Weil’s so schön war …

In unserer neuen Kategorie „Weil’s so schön war“ stellen wir frisch überarbeitete Blogartikel vor, die als Evergreens immer wieder interessant sein können.

Themen rund um Babies, Schwangerschaft, das Leben mit Kindern – wie immer gnadenlos ehrlich, mitunter lustig und natürlich manchmal auch heart-warming.

Den Anfang macht der Blogpost „Fremdbestimmt“, in dem ich über das Leben mit Babies und Kleinkindern schreibe. Wie erfüllt man als Mutter überhaupt seine eigenen Bedürfnisse, wenn man ein oder mehrere kleine Kinder hat? Geht das überhaupt oder gerät man selbst ins Hintertreffen? Habe ich das hinbekommen? Wie entwickelte ich mich als Mutter?

Zu diesem hat Christian von familista übrigens einen Artikel mit besonders charmant passenden Fotos geschrieben.

Los geht’s:

Fremdbestimmt

Fremdbestimmt

So kann es sich durchaus öfter mal anfühlen, das Muttersein .

In einem Gespräch mit einem Kollegen kam Mister Essential auf unsere Nummer 4 zu sprechen.

Der sympathische Mann und erfahrener Vater zweier Kinder sagte dazu:

“Wow, dass ihr euch das noch mal angetan habt. Das ist so heftig – diese krasse Fremdbestimmung …”

Mister Essential erzählte mir das als er wieder zu Hause war und meinte, es sei ja schon sehr treffend, dass er genau diesen Aspekt zuerst genannt habe. Die Fremdbestimmung.

Und ich sagte, ohne lange nachzudenken:

“Ja, das ist ja auch genau das, was mich länger hat darüber nachdenken lassen, ob ich noch ein weiteres Kind möchte. Und ich finde das ganze Gepöngel mit Baby, Tasche, Kinderwagen und so auch schon anstrengend. Das Geschmiere beim Essen, das Wickeln oder Gesichtswaschen unter harter Gegenwehr und all das – aber das ist gar nicht weiter schlimm für mich. Die Fremdbestimmung ist für mich das mit Abstand Härteste.”

Mein Mann hatte beim Essen geantwortet:

“Ja, das erste Jahr war auch richtig hart. Und meine Frau empfindet die Fremdbestimmung auch wirklich als belastend.”

Oh ja, das tut sie. Vor allem eben weil sie nicht mehr Mitte Zwanzig ist und das Abenteuer Mutterschaft mit neugierigen und ganz hingebungsvollen Schritten zum ersten oder zweiten Mal erkundet. Sie sucht nicht mehr ewig und mit aller Liebe bestimmte Spielzeuge einzeln aus oder näht mit ganz viel Zeit aus der Wildseide, in die eines der Hochzeitsgeschenke verpackt war, ein Rüschenschürzchen für das Kleid der Erstgeborenen. Sie wälzt nicht mehr die Zeitschriften auf der Suche nach nützlichen Tipps. Sie seufzt nicht mehr heroisch-tapfer, wenn sie akrobatisch mit Baby auf dem Schoß zur Toilette gehen muss. Sie weint nicht mehr aus Erschöpfung, wenn das Baby endlich schlummert, nachdem es eine Stunde nur schrie und lächelt dabei noch selig in Gedanken an das süße schlafende Kindchen.

Was macht sie stattdessen?

Alles für die lieben Kleinen

Waaah! Land unter …!

Ich weiß sofort, wie genervt ich bin und lächle nichts mehr erzwungen weg. Ich beobachte, dass da eine innere Grundanspannung in mir ist, die ich in der Retrospektive immer während der ersten eineinhalb Babyjahre hatte. Zuerst dachte ich, das sei eine Art Dauerbereitschafts-Instinkt. Dann hielt ich es für ein bisschen stress-neurotisch und halte es inzwischen für eine Mischung aus beidem.

Bis man einem Kind sagen kann Warte kurz, ja? (und kein Gebrüll als Antwort bekommt) bleibt diese Anspannung einfach in mir. Und ich kann sie nicht ausstehen. Ich finde, sie hetzt mich durch den Tag. Als ob man nicht ich immer wieder alles schnell-schnell machen muss. Schnell-schnell ins Bad, ehe das Kind aufwacht, schnell-schnell einen Tee runterkippen, ehe es Zeit zum Kochen ist, schnell-schnell noch bügeln, damit man danach noch Zeit für’s Spielen hat – denn bald trudeln ja die drei Großen aus den diversen Schulen ein. Es gibt auch noch den Modus schnell-schnell Pause machen, sonst ist es zu spät. Den vernachlässige ich leider immer mal wieder.

Die Sache ist die, dass die Fremdbestimmung einen hart trifft wenn man sich a) nicht besonders gut innerlich gegen die Bedürfnisse des Kindes abgrenzen kann, man b) nicht immer voller Hingabe ist und man c) diese Zeiten schon etwas öfter erlebt hat. Vielleicht sollte man als Punkt d) noch erwähnen, dass es vermutlich hilft, sich aufgeben zu wollen, denn wer ganz gern auf seine (Grund-)Bedürfnisse schauen möchte, der hat quasi verloren. Ich bin eine Punkt-a-bis-d-Kandidatin.

Erinnerungen und späte Analyse

Jetzt nach der vierten Babyphase meines Lebens kann ich auf mich selbst zurückblicken und erinnere mich, wie sauer ich auf mich war, weil ich nicht die relaxte Super-Mama sein konnte, die ich von mir zu sein erwartete. Ich fühlte mich gehetzt und konnte nicht mal entscheiden, wann ich zum Klo durfte. Ich sah zu, wie aus der endlich aufblühenden jungen Frau mit den glänzend lackierten Fingernägeln, der Zeit zum Ausgehen und der hübschen Unterwäsche unter den schönen Klamotten jemand wurde, der dauernd vergaß, sich die Nägel überhaupt zu feilen, mit dem Rest-Schwangerschafts-Übergewicht kämpfte und der einen weißen Baumwollstill-BH trug. Aufblühen war vertagt. Definitiv.

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Leben mit Kindern: Eine Herausforderung. Täglich neu. Und ja: das ist ein Handabdruck im ausgekippten Essen.

Ich hockte vor elf Jahren mit einem (dauerspuckenden) Säugling und einer (alles auseinandernehmenden) Eineinhalbjährigen in einer sehr (hübschen) Wohnung (mit zwei Etagen, sehr nett) im Stadtteil einer Kleinstadt. Ich hatte kein Auto zur Verfügung und die nächste Haltestelle war so weit weg (wie auch der nächste Supermarkt), dass ich die halbe Stunde zur Innenstadt meistens latschte. Das machte ich oft, weil die Zimmerdecke die Tendenz zum Herunterfallen hatte. Auf dem Rückweg war der gefühlt vier Meter lange Geschwisterkinderwagen gefüllt mit Einkäufen aus dem Lieblings-Drogeriemarkt.

Und ich fragte mich, warum ich eigentlich zu schwächlich war, ihn die paar Kilometer ohne Schnaufen zu schieben. Einmal schob eine mich begleitende Freundin ihn und stöhnte nach zwei Metern: “Mann, ist das Monsterteil schwer. Mach den Einkauf doch mit dem Auto am Wochenende oder schnell am Abend.”

Aber der Einkauf war ja mein Wochenhighlight – das wollte ich ungern hergeben. Habe dann weniger eingekauft. Und bin öfter mal in den nahen Schlecker. Die Filiale war ungefähr so groß wie eine Camenbert-Schachtel und mit dem Schlachtschiff Kinderwagen kaum zu durchfahren. Ich war trotz allem total stolz, wenn ich den Kinderwagen schob und ich fand die beiden Mädels da drin einfach himmlisch.

Es gab einen Spielplatz im Stadtteil. Da konnte Nummer 1 drei Mal rutschen und ein paar Mal schaukeln bis es Nummer 2 im Wagen langweilig wurde und sie zu meckern begann …

Ich sagte mir damals, dass dieser Zustand, so frustrierend öde ich ihn immer mal wieder fand, besser war als der zuvor mit dem Schreikind als erstes Baby. Oder der in der letzten Schwangerschaftsphase mit Nummer 2 – die ich oft nachmittags wie erschossen auf dem Sofa liegend verbrachte, während Nummer 1 mich zum Spielen animieren wollte. Dies tat sie, indem sie ihr Spielzeug rund um meinen Kugelbauch warf und stapelte.

Einmal in der Woche war Nummer 1 in dieser Phase bei den Schwiegereltern – und ich als brave Schwiegertochter machte mir nicht etwa einen Tee und las ein gutes Buch. Ich nutzte meinen Freiraum zum Putzen und aufräumen. Sollte ja niemand sagen können, ich sei faul. Und zudem musste ich ja zeigen: Ja, ich bin sehr schnell wieder schwanger geworden, aber ich habe selbstverständlich alles im Griff – kritisiert mich bitte ausnahmsweise mal nicht.“

Es reichte ja, dass ich ungehöriger Weise schon wieder schwanger geworden war. Damals bastelte ich auch Geburtstagskarten für alle Verwandten meines Mannes und zog den Kindern die juckenden, hässlichen Pullover an, die meine Mutter wie ein Perpetuum mobile strickte. Ich war also zusammengefasst einfach sehr jung und sehr unsicher.

Das Leben drehte sich plötzlich in einem kleinen Kreis rund um das eigene Zuhause.

Die Babyzeit mit Nummer 3 verbrachte ich in einer sehr schön geschnittenen Altbauwohnung (wieder mit zwei Etagen – also genug Platz)  in Düsseldorf. Wunderbare 90 Treppenstufen trennten uns von der Welt und allen Verwandten, die älter als 60 waren – denn die kamen so selten wie möglich bis gar nicht.

Das wiederum kam mir großartig vor, aber 180 Stufen am Tag (zum Spaziergang runter und wieder rauf) in hochschwanger und danach mit Baby fand ich blöd. Aber ich wurde recht sportlich und hatte prima Muskeln. Das Vor-Schwangerschaftsgewicht hatte ich schnell wieder und untertraf es sogar noch. Ich war viel unterwegs mit den Dreien, kaufte mir neue Klamöttchen, machte die Mädels ebenfalls chic und war irgendwie war ich nicht mehr ganz so angespannt. Es ging bergauf.

Spannten mich vielleicht und eventuell auch die eigenen Ansprüche an? Und hatte dies nachgelassen? Oder tat es mir gut, nicht mehr in der Kleinstadt zu hocken und mich für jede winzige gegönnte Bequemlichkeit mies zu fühlen, weil ich Kritik von der nahen Schwiegermutter befürchtete? Nummer 3 war zudem ein formidables Baby – sie weinte fast nie. Sie hatte nie Bauchweh und das Zahnen schien sie einfach zu ignorieren. Sie schlief pünktlich und immer gleich lang. Unfassbar war das. Ich war wirklich entspannter und begann sogar, wieder freiberuflich zu arbeiten – während Nummer 3s Mittagsschlaf ging das sehr gut. Unsere Babys waren mit jedem weiteren immer pflegeleichter geworden. Und ich immer ein klein wenig entspannter.

Die letzte Babyzeit meines Lebens

Daher dachte ich, als Mister Essential im Jahr 2012 mit glänzenden etwas wie „Hm, also, wo drei groß werden, würden auch vier groß …“ murmelte ein nächstes Baby wäre vermutlich schlichtweg im Alltag nicht zu bemerken. Nein, nicht wirklich – ich hatte vor den Nächten Respekt und wusste, dass ich die Babyphase oft öde finden würde. Aber ich entschied mich für ein viertes Kind.

Am meisten Angst (ja, wirklich Angst) hatte ich vor der Fremdbestimmung. Und sie traf mich knallhart, muss ich sagen. Nummer 4 war im ersten Jahr nicht das pflegeleichteste, sondern das anstrengendste Baby.

Ich war nicht mehr oder weniger fremdbestimmt, sondern vielmehr zu einem selbstaufgegebenen Bedürfniserfüllungsroboter geworden. Dazu kam, dass mich zum Einen mein Alter und zum Anderen die beiden Fehlgeburtserfahrungen prägten. Dem kleinen Wunschkind soll es nur ja an nichts fehlen – predigte die Verlustangst.

Nun, wo er tatsächlich herumläuft, seine Zahnbürste nach der Benutzung selber wieder in den Becher steckt und sich bestens verständigen kann, sehe ich Land. Ich weiß, dass nun der Punkt erreicht ist, an dem es steil nach oben geht. Denn mir fiel wieder ein, dass Kommunikationsreife und Alter des Kindes viel ausmachen. Er versteht fast alles, das ich sage und er kann mir hinterherlaufen anstatt zu weinen, wenn ich kurz aus dem Raum muss. Ich muss ihn auch nicht mehr überall hintragen – na ja, wenn es nach ihm geht schon. Das ist schon viel wert: Er ist ein Kleinkind geworden.

Dennoch spüre ich, dass ich mich eigentlich schon in der Phase der Selbstbestimmung befunden habe, als er auf die Welt kam. Ich habe mir gepredigt, die Babyzeit zu genießen. Während ich wie ein Zombie den Kinderwagen vor mir her schob (ich verwendete ihn ob der Müdigkeit gern als eine Art Rollator), hörte ich von allen Seiten: “Ach genießen sie es! Die sind ja nicht lange so klein!” und dachte mir immer: “Bitte wiederholen sie nur den letzten der beiden Sätze und schütteln mich dabei ein wenig aufmunternd, ja?”

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Nummer 2 und ihr erster Schuh, 10 Jahre nach dem Kauf: Sie wachsen wirklich irgendwie, diese Kinder.

Gute Seiten

Ich fühlte mich am Ende des berühmten ersten harten Jahres jedenfalls viel besser als mittendrin. Ich begriff, dass ich ja nicht nur Ende Dreißig bin und nicht mehr Mitte Zwanzig, sondern dass ich vor allem für insgesamt sechs Menschen sorgen muss.

Ich schließe mich nun in den Kreis der Personen, die meiner Fürsorge bedürfen, endlich selbst mit ein, denn auch diese Lektion des Lebens habe ich (viel zu) langsam verstanden. Ich denke mir, es wird schon anstrengend sein, was Du da alles schaffst – kein Wunder wenn Du Dich dauernd so etwas schlapp wie während einer Erkältung fühlst. Ich erkenne also meine Leistung an. Das konnte ich vor zehn Jahren definitiv nicht. Ich bin selbstsicher in meinen Entscheidungen und kann sie bestens vor mir vertreten.

Ich fühle mich nicht nur müde und fremdbestimmt. Sondern reif, stolz und erfahren. Ich bin keine junge Frau mehr, die sich innerlich von Ansprüchen unter Druck setzen lässt und äußerlich versucht, es allen recht zu machen. Das Stadium der jungen, unsicheren Mama habe ich längst verlassen. Inzwischen habe ich eine große Tochter, die in diesem Jahr zum Teenager wurde und eine andere große Tochter, die sich öfter die Nägel lackiert als ich (wäh!) und eine kleinere große Tochter, die morgens alleine auf die Uhr schaut um zu sehen, wann sie die Jacke anziehen muss. Wenn das mal nicht eine gute Bilanz ist!

Die Drei passten in der letzten Erkältungsphase nachmittags auf Nummer 4 auf als ich heftig erkältet war. Ich lag im Bett und bekam Tee gebracht! Das stelle man sich mal vor! Kein Kind hopste auf mir herum und niemand musste von mir zum Klo begleitet werden während ich ein Fieberthermometer im Mund hatte. Ich lag da, machte Bingewatching mit dem iPad und wurde gesund.

Fremdbestimmt und dennoch Danke

Also danke ich dem lieben Gott und auch mir selbst für das Erreichen wunderbarer Meilensteine. Ich bin inzwischen in der Lage zu erkennen, dass anstrengende Phasen ihr Gutes haben und ebenso, dass ich nichts andauernd schönreden muss, nur weil ich mich dazu entschieden habe (zum Beispiel Leben mit Kindern :D). Ich danke für die lebhaften, schlauköpfigen und bereichernden Kinder um mich herum. Ich danke für den kleinen, heiß ersehnten Mann mit den großen Knopfaugen, der so gerne mit mir kuschelt.

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Mein Mantra. Auch wenn es Phasen gibt, in denen es schwerfällt. Vor allem sollte man auch sich selbst mit Liebe behandeln, statt sich aufzuopfern, wie man es oft von Müttern verlangt.

In der Zeitblase

In der Zeitblase

Meine Oma hat Plattdeutsch gesprochen. So eine Variante aus dem äußersten westlichen Zipfel des Landes.

Immer, wenn sie ein neues Enkelchen präsentiert bekam, nahm sie es in ihre besonders kräftigen Arme, wiegte es hin und her und sagte wehmütig:

„Äwer se bliewe joa net sue.“

„Aber sie bleiben ja nicht so.“

Meine Mutter, ihres Zeichens eine typisch gebeutelte Schwiegertochter dieser Frau, sagte mir als Kommentar dazu: „Am liebsten hätte ich immer gesagt Na und? Das ist ja wohl auch gut so! aber ich hab mich nicht getraut. Ist doch toll, dass Kinder immer mehr können. Mehr sprechen, mehr mitteilen, lesen, schreiben und so weiter. Sollen die etwa immer kleine, weinende Babies sein? ich verstehe nicht, wie man es bedauern kann, dass Kinder groß werden.“

Ich schon. Ne, Oma?

„Se bliewe joa net sue.“

Ganz genau. Oma hatte Recht.

Wenn man zum ersten Mal Mutter wird und auch, wenn dies in einer nicht allzu großen Zeitspanne ein zweites Mal geschieht, dann weiß man nicht, dass man gefangen ist. In einer pastellfarbenen Babyduft-Häkelschühchen-Breilöffelchen-Kindergartentäschchen-Bastelnachmittags-Süßheits-Blase. Aber man ist es.

Alles dreht sich um bestimmte Momente, Bedürfnisse und Pläne. Macht das Baby kein „Bäuerchen“, ist man verunsichert, hat Angst vor den berüchtigten Koliken, die schon so so viele Kinder und Mütter fertigmachten. Kann sich das Kleinkind nicht wehren, wenn andere ihm die Schaufel klauen oder haut es sofort zu feste zurück – dann sorgt man sich auch darum.

Man sorgt sich um die perfekte, lebenserhaltene Schlafumgebung. Man ist immer ganz nah dran, am ganz elementaren Sein. Und vergisst in den ersten knapp 6 Lebensjahren des Sprösslings fast, dass danach ein anderes Leben beginnt. Ein ganz anderes.

Vielleicht gibt es ein Geschwisterkind, das zwei Jahre nach dem ersten geboren wurde. Dann hat man zwei von den berühmten kleinen Mäusen. Und die gehen zusammen in kleine Kindergartengrüppchen, die Kuschelbären oder Reegenbogenponies oder Mausebäckchen heißen. Und an ihren Garderobenplätzchen sind niedliche Motive aufgeklebt. Und es gibt süße kleine Fächer für klitzekleine Gummistiefelchen. Und auf dem Nachhauseweg erzählen sie lauter putzige Sachen. Und man organisiert furchtbar herzerwärmende Geburtstagsfeiern. Das ist alles so … hach!

Eignung, Einstufung, Erprobung

Man hat im Kindergarten gehört, wie schön die Kleinen sich entwickeln. Sie haben gelernt, sich ein bisschen sozialverträglich durchzusetzen, sie können teilen und ihre Tellerchen selber spülen. Man liest ihnen abends Geschichtchen vor und deckt sie zu. Ein paar Jahre lang.

Während man noch den zarten Duft der selbstverständlich bio-dynamischen Babycreme in der Nase hat und sich aus dem Tragetuch schält, geschehen Dinge.

Eines heißt Zahnwechsel, eines heißt Medizinischer Einschulungstest und dann bastelt man eine Schultüte. Oder kauft eine. Und selbst da ist alles noch ist so süß und klein.

Während der nach der Einschulung folgenden vier Jahre wird alles anders.

Nicht nur, dass viele früher aufstehen müssen. Und nicht nur, dass man zu den armen Socken gehört, die die Hauptsaisonpreise zu latzen haben. Nicht nur, dass man ab sofort täglich Zettel aus der Schule erhält, stets noch mehr Kuverts/Kleingeld/Lust auf’s Backen haben soll. Man ist plötzlich gedanklich schon näher daran, sich zu fragen, ob man sein(e) Kind(er) ausreichend auf das Eintreten in die Leistungsgesellschaft vorbereitet hat.

Die vier Jahre steigern sich inhaltlich langsam auf ein ernstzunehmendes Maß. Ab der dritten gibt es Noten. Noten! Leistungsnachweise in Form von Ziffern und Worten. Nicht wenige Kinder lernen in diesem Jahr etwas Neues kennen: Nachhilfeunterricht. Aufregung vor Klassenarbeiten. Und einige erleben die Angst vor dem Zeugnis.

Der Ernst des Lebens

Nicht gleich ab der ersten Klasse wird es also so richtig ernst. Man wird schrittweise gewöhnt. In Häppchen wird es ernster. Die vierte Klasse dient dann dazu, die Kinder aufzuteilen. Sie auszusortieren. Damit man sie in die nachfolgenden Schulen einsortieren kann. Und da gibt es dann für einige Eltern und Kinder noch mehr Gedanken, Sorgen, Nachhilfe, Üben.

Plötzlich denkt man daran, dass die Kinder irgendwann eine Ausbildung oder ein Studium machen werden. Wow. Das ist aber nahe dran an Ausziehen-und-ohne-Eltern-wohnen!

Während man dann das Kindergartentäschchen von vor vier Jahren in der Andenkenkiste ansieht und die Strampler, dann hat man das ein oder andere Klößchen im Hals. Wenn man denn zu solchen Halsklößchen neigt. Aber auch ansonsten kann man es kaum fassen.

Schwuppdiewupp

Und *zack* hockt man auf den Stühlen in irgendeiner Aula zur Informationsveranstaltung einer der weiterführenden Schulen. Dann gibt es noch ein Abschlussgrillen in der süßen Grundschule und auf geht es in die Ferien vor dem Schulwechsel. *Zack-zack*! Das Kindergartentäschchen wäre längst unter einer dicken Staubschicht, hätte man es nicht sicher in der Andenkenkiste verstaut.

Dann hat man vielleicht eine Tochter und diese ist plötzlich so groß, dass sie einen rein theoretisch-biologisch zur Oma machen könnte. Oh my God!

Es geht nicht darum, dass die Zeit vorbeirasen würde. Im Rückblick fühlen sich dann solche 12 Jahre auch wirklich wie über ein Jahrzehnt an. Aber man hat die ersten Jahre davon in einer niedlichen Blase verbracht, aus der man dann ohne hörbares Plopp einfach rausfliegt. Es gibt dann weniger Schulzettel, Kleingeld muss man dennoch ständig abdrücken, oder auch mal ein paar Hundert Euro auf einmal für eine/zwei Klassenfahrt/en.

Aber es gibt auch immer weniger von diesem Niedlich. Das muss man verdauen.

Klar, mit den Kindern zu diskutieren, zu philosophieren und zusammen Frisuren ausprobieren oder Latein-Vokabeln zu üben ist wirklich ganz großartig. Aber es ist nicht niedlich.

Ihr Lieben …

… wenn Ihr noch in den sechs bis zehn niedlichen Jahren seid: Genießt es trotz der miesen Nächte, der umgekippten Kakaobecher, der KiTa-Fest-Einladungen, dem Muffin-Backen und des Chaos. Ja, das macht Ihr sicherlich meistens schon. Dann bestätige ich Euch hiermit, dass dies genau richtig ist.

Denn denkt daran (hilft auch im Falle, dass die lieben Kleinen besonders nerven): „Se bliewe joa net sue!“

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Jammern auf niedrigem Niveau Teil 2: Und plötzlich ist man allein.

Jammern auf niedrigem Niveau Teil 2: Und plötzlich ist man allein.

Teil 2 des Jammerns auf niedrigem Niveau blickt hinter die Kulissen. Jung und als einziges Paar im Freundeskreis mit Kind. Wie ist das so? Und situationsunabhängig: Was opfern Eltern alles, um sich dann im Blick auf unsere Gesellschaft wie verträumte Romantiker zu fühlen, die leichtfertig ihr Leben auf den Müll warfen, die den sinnstiftenden Hedonismus fahren ließen und ihre Selbstbestimmung leichtfertig fortwarfen, um dafür nichts zu ernten als Einschränkungen, Lärm und Gestank? Ich klinge ironisch – das kann eine Form von Aggression sein. Ist es in diesem Fall sicher auch. Schön, dass jemand ein Buch zum Thema moderne Elternschaft geschrieben hat, in dem Eltern sich gegen jene wehren, die sich angreifen. Das wurde wirklich Zeit. Es sollten noch einige mehr folgen …

Wir haben uns letztens darüber unterhalten wie es war, mit Mitte Zwanzig unser erstes Baby zu bekommen. Die Antwort ist klar: einfach war es nicht. Schwierigkeiten machte aber nicht nur die Erfahrung selbst oder die Sorgen, die durch die Verantwortung für ein anderes Menschenleben kommen. Es war auch erschreckend, wie schnell man den Bezug zu den meisten seinen kinderlosen Freunden verliert und ganz in einer anderen Welt versinkt.

Für uns war die Entscheidung für Nummer 1 so: Wir verliehen unserer Liebe Ausdruck. Dies entsprach einem wirklich als archaisch zu bezeichnendem, tiefen Gefühl. Einem Ur-Gefühl. Das war der Eintritt in eine Lebensphase, die wunderschön ist, aber auch ihre Schattenseiten hat. Da wir hier oft von den schönen Seiten der Elternschaft sprechen, will ich mir hier mal auf diese negativen Aspekte konzentrieren – ich habe in meinem Freundeskreis den Ruf, schonungslos ehrlich zu sein. Dann mal los:

Freizeit, Freunde, Geld, Sorglosigkeit, In-den-Tag-hinein-leben, Spontaneität – alles erst mal weitgehend weg. Dafür kamen Konflikte mit Müttern und Schwiegermüttern, wie sie bei der ersten Geburt nicht selten aufkommen und keine guten Lösungen, weil keine Erfahrungen. Probleme mit einem Schreibaby, die keiner unserer Freunde auch nur irgendwie erahnen konnte. Es war schockierend, wie sehr es nervte, nicht mal eben aus dem Haus zu können, ohne das Baby entweder an sich dran zu wickeln oder den schweren Kinderwagen aus dem Keller in den Hausflur juckeln zu müssen (Und zwar schnell-schnell, denn das Baby lag nicht gern allein in der Wohnung oben herum, sondern brüllte dann). Statt neuer Klamotten für mich gab es alles für’s Baby. Ich fühlte mich auch eh nicht mehr wie die knackige Frau, die Komplimente und Aufmerksamkeit bekommt, sondern wie ein leerer, ausgeleierter und gestreifter Walfisch. Meine Freundinnen waren derweil körperlich unversehrt und konnten nur hilflos sagen: „Tja, hm, dafür hast du ja aber auch das Baby. Das ist dann wohl leider so, dass man dann so aussieht.“ Was sollten sie auch sonst tun oder sagen?

Die Idee neuer teurer Schuhe oder Mäntel rückte ganz weit hinter den Horizont. Und von einem Urlaub auch. Mann, war das krass. Und niemand da, der es nachvollziehen konnte. Niemand zum Teilen dieser Erfahrungen. Wir waren damals Mitte Zwanzig und damit gut zehn Jahre zu früh dran im heutigen Deutschland. Damit war unser Schicksal als einsame, breibeschmierte Außenseiter besiegelt.

Ja, wir lasen viele Artikel und Zeitschriften über Babies. Wer sich einen Hund kauft tut das übrigens auch. Der ist dann der verantwortungsbewusste Hundehalter. Eltern aber sind dann schnell überkandidelte Nervsäcke mit ihren ewig gleichen Themen. „Und dann immer die Babyfotos auf Facebook“ heißt es. Mann, wirklich! Ich mag vielleicht auch nicht dauernd „Dackel Waldemar im Schnee“ oder „Windhund Wilma beim Schwimmen“ sehen. Und ich mag Hunde echt gern. 

Wir liebten dieses alles-auf-den-Kopf-stellende und gefühlt andauernd quakende Wesen über alles. Unsere sichtbar gewordene Liebe (Danke, Novalis, Du allzu früh verschiedenes Schnuckelchen). Und gaben für diese neue Liebe sehr viel auf. Ist das nicht eigentlich sehr liebenswert, wenn man so viel opfert, nachdenkt und fühlt? Wenn man sich der Verantwortung für Körper und Seele eines Menschen vollumfänglich bewusst ist? Und wenn man versucht, dieser bestmöglich gerecht zu werden?

Und ist es nicht ebenso verständlich, wenn man darüber sprechen will? Mit denjenigen, mit denen man zuvor so viel Zeit verbrachte und so viel teilte? Die stehen plötzlich da und bekommen nur mit, wie wenig Spaß die armen Schweine haben, weil sie ein Baby bekamen. Der Papa sollte in Woche zwei mit Baby spontan abends zu Freunden zum Saufen kommen und sagte ab. Seine Kumpels waren enttäuscht. Aber allein, dass sie dachten, er würde nun einfach aufspringen und losfahren, nervte den frischgebackenen Vater. Weil er merkte, dass sie nun in zwei Welten lebten. Solche Unverständlichkeiten häuften sich. Die Freunde nervte wiederum das. Sie sagten tatsächlich:“Mann, mit dem Baby habt ihr euch aber echt was angetan.“ Und hatten keine Ahnung. Sie wussten nicht, wie tief wir beide dadurch miteinander verbunden worden waren. Und wie es war, dieses Glückskind zur Welt zu bringen und es jeden Morgen aus dem Bettchen zu holen, nachdem man mal wieder befürchtet hatte, es könnte irriger Weise am Plötzlichen Kindstod gestorben sein. So viele neue Gefühle und Erfahrungen! Schwangerschaft, Geburt Baby: So viel Glück, Geschrei, Sorgen, Blut und Freude!

Es ist eine unüberwindbare Schlucht zwischen denen mit Kindern und denen ohne. Da möchte ich ausnahmsweise keine diplomatische Political Correctness bemühen. (Dazu bin ich zu genervt von manchen Zuständen.) Mindestens wir Eltern wissen das. So wie zwischen Kriegsveteranen und Zivilisten. Irgendwie ahnen die Zivilisten, das Krieg eine elementare Erfahrung ist. Und irgendwie ahnen Kinderlose, dass allein eine Geburt eine elementare Erfahrung und eine Initiation zugleich ist. Eine, die sie vielleicht nie machen werden oder zumindest noch nicht gemacht haben. Trennt das nicht automatisch irgendwie?

Während man früher mit Freunden auch mal in ein Konzert ging, das einem nicht zusagte oder man sich ihre Probleme anhörte, obwohl man müde war oder mit den eigenen Dingen beschäftigt, da sind es genau diejenigen, die beim Wort „Wehenschmerz“ gerne sagten: „Oh nee! Davon will ich nichts hören!“ Und man denkt „Mann, du bist ’ne Freundin. Ich habe etwas erlebt, das mich in Mark und Bein durchschüttelte und für immer veränderte und du sagst nur: Oh nee.“ Sie schauen sich das nagelneue Babyfotoalbum an und rufen beim Geburtsfoto: „Ih! Ist das etwa Blut da?“ und meinen es vielleicht wirklich lustig. Doch man fragt sich, wieso ausgerechnet diese Reaktion kommt. Vielleicht würde man das hinterfragen, aber man lässt es. Man sagt nichts. Sondern ist  – Achtung: Ironie des Lebens – ganz mütterlich-weise, nimmt sich zurück (denn das ist man durch das Baby schon gewöhnt) und schont die Freundinnen. Man denkt sich: „Hey, sie haben das alles nicht erlebt und wissen einfach nicht, wie sie reagieren sollen. Es verunsichert sie, dass du etwas Derartiges erlebt hast. Daher wissen sie nichts zu sagen.“ Und diese Einstellung trennt einen noch weiter.

Ja, ich bin mit meinen Freundinnen und dem Baby zusammen in die Stadt gegangen zum Einkaufen oder mal auf einen Spaziergang. Und ich habe auch manchmal erzählt, was ich als Mutter so erlebe. Aber irgendwie fehlte etwas. Einmal war es schon symbolträchtig. Ich war mit einem Freund unterwegs, hatte Nummer 1 im Tragetuch und wir schlenderten durch die Innenstadt. Wir sahen uns überall um, was nett war, aber ich merkte, wie das Baby mir langsam zu schwer wurde. Er konnte sich natürlich frei und unbelastet bewegen. Während wir irgendwo standen und uns unterhielten, war immer dieses Baby zwischen uns, das ja meine Vorderseite bedeckend vor meiner Brust war. An dem symbolhaften Tag hab ich gedacht: „Du wirst erst dann wieder mit Gleichaltrigen eine Ebene teilen, wenn sie sich auch fortgepflanzt haben. Da dies aber ziemlich aus der Mode ist, wirst du weder wissen, wann das sein wird, noch ob überhaupt.“

Wenn ich mich umsehe und umhöre oder den Buchauszug von „Seid fruchtbar und wehrt euch“ lese, dann denke ich: Es ist anscheinend das gute Recht der Coolen („der Jungen“), die Mütterchen zu verletzen. Sie haben die Mode der Zeit auf ihrer Seite. Das Peter-Pan-Syndrom. Ich habe das nicht. Als Eltern ist man schließlich geradezu auf den Zahn der Zeit gekettet.

Aber man rächt sich. Man bleibt nicht ewig mütterlich-verzichtend-weise. Man ist irgendwann genervt von der polarisierenden Thematik, die noch vor dreißig Jahren nicht existierte, als Kinderkriegen kein Projekt für verblendete Romantiker war: Man nimmt die Ignoranten, die sich vermutlich auch mit Fünfzig vorwiegend bei einer Tasse überteuertem Kaffee über ihr Lieblingsrestaurant und tolle Urlaubsziele unterhalten, einfach nicht mehr ernst. Warum nimmt man sich diese Hybris heraus? Weil: In Restaurants gegessen haben wir auch mal. In Urlaub geflogen sind wir auch. Es gab teuren Kaffee, ausgedehnte und ruhige Frühstücke oder auch Brunches. Wir haben Dates erlebt, sind abgestützt, hatten wilde Nächte (die wenigstens haben wir heute auch noch) haben Unüberlegtes getan und sind unzuverlässig gewesen. Wir waren nur für uns verantwortlich, haben uns voll auf unsere Berufe konzentriert. Alles bekommt ein Häkchen.

Und dann kam da noch so viel mehr. So unendlich viel. Ja, lacht nur, wenn Eltern rührselig über die leuchtenden Kinderaugen an Weihnachten sprechen. Ihr lacht nur, weil ihr einfach nicht wissen könnt, wie tief diese Gefühlserfahrung ist. Wie sehr man sich von den Glücksgefühlen Anderer bewegen lassen kann. Ich stehe nun nicht so sehr auf Ashton Kutscher, aber neulich las ich zufällig ein Zitat von ihm: „Du denkst, du weißt, wie sehr du einen Menschen lieben kannst. Dann bekommst du ein Kind und stellst fest, du wusstest es nicht.“ Kein Urlaub, kein Haustier und kein leckeres Restaurant-Futter gibt einem das.

Ein nacktes, nasses, neues Leben auf der Brust liegen zu haben, das man nach stundenlangen Schmerzen oder durch eine Körper und Seele belastende Operation auf die Welt beförderte – das ist nicht mit einer herausfordernden Bergsteigertour zu vergleichen. Und nein, mit einem erfolgreichen Zahnarztbesuch auch nicht. 

Ein neues, selbstbewusstes Hurra auf das Elternsein muss her. Ein Hoch auf die Wesen, die uns eine abartig tiefe Lektion in Empathie lehren und unseren Blick auf das Bezaubernde Im Leben lenken. Auf Augen, die den eigenen so ähnlich sehen. Auf Seelen, die einem anvertraut wurden und für die man alles tun würde. Ein Hoch auf die quälenden Nächte, die Paare zusammenschweißen können, wenn sie konstruktiv und liebevoll miteinander bleiben. Ein Hoch auf die Herausforderungen, die Kämpfe, die Erfolge und Niederlagen. Nein, so gibt einem das kein Job der Welt. Und ja, es hat frustrierende Phasen zwischen gähnender Langeweile und blankem Horror. Ja, es ist oft genug auch chaotisch wie im Schützengraben. Aber das kann man durchaus schaffen. Schließlich ist es ja kein echter Schützengraben.

Und dann erlebt man neue Ebenen von Partnerschaft, Leistungs- und Organisationsfähigkeit und Selbstbewusstsein. Man empfindet tiefsten Stolz und haarsträubende Sorgen und auch ehrliche Dankbarkeit. Den verständnislosen Nicht-Eltern möchte ich das am liebsten so erklären: Die Gefühlsbandbreite erweitert sich von 16 Bit auf 36 Bit.

Ja, viele Arbeitgeber stellen inzwischen gerne Eltern als Angestellte ein. Weil sie eben über all das vermögen: Teamgeist, Zuverlässigkeit, Selbstorganisation. Eltern sind im Job auch noch nachweislich weniger krank als Nicht-Eltern.

Wir sollten mal aufhören und latent oder vollumfänglich zu schämen. Das haben wir nicht nötig. Das ist jetzt ein bisschen wie ein „#parentsrock“ aber auch dieses scheint mir dringend nötig. Mir reicht langsam das Gefühl, ein bisschen jeck, blöd oder einfach nur verträumt zu sein, weil ich Kinder habe. Wir haben uns kein teures, dusseliges Hobby gesucht. Wir machen kein die Augengesundheit gefährdendes Fliegenfischen mit selbstgebastelten Fliegen aus puren Goldfäden und meckern dann, weil man immer so früh aufstehen muss, die Fliegen so teuer oder die Gummistiefel undicht sind. Wir haben Kinder bekommen. Aus Liebe. Da gibt es nichts Negatives zu urteilen. Das ist kein außergewöhnliches Projekt sondern ein für die Menschheit (äh ja – und der von vielen Kinderlosen so geliebte Tierwelt) eher natürliches Vorgehen.

Wir haben natürlich Freunde, die (zum Teil noch) keine Eltern sind. Und mit denen wir sehr glückliche Zeiten verbringen, die wir von Herzen lieben und denen wir selbstverständlich auf Augenhöhe begegnen. Es gibt jene, die mit (unseren) Kindern recht gut und ehrlich bemüht/sehr natürlich/herzlich/lieb umgehen können. Das sind in unserem Umfeld eigentlich alle. Und unter unseren Freunden ist eigentlich niemand, bei dem ich denke, er empfindet mich als dämlich, weil ich Kinder habe. Das möchte ich hier mit Nachdruck sagen. Es ist nicht so, dass ich per se Kinderlose nicht ernst nehme – wie arrogant wäre das denn? Aber die kinder- und elternfeindlichen Dauer-Jugendlichen, denen möchte ich gern mal ein paar Takte sagen.

Wenn ich lese, dass eine Gastronomin etwas sagt wie: „Bah, dann packen die Mütter hier ihre Euter aus…“ dann bin ich auf 180 und stelle mir vor, sie hätte gesagt „Bah, dann steht hier immer der Krüppel mit seinem Rollstuhl im Weg, weil er uns zeigen will, dass er trotzdem mobil ist“ oder „Dauernd hängen die komischen Schwulen hier ab und wollen uns knutschend präsentieren, dass sie’s auch mit 50 noch drauf haben“ Na, da wäre ein Aufschrei durch die Massen gegangen. Und dabei wäre es um Minderheiten gegangen. Nicht um Mütter (!).

Aber Müttern muss man ja keinen Respekt zollen. Da muss man sich auch nicht fragen, warum man mamaphob ist. Dabei gäbe es simple psychologische Antworten darauf, wie auch auf die berühmte Homphobie und die sind sich nicht mal unähnlich. Irgendwas mit Verunsicherung der eigenen Geschlechterrolle und Person durch Projektionen im Außen und so …

Fazit:

Nach dem ersten Baby schrumpfte vieles ein und vieles wurde größer. Ich zum Beispiel. Gereift, erfahren, iniziiert wie ich war. Und leidgeprüft und mit gestählten Nerven. Und überhaupt … war ich acht Monate nach der Geburt schon wieder schwanger.

Aber beim Zweiten wusste ich wenigstens, was auf mich zukam.

Wer sich über Eltern und/oder Kinder beklagt oder gar abfällig beleidigend wird hat einfach keine Ahnung. Gar keine. Auch nicht, wenn er meint, er wüsste was, weil er mal gehört hat, dass es Kinder gibt. Oder mal auf seine Nichten und Neffen aufgepasst hat.

Ich habe inzwischen immerhin um die zehn Freundinnen, die auch Kinder haben. Mit manchen habe ich regelmäßigen Kontakt, mit manchen nur selten. Aber jahrelang hatten wir nur uns, mein wunderbarer Mann und ich. Wir haben miteinander ausgemacht, was wir uns unter Erziehung, kindlicher Körper/Krankenpflege, Konfliktbewältigung, Entwicklungsphasenbegleitung, seelischer Entfaltung und so weiter vorstellen. Gut, das hat uns so zusammengeschweißt, dass wir nun an unserem baldigen 15. Jubiläum unserer Liebe immer noch irgendwie verliebt ineinander sind und wir sind mit unseren Kindern gern zusammen. Und stolz auf sie.

An diesem Punkt möchte ich immer noch gerne die Gastronomin treffen, die sich über die Euter aufgeregt hat. Ich würde sagen: „Vier Menschen das Leben geschenkt und glücklich? In dein Gesicht! Wahre Werte im Leben gefunden? In dein Gesicht! Währenddessen niemanden meine nackten Euter gezeigt? In dein Gesicht! Und ehe du mir aufzählst, was du alles in deinem Leben begrüßt sage ich dir Folgendes: Ein Mensch, der sich öffentlich auf diese Art über andere Menschen äußert, mag eine Menge besitzen oder vorgeben zu sein. Aber letztlich ist er mindestens eins: Bedauernswert.“

Süß. Niedlich. Müde.

Süß. Niedlich. Müde.

Alltag mit Baby. Kennen wir Mütter. Aber: Es ist kracher-witzig, wenn man es mal liest. So richtig als Tagesablauf mit Zeitangaben. Das kann man im Artikel der Bloggerin Sarah O‘ Grady tun. Und schmunzeln.

Und es inspiriert. Ich möchte das auch mal tun.

Aus meiner Babyphase, die für mich gefühlt immer endet, wenn das Baby ein Jahr alt wird. Wie unseres morgen.

Vielleicht hat ja eine meiner geschätzten Mit-Mama-Bloggerinnen danach auch Lust? Ich fände es sehr interessant und bestimmt auch lustig, wenn wir uns da austauschen würden.

Ein Tagesablauf mit 3 Großen und 1 Baby

Wann fängt ein Tag denn genau an? Um 5? Hatte ich öfter mal. Um 4:30Uhr? Gab es auch. Für meinen exemplarischen Tagesablauf starte ich den Tag aber zu einer humanen Zeit.

Ich beschreibe mal kurz eine der diesem Tag vorangegangenen Nächte: Baby (an diesem Beispieltag/ in der Beispielnacht ist es circa vier Monate alt) schlief nach langem Ritual üblicher Weise zwischen 21 und 22.00 Uhr ein, um 1 war es wieder wach und wurde gestillt bis 2. Danach brauchte man eine Stunde, in der man es auf dem Arm halten musste, sonst wachte es beim Ablegen sofort wieder auf. Um 3 ging es wieder ins Bett. Manchmal weinte es auch ohne einzuschlafen und man musste nachts noch eine Runde mit ihm spazieren gehen. So gegen 3.30 Uhr bis 4:30 Uhr. Von 3 bis 5 Uhr schlief es für gewöhnlich, um anschließend Hunger zu haben. Wieder stillen bis 6 Uhr war dann angesagt.

Und damit beginnt der Tagesablauf

6 Uhr Das Baby liegt in meinem Arm im Bett und schläft. Seine jüngste Schwester schleicht sich zum Kuscheln rein. Reden dürfen wir nicht, sonst wacht das Baby wieder auf. Der Herr Vater sieht zu, dass die Großen sich für die Schule fertig machen und geht ins Bad. Draußen landen mit lautem Rumms die beiden Kater auf dem Fensterbrett. Ein Holzhaus ist recht hellhörig. Ich hoffe, die wecken das Baby nicht. Sie jaulen und stampfen und poltern vor dem Fenster und dem Nebeneingang.

7 Uhr Die großen Geschwister kommen herein und winken uns zu – sie gehen zum Bus.

7:20 Uhr Die Jüngste muss aufstehen und ins Bad. Ich stehe mit ihr auf und sehe zu, dass ich einen Kaffee bekomme. Ich fühle mich wie ein Zombie. Ich muss bis um 8 im Bad gewesen und angezogen sein. Vielleicht schnell, schnell duschen? Das wäre Wellness. Ich bin angespannt wegen das bevorstehenden langen und anstrengenden Tages. Ich muss aber auch noch das Baby warm einpacken, um mit ihm die Schwester zum Bus zu bringen. Schaffe ich das Duschen vorher?

8:00 Uhr Die Jüngste muss los. Das Baby schläft, ist warm verpackt und liegt im Wagen. Ich habe das Duschen nicht geschafft. Aber die Zähne geputzt und mir die Haare ganz praktisch in eine Spange gestopft. Der zweite Kaffee ist in einem To-Go-Becher in seinem Halter am Kinderwagen. Das, meine Lieben, ist wahrer Luxus! Ich warte an der Haltestelle und unterhalte mich mit dem Töchterlein, was sehr süß ist. Sie kuschelt sich in meinen Mantel. Ich knuddle die Kleine und winke ihr nach. Danach gehe ich spazieren. Weil der Kleine dann noch etwas schläft. Und dabei höre ich ein Hörbuch via Kopfhörer. Ihm ist schön warm. Mir nicht. Aber ich brauche ein bisschen Zeit ohne seine Bedürfnisse. Die kalte Luft weckt mein wie betäubt müdes Gesicht. Ich bin zu alt für dauernden Schlafentzug, Einer der Kater begleitend mich miauend. Süß.

9:00 Uhr Zurück vom Spaziergang. Die Katzen schießen an mir vorbei ins Haus. Schnell die patschnassen Stilleinlagen aus dem BH in den Müll befördern und neue reinstopfen, während die Kater um meine Beine streichen. Das Baby wacht gleich auf. Jetzt aber schnell! Ich werfe meinen Mantel über’n Sessel und streife die Stiefel ab. Die muss ich nachher wegräumen – Vorbildfunktion und so. Ich hole ihn aus dem warmen Deckendings und stille ihn. Ach, wie schön, dass der Schmerz beim Stillen nicht mehr ganz so schlimm ist. Ich versuche, dabei die Schultern zu entspannen, um nicht wieder Kopfschmerzen zu bekommen.

9:45 Uhr Er ist satt. Und wieder müde. Aber er schläft tagsüber nicht, wenn man ihn ablegt. Nur auf mir drauf. Also versuche ich, eine irgendwie erträgliche Position auf dem Sofa einzunehmen, ohne das einschlafende Baby auf mir zu wecken. Okay, es ist nicht bequem. Aber so kann ich die zwei Stunden aushalten, ohne dass mir wieder die Knie so komisch durchhängen. Das vorher schnell bereitgelegte iPad hole ich mir mit dem kleinen Finger heran, indem ich den Fingernagel unter die Hülle schiebe. Ich lade die neue Ausgabe einer großen Tageszeitung herunter und lese. Und lese. Auch den Newsticker. Danach tippe ich mit einem Finger Suchworte oder Internetadressen ein. Ich tippe auch so. Wie auch sonst? Ein paar Mal hab ich vergessen, das iPad vorher hinzulegen, Da habe ich dann zwei Stunden aus dem Fenster in den kahlen Garten gestarrt und abwechselnd an den Himmel. Hab mich gefreut, wenn da Wolken und Wind waren. Das hat einen hohen Unterhaltungswert – hätt‘ ich zuvor echt nicht gedacht …

11:15 Uhr Er wacht auf und sieht sehr niedlich aus. Ich knuddle ein bisschen mit ihm und lege ihn in seine Wippe, damit ich kurz staubsaugen kann. Das will er nicht. Er weint. Wer hätte das erwartet? Also Tragetuch raus, Baby rein und das tun, was ich zärtlich den Afrikamodus nenne: Mit dem Baby an mir dran ein bisschen was tun. Ich habe ihn nun vor der Brust. Sechs Personen verursachen viel Wäsche und Schmutz. Ich staubsauge und räume auf. Sich mit dem Baby vorne dran dauernd zu bücken und aufzurichten ist echt anstrengend. Aber man kann sein Köpfchen riechen und küssen. Das ist prima. Ich stapfe die Treppe hoch und wundere mich mal wieder, dass sich meine Muskeln so schwach anfühlen und ich mein Herz im Hals donnern fühle. Ich sollte vielleicht doch mal zum Arzt. Aber mit dem Kleinen ist das so anstrengend und sooo schlecht geht es mir ja nicht … ich warte bis er größer ist. Oh Mist, ich muss mal.

12:00 Uhr Ich muss mich mit dem Baby vorne dran auf das Klo pfriemeln. Denn abgelegt werden will es ja nicht. Das nervt kolossal. Will alleine auf’s Klo. Will auch einfach Wääähh! machen. Bin müde und grrr … Oh! Ich muss in zehn Minuten an der Haltestelle stehen und die Jüngste abholen! Schnell! Baby raus aus dem Tuch. Nur eine Jacke drüber werfen wäre zu kalt für ihn. Er muss also da raus und am besten gleich in den Kinderwagen – das ist am praktikabelsten. Also Baby in die Decke und das warme Säckchen stecken. Baby will das nicht und schimpft. Das Schimpfen im Ohr ziehe ich meine Schuhe an. Mir bricht der Schweiß aus. Das sag ich dann auch dem Arzt. Später irgendwann. Ich werfe mich in den Mantel und hieve um 12:10 Uhr den Kinderwagen die Eingangstreppe runter, um zur Haltestelle zu eilen. Dabei trete  ich einem der Kater auf die Pfote, die wie die Pfeile zwischen Kinderwagen und Beine durchhuschen.

Ich sage mir, dass ich die Zeit besser im Blick haben muss. Wenn ich weniger trinke, hab ich weniger Milch. Aber so muss ich dauernd auf’s Klo. Wenn ich morgens weniger trinke, reduziert sich das Klo-Gerenne. Dann schreit er weniger, weil er ja nicht abgelegt werden will. Nachmittags kann eine Schwester ihn kurz bespaßen, während ich pinkeln muss. Das ist ein Plan. Morgens weniger trinken, nachmittags mehr. Zynisch erwäge ich einen Toiletten-Plan aufzustellen, um das alles nicht wieder zu vergessen.

12:30 Uhr Ich habe mir auf dem Weg ganz viel aus der Schule erzählen lassen. Das war sehr niedlich. Nun sind wir gerade zurück und die Jüngste setzt sich zum Baby neben die Wippe. So mag der Kleine es. Die Jüngste will nun abschalten und sich etwas auf dem iPad ansehen. Ich beschäftige mich derweil mit dem Baby. Dann versuche ich, mir den Laptop auf den Schoß zu nehmen, um noch ein paar wichtige E-Mails zu schreiben. Geht nicht. Das Baby weint. Es hat Hunger. Ich stille ihn bis um

13:15 Uhr Das Baby ist noch nicht eingeschlafen. Wenn es tief einschläft, kann ich es in die Wippe legen. Das wäre toll, dann könnte ich kochen. Es ist aber müde und wach. Also wieder das Tragetuch raus und das Baby rein. Während ich stehe und Kartoffeln schäle meckert und schimpft er. Er will natürlich, dass ich laufe. Also wippe ich auf und ab und wackle hin und her. Die zu schälende Kartoffel muss ich dabei hoch halten, weil ich sie sonst nicht sehe  – Baby im Blickfeld. Ich schäle wippend und beruhigungssummend Gemüse. Dabei helfe ich nebenbei der Jüngsten bei den Hausaufgaben, mit denen sie begonnen hat. Die Katzen schmeicheln um meine Beine. Ich muss sie schnell füttern.

14 Uhr Die Großen kommen nach Hause. Das Baby ist im Tuch eingeschlafen. Alle müssen flüstern. Als das Essen fertig ist, hole ich den Kleinen vorsichtig heraus und lege ihn in die Wippe. Ich decke ihn zu und wir hoffen auf ein nettes Mittagessen.

14:30 Uhr Er hat geschlafen und wir haben gegessen. Das hatten wir auch schon anders. Heute ist es entspannter. Mir fallen meine wichtigen E-Mails wieder ein. Wir räumen den Tisch ab, stellen die Spülmaschine an und ich räume die Küche auf. Als ich mich hinsetzen und mein Notebook nehmen will, ist der Kleine wieder wach. Er hat nicht genug geschlafen und hat miese Laune. Wir singen ihm etwas vor. Die Schwestern wollen ihn herumtragen. Die Jüngste meckert, weil sie ihn noch nicht tragen darf. Es entbrennt ein kleiner Streit zwischen ihr und der Großen deswegen. Beleidigt zieht sie sich an den Esstisch zurück, um die Hausaufgaben fertig zu machen.

14:50 Uhr Ich trage den Kleinen herum und singe ihm etwas vor. Er grapscht nach meiner Nase, ich küsse seine Fingerchen. Ich könnte ihn aufessen. Er hat wieder Hunger.

15 Uhr Ich habe die Großen gerufen, damit sie Hausaufgaben machen. Sie sitzen am Tisch und ich stillend auf dem Sofa. Von dort aus helfe ich ihnen bei den Aufgaben. Wir rufen uns Vokabeln durch den Raum zu.

15:30 Uhr Er trinkt immer noch. Ein Paketbote klingelt. Alle Kinder springen auf und rennen zur Tür. Sie rufen mich zum Unterschreiben. Ich knurre innerlich und hieve mich mit an mir saugendem Baby hoch. Schneller Check, ob man nichts von meiner Brust sieht und zur Tür. Der Postbote lächelnd entschuldigend – er hat selber Kinder – und die Kinder tragen das Paket mit Babysachen hinein.

16 Uhr Ich gucke sehnsüchtig auf die Uhr. Ich brauche dringend einen Erwachsenen in meiner Nähe. Telefonieren geht nicht wegen das Babies. Das habe ich aufgegeben. Und mochte es eh nie so. Wieso ist es nicht schon 18 Uhr? Der Kleine ist immerhin satt und liegt in der Wippe neben mir. Ich muss mal. Wenn ich aufstehe, dann weint er. Ich bitte eine der Großen, sich neben ihn zu setzen und flitze zum Klo. Er weint trotzdem. Mir bricht der Schweiß aus. Die Jüngste kommt hinter mir her und erzählt mir Unverständliches durch die Badezimmertür. Ich bitte sie, mir das später zu erzählen. Wir packen das Paket mit den Babysachen aus. Dabei halte ich das Baby auf einem Arm. Ich bin ein einarmiger Bandit, seit das Baby da ist. Die Sachen sind schnuckelig und wir freuen uns. Ich bitte die Kinder, den Karton zum Altpapier rauszubringen. Dann entferne ich die Etiketten von den Sachen und bringe sie – Baby auf dem Arm – in die Wäsche.

16:30 Uhr Ich lese den Kindern etwas aus einem E-Book vor, während der Kleine in der Wippe liegt. Er wird wieder müde. Also muss ich ihn rausnehmen, denn auch das Wippen überzeugt ihn nicht vom Einschlafen. Ich höre mit dem Vorlesen auf. Dann entscheide ich spontan, spazieren zu gehen. Die Mittlere möchte mit. Ich warne sie, dass wir etwas länger gehen werden, damit der Kleine schlafen kann. Wir ziehen los und unterhalten uns auf dem Weg. Mir fallen die wichtigen E-Mails wieder ein. Ich habe Tee in meinen Warmhaltebecher gemacht, den wir uns teilen. Der Kleine schläft schnell ein. Ich kann mich darauf verlassen, dass er im Kinderwagen gut schläft. Daher gehe ich morgens auch manchmal eineinhalb Stunden durch die Gegend. Damit er guten Schlaf bekommt und ich Hörbücher hören kann. Nun gehe ich mit der Mittleren und höre ihr zu. Der Kater folgt uns. Niedlich.

17:15 Uhr Wieder zurück und der Blick auf die Uhr ist ganz erträglich. Ich sage mir, dass der Kleine abends ja meistens schon vor zehn schläft. Wir wagen es inzwischen, eine Serienfolge zu gucken, damit wir 30 Minuten Feierabend haben, ehe wir schnell einschlafen müssen. Was für ein Luxus das doch ist. Bald, bald wird er noch früher einschlafen und nachts nur noch ein Mal aufwachen und das wird ein Fest! Und ich erinnere mich daran, wie er noch Wochen zuvor in den Schlaf gebracht werden musste: Ewiges Tragen und wenn das nicht ging, dann saß der Herr Vater auf der Sofakante, vornüber gebeugt und machte so eine Art zart-aber-spürbare Vibrationsbewegung mit den Armen in denen er ihn hielt. Bis er schlief. Danach musste man 45 Minuten warten, bis er tief genug schlief, ehe er in seinen Babybalkon gelegt werden konnte. Das dauerte alles bis 23 Uhr und man hatte immer schon Panik, nicht genug Schlaf zu bekommen um morgens nicht zuerst weinen zu wollen. Zwei bis drei Stunden Schlaf und oft dazu wach sein ab 5 machen ein Tier aus mir. Einmal hatten wir abends Besuch und ich hoffte, dass er nicht lange bleiben würde, damit ich nur ja genug Schlaf bekäme. Die Jüngste reißt mich aus dem Luxus eigener Gedanken um’s eigene Wohl und sagt, sie habe Hunger. Die Katzen auch. Ich stolpere mal wieder über den einen der beiden.

18 Uhr Schon Sechs! Noch eine Stunde oder vielleicht anderthalb – dann kommt der Herr Vater nach Hause. Der Gedanke an einen Gesprächspartner gibt mir Aufwind. Lang waren die Monate der Entbehrungen und an der Front ist nicht nur der Hunger ein Feind … apropos: Es ist Abendessenszeit. Auch für das Baby. Ich stille ihn und sehe zu, wie die Kinder sich etwas zu essen nehmen. Sie sitzen am Tisch, ich auf dem Sofa. Stillen auf den Esstischstühlen geht nur unter Inkaufnahme fieser Verspannungen. Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch. Muss ich das auch dem Arzt sagen, den ich später-später besuchen werde? Nein. Es ist Magenknurren, diagnostiziere ich. Ich sehe den Kindern beim Essen zu.

18:45 Uhr Das Baby ist satt und die Große trägt den Süßen herum. Ich stopfe mir ein Brot hinein. Die Mittlere der Mädels hat mir einen Kaffee gemacht. Wunderbar! Dann nimmt die Kaffeekocherin das Baby und ich verlangsame das Ess-Tempo. Wir unterhalten uns nebenbei alle ein bisschen. Das Baby ist zufrieden. Ich sehe zu, wie sie sich gegenseitig mit dem Baby fotografieren. Sie sind furchtbar süß alle zusammen.

19 Uhr Ehemann kommt später, es ist Stau, teilt mir seine Sprachnachricht mit. Ich vermisse ihn. Nicht nur als Gesprächspartner. Auch als Mann. Werde ich jemals wieder Zeit und Kraft für etwas wie zwei Gläser Rotwein, erotische Literatur und alles Folgende haben? Habe ich jemals so etwas erlebt? Öh ja, bevor ich schwanger war. Wie lange ist das her? Lichtjahre. Ich lebe auf unbestimmte Zeit in einer Askese. Mir bricht der Schweiß aus. Muss ich aufschreiben, damit ich es dem Später-später-Arzt sagen kann. Ich vergesse auch so viel. Muss die Still-Demenz sein.

19: 40 Uhr Der Herr Vater ist da und alle freuen sich. Die Kinder erzählen ihm zuerst all die Dinge, die sie erlebt haben. Es gab zwei gute Noten und sie sind stolz. Er zieht seine Jacke aus und macht sich sein Essen warm. Währenddessen trage ich das Baby. Danach nimmt er es und wir setzen uns hin. Damit wir uns kurz unterhalten können, nehmen die beiden Großen das Baby und gehen mit ihm im Schlafzimmer kuscheln – die sind beide heute sehr nett zu uns.

20 Uhr Wir sitzen mit dem Baby auf dem Sofa und mir fällt die Wäsche ein. Ich eile nach oben und hänge sie auf. Dabei sage ich den Kinder Bescheid, dass sie ins Bad müssen – es ist Schlafenszeit. Das finden sie heute total doof. Aber nur heute.

20:30 Uhr Baby wird wieder gestillt und wird danach müde. Mir fallen die wichtigen E-Mails wieder ein. Babymann schläft auf Herrn Vaters Arm ein. Herr Vater legt ihn auf seine Brust und wir unterhalten uns. Wir sind total müde. Leise wünschen uns die drei Größeren eine Gute Nacht. Blick zurück zu Ehemann: Kopf nach hinten gesunken, Mund offen. Schläft. Fast auch süß. Fast. Ich nehme mir das Notebook und will die wichtigen E-Mails schreiben. Dann aber habe ich einfach keine Energie mehr dazu.

21:30 Uhr Das Babylein wird in seinen Babybalkon gelegt. Wir haben in den letzten Nächten gemerkt, dass wir alle besser schlafen, wenn wir in getrennten Zimmern schlafen. Der Babymann wacht dann ein Mal weniger auf. Wir legen uns auf das Sofa nebenan. Und schauen uns auf dem iPad irgendeine Serienfolge an. Wir schaffen noch zwei müde Lacher.

22 Uhr Mir fallen die Augen zu. Bis sie in spätestens drei Stunden wieder aufgehen werden. Mir fallen meine wichtigen E-Mails wieder ein.