlicher Zusammenbruch von Memmen. Sondern das Endergebnis von Verausgabung bei gleichzeitigem Verlust des Gefühls von Sinnhaftigkeit. Ein Mensch hat geleistet ohne Anerkennung zu erfahren. Er nahm seine Bedürfnisse nicht mehr wahr und ernst. Er stand lange unter druck und wollte möglichst perfekt handeln. Irgendwann bricht er zusammen. Das ist Burnout. Auch wenn das Burnout-Syndrom noch keine anerkannte Erkrankung nach dem ICD-10 ist, so trifft dieser Erschöpfungszustand immer mehr: Bereits jede 5. (!) Mutter zeigt Zeichen einer Erschöpfung bis hin zum Burnout.

Burnout ist das Ergebnis eines falschen, selbstschädigenden Lebensprogramms. Dieses muss verändert werden, damit ein weiterer, vorhersehbarer Zusammenbruch verhindert werden kann.

Eine recht gute Übersicht zum Thema findet man bei Wikipedia.

In diesem Sinne: Lasst es Euch gutgehen. Und wenn es nicht gut geht: Sorgt für Euch genau so gut wie für Eure Kinder und schaut, dass das Leben wieder besser und lebenswerter wird.

Alles Liebe für Euch!

Eure Lareine

 

Mutter-Kind-Kur: Nachsorge

Wie angekündigt widme ich mich heute dem Thema der Nachsorge nach der Mutter-Kind-Kur.

Eine gute Nachsorge ist fast so wichtig wie die Kur selbst. Denn auch die besten Ansätze und die größten Ideen versanden immer mal wieder. Zuerst tagelang. Dann für Wochen und letztlich schaffen viele Mütter nicht, die Ansätze der Veränderungen neu aufzugreifen. Dadurch schleicht sich dann das Altgewohnte wieder ein und das führte ja nun mal in die Erschöpfung, die man zukünftig vermeiden möchte.

Fakt ist: Wenn eine Mutter wegen Erschöpfung zur Kur fährt, dann verlief ihr Leben bis zu diesem Zeitpunkt nicht gesund für sie. Und Fakt ist auch, dass nur sie den Impuls für Veränderungen setzen kann. Sie kann ihre Umwelt nicht ändern, sondern nur sich selber.

Ich möchte in diesem Artikel kurz zusammenfassen, wie man vorgehen kann, um eine erneute Erschöpfung zu vermeiden. Und zwar weniger auf einer Basis oberflächlicher Tipps wie „Mach einen Tanzkurs, das schafft Ausgleich!“, sondern ein bisschen tiefgreifender. Ein bisschen – denn das ist ein riesiger Themenbereich, dem ich in einem einzigen Artikel nicht ausreichend Raum geben kann.

Es geht hier um Anregungen. Damit man sich nicht von Kur zu Kur schleppt, während es einem niemals wirklich gut geht.

Die Sache mit der Selbstliebe

Nachsorge Mutter-Kind-Kur

Mit der Selbstliebe ist es so eine Sache. Viele Frauen kennen sie gar nicht. Wir leben in einer Welt, in der Liebe von außen kommen soll: Durch rote Rosen, dankbare Kinderbilder, erfreute Schwiegermütter und zufriedene Nachbarn.

Wenn uns auffällt, wie wir da eigentlich leben und wie abhängig uns das macht, dann wollen wir aus diesem System am liebsten sofort heraus.

Das ist allerdings gar nicht so einfach, wie wir in der ersten Euphorie denken.

Es ist fast so, als würde man sich eine Sucht abgewöhnen. Wir sind es gewohnt, uns zu vernachlässigen. Es gibt in all dem voll gestopften Alltag einfach zu wenig Raum und natürlich verzichten wir als Erste. Ganz märtyrerhaft. Denn das haben wir so gelernt.

Ich –  hier stellvertretend für viele Mütter – habe mir über Jahrzehnte angewöhnt, nicht gut auf mich zu achten. Wie werde ich das los? Wie soll ich es schaffen, umzuschalten von Selbstlosigkeit und Perfektionismus zu … ja, was ist denn das Gegenteil davon eigentlich?

Selbstliebe.

Der Start der Veränderungen ist die Selbstliebe. Man betrachtet sich zum Einstieg am besten so, als sei man sich selbst eine gute Freundin.

Und das ist ein hartes, für viele ungewohntes, Stück Arbeit.

Wir alle haben nämlich diese Stimmen in uns, die uns Dinge flüstern. TherapeutInnen nennen diese Stimmen „Leitsätze“ oder „Glaubenssätze“. Nur pro forma: Es geht hier nicht um fremde Stimmen und Einflüsterungen wie bei einer Schizophrenie. Ich meine hier die vielen kleinen Ärgernisse in unserem Kopf wie: „Das schaffst du nie“, „Na, machst du es dir nicht etwas zu einfach?“, „Wenn deine Mutter das wüsste“  und so weiter.

Diese Stimmen stammen von unseren Müttern und Vätern, den Nachbarn, den scheinbar perfekten Mit-Müttern um uns herum, die seit einer Weile zusätzlich in den Sozialen Medien zu sehen sind., Sie sind Ausdruck der gesamtgesellschaftlichen Strömung, dem Mutter-Mythos und weiteren Einfluss Nehmenden. All diese Einflüsse wirken auf uns, ohne dass wir es bewusst merken.

Wir alle haben solche Sätze, die uns prägen und führen. Von der Kindheit an begegnen sie uns. Und in unserer Kindheit wurden sie ein Teil unserer selbst.

Folgende innere Diskussionen entstehen:

Erschöpfte Mutter: „Jetzt setze ich mich als erstes hin und trink ’nen Tee.“

Antwort Innere Stimme: „Jetzt? Als Erstes? Vielleicht solltest du erst mal was leisten, ehe du faul rumliegst!“

Oder

Erschöpfte Mutter: „Heute würde ich ein Königreich für einen kinderfreien Tag geben!“

Innere Stimme: „Wie bitte? Dafür hast du die Kinder ja wohl nicht bekommen! Andere wünschen sich Kinder und kriegen keine. Wie kann man nur so undankbar sein?“

Oder

Erschöpfte Mutter: „Puh, ich habe das Gefühl, nicht allem gerecht zu werden. Ich bin ganz schön überlastet.“

Innere Stimme: „Absolut! Du bist eine überforderte und damit schlechte Mutter. Hättest du die Dinge im Griff, wäre das anders!“

Um das mit der Guten Freundin mal zu illustrieren:

Stellt Euch vor, Ihr würdet einer Freundin diese Sätze sagen:

Erschöpfte Mutter: „Jetzt setze ich mich als erstes hin und trink ’nen Tee.“

Gute Freundin: „Klasse Idee, ich mach‘ uns einen. Früchte oder Kräuter? Und dann entspannst du dich mal kurz, hm?“

Die gute Freundin holt uns da ab, wo wir stehen. Wir zerren nicht an Freundinnen, wir lassen sie in Ruhe und ihrem Tempo gehen. Gerne unterstützen wir sie und haben vor allem eins: Verständnis.

Wir lieben sie eben halt.

 

Veränderungen im Alltag

Nachsorge Mutter-Kind-Kur

Auf diesem Foto sehe ich immer zuerst das schiefe Kissen und das Blatt auf der Kücheninsel. Noch Fragen …?

Es sind kleine Schritte. Viele und kleine.

Man darf nicht erwarten, sofort alles umwälzen zu können. Denn wir Menschen sind träge, was Veränderungen betrifft. Ja, auch bei denen, die uns gut tun. Alles Neue ist potentiell bedrohlich – dies empfinden wir tief in uns. Das ist so eine Art „Neandertaler-Gedächtnis“, das uns lehrte, keine neuartigen Beeren zu probieren und dass neue Geräusche vermutlich feindselige, hungrige Tiere sein könnten.

Das Altgewohnte gibt uns Sicherheit. Das Neue könnte gefährlich sein. Daher ist es okay, vom neuen Weg immer mal wieder abzukommen. Wichtig ist, dies zu entdecken und sich wieder zurück auf den neuen Pfad zu begeben. Und sich für diese Erkenntnis zu loben.

Es ist auch wichtig, seine Ressourcen zu kennen und zu nutzen. Manchmal sind es Kinder, die eigentlich schon reif genug sind, um Mamas Grenzen zu respektieren. Manchmal sind es liebe Nachbarn, die gerne mal die Blumen im Vorgarten gießen. Oder die Großeltern, die doch die Kinderchen auch zwei Mal im Monat über Nacht nehmen würden.

Es könnte auch die eigene Intuition sein. Manchmal hört oder liest man etwas und da gibt es so ein „Ping“ tief innen. Dieses Ping ist oft ein Hinweis: „Mensch, das ist jetzt wichtig für mich. Ich sollte mir das mal genauer ansehen.“

Im Alltag lassen sich Veränderungen, mit denen man sich gesund und energiereich erhält, am besten so umsetzen:

1.) Ich schaue mir meine Wünsche und Bedürfnisse an

Hier ist absolute Ehrlichkeit angesagt. Und die Inneren Stimmen haben da kein Mitspracherecht. Auch wenn das Bedürfnis lautet: „Ich will endlich mal ein paar Tage allein und ohne meien Familie sein!“ dann ist das angebracht und wichtig.

Ein Beispiel: „Ich möchte regelmäßig Sport machen. Danach fühle ich mich ausgeglichen und stressfrei.“

Da melden sich dann oft negative Anteile und sagen:

„Schaffste eh nicht. Du bist zu faul/hast zu viel Stress/zu viele Termine ….“

Hier kann man kurz hinschauen und sagen:

„Okay, wie es aussieht habe ich große Angst, mein Bedürfnis nicht erfüllt zu bekommen. Das ist in Ordnung. Aber das wird mich nicht abhalten.“

2.) Ich formuliere mein Ziel und schreibe es auf

Kur Nachsorge

Dazu kann man rituell ein schönes Notizbuch kaufen oder auch einfach ein Schulheft nehmen. Ganz nach eigenem Geschmack. Die Tendenz sollte aber immer in Richtung: Ich tu mir etwas Gutes sein. Es ist besser, handschriftlich zu arbeiten und seine Ideen nicht ins Smartphone zu tippen oder zu sprechen.

Das Schreiben hat einen manifestierenden Charakter und dieser sollte bewusst genutzt werden.

Sehr gut sind auch Haftnotizen oder Zettel, die man mit Magneten an den Kühlschrank pinnt. Überall, wo man täglich immer wieder hinschaut: Badezimmerspiegel, Kühlschrank, Schranktür, Haustür …

Neue Ideen udn Ziele kann man sehr gut dort notieren. das klingt vielleicht etwas schräg und ungewohnt, seine Bude mit Zetteln zu pflastern, aber es ist nachweislich wichtig. Unser Gehirn integriert solche Sätze langsam. Wenn man sie immer wieder sieht. Sie werden einen Teil der eigenen Gedankenwelt, ohne dass sie große innere Gegenwehr auslösen.

Ein persönliches Beispiel: Ich habe vorn in meinem Kalender das Wort „Sensei“ (aus dem Japanischen, sinngemäß LehrerIn, MeisterIn) stehen. Weil Nummer 1 und Nummer 2 mir mal sagten, dass ich wie ein bestimmter weiblicher Sensei aus einem Manga sei: Mutter und Mentorin in einem. Sie sagten, dieser Charakter in der Geschichte habe die beiden Protagonisten als Kinder aufgenommen und großgezogen, aber zugleich auch geistig und körperlich ausgebildet. Und das sei mir ähnlich.

Das löste etwas Tiefes in mir aus: Ich spürte, dass dies etwas ist, das mich ausmacht – ein Teil von mir: Ich schule sie philosophisch, geistig, spirituell, ethisch und „ganz normal“. Ich bin nicht nur die ausgelieferte Mutter im Alltagstrott, die frustiert, weil sie sich geistig nicht einbringen kann vor lauter Zahnarztterminen und Bügelwäsche.

Daher klebe ich „Sensei“ zusätzlich an meinen Kühlschrank. Als Erinnerung, die mir sagt: „Vergiss nicht Dein Potential und Deine Aufgabe!“ Es erinnert mach an die für mich persönlich wichtigen Dinge im Leben. Jeder hat seine ganz eigenen Aufgaben und Vorstellungen.

Und anhand dieser erinnert man sich in der Tat an sich selbst. Ohne all die Erwartungen von außen. Wir alle haben uns oft zu sehr angepasst an die Vorstellungen davon, wie wir zu sein haben. Im falle der Mütter: selbstlos, leistungsfähig, fleißig, aktiv …

Aber wir bin ich wirklich?

Backe ich echt gerne Schokomuffins und nähe ich gerne Kostüme für die Schulaufführung? Mag ich es, auf dem Spielplatz zu sitzen und über Windelfreiheit zu reden? Mag ich es, mit einem Baby auf dem Einkaufswagen durch den Supermarkt zu hetzen? Bin das ich, die gerade der anderen Mutter subtile Vowürfe macht? Bin das alles ich? Oder habe ich mich nur angepasst, geschmeidig gemacht und vergessen, was ich eigentlich wünsche und hoffe?

3.) Ich plane, wie ich das Ziel erreichen kann

Zurück zur direkten Planung: Zwei Mal Sport pro Woche wäre ein gutes Maß. Okay. Das Fitnessstudio ist mir irgendwie zu voll. Ich bin da ungern und durch die fehlende Kinderbetreuung macht es mich unflexibel. Aber zuhause alleine Sport machen – geht das?

Ausprobieren. Wenn es nicht klappt, ist das kein Scheitern. Dann hat man gelernt, einen neuen Weg zu suchen. Vielleicht findet sich eine Freundin, die mitgeht, das motiviert. Oder man findet einen Yogakurs in der Hebammenpraxis oder, oder …

Ich könnte auch zuhause Yoga machen, weil ich noch dieses sehr gute Video habe. Dazu kaufe ich mir eine gute Matte und lege los. Wann geht das? Dienstagmorgens und Donnerstagmorgens. Da bin ich nicht auf der Arbeit und hätte 30 Minuten Zeit.

4.) Ich werde aktiv

„Wenn man etwas 14 Mal an aufeinanderfolgenden Tagen oder nach festem Zeitplan tut, dann wird es zur Gewohnheit.“

Zwei Wochen wird das mit dem Yoga durchgezogen. Ausredenfrei. Danach wird man es vermissen, wenn man mal einen Arzttermin am Donnerstagmorgen nehmen muss. Das liegt auch wieder an der Art, wie unser Gehirn lernt: Es möchte einfach Muster erleben, um diese zu wiederholen. Weil es eh schon den ganzen tag damit beschäftigt ist, aus all den Eindrücken die wichtigsten herauszufiltern und die anderen auszublenden. Das ist harte Arbeit. Da möchte das Gehirn simple Programme abspulen. Und diese implementiert man wie eine Software.

Einmal drin, läuft sie ab. Nicht immer fehlerfrei. Aber das macht nichts. Wir kennen das Programm und führen unser Gehirn wieder dahin zurück, wenn es nötig ist.

5.) Ich verlasse den neuen Pfad leider wieder

Oft sind das nur kleine „Extrarunden“ oder „Umwege“ – man brauchte dann noch mal den alten Zustand als Vergleich oder sich noch ein weiteres Mal von ihm zu verabschieden. Kein Grund, sich zu schämen. Scham schrumpft einen und ist daher unerwünscht!

6.) Ich gehe weiter auf meinem Weg

„Umwege erweitern die Ortskenntnis“ – nun kennt man sich noch ein wenig besser. Wichtig ist, nicht verbissen heranzugehen, sondern liebevoll. Es gibt kein Scheitern – die besten Erfindungen erstanden oft erst nach oder auch durch viele Fehlschläge, durch die das Ergebnis jedes Mal verbessert und verfeinert wurde.

Collections

Sich Unterstützung suchen

Eine gute Nachsorge zu einer Mutter-Kind-Kur kann durchaus bedeuten, dass man sich Unterstützung sucht.  In meinem Fall vereinbarte ich regelmäßige Abstände mit einer Dame von der AWO, die auf die Nachsorge spezialisiert war. Und ich besuchte bei der Caritas eine Nachsorge-Gruppe. Das war eine großartige und für mich weitreichende Entscheidung.

Und das erkläre ich einmal kurz:

Die Gruppe, die sich inzwischen nach den festgelegten sechs Treffen im Haus unserer ortsansässigen Caritas-Stelle, trifft sich inzwischen privat finanziert weiter. Weil es einfach eine unglaublich gute Dynamik gab zwischen den Teilnehmerinnen. Und weil die Therapeutin so hervorragend ist.

In den ersten Gruppenstunden braucht eich – wie immer – eine Weile, um zu fühlen und zu hören. Zu beobachten und einzuschätzen. Und dann waren wir auch so weit, uns allen gegenseitig Tipps zu geben oder auch mal etwas zu analysieren.

Und während ich das tat, spürte ich, wie etwas in mir in Schwingung geriet. Und die Therapeutin sagte: „Also das hätte ich nun genau so auch gesagt. Sehr gut!“

Das nahm ich mit nach Hause. Und ihre Broschüre. Und diese las ich durch. Das war in einer Phase, in der ich fieberhaft nachdachte, was ich beruflich in der Zukunft machen möchte.

Ich wollte nicht mehr als Texterin arbeiten. Und dachte zögerlich nach, zu studieren.

Aber vier Kinder plus Studium würden eine heftige Bürde sein. Und ich war gerade in der Burnout-Nachsorge. Alles lief nicht wirklich rund. Da ist eine neue Bürde nicht das, was man gerade suchen sollte. Und irgendwie erschien es mir auch nicht das Richtige.

Ich sah in der Broschüre, dass die Therapeutin zuerst Lehrerin gewesen war und dann die Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie gemacht hatte. Anschließend hatte sie diverse Fortbildungen absolviert. Ihr Schwerpunkt, die „Psychosynthese“ begann mich zu interessieren und ich las mich durch das Internet. Ich lerne viel über Aufstellungsarbeit, Psychodrama und Visualisierungen. Und ich war so interessiert und voll bei der Sache, das ich jedes Mal beschwingt am Ende das Notebook schloss und all das neue Wissen inspiriert genoss.

Dann, recht plötzlich, kam mir der Gedanke: Das ist es! Genau das ist mein Ding. Das ist dieses Etwas, nach dem ich die ganze Zeit suche.

Ich erzählte meinem Mann und auch den Kindern davon und alle meinten sie das Gleiche: „Ja! Das ist ein absolutes Talent von Dir! Psychologie, Therapie, Analyse, Zuhören, Empathie!“

Nach dem nächsten Treffen erzählte ich der Therapeutin von meiner Idee und sie war sehr angetan. Sie fand auch, dass ich da deutliche Talente hätte und dass sie sich mich in diesem Berufsfeld sehr gut vorstellen könne.

Danach suchte ich mir eine Heilpraktikerschule, ging zum Gespräch mit der Schulleiterin und – meldete mich an.

Das Lehrmaterial verschlinge ich, alles interessiert mich und Lernen fällt mir absolut nicht schwer, im Gegenteil. Ich bin sehr froh über meine Entscheidung und freue mich sowohl auf die Ausbildung, als auch auf den Beruf danach.

Zurück zur Nachsorge-Gruppe und der Hilfe, die man suchen sollte:

Wichtig sind Menschen, die einen begleiten. Sehr wichtig ist es auch, eine/n eventuelle/n PartnerIn einzustimmen. Alleine ist es sehr, sehr schwer, Dinge im Familiensystem zu verändern. Schön ist, wenn jemand da ist, der zumindest Bescheid weiß und bestenfalls gemeinsam auf die Fortschritte achtet sowie gesprächsbereit ist.

Oder man vernetzt sich mit den Kur-Teilnehmerinnen. Das habe ich zusätzlich getan. Wir haben so unsere WhatsApp-Gruppe gebildet, in der fast täglich geschrieben wird und uns auf Facebook befreundet. Es wird gechattet und geschrieben, Fotos ausgetauscht und so weiter.

Nicht aufgeben!

Nicht aufgeben!

In einer guten Kur lernt man, sich selbst wahrzunehmen und die eigenen Bedürfnisse liebevoll zu betrachten. das steht konträr zu dem, was man Müttern in der Gesellschaft vermittelt: „Genieße es! Klage nicht! Muttersein ist erfüllend! Du hast Kinder nicht bekommen, um dich dann um dich selbst zu kümmern!“ und so weiter – wir alle kennen das.

Manche Mütter können sich von diesen Ansprüchen abgrenzen (die Glücklichen!) und andere nicht. Ich glaube, die meisten schaffen es nicht ohne Weiteres.

Wir (die jetzige Müttergeneration, die kommende können wir selbst anders großwerden lassen) sind noch auf weibliche Selbstoptimierung geprägt. Erzogen, hilfreich zu sein und uns zum Wohle Anderer zurückzunehmen.

Mütter sind fürsorglich, liebevoll, herzlich, vergeben schnell, sind selten streng, geben viel mehr als sie nehmen, sind dankbar und nicht streng, sondern eher verständnisvoll. Sie lieben die Nähe zu ihren Kindern – weil diese sie brauchen. Immer. Sie verzichten auf Privatsphäre und Bedürfniserfüllung. Dafür ernten sie das Glück in den Kinderaugen. 

Das kennen wir alle. Manche von uns können das so leben. Manche tun es und verdrängen ihre negativen Gefühle in die Schattenecke (wo sie oft zu nichts Gutem anwachsen) und andere lehnen die Ansprüche rebellisch ab, fühlen sich aber deshalb dauernd angestrengt und in Selbstzweifeln.

Dranbleiben ist daher wichtig, denn man gerät durch die tiefsitzenden Ansprüche ganz schnell ins Wanken, wenn man neue „Glaubenssätze“ installieren möchte. Das dauert, man strauchelt und muss wirklich jedes Mal wieder aufs Pferd steigen, um weiterzumachen.

Lob und Anerkennung

Die beiden Goldschätze fehlen uns Müttern bekanntlich häufig. Ja, da ist das mit den glücklichen Kindern und so. Aber wer ganz doll böse und gierig ist, der wünscht sich mehr. Und dies können nur wir selbst uns geben. Es nützt nachweislich viel weniger, wenn dies von außen kommt. Wir selbst müssen uns als das sehen, was wir (ich spreche hier für Mütter, die nicht rundherum zufrieden sind, sich von diesen Zeilen angesprochen fühlen oder die sich in einer Kur-Situation befinden) sind:

Sehr leistungsstarke Perfektionistinnen, denen es als Selbstliebe fehlt. Die ihre Grenzen weder kennen noch wahren. Und sich unter Wert verkaufen.

Wenn wir es schaffen, alte Muster zu durchbrechen, dann müssen wir uns unbedingt loben und diese Leistung anerkennen, denn sie ist enorm.

Jedes Mal, wenn man zurückfällt in alte Muster und es bemerkt: Großartig!

Immer, wenn man etwas Neues ausprobiert: Klasse!

Jeder Tag, an dem man sich abends erfüllt und nicht nur müde fühlt: Reife Leistung!

Zahlen, Infos & Hilfe

Mütter im Burnout (1).jpg

Die Erschöpfung betrifft viele Mütter:

2013 nahmen 49.000 Mütter an Mutter-Kind-Kuren teil. Die Krankenkassen lehnen immer weniger Kuranträge ab – die Zahl der Mütter mit Erschöpfungssymptomen bis hin zum Burnout steigt stetig.

Körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen, Migräne oder Verdauungsprobleme gehören ebenso zu den von Müttern genannten Symptomen wie Müdigkeit, Angstzustände, Gereiztheit.

Die Gründe für die Erschöpfung sehen die Mütter selbst im Zeitdruck, beruflichen Anforderungen, hohem Erwartungsdruck, geforderter Perfektion und mangelnder Anerkennung ihrer Leistungen.

Im Jahr 2015 litt jede 5. Mutter am Erschöpfungssyndrom. In den letzten zehn Jahren stieg die Anzahl um 37 Prozent.

Einen ersten Überblick in die Thematik einer Mütter-Kur bietet das Müttergenesungswerk.

Hier findet man ebenfalls Einblicke und Informationen.

Bei der örtlichen Niederlassung der Caritas stehen häufig Kurberaterinnen zur Seite, die beim Antrag helfen und die nötigen Schritte klären, sowie eine Kurklinik finden, die zu einem passt. Sie sind hierbei an bestimmte Kliniken gebunden. Wer lieber freier in der Auswahl ist, der kann seine Klinik auch selbst suchen.

Zudem gibt es eine Online-Beratung der Caritas, die zu Beginn (vor der Kur) erschöpften Müttern einige Tipps geben kann.

 

 

Die Mutter-Kind-Kur, Epilog

Wie angekündigt schreibe ich nun, wie es nach der Rückfahrt von der Kur mit Reifenpanne weiterging.

Wir warteten also zwei Stunden auf den ADAC, es war inzwischen kalt und dunkel, der gelbe Engel telefonierte im Auto mit der Zentrale, um abzusprechen, wie es nun weitergehen sollte.

Einen Mietwagen wollte ich nicht, weil a) Nerven am Ende und keine Lust auf noch über 2 Stunden Fahrt mit 4 Kindern, die allesamt Hunger hatten. Wie ich auch. Und weil b) im Mietwagen kein passender Autositz für Nummer 4 sein würde und ich den Reboarder nicht im Dunkeln und ohne Anleitung würde umbauen können und weil c) ich nicht am kommenden Tag wieder 5 Stunden Fahrt erleben wollte, um mein Auto abzuholen und gegen den Mietwagen zu tauschen.

Ich klopfte an die Scheibe des ADAC-Mannes und teilte ihm die Sachlage mit. Er nickte und berichtete dem Menschen in der Zentrale.

Als er ausstieg teilte er mir mit, dass man für uns ein nahes Hotelzimmer suchen würde und wir dann morgen mit ausgetauschten Reifen zurückfahren könnten. Ich stimmte zu und folgte dem gelben Wagen im Schneckentempo zur nächsten Werkstatt. Dort informierte ich Mr. Essential und der schwang sich in Richtung Bahnhof aus dem Haus:

„Wir freuen uns schon seit drei Wochen auf diesen Tag, an dem wir wieder alle zusammen sind. Ich habe eine BahnCard – ich komme nach Paderborn.“

Ich telefonierte mit dem ADAC-Zentralen-Mann, um mitzuteilen, was genau für eine Unterkunft wir denn brauchten:  Fast alle Hotels waren wegen des Weihnachtsmarktes ausgebucht und unsere Ansprüche (6 Personen inklusive Kleinkind, das Babybett braucht) erschwerten die Suche.

Derweil versorgten sehr liebenswürdige Werkstattmitarbeiter*innen meine Kinder mit Gummibärchen und Malblättern. Es dauerte wieder eine kleine Ewigkeit, bis es weiterging. Ich telefonierte mehrere Male mit dem ADAC-Zentralen-Mann, der sein Bestes tat, ein Hotel für uns zu finden und dann mit einem Taxiunternehmen nach dem anderen: Keines hatte einen Wagen mit Kindersitz. Also absolut keines.

Letztlich blieb mir nichts übrig: Ich musste den Sitz von Nummer 3 (Sitzerhöhung mit Rücken- undKopfschutz) nehmen, sie so wie möglich einstellen und Nummer 4 reinsetzen. Nummer 3 kam auf eine eingebaute Sitzerhöhung.

Luxus pur, fast gratis

Der Taxifahrer schlich dann mit 40 km/h los und brachte uns in das Vier-Sterne-Hotel, in dem wir die Nacht verbringen würden.

IMG_6579

Das Fenster vom Bad ins Zimmer war prima um beim Duschen fernzusehen – ein Lautsprecher lieferte den Ton dazu …

Wir checkten ein, verteilten uns auf die drei Zimmer und trafen uns dann alle in meinem Zimmer. Ich schaltete den Fernseher ein – eine seltsame Erfahrung (ich tue das ja höchstens ein Mal im Jahr) und kaum saßen wir, wuselte Nummer 4 herum, fummelte alles interessiert an, klaubte den Kuli vom Schreibtisch, wollte damit die Wand bemalen und so weiter. Ich atmete ruhig in den Bauch, um nicht in Stress zu verfallen …

Für ihn stand ein Reisebett (auf dem Bild rechts zu sehen) am Fußende des Bettes. Ich fragte mich, wie wir da nachher gut einschlafen sollten. Denn ich würde nicht um 20 Uhr müde sein – Nummer 4 jedoch schon …

Unsere Mägen knurrten und in Anbetracht der Tatsache, dass das Kleinkind mit seinen verständlicher Weise neugierigen Patschehändchen meine verständlicher Weise malträtierten Nerven malträtierte, sprang ich auf.

Wir holten uns etwas zu essen (Pommes mit dick Mayo!) und begegneten auf dem Weg in der Tat doch den drei netten gelben Engeln aus der Werkstatt, die uns eine Dönerbude empfahlen, woraufhin wir ihnen einen schönen, späten Feierabend wünschten.

Später kam Mister Essential an, wir freuten uns alle sehr, zusammen zu sein und unterhielten uns ein bisschen. Nummer 3 und Nummer 4 durften derweil baden und durch das Fenster im Bad zu uns winken. Dann verteilten sich Nummer 1 und 3 in ihr Zimmer sowie Nummer 2 in ihr Einzelzimmer.

IMG_6578

Die Aussicht war toll – kann das Foto kaum wiedergeben

Die Nacht war so … ha, ha … speziell. Zuerst wollte Nummer 4 in das Reisebett. Dann nicht mehr. Mister Essential brachte die Größeren zu ihren Zimmern und so war ich mit dem Toddler alleine. Es war richtig spät – so gegen 22:30 Uhr. Ich legte mich kurzerhand mit ihm hin und lenkte ihn mit einem „Der Sendung mit der Maus“ auf Amazon Instant von der Tatsache ab, dass er schlafen sollte. In einer fremden Umgebung. Und eigentlich lenkte die Maus auch mich ab.

Ich kuschelte mit ihm und  – er schlief nach wenigen Minuten ein. Mister Essential gesellte sich dazu. Zuerst war es sehr süß, flüstern zu müssen und den schlafenden Süßmann zu beobachten. Nach einer halben Stunde war das Süßfinden jedoch aufgebraucht und ich versuchte, aufgedreht wie ich nach so einem Tag war, irgendwie zur Ruhe zu kommen. Ich machte mir also ganz, ganz leise „Die Barbiere“ von Mark Twain an (Kurerprobte Einschlaf-Hilfe, Ihr wisst?).

Kaum fielen endlich meine Augen zu, rollte sich Nummer 4 quer in’s Bett. Ich lag auf den berühmten 30 Zentimetern und war hellwach. Ich sah zu Mister Essential: Ihm ging es genau so. Der Rest der Nacht verlief so: Kaum waren wir eingeschlafen und manchmal im REM-Schlaf, setzte sich Nummer 4 im Bett auf, sah sich um und legte sich wieder hin. Wir waren hellwach. Oder er trat. Oder er summte. Oder er legte sich quer. Oder er rollte sich. Dabei öffnete er nie die Augen. Wir aber jedes Mal

Morgens sah er sehr zufrieden aus. Und wir genau so, wie wir uns fühlten: Wie die Zombies.

Mister Zombie: „Das war also meine erste Nacht mit Familienbett,“ er schlurfte mit nach vorn ausgestreckten Armen Richtung Bad, wo er sich auf den Badewannenrand sinken ließ und sich gähnend das Gesicht rieb, „und meine letzte.“

Wir wussten gleich, wir würden uns noch oft daran erinnern und es lustig finden, wie so viele Dinge im Leben, die man hinterher umbewertet, wenn die negativen Effekte erst verflogen sind.

 

Das Frühstück war sehr gut – es gab ein riesiges Büffet und wir besprachen schon mal die anstehende Weihnachtszeit, um an etwas Schönes zu denken und den Stress des vergangenen Tages loszulassen.

Nach dem Frühstück gingen Mister Essential, Nummer 3 und Nummer 4 ein bisschen bummeln. Bei dieser Gelegenheit entdeckten wir einen kleinen Laden für Abend- und Brautmoden. Dort suchten wir dann spontan die Kommunionsschuhe für Nummer 3 aus. So hatten wir ein sehr schönes Andenken an den Trip nach Paderborn. Anschließend vertrieben wir uns die Wartezeit auf mein Auto damit, ein paar Klamotten aus dem Sale einer großen Modekette zu erstehen. Hier waren auch die beiden großen Mädels dabei.

Gegen Mittag fuhren wir dann nach einem Snack los in Richtung Heimat.

Wo wir ohne Zwischenfälle ankamen.

Endlich zuhause

Es war so picobello ordentlich. Bis wir unsere 100 Koffer und Taschen und Tüten hineintrugen.

Nummer 3 meldete an, ihr sei etwas blümerant – aber sie ging im allgemeinen Auspacken und Räumen etwas unter. Und irgendwie schoben wir es auf die Fahrt. Oder so.

Nun kam dann auch endlich der Moment, auf den ich mich so gefreut hatte: Es gab Glühwein und der Adventskalender konnte ausgepackt werden.

IMG_6196

Es muss das „Innere Kind“ in mir gewesen sein, das sich so sehr darauf gefreut hatte: Der Adventskalender

Ich nahm die Schere, mit der wir nacheinander unsere Geschenke von der Gardinenstange schnibbeln würden und … es klingelte an der Tür.

Nummer 3s Freundin, die sie sehr vermisst hatte, stand dort. Und schon konnte ich umsetzen, was ich in der Kur gelernt hatte. Ich wollte endlich diese schöne halbe Stunde mit der Familie. Nummer 3 wollte das auch, aber eben auch raus. Ich entschied, nachdem ich in mich gehorcht hatte, dass wir zuerst in Ruhe auspacken wollten, was Nummer 3 der Freundin mitteilte. Und diese mit: „Ich warte dann vor der Tür“ kommentierte. Da saß sie dann und trommelte mit den Fingern gegen die Scheibe. Nummer 1 ging darauf zur Tür und erklärte knapp den Sachverhalt mit der Bitte, bitte einfach nach Hause zu gehen – Nummer 3 käme dann zu ihr.

Das Auspacken war dann wirklich superschön und mit jedem Augenblick fühlte ich mich zuhause weniger fremd.

Wir packten weiter aus, Nummer 3 schwirrte ab.

Abends, als sie zurückkam war ihr noch blümeranter. Noch später musste sie sich dann übergeben. Nummer 1 trug ganz fürsorglich eine Matratze neben Nummer 3s Bett, um ihr vorzulesen. Nummer 3 hatte immer wieder Angst vor’m Brechen. Ich machte ein spontanes Puppenspiel mit ihrer großen Plüschbiene, der angeblich noch viiiiel schlechter war und die sich noch viiiiel mehr vor dem Brechen fürchtete. Sie lachte immer wieder tapfer. Und musste immer wieder brechen.

Nummer 1 schlief bei ihr, um sie zu beruhigen (Geschwister können großartig sein, hm?)

Der nächste Tag bestand aus Erledigungen und einem alltäglichen Erleben: Schule, Tagesmutter, Wäsche waschen …

Die Kinder hatten noch drei Tage Schule vor sich, dann würden die Weihnachtsferien starten. Mister Essential freute sich auf seinen Urlaub – einen Tag vor Ferienbeginn. Und ihm wurde blümerant. Und er bekam Nummer 3s Virus. Und ich kümmerte mich um ihn.

Und 48 Stunden darauf musste ich plötzlich zur Toilette rennen. Und ich lag echt zwei Tage flach. Und rannte zum Klo. Und ich hasse Erbrechen so sehr. Ich hatte immer richtig Panik davor. Überhaupt hatte ich Panik vor Magen-Darm-Infekten und den letzten erlitt ich als Nummer 3 ein Baby war – also vor fast 9 Jahren. Aber nun war es so weit und meine Kotz-Angst (Fachwort: „Emetophobie“) wurde zu einer Crash-Therapie.

Das war aber irgendwie toll, denn ich konnte einfach liegen, mich mies fühlen und Mister Essential arrangierte alles. Er brachte Nummer 4 zur Tagesmutter machte Homeoffice an seinen letzten beiden Arbeitstagen und ich musste nur zum Klo rennen. Und wurde meine Emetophobie los. Weil ich es ganz einfach nicht so schlimm fand. Obwohl es heftig war.

Meine liebe Freundin Cathérine hatte mal gesagt: „Du hast keine Angst vor’m Kotzen als solches. Du hast Angst vor Kontrollverlust. Aber in Wahrheit musst du dich mal so richtig auskotzen. Das täte dir gut. Wenn du mal brechen musst, dann tu es in dem Gedanken, endlich alles loszuwerden.“ Ja, das war sehr weise Kotz-Philosophie. Sie ist ohnehin eine sehr kluge und weise Frau, aber das nur nebenbei. Und so war sie es, an die ich dachte, während ich über dem Eimer hing. Freundschaftliche Romantik pur.

Ich freute mich in der Tat darüber, alles mal auszukotzen. Und als ich es los war freute ich mich auf Weihnachten und darauf, meine ganzen Lehrsätze und Leitideen der Kur umsetzen zu können. Sobald ich dazu käme. Wenn mal kurz das Leben anhalten würde, damit ich loslegen konnte. Das würde es ja ganz sicher bald tun. Oder?

Kurz nachdem ich diese Gedanken hatte trudelten in meiner WhatsApp-Gruppe der „Kur-Mädels“ die ersten Nachrichten vom vorweihnachtlichen Stress ein. Und davon, dass man es als Mutter eh vergessen könnte, mal zu entspannen. Und ich stellte mich beim Lesen innerlich auf stur:

„Ich werde definitiv einiges verändern. Dann dauert es eben! Nix da – Mütter könnten eh nicht entspannen!“

IMG_6194

Weihnachtsstimmung: Nicht immer einfach, sich einzulassen

Ich fand die Gefühle und Beobachtungen, dass es sauschwer ist, aus seinen inneren Programmen heraus zu kommen, so wertvoll! Weihnachtsstress rund um Kochen und Familienbesuch war da sehr geeignet. Ich las, was in meinen Kur-Kolleginnen vorging und spürte in mich hinein, was das genau mit mir machte. Welche Zweifel es ansprach und welche Hoffnungen.

Weihnachten

Weihnachten war, äh, ganz nett. Ich verbrachte 1,5 Stunden damit, herumzukriechen und den Müll der Geschenkverpackungen aufzuheben sowie Spielzeug aus ihren Verpackungen zu lösen wie einst Houdini sich selbst. Ich freute mich über meine eigenen schönen Geschenke. Und spürte nach, wie sich der Besuch meines Schwiegervaters und meiner Schwägerin anfühlte. Und fragte mich, was meine Mutter, mein Vater und mein Bruder wohl an diesem Abend machten. Und das machte mich traurig.

IMG_6871

Weihnachten mit gemischten Gefühlen, trotz funkelndem Baum

In den folgenden Tagen, die in das neue Jahr hineinführten, begriff ich, dass man lange braucht, um sich zu verändern. Und wie tief alte Programme sitzen. Ich freute mich, mich zur Kur-Nachsorge in meinem Wohnort (diese findet bei der Caritas statt) angemeldet zu haben, um mit diesem Prozess nicht alleine zu sein. Dort treffen sich sechs Mal zehn Frauen mit Burnout gemeinsam mit einer Therapeutin.

Dran bleiben!

Eine Therapeutin in der Kur hatte gesagt:

„Bitte denken sie nicht, sie kämen zurück in ihr Leben, seinen voller Kraft und würden lospowern und alles sei zugleich entspannter als vorher, weil sie es durch die Kur sind. Das Leben ist immer gleich. Nur sie sind es, die sich verändern kann, um ihm anders entgegenzutreten.“

Diese drei Sätze sind Gold wert. Denn genau so ist es. Man bekommt Impulse, die sehr wertvoll sind. Man muss sich der Erfahrung einer Kur ganz aussetzen. Dazu sollte man sehr achtsam sein, um wahrzunehmen, wie sich einzelne Anwendungen, Gespräche und Therapien anfühlen. Und wie man sich selbst verändert.

Es ist wichtig, Veränderung bedingungslos zu wollen und zu bejahen. Und es muss einem klar sein, dass Widrigkeiten auftreten werden. So als wolle jemand (das ist man in Wahrheit übrigens selbst) prüfen, ob man auch ganz sicher sei, etwas ändern zu wollen.

Der Alltag stoppt nicht. Mein Kalender ist nach wie vor fast täglich mit Terminen gespickt. Es geht zum Arzt, zum Kinderarzt, zur Kur-Nachsorge, mal zu einer Freundin oder zum Lehrergespräch. Dabei ist genau der gleiche Haushalt zu bewältigen. Die Herausforderungen sind gleich. Sie stressen mich nur nicht mehr wirklich. Außer, ich habe das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, weil es zu viel ist.

IMG_7049

„Rumms!“ Der Alltag ist wieder da …

Dann priorisiere ich Aufgaben. Und lege eine Anzahl fest (höchstens 4 Extra-Aufgaben neben dem alltäglichen Kram). Und der Rest kann mir für diesen Tag gestohlen bleiben. Die wichtigste Aufgabe nach oben, dann nach unten hin immer „unwichtiger werden“. Man erledigt von oben weg, was man eben schafft und lob sich in Gedanken für jeden Haken, den man danach setzt.

Abends kann man aufschreiben, was man alles bereits am Tag erledigt und geschafft hat. Man wundert sich meist, wie viel das war. Und wieder erkennt man dies vor sich an.

In diesem Leben habe ich schon genug mit- und durchgemacht. Ich lasse mich nicht mehr stressen, weil irgend jemand erwartet, dass ich einen Möhrenkuchen für die Lesefest backen oder bitte bereits gestern unterschriebene Schulzettel abzugeben habe.

Man muss innerlich täglich am Ball bleiben. Die Kur-Nachsorge ist eine sehr gute Unterstützung für mich bei diesem Prozess – das würde ich jeder Mutter nach der Kur empfehlen.

Soweit also zu meinem Ankommen im Alltag nach der Kur.

Epilog-Epilog

Ich habe mir übrigens ein neues Auto gekauft.

Klar, so: „Reifen kaputt- neues Auto muss her.“

Im Ernst: Es war für mich ein äußeres Zeichen, dieses Liegen-Bleiben auf nicht mal halber Strecke zwischen Erholung und Zuhause. Ich mochte meinen C8 sehr. Auch mit dem Platten. Er hatte sogar einen Namen – er war eigentlich eine Sie: „Madame Celeste“. Und wir nannte sie auch immer „Die Madame“, meinen eleganten, rauchgrauen Van.Und schaukelten auf ihren irre bequemen Sitzen in unsere Urlaube und durch den Alltag.

Und dann sah ich mein neues Auto stehen – genau da, wo wir uns nach der Rückreise beschweren gingen über die falsch eingestellte Spur. Der Schaden an „der Madame“ wurde behoben, das Autohaus, beziehungsweise die Werkstatt desselben, entschuldige sich. Und ich entdeckte meinen neuen Wagen. Schwarz, schnittig und mit Chrom und mit Alufelgen. Und mit Technick-Schnickschnack. Und seine Kofferraumklappe öffnet und senkt sich elektrisch. Und die Schiebetüren natürlich auch (damit hatte uns unsere Madame schon total verwöhnt und wollten darauf nicht verzichten) und überhaupt ist er großartig und hört auf Sprachbefehle, hat tausend Fahrassistenten und eine Rückfahrkamera und er zeigt mir die aktuellen Verkehrsschilder auf dem Display an und ich höre mein Hörbuch während der Fahrt via Bluetooth und, und, und … er ist ein Er, der „Señor“.

Das Auto steht in seiner Symbolik für die Art, sein eigenes Leben zu führen. In Träumen kann es ebenfalls ein Hinweis auf das eigene Leben sein. Träume, in denen man die Kontrolle über den Wagen verliert, eingeschlossen wird oder nicht bremsen kann, haben einen direkten Bezug zur Lebensführung. Da frage ich mich, was der Kauf des Señors bedeutet …

Wenn Interesse besteht, schreibe ich gerne noch über die Nachsorge und praktische Tipps für den Alltag, mit denen man ein positives Herangehen schulen kann. 

Mein Erfahrungsbericht: Die Mutter-Kind-Kur, Teil 1

Wie versprochen schreibe ich etwas zu unserer Mutter-Kind-Kur, die ich mit unseren vier Kindern (zwischen 2 und 13 Jahren) Ende November bis Mitte Dezember erlebte.

Ich werde dies innerhalb mehrerer Blogartikeln tun, da einer alleine nicht reicht, um alle Erfahrungen, Erlebnisse, Tipps und Einblicke wiedergegeben zu können.

Außerdem entschuldige ich mich dafür, dass es hier etwas still war – diese Stille wird sich sicherlich innerhalb der nächsten Posts von selbst erklären 🙂

Wir waren im Mutter-Kind-Kurhaus Schanzenberg in Horn-Bad Meinberg (am Teutoburger Wald), einem sehr alten Kurort mit mildem Reizklima. Das Haus ist ausgerichtet auf Burnout und Burnout-Prävention. Zudem können durch Krankengymnastik und Massagen Beschwerden wie Rückenschmerzen gelindert werden.

„Sich zu entspannen ist harte Arbeit“ hatte meine liebe Freundin Concetta mir als vorbereitenden Tipp gegeben, „erwarte nicht zu viel aber auch nicht zu wenig.“

Tag 1, Dienstag

Wir kommen eine halbe Stunde zu früh an und ich muss dringend zur Toilette. Während die Kinder noch im Auto warten eile ich die Stufen rauf und bekomme von einer sehr freundlichen Dame gleich unsere Zimmerschlüssel.

 

IMG_0102

Das Kurhaus kann sich im trüben Wetter nicht so schön präsentieren, wie es eigentlich ist …

Mit großen Augen bestaunen wir die beiden 2-Zimmer-mit-Bad-Appartements, die durch einen von uns abschließbaren Flur verbunden sind. Die Einrichtung ist netter als Krankenhaus – es gibt im Flur Teppichboden – und auch schön: In einem Appartement steht ein Spielzeugregal mit einem Hausdach. Es gibt einen kleinen Tisch mit Stühlchen.

Nummer 4s Zimmer ist sehr eng: Ein Kinderbett und ein Tisch befinden sich dort ind vor dem Kinderbett steht das Gitterbettchen – nun muss man sich quetschen, um an das Fenster zu kommen oder morgens die 24.000 Nuckel aufzuheben, die er aus dem Bett geworfen hat. Lasse ihn das wohl zukünftig selber machen, beschließe ich.

IMG_0281

Das ist die rechte Seite meines Zimmers, links befinden sich ein Schreibtisch und die Zugänge zum Bad sowie dem Babyzimmer.

Es geht bald zur ersten Einführungsveranstaltung, dann erfolgt das Arztgespräch mit allen Kindern.

Hier wird nach den Beschwerden gefragt, die man allgemein hat oder die Grund für die Kur sind.

In meinem Fall: Muskuläre Dysbalance im unteren Rückenbereich mit deutlich beeinträchtigenden Schmerzen, eine Angsterkrankung, Stresspuls und Schlafstörungen. Den Puls und die Schlafstörungen zähle ich persönlich ja zum Kleinkindstresssyndrom, die Ärztin wird das sicher unter anderen Bezeichnungen notieren. Weil sie mein tolles Syndrom eben noch nicht kennt. Wir werden alle gewogen, vermessen und mein Blutdruck wird gecheckt- er ist niedriger als ich ihn noch vor Jahren (vor dem letzten Kleinkind!) hatte: 110/70. Nein, ich nehme keine Medikamente, außer „Neurexan“ ab und an – ein homöopatisches Mittel gegen nervöse Unruhe und Schlafstörungen.

Ja, ne, die nervöse Unruhe und die Schlafstörungen hab ich trotz Neurexan. Ich bilde mir aber ein, dass sich der Puls immer mäßigt, wenn ich so ’ne Tablette unter die Zunge schiebe. Für diesen Effekt zahle ich gerne 12,- für 50 Pillen, Frau Doktor. Das wirkt aber nur phasenweise und nicht zuverlässig.“

Nach der Untersuchung gibt es Kaffee und Kuchen.

Wir räumen unsere zigtausend Taschen und Koffer aus, richten uns häuslich in der großzügigen Behausung ein und als es dunkel wird sehen wir, dass es schneit. Die Teenies wollen trotzdem auf den Betten herumlümmeln, aber Nummer 3 und Nummer 4 freuen sich darüber, mit mir in den angrenzenden Wald zu gehen. Mittels der Taschenlampe meines Smartphones marschieren wir bald auf einem schmalen Pfad und hören zu, wie der Schnee knisternd auf den Nadeln, Ästen und Blättern der Bäume landet.

Weich knirscht das viele Laub unter unseren Füßen, wir atmen tief durch. Bald kommt Wind auf und Nummer 4 kommentiert: „Zurück gehe! Wind zu fest!“ Also kehren wir um und er kuschelt sich auf dem Arm fest an mich.

Um 18 Uhr gibt es Abendessen, danach langweilen wir uns noch etwas, spielen „Wissensblitz“ (wir alle), bekommen Bauchweh (ich) und schreiben daher unserem Mann (ich), um sich beruhigen zu lassen. Der Rest spielt und entspannt. Gegen 22 Uhr schlafe ich trotz deutlicher Nervosität vor lauter Erschöpfung ein.

Tag 2, Mittwoch

Der Wecker steht auf 6:35, da die Essenzeiten altersheimmäßig sind:

Frühstück von 7:30 bis 8:30

Mittagessen von 11:30 bis 13:15 (in zwei Gruppen unterteilt, eine startet um 11:30, die andere um 12:00)

Kaffeezeit/Obstrunde von 14:00 bis 16:30

Abendessen von 17:30 bis 18:30 (Man liegt also immer mit knurrendem Magen im Bett, außer man schläft um 20 Uhr ein oder kauft sich etwas als Zwischenmahlzeit. Oder nimmt sich Obst aus dem Speiseraum. Viel Obst.)

Ich bin seit 5 Uhr wach und kann nicht schlafen. Nummer 4 hat mal wieder nach mir gerufen („Mama komme! Ühüüü! Mama komme!“). Drei Mal. Ich war jedes Mal gerade wieder eingeschlafen. Ich bin eh total nervös. Ich quäle mich zu langsam aus dem Bett, scheuche die Kinder aus den Federn (Mehrmals. Hundert Mal.) und mache die protestierende Nummer 4 fertig. Wir kommen etwas zu spät an das Frühstücksbuffet.

Drumherum einige Mütter, deren Namen ich mir aus der Vorstellungsrunde merken konnte. Alle wirken gespannt, etwas müde und auch hungrig. Klar, die letzte Mahlzeit ist ja auch schon viele Stunden her …

Es geht nach dem Frühstück zum Kennenlernen ins Kinderland (für alle Kinder bis 6 Jahre). Nummer 4 und ich haben viel Spaß im Bällebad und vor allem in der riesigen Kinderküche, wo ich wunderbar von ihm mit Luftsuppe bekocht werde und zum Luftkuchen noch einen Luftkaffee bekomme – für letzteren krabbelte er extra in eine Ecke, um eine dort entdeckte Kaffeekanne hervorzuholen.

Das Mittagessen mit Nummer 4 ist horror-nervig. Vermutlich, weil es insgesamt mit so vielen Leuten um uns und vor allem den diversen herumlaufenden Kindern sehr unruhig ist. Kurz gefällt mir die Vorstellung, eine Hand voll Kinderloser würde hier das Mittagessen einnehmen – wie die wohl gucken würden? Und schon ist es lustiger …

Dann gibt es eine Pause, während der ich mit den Kinder kuschle und wir Nummer 4 auskitzeln. Ich fühle mich zum ersten Mal kurz etwas entspannt.

Nach der Einführungsveranstaltung mit Hausführung von 14 bis 15:30.

Wir erhalten unsere Kurpläne,m die wir handschriftlich um diverse Termine ergänzen können – und werden …

IMG_0113

Die Krakel sind von Nummer 4 – der volle Plan ist dann wohl meiner …

Zuvor konnte man ein Hausbabyphone in Telefonform abholen. Durch dieses Teil wird Nummer 4 geweckt und hatte miese Laune. Also will ich ihn mit seinem geliebtem „Backe-Kuche“ (Ja, so nennt er Kuchen) aufmuntern, aber es gibt keinen Kuchen. Ich sage ihm, zuhause könnten wir ja einen Kuchen backen, wenn wir wieder dort seien. „Nich Kuche backe – Kuche esse!“ kommt es zurück.

Ich beschließe, ins Auto zu steigen und Kuchen zu kaufen. Wir haben alle Lust auf Soul Food. Zudem brauchen wir zwei Seifenspender, da es keine gibt. Und Lebkuchen, weil … ja weil es Vorweihnachtszeit ist.

Im Marktkauf bin ich geflasht vom ganzen Angebot, den vielen Leuten, dem grellen Licht und dem protestierenden Kartenlesegerät, wegen dem wir eine Viertelstunde an der Kasse herumstehen müssen. Ich bin froh, wieder im Kurhaus zu sein.

Um 17:30 sind wir wieder zu Tisch, um anschließend auf’s Zimmer zu gehen. Die beiden Großen gehen schwimmen, Nummer 3 hat bereits Freundschaften geschlossen (so etwas erledigt sie binnen zwei Minuten) und ich spiele mit Nummer 4. Mister Essential ruft an, wir reden ein bisschen.

Um 21:45 liegt Nummer 4 endlich im Bett, was sich als etwas schwierig herausstellte.

Der Rest guckt einen Disney-Film, der irgendwas mit Gefühlen zu tun hat – ich schlafe währenddessen dauernd ein. Sonst passiert mir das nie, dass ich während eines Films …. ratzepüüü

Tag 3, Donnerstag

Nummer 4 geht ins Kinderland, wo er natürlich ganz schön weint, als ich weggehe. Ich merke, dass ihm die Chef-Erzieherin sehr sympathisch ist und gebe ihn ihr auf den Arm, danke bekommt er einen Kuss und ich gehe, während er weinend und verzweifelt: „Nummer 4 Mama bleibe!“ ruft.

Ich gehe zum psychologischen Erstgespräch zu einer sehr freundlichen, humorvollen und herzenswarmen Dame. Wir haben schnell einen Draht zueinander und vereinbaren weitere Termine für die kommenden drei Wochen.

Nach dem Mittagessen ist Einführung in die Kreativwerkstatt. Eine Künstlerin und Gestaltungstherapeutin zeigt und diverse Techniken mit Aquarell, Tempera, Jaxon-Kreiden, Stempeln, Styrodor (schreibt sich das so?) und Sand. Und Servietten. Ich werde mit nichts von all dem innerlich warm, da ich am liebsten zeichne. Aber ich werde da schon etwas finden.

Zusammen mit der (hier bitte sehr viele positive Adjektive einfügen) Bewegungstherapeutin machen wir anschließend ein paar der unvermeidlichen Kennenlernspiele und joggen durch die Halle. Hierbei bemerke ich, wie wenig anstrengend ich das finde und wie beweglich ich bin. Durch die Rückenschmerzen kam ich mir vor wie eine 90-Jährige. Jetzt merke ich beruhigender Weise, ich fühle mich längst nicht mal halb so alt. Was ich ja auch nicht bin. Aber gut.

Es geht dann schnell zu Einführung in das „Teenieland“. Über diesen Namen werden wir noch drei Wochen lang schmunzeln, weil es dort exakt einen „echten“ Teenie per Definitionem gibt und das ist unsere Nummer 1 (bis im Dezember ein weiteres Kind Geburtstag hat auch und 13 wird).

Abends zwischen 20 und 22.15 Uhr ist die Kreativwerkstatt offen und die Künstlerin betreut uns bei der zum Teil etwas schleppend aufkommenden Kreativität (ich).

Ich beschließe, einen Engel aus diesem Styrodur-Zeug zu machen, obwohl mich das ultraleichte Material beim ersten Berühren null anspricht. Und auch beim zweiten nicht. Eigentlich bis heute nicht. Aber gut, ich will auch nicht mit Tempera herumknurtscheln (Dialektwort aus meiner Heimat – wahre Onomatopoesie, ne?). Also setze ich mich mit zwei anderen Müttern zusammen und wir nehmen Schleifpapier zur Hand.

Während die sympathische Mutter neben mir (eine von jenen, wegen denen ich drei Wochen später ganz schön Abschiedsschmerz haben werde, was ich aber gerade noch nicht weiß) ihren Block bald in eine schöne, weiche und gerundete Form bearbeitet hat, kratze ich unbeholfen an meinem Teil herum. Es dauert, bis ich in den Flow komme. Ich werde in den kommenden Tagen noch drei, vier Abende brauchen, bis mein Hermaphroditischer Engel mit zartem Lavendel-Ton so aussieht:

IMG_6297

Ich falle müde ins Bett. Neben diesem liegt auf einer herangetragenen Matratze Nummer 3. Die einzige Person in unserem Haus, die immer wieder betont, wie gerne sie in einem Familienbett schlafen würde. Während der Rest: „Boa nee, so viel Nähe! Boa nee, ich will nicht deine spitzen Knochen in den Rippen haben! Boa nee, du schläft immer ohne Unterhose – kein Bock auf deine nackten Popobacken am Arm!“ ruft. Selig kuschelt sie sich ein, ich schalte auf dem Handy „40 humorvolle Geschichten von Mark Twain“ ein und wir lachen herzhaft über „Einiges über Barbiere“. Bald schlafen wir ein.

Tag 4, Freitag

In dieser Nacht hat Nummer 4 mich nicht geweckt! Ein Freudenfest.

Um 9:00 ist Sport und ich bin richtig gut dabei! Ein Fest für mein Selbstbewusstsein.

Als ich in einem Zwischengespräch sage, dass ich mit vier Kindern da bin, guckt mich die (superknackige und ganz sicher nicht mehr 40-Jährige weil zwei sehr große Kinder habende) Therapeutin an und sagt: „Vier Kinder? Und diese Figur? Alle Achtung, das ist ja toll!“ Und einige der Mütter meiner Gruppe stimmen in das Lob ein.

Ich bin spontan 5 Zentimeter größer.

Dan gibt es eine Einführung in die Welt dieser Fitness-Fahrräder. Ergometer. Dingsdas. Ich hasse die Dinger so, dass ich mir nicht mal deren Namen merke.

Ich soll dann zur Anschauung mal drauf und eiere ein Viertelstündchen herum, während dem ich circa 2 Kalorien verbrauche. Danach will ich in Winterschlaf fallen. Ich mochte diese Art von Fitnessgeräten noch nie.

Es wird eine Dorf-Erkundung angeboten, die ich schwänze, um lieber auf dem Bett zu liegen, ei Hörbuch zu hören und dazu zu häkeln.

Ich spüre, dass ich immer noch diese fiese Grundnervosität habe, aber es ist schon etwas besser geworden. Ich komme einfach nicht herunter – okay, deshalb bin ich ja hier. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie das besser werden soll.

Nachmittags gibt es 30 Minuten Brain-Gym mit den Kindern. Hierbei sollen die Gehirnhälften besser vernetzt werden. Die vorführende Dame wirkt etwas gehetzt und rasselt ihren Stoff herunter.

Als wir wieder auf dem Zimmer sind, reden alle auf mich ein. Ich spüre, dass dies eine der Sachen ist, die mein Wohlbefinden binnen Sekunden zerstören. Durch das erste psychologische Gespräch bin ich bereits so weit, dies auf den Punkt zu bringen. Ganz klar und sachlich – komplett ohne Wut oder Genervtheit sage ich:

„Mädels, das möchte ich nicht mehr.“ Ich sehe ihnen reihum straight ins’s Gesicht und erläutere:

„Wenn ihr alle zugleich redet, dann kann ich niemandem zuhören. Und außerdem bin ich davon sehr gestresst. Ich möchte, dass ab jetzt nur noch eine von euch mit mir redet. Immer nur eine.“

Sie nicken verständig. Und was soll ich sagen? Sie haben das von da an höchstens noch zwei Mal getan. Und seitdem lassen sie es. So einfach kann das sein. Seit inzwischen über einem Monat gab es keinerlei Rückfälle in das Mama-zu-Tode-Schnattern. Und das konnte ich nur beenden, weil ich komplett bei mir und von der Sache überzeugt war. Spannend – denn darum gebeten und es tausend Mal nett erklärt hatte ich es oft während er letzten Jahre …

Nun gibt es Abendessen, wir telefonieren mit dem Dad, ich gehe mit allen runter in die Turnhalle zum Toben. Danach bringe ich Nummer 4 ins Bett und verzupfe mich in die Kreativwerkstatt.

Gegen 23 Uhr schlafe ich ein. Nummer 3 neben wir (wo sie bis zum Ende der Kur immer schlafen wird, was echt nett ist) und Mark Twain in unseren Ohren.

Tag 5, Samstag

Dieser Tag wird sehr spannend für meine Selbstbeobachtung.

Im psychologischen Gespräch hatte ich für mich einige Ziele formuliert.

Eines davon war „Gesunde Abgrenzung gegenüber anderen Menschen und deren Bedürfnissen“. Ein weiteres lautete: „Wahrnehmen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse“

Ich hatte der Therapeutin, Frau K. Zudem mitgeteilt, dass ich pro Jahr 4 Tränen weine, nämlich immer im Dezember beim Herr-der-Ringe-Gucken und zwar genau dann, wenn Boromir stirbt. Und das jedes Jahr wieder. (Später analysierten wir die Szene als Ausdruck von tiefer Loyalität und meiner Sehnsucht danach, aber das nur nebenbei)

Beide Ziele und auch meine Unfähigkeit zum Weinen würden an diesem Samstag kollidieren.

Es gibt an den Wochenenden im Kurhaus kein klassisches Programm, keine Anwendungen. Aber ein Ausflugsangebot an den Samstagen sowie ein Vormittagsangebot für Mutter und Kinder an den Sonntagen.

An diesem Sonntag geht es zum Weihnachtsmarkt in die nächste Stadt.

Wir hatten uns in eine Liste eingetragen, damit Busplätze reserviert würden, ein Reisebus sollte kommen.

Irgendwie finde ich die Aussicht auf drei Stunden Latscherei in einer fremden Stadt ohne Möglichkeit einer individuellen Abreise mit Pkw nicht so prickelnd. Die sympathische Mutter, die so toll ihren Engel schleifen konnte und die ich hier einmal mit dem Namen Ricarda anonymisiere, pflichtet mir darin bei.

Sie erkundigt sich noch einmal genau danach, wie lange wir unterwegs sein würden: Reiner Aufenthalt würden nur 2 Stündchen sein und so verabreden wir uns, gemeinsam mitzufahren. Ich freue mich ein wenig darauf, auch wenn Ausflüge mit vier Kindern ganz ehrlich auf der „Spaß/Stress-Waage“ immer hin- und herpendeln.

Eine Stunde vor der Abfahrt bekomme ich Bauchkrämpfe und Durchfall.

Ich lege mich hin und versuchte zu entspanne (ha,ha – das kann ich doch gar nicht, deshalb bin ich hier!). Ich lasse mich per WhatsApp von Mister Essential ein wenig beruhigen. Dann sage ich den Kindern, dass wir nicht mitfahren können und es gibt bei Nummer 3 Tränen, was mich natürlich noch mehr stresst und da ich selber enttäuscht bin, ist die Laune im Keller. Und mir wird auch noch schlecht.

Nummer 1 liegt mit Kopfhörern und Buch im Bett und bekommt nichts von allem mit. Viertel vor zwei – also 15 Minuten vor der Abfahrt rauscht eine Mit-Mutter (die ich in der Kur bereits etwas besser kenne, die sie meiner Wasser-ängstlichen Nummer 3 das Schwimmen beibringt, was diese in meiner Gesellschaft niemals wirklich wagt, sondern sich nur panisch an mir festklammert) in mein Appartement, wo ich noch immer eingerollt im Bett liege und sagt:

„Du hast Kopfschmerzen oder? Ich kann mit deinen Mädels fahren. Ich nehm sie mit!“

„Ich hab eigentlich Bauchkrämpfe und Durchfall, keine Kopfschmerzen. Aber egal. Hm, wenn du die Großen mitnimmst, dann hänge ich nachher über der Schüssel und hab ein weinendes Kleinkind am Bein. Das ist ein liebes Angebot, aber ich brauche die Großen hier, falls es mir noch mieser gehen sollte.“

„Na dann nehme ich eben alle vier mit, dann kannst du dich erholen.“

Sie schaut sich bereits um, damit Nummer 3 ihre Jacke anzieht.

Nummer 2 sitzt irritiert an meinem Bett: „Ist das wirklich okay für dich?“ fragen ihre Augen und ich kann nichts antworten. Nein, es überrollt mich gerade und ich spüre, dass es überhaupt nicht okay für mich ist. Ich wollte lernen, herauszufinden, was ich will und nicht will. Und dann entscheiden. Das hier geht grad viel zu schnell. Es ist lieb gemeint, daher sage ich nicht noch deutlicher, dass ich es nicht will. Ich fand, ich hatte bereits gezeigt, dass es mich überrollt.

Und das tue ich auch, als ich sage:

„Der Bus steht schon unten. Das ist mir viel zu stressig. Nummer 4 schläft noch im Tiefschlaf nebenan.“

„Dann wecken wir ihn eben.“

Ich ergebe mich meinem Schicksal. Mir ist wirklich übel. Ich wollige ein, weil ich einen Klumpen im Bauch spüre, der nicht ohne ist. Und weil ich es nicht schaffen werde mich durchzusetzen. Vermutlich niemals jemals irgendwann und irgendwo. Irgendetwas wird mit diese Situation schon beibringen – das kann ich aber natürlich erst später herausfinden.

Nummer 4 kuschelt sich müde an mich, Nummer 3 hüpft vor Freude, weil es doch zum Weihnachtsmarkt gehen soll und Nummer 1 kommt schlaftrunken herangeschlurft. Sie fragt:

„Was ist denn hier los?“

Nummer 2: „Mama hat Bauchschmerzen und Durchfall.“

Nummer 1: „Ja und warum bleiben wir dann nicht einfach alle hier, anstatt sie allein zu lassen?“

Die helfende Mutter: „Na, dann kann sie sich doch viel besser erholen, wenn sie ihre Ruhe hat.“

Ich: „Der Kleine hat die Windel voll.“

Die Mutter, die ich hier mit Monika anonymisiere: „Das machen wir im Bus. Ist kein Thema.“

Ich, immer noch wiederstrebend: „Er hasst wickeln in der Öffentlichkeit. Und die Leute im Bus werden es auch hassen. Das ist mir alles viel zu stressig gerade.“

Sie: „Ach was, das schaffen wir schon. Schnell, zieht die Jacken an, ja? Wie viel Geld kann ich ausgeben?“

Ich: „Äh, so viel wie nötig, so wenig wie möglich?“

Sie: „Alles klar, dann bis später!“

Nummer 1 stopft gestresst Wickelzeug in eine Tasche, rennt los, um den Kinderwagen aus dem Auto zu holen, der sich nur schwer aufklappen lässt und Nummer 2 zieht der meckernden Nummer 4 die Jacke an.

Genau fünf Minuten später stehe ich am Fenster und schaue tränenüberströmt (Ja, ich!) zu, wie meine Kinder zum Bus hechten und dieser die Türen schließt.

Ich bin total wütend. Wütend, weil ich mich überrollt fühle und wütend vor allem aber auf mich, weil ich es nicht geschafft habe, ein Nein zu produzieren, das gehört werden kann.

Mit dem Thema „Nein sagen und durchsetzen“ hat ein Mensch mit meiner Biographie natürlich viel zu tun und zu kämpfen. Und für mich war es immer schwer, meine Bedürfnisse klar auszudrücken, weil mir das durch die Erkrankungen meiner Eltern stark aberzogen wurde.

Ich weine. Weinen ist auch etwas, das ich mir eigentlich abgewöhnt hatte. Aber nun scheint einfach aus mir herauszufließen.

Ich schreibe Mister Essential und er ruft mich an, ich erzähle ihm, was passiert ist und wie ich mich fühle.

IMG_0290

Plötzlich waren sie weg, meine Küken …

Ich versuche, mich mit Hörbuch+Häkeln (eine beliebte, kreativ/entspannungs-therapeutische Kombi während der ganzen Kur) abzulenken.

Als die Kinder wiederkommen sind sie sehr glücklich, knabbern Lebkuchenherzen und erzählen eine Menge. Und ich bin 50 Euro ärmer. Dass sie glücklich sind, glättet meine Wogen natürlich, aber ich bin mit dem Erlebnis natürlich innerlich nicht zufrieden.

Ich erzähle es beim nächsten Termin Frau K, der Therapeutin. Wir stellen fest, dass es schön ist, wie viel ich auf einmal empfunden habe, auch wenn es negative Gefühle waren. Diese sehen wir uns genauer an. Es tut gut, das Ganze zu reflektieren und zwar von einer Meta-Ebene aus.

Diese Ebene setze ich mehr und mehr ein, um mich selbst tagsüber zu beobachten. So bin ich bei mir und zugleich auch eine Beobachterin.

Tag 6, Sonntag

Dieser Tag bekommt am Abend den Titel „Der längste Sonntag der Welt“.

Es gibt ein „Mutter-Kind-Angebot“ und das ist eine waschechte Realsatire.

Wir treffen uns in einem Raum, dessen Größe im Verhältnis zur Anzahl der Teilnehmenden binnen Sekunden von perfekt kinderbetreuungsraumgroß auf Schuhkarton zu schrumpfen scheint. Es sollen Tannenbäumchen aus Pappe gebastelt werden. Dazu gibt es vier Vorlagen. Für über 20 Mütter mit gefühlten 400 Kindern.

Ich ergattere die Vorlagen nach 700 Minuten Wartezeit und haste mit ihnen zu meinem Stehplatz. Ja, ich bin die einzige ohne Stuhl. Ich schneide aus, indem ich die Vorlage und den Pappkarton auf meinen Oberschenkel lege, während ich mein Knie gegen eine Tischkante drücke, um einen „Arbeitsplatz“ auf dem Schenkel zu haben. Um mich ist ein Lärm, der meinen inneren Rain Man zum Vor- und Zurückwippen bring. Ich denke mir: „Wenn du das hier durchstehst, wird dir alles danach als Frühlingsspaziergang erscheinen. Es lohnt sich also. Hey! Ist das Uhu an meinem Bein??“

Die Bastelstunde zieht sich dahin, Nummer 3 bastelt mit, schmiert kiloweise Flüssigkleber auf den sich bereits wellenden und biegenden Kartonbaum und schüttet ein Kilo Glitzerpuder darüber. Das Ding wird später tatsächlich drei Tage zum Trocknen brauchen. Einerlei. Alles egal – ich bin auf Überlebensmodus umgeschaltet und kommentiere alles mit einem neurotischen euphorischen“Schön!“

Zum Schluss bekomme ich einen Sitzplatz angeboten und nehme mir heraus, meine beiden Bäumchen (Man bastelt einen großen und einen kleinen. vermutlich, damit kein Baum einsam ist) mit zahlreichen Glitzersteinchen zu verzieren. Ausgiebig. Alle anderen sind bald fertig und packen ein. Zum Schluss räume ich gemeinsam mit anderen Müttern auf und fege.

Die Praktikantin, welche diese Bastelhölle „vorbereitet“ hat, wird später noch weitere grausige Events für schonungsbedürftige Mütter kreieren. Aber dazu komme ich noch. Und ja, es wird Steigerungen der Realsatire geben …

Der restliche Sonntag ist eine Masse aus diesem hellen, zähen Honig und flüssigem Kautschuk. Wir schauen dauernd auf die Uhr und Nummer 2 sagt irgendwann:

„Wie im Altenheim – man schleppt sich von Mahlzeit zu Mahlzeit und versucht die Zeit totzuschlagen. Essen als einziges Lebenshighlight. Wann gibt’s eigentlich Kuchen?“

Tag 7, Montag

Dieser Tag begrüßt mich mit eisigen Kneippschen Güssen und dieser Aussicht aus dem Fenster:

IMG_0128

Tjahaa, das kann was, ne?

Und er ist zugleich mein Geburtstag. Ab diesem Tag gibt es morgens immer „Singen im Kinderland“ – hier singen wir im Stuhlkreis Weihnachtslieder – eine sehr nette Idee, die zum schönen Ritual werden wird. (Nummer 4 wird auch Mitte Januar noch dauernd „Gatatumba-tumba-tumba“ singen …)

Zuvor wird gefrühstückt und ich bekomme ein Ständchen. Da wir im Wintergarten zu speisen pflegen erschallt eben jener im Klang vieler lieber Stimmen. Dazu steht eine Kerze auf meinem Tisch und ich bekomme eine Karte vom Kurhaus.

Später am Tag geht es in’s Teenieland zur Besprechung und dann, gegen 12 beim Mittagessen, taucht plötzlich Mister Essential auf. Mit Blumen und chic im Anzug. Ich freue mich sehr. Beim Umarmen fällt mir auf, dass er sich etwas fremd anfühlt. Erstaunlich, aber er ist Teil des Lebens von „außerhalb“ und das wird sich bei jedem weiteren Besuch auch so anfühlen.

Neben dem wunderschönen Blumenstrauß bekomme ich noch einen Gutschein für eine Massage und eine Kosmetikbehandlung in einem Institut in unserer Heimatstadt von ihm- ich wollte schon immer dorthin, hatte aber dauernd zu viel zu tun (oder war noch nicht an dem Punkt, mir etwas Gutes tun zu können) um mir einen Termin zu machen. Ein sehr schönes Geschenk. Dazu gibt es noch eine Yogamatte, aber die ist zuhause, da ich sie ja nicht hier brauche.

Nachmittags lasse ich ihn mit den Kindern im Zimmer, um mich zu Sport und anschließendem Aqua-Fit loszueisen. Die Bewegungstherapie ist sehr abwechslungsreich gestaltet. Nach dem Aufwärmen gibt es während der Kurzeit entweder Walken, Tae-Bo, Stretching, Yoga, Feldenkrais oder Shiatsu, sowie klassische Muskelaufbau- und Lockerungsübungen. Es wird dabei viel gelacht und dennoch kann man sich selbst intensiv (schwitzend!) einbringen.

Später ist noch ein Einzelgespräch in der Gesprächstherapie mit der für mich so hilfreichen Frau K.

Dann irgendwann fährt Mister Essential und muss sich durch Regen auf der Autobahn kämpfen um recht spät er zu Hause zu sein. Interessanter Weise kann ich diesen seinen Aufwand aber gut annehmen. Ganz ohne „Und das alles macht er für nur mich? Das muss er doch nicht …“

Ich kann mich jeden Tag ein bisschen besser beobachten, werde ruhiger und zugleich fröhlicher.

Es ist ein sehr gutes Gefühl an einem Ort zu sein, an dem ich jederzeit Verständnis, Hilfe und Unterstützung bekommen könnte. So etwas ist eine ganz neue Erfahrung.

Die ersten sieben Tage sind herum und ich freue mich auf die angefangene Woche.

Weiter geht es im Teil 2

 

 

 

Zwei Syndrome zugleich

Ihr habt sicher schon bemerkt, dass ich mich in der letzten Zeit mit dem mütterlichen Seelenleben und der Befreiung aus bestimmten inneren Programmen befasse.

Zum Thema Hausfrau und Mutter fiel mir neulich ein launischer Gedanke ein:

„Das hier ist der einzige Job, bei dem man gleichzeitig einen Burnout und einen Boreout erleiden kann.“

In diesem Sinne landet mal ein eigenes Quote hier, man möge mir gnädigst etwaigen Hochmut verzeihen 😉

Survive the Erbsen-und-Möhren-Dose!

Meine Freundin erzählte mir vor einigen Monaten, warum sie mit ihrer Schwester für ein Wochenende nach Berlin gereist war:

„Es war ein Punkt in meinem Leben, an dem ich entschied, dass etwas passieren muss. Ich war seit langen Jahren darauf konzentriert, Mutter zu sein und meinen Bürojob nebenher zu machen. Es war ein Mittag vor einigen Monaten und ich wollte Nudelsalat machen. Ich saß da in der Küche, den Dosenöffner in der Hand und die Augen auf die Dose mit Erbsen und Möhren gerichtet. Und ich dachte Oh mein Gott, ich habe so überhaupt keine Lust und keine Kraft und keinen Willen, die beschissene Dose jetzt aufzumachen. Ich will einfach nicht, ich kann nicht.“

Ich weiß noch, wie ich sie ansah. Und dann sagte sie:

„Ja. Und das war dann der Moment, als ich mir einen Arzttermin gemacht habe. Und wenig später – dazu brauchte ich keine Diagnose – habe ich beschlossen, mit Nina regelmäßig mal abzuhauen.“

Ich hatte diese Sätze im Ohr, als ich die Paris-Reise plante und ich hatte sie auch in Paris im Kopf, als ich ein Glas Rotwein bestellte und besonders, als ich ein gutes Essen genoss.

Das kann einem nur als Eltern passieren. Es fehlt die Kraft, die Bonduelle-Dose zu enthaupten. Erst da horcht man in sich hinein und merkt „Hey, ich spüre mich seit Jahren immer weniger.“

Und wie kann das so kommen? Vielleicht, weil man weder beim Telefonieren noch auf der Toilette seine Ruhe hat? Ich habe mich vor vielen Jahren – als Nummer 1 und 2 klein waren – auf dem Klo eingeschlossen, um ein Telefonat Zu Ende führen zu können. Während sie gegen die Tür hämmerten und traten. Und das taten sie auch, wenn ich kein Telefon mit ins Klo nahm …

Ich habe das Telefonieren mit der zeit aufgegeben und ich hasse es inzwischen. Und es ist auch nur ein Beispiel von vielen.

Ich musste über das Thema „Die Toilette und ich – ein gestörtes Verhältnis“ schon oft bitter lachen. Bis ich in der Krabbelgruppe ein Plakat sah, bei dem ich lieber ausgeflippt wäre. Es lautete:„Auch Du bist ein Mensch. Auch Du hast das Recht zur Toilette zu gehen. Denk‘ an Dich!“ Ich konnte es nicht fassen. Stelle man sich das mal an der Wand in einem Büro vor. In der Chefetage am liebsten. Oder sonst wo. Es kann wirklich nur in einer Krabbelgruppe hängen …

Aber zurück von der Toilettenthematik und den Menschenrechten zu meinem Punkt:

Liebe Mit-Mütter,

lasst Euch bitte, bitte auch immer wieder zu einem Wochenende mit Euren Ninas hinreißen! Tut Euch etwas Gutes ohne schlechtes Gewissen. Ihr arbeitet rund um die Uhr für lau – Ihr werdet bezahlt mit Liebe. Und ich liebe die Liebe. Ich bin eine große Verfechterin der Liebe. Aber diese wunderbare Kraft reicht nicht aus, um nicht irgendwann doch vor der unbezwingbaren Erbsendose zu sitzen. Irgendwann tun wir das nämlich alle.

Daher besser früher als später mal kurz abtauchen in die Welten der Kinderlosigkeit und tief durchatmen. Ich wünsche Euch allen Gute Erholung und wundervolles Krafttanken!