Der Angstkäfig: Ein paar Tipps zum Schlüssel-Finden

Der Angstkäfig: Ein paar Tipps zum Schlüssel-Finden

(Alter Vogelkäfig, Foto: Andreas Praefcke)

Die sympathische und herrlich wortgewandte Mara vom Das Zweite Kind sind Zwillinge hat ein paar sehr offene und auch unterhaltsam geschriebene Tipps im Umgang mit Depressionen geschrieben.

Das fand ich inspirierend, um in „meinem“ Themengebiet auch nach Tipps zu forschen und sie aufzuschreiben:

Angst

Ich selbst verabschiede mich nach langen Jahren (sieben …) seit letztem Sommer in vielen Schritten von meiner Angst. Und vielleicht hilft es ja jemandem, zu lesen, wie ich dabei vorgehe und vorgegangen bin.

Hier ein paar von mir ausprobierte und für nützlich befundene Tipps und Beobachtungen:

No-Go: Unbeweglich herumhocken

Bewegung vertreibt nicht nur düstere Gefühle wie Depressionen, sondern auch solche wie Angst. Bei vielen Menschen hängt beides zusammen und daher ist der Tipp doppelt vergoldet: In Bewegung bleiben. Es hilft durchaus, sich ab und zu abzulenken, auch wenn es langfristig ratsam ist, hinter seine Angst zu blicken. Ein Hörbuch oder Musik in die Kopfhörer, Staubsauger in die Hand und loslegen. Oder ein Spaziergang (aber nicht, um in neue Grübeleien zu verfallen!).

Angst erfordert Aktivität. Sie lähmt und blockiert. Das beantwortet man am besten mit dem Gegenteil.

Beim Festhängen in einer gedanklichen Angstschleife

Klingt banal, funzt aber: In die Gegenrichtung gucken. Wer aus dem Fenster starrt und seit einer Vierstunde denkt „Ich könnte morgen schon tot sein. Irgendwann bin ich tot. Das kann jederzeit passieren! OhGottOhGottOhGott!“ der sollte einfach in die Gegenrichtung gucken. Kopf herum und *zack* andere Perspektive. Angst verleitet nämlich zur Starre. Und aus der muss raus. Das Nächste wäre dann aufstehen, herumgehen und so weiter.

Woher soll die Sicherheit kommen?

Die Sicherheit, dass einem selbst und den Nahestehenden nichts passiert, die gibt es nicht. Insgesamt zeigt die Lebenserfahrung, dass das, was man befürchtet, selten eintrifft. Dafür trifft dann halt etwas Anderes ein. Daher nutzen die vorsorglichen Angstgedanken auch nichts. Gar nichts. So ungern man das hört: Sich zu sorgen verhindert nichts. Wer leicht oder schwer hypochondrisch unterwegs ist, der mag Folgendes mögen: Hypochonder leben durchschnittlich länger. Klar, weil sie dauernd beim Doc hocken und sich checken lassen. Und weil sie auf ihren Körper hören. Dies soll aber keine Einladung zum Lustig-weiter-Hypochondern sein. Nur eine winzige Rückversicherung.

Panik! Angst vor der Angst

Was tun bei akuter oder sich anbahnender Angst?

Schultern entspannen. Entspannte Muskeln transportieren keine Angst. Das geht physiologisch gar nicht. Also entspannen, mindestens die Schultern und Arme. Oder einmal den ganzen Körper (sowie auch Teil für Teil) bewusst anspannen und dann wieder lösen. Das kann durchaus sehr helfen.

Nicht zu tief einatmen. Dadurch gerät zu viel Sauerstoff in die Blutbahn und dieses Gefühl des Rauschens und des Realitätsverlusts verschlimmert sich. So ruhig wie möglich bleiben und dieses Gefühl der Urzeit („Fight or Flight– Effekt“) passieren lassen. Man wird weder plötzlich verrückt, noch fällt man einfach tot, weil man ein bisschen hyperventiliert. Dieser Alarmzustand dient dem Zweck, den Körper in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen. Adrenalin rauscht, das Herz hämmert, der Puls rast. Damit man entweder schnell abhauen oder gut kämpfen kann. Es geht um die pure Existenz. Ein Erbe der Zeit, in der man sich mit Säbelzahntigern und Mammuts herumschlagen musste. Elementar.

Danach stellt sich ein hormonelles Belohnsempfinden ein. Wer überlebt hat, der wird beglückt. Daher das Glücksempfinden („Ich habe es überlebt! Ich bin großartig!“) und die Entspannung hinterher.

Die Angst vor der Panikattacke ist oftmals der Weg in eine echte und langwierige Angsterkrankung. Daher ist es ganz wichtig, zu lernen, wie man die Panikattacke verhindert, oder besser gesagt, wie man ihr begegnet und sie – selbstverständlich! – sehr lebendig übersteht.

Sch*** auf Panik

Wenn dieses „Oh, irgend etwas ist echt grade ganz komisch“-Gefühl kommt, helfen folgende Sätze (Einfach durchprobieren. Oder variieren. Nicht alle nacheinander nutzen ;-)):

„Ja, komm doch und bring mich um, du idiotische Angst“ -> Mut, Selbstvertrauen

„Das sind nur Nerven, Kindchen. Das ist nicht real.“ -> Liebevoller Realismus/sich selbst bemuttern

„Welches Gefühl habe ich da in Wirklichkeit? Was will die Panik denn da verstecken und überdecken?“ -> Analyse der eignen Gefühle (Was versetzt mich in diese Urzeit-Empfindung? Was scheint mich da existenziel zu bedrohen?)

„Du ArschKackMistScheißDrecks-Panik! Du kannst mich mal! Ich höre einen miesen, stinkenden Hust auf dich!“ -> Kampfansage/Befreiungsschlag, raus mit der unterdrückten Wut!

Trotzdem!

Sich von nichts aufhalten lassen.

Angst vor Bahnfahrten? Autobahn? Kirmes? Theater? Samstagmittag bei Ikea? Arzt? Nix wie hin.

Aber: Immer liebevoll und mit Selbstakzeptanz. Nicht so: „Ich unwürdiger panischer Wicht schaffe es ja nicht mal zur Blutabnahme/Autobahnauffahrt/Möbelhausparkplatz“ sondern: „Weil ich so frei wie möglich sein und bleiben will, zeige ich mir, dass mir bei Ikea keine Gefahr droht.“

Wer die Angst vermeidet, der wird innerlich immer kleiner, abhängiger und wehrloser. Bis er sich immer weniger traut.

Also: Konfrontieren und realisieren. Bei jeder Begebenheit auf das Wichtigste fokussieren: „Ich bin bei Ikea/auf der Autobahn/beim Arzt/auf der Kirmes gewesen und es ist rein gar nichts passiert.“

So gehen wir hier im Hause Essential übrigens auch mit kindlichen Ängsten um. Nummer 1 hat Angst, dass unter uns eine Brücke einstürzen könnte. Wir sagten nach jeder Brücke „Und? Ist etwas passiert?“ Und sie verneinte. Irgendwann war die Angst gebändigt. Dabei halfen auch weitere Punkte, wie:

Wissen schafft Ruhe

Sich zu informieren hilft ganz enorm. Über die Gegenstände der Furcht sowie auch über den Grad der Berechtigung einer Angst sollte man Informationen einholen.

Im Fall der Brücken: „Deutsche Brücken gelten als überaus sicher. Sie werden gewartet und repariert. Oder notfalls gesperrt. Die 50 Nachrichten im Jahr über eingebrochene Brücken, die gibt es nicht.“

Aber Achtung: Für die Hypochonder (histrionisches Syndrom): Laut Dr. Google wären wir schon alle mehrfach tot. Wer eine Erkrankung befürchtet, der horche in sich hinein. Und frage sich einfach: „Bin ich krank? Ist mein Körper krank?“ Und wenn er sich das ganz klar mit „Ja“ beantwortet, dann sollte er eine*n Arzt*in aufsuchen. Google hilft da wenig.

Wer eintippt „Mir ist morgens manchmal flau“ der erhält nicht die Antwort „Klar, weil manchmal der Kreislauf langsam in die Gänge kommt“, sondern „Das klingt gefährlich nach einer Meningitis. Dabei auch noch morgens lichtempfindlich? ja? So gut wie tot!“

Vergleichsweise gibt es einen Tipp für Menschen, die Angst vor dem Erbrechen haben. Dieser wirkt umgewandelt durchaus auch bei anderen Ängsten. Aber nur, wenn man sich schon recht gut kennt und im Griff hat:

„Wenn dir übel ist, dann stelle dir dein Lieblingsessen vor. Solltest du dir vorstellen können, es zu essen, dann bist du nicht krank und wirst wohl nicht erbrechen. Wird dir noch übler, ja, dann kann es sein, dass du deiner Angst begegnen wirst.“

Umgestellt bedeutet das: Spüre ich, dass ich wirklich ehrlich ein Symptom habe, dass sich wirklich ehrlich wie das einer Krankheit anfühlt oder will ich eigentlich gerade nur mit mir selbst beschäftigen und um mich kümmern und weiß mal wieder keinen konstruktiveren Weg?

Spaß, Party, Leute, Konfetti

Auch wenn die Gesellschaft Anderer oft anstrengend ist: Man sollte sie suchen. Besonders, wenn einem nicht danach ist. Es müssen nicht vier Parties im Monat sein. Aber regelmäßiges Kaffeetrinken mit einem*r Freund*in – das wäre gut.

Sich zu unterhalten und auf andere Gedanken zu kommen ist wichtig. Und Zuhören tut gut. Wie schön zu hören, dass Andere Menschen auch kein perfektes Leben haben, sondern ein ganz normales. Und wie gut es tut, eine*d Freund*in unterstützen zu können. Oder einfach nur albern zu gackern. Gemeinsam.

Angst ist wie ’ne Kippe

Ich gebe zu, ich kann nicht einschätzen, wie eine Zigarettensucht ist. Denn ich war nie süchtig. Von keiner Substanz abhängig. Nur gewöhnt an/süchtig nach Angst.

Sie war so ein gewohntes, sicheres Korsett! Ich naschte von ihr wie von Gummibärchen. Die bunten Klebe-Dinger passen da als Beispiel gut: Ich mag keine Gummibärchen. Die kleben an den Zähnen, sind viel zu süß, schmecken künstlich und sind voller toter Kalorien. Das alles zusammen gefällt mir nicht.

Die Angst sagt: „Nimm noch ein Häppchen von mir. Ein Krümelchen, ein Korn. Ich gebe dir Sicherheit. das weißt du doch. Wenn du mit mir zusammen bist, dann siehst du alles vor dir, dass Schlimmes geschehen könnte. Und damit kann es dich nie wieder überraschen. Nicht wahr? Komm, komm, hör mir noch ein bisschen zu. Das brauchst du.“

Und *zack* ist die Kippe in der Hand oder die Hand in der Gummibärentüte. Seinlassen! Weghören! Tüte in den Müll! Niemand braucht sie. Auch wenn die Gummibären etwas Anderes behaupten.

Disziplin, Soldat*in!

Ja, so ist es. Die Disziplin ist eine Tugend. Innerlich rumhängen und äußerlich gammeln schadet. Wissen wir ja auch alle. Aufschieben, festsitzen, erstarren – das gehört zusammen. In Bewegung sein und das Gefühl von Kontrolle haben – das sind die Feinde der Angst.

Man sollte ihr den Garaus machen.

Disziplin ist es, das einen von einer Sucht wegbewegt. Und Verständnis für sich selbst. Aber Letzteres darf erstes nicht zerstören. Und andersherum ebenso.

Kontrolle hat man über die Angst am besten in der Form, dass man sie nur nebenbei wahrnimmt, aber nicht darauf eingeht. Außer, man analysiert sie und sich selbst. Doch auch dazu muss man in die Angst nicht einsteigen.

Ein guter Freund sagte mal: „Die Angst kann man so nebenbei wahrnehmen. Wie diese stinkenden Blasen, die in einem Moor hochploppen. Plopp, da platzt eine und verschwindet wieder. Nur wahrnehmen. Nicht ansehen, nachdenken, einsteigen.“

Fachfrauisch

Man sollte ja ohnehin bei einer Angsterkrankung eine*n Fachmann*frau aufsuchen. Um die wahren Hintergründe der Angst kennenzulernen, empfiehlt sich eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Oder man macht eine Verhaltenstherapie.

Ersteres ist so: Man hat Angst und es schwant einem, dass diese Gründe hat. Schließlich sitzt man ja nicht zufällig in der Ecke und bangt um sein Leben. Da muss mit dem Selbst also irgendwo irgendwas passiert sein. Und nein, das passiert nicht nur, weil man grad Stress hat. Man geht in dieser Gesprächstherapie in die Tiefe und wird irgendwann, wenn man selbst sehr fleißig mitarbeitet, herausfinden, was los ist.

Zweites ist so: Man hat Angst, ahnt, dass etwas nicht stimmt. Hat keine Nerven, keinen Sinn oder keinen Bock darauf, herauszufinden, was da unten im Keller des Unbewussten herumschimmelt. Dann sucht man jemanden, der einem beibringt, wie man sich auf die Finger haut, wenn man in die Gummibärentüte greift. Funzt auch. geht nur nicht in die Tiefe. Ursache wird nicht behoben. Auswirkungen werden unterdrückt, eingedämmt oder behoben.

Natürlich gibt es noch weit mehr Methoden, als die beiden klassischen. Man kann sich durch Heilpraktiker*innen für Psychotherapie helfen lassen, von Schamanen*innen, durch Körpertherapeuten*innen, durch Reinkarnationstherapeuten*innen durch Psychiater*innen mittels Medikamenten oder Anderen.

Es gibt gute Bücher zum Thema und hier kann man sicher durchaus die Amazon-Rezensionen als Anhaltspunkt nehmen. Man kann also medizinisch, psychologisch oder spirituell (also geistlich) an das Thema herangehen. Oder mit einer Mischung. Wichtig ist, dass die Herangehensweise zu einem passt. Man muss sich darin gut fühlen und nicht allzu sehr von außen beeinflussen lassen. Man merkt schnell, ob etwas hilft oder eben nicht.

Nur die Ruhe, Baby

Entspannung tut gut. Hinlegen, Film anschalten. Schoki essen.

Sich massieren lassen vielleicht. Aber nur, wenn man dazu in der Lage ist. Nicht jeder kann das immer zulassen. Gilt auch für:

Sex. Ja, Sex tut gut. Ja, auch wenn man Angst hat, dabei zu sterben. Sex geht fast immer. Wenn man aber eine Thematik zu verarbeiten hat, die dieses Thema betrifft, dann sollte man sehr behutsam seiner Sexualität begegnen.

Entspannung ist für den/die dauerangespannte*n Angstpatienten*in Gold wert. Und sauschwer zu erreichen. Das alleine macht aber keinen Herzinfarkt – keine Sorge. Aber so, wie man nach dem Einatmen nicht die Luft ewig in der Lunge behalten kann und sollte, so muss man irgendwann seelisch ausatmen.

Urlaub, feste und regelmäßige (!) Auszeiten und auch kleine Ruhepausen sind megawichtig. Auch wenn man in den Ruhepausen mit den Füßen zappelt oder mit den Händen an etwas herumfummelt. Alles ist besser, als gar nicht runterzukommen. Mit der Zeit lernt man, sich besser zu entspannen.

Kluger Spruch

Motivierend, tiefgreifend und gut fand ich den Spruch meines Therapeuten:

„Die Angst ist die Angst vor der Freiheit“

Da war was dran. Hab ich gleich kapiert. Aber begriffen erst zwei Jahre später.

Man hält sich mit der Angst klein. Manchmal sogar kindlich klein. Manche versuchen, ihre Kindheit ein bisschen nachzuholen, andere suchen vermeintliche Sicherheit, aber alle werden in der Stagnation gehalten. Wer Angst hat, mit der Family zum Ikea zu fahren, der will vielleicht einfach keinen netten Nachmittag mit mittelmäßigem Essen aber zusammen mit den Lieben verbringen. „Es könnte alles so schön sein, aber leider habe ich ja Angst. Wie schade … ich verdiene wohl nichts Schönes. Nicht mal eine Stunde im Möbelhaus kann ich mir noch gönnen …“ (Ich komme im Leben zu kurz. Ich erhalte nicht, was ich verdiene und brauche. Ich fühle mich unwert.)

Oder aber er ist angekotzt, weil er dauernd nervige Unternehmungen machen will, statt einmal in Ruhe etwas für sich machen zu dürfen: „Dauernd mit Kind und Mann herumgurken! Ich will das nicht mehr! Ich bin angekotzt und sauer!“ (Ich bin so wütend wegen tausend Sachen! Aber Wut darf ich als selbstbeherrschte Frau/zuverlässige Mutter/liebes Mädchen/braver Sohn/mutiger Mann … nicht zeigen. Angst aber geht. Die geht irgendwie.

Dann ist der äußere Käfig nur ein Ausdruck des inneren und andersherum.

Wer die Autobahn meidet, will im kleinen Dunstkreis der/des von Landstraßen umgebenen Stadt/Dorfs bleiben. In seinem eigenen Suppentopf. Klein und abhängig. „Ich kann nicht“ ist ja so leicht gedacht.

Aber Fakt ist: Man sollte dennoch fahren. Mit einem guten Deo und einer Menge Disziplin.

In den ganzen Jahren habe ich nur eine einzige Fahrt abgebrochen. Und davon fühlte ich mich klein. Das fand ich doof und habe danach immer durchgehalten. Auch wenn ich dachte, ich würde während der Fahrt in eine fremde Realität gesaugt oder einen Schlaganfall bekommen. Irgendwann merkt man, dass das Repertoire der Angst begrenzt ist.

Habe sie dann nachgeäfft „Schlaganfall, Herzinfarkt! Keiner kommt hier lebend raus!“ Damit ließ es sich besser fahren.

Voll bekloppt oder wie?

Die Angst, verrückt zu werden, ist auch weit verbreitet.

So richtig waschechte „Verrückte“, die fragen sich nie, ob sie noch „ganz dicht“ sind.

Der Amokläufer nimmt nicht die Pistole und denkt: „Oh je, ich glaube, ich werde verrückt und suche mir nun besser einen Therapeuten! Am Ende tue ich noch jemandem weh. Nein, dazu bin ich zu empathisch, gesund und gut sozialisiert. Ich brauche Hilfe. Die suche ich mir nun.“ Er plant, geht und schießt.

Wer das Gefühl hat, in eine andere Realität gesaugt zu werden, der erlebt das, was viele Angstpatienten irgendwie erleben: Die Furcht ist zugleich der größte Wunsch. Aber den setzt man nicht um. Er wird mit fiesen Gefühlen dekoriert und in Aspik eingelegt.

Es gibt so viele Ängste und Phobien: Die Angst vor Tieren, vor Brücken, vor dem Tod, vor dem Leben, vor dem Glück, vor Beziehungen, vor dem Alleinsein, vor Menschen, vor großen Plätzen, vor Höhe, vor der Angst, vor Clowns, vor dem Erbrechen, vor Sex, vor der Zahl Dreizehn, vor Spritzen, vor Zahnärzten, vor den eigenen Gefühlen, vor den Gefühlen Anderer, vor dem Altern, vor der Dunkelheit, vor Geistern, vor dem Verlassenwerden, Angst um das Wohlergehen von Nahestehenden … und so viele mehr. Jede einzelne ist ein Symbol und hat eine Bedeutung. Diese kann man herausfinden. dabei begegnet man sich selbst.

Beispiele dafür, welche Themen in der Seele sind und wie die Angst sie verzerrt:

„Ich wäre gerne jemand anders!“ Die Angst macht daraus ein Gefühl von Depersonalisierung oder Dissoziation. Der Wunsch aber ist berechtigt – man will endlich man selbst werden.

„Das alles soll aufhören! So macht mich mein Leben fertig!“ Die Angst macht daraus die Befürchtung eines Todeswunsches und noch mehr: die Angst vor dem Tod. Der Wunsch nach Veränderung des Lebens wird dann *leider, leider* nicht mehr wahrgenommen.

„Schaffe ich es, meine Lebensaufgabe zu erfüllen oder läuft mir die Zeit davon?“ Ein spiritueller Ansatz: Ich habe eine Lebensaufgabe. Ich soll bestimmte Dinge lernen. Im Moment sieht meine Bilanz mies aus. Daher empfinde ich den Tod als bedrohlich. Er ist wie eine tickende Uhr für mich. Ich muss mich mit dem Sinn hinter diesem Leben beschäftigen und mich entfalten. In Wahrheit fürchte ich nicht den Tod, sondern nur, niemals ich selbst zu sein. Niemals man selbst zu sein ist gleichbedeutend mit nicht leben. Jeder Schritt zum eigenen Ich – und zu diesen Schritten lädt die Angsterkrankung (wie jede andere Erkrankung meiner Meinung nach auch) ein – ist eine Verbesserung.

„Veränderung ist, wenn man wird, was man ist“ – diesen Spruch kenne ich von der Homepage meines Therapeuten. Wegen dieses Spruchs habe ich seine Praxis ausgewählt. Keine Angst vor der Veränderung und wenn sie sich wie tausend Tode anfühlt! Alles sterben zu lassen bedeutet in diesem Moment nur, der Drache zu sein, der eine alte Haut abstreift. Weil er ihr entwächst. Weil sie zu eng geworden ist. Das Ablösen tut weh. Das ist die Angst vor der Veränderung. Mehr nicht.

„Ich möchte mein Leben anders gestalten. Meine Realität macht mich nicht glücklich!“ Die Angst bastelt daraus das Gefühl, in die Twilight Zone gesaugt oder mindestens nach Twin Peaks transferiert zu werden. Der Wunsch dahinter verschwindet dann *dummerweise* im Angstanfall. Besser ist es hinzusehen, statt ängstlich beiseite zu springen. Die Gefühle dahinter kann man aushalten und sich angucken. Nicht immer soll die Angst Gefühle übertünchen. Aber oft. Und mit etwas Übung kann man sich selbst gut analysieren.

Die Angst ist nicht unbedingt ein Feind

Die Angst kann man beschimpfen. Und sie kann einen aber auch ankotzen, echt. Aber letztlich ist sie nur ein Gefühlsausdruck. Oftmals so verschwurbelt, dass mann schnell auf sie reagiert, statt hinzusehen. Denn das dahinter, das meint man nicht aushalten zu können. Da zittert und bibbert man lieber. So schlimm ist das, was darunter ist. Meint man.

Manche haben „lieber“ Panik, statt eine langjährige Ehe zu beenden. Eine Ehe, in der der Partner so lieblos wie der eigene Vater ist. Mal so als Beispiel. Kindliche Ängste und Assoziationen übernehmen und man ist dauernd mit Ängsten beschäftigt, anstatt innerlich auf den Punkt zu kommen. So bleibt man im altbekannten System. Seine Ängste zu sehen hilft, sein Leben positiv zu beeinflussen.

Medikamentenfrei?

Zu Medikamenten habe ich keinerlei Erfahrungswerte. Da ich nie welche genommen habe. Weil ich das strikt nicht wollte. Weil ich spüren wollte, wie es mir in Wirklichkeit geht. Weil ich es „alleine“ schaffen wollte. Weil ich Abhängigkeiten so weit möglich vermeide.

Wer aber sanfte Hilfe sucht, findet auch etwas. Hierzu kann man auch den/die Arzt*in – oder wer will – den/die Heilpraktiker*in befragen.

Ich persönlich halte ja nix von Homöopathie. Aber ich bekam den Tipp, mir das freiverkäufliche, aber apothekenpflichtige „Neurexan“ zu holen. Das helfe ausgezeichnet bei Unruhezuständen. Ich bin also in die Apotheke und orderte das Mittel. Während die Verkäuferin mir das Döschen gab, meinte sie: „Da gibt es keine Nebenwirkungen, da ist nicht viel zu beachten. Man sollte nur nicht mehr als zwölf Stück am tag einnehmen. Ist ja homöopathisch.“

Und ich dachte: Homöopathie. Toll, ’n bisschen Zucker für den Tee. Hurra. Hätte ich mich ja auch mal vorher informieren können.

Aber ich habe es dennoch ausprobiert. Weil so viele positive Berichte vorlagen und ich ja nix zu verlieren hatte. Und es wirkte hervorragend. Mir ist ziemlich egal, ob es den Placeboeffekt auch dann gibt, wenn man davon ausgeht, ein bisschen Zucker in Tablettenform zu sich zu nehmen. Oder weil alle Kritiker irren und es doch wirkt. Ich nehme es in der Tat immer noch. Weil es wirkt. Und das ist mir am Wichtigsten. Da bin ich recht bodenständig … 😉

Ich hoffe, irgendwem können meine Tipps hier vielleicht irgendwann weiterhelfen. Wenigstens ein bisschen. 

Oje, bald ist wieder Muttertag

Über den Tag meiner Geburt zu schreiben brachte mich, ähnlich wie mein ernster Beitrag über meine Kindheit, emotional wieder näher an mein Elternhaus, an meine Mutter.

Ich habe sie vor einigen Jahren zum letzten Mal gesprochen.

Oje, bald ist wieder Muttertag

Ich freue mich natürlich auf den Sonntag mit meinen Kindern und mit Mr. Essential, na klar.

Muttertag bedeutet immer auch, dass ich an meine eigene Mutter denke.

Oft frage ich mich, ob sie eigentlich dann auch an mich denkt – an mich und ihre Enkelkinder, von denen sie eines gar nicht kennt. Vielleicht nicht einmal weiß, dass es ihn gibt.

Ich glaube, sie hat viele Mechanismen, mich und alles Geschehene zu verdrängen, um sich selbst irgendwie zu schützen. Daher wird sie vermutlich nicht an mich denken oder wegen unseres Bruchs trauern. Ihre Fähigkeit zu lieben ist so stark eingeschränkt, dass ich es mir nicht anders vorstellen kann. Natürlich wünsche ich mir, es wäre anders und sie hätte wenigstens versucht, etwas zwischen uns zu klären. Aber dem war nicht so. Ich glaube, sie fürchtet eine Begegnung mit mir und dem, womit ich sie konfrontieren könnte. Nämlich mit sich selbst.

Ich aber trauere. Und ich musste mich dazu durchringen. Ich hatte das Gefühl, nicht trauern zu wollen. Ich wollte nicht, dass sie noch mehr Einfluss auf meine Gefühle hat, als es eh schon immer der Fall war.

Ich erinnere mich daran, wie sie früher meine Handgriffe, meine Blicke, meine Verhaltensweisen, ja, sogar meine Art zu atmen und zu gehen kommentierte. Immer mit einem verkniffenen, unehrlich-verdrehtem Gesichtsausdruck. Immer lächelnd oder grienend. Dahinter aber polterten Arroganz und Geringschätzung:

„Putzig, wie du gehst.“

Putzig – das hieß bescheuert/hässlich/doof. Es gab auch Frauen mit „putzigen Hintern“ (zu dick) und Leute mit „putzigem Blick“ (die sahen dann etwas minderbemittelt aus) und so weiter …

„Wieso atmest du so laut?“

Ja, wieso habe ich das getan? Ich vermute, ich hatte eine Bronchitis. Oder jemand nahm mir die Luft zum Atmen^^?

„Schrecklich, wie du singst. das klingt so furchtbar und so eingebildet. Ganz furchtbar.“

Natürlich konnte sie auch loben. Sogar meinen Gesang. Aber eben nur nach Laune.

Es gab keine Objektivität, keine Selbstreflexion. Nur Gefühle. Und die schwirrten und surrten und wirbelten in ihr herum. Und leider wurden sie pausenlos ungebremst geäußert. Dieses Anti-Vorbild brachte mich wohl dazu, so krampfhaft rational zu sein und meine Gefühle erst einmal sorgfältig zu scannen, ehe ich den Mund aufmache.

Meine erste Bezugsperson, die mich innerhalb der engen Zwangssymbiose nicht mal in den Kindergarten gehen ließ, war völlig verdreht. Und da lebt der Mensch nach Vorbild – ganz schlecht.

Ich habe es jedoch in jahrelanger Mission geschafft, so viel von mir zu erhalten und auch freizuschaufeln, dass meine Gefühle nicht herumwirbelten. Darüber bin ich sehr froh und dafür empfinde ich Dank.

Und die Trauer?

Ja, die ist da und ich musste es vor mir zugeben. Ich habe keine Mutter, die ich anrufen kann. Keine Mutter, die mich sehen möchte. Keine Mutter, die sich für Schwangerschaften, Geburten, Zeugnisnoten, erste Zähnchen, Krankheiten oder gemeinsame Ausflüge interessiert.

Niemand Mütterliches da.

Die Pyramide

Irgendwie ist es doch so, dass man als junger Mensch meist Eltern und Großeltern hat. Oft sogar noch Urgroßeltern.

Dann sterben langsam alle „von oben“ aus der Alterspyramide weg. Zuerst die Urgroßeltern und dann die Großeltern. Man selbst wird immer erwachsener, weil man ja „nachrückt“. Aber über einem ist so lange jemand, der einen schützt und (unter-)stützt. Da war bei mir nie jemand. Ich wurde nicht beschützt. Mein Vater war stets herrlich desinteressiert (wusste nicht mal, an welcher Schule ich war oder meinen Geburtstag) und meine Mutter selbst viel zu ängstlich. Und zudem waren sie beide auf ihre Art Menschen, vor denen man mich hätte beschützen können oder müssen.

Ich war also immer oben an der Pyramide. Ja, ich hatte eine Oma mütterlicherseits. Diese war aber auch psychisch schwer krank (vermutlich durch Kriegserlebnisse) und früh im Altersheim weil alleine nicht lebensfähig. Auf die konzentrierte sich meine Mutter geradezu zwanghaft. Und dann gab es die Eltern meines Vaters. Eine Oma mit einem so unehrlichen und durchtriebenen Charakter, dass sie nur als schlechtes Beispiel herhielt oder eben, wenn mein Vater mich im Vergleich mit ihr beleidigen wollte. (Ein mal geflunkert: „Du bist wie die Oma Trauthilde!“) Und der Vater meines Vaters war mindestens geistesabwesend. Später aber wurde dann immer so ein Gewese gemacht, weil wohl irgendwann mal ein IQ-Test mit ihm gemacht worden war.

Meine Mutter klang immer wie ein billiges Orakel von Delphi, wenn sie sagte: „Aber ihr Kinder werdet das Ergebnis niemals erfahren. Niemals …“

Haben wir auch nicht. Ich nehme mal an, das Ergebnis war nicht so bei Albert Einstein, sondern eher so bei Küchenschabe. Jedenfalls war er nie wirklich ansprechbar. Ich glaube, ich habe ihn zusammengezählt höchstens zwanzig Sätze sagen hören, während ich ihn kannte.

Ich lebte also immer in der kühlen Höhenluft der Alterspyramidenspitze der Familie. Irgendwie waren sie alle untauglich. Das klingt hart und ich entschuldige mich auch dafür, aber so stellte es sich dar. Keine fähigen Eltern, Großeltern mit wenig Charakter und Verstand. Urgroßeltern tot. Die Höhenluft hat mir echt Schwindel verursacht. Einfach zu viel Verantwortung – schon von kleinauf.

Die unkündbare Beziehung

Ich selbst bezeichne sie bitter als Die Pest, diese unkündbare Beziehung, die man zu nahen Verwandten hat: Ich kann mir nicht aussuchen, wen ich liebe. Das ist wie die Crux mit der Willens(un-)freiheit, die Albert Einstein (da ist er ja schon zum zweiten Mal in diesem Post – ich mag den Knaben einfach) bereits durchdachte.

Ich würde gerne vergessen, dass ich Eltern habe. Hab‘ ja als Kind eh immer geträumt, ich sei bei der Geburt vertauscht worden und eines Tages würde dieser Fehler korrigiert. Ein ganz offiziell aussehender Typ mit Aktentasche würde an der Tür stehen und das ganze Geschehnis mit pietätvoll gedämpfter Stimme aufklären. Klar, da kam nie jemand. Aber den Traum hatte ich lange.

Nun stehe ich da und der ruppige Wind des frühen In-der-Pyramide-hochgeschoben-Werdens weht eisig um mich. Ich bin für so viel verantwortlich und das so ziemlich alleine.

Neben meinen eigenen Themen rund um meine belastende Biographie, meiner jahrelangen Therapie (die seit einigen Jahren nur noch aus einem Terminchen alle paar Monate bestehen darf) sowie die Aufarbeitung aller aufkommenden Bilder/Gefühle. Und neben meinem Haus (das seit bald einem Jahr eine halbe Baustelle ist wegen des Wasserschadens, der im Schneckentempo reguliert wird), den vier Kindern und den mich meist echt nervenden Katzen bin ich ziemlich erschöpft.

Wie geht es mir mit all dem so im Alltag?

Klar, die Schilddrüsenüberfunktion zeigte die Erschöpfung, die Überbelastung. Aber meine Dauermüdigkeit tut das auch. Mein dauernd blubbernder Bauch, mein mit Luft gefüllter Magen, meine Rückenschmerzen – die sagen alle das Gleiche. Eine liebe Freundin sagte irgendwann mal so lakonisch: „Ach, ich hab oft Burnout-Symptome, aber was soll ich machen?“

Ja, was soll man machen?

Ich kenne das genau, was sie da beschreibt. Nur kommt es bei mir nicht zum Burnout und bei ihr auch nicht. Wir schaffen es, uns irgendwie auf dem Damm zu halten. Da gibt es Wehwehchen und ich bin auch seit über drei Wochen erkältet und so. Ja, ich spüre schon, dass Treppensteigen mit Nummer 4 auf dem Arm zu pochendem Herzen führt – so fühlen sich Erkältung und Dauerbelastung vermutlich an.

Oder nicht? Was, wenn ich nun doch etwas Schlimmes habe? Was, wenn ich nun irgendwie was Anderes habe, weil meine Seele findet, sie müsste sich noch etwas mehr über den Körper ausdrücken?

Oder: Was, wenn ich seit vielen Jahren fleißig somatisiere und hypochondere, weil es die einzige Art ist, wie ich mich um mich selbst kümmern kann?

Ja, dann ist das wohl so.

Und sollte geändert werden.

Lang – und mühsame Auswege

Seit der Morbus-Basedow-Geschichte habe ich bereits sehr viel verändert. Richtig viel. Und dennoch sagt mein nervöser Körper mir dauernd „Ändere etwas!“ und mein Herz ruft pochend „Lass mich raus!“ und beide nerven mich gewaltig. Ich fühle mich noch mehr unter Druck. Diesen Weg kann man nicht entlang rennen. Man muss das so richtig im Einklang mit sich machen. Geht nicht anders. Und das bekomme ich nicht wirklich gut hin.

Ich wurde nicht dazu erzogen, meine Gefühle einfach wahrzunehmen und zu akzeptieren. Sie wurden ja stets bewertet. Und nach dem Auszug aus dem Umfeld meiner Mutter in ein eigenes Leben habe ich diese Beurteilung brav weitergeführt. Ich kannte es ja nicht anders.

Wenn ich morgens aufstehe und mich „zermatscht“ fühle, dann denke ich nicht „Oh, ich bin aber müde“, sondern: „Wieso bist du schon wieder müde? Ach, weil du gestern mit vier Kindern durch den Ikea gerannt bist und danach noch gefühlte hundert Ostereier gefärbt hast, während Nummer 4 knatschte? Davon ist man doch nicht müde! Du bist bestimmt krank. Du hast sicher etwas Verstecktes. Was mit Kreislauf und vermutlich was am Herzen!“ Schöne Begrüßung, wenn man gerade senkrecht steht morgens früh, hm?

Tja, warum bin ich nur so nervös?

Nicht nur wegen solcher innerer Erlebnisse, sondern weil ein Mensch mit meinem Hintergrund dauernd auf der Hut ist. Irgendwie bleibt das Angstzentrum im Gehirn überaktiv.

Wie ein Höhlenmensch im Wald duckt man sich vorsorglich und bleibt in jeder Faser angespannt. „Irgendwann kommt der Säbelzahntiger, ganz sicher!“ Ich weiß nun nicht, ob jeder Höhlenmensch in seinem Leben einen Säbelzahntiger sah – dazu weiß ich zu wenig über Paläontologie und Tigerpopulationen. Aber ich bin sicher, dass jeder von ihnen angespannt war, wenn er durch den Wald latschte. Und vor allem, wenn er dies allein tat.

Es ist ein ähnliches Gefühl, wie wenn man als Kind heimlich Kekse aus der Vorratskammer stibietzt (hab ich natürlich nie getan, was wäre meine arme Mutter enttäuscht gewesen – nein, vor derlei Gefühlen beschützte ich sie stets in vorauseilendem Gehorsam) und man ist so nervös, weil man erwischt werden könnte. So ist das bei mir, vor allem in stressigen Lebensphasen, dauerhaft. Ich zucke zusammen, wenn etwas hinfällt und knurre innerlich sehr schnell, wenn ich etwas Fummeliges mache, das nicht gelingen will.

Die Außenwelt

Mr. Essential ist manchmal genervt, wenn ich ihn zum tausendsten Mal etwas frage, das mir Sicherheit geben soll. Ist eh nur eine Scheinsicherheit, aber gut. Ich frage dann: „Ist es normal, dass man sein Herz im Hals spürt, wenn man sitzt, nachdem man vorher kurz etwas Anstrengendes gemacht hat? Ist das bei Erkältungen so? Oder könnte etwas nicht mit mir in Ordnung sein?“

ich gönne mir solche Fragen selten, weil ich a) nicht zu sehr mit meinem Sch*** nerven will und weil ich b) sehr viel Scham für meine „Seltsamkeit“ empfinde. Und wenn ich es dann tue, dann ist da die Gefahr, mir die Sicherheit öfter von außen zu holen. Und dann ist da schnell so ein Altersheim-Flair, in dem es zu oft um Zipperlein geht – ganz ätzend.

Ich versuche also, meine Ängste fernzuhalten von meiner Familie. Ich gehe durch meine Ängste durch und zeige dies auch unseren Kindern. Sie tun es mir nach, wenn sie es schaffen und möchten.

Ansonsten zeige ich ihnen kaum mal Tränen, keine Wutanfälle und schreie nicht herum. Ich leide so still vor mich hin, glaube ich, wenn ich selber lese, wie ich mich hier beschreibe.

Neulich habe ich den Kindern von meinen Ängsten und meiner Kindheit ein wenig erzählt. So ganz sachlich. Ich habe gespürt, der Zeitpunkt ist da. Sie wollten eh schon immer mehr über mich wissen und warteten seit Jahren darauf.

Habe erzählt vom Leben mit meiner Mutter (einiges wussten sie natürlich schon, aber ich habe noch ein wenig mehr „preisgegeben“) und von Panikattacken und Ängsten. Ich habe ihnen ganz langsam gezeigt, dass ich kein marmornes Monument bin und kein unkaputtbarer Roboter. Dann ließ ich ihnen Zeit, das für sich zu sortieren.

Und es ist so anstrengend, keine Auszeit nehmen zu können, echt.

Nicht von meinem Alltag, nicht von mir selbst. Ich bin angespannt und fühle mich eigentlich so, dass ich mal Ruhe brauche. Stattdessen muss ich los, Nummer 4 von der Tagesmutter holen, Essen kochen und so weiter.

Da braucht mich dauernd jemand. Dabei brauche ich eigentlich auch dauernd jemanden.

Jemanden, den es nicht gibt. Also bin ich selbst der jemand. Und ich bin einfach schrecklich platt und keine gute Unterstützung für mich.

Powerfrau?

Ich krieg‘ das trotzdem alles hin. Ich bin so eine von den Alles-Hingkriegerinnen. Die, die man immer als Powerfrauen bezeichnet. Eine selbstbewusste (öhö), energiegeladene (hüstel) Frau, die alles schafft.

Sie managt alles. Haus, diverse Kinder, Job und nimmt nach der Schwangerschaft formidabel ab – natürlich tut sie das. Sie legt Wert auf ihr Äußeres und darauf, dass alles stimmt.

Wenn man viele Kinder hat, dann hat man nämlich auch immer noch schnell den Komplex, nicht als die dazustehen, die aus einem Müsli-Öko-Bewusstsein oder Kindergeldgier oder anderen kruden Gründen einen gesteigerten Vermehrungstrieb zu haben scheint. Dann muss man extra glatt gebügelte Kinderklamotten haben und stets zu Elternabenden erscheinen und immer kooperativ mit Lehrern sein. Und extra viel hinbekommen. Sonst heißt es: „Ja, wat kriechste denn so viele, wennde dat nich packst, hä?“

Und das träfe einen doch nur, weil man sich das selber vorwirft – wie alles, das einen trifft.

Bisher gab es so einen Zwischenfall nie.

Ich werde nie in der Stadt komisch angeguckt, wenn ich mit meinem Luxuskinderwagen und auf meinen hochhackigen Schuhen in Begleitung meiner diversen Kindern herumstockere.

Ich lese, das kinderreiche Mütter das oft erleben. Kommentare oder Blicke. Ich nicht. Vielleicht, weil ich so viel Energie daran setze, zu zeigen, dass ich nichts und niemanden vernachlässige. Nicht mich, nicht die Kinder, nicht die arme steuerzahlende Gesellschaft. Keine Ahnung. Ich höre immer nur: „Wow, so viele Kinder und dabei so schlank. Wow, so viele Kinder und dabei noch einen Job. Wow, wow, wow.“

Nix wow. Das ist ein Knochenjob. Echt jetzt. Und der muss so ganz bestimmt gar nicht sein, so knochenlastig. Ich mache ihn dazu.

Neuanfang

Seit letztem Sommer (Schilddrüsendiagnose, you know?) habe ich nicht nur meine Ernährung umgestellt, sondern vieles in mir. Und sobald man etwas verändert, kommen ja die äußeren Widerstände. Auch mit denen lernte ich umzugehen.

Ich habe letztes Wochenende symbolhaft mit Mr. Essential unsere Abstellkammer (Kellerersatz) ausgeräumt und eine Menge weggeworfen. Nun sieht es da so ordentlich aus, als hätte Bree Van de Kamp (die neurotische Rothaarige der Desperate Housewives) dort gewütet. Und ich dachte mir: „Nicht beurteilen. Vielleicht darfst du das einfach genießen. Freud wäre stolz, dass du etwas so hochsymbolisches tust, wie einen Keller auszumisten. Das war richtig gut. Vielleicht darf ich einfach ein bisschen Bree sein, weil wir beide einen ähnlichen Hau weg haben. Vielleicht darf ich einfach mal sein, was und wer ich bin, Herrgott noch eins!“ Oh, nicht fluchen und schon gar nicht mit Gott im Fluch, eieiei, schon wieder zu viel Gefühlsausbruch. Geht gar nicht:

Ich habe so viele Entwicklungsphasen verpasst, denke ich. Wann war ich denn je emotional überschäumend wie ein Teenie? Angstfrei wie die mit dem „jugendlichen Leichtsinn“ und wann habe ich je verantwortungslos blau gemacht, statt zur Arbeit oder Ausbildung zu gehen? Wann habe ich allen Warnungen zum Trotz etwas völlig Törichtes gemacht und aus der anschließenden blutigen Nase gelernt?

Nie.

Es war immer alles ein Prozess zwischen vom Verstand klar beherrschten Gefühlen. Ja, die waren mal stärker und dann immer weniger im Vordergrund. Das schon. Aber mehr auch nicht.

Meine liebe Cathérine (die ich mit dem Best Mother Award bedachte), hat vor Jahren etwas sehr Treffendes gesagt (das kann sie eh ganz wunderbar…):

„Du bist ein Mensch voller unterdrückter Leidenschaften!“

Ja, phantastisch. Du hattest Recht, meine Liebe!

Und das bin ich immer noch.

Und ich weiß nicht, wie man es anders macht. Ich konnte es nie oder habe es vergessen.

Von Verantwortung erstickt

War eher so, dass ich ja als Kind irgendwie spürte, dass meine Mutter „unzurechnungsfähig“ (nicht streng juristisch gemeint) war. Sie war mehr als das: Ich fürchtete mich vor ihr.

Ich muss doch immer Angst gehabt haben, sie könnte mir wieder etwas Böses und Widerliches antun. Eng mit jemandem zusammen zu leben, ja, abhängig von jemandem zu sein, der einem Widerliches antat – das ist wirklich eine Hausnummer. Und nein, da war ja keine rettende Oma oder so. Da war mal wieder niemand.

Endlich ausgezogen habe ich ausgeatmet. Ich habe mich natürlich nicht in Selbstliebe eingewickelt, aber ich genoss meine Freiheit. Natürlich hatte ich mir einen nervtötenden Job in einem gestreng geführten Hotelbetrieb gesucht. Damit ich weiterhin kleingemacht werden konnte. Aber in der Freizeit ging es mir gut.

Dann lernte ich Mr. Essential kennen und spürte, dass eine neue Phase im Leben begann.

Ich fand mich bald wieder in einem gestreng geführten in Familiensystem, in dem ich wieder kleingemacht wurde. Hüstel. Und ich bekam Kinder. Natürlich war ich aus Sicht meiner tollen, heiß ersehnten Ersatzfamilie eine miese Mutter. Ich machte tausend Fehler. Völlig unzulänglich, auch als Ehefrau. Ach, grande catastrophe!

Tja. Wir zogen irgendwann weiter weg und diese berüchtigten 90 Stufen weit nach oben (Altbauwohnung).

Da begannen die Panikattacken. Ja, genau da, wo ich kein enges, mich kleinmachendes System mehr in der Nähe hatte.

Und was sagt mein Therapeut dazu (gihihi, das klingt immer so genial klischeehaft, finde ich):

„Ihre Angst ist die Angst vor der Freiheit.“

Die Angst vor der Freiheit

Und das leitet mich zum Schluss meines langen, persönlichen Posts hier:

Ich las mal vor vielen Jahren, so mit 17 oder 18 ein berühmt-berüchtigtes Buch. Ein Standardwerk des weiblichen Masochismus, so würde ich es mal nennen. Simone de Beauvoir schüttelte sich bestimmt. Oder stimmte zu? Ach, das hier ist ja keine Feminismus-Debatte.

Jedenfalls beginnt das Buch mit einer Geschichte. Und die habe ich seit Längerem im Kopf. Und ich verabscheue sie innerlich irgendwie, weil sie so gut zu mir zu passen scheint:

Es geht darum, dass viele amerikanische Sklaven nach der offiziellen Befreiung einfach die Plantagen nicht verließen. Die Tore standen offen und sie blieben stehen, wo sie waren. Sie wagten keinen Schritt hinaus in die ungewisse Welt. Die Arbeit, die Demütigung, die Schläge – das kannten sie. Aber die Freiheit – die fürchteten sie.

Und so blieben viele als von diesem Zeitpunkt an bezahlte Arbeiter einfach dort, wo sie waren und taten das, was sie kannten.

Und das trifft mich im Kern.

Käfigtür offen, zitternder Vogel hockt auf der Stange.

Oh, bekommen Vögel nicht so superschnell einen Herzinfarkt? Argh! Schnell wieder Angst bekommen …