Schreckliche, wunderschöne Welt

Es ist leider wirklich nötig und zudem sehr richtig, sich darüber Gedanken zu machen, wie man seinen Kindern die Welt erklärt.

Dieses Thema beschäftigt im Moment nicht nur Lucie Marshall sondern auch Frau Mutter und eben mich selbst.

Es ist bei uns ja schon etwas länger her, dass ich die ersten Male erlebte, in denen man seine Kinder mit dem konfrontieren muss, das einem selbst als Schrecken vorkommen mag: die Realität.

Wie passen denn Massenmörder, Diktatoren, Kindersoldaten und Vergewaltigungslager zwischen Puppen, Feen und Teddybären? Gar nicht – so erscheint es uns vielleicht.

Aber all dies existiert nun mal gleichzeitig auf dem gleichen Planeten. 

Wie habe ich das denn gemacht und mache es noch, den Kindern zu erklären, was auf der Welt vorgeht und vor allem warum?

Ich habe vor langen Jahren mal ein irgendwie spirituelles Buch gelesen („Die Prophezeiungen von Celestine“) – an dessen Inhalt ich mich kaum mehr erinnere. Nur ein Satz brannte sich mir ein und diesen habe ich immer wieder so gelebt:

„Man kann jedem jederzeit alles erklären, man muss nur wissen wie“ so oder ähnlich hieß der Satz, der ermutigen sollte, Kindern immer alles mitzuteilen und zu erklären. Und das habe ich getan. Als Zeichen des Respekts. Und weil es einem Menschen gut tut, wenn man ihm etwas zutraut und auch zumutet.

Was fragen unsere Kinder denn so?

Die Frage „Wieso gibt es überhaupt Verhütungsmittel? Man kann doch auch einfach keinen Sex haben, wenn man kein Kind will, oder?“  ist ein antwort-intensives Beispiel für Kinderfragen. Und auch: „Wie lange braucht ein Mensch, bis er nach der Beerdigung verwest ist? und „Wieso ziehen die schwarzen Löcher alles in ihrem Umfeld an? Klar, verdichtete Masse und so. Aber warum wirkt sich das so aus?“ Oder „Wieso bringt jemand sein eigenes Kind um?“ Beliebt auch: „Warst du vor dem Dad schon in einen anderen verliebt?“ und „Wie oft hat man denn Sex, so ungefähr?“ Gern beantwortet man auch: „Wenn Gott alles ist, ist er dann auch das Böse?“ und, aus der gleichen Kategorie: „Ist es so, dass man Schlechtes in sich einfacher ablehnen kann, indem man so tut, als sei Gott oder ein Teufel dafür verantwortlich?“ Es gab auch schon: „Wohin verschwindet das Sperma, wenn es beim Sex in die Scheide gekommen ist?“ und  – noch ein Kategorie-Zwilling: „Wieso gibt es für den Penis so viele Ausdrücke und Worte, aber für die Scheide so wenige?“

Letzteres endete in einem Diskurs über das Patriarchat. Die Frage bezüglich Gott und das Böse reichte ich damals an unseren unglaublich klugen und weisen Pastoren weiter. Den Rest musste ich aber selber beantworten.

Manchmal weiß ich die Antwort nicht (in Physik geschlafen?) und dann sage ich das auch. Wir suchen die Information dann bei jemanden, der es weiß oder an anderen Orten wie Büchern oder dem Internet. (Oder man fragt den Paten von Nummer 1, der als Physikdoktorand am Ende schwitzend neben Nummer 2 und ihrem Fragen-Bombardement saß. Erst als er sagte: „Puh, also das weiß ich nun wirklich nicht.“ Da lehnte sie sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen glücklich zurück. Und ich war froh, dass es den lieben Paten gibt.)

Ich habe Fragen bekommen … uff … nach tausend Dingen, über die ich eigentlich nicht reden wollte. Und habe immer geantwortet. Meist nicht ohne eine Hintergrundanalyse und immer altersgerecht. Und wenn ich persönlich altersgerecht sage, dann meine ich das auch so. ich habe sie nie in Watte gepackt oder meine Stimme in einen hoch-oktavigen Sing-Sang verwandelt. Sondern ich war vordergründig sachlich und manchmal auch bedrückt oder besorgt.

Heute fragen sie natürlich immer noch. Sie haben aber zugleich bereits gelernt, bestimmte Nachrichten auszublenden, genau wie ich es auch tue. Ich lasse mich nicht mehr in die Geschehnisse der Welt hineinfallen, sondern betrachte sie nur.

Es sind eh immer die gleichen Dinge, mit denen die Welt uns konfrontiert – sie tragen nur andere Gewänder. Was uns anscheinend am meisten erschreckt ist wohl das Thema Gewalt. Und natürlich Naturkatastrophen. Beides entzieht sich unserer Kontrolle, was sehr beängstigend ist. Auch danach fragen unsere Kinder – danach, wie man mit seinen Gefühlen umgehen kann. Und das ist ein großer Bestandteil der Problematik.

Inwieweit kann ich meinen Kindern zutrauen, schlimme Dinge zu verarbeiten? Im Grunde heißt die Antwort: Sie können sehr viel verarbeiten. Kinder, die nicht allein gelassen werden mit ihren Gefühlen und Gedanken, schaffen eine ganz große Menge an Verarbeitung und Bewältigung. Zum Glück müssen die meisten Kinder nichts wie ein Erdbeben, eine Flutkatastrophe, den Tod sehr naher Angehöriger, Misshandlung oder Missbrauch verarbeiten. Aber auch das können sie. Unser Beschützerinstinkt möchte nur nicht, dass sie das müssen. Aber es ist gut zu wissen, dass sie das könnten, oder? 

Kindern macht Krieg Angst. Und ihnen machen böse Menschen Angst. Sie hören, was böse Menschen zu tun im Stande sind. Zum Beispiel, wenn die Terroristen von Boko Haram eine Zehnjährige auf einem Marktplatz in die Luft sprengen. Oder wenn ähnlich gesinnte eine Zeitschriftenredaktion stürmen und für ein Blutbad sorgen. Allein das Wort Blutbad ist für Kinder mit ihrem großen visuellen Vorstellungsvermögen ein Albtraum. Wenn wir Erwachsene mal überlegen, dass sogar die medizinische Fachsprache in den Kreißsälen angepasst wurde, damit man nicht mehr etwas wie Blasensprengung oder Pressen!Pressen! zu hören bekommen soll oder Pflegekräfte statt Windel nun Schutzhose sagen sollen, dann wissen wir längst, welche Macht die Sprache hat. Sie sorgt für Gefühle. Gefühle wie Angst oder eben auch Demütigung wie in meinen Beispielen.

Ich hatte Phasen, in denen ich es vermieden habe, mit den Kindern im Auto die Nachrichten zu hören. Und manchmal hörten sie doch etwas Scheußliches und meine Antworten waren viel zu knapp, weil ich Autofahren musste und mich eigentlich selbst nicht konfrontieren wollte, wenn jemand sein Kind hatte verhungern lassen oder Ähnliches. Danach hatte ich ein bisschen Verständnis für mich aber war dennoch nicht zufrieden mit meiner Reaktion.

Ich bleibe weiterhin bemüht, mit ihnen zu analysieren, warum Menschen böse werden. Warum es jene gibt, die herrschen wollen und denen das Leid anderer nichts bedeutet.

Manchmal kommt mir die Welt vor wie ein Käfig voller Narren – und ich glaube, meinen Kindern auch. Dennoch begreifen sie psychologische Zusammenhänge längst gut genug, um zu verstehen. Sie verstehen, dass es nicht um die Verteilung von Schuld geht und dass man böse wird, weil einem Böses widerfuhr. Während aber längst nicht alle, denen Böses widerfuhr böse werden. Sie wissen wie komplex das alles ist. Das, was sich auch einfach in Schubladen sortieren lässt, wenn man (mal wieder) nicht den Nerv hat, darüber nachzudenken.

Wenn ich erkläre, warum die furchtbare Attacke auf die durch Charlie Hebdo verkörperte Meinungsfreiheit passierte, dann beurteilen sie das natürlich. Sie sagen, dass ihnen die Bekloppten langsam auf die Nerven gehen und fragen sich, wohin das alles führen soll, das mit den vielen Terroristen. Und ich antworte. Wie immer. Ich erkläre die Motive und die Hintergründe. Aber das ist nur Wissen – die Gefühle der Machtlosigkeit und Angst bleiben oft und wirken nach.

Auf manche Dinge haben wir einen Einfluss. Das sind nicht einmal wenige. Aber auf manche haben wir leider keinen.

Ich vertrete übrigens die gewagte Theorie, dass, wenn alle Kinder liebevoll, wohlwollend und voller Respekt sowie zur Empathie erzogen würden, die Welt ganz anders aussähe. Ich bin davon überzeugt, dass niemand als böser Mensch auf die Welt kommt. (Ich kenne die Biographien vieler Diktatoren und zweifelhaften politischen Persönlichkeiten. Und sie weisen allesamt bestimmte, wiederkehrende Merkmale in der Kindheit auf, die unglaublich folgenschwer enden können. Gewalt (auch sexualisierte Gewalt) und Missbrauch sind feste Bestandteile.)

Wenn ein Mensch durch Böses selber böse wird, dann muss er zur Rechenschaft gezogen werden. Ganz klar. Dennoch macht mich Gewalt immer eher traurig als wütend. Ich betrauere, dass Menschen einander so unendlich weg tun können. Ich betrauere, dass uns Menschen Gedanken zuteil werden können, die uns zu bösen Taten bringen können. Und da geht es unseren Kindern ganz ähnlich, denke ich.

Wir können sie nicht davor bewahren, die Welt kennenzulernen, in der sie leben. Wir können sie nur darauf vorbereiten, ihr zu begegnen. Und das tut man vielleicht am besten dadurch, dass man sie Stück für Stück und altersgerecht heranführt. Sie werden das aushalten. Und fällt es bloß schwer, ihnen dabei zuzusehen.

Dazu ein persönliches Beispiel: Ich erinnere mich an die unglaublich schmerzhafte Beerdigung der Mutter meines Mannes. Die Kinder haben so sehr um die Oma getrauert. Nummer 1 fiel während der Trauerrede des Pastoren immer wieder in Ohnmacht. Sie wachte auf, sah den Sarg vor sich stehen, drifete wieder weinend ab und kam wieder zu sich. Ich saß weinend neben ihr und um sie herum weinten ebenfalls fast alle Anwesenden.Ich hatte ihr mal erklärt, lange vor dem Trauerfall, dass Gefühle wie das Meer sind und wir dafür ein Surfbrett brauchen, damit wir sicher sind und die Gefühle uns nicht mitreißen. Damals hatte sie ein Problem damit, ihre Wut zu kontrollieren. Das war war aber schon zwei Jahre her. Nun schleppte ich das schwache, weinende Kind zum offenen Grab und sah zu, wie es litt. Ich drückte es und sprach mit ihm. Es half nichts. Also ließ ich sein, auf die Kleine einwirken zu wollen und war einfach nur in der Nähe. Immerhin ja auch mit eigenen Gefühlen beschäftigt. Hinterher beim üblichen Kaffeetrinken kam Nummer 1 zu mir und sagte: „Oh Mann, Mama, ich glaub, ich bin eben absolut vom Surfbrett gefallen.“ Und wir konnten beide erleichtert lachen und nicken. Was mir so traumatisch erschienen war, war das gewesen, was sie gebraucht hatte. Sie hat im Laufe der folgenden drei Jahre immer wieder um die Oma geweint, ganz klar. Aber ich spürte, dass da nichts Bodenloses mehr war. Sie war ganz schön geerdet nach dieser Erfahrung.

Ich betrauere übrigens sehr, dass die heile Zeit voller Feen, Teddybären und Puppen nicht einmal ganzes Jahrzehnt halten kann und darf. Ich finde es sehr schmerzhaft, den Kindern zu erklären, warum Menschen einander Leid zufügen. Das werde ich vielleicht immer so empfinden. Die Ambivalenz zwischen der unendlichen Schönheit der Welt und den auf ihr lebenden Wesen und der abgrundtiefen Hässlichkeit derselben ist immer wieder einfach unfassbar. Auch für mich. Und auch das sage ich den Kindern so wie es ist.