Das Kleinkind-Stress-Syndrom

Ich bin ja gerade dabei, endlich mal darauf zu achten, was ich eigentlich empfinde und brauche. Klingt schräg – denn ich bin ja schließlich schon etwas länger kein Kind mehr. Aber als ich eines war, wurde meine Gefühle so von außen diktiert und kommentiert, dass ich ihnen irgendwann gar nicht mehr traute. Zugleich drehte sich wenig darum, was ich brauchte oder empfand. Nun muss ich Teile des emotionalen Lernprozesses nachholen. Ich muss nicht – ich will.

Über zwölf Jahre mit Kindern halfen natürlich nicht gerade dabei, zu lernen, wie ich auf meine Bedürfnisse und Gefühle achten kann … ich erkläre mal kurz, wie es zum Status Quo kam und schlage dann den Bogen um Kleinkind-Stress-Syndrom.

Kurze Beispiele zur Erklärung

Kleines Beispiel: War ich zum Beispiel krank, dann bekam ich latente Vorwürfe. Irgendwie galt es als schwach und zugleich auch für Muttern anstrengend, krank zu sein. Sie musste sich Sorgen machen und zugleich noch Tee kochen. Das überforderte sie aus irgendwelchen Gründen. Ich fühlte mich immer ein bisschen als Verräterin am System, wenn ich hustete. Heute schäme ich mich immer noch, wenn ich krank bin. Örnks.

Einmal, da war ich schon 14, war meine Mutter unglaublich fürsorglich als ich heftig erkältet war. Sie kaufte sogar Kekse und sah immer mal wieder nach mir. Ich weiß noch, was ich da empfand: Verwunderung und Misstrauen

Großes Beispiel: Ich wohnte an einem Unfallhäufungspunkt (ja, nun kommt eine leider wirklich dramatische Geschichte):

Gerne wäre ich da als Kind weggezogen, denn an der Bundesstraße zu wohnen bedeutete mehr als nur immer mal wieder Unfälle mitzubekommen: In unserem beschaulichen Dorf war es die einzige große (und oft zu schnell) befahrene Straße und Mütter hatten Angst, ihre Kinder zu uns zu lassen. Manchmal brachten sie meine Freunde dann direkt zur Haustür oder sie hatten dazu keine Lust und niemand kam. Das war doof.

Doofer noch, dass ich natürlich Unfälle sah.

Ich sah mal ein junges Mädchen mit dem Mofa von unserem Mietshaus losfahren und wie es dann seitlich gegen ein Auto fuhr. Es landete erst auf der Motorhaube und flog dann nach links Richtung Gehweg.

Das Mädchen starb.

Ein Quietsch, ein Rumms, ein unguter Knall. Da lag sie in einer Blutlache auf dem Gehweg, der Fahrer schrie und sah sich verzweifelt nach Hilfe um (Danke, eidetisches Gedächtnis. Danke an dieser Stelle, dass ich jeden Mist meines Lebens wie einen Film abrufen kann … )

Der Vater des Mädchens kam natürlich auch noch zufällig vorbeispaziert und kniete dann verzweifelt neben der Tochter. Er rief ihren Namen und eine Menge herzzerreißende Dinge, die ich hier aus Rücksicht nicht auch noch mitteilen will.

Ich stand also mit offenem Mund am Fenster. Meine Mutter kam dazu und fragte mich, wie das passiert sei. Ich erklärte, das Mädchen habe jemandem gewunken, der wohl in der Wohnung über uns wohnte und sei dann losgefahren, ohne noch einmal nach vorne auf die Straße zu gucken. Ich sagte, sie habe vielleicht versehentlich auf das Gas getreten und deshalb einfach losgefahren. Meine Mutter fuhr mich an:

„Bei einem Mofa gibt es kein Gaspedal! Da gibt man mit dem Griff Gas!“

Und damit ließ sie mich stehen. Mehr wurde darüber nicht gesprochen.

Ich schämte mich. Weil ich geguckt hatte. Ich hatte schon vor dem Unfall aus dem Fenster gesehen, nicht erst wegen des Knalls. Aber so sah ich das nicht. Ich schämte mich auch, weil ich so dumm gewesen war, nicht zu verstehen, wie man bei einem Mofa Gas gibt. Okay, ich war Grundschülerin, da weiß man das vielleicht nicht. Aber ich war in meinem Urteil über mich nie besonders gnädig. Hatte ich so nicht gelernt.

Ich bin später auf den Friedhof geschlichen, um das Grab zu suchen. Ich brauchte das für mich. Das fand meine Mutter damals ganz einfach krank. Ja, ja, sie war überfordert von der Situation. Ich weiß das alles. Aber wenn die Erwachsenen nun mal dauernd überfordert sind, dann bleibt alles an den Kindern hängen … das war doof.

Ich erinnere mich gerade, dass mein Bruder an der Unfallstelle vorbei latschte und seine gelben Gummistiefel blutverschmiert vor der Haustür abstellte, woraufhin meine Mutter einen halben Nervenszusammenbruch bekam, während er sie schulterzuckend ansah. Er hatte da irgendwie keinen Ausdruck im Moment, war vielleicht überfordert. Er ist Autist. Meine Mutter wusste das damals noch nicht. Daher war sie zusätzlich entgeistert über ihren vermeintlich gefühlskalten Sohn und drehte ziemlich durch.

Ich spüre immer noch eine kleine Druckwelle kurz bevor ein Unfall passiert. Bevor man den Knall hört. Zum Glück habe ich das seit vielen Jahren nicht erlebt. Die Jahre an der B56 haben mich geprägt ^^

Gesund geht anders

Natürlich wäre so eine Situation heutzutage bei mir (und den meisten anderen Müttern) hier so:

Kind sieht Unfall, ich kümmere mich um Kind. Rede mit ihm, fühle mit ihm. Überlege, ob es irgendeine professionelle Unterstützung braucht. Höre mich um, lese nach, bespreche mit anderen Menschen deren Gedanken zum Thema. Damit mein Kind diese traumatische Erfahrung gut verarbeiten kann. Okay, ich würde nicht mit Kindern an einem Unfallhäufungspunkt wohnen. Aber das ist ja nur Kosmetik.

Ich weiß natürlich, dass meine Mutter sich eigentlich selbst geschämt hat, weil sie eben mit ihren Kindern (aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen) dort wohnte und weil ich eben nun etwas Schlimmes gesehen hatte. Nur die Reaktion war halt für mich als Kind recht ungünstig. Ich wusste ja nicht, warum sie so reagierte.

Es gab viele solche Erlebnisse, in denen ich mir meiner eigenen Gefühle nicht sicher war oder in denen ich lernte, dass meine Gefühl anscheinend falsch oder unangebracht waren.

Ebenso im ganz normalen Alltag: Ich stellte meine Bedürfnisse zurück. Klar, als ich klein war hab ich auf Autofahrten genervt und mich vor lauter Langeweile mit meinem Bruder gestritten. Große Brüder können recht penetrant sein. Und kleine Schwestern eben auch. Ich habe sicher gesagt, dass ich Durst habe, wenn ich welchen hatte. Und dann bekam ich etwas zu trinken, klar. So weit waren die Bedürfnisse erfüllt. Ich hungerte nicht und war stets sauber in heilen Klamotten.

Heute begreife ich erst, was das mit mir gemacht hat. Ich muss das alles nachholen und reifen lassen. Ich fühle mich ein bisschen „gefühlsbehindert“, so nenne ich das. Nur, dass man meine Behinderung eben nicht sieht und ich sie sehr gut verstecken kann.

In den letzten Monaten sehe ich mir diese ganze Gefühls- und Bedürfniskiste genauer an. Weil es längst überfällig ist und weil ich inzwischen schon mit körperlichen Beschwerden reagiere, wenn ich gewohnheitsmäßig übersehe, was ich fühle oder brauche. Es sind so die Klassiker der Psychosomatik wie Rückenschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Erschöpfungsgefühle, Müdigkeit etc.

Zum Kleinkind-Stress-Syndrom

Das Wort stammt von meiner Freundin Cathérine und ich finde es sehr passend.

Es geht darum, dass ich in den letzten Gefühlsfindungs-Wochen bemerkte, dass ich nie richtig „runterkomme“. Ja, ich lernte inzwischen, dass es typisch für einstige Trauma-Patienten ist, immer auf der Hut zu sein. Dauerangespannt sozusagen. Doch es gibt auch darin Stufen. Jedenfalls bemerkte ich, dass ich mich ständig unter Strom fühlte. Mal mehr und mal weniger. Aber wenn es mal um mich still ist, dann mindestens spüre ich das sehr genau.

Eher im Nebensatz erwähnte ich das dann gegenüber der Mutter von Nummer 3s Freundin in so einem „Hausflur-Gespräch“ beim Kind-Hinbringen. Und ich war unsicher dabei, tastete mich im Gespräch vor, weil ich nicht wusste, ob das vielleicht sehr schräg war. Und was sagt die andere Mutter zu mir?

„Ja, das kenne ich! Und ich dachte, das geht nur mir so. Ich hab das immer, wenn ich ein Kleinkind oder Kindergartenkind habe. In den Phasen ist das so krass. Ich komme im Moment immer noch nicht abends runter, obwohl die Jüngste der Dreien schon bald in die Schule kommt.“

Oh-ha.

Daraufhin erwähnte ich das Cathérine gegenüber im Smartphone-Chat. Sie:

„Das kenne ich! Ich hab das auch, dieses Kleinkind-Stress-Syndrom!“

Ich glaube, sie schrieb, diese „Kleinkind-Stress-Symptome“, aber als Syndrom klingt es fast noch etwas griffiger, finde ich.

Diese Situation bestätigte mir, was ich seit einer Weile ahne: Vieles von dem, was ich empfinde ist vielleicht normal und ich halte es für schräg, weil ich es eben bin, die es empfindet. Nach außen bin ich ziemlich hochfunktional, wie das bei „Beeinträchtigten Menschen“ genannt wird. Ich kriege alles gebacken, das im Alltag wichtig ist. Leider auch mit einer Portion Perfektionismus, der niemals gesund ist. Es kostet sehr viel Energie. Und das ist sehr aufoktroyiert. Daher möchte ich jetzt lieber ganz ich selbst sein und meinen Gefühlen folgen.

Haha, das klingt ziemlich disney-mäßig, ne?

Kleinkind-Stress-Symptome

Ich bin angespannt, kann nicht wirklich mal loslassen, schlafe schlecht (auch wenn Nummer 4 inzwischen überwiegend gut schläft) und fühle mich nie erholt. Ich eiere morgens aus den Federn und kippe da abends wie ein Stein wieder rein. Ich war echt schon entspannter im Leben, wirklich. Ich fühle mich dauernd latent gehetzt, alles ist schließlich von außen getaktet. Ich habe mich von den zermürbend anstrengenden ersten Monaten mit diesem High-Need-Boy („Leg mich niemals ab! Nein, auch nicht wenn du pieselst! Stille mich jede Stunde! Trage mich stundenlang im Tuch! Nachts musst du nicht schlafen! Gib mir! Gib mir! Ich langweile mich! Ich bin unzufrieden! Ich schlafe niemals im Liegen ein! Gib mir mehr von dir! Mehr! Meeeeehr!“) nicht erholt und immer noch muss ich dauerpowern. Und hab das schon drei Mal hinter mir. Daher vermutlich diese Daueranspannung. Aber ich bin damit anscheinend nicht alleine.

Hat hier vielleicht noch jemand das Kleinkind-Stress-Syndrom?

Fände es ganz spannend zu lesen, ob es anderen Müttern genau so oder ähnlich oder eben ganz und gar nicht so ergeht. Bei letzteren werde ich dann versuchen, mir etwas abzugucken 😀 …

Oje, bald ist wieder Muttertag

Über den Tag meiner Geburt zu schreiben brachte mich, ähnlich wie mein ernster Beitrag über meine Kindheit, emotional wieder näher an mein Elternhaus, an meine Mutter.

Ich habe sie vor einigen Jahren zum letzten Mal gesprochen.

Oje, bald ist wieder Muttertag

Ich freue mich natürlich auf den Sonntag mit meinen Kindern und mit Mr. Essential, na klar.

Muttertag bedeutet immer auch, dass ich an meine eigene Mutter denke.

Oft frage ich mich, ob sie eigentlich dann auch an mich denkt – an mich und ihre Enkelkinder, von denen sie eines gar nicht kennt. Vielleicht nicht einmal weiß, dass es ihn gibt.

Ich glaube, sie hat viele Mechanismen, mich und alles Geschehene zu verdrängen, um sich selbst irgendwie zu schützen. Daher wird sie vermutlich nicht an mich denken oder wegen unseres Bruchs trauern. Ihre Fähigkeit zu lieben ist so stark eingeschränkt, dass ich es mir nicht anders vorstellen kann. Natürlich wünsche ich mir, es wäre anders und sie hätte wenigstens versucht, etwas zwischen uns zu klären. Aber dem war nicht so. Ich glaube, sie fürchtet eine Begegnung mit mir und dem, womit ich sie konfrontieren könnte. Nämlich mit sich selbst.

Ich aber trauere. Und ich musste mich dazu durchringen. Ich hatte das Gefühl, nicht trauern zu wollen. Ich wollte nicht, dass sie noch mehr Einfluss auf meine Gefühle hat, als es eh schon immer der Fall war.

Ich erinnere mich daran, wie sie früher meine Handgriffe, meine Blicke, meine Verhaltensweisen, ja, sogar meine Art zu atmen und zu gehen kommentierte. Immer mit einem verkniffenen, unehrlich-verdrehtem Gesichtsausdruck. Immer lächelnd oder grienend. Dahinter aber polterten Arroganz und Geringschätzung:

„Putzig, wie du gehst.“

Putzig – das hieß bescheuert/hässlich/doof. Es gab auch Frauen mit „putzigen Hintern“ (zu dick) und Leute mit „putzigem Blick“ (die sahen dann etwas minderbemittelt aus) und so weiter …

„Wieso atmest du so laut?“

Ja, wieso habe ich das getan? Ich vermute, ich hatte eine Bronchitis. Oder jemand nahm mir die Luft zum Atmen^^?

„Schrecklich, wie du singst. das klingt so furchtbar und so eingebildet. Ganz furchtbar.“

Natürlich konnte sie auch loben. Sogar meinen Gesang. Aber eben nur nach Laune.

Es gab keine Objektivität, keine Selbstreflexion. Nur Gefühle. Und die schwirrten und surrten und wirbelten in ihr herum. Und leider wurden sie pausenlos ungebremst geäußert. Dieses Anti-Vorbild brachte mich wohl dazu, so krampfhaft rational zu sein und meine Gefühle erst einmal sorgfältig zu scannen, ehe ich den Mund aufmache.

Meine erste Bezugsperson, die mich innerhalb der engen Zwangssymbiose nicht mal in den Kindergarten gehen ließ, war völlig verdreht. Und da lebt der Mensch nach Vorbild – ganz schlecht.

Ich habe es jedoch in jahrelanger Mission geschafft, so viel von mir zu erhalten und auch freizuschaufeln, dass meine Gefühle nicht herumwirbelten. Darüber bin ich sehr froh und dafür empfinde ich Dank.

Und die Trauer?

Ja, die ist da und ich musste es vor mir zugeben. Ich habe keine Mutter, die ich anrufen kann. Keine Mutter, die mich sehen möchte. Keine Mutter, die sich für Schwangerschaften, Geburten, Zeugnisnoten, erste Zähnchen, Krankheiten oder gemeinsame Ausflüge interessiert.

Niemand Mütterliches da.

Die Pyramide

Irgendwie ist es doch so, dass man als junger Mensch meist Eltern und Großeltern hat. Oft sogar noch Urgroßeltern.

Dann sterben langsam alle „von oben“ aus der Alterspyramide weg. Zuerst die Urgroßeltern und dann die Großeltern. Man selbst wird immer erwachsener, weil man ja „nachrückt“. Aber über einem ist so lange jemand, der einen schützt und (unter-)stützt. Da war bei mir nie jemand. Ich wurde nicht beschützt. Mein Vater war stets herrlich desinteressiert (wusste nicht mal, an welcher Schule ich war oder meinen Geburtstag) und meine Mutter selbst viel zu ängstlich. Und zudem waren sie beide auf ihre Art Menschen, vor denen man mich hätte beschützen können oder müssen.

Ich war also immer oben an der Pyramide. Ja, ich hatte eine Oma mütterlicherseits. Diese war aber auch psychisch schwer krank (vermutlich durch Kriegserlebnisse) und früh im Altersheim weil alleine nicht lebensfähig. Auf die konzentrierte sich meine Mutter geradezu zwanghaft. Und dann gab es die Eltern meines Vaters. Eine Oma mit einem so unehrlichen und durchtriebenen Charakter, dass sie nur als schlechtes Beispiel herhielt oder eben, wenn mein Vater mich im Vergleich mit ihr beleidigen wollte. (Ein mal geflunkert: „Du bist wie die Oma Trauthilde!“) Und der Vater meines Vaters war mindestens geistesabwesend. Später aber wurde dann immer so ein Gewese gemacht, weil wohl irgendwann mal ein IQ-Test mit ihm gemacht worden war.

Meine Mutter klang immer wie ein billiges Orakel von Delphi, wenn sie sagte: „Aber ihr Kinder werdet das Ergebnis niemals erfahren. Niemals …“

Haben wir auch nicht. Ich nehme mal an, das Ergebnis war nicht so bei Albert Einstein, sondern eher so bei Küchenschabe. Jedenfalls war er nie wirklich ansprechbar. Ich glaube, ich habe ihn zusammengezählt höchstens zwanzig Sätze sagen hören, während ich ihn kannte.

Ich lebte also immer in der kühlen Höhenluft der Alterspyramidenspitze der Familie. Irgendwie waren sie alle untauglich. Das klingt hart und ich entschuldige mich auch dafür, aber so stellte es sich dar. Keine fähigen Eltern, Großeltern mit wenig Charakter und Verstand. Urgroßeltern tot. Die Höhenluft hat mir echt Schwindel verursacht. Einfach zu viel Verantwortung – schon von kleinauf.

Die unkündbare Beziehung

Ich selbst bezeichne sie bitter als Die Pest, diese unkündbare Beziehung, die man zu nahen Verwandten hat: Ich kann mir nicht aussuchen, wen ich liebe. Das ist wie die Crux mit der Willens(un-)freiheit, die Albert Einstein (da ist er ja schon zum zweiten Mal in diesem Post – ich mag den Knaben einfach) bereits durchdachte.

Ich würde gerne vergessen, dass ich Eltern habe. Hab‘ ja als Kind eh immer geträumt, ich sei bei der Geburt vertauscht worden und eines Tages würde dieser Fehler korrigiert. Ein ganz offiziell aussehender Typ mit Aktentasche würde an der Tür stehen und das ganze Geschehnis mit pietätvoll gedämpfter Stimme aufklären. Klar, da kam nie jemand. Aber den Traum hatte ich lange.

Nun stehe ich da und der ruppige Wind des frühen In-der-Pyramide-hochgeschoben-Werdens weht eisig um mich. Ich bin für so viel verantwortlich und das so ziemlich alleine.

Neben meinen eigenen Themen rund um meine belastende Biographie, meiner jahrelangen Therapie (die seit einigen Jahren nur noch aus einem Terminchen alle paar Monate bestehen darf) sowie die Aufarbeitung aller aufkommenden Bilder/Gefühle. Und neben meinem Haus (das seit bald einem Jahr eine halbe Baustelle ist wegen des Wasserschadens, der im Schneckentempo reguliert wird), den vier Kindern und den mich meist echt nervenden Katzen bin ich ziemlich erschöpft.

Wie geht es mir mit all dem so im Alltag?

Klar, die Schilddrüsenüberfunktion zeigte die Erschöpfung, die Überbelastung. Aber meine Dauermüdigkeit tut das auch. Mein dauernd blubbernder Bauch, mein mit Luft gefüllter Magen, meine Rückenschmerzen – die sagen alle das Gleiche. Eine liebe Freundin sagte irgendwann mal so lakonisch: „Ach, ich hab oft Burnout-Symptome, aber was soll ich machen?“

Ja, was soll man machen?

Ich kenne das genau, was sie da beschreibt. Nur kommt es bei mir nicht zum Burnout und bei ihr auch nicht. Wir schaffen es, uns irgendwie auf dem Damm zu halten. Da gibt es Wehwehchen und ich bin auch seit über drei Wochen erkältet und so. Ja, ich spüre schon, dass Treppensteigen mit Nummer 4 auf dem Arm zu pochendem Herzen führt – so fühlen sich Erkältung und Dauerbelastung vermutlich an.

Oder nicht? Was, wenn ich nun doch etwas Schlimmes habe? Was, wenn ich nun irgendwie was Anderes habe, weil meine Seele findet, sie müsste sich noch etwas mehr über den Körper ausdrücken?

Oder: Was, wenn ich seit vielen Jahren fleißig somatisiere und hypochondere, weil es die einzige Art ist, wie ich mich um mich selbst kümmern kann?

Ja, dann ist das wohl so.

Und sollte geändert werden.

Lang – und mühsame Auswege

Seit der Morbus-Basedow-Geschichte habe ich bereits sehr viel verändert. Richtig viel. Und dennoch sagt mein nervöser Körper mir dauernd „Ändere etwas!“ und mein Herz ruft pochend „Lass mich raus!“ und beide nerven mich gewaltig. Ich fühle mich noch mehr unter Druck. Diesen Weg kann man nicht entlang rennen. Man muss das so richtig im Einklang mit sich machen. Geht nicht anders. Und das bekomme ich nicht wirklich gut hin.

Ich wurde nicht dazu erzogen, meine Gefühle einfach wahrzunehmen und zu akzeptieren. Sie wurden ja stets bewertet. Und nach dem Auszug aus dem Umfeld meiner Mutter in ein eigenes Leben habe ich diese Beurteilung brav weitergeführt. Ich kannte es ja nicht anders.

Wenn ich morgens aufstehe und mich „zermatscht“ fühle, dann denke ich nicht „Oh, ich bin aber müde“, sondern: „Wieso bist du schon wieder müde? Ach, weil du gestern mit vier Kindern durch den Ikea gerannt bist und danach noch gefühlte hundert Ostereier gefärbt hast, während Nummer 4 knatschte? Davon ist man doch nicht müde! Du bist bestimmt krank. Du hast sicher etwas Verstecktes. Was mit Kreislauf und vermutlich was am Herzen!“ Schöne Begrüßung, wenn man gerade senkrecht steht morgens früh, hm?

Tja, warum bin ich nur so nervös?

Nicht nur wegen solcher innerer Erlebnisse, sondern weil ein Mensch mit meinem Hintergrund dauernd auf der Hut ist. Irgendwie bleibt das Angstzentrum im Gehirn überaktiv.

Wie ein Höhlenmensch im Wald duckt man sich vorsorglich und bleibt in jeder Faser angespannt. „Irgendwann kommt der Säbelzahntiger, ganz sicher!“ Ich weiß nun nicht, ob jeder Höhlenmensch in seinem Leben einen Säbelzahntiger sah – dazu weiß ich zu wenig über Paläontologie und Tigerpopulationen. Aber ich bin sicher, dass jeder von ihnen angespannt war, wenn er durch den Wald latschte. Und vor allem, wenn er dies allein tat.

Es ist ein ähnliches Gefühl, wie wenn man als Kind heimlich Kekse aus der Vorratskammer stibietzt (hab ich natürlich nie getan, was wäre meine arme Mutter enttäuscht gewesen – nein, vor derlei Gefühlen beschützte ich sie stets in vorauseilendem Gehorsam) und man ist so nervös, weil man erwischt werden könnte. So ist das bei mir, vor allem in stressigen Lebensphasen, dauerhaft. Ich zucke zusammen, wenn etwas hinfällt und knurre innerlich sehr schnell, wenn ich etwas Fummeliges mache, das nicht gelingen will.

Die Außenwelt

Mr. Essential ist manchmal genervt, wenn ich ihn zum tausendsten Mal etwas frage, das mir Sicherheit geben soll. Ist eh nur eine Scheinsicherheit, aber gut. Ich frage dann: „Ist es normal, dass man sein Herz im Hals spürt, wenn man sitzt, nachdem man vorher kurz etwas Anstrengendes gemacht hat? Ist das bei Erkältungen so? Oder könnte etwas nicht mit mir in Ordnung sein?“

ich gönne mir solche Fragen selten, weil ich a) nicht zu sehr mit meinem Sch*** nerven will und weil ich b) sehr viel Scham für meine „Seltsamkeit“ empfinde. Und wenn ich es dann tue, dann ist da die Gefahr, mir die Sicherheit öfter von außen zu holen. Und dann ist da schnell so ein Altersheim-Flair, in dem es zu oft um Zipperlein geht – ganz ätzend.

Ich versuche also, meine Ängste fernzuhalten von meiner Familie. Ich gehe durch meine Ängste durch und zeige dies auch unseren Kindern. Sie tun es mir nach, wenn sie es schaffen und möchten.

Ansonsten zeige ich ihnen kaum mal Tränen, keine Wutanfälle und schreie nicht herum. Ich leide so still vor mich hin, glaube ich, wenn ich selber lese, wie ich mich hier beschreibe.

Neulich habe ich den Kindern von meinen Ängsten und meiner Kindheit ein wenig erzählt. So ganz sachlich. Ich habe gespürt, der Zeitpunkt ist da. Sie wollten eh schon immer mehr über mich wissen und warteten seit Jahren darauf.

Habe erzählt vom Leben mit meiner Mutter (einiges wussten sie natürlich schon, aber ich habe noch ein wenig mehr „preisgegeben“) und von Panikattacken und Ängsten. Ich habe ihnen ganz langsam gezeigt, dass ich kein marmornes Monument bin und kein unkaputtbarer Roboter. Dann ließ ich ihnen Zeit, das für sich zu sortieren.

Und es ist so anstrengend, keine Auszeit nehmen zu können, echt.

Nicht von meinem Alltag, nicht von mir selbst. Ich bin angespannt und fühle mich eigentlich so, dass ich mal Ruhe brauche. Stattdessen muss ich los, Nummer 4 von der Tagesmutter holen, Essen kochen und so weiter.

Da braucht mich dauernd jemand. Dabei brauche ich eigentlich auch dauernd jemanden.

Jemanden, den es nicht gibt. Also bin ich selbst der jemand. Und ich bin einfach schrecklich platt und keine gute Unterstützung für mich.

Powerfrau?

Ich krieg‘ das trotzdem alles hin. Ich bin so eine von den Alles-Hingkriegerinnen. Die, die man immer als Powerfrauen bezeichnet. Eine selbstbewusste (öhö), energiegeladene (hüstel) Frau, die alles schafft.

Sie managt alles. Haus, diverse Kinder, Job und nimmt nach der Schwangerschaft formidabel ab – natürlich tut sie das. Sie legt Wert auf ihr Äußeres und darauf, dass alles stimmt.

Wenn man viele Kinder hat, dann hat man nämlich auch immer noch schnell den Komplex, nicht als die dazustehen, die aus einem Müsli-Öko-Bewusstsein oder Kindergeldgier oder anderen kruden Gründen einen gesteigerten Vermehrungstrieb zu haben scheint. Dann muss man extra glatt gebügelte Kinderklamotten haben und stets zu Elternabenden erscheinen und immer kooperativ mit Lehrern sein. Und extra viel hinbekommen. Sonst heißt es: „Ja, wat kriechste denn so viele, wennde dat nich packst, hä?“

Und das träfe einen doch nur, weil man sich das selber vorwirft – wie alles, das einen trifft.

Bisher gab es so einen Zwischenfall nie.

Ich werde nie in der Stadt komisch angeguckt, wenn ich mit meinem Luxuskinderwagen und auf meinen hochhackigen Schuhen in Begleitung meiner diversen Kindern herumstockere.

Ich lese, das kinderreiche Mütter das oft erleben. Kommentare oder Blicke. Ich nicht. Vielleicht, weil ich so viel Energie daran setze, zu zeigen, dass ich nichts und niemanden vernachlässige. Nicht mich, nicht die Kinder, nicht die arme steuerzahlende Gesellschaft. Keine Ahnung. Ich höre immer nur: „Wow, so viele Kinder und dabei so schlank. Wow, so viele Kinder und dabei noch einen Job. Wow, wow, wow.“

Nix wow. Das ist ein Knochenjob. Echt jetzt. Und der muss so ganz bestimmt gar nicht sein, so knochenlastig. Ich mache ihn dazu.

Neuanfang

Seit letztem Sommer (Schilddrüsendiagnose, you know?) habe ich nicht nur meine Ernährung umgestellt, sondern vieles in mir. Und sobald man etwas verändert, kommen ja die äußeren Widerstände. Auch mit denen lernte ich umzugehen.

Ich habe letztes Wochenende symbolhaft mit Mr. Essential unsere Abstellkammer (Kellerersatz) ausgeräumt und eine Menge weggeworfen. Nun sieht es da so ordentlich aus, als hätte Bree Van de Kamp (die neurotische Rothaarige der Desperate Housewives) dort gewütet. Und ich dachte mir: „Nicht beurteilen. Vielleicht darfst du das einfach genießen. Freud wäre stolz, dass du etwas so hochsymbolisches tust, wie einen Keller auszumisten. Das war richtig gut. Vielleicht darf ich einfach ein bisschen Bree sein, weil wir beide einen ähnlichen Hau weg haben. Vielleicht darf ich einfach mal sein, was und wer ich bin, Herrgott noch eins!“ Oh, nicht fluchen und schon gar nicht mit Gott im Fluch, eieiei, schon wieder zu viel Gefühlsausbruch. Geht gar nicht:

Ich habe so viele Entwicklungsphasen verpasst, denke ich. Wann war ich denn je emotional überschäumend wie ein Teenie? Angstfrei wie die mit dem „jugendlichen Leichtsinn“ und wann habe ich je verantwortungslos blau gemacht, statt zur Arbeit oder Ausbildung zu gehen? Wann habe ich allen Warnungen zum Trotz etwas völlig Törichtes gemacht und aus der anschließenden blutigen Nase gelernt?

Nie.

Es war immer alles ein Prozess zwischen vom Verstand klar beherrschten Gefühlen. Ja, die waren mal stärker und dann immer weniger im Vordergrund. Das schon. Aber mehr auch nicht.

Meine liebe Cathérine (die ich mit dem Best Mother Award bedachte), hat vor Jahren etwas sehr Treffendes gesagt (das kann sie eh ganz wunderbar…):

„Du bist ein Mensch voller unterdrückter Leidenschaften!“

Ja, phantastisch. Du hattest Recht, meine Liebe!

Und das bin ich immer noch.

Und ich weiß nicht, wie man es anders macht. Ich konnte es nie oder habe es vergessen.

Von Verantwortung erstickt

War eher so, dass ich ja als Kind irgendwie spürte, dass meine Mutter „unzurechnungsfähig“ (nicht streng juristisch gemeint) war. Sie war mehr als das: Ich fürchtete mich vor ihr.

Ich muss doch immer Angst gehabt haben, sie könnte mir wieder etwas Böses und Widerliches antun. Eng mit jemandem zusammen zu leben, ja, abhängig von jemandem zu sein, der einem Widerliches antat – das ist wirklich eine Hausnummer. Und nein, da war ja keine rettende Oma oder so. Da war mal wieder niemand.

Endlich ausgezogen habe ich ausgeatmet. Ich habe mich natürlich nicht in Selbstliebe eingewickelt, aber ich genoss meine Freiheit. Natürlich hatte ich mir einen nervtötenden Job in einem gestreng geführten Hotelbetrieb gesucht. Damit ich weiterhin kleingemacht werden konnte. Aber in der Freizeit ging es mir gut.

Dann lernte ich Mr. Essential kennen und spürte, dass eine neue Phase im Leben begann.

Ich fand mich bald wieder in einem gestreng geführten in Familiensystem, in dem ich wieder kleingemacht wurde. Hüstel. Und ich bekam Kinder. Natürlich war ich aus Sicht meiner tollen, heiß ersehnten Ersatzfamilie eine miese Mutter. Ich machte tausend Fehler. Völlig unzulänglich, auch als Ehefrau. Ach, grande catastrophe!

Tja. Wir zogen irgendwann weiter weg und diese berüchtigten 90 Stufen weit nach oben (Altbauwohnung).

Da begannen die Panikattacken. Ja, genau da, wo ich kein enges, mich kleinmachendes System mehr in der Nähe hatte.

Und was sagt mein Therapeut dazu (gihihi, das klingt immer so genial klischeehaft, finde ich):

„Ihre Angst ist die Angst vor der Freiheit.“

Die Angst vor der Freiheit

Und das leitet mich zum Schluss meines langen, persönlichen Posts hier:

Ich las mal vor vielen Jahren, so mit 17 oder 18 ein berühmt-berüchtigtes Buch. Ein Standardwerk des weiblichen Masochismus, so würde ich es mal nennen. Simone de Beauvoir schüttelte sich bestimmt. Oder stimmte zu? Ach, das hier ist ja keine Feminismus-Debatte.

Jedenfalls beginnt das Buch mit einer Geschichte. Und die habe ich seit Längerem im Kopf. Und ich verabscheue sie innerlich irgendwie, weil sie so gut zu mir zu passen scheint:

Es geht darum, dass viele amerikanische Sklaven nach der offiziellen Befreiung einfach die Plantagen nicht verließen. Die Tore standen offen und sie blieben stehen, wo sie waren. Sie wagten keinen Schritt hinaus in die ungewisse Welt. Die Arbeit, die Demütigung, die Schläge – das kannten sie. Aber die Freiheit – die fürchteten sie.

Und so blieben viele als von diesem Zeitpunkt an bezahlte Arbeiter einfach dort, wo sie waren und taten das, was sie kannten.

Und das trifft mich im Kern.

Käfigtür offen, zitternder Vogel hockt auf der Stange.

Oh, bekommen Vögel nicht so superschnell einen Herzinfarkt? Argh! Schnell wieder Angst bekommen …

Wie schaffen Eltern Raum für ihre Beziehung?

Wie schaffen Eltern Raum für ihre Beziehung?

Abends sitzt man zu Zweit auf dem Sofa, befasst sich mit dem Second Screen und irgendwann geht es ins Bett. Zum Schlafen. Den ganzen Tag hat man gearbeitet, organisiert und sich gekümmert.

Abends ist kaum noch Energie übrig.

Man streitet sich aus lauter Überlastung und Müdigkeit wegen Nichtigkeiten und sorgt somit für noch ein klitzekleines Bisschen weniger Romantik.

An den Wochenenden wacht man nicht zu Zweit gemütlich auf und kommt auf die Idee, die Wärme unter der Bettdecke noch zu steigern, ehe man irgendwann zufrieden aufsteht. Man steht rechtzeitig auf, kümmert sich um Baby, Kinder, Einkauf, Verwandte – was auch immer auf der langen Liste steht. So ist man es irgendwann gewohnt.

Und so kann das ewige Zeiten weitergehen, bis man sich außer dem Organisatorischen, Alltäglichen, ein bisschen Nachrichten, ein paar Streits und ein paar netten Scherzen wenig zu sagen hat. Ich habe sehr oft davon gehört. Ich höre Gespräche zwischen Frauen und Müttern seit ich denken kann. Ich habe sie während meines Jobs gehört und höre sie privat auch immer mal wieder oder lese darüber. Ich erinnere mich an folgenden Gesprächsfetzen:

Freundin 1: „Wie oft habt ihr noch so Sex?“

Freundin 2: „Ach, seit Heinrich auf der Welt ist … hm, ja so zwei Mal.“

Freundin 1: „Aber Heinrich ist drei!“

Freundin 2 zuckt die Schultern: „Ach, ich vermiss das auch nicht so. Und wie isses bei dir?“

Manche Frauen waren ausgesprochen zufrieden mit dem klosterähnlichen Zustand. Mit Männern habe ich leider über das Thema noch nie geredet.

Jenen, die nicht gern klösterlich leben, geht es vor allem um die abhanden gekommene Nähe, das Prickeln, das Besondere. Und Sex erscheint oftmals irgendwann wie von alleine dritt- oder viertrangig zu werden. Was fehlt, ist wohl eine Kombination aus gemeinsamem Entspannen (nicht dem abendlichen Auf-dem-Sofa-Lümmeln), ähnlichen Interessen, tiefem Vertrauen, kleinen Geheimnissen, interessanten Gesprächen, gemeinsam erreichten Zielen, erotischer Anziehung sowie Aktivität und dem Gefühl, den besten Freund als Partner zu haben. Diese Mischung macht glücklich.

Es gilt als Allgemeinwissen, dass Eltern viel zu wenig Zeit für einander haben. Und dass sie weniger Sex haben. Das ist übrigens falsch: Sie haben nicht weniger Sex als Singles, sondern sogar mehr – das ist statistisch belegt. Und auch nicht weniger befriedigenden Sex. Auch das belegten Umfragen: Die sexuelle Qualität (tolles Wort, hm?) kann sich dann am besten entfalten, wenn man einen Partner gut kennt. Am besten seit einigen Jahren. Darauf hat das Elternsein keinen negativen Einfluss.

Wie erreicht man es, ein glückliches Paar zu bleiben, wenn man Kinder hat? 

Durch Abgrenzung. Es klingt hart und führt vielleicht zu einem schlechten Gewissen. Aber: Eltern sollten sich als Paar von Anfang an einige Räume im Leben sichern. Denn sie bleiben zwar immer Eltern, aber die Kinder brauchen sie irgendwann nicht mehr und dann sollten sie einander schließlich noch möglichst nahe sein. Kinder, die alle zehn Minuten im Wohnzimmer stehen und mitteilen, dass sie zum Klo müssen oder Hunger haben oder Durst bekommen, sind die perfekten Begleiter eines schönen Abends bei Wein und Kerzenschein. Manchen hilft es, ihr Schlafzimmer als Refugium zu betrachten. Dieses ist dann kein allgemein benutzter wohnlicher Bestanteil der Behausung voller Legosteine, sondern der Raum der Eltern. Die Kinder können daran intuitiv ablesen, dass es etwas gibt, in dem sie nicht integriert sind. Und das dies auch völlig in Ordnung ist.

Es gilt, sich Zeit zu schaffen, in der man nicht gestört wird. Will man absolut sicher sein, sollte man allerdings das Haus verlassen. Hierfür wäre dann der Babysitter ein Verbündeter. Oder Verwandte. Es ist unfassbar, wie schnell sich im Ambiente eines schönen Restaurants oder dunklen Kinosaals eine Stimmung von Abstand und Zweisamkeit einstellt. Und das ist die Basis für ein schönes Zusammensein. Zeit alleine, besondere Zeit. Regelmäßig am besten.

Eltern können durchaus auch ein Date miteinander haben.

Ein Date

Dates kann man durchaus auch nach über zehn Beziehungsjahren immer wieder haben …

Warum auch nicht? Man macht sich hübsch füreinander und ist ein bisschen aufgeregt wegen der bevorstehenden Stunden, in denen man sich nicht über Noten, Windelsoor oder Elternabende unterhält.

Es gibt ein paar weitere Dinge, die man tun kann

Etwas Neues ausprobieren:

Hier ist schon fast egal, was es ist. Und es meint nicht (nur) neue Dessous. Eine Nachbarstadt besuchen, einen völlig schrägen Film ansehen, spontan im Dunkeln zusammen spazieren gehen, sich gegenseitig Kleidung aussuchen beim Bummeln (Dinge, die man sich selbst nie gekauft hätte, die man später aber liebt) oder ein unbekanntes Restaurant ausprobieren. Ein Wochenende zusammen wegfahren, wenn Kinderbetreuung und Finanzen es erlauben. Sich etwas schenken, ganz ohne Anlass. Etwas Süßes in die Arbeitstasche der oder des Liebsten schmuggeln. Oder etwas auf’s Kopfkissen legen?

Etwas neues muss her. Immer mal wieder.

Und ja, natürlich gilt der Tipp des Neuen auch für das Sexleben. Mutig sein, etwas ausprobieren und es vielleicht doch nicht so toll finden, darüber lachen und sich auch in dieser Erfahrung nahe sein. Oder es ausprobieren und sich anschließend sehr lebendig und bereichert fühlen.

Ja, man braucht vielleicht echt Mut, um einander zu erzählen, was man sich schon immer mal vorgestellt oder gewünscht hat. Aber auch das kann sehr bereichernd sein. Weil man seinen Partner dadurch noch besser kennenlernt. ->Hierbei bitte nicht an die Geschichte von der Frau aus dem Forum denken, deren liebenswerter neuer Freund plötzlich im Vollkörpergummianzug mit Reißverschlussmaske vor ihr stand. Und gar nicht daran, wie sehr sie anschließend (im Bad mit Waschlappen vor den Mund gepresst) lachen musste. Und erst recht nicht daran, dass sie es aus Liebe auch ausprobierte und im Gummiröckchen durchs Zimmer hüpfte. Man sollte auch vergessen, dass ihr die Forenteilnehmerinnen danach rieten, die Beziehung zu beenden. Meistens läuft so ein Abend anders ab. Ganz sicher.

Es ist nicht mehr wie am Anfang - es ist viel besser!

Viele Jahre verbinden : Es ist nicht mehr wie am Anfang – es ist viel besser!

Den Kindern vermitteln, dass man nicht nur ein Eltern-Paar ist:

Kinder begreifen schnell und auch ohne Worte – das wissen wir Eltern. Sie sehen, wenn die Eltern sich anlächeln, umarmen, küssen und flirten. Wenn einem danach ist, immer heraus mit den Zuneigungsbekundungen. Man kann ihnen durchaus erklären, dass man Zeit gemeinsam und ohne sie verbringen möchte. Die Umsetzung hängt natürlich auch vom Alter der Kinder ab. Anfangen kann mit den Erklärungen nicht zu früh. Und man schenkt den Kindern nichts, wenn man ihnen mehr Raum gewährt als der Beziehung gut tut. Wer will schon frustrierte Eltern am Frühstückstisch haben?

Den erschaffenen Raum zum Privatheiligtum erklären:

Wenn man sich die Abende an den Wochenende freihalten möchte, dann sollte man diese am besten – sobald gesichert – als geistigen Anker setzen. Gibt es ein Eltern-Date am Samstagabend, dann darf man sich bereits donnerstags darauf freuen. Und schon kehrt ein bisschen des Kribbelns zurück, das man vermisste. Es ist unerlässlich wichtig, keine Gewohnheit einschleifen zu lassen. Man muss diesen Raum schützen und wahren.

Wie erlebe ich persönlich das Elternsein als Paar?

Ich erlebe es so, wie ich es hier beschrieben habe. Wir haben das Refugium und das Privatheiligtum und bewahren beides. Wenn wir ausgehen, dann sind wir gern im Kino, shoppen ein bisschen oder gehen etwas essen. Oder, seltener, auf eine Party. Wenn wir zuhause bleiben, dann erklären wir den diversen Kindern, dass wir unsere Ruhe möchten. Sie machen dann gern einen „Mädelsabend“ mit einer Tüte Chips und einer DVD, die sie sich auf dem PC von Nummer 1 ansehen. Oder sie machen sich über Spielzeug her, das sie lange nicht benutzt haben. Wichtig ist, ihnen zu sagen, dass man einfach Zeit miteinander verbringen möchte. Und diese nutzt man nicht um DVDs zu gucken. Wir haben dann einen Elternabend. Einen ohne die viel zu kleinen Stühle und die nervigen Fragen …

Nach bald 15 Jahren freue ich mich immer, wenn ich meinen Mann sehe. Manchmal ist es schräg: Aber zu zweit alleine abends noch schnell durch den Regen zum Einkaufen zu fahren, hat etwas. Ich finde ihn genau so schön, wie als ich ihn mir geangelt habe und zugleich ist da dieses Vertrauen und das Wissen um so vieles, das wir erlebt haben. Trotzdem bleibt er interessant für mich und uns war immer wichtig, dem Anderem viel Raum zu geben und vor allem Respekt entgegen zu bringen. Ich mische mich in seine Entscheidungen nicht ein und er respektiert meine. Gemeinsame Entscheidungen gibt es natürlich auch. Es fiel niemals ein beleidigendes Wort. Ich habe ihn nie herabgewürdigt. Streits und Krisen verarbeiten wir auf eine tatsächlich stets konstruktive Art. Wenn wir am Ende nicht zufrieden sind, dann ist der Streit auch noch nicht vorbei. Allerdings streiten wir uns vielleicht zwei Mal im Jahr. Er versteht mich, ist mein Kumpel (mit Biertrinken und Zocken), mein Freund (mit Verständnis und sehr direkten, ehrlichen Hinweisen), mein Ehemann (und Vater – beides großartig) und mein Liebhaber (niemals langweilig)

Es scheint also zu funktionieren, dieses Konzept des Elternsein-aber-Paar-Bleibens. Man muss aber bereit sein, Durststrecken (Schwangerschaften, Babyzeiten, Krankheiten …) zusammen zu überbrücken und zu meistern. Denn diese kommen in jedem Fall. Oft suchen sie einen immer wieder heim.

Viele glückliche und zufriedene Paare zeigen dies. Aber vor allem darf man nicht annehmen, kinderlose Paare würden auf Grund der vielen Zeit in  per se glücklicher sein – das ist ja völlig klar. Bloß haben Eltern eine Menge zusätzliche Herausforderungen zu meistern, die nicht immer hilfreich sind, wenn es um die Paarbeziehung geht. Dies zu schaffen ist nicht immer einfach.

Interessant hierzu auch ein aktueller Artikel der Nido (mit Test zum Thema Beziehung …)

Der Elternabend:

Hierfür lohnen Anschaffungen schöner Weingläser, Kerzenleuchter, Musik, bequemer aber schöner Kleidung und ähnlichen Klassikern. Sowie all den netten Joujoux, die man als Eltern nicht nur aufräumt, sondern vorher auch selber nutzt …

Man unterhält sich, vergisst die leidigen Alltagsthemen und wendet sich wieder einander zu. Oder man liest sich etwas vor – erotische Literatur je nach Gusto gibt es wirklich in rauen Mengen. Ebenso kann man je nach Lust und Laune durchaus auch selber etwas schreiben – wie eine Kurzgeschichte. Ach, es gibt so viele Möglichkeiten, die Zeit mit etwas Schönem zu füllen … ganz gleich, ob kultiviertes Gespräch oder guter Pornofilm. (Neulich noch Empfehlung auf Facebook von Katja von Krachbumm gelesen – es ging um eine Serie von weiblicher Regie und ebenfalls weiblichem Team gemachter Filme, in denen die eingeschickten Phantasien der Zuschauerinnen verarbeitet wurden. xConfession heißt diese Reihe von Erika Lust.) Es ist wirklich egal, wie man seinen Abend füllt – wichtig ist, die Zeit zu nutzen, um sich nahe zu sein und immer einmal wieder neu kennenzulernen. Schließlich wollen die meisten eigentlich ein ganzes Leben miteinander verbringen …

Foto 2

Strumpfband zuletzt zur Hochzeit getragen? Viel zu schade … 😉

Interessante Theorie: Kinder innerhalb des Familiensystems

Interessante Theorie: Kinder innerhalb des Familiensystems

Eine Freundin erzählte mir vor über zehn Jahren von einer Theorie, die ich sehr interessant fand und noch heute finde. Sie hat sich immer wieder bewahrheitet. Ich teile sie mit, dann könnt Ihr selber mal schauen, ob sie bei Euch oder in Eurem Umfeld auch simmt.

Es ist weniger etwas Mysteriöses als etwas Psychologisch-Systemisches 😉

Es geht um die Kinder und wie die Reihenfolge ihrer Geburt im Zusammenhang mit ihrem Charakter steht:

Kind 1: Der „Familienerhalter“. Das traditionsbewusste Erstgeborene legt Wert auf wiederkehrende Rituale. Es liebt Dinge wie die weihnachtliche Bescherungs-Glocke und den Eröffnungswalzer auf Hochzeiten. Es kümmert sich als Erwachsene/r bei Krisensituationen der Familie um den Zusammenhalt und organisiert Familienfeiern. Das Kind behütet jüngere Geschwister auf mütterliche/väterliche Art und geht selten in Konkurrenzsituationen mit ihnen. Es ist eher strebsam, angepasst und diszipliniert. Auf Grund seiner Anpassungsfähigkeit wird es mit seinen Bedürfnissen manchmal übersehen.

Kind 2: Der „Punk“. Das zweite Kind überprüft das Nest auf seine Haltbarkeit. Und später jedes weitere System. Es zeigt systemische Missstände auf und eckt dadurch in Institutionen an. Seine oft renitente Art muss man schon zu schätzen wissen, damit man etwas daraus lernen kann und sich nicht angegriffen fühlt. Das Zweitgeborene geht in Konkurrenz mit dem stolz machenden Erstgeborenen und sucht rasch nach seinen starken Eigenschaften. Oft punktet es durch Humor, Charme oder kleine Showeinlagen, weil die Klassiker der von Eltern geliebten Eigenschaft schon vom Kind 1 besetzt sind. Es wird ganz sicher nicht übersehen, da es oft auf sich aufmerksam macht. Dies gilt besonders, wenn es noch kleinere Geschwister hat, die ihm auch noch die Position des niedlichen Nesthäkchens wegnehmen.

Kind 3: Das Drittgeborene sowie alle Folgenden sind „Die Überflieger“. Sie machen die Eltern glücklich. Nicht nur, weil sie die Kleinen sind (durch welche sich die Eltern am längsten jung fühlen), sondern weil sie sich ihrer Wirkung bewusst sind. Durch ein charmantes Lächeln zaubern sie elterlichen Ärger hinfort und sehen dies auch in ihrem Leben später mindestens als letzten Ausweg aus Konflikten. Sie sind hilfsbereit, anhänglich und oft sehr kuschelig. Zuerst „laufen sie im Familienalltag so nebenher“ wegen der größeren Kinderanzahl. Dann genießen sie es, wie viel die Eltern ihnen gestatten, sobald die Größeren groß sind. Sie lernen zum Einen, sich durchzusetzen und entwickeln zum Anderen ein sehr schönes Sozialverhalten, was sie in den Schulklassen und Kindergärten zu beliebten FreundInnen sowie SpielkameradInnen macht.

Und? Kommt es bei Euch auch so oder ähnlich hin?

(Bei uns stimmt es in weiten Teilen … )