Mobbing: Unser Update

Wie läuft es denn im Moment bei uns?

Wie versprochen halten wir Euch auf dem Laufenden, was das Mobbing gegen Nummer 2 betrifft.

Im Moment sieht es so aus – auf Facebook hatte ich das bereits erwähnt, aber so erreiche ich Euch alle:

Seit der Veröffentlichung und Euren vielen lieben Mails, Nachrichten und Kommentaren geht es Nummer 2 sehr viel besser.

Eure Worte waren heilsam.

Sie zeigten ihr, dass sie nicht alleine ist und dass auch viele heute erwachsene Menschen einst Opfer dieser perfiden Form von Gewalt wurden.

Nummer 2 zog verschiedene Erkenntnisse aus den Artikeln und Mails:

  • Es sind vor allem intelligente, warmherzige und empfindsame Menschen, die Opfer von solchen Angriffen werden
  • Viele LehrerInnen scheinen mit dem Thema überfordert zu sein
  • Viele Eltern sind, wenn sie von den Kindern in#s vertrauen gezogen wurden, oftmals hilflos, da keine Zusammenarbeit mit der Schule entsteht, die einen guten Ausgang findet
  • Es gibt viel mehr Mobbing, als man zunächst annimmt. Letztlich erinnert sich sehr viele daran, entweder selber attackiert worden zu sein oder dass es ein Kind in der eigenen Klasse gab, das Ziel irgendwelcher Angriffe wurde
  • Mobber sind meistens entweder selbst gemobbt wurden und wechseln die Seite oder fühlen sich durch Eigenschaften des Opfers tief verunsichert.
  • Gespräche mit den Eltern von Mobbern bringen meistens keinerlei Verbesserung. Auch, weil die Eltern eher durch Verleugnung oder Verharmlosung das Thema abwehren

Wir danken Euch allen sehr für die so liebevollen Wünsche und auch für den Mut, Eure Erfahrungen aufzuschreiben, was ja schließlich nicht einfach ist.

Aktuell 

Nummer 2 hat nun so viel Selbstbewusstsein durch all die lieben Wünsche und empfindsamen Nachrichten wachsen lassen, dass sie in der Schule nicht mehr angegriffen wird. Sie wirkt ganz anders auf uns: Fröhlicher, mutiger, gestärkter und immer wieder ziemlich humorvoll und losgelöst.

Und was lief auf dem offiziellen Weg?

Wir hatten vor einigen Wochen das Schulamt angeschrieben. Dies geschah auf Empfehlung der Klassenlehrerin, die dies für eine gute Idee hielt. Wir erbaten weitere Informationen oder einen Rat, wie wir gemeinsam dieses festgefahrenen fall von Mobbing lösen könnten.

Freitag erhielten wir dann, ohne zuvor eine Antwort auf unsere Mail erhalten zu haben, einen Brief vom Schulamt.

Diesen fasse ich mal eben zusammen:

Man habe Rücksprache mit der Schule gehalten. Hierbei sei Einsicht in die Schulakte bezüglich Nummer 2 genommen worden. Dies habe ergeben, dass Nummer 2 aggressiv sei und den Konflikt aktiv vorantreibe. Dies bewiese sich dadurch, dass sie einem Jungen (dem zu der Zeit aktiven Haupt-Mobber) die Brille von der Nase geschlagen habe. Sie sei auch aggressiv gegen ihre Schwester (klar, sie war aggressiv gegen jeden, als sie sich wie ein gehetztes Tier fühlte). Zudem habe ihr Vater sie zur Gewalt aufgerufen (sicher, wir haben mal irgendwann gesagt, dass wenn ihr kein Lehrer hilft und auch Worte die Jungs nicht bremsen und diese sie auch physisch angreifen, sie sich ebenfalls physisch wehren darf. Dies tat sie während der drei Jahre zwei Mal.)

Ich kontaktierte die Schulpsychologin, die mit dem Schuldirektor sprach. Sie erfuhr, dass die Inhalte der  Schulakte Interna sind, die nicht weitergereicht werden.

Schön. Aber leider zeigen sie dennoch, wie das Schulsystem wahrnimmt und das Schulamt reagiert:

„Du bist kein Opfer (und bekommst keine Hilfe vom Schulamt), wenn Du Dich gegen Gewalt wehrst!“

Wir werden noch einmal ein (abschließendes) Gespräch mit dem Direktor abstimmen und mitteilen, wie wir es finden, dass eine Gegenwehr nach Jahren des Mobbings dergestalt aufgezeichnet wird.

Die Schulpsychologin führte an, dass sowohl das Schulamt als auch die Schule schließlich irgendwie vermutlich ihr System schützen wollen und kaum anders handeln können. Sie nähme aber an, dass in der besagten Schulakte mehr stehen würde, sicherlich auch Positiveres und das Schulamt dies nur nicht erwähnt habe, um seine eigene Darstellung nicht zu gefährden.

Ich persönlich glaube das so nicht. Aber wir werden sehen.

Ich möchte nicht behaupten, an dieser Schule könne man nicht einfach ganz normal und unbehelligt lernen. Fachlich hat die Schule große Kompetenzen.

Leider aber eben auch Schwächen, wenn es um ein so sensibles Thema wie das Mobbing geht. In unserem „traurigen Einzelfall“ zeigte sich das in unserer Stadt sehr angesehene Gymnasium zumindest Jahre lang nicht als wahrnehmend und unterstützend. Dafür hat es nun alles getan, das ihm möglich war, um uns zu unterstützen.

Okay, und da ist dann noch die Schulakte, die unser Vertrauen dann wieder maßgeblich störte.

Unser Fokus

Im Augenblick liegt der Fokus auf dem Erhalt des Ist-Zustandes:

Nummer 2 berichtet, wie einer der Mobber sie für etwas lobte und sie ihm die Tür aufhielt, als er seinen Geburtstagskuchen in die Klasse trug.

Man feuerte sie im Sportunterricht an (wobei sie natürlich zuerst wieder von Hänseleien ausging …) und insgesamt verhalten sich die MitschülerInnen derzeit positiv menschlich.

Wir gestalten in Absprache mit der Schulpsychologin mit viel Bedacht den inneren Abschied aus der Schule und diesem Wohnort. Nummer 2 erhält zudem Unterstützung durch eine Jugendpsychologin. Bei unserem zweiten Gespräch in der Praxis war das Resümee des Psychologen ungefähr so:

„Dieses Kind hat eine starke und sehr gut entfaltete Persönlichkeit. Ich erkenne dies deutlich, obwohl sie sehr wenig sagte und schüchtern wirkte. Das ist sehr gut wahrzunehmen.

Mit ihrer elterlichen und unserer fachlichen Begleitung werden wir die Folgen dieser Erlebnisse sehr gut aufarbeiten können, so dass das Kind keine allzu großen Beeinträchtigungen mit durch das Leben nehmen wird.“

Das stimmt doch optimistisch, oder?

Blogparade #NoMobbing: Die Links

Blogparade #NoMobbing: Die Links

Hier werden fortlaufend die Links zu den Artikeln aktualisiert, die im Rahmen der gemeinschaftlichen Blogparade von Dani und mir ausgerufen wurde.

Die Blogparade läuft noch bis zum 25.11.2016.

Uns erreichen viele Kommentare und Mails, in denen LeserInnen eigene Erfahrungen schildern. Die Artikel sind berührend, belastend, machen wütend, lassen mitfühlen, werfen Fragen auf.

Das Leid, von Gleichaltrigen, der eigenen Gruppe also, nicht angenommen zu werden, ist unermesslich groß. Die Verletzungen des Ausgestoßenwerdens sitzen tief.

Schreibt uns gerne weiterhin – wir veröffentlichen sehr gerne Eure Artikel oder verlinken sie. Auch Gastbeiträge sind sehr willkommen.

Die Beiträge zur Blogparade

Die Rabenmutti  Yasmin schreibt hier über ihr Martyrium. Genau so muss man es nennen, was ihr während ihrer Kindheit und Jugend widerfahren ist.

Bei Krümel und Chaos könnt Ihr lesen, wie es Tanja erging, die so unter den Attacken ihrer Umwelt litt, dass sie mehr und mehr abmagerte und eine Essstörung bewältigen musste.

Hart zu lesen ist auch der Beitrag von Kaddi auf Papmami.de Wie es sich anfühlt, wenn das Kind einer schwer erkrankten Schwester gemobbt wird, erfährt man hier. Ich fragte mich ein Mal mehr: „Kennen manche Menschen den gar keine Grenzen?“

Valerie weiß leider ebenfalls, wie sich Ausgrenzung und Verletzungen anfühlen – sie schreibt auf ihrem Blog Raus mit Dir, Baby über die Angriffe der MitschülerInnen auf sie. Schmerzhaft zu lesen, dass Kinder anderen Kindern Wasserflaschen hinterherwerfen und wie viel Hass die Atmosphäre der Klasse vergiftete.

Auf 2KindChaos liest man „Ich hielt mich für einen wertlosen Haufen Scheiße, der widerlich stinkt, beschissen aussieht, niemals eine richtige Frau werden kann, bodenlos dumm ist und nie, niemals nie irgendetwas richtig machen kann “ und erfährt, was für ein schrecklicher Weg zu diesen Gefühlen geführt hat.

Bei Top-Elternblogs macht sich Anne Gedanken über das Thema Cybermobbing. Hier findet man ein gute Beispiel für das Vorgehen von „Internettrollen“ und kann sich ein realistisches Bild von diesem ätzenden Phänomen machen.

Roksana schreibt auf Lottes Motterleben ganz kurz und direkt zum Thema. Sie erinnert noch einmal daran, wie wenig es braucht, um eben niemanden zu mobben – wie durch „Bodyshaming“ im Internet oder auch analog. Hier kann man im Artikel „Ein guter Tag“ lesen, wie sie sich das Mobbing aus Tätersicht vorstellt. Aggressiv, hässlich und herzlos wirkt es, was man da liest – und genau so muss es sich für sie als Opfer auch angefühlt haben.

Auf Hallo liebe Wolke erzählt Susanne, wie ihre wunderschöne Welt der Grundschulzeit binnen weniger Momente zerbrach und dem Mobbing Platz machte. Hier erfahrt Ihr aber auch, wie sie lernte, sich anzunehmen, obwohl sie als Erwachsene immer noch mit ungerechtem Denken ihrer Umwelt konfrontiert ist.

Auf dem Blog Impressions of Life ist zu lesen, wie oft einem Mobbing während des Lebens begegnen kann: Im Kindergarten, in der Schule, auf der Arbeit. Man erlebt es mit oder am eigenen Leib und fürchtet, das eigene Kind könne auch irgendwann betroffen sein.

Für Elli, die auf Nerdmaedle über ihre Erfahrungen schreibt, scheint keine soziale Gruppe wie Kindergartengruppe oder Schulklasse ohne Mobbing erlebt zu haben und leidet noch heute, als erwachsene Frau, sehr unter den Folgen.

Wie man eine junge Mama aufbaut – Blogparade #MeinBriefAnMich

Wie man eine junge Mama aufbaut – Blogparade #MeinBriefAnMich

Jana vom Hebammenblog ruft zu einer sommerlichen Blogparade auf, bei der es darum geht, sich selbst einen Brief zu schreiben. Allerdings in die Vergangenheit. Nämlich zu dem Zeitpunkt, als man eine frischgebackene Mama war.

Das gefiel mir außerordentlich gut!

Ähnliches habe ich bereits bei „Briefe an mein jüngeres Ich“ gemacht und empfand das sehr interessant und auch berührend.

Wie baut man eine junge Mama (sich selbst) auf? Welche Erfahrungen habe ich damals gemacht? Ich nehme Euch mit auf eine Zeitreise und teile meine persönlichen Erfahrungen mit Euch. In diesem Brief an mich als Newbie-Mum vor bald 13 Jahren:

„Liebe Lareine,

Dein erster Gedanke nach drei Stunden Dauerpressen war: „Ich werde für immer die Pille nehmen, bis ich sterbe!“ Nach dieser Tortur hätten sicher viele so gedacht, also hab kein schlech… oh, Moment…da fällt mir sofort etwas ein:

Du wirst in den folgenden Tagen jemanden kennenlernen, der Dein Leben für immer begleiten wird:

Das schlechte Gewissen.

Du wirst es dauernd spüren. Wenn Du mal zwei Minuten an Dich denken möchtest oder alleine ins Bad willst. Wenn Du eigentlich lieber selber etwas essen möchtest, das Deine Tochter Dir aus dem Mund kramen und in den ihren schieben wird. Wenn Du siehst, dass dein Frust-Schoko-Futtern und das Wunschgewicht nicht zusammenpassen. Wenn Du merkst, dass Du das Stillen ganz schrecklich findest und Dich dennoch moralisch dazu gezwungen fühlst.

Wenn Du bemerkst, dass Hebammen, die eine Frau mit schneeweißen Lippen und Schwindelgefühlen, die kaum eine Treppe hinabsteigen kann, nach der Geburtshausgeburt einfach nach Hause schicken, ohne mal wenigstens nach dem Blutdruck zu sehen, vielleicht nicht ganz so gut sind, wie man Dich glauben machen will.

Wenn Du genervt bist, weil Du nie mehr alleine mal eben das Haus verlassen kannst. Oder weil du manchmal Dein High-Need-Baby gern dem Postboten mitgeben willst – das schlechte Gewissen wird immer da sein!

Gewöhne Dich an diesen neuen Dauerbegleiter in dem Wissen, dass all die anderen Mütter, von denen Du keine einzige kennst, weil Deine Freundinnen alle noch längst keine Kinder bekommen haben (oder es niemals tun werden), ebenso empfinden.

Den meisten Müttern geht es wie Dir.

Deine Tochter wird bald eine besonders unleidliche Phase haben. Und noch eine und eine weitere. Sie wird die Definition des Schreikinds erfüllen und Du wirst dauernd an Dir zweifeln. Dann wird sie richtig unzufrieden werden und Du wirst denken, sie wird beim Stillen nicht mehr satt. Die Hebamme sagt: „Immer weitermachen! Mehr anlegen, selbst mehr trinken.“ Du tust das auch, hast sie dauernd an der Brust und dennoch kommt nicht genug Milch. Da wird sie dann sechs Monate alt sein. Inzwischen steckt sie sich Löffel und alles Ähnliche in den Mund. Der Kinderarzt wird entsetzt auf ihr geringes Gewicht gucken und sofort das Zufüttern mit Pulvermilch anordnen. Schon wieder wirst Dich Dich schlecht fühlen, weil Dein Baby Hunger hatte.

Du musst keine Tränen in den Augen haben, wenn Du die Milch kaufen gehst. Viel später wird Dir eine Hebamme sagen, dass es manchmal so abläuft: Das Baby ahmt das Essen nach, indem es dauernd spielerisch „löffelt“, unbewusst reagiert der Mama-Körper mit Milchrückgang, da das Kind signalisiert „Ich will etwas Festes essen! Schnell und viel!“ Besonders selbstständige Kinder, die früh krabbeln und sitzen vermitteln dieses wohl oft dem Mutterkörper.

Wichtig an dieser Erfahrung ist Folgendes:

Trotz des Hebammen-Tipps des Dauer-Anlegens hast Du gespürt, dass Du weniger Milch produzierst und bist dennoch brav der Anordnung gefolgt, obwohl Dir Dein Innerstes sagte: „Sie braucht etwas mehr als das Bisschen Milch.“ Sieh es einfach so: Dein Instinkt war gut, Du bist ihm nur nicht gefolgt. Später aber wirst Du das immer öfter tun und goldrichtig damit liegen.

Zwei Monate später dann wirst Du wieder schwanger sein.

Inzwischen hast Du gerade geheiratet. Ja, es beginnt dann eine anstrengende Zeit für Dich. Du hast natürlich Angst vor all dem, was da auf Dich zukommt. Aber ich kann Dir sagen: Du wirst sehr stolz und oft glücklich sein. Klar, das ist stressig mit zwei so kleinen Kindern zugleich. Und Du wirst oft genug am liebsten wegrennen. Aber nach kurzer Zeit werden die beiden sehr innig und wirklich stundenlang zusammen spielen. Sie werden ein Herz und eine Seele sein. Die kleine große Schwester wird das Baby-Schwesterchen vom ersten Blick an lieben. Dieser Augenblick des ersten Zusammentreffen wird Dich auch nach über einem Jahrzehnt in der Erinnerung noch rühren.

Dein großes Töchterchen will immer mehr als es kann. Und Du unterstützt es sehr gut dabei, sich zu entwickeln. Dein Instinkt wird sich verfeinern und Du hast immer Zugriff darauf. Es ist das Beste, was man hat, denn: Jedes Kind ist anders. Und es können nicht alle Tabellen, Ernährungstipps, Windelsorten und Spielzeuge für jedes Kind gleich gut passen. Daher gibt es die mütterliche Intuition, behaupte ich.

Typische Muttergefühle

Du zweifelst oft an Dir und wenn Du mal lauter wirst und schimpfst, dann schämst Du Dich. Stattdessen wäre es besser, Dich da abzuholen, wo Du stehst: Du bist eine sehr junge Frau von Mitte zwanzig mit einem Säugling und einem Kleinkind, dafür aber ohne Auto in einem kleinen Stadtteil einer Kleinstadt.

Das ist öde, überfordernd und frustrierend. Klar, es ist auch süß, niedlich, stolz machend. Aber eben nicht nur. Die Weichzeichner-Welt der Eltern-Zeitung gibt es in Wirklichkeit nicht. Oder hast Du schon mal eine Familie gesehen, die ausgeglichen und selig lächelnd – und allesamt in Beige und Weiß gekleidet – knallbunte Ostereier bemalen? Nein? Weil es sie nicht gibt!

Es gibt auch nicht die Mütter, die immer gutgelaunt und gerecht sind. Und nicht jene, die lächelnd putzen, während die Kinder pausenlos knatschend an ihrem Rockzipfel hängen, im Putzwasser matschen oder sich auf den Staubsauger setzen. Es gibt keine Frauen, die es aushalten, Woche um Woche mit Kleinkindern in einer Wohnung zu hocken, ohne langsam durchzudrehen, wie ein ein neurotischer Vogel, der den Kopf im Kreis dreht.

Denke mehr an Dich und fülle Deine Ressourcen auf

Du verzichtest zu viel. Du grenzt Dich den Kindern gegenüber zu wenig ab. Deine Bedürfnisse wirst Du nach und nach schon selber nicht mehr wahrnehmen. Daher rate ich Dir, Dich viel mehr auf sie zu konzentrieren. Auch im Kleinen. Trink mal was, wenn Du Durst hast. Dein Durstgefühl nimmst Du ja auch kaum noch wahr.

Höre ruhig auf den Hinweis Deiner Mutter: „Kinder spüren ganz genau, welchen Raum innerhalb der Familie oder der Gesellschaft sie füllen können. Sie richten es sich in diesem Raum ein. In den 1950er Jahren zum Beispiel, da hatten wir kaum Raum. Man bekam eine auf den Mund gehauen, wenn man einem Erwachsenen ins Wort fiel. Heute wenden sich die Mütter den Kindern zu und vergessen, dass sie sich eigentlich gerade mit ihrer Freundin unterhielten. Du bietest den Raum, die Kinder füllen ihn – das ist ein natürlicher Verlauf. Du musst nur überlegen, wo und wie viel Raum du geben willst.“

Die Kinder füllen den gebotenen Raum. So einfach ist das. Sie spüren, ob ein Nein wirklich Nein heißt oder man verhandeln kann. Sie sehen, dass ihre Mutter jemand ist, der regelmäßig Pausen macht und sich Auszeiten nimmt. Oder eben nicht. Und sie werden das in ihrem Leben irgendwann nachahmen. Also mach ihnen das Beste vor 😉

Die Unsicherheiten werden immer weniger und man wird mit der Zeit als Mutter immer versierter. Nur das schlechte Gewissen pappt an einem wie eine Schmeißfliege. Es hilft, sich selbst mit fremden Augen zu betrachten, wenn es wieder da ist.

Statt zu denken: „Hätte ich mal weniger gemeckert heute …“ tut es gut, sich zu sagen: „Hey, du hattest heute deine Periode mit fiesen Bauchschmerzen, die Kinder haben dauernd genölt, das Wetter war mies und dir fällt seit Wochen die Decke auf den Kopf. Jeder Mensch wäre da mies drauf. Nur Mütter glauben, dass sie sich von außen ihre Gefühle bestimmen lassen sollten. Das ist Unsinn. Sei ruhig ein echter Mensch mit echten Gefühlen und Verhaltensweisen.“

Stell Dir vor, Du wärst Deine eigene Freundin – das kann helfen. Wie würdest Du eine gute Freundin betrachten und was würdest Du ihr raten, wenn sie mal meint, zu viel gemeckert zu haben? Oder sich schämt, weil sie sich in einem Leben mit Menschen, mit denen sie sich kaum unterhalten kann, oft langweilt? Manchmal hilft es auch, sich vorstellen, ein Mann würde Dein Leben leben.

Wie es wohl wäre, wenn ein Mann sich für dauernde Vorsorgeuntersuchungen auf so einen Stuhl begeben müsste und wie er es wohl fände, wenn Wildfremde in weißen Kitteln ihnen Finger in alle möglichen Körperöffnungen stecken würden? Oder wenn er mit einem Bauch im Walrossstadium der Schwangerschaft auf dem Badezimmerboden herumkröche, um alles schön sauber zu machen? Schnell merkt man dann, dass man sich wesentlich mehr wie selbstverständlich zumutet, als das andere Geschlecht (in der eigenen Vorstellung) hinnehmen würde.

Hier kannst Du Dich von Deiner Prägung abgrenzen. Das schadet echt nicht. Frauen sind noch viel zu viel darauf geprägt, es allen recht zu machen und erwarten, nur dann Liebe zu bekommen, wenn sie alle selbstlos glücklich machen. Viel zu untergeordnet! Verlange mehr für Dich! Bedenke doch, was Du alles bereits erleben musstest. Ein Mensch wie Du braucht viel Liebe und Verständnis. Vor allem und zuerst von sich selbst.

Ich bin Deine Zukunft

Du ahnst nicht, wie sehr Du und Dein Leben sich verändern werden. Du wirst irgendwann trotz und wegen allem eine selbstbewusste Frau, die ihre Stärken kennt. Klar, das ist ein langer Weg, aber Du bist willensstark und gründlich genug, um meist reflektiert zu sein und Dich sehr genau zu beobachten. So wird das klappen. Und mit den zwei Kindern kommst Du wirklich irgendwann locker zurecht. So gut, dass Du ihre Anzahl im Laufe des kommenden Jahrzehnts verdoppeln wirst …

Im Gegensatz zu Deinen verhassten Pfunden. Von denen wirst Du vom Zeitpunkt der ersten Geburt gute zwanzig Kilo abwerfen. Du wirst irgendwann in den Umkleiden stehen und innerlich jauchzen, weil Dir einfach alles passt, das Dir gefällt. Dafür wirst Du Disziplin und Durchhaltevermögen aufbringen. Glaubst Du jetzt grade nicht, hm? Freue Dich ruhig darauf.

Ach, Du hast echt viele Stärken, wie jede andere Mutter auch –  es dauert nur immer so lange, bis Mütter sich trauen, diese wahrzunehmen und bewusst zu leben.

Vergiss Deine Interessen nicht und halte im Auge, immer genug Ausgleich zu erhalten. Du wirst immer mehr Kinder und immer weniger Zeit für Dich haben. Da ist es enorm wichtig, auf sich selbst zu achten.

Herzlichste Grüße aus Deiner Zukunft

Lareine

Väterglück ist wie das Stockholm-Syndrom

Väterglück ist wie das Stockholm-Syndrom

Als meine Frau mir gerade den Link zum Aufruf „Väterglück“ rüberschickte, musste ich müde lächeln.

„Ich fühle mich gerade nicht dazu prädestiniert, über Väterglück zu bloggen,“ meinte ich.

Das hat jetzt nicht mal was damit zu tun, dass ich mich in einer großen Vaterkrise oder gar der Midlife-Crisis befinde (dazu haben Menschen wie ich überhaupt keine Zeit). Es lag mehr daran, wie ich die letzten zwei Stunden verbracht habe. Erst sind Ms. Essential und ich – direkt nachdem ich die letzte Präsentation des Tages fertiggestellt hatte – aus dem Haus gestürmt und einkaufen gefahren. Nummer 1 und 2 hatten den Auftrag, die Bude wieder halbwegs in Schuss zu bringen, während wir die zwei Zentner Lebensmittel ranschaffen, die die Meute hier so in der Woche vertilgt. Als wir zurück kamen, war Nummer 3 über und über mit Matsch und Grasflecken verschmiert, es war natürlich nichts aufgeräumt, aber dafür hatte eine Freundin noch den Fahrradgriff eines unserer Fahrräder abgerissen und vor Wut weggeworfen. Außerdem hatte sie eine ausgeliehene Hose bis zur Unkenntlichkeit verdreckt.

Als ich die Einkäufe einräumte, fiel mir aus zwei Metern Höhe eine Lampe auf den Fuß, während Nummer 4 weinte, weil er lieber Schokolade als Möhrengemüse essen wollte. Unterdessen stellte sich eine Etage höher heraus, dass der Matsch auf Nummer 3s heller Bluse in Wirklichkeit Kirschsaft war.

„Väterglück“, dachte der Zyniker in mir, „ist doch oft nur eine Art Stockholm-Syndrom.“

Ich meine, man ist dauernd müde, hat nie Zeit für sich, gibt sein ganzes Geld nur für irgendeinen Kram aus, den man eigentlich gar nicht haben will. Und von dem, was sich „Familienurlaub“ nennt, fange ich mal gar nicht erst an.

Mittlerweile war es Zeit, Nummer 4 ins Bett zu bringen. Mein Fuß tat weh und Nummer 3 stellte sich absichtlich ungeschickt an beim Müll rausbringen (da haben sie Talent, ne?), also drohte ich hier noch kurz hinterher und schnappte mir dann den kleinen Rabauken, um ihn in den Schlafsack zu stecken. Er warf seinen Kopf nach hinten und ich biss ihn in den Nacken.

„Nangnangnangnang,“ machte ich. Er quietschte. „Nan-nan-nan,“ antwortete er.

Ich drückte meine Nase in seine verschwitzten Haare und hielt ihn dann fest.

„Ist jetzt langsam Zeit ins Bett zu gehen, mein Kleiner“, sagte ich.

Er legte sich in meinen Arm und wurde ruhig. Dann kam Nummer 2 und nahm ihn mir ab.

„Ich bringe ihn ins Bett!“ meinte sie begeistert.

Mein schmerzender Fuß dankte es ihr. Ich humpelte zum Sofa und fand eine Nachricht von meiner Frau. Ich sollte über „Väterglück“ schreiben, las ich. Vielleicht versuche ich es ja doch einmal.

Blogparade: #männerrollen

Neue Männerrollen: Schon die Kleinen helfen mit.

Neue Männerrollen: Schon die Kleinen helfen mit.

Die liebe Bettina vom Frühen Vogerl hatte eine sehr gute Idee zu einer Blogparade. Kaum hatte ich ihren Artikel dazu gelesen, war ich Feuer und Flamme, denn genau die Beobachtung ihrer Freundin habe ich auch schon oft gemacht:

Die Männer sind oft nur Randnotizen der Mama-Blogs.

Ja, ich lese, was die Mütter fühlen, erleben, denken, suchen, was sie belastet und freut  – aber was ist mit den Vätern? Was sind ihre Gefühle, Gedanken und Ideen zur Elternschaft? Was machen sie mit den Kindern gern, was nervt sie, was belastet sie und was ist überhaupt ihr Job?

Diesen Blog hier startete ja Mr. Essential, weil er mich einfach nicht dazu bewegen konnte, als Mama-Bloggerin zu starten. Er sagte immer: „Was du mir abends oft so von den Kindern erzählst ist so witzig, so originell – Du solltest bloggen.“

Ich habe aber irgendwie nicht anfangen können. Vielleicht dachte ich, das sei mir zu viel oder ich fand irgendwie keinen Einstieg. Er begann jedenfalls damit, aus unserem Familienleben zu berichten und ich las es begeistert. Später wurde es zum Ritual, mindestens einmal wöchentlich per Beamer den Blog zu lesen – und zwar mit der ganzen Familie.

Im Blog ist er also sehr präsent und unseren Leser*innen bekannt.

Ich würde ihn im Rahmen der Blogparade gern genauer vorstellen und seine Rolle in unserem Familiengefüge ein bisschen beleuchten.

Über Mr. Essential

Er ist 37 Jahre alt, seit 12 Jahren verheiratet, PR-Berater von Beruf und kann Besserwisser nicht leiden, grillt sehr gerne und nimmt leider schon zu, wenn er ein Stück Schokolade anguckt. Er ist nicht eitel, aber achtet sehr auf sein Äußeres. Er ist ein waschechter Karrieremensch. Als kleiner Junge hatte er ein fluoreszierendes Dinosaurierskelett auf dem Schrank, das seine Eltern in der ersten Nacht nach dem Aufbauen entfernen mussten, weil er sich davor gruselte. Als Kind war er sehr anhänglich, verschmust, vorsichtig und sensibel. Er konnte stundenlang Fußball spielen und dann am Wasserhahn an der Kirche zwei Minuten lang trinken. Er geht gern zwei mal pro Woche in der Mittagspause ins Fitnessstudio und versucht immer wieder, ein Mal pro Woche Home Office zu machen – das scheitert meist an seinen tausend Terminen.

Er ist in unseren Gesprächen über Erziehung meist eher klassischerer Ansichten als ich. Er wäre der „Strengere“, wenn er denn genug da wäre um großen Einfluss zu nehmen. Ich lege meinen Fokus sehr darauf, dass unsere Kinder im emotionalen Gleichgewicht leben können, sich selbst kennenlernen und reflektieren. Er findet, sie sollten weniger „verpeilt“ und faul sein und ärgert sich über herumstehende Schultaschen, achtlos hingeworfene Schuhe und besonders über verschüttete Becher. (Darüber ärgere ich mich den ganzen Tag, daher bin ich eher genervt als noch wegen einer dieser Phänomene sauer.)

Ich wette, er hätte gerne mehr Zeit und weniger Müll in seinem Leben.

Da er zwischen 10,5 und 11 Stunden am Tag nicht hier ist und erst zur allerbesten Fast-Zubettgeh-Zeit nach Hause kommt (zwischen 19 und 19:30Uhr), ist er kein allzu aktiver Teil der Haushaltsführung unter der Woche.

Morgens allerdings steht er vor mir auf, weil ich noch mit Nummer 3 im Bett kuschle oder sie schnarcht leise, während ich auf dem iPad die Tageszeitung lese.

Mr. Essential umgeht die krassen Stauzeiten, indem er von zuhause aus schon mal die Arbeit startet. Das führt dazu, dass er Nummer 4 mal einen Trinkbecher füllen oder ihm ein Brot machen kann. Abends sieht er ihn ja immer eher kurz und so haben die beiden noch 15 Minütchen.

Noch ein paar Kommentare von Mr. Essential:

Mir fällt es auch sehr schwer, genug Zeit für den Blog zu finden. Wenn Ihr Euch hier etwas genauer umschaut, werdet Ihr leicht sehen, dass die Beiträge aus der Anfangszeit hier noch sehr kurz und seltener als heute waren. Ich fand es aber schon immer eine schöne Plattform, um Gedanken und Erlebnisse aus unserer Familie zu teilen, auch wenn wir auf einer öffentlichen Seite natürlich recht genau darauf achten, wie wir hier etwas teilen – und was. Ich kann schon verstehen, dass Männer generell etwas unterrepräsentiert sind in der Familien-Blogosphäre – während die Vaterschaft typischerweise mit mehr Berufstätigkeit einher geht, sind Mütter doch deutlich mehr zu Hause und haben ob der besonderen „Isolation“ im Leben mit kleinen Kindern einen größeren Wunsch, sich über soziale Medien auszutauschen. Dennoch finde ich es schade, dass wir Väter hier mal wieder weitgehend in der Versenkung verschwinden und dadurch ein veraltetes Rollenbild transportieren, das so heute ja nur noch in wenigen Familien komplett so gelebt wird. Ein Blog ist natürlich keine Pflicht, aber er kann echt Spaß machen und hilft auch, seine eigene Einstellung zur Familie zu reflektieren und ein paar neue Perspektiven zu gewinnen. Von daher, liebe blogscheue Mitväter: Kommt ruhig mal aus der Deckung, es lohnt sich! 🙂

Blogparade: Kinder sind unsere Zukunft

Blogparade: Kinder sind unsere Zukunft

Anne von Top-Elternblogs hatte die Idee zu einer sehr schönen Blogparade:

„Kinder sind unsere Zukunft“

Wer teilnehmen möchte, kann alles Wissenswerte hier finden.

Die Blogparade gestaltet sich als Interview, für das Anne fünf Fragen überlegt hat, die ich hier gerne beantworten möchte. Da die Singular-Formulierung der ersten Frage für uns natürlich nicht mehr so ganz passend ist, habe ich sie umgeändert.

Ich habe mir vorher natürlich Gedanken gemacht und festgestellt, dass sich die Wünsche mit der Zeit verändern. Sie werden spezifischer, je näher man einer gedachten Zukunft kommt.

Hätte ich diese Fragen kurz nach Nummer 1s Geburt beantwortet, wären sie sicher ganz anders (romantischer) ausgefallen, als nach bald 13 Jahren des Mutterseins. Ich beantworte die Fragen hier für alle vier Essential-Kinder:

  • Welche Zukunft wünsche ich meinen Kindern?

Ich wünsche ihnen eine Zukunft, in der sie alle Kraft, Energie und Lebensfreude besitzen, die sie brauchen. Das Leben muss nicht ohne Hindernisse sein – sie sollen Stärke, Intelligenz und Humor vereinen, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Zudem wissen sie, dass sie immer eine Familie haben, die sie unterstützt.

Ich wünsche ihnen Freude am Prozess des „Life long Learning“, ausreichend inneren Abstand zu den Dingen und die Möglichkeit, Wichtiges von Unwichtigem so früh wie möglich unterscheiden zu können.

Klar wünsche ich ihnen prinzipiell auch eine tolle Ausbildung, Geld wie Heu und eine Menge guter Freunde. Im Grunde wünsche ich ihnen aber ein Leben, das sie glücklich macht. Nicht mehr und nicht weniger.

  • Wonach lohnt es sich, zu streben?

Nach Glück.

Nichts im Leben hat so viel Bestand wie das Glück.

  • Was ist Glück?

Liebe ist Glück, Dankbarkeit ist Glück. Glücklich zu sein ist das höchste Gut. Hierbei geht es nicht um temporären Spaß, Konsum oder Ähnliches. Sondern um das tiefe Begreifen der Dinge.

Man kann und muss nicht pausenlos vor Freude tanzen. Aber begreifen, dass das Leben ein Geschenk ist – das ist der Grundstein des Glücks. Und Selbsterkenntnis. So lange man sich selbst (allzu viel) belügt und sich Dinge, eigene Charaktereigenschaften und Erlebnisse zurechtredet, wird man kein beständiges Glück finden.

Das sagt jetzt nicht der Dalai Lama oder so. Dat sach ich.

  • In welcher Gesellschaft soll mein Kind einmal leben?

Die Frage finde ich schwierig – ich weiß ja nicht, wohin es sie verschlagen wird. Alle Gesellschaften sind verschieden – sie könnte ja auch im Ausland leben und ganz andere soziale sowie kulturelle Strömungen dort vorfinden.

Klar würde ich mir wünschen, die ganze Welt würde endlich ihren von den Esoterikern seit Jahrzehnten angekündigten Entwicklungssprung machen und voller Liebe und Toleranz sein. Aber ich glaube, das wird nicht passiert sein, bis unsere Kinder erwachsen sind.

Doch durch meine Erziehung kann ich einen Teil dazu beitragen, mitfühlende und geistig reife Menschen heranwachsen zu lassen, die für sich und andere bereichernd sind, statt für (noch mehr) Unmut auf der Welt zu sorgen.

Gestern noch dachte ich irgendwie an diesen Brauch der (immer noch manchmal ausartenden) Äquatortaufe und ertappte mich dabei, zu denken:

„Mensch, da könnte man statt andere mit Fässern aus Müll und schimmeligen Fischen zu übergießen ihnen doch auch ’ne Blumenkette flechten. Oder ’nen Äquatorkuchen backen. Aber nein, der Mensch muss ja unbedingt fies sein. Fies sein ist ja so witzig.“

So in diese Richtung gehen meine Gedanken.

Mehr Bösartigkeit, Ausgrenzung und Hektik braucht die Welt nicht – eher lieber weniger. Und ebenso, wie die Mütter die Männer von morgen heranziehen und bitte nicht zu Machos machen sollen (der alte Spruch, Ihr wisst schon), können wir Eltern einen Einfluss darauf nehmen, wie die Gesellschaft sich entwickelt.

  • Gibt es einen Rat, den ich meinem Kind mit auf den Weg geben möchte?

So etwas wie „Das Leben ist kurz, iss den Nachtisch zuerst“?

Ich habe so einen Klassiker von der Ururoma der Kinder:

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ (Quasi die Jahrhundert-alte Durchbrechungs-Taktik für Prokrastinierende :D)

Und selbst ich würde sagen:

„Egal wie kitschig es klingt: Höre auf Dein Herz. Nur Du weißt, was Dir gut tut.“

„Zwinge dich nur zu den wirklich notwendigen Dingen – bei allen anderen wäge sorgfältig ab.“

„Deine Familie ist dein Zuhause, egal wo du bist. Hier kannst du ganz du selbst sein und wirst immer geliebt, auch wenn du gerade etwas total verbockt hast. Komm nach Hause und erwarte neben einem Heißgetränk Verständnis und eine dicke Umarmung.“

„Die meisten schlimmen Dinge sehen zwei Tage später nur noch halb so schlimm aus. Spätestens zwei Monate später. Oder zwei Jahre. Je nachdem, wie schlimm sie sind. Aber nichts Schlimmes bleibt ewig.“

„Solltest du einmal Kinder haben: Begleite sie nur auf ihrem Weg aber zerre nicht an ihnen, putze wenn nötig, lache viel mit ihnen, entschuldige dich wenn nötig, belüge sie nicht, höre ihnen zu und bringe ihnen um Himmels Willen bei, Dich ausreden zu lassen*.“

*und wenn Du das geschafft hast, dann erkläre wie!

Wie lief er ab, #derTagmeinerGeburt?

Vielen Dank, liebes „Nieselpriemchen“, für diese interessante und neue Idee! Die Blogparade #derTagmeinerGeburt hat mich sofort angesprochen. Ich freue mich schon darauf, die Geburtsberichte aus den „guten, alten Zeiten“ zu lesen, die mich während dieser Blogparade erwarten könnten.

Da meine Mutter mir öfter von meiner Geburt erzählte, kann ich jenen erstaunlich warmen, letzten Novembertag des Jahres 1976 vielleicht recht gut skizzieren:

Es war ein Dienstag, ein Tag nach dem errechneten Termin und meine Mutter trug ihren Frühlingsmantel, weil es eben recht unwinterlich warm war. Als die Wehen sie etwas zu pieken begannen, brachten meine Eltern meinen sechs Jahre älteren Bruder zu einer sehr lieben, mütterlichen Freundin meiner Mutter.

Dann kurvten sie in ihrem hübschen roten Ascona (oder war es noch der ockerfarbene Manta, ihr erstes Auto?) mit dem Klinikkoffer im Gepäck in das acht Kilometer entfernte Krankenhaus der westdeutschen Kleinstadt, in der ich zur Welt kommen sollte. Ich weiß sogar noch den Namen meiner Hebamme, aber es soll ja hier alles hübsch anonym bleiben.

Der Start ins Leben gestaltete sich geradezu metaphorisch und exemplarisch für mich, ein bisschen Max-Black-mäßig:.

Meine Mutter wurde nach ihrer Ankunft im Krankenhaus von den freundlichen  energischen (Ordens-) Schwestern auf den Gang der Geburtsstation komplimentiert. Sie „junges Huhn“ (26 Jahre alt aber zehn Jahre jünger aussehend, wie immer) solle sich gedulden.Meinem Vater hätten sie das wohl besser sagen sollen, denn dieser hatte nach einer knappen Stunde des Neben-der-Wehenden-Sitzens keine Lust mehr und fuhr nach Hause.

Nicht, dass dort ein Telefon gewesen wäre, mit dem sie ihn hätte erreichen können. Meine Eltern vertrauten diesem teuren, unnötigen Teufelsapparat noch nicht einmal zehn Jahre nach meiner Geburt.

Er war jedenfalls weg. Muttern saß auf dem Plastikstuhl und wippte vor und zurück. Irgendwie kamen ihr die Wehen wohl recht wehenmäßig vor, denn sie hatte ganz schönes Ziepen.

Die Hebamme lief mehrere Mal geschäftig an ihre vorbei, doch meine Mutter – zwischen erlernter Anpassungsfähigkeit und Selbstlosigkeit verunsichert – lächelte immer nur diszipliniert-tapfer, statt um Hilfe zu bitten.

„Ach, bei ihnen dauert es ja noch. Ich komme nachher noch mal rum,“ sagte die Fachfrau und meine Mutter lächelte mit zusammengepressten Lippen.

Irgendwann, so nach zwei Stunden, wuselte die Dame wieder über den Gang. Währenddessen war meine Mutter in den entspannenden Genuss mehrerer schreiender Gebärender gekommen, deren Stimmen durch diverse Türen drangen und leicht eingeschüchtert. Sie saß da immer noch alleine, während ihr Mann sich zuhause mit dem Fernseher von seiner großen Bürde des Nichtstuns ablenkte.

„Na, kommen sie mal mit, wir wollen doch mal nachgucken,“ kam es von der Hebamme, die meine Mutter in ein Zimmer brachte. Meine Mutter sah sich um und die Hebamme räusperte sich sichtlich verlegen:

„Äh, ja, tut mir leid. Der Kreißsaal wird gerade renoviert. Das hier ist unsere Teeküche.“

Aber ein Kreißbett hatte man reingeschoben.

Meine Mutter schluckte kloßig beim Anblick der Beinstützen mit den Ledergurten. Verschwörerisch neigte sich die Hebamme zu ihr und beruhigte sie:

„Na, Kindchen, wo wir ihnen heute keinen richtigen Kreißsaal bieten können, da kann ich den Doktor bestimmt überzeugen, die Beingurte wegzulassen.“

„Mh-hm,“ kam es wohl von meiner Mutter, die mit Tränen in den Augen auf das Kreißbett kletterte. Die Hebamme untersuchte sie kurz und meinte dann ganz entgeistert:

„Ja, aber! Es ist ja schon so weit! Warum haben sie denn nichts gesagt, mein Gott? Und da lässt man sie auf dem Gang sitzen, also nein! Ich rufe den Arzt!“

Der Arzt kam wehenden Kittels in die Szene und drückte meiner Mutter zur Begrüßung die Lachgasmaske auf das Gesicht. Meine Mutter dusselte wohlig weg und träumte, sie hielte ihr Kind bereits in den Armen. Sie hörte nicht, wie der Schlagbohrer des Handwerkers nebenan im Kreißsaal seinen Höllenlärm begann und nicht, wie die Kollegen des Schlagbohrerhandwerkers mit den Hämmern loslegten.

Sie träumte, sie habe alles hinter sich.

Dann weckte sie die Hebamme.

„So, nun ist es soweit. Pressen sie! Pressen sie!“

Irgendwie hatte meine Mutter wieder Tränen in den Augen, als sie aus ihrem Wunschtraum erwachte und im Lärm sowie der grellen Deckenbeleuchtung und den Kommandos landete. Eine Hand des Arztes lag schwer auf ihrem nackten Oberschenkel. Aber gnädiger Weise ersparte er ihr tatsächlich, sie breitbeinig anzubinden, wie sie es bei ihrer ersten Geburt erlebt hatte.

Da ging die Tür links auf und einer der Arbeiter steckte seinen Kopf herein. Er glotzte meiner Mutter kurz zwischen die Beine und meinte dann:

„Wollte nur mal fragen, ob der Krach von uns irgendwie hier stört, oder so?“

Dann sah er meiner Mutter ins Gesicht und sprach lauter, als sei sie wegen eines Hörsturzes und nicht wegen einer Geburt auf dem Horrorbett mit den Beinfesseln:

„Stören wir sie, gute Frau?“

Tja, und was machte meine Mutter? Mit Tränen in den Augen – sowie Schmerzen ganz woanders – tapfer lächelnd den Kopf schütteln.

Daraufhin legte der Schlagbohrermann wieder los. Nun sprach die Hebamme auch lauter. Gezwungener Maßen.

„Gleich haben wir’s geschafft! Pressen! Pressen!“

Und in der Tat durfte ich kurz darauf auch das gleißend helle Licht genießen.

Zack – abgenabelt.

Zack – kopfüber gehalten.

und zack – unzärtlicher Klaps als unnötige Atemhilfe. War mal groß in Mode.

„Danke für die schöne Begrüßung auf diesem Planeten, ihr Hirnis!“ sollen meine ersten Worte gewesen sein.

Ich machte wohl einen fitten Eindruck, wurde gemessen und war mit 55 Zentimetern und 3.300 Gramm ganz angemessen präsent. Ich wurde nicht gebadet, sondern gelobt, weil ich ein so sauberes Mädchen war und in einen Krankenhausstrampler gesteckt.

Meine Mutter wurde versorgt, die Nachgeburt kam, sie wurde untersucht und ins Zimmer geschoben. Da lag sie dann zusammen mit einer 16-jährigen Mutter, die auf einem Schwimmring saß. Das tat sie, weil sie einen Dammriss jenseits des IV. Grades hatte. Vermutlich XVI. Grad, so wie meine Mutter das beschrieb. Die Schwimmring-Mama hatte auch ein Mädchen geboren.

Und da lag auch die frisch gebackene Mutter eines Sohnes, dessen Vor- und Zunamen ich auch noch weiß. Ich sollte den mal ausfindig machen und fragen, ob er auch heute noch einen Schweißausbruch bekommt, wenn jemand einen Bohrer anwirft, so wie ich …

Die Mit-Mutter ohne Schwimmring sagte:

„Und wenn sie dich gleich fragen, ob du stillen willst, dann sagst du besser nein. Weil die Schwestern werden ordentlich bräsig, wenn sie dir dauernd das Kind bringen müssen. Darauf haben die keine Lust. Also nimm die Abstillpillen, sonst machen die dir hier das Leben zur Hölle. Die wecken dich nachts zum Fiebermessen und so was.“

Als dann die Oberschwester wegen des Stillens kam – angemessen korpulent und mit kräftig Dominanz in jedem Gramm – bekam meine Mutter die Pillen schon direkt wortlos hingehalten und ich wurde eins von den puffelwangingen Milupa-Kindern. Obwohl meine Mutter gern gestillt hätte.

Nach drei Tagen durfte meine Mutter gehen. Mein Vater war am Tag nach der Geburt zu Besuch gewesen und hatte in der Tat ein paar Tränchen verdrückt, als er mich hat liegen sehen. Später schwor er stets frech grinsend, es seien Tränen des Grams gewesen. Fand ich nie wirklich witzig.

Seit der Nacht meines Lebensstarts war es plötzlich doch Winter geworden. Meine Mutter hatte ganz naiv morgens am Entlassungstag versucht, in ihre Vor-Schwangerschaftskleidung zu schlüpfen, die sie im Koffer mitgenommen hatte. Aber leider hatte sie sich da fehleingeschätzt und nun nahm sie einen Bus in Richtung der nächstgrößeren Kleinstadt, um dort warme Kleidung zu kaufen. Ihren Frühlingsmantel hatte sie bibbernd um sich gewickelt.

Als sie dann später am Tag nach Hause kam, war da niemand.

Außer einem Berg Spül, auf den mein Vater keinen Bock gehabt hatte.

Kein Willkommen, keine Blumen, keine Babyschühchen. Nur dreckiges Geschirr.

„Danke für gar nichts, du Herzgemahl!“ hat meine Mutter da in die leere Wohnung gebrüllt und ihrer Enttäuschung Luft gemacht.

Ganz sicher nicht. Aber sie hatte sicher mal wieder nasses Zeugs in den Augen.

Sie legte mich in meinen Stubenwagen, der mit einem richtig schönen Stoff in rotem Schottenkaro bezogen war. Und ich schlief.

In den folgenden Wochen entwickelte ich mich allerdings zu einem Schreikind.

Irgendwie war ich wohl nicht ganz zufrieden.

Mein Bruder konstatierte, er wolle in den Hühnerstall der Oma ziehen, weil ich so ein schreckliches Schwesterchen war. Ich war ihm einfach zu laut.

Wenn meine Mutter mich spazieren fuhr, dann blickten die Nachbarinnen in den Wagen und sagten nicht viel. Sie waren meinen schönen Bruder gewohnt, der mit seinen dunklen Augen und samtigem Haar bestochen hatte. Ich trug eine Art Fussel-Tonsur auf dem Kopf und brüllte die Leute an, wenn sie mir zu nahe kamen.

Ich wette, meine Mutter hatte da auch öfter mal Tränen in den Augen.

Das waren nun eher die ersten 21 Tage meines Lebens, als nur der #TagmeinerGeburt. Aber für einen richtigen Geburtsbericht hätte ich meine Mutter wohl schreiben lassen müssen und dies ist nun einmal nicht möglich. Daher beschrieb ich alles, das ich noch aus ihren Erzählung im Kopf habe.

Es ging ja auch um einen Einblick in die Geburten der vergangenen Jahrzehnte und dafür ist meine Beschreibung ja vielleicht doch ganz brauchbar.

Ach, als meine Mutter übrigens die Wöchnerinnen-Station eine Weile darauf besuchte, um der Hebamme zu danken, zeigte diese ihr stolz und immer noch etwas verschämt den neuen Kreißsaal: Er blitzte wunderbar in schneeweißen Kacheln von oben bis unten.

„Sieht aus wie ein Schlachthof mit leicht abzuspritzenden Wänden, “ äußerte meine Mutter mutig ihren ersten Gedanken. Nicht.