Zermürbendes Gebrumme

Als Nummer 1 noch ein Baby war, gab sie sehr gerne zermürbende Geräusche von sich, wenn sie im Laufstall saß. Es war ein tiefes, brummendes „Mmmmmh – mmmmmh – mmmmmh“, ein seltsames Geräusch, das man von einem Baby eigentlich so nicht erwarten würde. Das Besondere war aber nicht nur sein Klang – auch die Dauer, mit der Nummer 1 diese Geräusche von sich geben konnte, war erschreckend. Eigentlich „brummte“ sie dauerhaft, wenn man sie absetzte.

Während meine Frau damals mit einer Freundin telefonierte (wobei sie das Baby nicht die gesamte Zeit auf dem Arm hatte, logischerweise), brummte es wieder einmal aus dem Laufstall. Nach ein paar Minuten fragte ihre Gesprächspartnerin:

„Was ist denn das für ein zermürbendes Geräusch? Habt Ihr die Handwerker da?“

Meine Frau erwiderte trocken: „Das ist das Baby.“

„Nein, ich meine dieses Brummen, das Baby höre ich nicht …“

„Ich weiß. Es ist das Baby, das diese Geräusche macht.“

Heute, fast zwölf Jahre später, erklärte uns Nummer 1, was das Geräusch damals bedeuten sollte. Als sie nämlich Nummer 4 im Laufstall liegen sah und meine Frau sie darauf hinwies, dass dieses Baby nicht die ganze Zeit brummt, meinte sie grinsend:

„Das kommt schon noch. Das sollte damals bei mir sowieso nur heißen:

Booooo-rrriiing! Boooooo-rrriiing! Boooooo-rrriiing!

Lovecraft im Kinderzimmer

Vorwort: Ich höre gerade „Der Fall Charles Dexter Ward“ und mir fiel heute Abend auf, dass sich das Chaos in Nummer 1s Zimmer ganz großartig in Lovecraftscher Prosa beschreiben lässt.

„Der Raum sah aus, als hätte ein aus uralter, schrecklicher Vorzeit stammender Riese jeden einzelnen Gegenstand aus den zahlreichen Regalen gepackt und achtlos zu Boden geworfen, ehe er ihn mit seinen zyklopischen Füßen zermalmte. Der gesamte Anblick war so blasphemisch, so unaussprechlich erschreckend, dass selbst abgehärtete und kampferfahrene Soldaten bei ihm verstummten und auch auf das stärkste Drängen hin niemals davon erzählen wollten. Über allem lag ein Hauch uralter kosmischer Schrecken, die das, was ein menschlicher Verstand erfassen konnte, weit überstiegen. Wer diese widernatürliche Kammer betrat, befand sich an einem Tor zu den grauenhaftesten Sphären des Chaos und würde sie nur um Jahre gealtert verlassen.“

So in etwa stelle ich mir das vor.

Noch eine Anmerkung: Das ist kein verschollenes Zitat von H.P., sondern nur eine Imitation meinerseits. Leider ist mir kein intelligenter Titel für dieses Stilplagiat eingefallen, der nicht eher nach Harry Potter oder Edgar Allan Poe klang. Gute Vorschläge sind willkommen! 🙂

Kleines Schläfchen – nicht!

(Aus dem Archiv – 2009)

Während Nummer 4 uns heute ein wenig länger wachhält, unterhalten wir uns über die vergangenen Babyzeiten. Und kommen dabei zu Nummer 3, die ein liebes Baby war, sich danach aber für drei Jahre in einen Avatar der Sturköpfigkeit (Codename: Stinkteufel – wobei sich das auf „stinkig“ und nicht auf den Geruck bezieht) verwandelte.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich sie während meiner Genesung 2009, als ich schon wieder Treppen steigen konnte, mittags in ihr Zimmer bringen wollte. Das süße kleine Mädchen hatte nämlich die Angewohnheit um sich zu schlagen, wenn sie müde wurde – wollte aber auch nicht ins Bett. Also schnappte ich sie mir kurzerhand und ging mit ihr die Treppe rauf.

Ich: „So, kleine Nummer 3, jetzt machen wir mal ein kleines Schläfchen …“
Mini-Nummer 3 (wütend): „Nein, kleines Wäwchen machen nicht!“
Ich: „Doch, nur ein ganz kleines Wäwchen …“
„NEEEIINN!!!!“ *klatsch* *pfeif*

„Klatsch“ und „Pfeif“ bedeutet in diesem Fall folgendes: Sie hatte mit beiden Armen ausgeholt und mir Bud Spencer-mäßig auf beide Ohren geschlagen.

Man hat das wohl bis unten gehört …

80 über Nacht – Teil 3

Nach einigen Wochen in der Frühreha ging es  langsam bergauf mit mir. Wenn ich sage langsam, dann meine ich Langsam. Mit großem L.

Mehrmals am Tag kamen diverse Therapeuten zu mir und übten mit mir die einfachsten Dinge des Alltags – kleine Holzstücke in kleine Holzlöcher stecken und wieder herausziehen, fünf Minuten Sitzen, meine obersten Fingerglieder oder meine Gesichtsmuskeln einige Millimeter bewegen. Das ging alles für meinen Geschmack viel zu schlecht, und vor allem ging es viel zu langsam voran. Wir hatten mittlerweile November, und mein Ziel stand fest: Ich wollte Weihnachten nach Hause. Aber zwischen mir und meinem Ziel standen vor allem zwei Dinge: die Tatsache dass ich nicht schlucken und nicht sitzen konnte. Nicht schlucken bedeutete Erstickungsgefahr ohne Tubus, nicht Sitzen bedeutete ich konnte mich nicht mal im Rollstuhl herumschieben lassen.

Regelmäßig wurde ich mittlerweile von Träumen geplagt, in denen mein Unterbewusstsein meinen Zustand vergessen hatte, und in denen ich mich ganz normal bewegen und laufen konnte. Es war immer sehr deprimierend, nach einer solchen Nacht aufzuwachen. Zumal die Fortschritte, die ich in dieser Zeit machte, sehr klein und keineswegs kontinuierlich waren.

Da ich nicht nur das Guillain-Barré-Syndrom, sondern auch noch das Miller-Fisher-Syndrom hatte, war mein Gesicht schwer mitbetroffen und ebenfalls gelähmt. Dies führte unter anderem dazu, dass ich eben nicht zuverlässig schlucken konnte – weshalb ich intubiert bleiben musste. Was wiederum dazu führte, dass ich nicht sprechen konnte. Meine Frau wurde in dieser Zeit immer wieder gewarnt, dass manche Männer (irgendwie ist das eine vorwiegend männliche Krankheit, warum auch immer) ihre Frauen ziemlich wüst beschimpfen, wenn sie erst einmal wieder reden können. Ja, dass man sich nicht verständigen konnte führte schon zu Wut – aber dass man seine Wut eh überhaupt nicht ausleben kann führt auch dazu, dass sie wieder verfliegt. Abgesehen davon hatte ich sowieso alles andere im Sinn als meine Frau zu beschimpfen – der fast immer tägliche Besuch von ihr war das Highlight meines Tages.

Beschimpfen wollte ich viel eher den Teil des Krankenhauspersonals, der mich behandelte wie einen Vollidioten. Zum Beispiel Doktor Guck und Doktor Blind.

Wochenlang hatte ich überhaupt nichts sehen können, weil ich meine Augen nicht öffnen konnte. Als ich meine Glubscher dann endlich halbwegs unter Kontrolle hatte und zum ersten Mal meine Frau mit offenen Augen empfangen konnte, begannen Doktor Guck und Doktor Blind einen Streit darüber, ob ich Augengläser tragen müsste. Augengläser (oder besser: „Uhrglasverbände“, wie sie eigentlich genannt wurden) ist ein euphemistischer Ausdruck für eine Augenbinde. Die Dinger verschließen die Sicht komplett, was ja medizinisch seinen Sinn hat (die Augen trocknen sonst aus). Aber nachdem ich zwei Wochen lang unter Doktor Gucks Obhut gar keine tragen musste, weil meine Augen geschlossen waren, kriegte ich die Dinger prompt wieder verpasst, sobald Doktor Blind spitzgekriegt hatte, dass ich meine Augen öffnen konnte. Die Gefahr war wohl, dass die Lider sich nicht richtig schlossen. Kann ich ja verstehen. Trotzdem war mein Verständnis begrenzt, als ich gerade zum ersten Mal meine Frau angeschaut hatte und dann prompt Doktor Blind beschloss, dass jeglicher Luftkontakt meine Netzhäute verbrennen würde. Doktor Guck hingegen hatte die Dinger schon seit Wochen vollständig abgelassen, weshalb es mir nicht so dramatisch vorkam, dies auch weiter so zu handhaben, nun, wo ich meine Augen besser kontrollieren konnte.  Es endete damit, dass ich auf einer augenärztlichen Untersuchung bestand, die genau Null Schäden feststellte, und plötzlich durfte ich die Dinger nicht nur mal für eine Stunde ablassen, sondern musste sie nie mehr tragen. Es ist aber auch eine Last mit diesen Patienten.

Meine neue Fähigkeit blieb nicht ohne Folgen. Kaum dass ich gucken konnte, setzte mich meine Psychologin vor ein Computerspiel. Ich dachte so: Wow – Computerspiel! Nachdem ich wochenlang nur meine Augenlider von innen gesehen hatte wäre mir Pacman wie Virtual Reality vorgekommen! Leider war das ein Spiel für Schimpansen: Man musste Formen und Farben auf einem Bildschirm erkennen und korrekt zuordnen. Sie hatte mich zwar gewarnt, dass dies „ein wenig einfach“ für mich sein könnte, aber sie hatte sich offensichtlich nicht genug mit mir und meinem Fall beschäftigt um zu verstehen dass ich a) nicht völlig auf den Kopf gefallen war und b) meine Krankheit meine geistigen Fähigkeiten überhaupt nicht einschränkte.

Nachdem sie mich mit entmutigenden Einschätzungen und unterfordernden Aufgaben einige Wochen lang fertig gemacht hatte, blies meine Frau weitere Schimpansenspiel-Termine mit ihr ab. Wir waren uns einig, dass Sich-deprimiert-und-verarscht-fühlen nicht mein Therapieziel war. Dies war aber nicht das letzte Mal, dass ich dieser Dame als psychologischem Endgegner gegenüberstehen sollte.

Bis dahin hatte ich allerdings noch einen Zwischenboss vor mir: Schwester Rabiata 2.0. Oder 3.0. Ich bin mir bei der Versionierung nicht völlig sicher.

Schwester Rabiata suchte mich alle zwei Wochen in der Nachtschicht heim und hatte es, wie erwähnt, auf die Integrität meiner Lunge abgesehen. Wenn SIE nachts an der Reihe war, wusste ich dass ich keinen Schlaf finden würde. Nächte mit IHR waren ein Albtraum aus beißenden Schläuchen, Atemnot, Geröchel und schließlich ihrem Gemecker, wenn sie nach drei Stunden einmal gucken kam, was der dämliche Herr Eldorado jetzt schon wieder wollte. (Die Antwort: LUFT!)

Schwester Rabiata schaffte es auch, mir meinen ersten Testlauf zur Tubusentfernung zu ruinieren. Ich hatte meine Logopädin (übrigens ein exzellentes Beispiel für eine freundliche, engagierte Therpeutin) tagelang bekniet, dass ich einen Sprechaufsatz probieren wollte – einen Spezialaufsatz für den Tubus, der die Luftröhre nicht abriegelte, sondern mir erlaubte durch den Mund zu atmen – so dass man (halbwegs) sprechen konnte. Das war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich.

Leider war in dieser Nacht Schwester Rabiata an der Reihe. Meine Lunge war dauergereizt, ich röchelte wie der Marlboro-Mann, und irgendwie war der Aufsatz auch nicht korrekt verschlossen (mehr Details möchte ich nicht liefern, es war jedenfalls ätzend). Am nächsten Tag hatte ich Fieber und eine Lungenentzündung, und die Logopädin glaubte natürlich dass dies an dem von mir erbettelten Testlauf gelegen hatte. Stattdessen, da bin ich sicher, hatte die besondere Fürsorge von Schwester Rabiata mir diesen Rückschlag eingebracht.

Ich brauchte eine halbe Stunde um meiner Frau buchstabierend mitzuteilen, dass ich glaubte, dass gar nicht der Sprechaufsatz an der Pneumonie Schuld war, und sie musste dies der Logopädin mitteilen, und so weiter. Trotz allem warf mich das einige Tage zurück, und das waren LANGE Tage.

Schwester Rabiata hatte aber nicht nur keinen Respekt vor meiner Lunge, sie hatte auch von der Psychologin gehört, dass meine geistigen Fähigkeiten auf die eines Schimpansen geschrumpft waren. Als ich nämlich im Rahmen dieser Lungenentzündung nachts um zusätzliches Wasser bat (per Hand- und Klopfzeichen, versteht sich), meinte sie:

„Sie haben heute schon zwei Liter Wasser bekommen, Herr Eldorado, wenn ich ihnen jetzt noch etwas anhänge läuft das in ihre Lunge und sie ersticken!

Ich bekam das Wasser über einen Schlauch in meinen Magen, wohlgemerkt. Es änderte aber nichts: Ich musste mir ins Gesicht lügen lassen und Durst haben.

Hier geht es weiter. 

Ich wär so gern Frisör

(Aus dem Archiv – 2009. Nummer 2: 5 Jahre alt. Nummer 1: 6 Jahre alt.)

Als ich heute abend nach Hause kam, war es in den oberen Etagen extrem ruhig. Meine Frau und ich konnten ganz in Ruhe zusammen zu abend essen, ohne Trara und Geplapper. Irgendwann warfen wir einen kritischen Blick die Treppe hinauf. „Es ist so ruhig da oben, ich habe Angst“, meinte meine Frau. Ich möchte die Gelegenheit nutzen um zu erzählen, warum wir (über das gesunde, lebensnotwendige Elternmaß hinaus) in so einer Situation Angst haben.

Es war im Frühling 2009. Die Bankenkrise war noch in vollem Gange, die Vögel twitterten von den Dächern, und ich war seit Anfang des Jahres nach einer Auseinandersetzung mit dem Oberarzt wieder zu Hause. Zwar als Pflegefall, aber immerhin zu Hause.

Genug der launigen Einführung. Ich war körperlich ziemlich fertig, meine Frau hatte viel zu viel zu tun mit drei Kindern und einem kaputten Mann, und so lagen wir Samstagmorgens noch ziemlich alle im Bett, als Nummer 2 zu uns kam.

„Wir spielen Frisör“, erzählte sie freudig. Unsere Alarmglocken gingen an. „Mit einer Schere?“
„Nein, nein“, meinte Nummer 2. „Nur mit einer Bürste.“
„Na dann ist ja alles gut, spielt ruhig weiter“, brummten wir schläfrig.

Froh, noch eine halbe Stunde schlafen zu können, ließen wir Nummer 2 wieder nach oben abziehen. Schließlich kamen Nummer 1 und Nummer 2 wieder runter und legten sich „zum Schmusen“ zu uns ins Bett. Das Zimmer war noch dunkel. Die Beiden legten sich zwischen uns und alles schien sehr heimelig – bis meine Frau neben sich griff.

„Warum ist das Bett so nass?“ fragte sie plötzlich, leichte Panik in der Stimme.
„Wir haben Frisör gespielt“, antworteten die Mädels. „Aber jetzt kriegen wir die Bürste nicht mehr raus.“

Böses ahnend knipste meine Frau das Licht an. Und da lagen sie: in einem feuchten Kringel aus nasser Bettwäsche und auch ein wenig nass im Gesicht. Nummer 2 hatte eine Bürste im Haar stecken – eine Toilettenbürste.