80 über Nacht – Teil 5

Zu dieser Zeit saß ich einmal am Tag im Rollstuhl, konnte meinen iPod bedienen, Nintendo DS spielen und mich mittags an püriertem Schweinebraten verlustieren. Das klingt jetzt wie im Altenheim, und im Ernst, das war es auch – aber ich war ja auch ungefähr so fit wie ein sehr hinfälliger Greis. Der einen schlechten Tag hat.

Mir kam das trotzdem alles ziemlich großartig vor. Es war die erste Zeit, in der ich nicht mehr abends meine Frau um fünf weitere Minuten Gesellschaft beklammern musste, sondern relativ gut für mich selber sein konnte. Die erste Zeit, in der ich wieder richtig mit meiner Umwelt kommunizieren konnte. Und die Zeit, in der ich verstehen musste, dass es für meinen Geschmack immer noch viel zu langsam voranging. 

Ich hatte in den letzten Wochen erstaunliche Erfolge erzielt, aber ich war noch weit davon entfernt alleine laufen zu können. Nach den ersten Dezembertagen war klar, dass mein Plan, Weihnachten nach Hause zu laufen, wohl nicht komplett in Erfüllung gehen würde. Aber wenn man eines lernt durch diese Krankheit, dann ist es seine Wünsche der Realität anzupassen. Also relativierte ich mein Ziel: Ich wollte Weihnachten im Rollstuhl nach Hause. Nach so vielen Wochen im Bett ist ein Rollstuhl schon ein ziemlich großes Ding, kann ich Euch sagen. 

Die Tatsache, dass man nicht laufen oder stehen kann, hat einige unangenehme Nebenwirkungen, die ich hier nicht im Detail erläutern möchte. Nur eins möchte ich erwähnen: Wer nicht laufen oder stehen kann, kann auch nicht auf Toilette gehen. Damit man aber – wenn auch im Rollstuhl – nach Hause kann, muss man es wenigstens schaffen, sich vom Rollstuhl auf eine mit einer Sitzerhöhung ausgestattete Toilette zu befördern. Und das war etwas, was mir zu diesem Zeitpunkt noch schwerfiel. Also hing mein weihnachtlicher Ausflug am Ende an dieser Fähigkeit.

Meine Frau und ich nutzen jede Gelegenheit, mich in den Rollstuhl zu befördern. Angenehmerweise hatten die Schwestern schnell kapiert, dass wir das zu zweit ganz gut hinbekamen (okay, mein Part dabei war nicht sooo wesentlich …) – jedenfalls wurde das toleriert. Ich setzte mich auch so oft wie möglich auf die Bettkante und schaffte das irgendwann schon fast alleine. Dennoch war ich selbst nach solchen minimalen Bewegungen sehr schnell geschafft und war dann auch richtig froh, wieder zu liegen. Das hätte ich mir drei Wochen vorher auch nicht vorstellen können.

Einmal saß ich im Krankenhausbadezimmer und schaute dummerweise in den Spiegel. Es war schräg, in so ein eingefallenes, völlig vom Bart zugewuchertes Gesicht zu schauen aus dem mich Augen anstarrten die gleichzeitig weit aufgerissen und leblos wirkten. Auch der Lidschlag wird beim Miller-Fisher beeinträchtigt. Ich rollte den Stuhl zur Seite und blickte für viele Wochen nicht mehr in den Spiegel. 

Mitte Dezember sah es so aus, als ob mein Plan funktionieren würde. Ich kam mit Hilfe ganz gut rauf und runter vom Donnerbalken, konnte mehrere Stunden sitzen, und wir schafften es mich aus der Senkrechten in die Waagerechte zu bekommen und vice versa. Wir drängten die Stationsleitung, mich rechtzeitig in eine Reha-Klinik zu verlegen, da man von dort auch aus mal nach Hause darf, und es sah so aus als ob ich am 20. Dezember verlegt werden würde.

Dann bekam ich meine dritte Lungenentzündung. Lungenentzündungen sind im kontrollierten Umfeld eines Krankenhauses für junge Menschen kein Drama – man bekommt sofort Antibiotika, ist schlapp und drei Tage später sind sie weg. Aber drei Tage Lungenentzündung bedeutete drei Tage keine Therapie, keine Fortschritte, mit ein bichen Pech sogar Rückschritte. Ich hatte große Angst, dass sich meine Verlegung verzögern würde und mein Plan den Bach runterging. Wir versuchten uns mit dem Gedanken an ein Weihnachten im Krankenhaus anzufreunden, aber das gelang uns nicht. 

Wir hatten nämlich die Weihnachtsfeier der neurologischen Früh-Reha miterlebt. Am dritten Advent wurden nämlich alle Patienten auf die Gänge der Station geschoben und stöhnten, brabbelten und vegetierten so kollektiv vor sich hin. Wer konnte, mümmelte auf einem Keks herum (mich eingeschlossen, auch wenn der Keks lecker war ist es ein ekelhaftes Erlebnis sein Essen nicht vernünftig runterzubekommen), die anderen starrten halt so vor sich hin oder machten irgendwelche Geräusche. Dann wurden außer Reichweite der unberechenbaren Fuchtler Kerzen angezündet und zusammen ein Lied gelallt. 

„Hier ist man Teil von etwas, von dem man nie Teil sein wollte“, flüsterte ich meiner Frau zu.

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Ich weiß, dass das alles nett gemeint war. Aber ich war zu diesem Zeitpunkt so frustriert davon, wochenlang wie ein geistig Minderbemittleter behandelt zu werden, dass meine Toleranz für „gut gemeint“ einfach nicht mehr ausreichte. Ich sagte zu diesem Zeitpunkt ungefähr jeden Tag zu meiner Frau:

„Ich will ein T-Shirt auf dem steht: Ich bin gelähmt, nicht blöd!“

Das konnte auch ein gut gemeinter Keks nicht ausgleichen. Aber ich schweife ab …

Weihnachten im Krankenhaus war jedenfalls nicht das, was wir wollten. Also ignorierten wir diese drohende Gefahr und taten so, als ob nichts wäre. Nur mein Fieber beobachteten wir in diesen Tagen etwas bang …

Es wurde aber gut, mehr oder weniger. Drei Tage vor Weihnachten wurde ich endlich in eine Reha-Klinik verlegt, leider eine, die rund 25 Kilometer von unserem Zuhause entfernt war. Was dann dazu führte, dass ich mir tägliche Besuche abschminken konnte – aber gut, diesen Luxus (an den ich mich bis zur Verzweiflung geklammert hatte) genießt ohnehin nicht jeder. Wichtig war nur, dass das Weihnachtsprojekt funktionierte.

Das Leben in der Reha-Klinik ist geradezu ein Abenteuer – man kriegt dreimal am Tag Therapie, muss selber gucken wie man da hinkommt, und kann sogar allein zu einem Getränkeautomaten rollen. Über Gänge, die einem ziemlich lang vorkommen …

Leider heißt dreimal 45 Minuten Therapie am Tag immer noch sehr, sehr viel Zeit ohne Therapie. Und Ausflüge im Tempo einer fußkranken Schnecke durch die Gänge einer Rehaklinik sind auch nur die ersten drei Mal spannend. Kurzum: Es gab viel zu viel Zeit zum Fernsehen. Und mein Handy und meinen iPod (damals waren das noch zwei Geräte) hatte ich auch nicht mehr allzu lange. Denn es zogen regelmäßig Diebe durch die Station und klauten den Patienten ihre Wertsachen, während diese in der Therapie waren. Dafür gab es zwar einen Tresor im Zimmer – aber den konnte ich mit meinen Händen (die ich als „Krabbenscheren“ bezeichnete) nicht bedienen. Und es war utopisch, sich dreimal am Tag dabei helfen zu lassen …

Das geschah aber nach Weihnachten. Heiligabend hingegen ging der Plan auf: meine Frau kam mit meiner Schwester und holte mich nach Hause. Wir hatten einen Weihnachtsbaum, die Kinder bekamen die Geschenke, das Essen war von McDonalds und ich hockte die ganze Zeit im Rollstuhl.

Kurzum: Ich freute mich wie ein Schneekönig.

Rheuma und Kloppe

Die Kinder kommen gerade nach Hause und verschwinden direkt nach oben. Meine Frau und ich sitzen mit Nummer 3 und 4 am Esstisch, während ich ihn mit Brei füttere.

„Die spielen nur auf ihren Handys …“ meckert Nummer 3.
Ich blicke vom Breilöffel auf. „War ja klar, dass es für so viel Ruhe keine andere Erklärung gibt. Die daddeln ja irgendwie nur noch.“
Darauf Nummer 3: „Was habt Ihr denn früher so gespielt?“

Meine Frau und ich blicken uns an. Ich grinse.

„Wir hatten ja nichts …“ seufze ich im besten Bollerwagen-Tonfall.
„Fangen, Verstecken, Räuber und Gendarm …“ zählt meine Frau auf. Kurze Pause von Nummer 3. Dann fragt sie:
„Wie geht das denn – Rheuma und Jeanne D’Arc?“

(Man muss anmerken, dass das natürlich nur als Verhörer funktioniert und in geschrieben eher unwahrscheinlich aussieht)

„Rheuma und Jeanne D’Arc haben wir nicht gespielt – das wurde höchstens früher von ein paar sehr alten Rittern gespielt …“ kommentiere ich.

Nummer 3 besteht übrigens darauf, dass sie nicht Rheuma gesagt hat.
Es ging noch weiter. Plötzlich fiel mir ein:

Kloppe!“
Verständnisloser Blick von meiner Frau. „Kloppe?“
„Ja, wir haben auch Kloppe gespielt.“
Nummer 3 schaut interessiert. „Wie geht das denn?“
„Na, man bildet zwei Teams, und dann jagt und versteckt man sich. Und wenn man sich findet, verkloppt man sich gegenseitig.“

Ja, die gute alte Zeit … damals hat man noch sinnvolle Dinge gespielt.

„Dafür kriegst Du die schwarze Karte!“

(Aus dem Archiv – 2009)

Während unseres Sommerurlaubs auf dem Bauernhof freundeten die Mädels sich mit zwei Kindern an, die zusammen mit ihren Großeltern da waren. An einem Tag kam es zu einem Fußballspiel, bei dem Nummer 3 nicht mitmachen wollte. Sie übernahm stattdessen die Rolle der Schiedsrichterin.

Mit von der Partie war aber der Großvater (Herr Lemp) der anderen Familie und ich. Im Laufe des Spiel lieferte er einen fehlgeleiteten Schuss ab – der an allen anderen Spielern vorbeiging und genau Nummer 3 traf.

Sie weinte, aber wie ihr ja wisst war sie schon immer hart im Nehmen. Opa Lemp eilte herbei um sich zu entschuldigen:

„Das tut mir leid, das habe ich nicht gewollt … Wie geht es Dir denn?“

Nummer 3 rappelte sich auf. Sie hatte noch ein paar Tränen im Gesicht, blickte ihn aber entschlossen an. (Er war übrigens total besorgt 🙂 )

„Mir geht es gut – aber dafür bekommst Du die schwarze Karte!“

Herr Lemp nickte einsichtig. „Hm, die habe ich wohl verdient. Aber was bedeutet die schwarze Karte eigentlich?“

Nummer 3 stemmte die Hände in die Hüften:

„Das heißt, Du darfst nie wieder Fußball spielen. In Deinem ganzen Leben.“

Da wurde mir klar, das Nummer 3 nach folgender Devise lebt: Hart zu sich selbst, brutal gegen andere.

Ich habe Herrn Lemp übrigens nie wieder Fußball spielen sehen.

Nummer 3 verschwindet gern

Ich hatte es ja angekündigt. Der Grund für die Merci-Schokolade war ein (erneutes) Verschwinden von Nummer 3.

Die hat nämlich leider schon seit sie sehr, sehr klein ist einen Hang zum Abhauen – ungefähr seit sie laufen kann. Das wahrscheinlich schlimmste derartige Ereignis passierte uns vor vier Jahren in Holland am Strand. Wir hatten gerade eine Strandmuschel aufgeschlagen und ich, damals noch deutlich gezeichneter von meiner gerade überwundenen Krankheit als heute, wollte mich erstmal da reinlegen, während meine Frau mit Nummer 1 und 2 zum Meer marschierte. Dummerweise sah ich von der Strandmuschel aus, dass Nummer 3 ihnen hinterherlief – während meine Frau im Glauben war, unsere Jüngste würde bei mir bleiben. Das Ergebnis: Auf halbem Weg bog Nummer 3 nach links ab und war weg.

15 Minuten später kamen die Drei aus dem Meer zurück und wir fragten uns beide entgeistert:

„Wo ist denn Nummer 3?“

Bis hierhin hätte es ja noch eine lustige Anekdote sein können. Leider blieb sie fast eine Stunde verschollen. Wir haben sogar Baywatch gerufen und den gesamten Strand mit einem Jeep abgesucht. Die niederländische Küstenwache war davon überzeugt, dass Kinder am Strand immer nur mit der Sonne im Rücken laufen – weshalb wir die ganze Zeit in der falschen Richtung gesucht haben. Als wir uns schon fragten, ob sie ins Meer gelaufen und ertrunken war, kam endlich die erlösende Durchsage: Jemand hatte sie gefunden, in der völlig falschen Richtung, rund zwei Kilometer weit entfernt.

Ich glaube nur Eltern können nachvollziehen, was in so einem Moment in einem vorgeht. Im Gegensatz zu uns steckte Nummer 3 das ganz locker weg – sie war gut gelaunt, hatte nicht geweint und war deshalb auch erst so spät als das „verschollene Kind“ aufgefallen.

Als wir sie später fragten, was sie denn da gemacht habe, meinte sie:

„Ich habe mich mit Gott unterhalten. Er hat mich gefragt: Findest Du Deine Mama wieder? Und da habe ich gesagt: Ja. Da wusste ich, dass ich keine Angst zu haben brauche.“

Damals war sie drei. Später ging sie diverse Male im Ikea, auf der Kirmes, beim Stadtbummel und auf dem Weihnachtsmarkt verloren. Wie gesagt, unsere anderen Kinder halten wir normalerweise beisammen. Aber Nummer 3 verschwindet gern.

Gestern setzte sie dem ganzen die Krone auf. Ich wollte gerade in ein Kundenmeeting gehen, als mein Telefon schellte. Meine Frau war dran:

„Nummer 3 ist nicht nach Hause gekommen. Ich bin gerade an der Schule und die wissen auch nicht wo sie ist. Aus dem Schulbus ist sie nicht ausgestiegen.“

Jetzt muss man sagen, dass Nummer 3 und der Schulbus auch so eine Sache sind. Alle paar Wochen kommt sie deutlich zu spät nach Hause, weil sie zum Beispiel noch Blumen pflückt, den Bus verpasst und drei Kilometer zu Fuß geht oder Freundinnen nach Hause bringt und ein bißchen plaudert. Gestern war sie bis dahin 40 Minuten überfällig,

Na ja, sie war wie erwähnt schon mehrmals kurz weg, also hielt ich erst einmal die Füße still und sagte meiner Frau, sie soll nach Hause fahren und mir eine SMS schicken, dann würde ich das Meeting verlassen. Allerdings ging ich noch davon aus, dass Nummer 3 doch irgendwie nach Hause gekommen ist und alles gut wäre.

(Meine Frau interpretierte das übrigens als mangelnde Anteilnahme und tritt mich jetzt gerade unter dem Tisch)

Leider war dem nicht so. Nummer 3 war immer noch weg, zusammen mit einer Freundin, die auch nicht nach Hause gekommen war. Also meldete ich mich ab und wollte mich gerade auf den Weg machen, als 1 Stunde und 45 Minuten nach dem letzten Verschwinden dann doch noch die Entwarnung kam. Was war passiert?

Nummer 3 und ihre Freundin waren mit dem Bus einfach weitergefahren, weil sie vergessen hatten zu klingeln. Sie sind dann einige Haltestellen weiter mit Schulkameraden ausgestiegen und mit einer von ihnen nach Hause gegangen. Als deren Mutter dann von der Arbeit kam, brachte diese sie netterweise zu uns (dafür auch die Monsterpackung Merci, die wir noch nicht weggefressen haben) und Nummer 3 war endlich wieder da. Bis dahin hatten meine Frau und die Mutter von Nummer 3s Freundin allerdings schon Busunternehmen und Polizei alarmiert.

Diesmal hat Nummer 3 aber hoffentlich was daraus gelernt: Meine Frau war nämlich bei der anderen kindersuchenden Familie, so dass sie allein im Haus war und Angst hatte. Daher fand meine Frau sie auch mit einer Bratpfanne bewaffnet vor (sie hat zuviel Rapunzel geguckt).

Am Ende war wieder einmal alles gut, aber ich bin mir nicht sicher wie oft unser geschundenes Nervenkostüm solche Ausflüge noch verträgt …

 

 

Meine Vergangenheit als Schauspieler

Früher, als ich noch juuung war, habe ich eine Weile ein kleines Zubrot am örtlichen Theater verdient. Als Komparse, rangierte also irgendwo oberhalb der Requisiten, aber nicht wirklich im Kosmos der „echten“ Schauspieler des Ensembles. Immerhin – ich musste singen und hatte sogar eine Mini-Kampfszene. Ich kam mir schon ziemlich cool vor damals, zumal der Choreograph immer fabulierte, er würde gerne mal einen Breitschwertkampf mit mir inszenieren (für die, die es nicht wissen – ich habe mich auch ein Weilchen mit historischem Fechten beschäftigt, das waren also ganz großartige Aussichten …)

Na ja, es war eine Saison, und dann war es irgendwann vorbei. Ich fing an zu studieren und konnte mich (unter anderem) zwischen Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und Kommunikationswissenschaften entscheiden. Aus Angst vor akuter Brotlosigkeit wurde es am Ende letzteres.

(Wenn ich bedenke, wie viele Kinder hier jetzt so rumhüpfen, aus wirtschaftlicher Sicht eine gute Wahl)

Jedenfalls legte ich meine aufstrebende Karriere als Schauspieler/ Regisseur zusammen mit meiner Karriere als Rockmusiker ad acta (ich spielte damals auch Bass in einer Death Metal-Band – mann, wieviel Zeit man da hat …) und konzentrierte mich auf mein Studium. Wie man sich eben so „konzentrierte“ zu Magisterzeiten.

Für die Kinder bauscht meine Frau meine Vergangenheit als Künstler bis heute allerdings gerne mal auf.

„Euer Dad war ja früher Schauspieler …“

Das kommt dann immer sehr aufregend rüber, und sie finden es auch ziemlich spannend. Allerdings erwähnen wir das Thema nur recht selten, so dass die Mädels diesen Aspekt meiner Vergangenheit (scheinbar) von einer Erwähnung bis zur nächsten wieder vergessen. So kam es dann letztens auch zu folgendem Dialog:

Meine Frau: „Euer Vater war ja früher beim Theater …“

Darauf Nummer 3: „Echt jetzt? Beim Theater?“ Ehrfürchtiges Staunen.

„Was hast Du denn da gespielt? Einen Baum?“

Irgendwie bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob sie das wirklich immer wieder vergessen. Vielleicht ist das auch nur eine raffinierte Art von Sarkasmus.

Vegane Disruption

Vor einiger Zeit (hüstel) hatten wir bei uns den traditionellen Osterbrunch. Meine Schwester, die bei einem großen Konzern arbeitet, erzählte dabei von ihrem letzten Meeting mit einer Agentur. Die Kollegen haben wohl mittags, wenn es – wie bei einem ganztägigem Meeting üblich – etwas zu essen gab, einfach ihre Tupperdosen ausgepackt. Begründung: Sie seien ja Veganer. Bis auf einen, der war noch „nur“ Vegetarier. Es war ihm aber schon recht peinlich – kein Wunder bei dem missionarischen Eifer, den seine Kollegen auch im Meeting (!) an den Tag legten.

„Vegane Ernährung ist wesentlich gesünder als vegetarische Ernährung“, meinten sie zu meiner Schwester, die seit bald 30 Jahren Vegetarierin ist. „Du musst Dir mal einen Grünkohl-Smoothie machen, das ist eine richtige Vitaminbombe ganz ohne tierische Zutaten. Wer das nicht packt, kann sich ja etwas Mango dazutun …“

Hmm. Ja. Klingt überzeugend, vielleicht versuche ich das auch mal. Mit einem leckeren Ingwerkeks dazu. Aber wenn ich das mache, tue ich es auch in eine Tupperdose und nehme es zum nächsten Meeting mit. Das macht ja sonst keinen Spaß, wenn es keiner mitbekommt.

(Mir ist schon klar, dass die das mitnehmen müssen weil es selten was Veganes zu futtern gibt in einem Meeting)

Ich beobachte den ganzen Veganismus-Trend schon seit geraumer Zeit mit dem geübten Misstrauen eines Menschen, der in seinem Leben selten zur Mode gepasst hat. (Randgruppen und so – Ihr erinnert Euch …)

Vor zehn Jahren war man als Vegetarier noch fast ein Aufreger, jetzt, wo wir das Vegetariertum aufgegeben haben, ist plötzlich Veganismus Pflicht. Kurze Erklärung dazu übrigens: Ich halte Vegetarismus bis heute für die moralisch bessere Variante gegenüber Fleischkonsum. Aber wir haben schlicht und ergreifend keine Zeit, die Ernährung für ein Drittel Dutzend Kinder so perfekt auszutarieren, dass wir eine mangelfreie fleischlose Ernährung sicherstellen können. Vegetarier sein gehört somit im Prinzip zu den zahlreichen Hobbies, die wir wegen der Kinder erstmal hintenan gestellt haben.

Zurück zum Thema: Vegan sein ist jetzt en vogue. Ich habe dazu eine Theorie, die ich vor kurzem Disruptionszyklus getauft habe. Dieser läuft ab wie folgt:

1. Eine Gruppe von Individuen innerhalb einer Gesellschaft möchte ein Verhalten an den Tag legen, das den Werten der Mehrheit widerspricht. Beispielsweise offen homosexuell sein, sich scheiden lassen oder die Kinder nicht taufen lassen. Wichtig an dieser Stelle: Es muss um moralisch relevantes Verhalten gehen, damit der Zyklus greift. Die Farbe der Krawatte zählt (meistens) nicht.

2. Die Mehrheit fühlt sich von den Abweichlern bedroht und übt sozialen Druck aus. Das kann deutlich sein oder auch subkutan – in jedem Fall wird die Gruppe gezwungen, Stellung zu beziehen. Ein Teil kippt um und passt sich an, eine Minderheit radikalisiert sich und peppt ihre Abweichung mit einer Ideologie auf.

3. Die radikale Minderheit wird (in einer nicht-fundamentalistischen Gesellschaft) zwar ein wenig ausgegrenzt, aber toleriert. Früher wurde das natürlich auch mal etwas deftiger gehandhabt. Im Laufe der Zeit wird ihre Position auch der Mehrheit vertrauter und verliert einen Teil ihrer Radikalität – sie nähert sich der Mitte an (bzw. die Mitte nähert sich ihr an).

4. Die Mehrheit ist nun mit der radikalen Position vertraut und sieht sich nicht mehr genötigt, großen sozialen Druck auszuüben. Das Neue ist jetzt nicht mehr das Neue, sondern das Bekannte – kein großer Aufreger mehr, aber auch nicht relevant für die meisten Leute.

5. Junge, andersdenkende Mitglieder der Gesellschaft wenden sich der ehemals radikalen Position zu und nehmen sie für sich ein, da man ja nicht mehr so radikal sein muss, um sie zu vertreten. Da es nicht mehr allzu viel Gegendruck gibt, kann sich die neue Position besser verbreiten und erstmals Traktion gewinnen, wie wir Dengländer sagen.

6. Die ehemalige Mehrheit sieht sich erhöhtem Druck ausgesetzt, da die Radikalen scheinbar in der Überzahl sind. Das wird heute auch unterstützt durch die Tendenz der Medien, dauernd neue Säue durchs Dorf zu treiben – die Retro-Radikalen sind vielleicht so zahlreich nicht, aber sie erhalten überproportionale Aufmerksamkeit. Das Ergebnis: Die Konservativen („stabile Inseln“) radikalisieren sich und lehnen die neue Ideologie wieder lautstärker ab. Plötzlich haben sie das Gefühl, die Radikalen zu sein.

Das ist zwar ein wenig holzschnittartig umrissen, aber gar nicht so verkehrt, oder? Ich denke für dieses Modell lassen sich schon ein paar Anwendungsbereiche finden, beispielsweise …

  • … Menschen die sich taufen lassen wollen (1. Jhd.)
  • … Eltern die ihre Kinder nicht schlagen wollten (12. Jhd.)
  • … Frauen die ihre Fußspitzen zeigen wollten (13. Jhd.)
  • … Menschen die aus Liebe heiraten wollen (19. Jhd.)
  • … Frauen die ihre Knöchel zeigen wollen (frühes 20. Jhd.)
  • … Menschen die ihre Kinder nicht mehr taufen lassen wollen (zweite Hälfte 20. Jhd.)
  • … Frauen die Auto fahren wollen (zweite Hälfte 20. Jhd.)
  • … Männer die keine Soldaten mehr sein wollten (zweite Hälfte 20. Jhd.)
  • … Beatmusik
  • … Rockmusik
  • … Sado-Masochismus

Ich glaube das Modell passt doch noch besser als zuerst gedacht. Was fällt auf? Früher waren es vor allem Religion und Moral, über die so gestritten wurde, heute ist es Lifestyle (Musik, Sex, Essen). Dabei heißt es doch eigentlich Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral … 😉

Allein über Nacht – Teil 2

Die Früh-Reha
Nachdem mein Mann zwei Tage ohne Probleme atmete und man sich auf der Intensivstation nur kurz darüber wunderte, wieso dies vorher nicht möglich war, wurde er endlich verlegt.
Früh-Reha. Das klang verheißungsvoll.
Rehabilitation – der Freifahrschein zurück in das normale Leben! Da war man quasi schon so gut wie kurz vor dem Marathon, man würde bald fit wie ein Turnschuh sein dank all der Physiotherapie und den anderen unterstützenden, herausfordernden Maßnahmen. Man wäre den ganzen Tag mit Fernsehen, Musik hören, Therapien und irgendwann mit Essen beschäftigt. Man wäre bald wieder ein sprechender, gehender – ach was – joggender Teil der Gesellschaft!
Man wäre…
…allein unter überwiegend für die Therapien zu demotivierten und/oder stummen Mit-Patienten. Man würde lernen, wie unglaublich weit und steinig ein Weg zurück sein kann.

Der erste Zimmergenosse meines Mannes war Herr Müller oder Herr Meier oder Herr Schmidt – nehmen wir doch letzteren Namen.
Herr Schmidt lag im Bett, weil er einen Schlaganfall erlitten hatte. Wenn man ihn zur Therapie holen wollte, lehnte er stets mit wütendem Knurren ab. Er wollte lieber schlafen.
Mein Mann wollte unbedingt mit Therapien starten, sollte aber lieber schlafen. Und ärgerte sich. Herr Schmidt trug zu Übellaunigkeit meines Mannes sehr motiviert bei, da er ein richtig ambitionierter Hobbyschnarcher war. Vielleicht auch schon ein Berufsschnarcher. Nach Umschulung. Wie auch immer. Wenn mein Mann endlich mal einschlief, dann sägte Herr Schmidt ihn wach. Also ersann mein Mann sich eine Taktik. An seinem Finger steckte ein Pulsüberwachungssensor, der über einen angeschlossenen Monitor ein übelst lautes Warnsignal starten konnte. Also startete mein Mann das Warnsignal indem er sich dieses Teil vom Finger streifte. So viel Bewegungsfreiheit hatte er bereits zurückerlangt. Es dauerte, bis er das Ding herunter hatte, aber dann gab es den Alarm und die Schwester kam. Durch den enervierenden Ton war dann auch Herr Schmidt aus dem Schnarch-Schlaf erwacht und hörte mit dem Sägen auf bis er wieder im Tiefschlaf war. Dann startete er wieder und mein Mann machte sich zum Pulsüberwachungssensor-Gegenschlag bereit.

Immerhin konnte er inzwischen so viele Finger bewegen, dass er den iPod benutzen konnte. So härte er sich „Das Lied von Eis und Feuer an“ und noch vieles Andere. Er war wirklich glücklich darüber. Ich will mir gar nicht vorstellen wie es ist, wenn man nur liegen kann. Blind und stumm und unbeweglich. Da ist ein iPod wirklich etwas ganz Besonderes.

Mein Mann träumte sehr viel und sehr schräg während der Krankheit. Die erwähnten medizinischen Experimente waren ein Teil davon. Aber ein Traum, in dem ich bei strahlendem Sonnenschein ausgelassen ins Meer lief und er mir folgen wollte, während ihn jedoch ein medizinischer Schlauch irgendwo an seinem Körper davon abhielt.
Und dann noch der Traum, der bis heute immer mal wieder erwähnt wird, weil er so viel ausdrückt und weil er einfach weh tut, wenn man ihn hört.
Er träumte er sei gesund und zuhause. Er war nicht genesen sondern eben einfach gesund, nicht krank gewesen. In diesem Traum kuschelte er mit unserer mittleren Tochter auf dem Sofa.
Und wachte in seinem gelähmten Körper auf, um ganz allein zu sein.

Die Kinder zu Besuch
Die Kinder durften zu Besuch kommen, sagte die eine Schwester. (Später, bei einem weiteren Besuch, wurden sie der Station verwiesen, weil Kinder dort verboten waren. Wie auch immer – es herrschte eine Sicherheit spendende Einigkeit innerhalb des Personals).

Sie freuten sich, mein Mann freute sich und ich natürlich auch.
Sie waren aufgeregt und wollten die Station stürmen. Ich hatte ihnen natürlich immer wieder gesagt, dass der „Dada“ nicht gucken und sprechen und schon gar nicht laufen konnte. Ich hatte ihnen gesagt, er sähe ein bisschen anders aus. Im Liegen fielen die Gesichtslähmungen, die das zusätzlich zum GBS aufgetretene Miller-Fisher-Syndrom verursacht hatte, zum Glück kaum auf. Es war ein bisschen wie nach einer umfangreichen Botox-Behandlung – einer unserer Scherze…
Ich mahnte die Kinder jedenfalls zur Ruhe soweit möglich. Sie entdeckten ihn und rannten zu ihm an das Bett.
Bis dahin war der Besuch schön.

Danach war er einfach nur noch total stressig und furchtbar für alle Beteiligten. Die Mittlere legte vorsichtig ihre Hand auf den Arm ihres trotz allem schlecht wiederzuerkennenden Papas und dieser hatte sofort Schmerzen. Er war so druckempfindlich, dass sich die Kinderhand wie eine heftig aufgeblasene Blutdruckmanschette angefühlt habe, sagte er später.
Wie auch immer. Die Kinder waren in der Krankenhausumgebung nicht glücklich. Wer ist das schon? Sie wuselten herum. Ich mahnte sie pausenlos zur Ruhe, dirigierte sie zu den Malstiften und trug die Jüngste herum. Dann begannen sie, sich heillos auf dem Boden herumzuwälzen. Eigentlich war das nicht ihre Art aber es war ja auch eine Ausnahmesituation.
Einige Wochen darauf wusste ich dann, dass sie im Krankenhaus immer die Neigung hatten, sich auf solche für sie untypische Arten zu verhalten…
Leider war es also überhaupt nicht schön, so wie man es sich immer ausgemalt hatte, um sich innerlich aufrecht zu halten, wenn es mal wieder besonders schwierig war.
Ich wunderte mich, dass sie so schnell das Interesse an ihrem Lieblingspatienten verloren. Nachher verstand ich die Situation schon. Während dessen gingen sie meinem Mann gehörig auf den Zeiger, so dass er immer wütender gestikulierte, weil er einfach zu krank für so ein Gewusel und Geplapper war. Schließlich schnappte ich sie und ging.

Neues Zimmer
Mein Mann wurde in ein anderes Zimmer verlegt und ich hatte diese Szene, die in schlechten Filmen für Dramatik sorgt: Das Bett war leer als ich ankam. Straff gezogene Laken, zugezogene Gardinen. Mann verschwunden. Ich machte mich auf die Suche und eine Schwester teilte mir dann mit, dass er nun zwei Zimmer weiter läge. Danke für die Info.
Mein Lieblingspatient lag wieder in einem Zweibettzimmer. Neben ihm ein junger Mann, der im Koma zu liegen schien. Sein ebenmäßiges, auffallend attraktives Gesicht lächelte engelsgleich zu welchen Träumen auch immer. An seine Bett saß an manchen Nachmittagen seine Freundin sowie auch seine Familie. Seine Freundin spielte vom Notebook Musik für ihn ab und sprach leise mit ihm. Die Familie wies irgendwann darauf hin, wie gut es meinem Mann bereits gehe und dass er selbst sicherlich auch irgendwann so toll durch Augenzwinkern buchstabieren können würde.
Ich wünschte es ihm ganz fest. Er lächelte ohne Unterbrechung und sah wirklich sehr zufrieden aus.

Mein Mann sah weniger zufrieden aus. Man hatte ihn am Morgen in das Bad geschoben und er hatte sich im Spiegel gesehen. Er musste wohl den „Cast-Away-ich-habe-Feuer-gemacht-Look“ erst einmal verarbeiten. Das volle Haar bildete einen wüsten Rahmen für ein ziemlich gelähmtes Gesicht. Und nicht zu vergessen: Der schief rasierte Bart. Ja, er sah wirklich schon viel, viel besser aus. Geduld war auch hier das Zauberwort wie an allen anderen Baustellen dieser Lebensphase.

Von der Schüchternheit zum Mut
Mein Mann wurde häufig durch den Tubus in seinem Hals abgesaugt. Und musste ewig darauf warten, dass eine Schwester kam, die dies erledigte. Währenddessen stieg der Schleim in der Lunge dann auf Unterseite Oberkante. Oder heißt das Oberseite Unterkante? Ich kann mir das einfach nicht merken…

Er bat um mehr zu trinken und man sagte ihm, das sei nicht möglich, weil ihm nach der Gabe zwei Litern Wasser durch die Magensonde quasi ab dem begonnenen dritten Liter das Wasser in die Lunge laufen würde. So sagte man es ihm wirklich. Und er? Konnte auf diese Frechheit nicht antworten.
Aber ich. Ich lief zur Höchstform auf. Eigentlich hatte ich immer einen gute Portion sozialphobischer Anwandlungen. Bis zu dieser Krankheit. Ich legte mich mit jedem an, wenn es nötig war. Von der Krankenschwester über den Physiotherapeuten bis zum Chefarzt. Ich habe vermutlich furchtbar genervt. Aber es hat sich immer wieder gelohnt.
Wie bei der Beatmungsmaschine, da war ich aber noch sehr nett gewesen.
Nach dem Unsinn mit dem Wasser in der Lunge habe ich dies sofort im Scherzton den Physiotherapeuten erzählt. Die in das Lachen einstimmten:“Ja genau, daher ertrinken auch so viele Leistungssportler, die fünf Liter am Tag trinken. Wenn 2 Liter im Magen sind, öffnet sich der unsichtbare Magen-Lungen-Kanal. Und schwupps ist man ertrunken. Noch während man auf dem Sofa sitzt.“
Die fanden das superlustig. Mein Mann fand es ein bisschen respektlos, so angelogen worden zu sein.
Es gab viele solche ärgerliche Kleinigkeiten. Zum Beispiel nicht dicht geschlossene Cuffs (kleiner Ballon im Hals, der während der Intubierung den eventuell laufenden Speichel zurückhält), wegen denen Lungenentzündungen entstehen. Die wiederum dazu führen, dass dieser blöde Tubus noch ein bisschen länger im Hals bleiben muss. Und die Sprachtherapie warten muss. Und die Logopädin befürchtete, sie habe das irgendwie verschuldet, weil sie zu früh irgendwelche Übungen mit ihm gemacht habe, die sie dann wieder unterlassen wollte. Also sprach ich auch mit ihr und überzeugte sie vom Gegenteil. Woraufhin sie sich im Teamgespräch beim Arzt über die entsprechende Nachtschwester beschwerte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, jeden gegen jeden auszuspielen. Der gute alte Niccolò war ganz bestimmt sehr stolz auf seine strebsame Schülerin. Ganz bestimmt.
Zu dieser Zeit nahm ich zu Hause den Kater einer unserer lieben Freundinnen auf. Dies war als Quarantäne gedacht, da im Wohnort unserer Freundin ein Virus umging, das diese ihrer Samtpfoten bisher verschont hatte. Da der Kater den etwas femininen Namen „Missy“ trug und ich die Erlaubnis unserer Freundin für eine Umbenennung hatte, taufte ich ihn in Ehren an meinen neuen Lehrmeister Macchiavelli.

Fortschritt Rollstuhl
Der erste Rollstuhl war ein gepolstertes Modell mit Kopfstütze. In diesem saß mein Mann halb liegend und konnte sich zum ersten Mal wieder umsehen.
Und genau das konnte er wieder: Gucken- seine Augen waren wieder offen.
Ein guter Tag war das und ich war total glücklich. Ebenso wie es mich beglückt hatte, ihm endlich wieder eigene T-Shirts bringen zu können.
„Bringen sie aber keine guten Shirts, die müssen eh dauernd gewaschen werden – da landet immer der Schleim vom Absaugen drauf,“ sagte die Schwester.
War mir egal. Ich brachte ihm schöne Shirts mit Druck und in kräftigen Farben. Für irgendwas hat man ja seine Waschmaschine.
Schleim vom Absaugen. Worüber man sich plötzlich Gedanken machen musste. Nach der Krankheit sagte mal jemand zu mir:“Es ist schon ungewöhnlich, so eine Lebenssituation wie die ihre. Da lernt man seinen Partner von physischen Seiten kennen, die einem eigentlich erst im Rentenalter begegnen. Pflege bringt Aspekte mit sich, die eine Beziehung nachhaltig verändern.“
Da war was dran.
Viele Bilder muss man äußerst aktiv wieder vergessen.
Nun aber war er im Rollstuhl und ich war froh, ihn mal wieder irgendwohin mitnehmen zu können.
Man muss immer nur kleine Schritte machen in so einer Lebenssituation und sich über genau diese freuen. Es heißt einfach nicht mehr „think big“ sondern eben „think small“ oder auch „tiny“…

Ich habe mir seit meiner Kindheit eine Filmszene eingeprägt, die mir immer wieder geholfen hat, wenn ich mal wieder ungeduldig war:
Sie stammt aus dem Film Momo und zeigt den Straßenkehrer wie er Momo erklärt, dass man morgens niemals die ganze zu fegende Straße betrachten und verzweifeln sollte. Sondern immer nur einen Abschnitt. Diesen fegt man dann in Ruhe. Dann den nächsten Abschnitt und am Abend ist die Straße fertig und der Tag voller kleiner Erfolgserlebnisse.
Er sagte dabei so eine Art Straßenfeger-Mantra:“Ein Atemzug – ein Schritt – ein Besenstrich“ Das habe ich nie wieder vergessen können und manchmal sage ich mir das heute noch vor in nervigen oder überfordernden Situationen.
Das Schöne daran, wenn man zu kleinen Schritten und Straßenfeger-Mantren gezwungen ist, ist die Lehre, die man daraus ziehen kann: Erfreue dich an den kleinen Dingen und nimm ausschließlich, was das Leben dir gibt.

Sprechen für Anfänger
Die Sache mit dem Tubus war klar: Wir hassten das Teil und es musste weg. Wie erwähnt standen aber immer wieder kleine und größere Hürden im Weg. Doch es wurde auf Station von einem Sprechaufsatz erzählt. Ein mysteriöses Ding unter dem wir uns nichts vorstellen konnten. Würde er wie Darth Vader klingen mit dem Teil? Wäre das dann ziemlich cool oder eher furchtbar?
Letztlich war dieser Aufsatz einfach eine Art durchlässiger Stöpsel, der dahin auf den Tubus kam, wo vorher der Beatmungsschlauch angedockt gewesen war. Dadurch atmete man dann und sprach.

Doch bis wir ihn zu sehen bekamen buchstabierten wir. Und diese Ära endete dann mit einem kleinen Gerät mit Tastatur und Display. Witzig war, das die Hülle mit den Blättern auf die ich immer die einzelnen Buchstaben notierte an einem Tag noch exakt neun Blätter enthielt. Und ich dachte: „Wenn diese Hülle leer ist, dann brauchen wir die Blätter nicht mehr.“
Und es kam tatsächlich so!

Dann wurde getippt.
Mein Mann hätte gern so einen Apparat wie Mister Hawking gehabt, aber der war vielleicht etwas zu teuer für eine Kassenleistung. Also tippte er.
Er tippte als erstes – ganz feierlich – ein Zitat aus „Der Herr der Ringe“ und ich kapierte den Witz dahinter nicht: „Wir haben vergessen wie Brot schmeckt“ leuchtete es grün vom Display und ich guckte wohl doof.
Mein Mann gestikulierte und zeigte. Ich kapierte nichts. Dabei hatte er mir nur sagen wollen, dass auch er vergessen hatte wie etwas schmeckt. Erfuhr ich aber erst ein Jahr später als ihm die Situation wieder einfiel und es war mir etwas peinlich. Vielleicht sind Aufmerksamkeit und Empathie in einer Art Fass gelagert und wenn man viel daraus verbraucht, dann ist das gute Zeug irgendwann weg…
Nach dem Tippen kam also irgendwann dieses ominöse Star-Wars-Sprach-Accessoire zum Einsatz. Ebenfalls war uns feierlich zumute als die Schwester das Ding aus der sterilen Verpackung holte.
Wir hörten zum ersten Mal wieder seine Stimme.
Klang schräg, diese Stimme direkt aus dem Hals und auch gar nicht wie Darth Vader – aber wir waren restlos glücklich.

Und wieder nicht so schön
Nicht ganz so schön war, wie viel Geduld man brauchte. Unglaublich viel. Und dieses Vorratsfass mit der Aufschrift „Geduld“ ist bei mir ohnehin fast nie randvoll…
Mein Mann steckte sich zwei Ziele:
Er wollte den Gang entlang laufen und er wollte Weihnachten zu Hause sein.
Beim ersten entmutigten ihn die Physiotherapeuten und beim zweiten die Psychologin. Die nette Dame schaffte es, dass mein Mann sich zugleich wie ein Gemüse und ein Querschnittsgelähmter fühlte. Sie fragte ihn ob er wisse, wo er sei und wie er hieße. Und spielte ein tolles Spiel mit ihm, bei dem er kleinen geometrischen Formen bestimmte Farben zuordnen musste.
„Das ist jetzt vielleicht ein bisschen einfach für sie,“ hatte sie diese Beschäftigung eingeläutet und dann wollte sie ihn wohl motivieren als sie sagte: „Sie wollen Weihnachten zu Hause sein, Herr Eldorado? Peilen sie mal lieber Ostern an.“
Sie hatte wirklich ein Talent darin, ihn sich wie Pinky und nicht wie Brain fühlen zu lassen.
Er tippte mir das Erlebnis als grüne Botschaft und ich flitzte zum freundlichen Personal. Dort sagte ich meinen inzwischen auswendig aufgesagten Text herunter:
„Es mag vielleicht schwer zu erkennen sein, aber mein Mann ist eigentlich ein großer, muskulöser und sportlicher Mann. Er hat einen beachtlichen IQ, ist ein großartiger Vater dreier Kinder und zudem beruflich sehr erfolgreich. Er ist sehr, sehr willensstark und alles in allem eine außergewöhnliche Persönlichkeit wie ich finde. Nun ist er gelähmt. Nicht mehr und nicht weniger. Er ist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.“

Zack! Damit hatten sie nicht gerechnet. Es änderte jedes Mal den Umgang mit ihm, wenn ich meinen Text aufsagte.
Der Willensstarke wollte mir nach einem Therapieerfolg unbedingt vorführen, wie toll er Stehen konnte. Diese Vorführung wurde wie ein Event geplant. Ich kam früher zur Besuchszeit, die Schwiegereltern passten auf die Kinder auf und ich wurde extra bei den Therapeuten angemeldet. Ich schob meinen Mann in den Therapie-Turn-Raum und die beiden Damen hievten ihn auf die Füße. Er stützte sich auf, stand zwischen einem Geh-Barren.
Zu diesem Zeitpunkt war er dazu verdonnert worden, Uhrglasverbände zu tragen. Kleine Plastikscheiben, die auf die Augen geklebt werden, wenn die Lider nicht richtig schließen. Damit die Augen nicht austrocknet und dauerhaften Schaden nehmen. Diese Gläser beschlagen immer, so dass er wieder nichts sah. Und wieder fand ich das gut-schlecht. Denn ich habe gar nicht stolz gestrahlt sondern mal wieder stumm geflennt.
Er zitterte und schwitzte Sturzbäche, bloß weil er stand. Ich ertappte mich kurz bei dem Gedanken, dass Weihnachten vielleicht ein wirklich hoch gegriffenes Ziel für eine Entlassung war.
Wie auch immer zerschlug ich den Gedanken und lobte meinen Mann lautstark.

Begegnungen
In der Zeit vor Weihnachten war die Heizung im Krankenhaus hoch eingestellt und die Zimmer sehr warm. Wir lagen im Bett und hörten Musik. Mein Mann bat mich irgendwann, das Fenster im Zimmer zu öffnen. Das Fenster war aber an der Seite des Bettnachbarn. Ich bin also zu ihm und fragte den – immer noch selig lächelnden – ob es ihm etwas ausmache, wenn ich das Fenster öffnen würde. Mir war klar, dass er nicht antworten konnte, aber fragen wollte ich dennoch.
Ich wusste inzwischen seinen Vornamen, hatte mit seiner Verlobten das ein oder andere Wort gewechselt und erfahren, dass er nach einem Motorradunfall so da lag. Und ebenso, dass er selber Arzt war.
Jedenfalls sah ich ihn an, während ich um sein Bett herum zum Fenster ging. Vermutlich klingt es geschmacklos, aber später hatte ich (vermutlich um den nun folgenden Schreck zu überspielen) einen Spitznamen von ihm aus der Welt der DC Comics: Harvey Two Face.
Die rechte Seite des Gesichts sah aus als habe ihm ein Riese einen Fausthieb verpasst. Es war so schlimm. Auch ihm fehlte ein Stück Schädel und auch bei ihm hing die Haut nach innen durch wo vermutlich vorher ein Teil seines Hirns gewesen war. Ich atmete tief durch und sagte zu meinem Mann, dass ich nun nicht mehr glauben würde, dass sein Mitpatient irgendwann wieder fit werden würde.
Rund zwei Wochen später traf ich auf dem Flur vor dem Zimmer die Verlobte und sie sah sehr unglücklich aus.
„Wie geht es ihrem Verlobten?“
Sie schüttelte den Kopf:

„Nicht gut. Leider gar nicht gut.“
„Das tut mir sehr leid.“
Wir sahen uns in die Augen. Ich sah ihre Tränen. Dann sagte sie:
„Wissen sie, was ich denke? Ich denke, es ist besser so, als wenn ihr Mann nicht mehr gesund würde. Sie haben drei Kinder, wir gar keine.“
Dann sah sie mir wieder in die Augen und nun weinten wir beide.
Wir haben uns noch gedrückt und dann ging sie.

Die Weihnachtsfeier stand an. Es hingen bereits Ankündigungszettel mit lustigen Weihnachtsmännern auf der Station. Die Kinder freuten sich, da sie nun offiziell dabei sein durften und auch weil die Schwestern etwas von Spekulatius und Schokolade andeuteten.

Meinem Mann machte die Aussicht auf das nahende Fest etwas Erfolgsdruck.
Doch er machte sich gut.
Die Therapeuten setzten ihm das Wochenziel von zwei Schritten und er machte Dreißig. Bald „spazierte“ er zum Ende des Ganges. Danach plumpste er aber in den Rollstuhl, so anstrengend war das. Inzwischen sprach man bereits von der Verlegung in die Reha.
Ich erfuhr, dass ich mir nicht aussuchen konnte, wohin er dann verlegt werden würde: „Irgendwas im Umkreis“ hieß es.
Doch die Aussicht auf einen weiteren Schritt nach vorne war klasse.
Die Weihnachtsfeier war nett. Man holte sogar die Komapatienten und ebenfalls bettlägerigen Schlaganfallpatienten hinzu. Mein Mann kommentierte die Feier mit: „Ja, da ist man Teil von etwas, von dem man nie Teil werden wollte.“
Die Kinder heimsten gefüllte Nikolausstrümpfe, Tonnen von Keksen und heißen Kakao ein.

Schritte vorwärts – Rennen wie Sisyphos
Als die Adventszeit da war konnte mein Mann mit Hilfe sitzen, mit Hilfe Stehen, ein bisschen Laufen, Sehen, Sprechen und – essen!
Der Tubus wurde entfernt, die Wunde geschlossen und er bekam einen großen Pudding. Und mein Mann fand das so eine Geschmacksexplosion, dass er sich fast schüttelte. Aber auch das war ein Highlight. Die Zeit der Höhen und Tiefen war nicht vorbei, aber sie hatte sich auf ein höheres Niveau begeben, so viel stand fest. Noch heute gucken wir diese Sorte Pudding in der Kühltheke immer schmunzelnd an. Unten Vanillepudding und obendrauf Schokosahne. Gefühlte 500 Gramm von beidem. Manchmal schlage ich vor, den Pudding zu kaufen und zusammen zu essen. Aber er lehnt das seit fast fünf Jahren jedes Mal ab.
Endlich wieder angenehme körperliche Gefühle. Er sagte mal, dass es Zeiten gab, in denen der Würgereiz beim Absaugen das einzige angenehme körperliche Empfinden in dieser Zeit gewesen sei. Da ist ein Pudding auf der Zunge ein blendend heller Paradies-Tag.
Ich konnte gar nicht glauben, dass ich bereits mit den Ärzten und Therapeuten darüber sprechen konnte, ihn an Heiligabend nach Hause zu holen. Nur für ein paar Stunden. Es klang himmlisch!

Und bald würde er in die Reha verlegt werden, wenn alles gut ging. Von dort aus dürfte er dann für einzelne Abende nach Hause.
Wenn alles gut ging
Ging es natürlich nicht: Mal wieder eine Lungenentzündung.
Die Aussicht, Weihnachten zu Hause verbringen zu können, wurde also noch ein weiteres Mal in Frage gestellt.

Weiter geht es in Teil 3.