Burnout Prävention: 1 Jahr nach der Kur

Heute vor einem Jahr bin ich mit unseren vier Kindern in Kur gefahren. Diagnose: Burnout oder auch „Akuter Erschöpfungzustand“. Ja, okay, so wird das nicht aufgeschrieben, weil Burnout (noch) keine anerkannte Erkrankung ist. Es heißt dann „Stress.“ Die Patientin hatte Stress und eine starke muskuläre Dysbalance im Rücken und so weiter …

Burnout. Und zurück. Heute schreibe ich dazu, was sich in meinem Leben durch die Kur und danach verändert hat.

Wie verlief das letzte Jahr? Was wurde anders und was blieb? Welche Herausforderungen gibt es noch und welche wurden gemeistert?

Hier könnt Ihr meinen ausführlichen Erfahrungsbericht im Stil eines Tagebuchs nachlesen.

Welche Ziele hatte ich nach der Kur?

Nun geht es bei einer Kur ja nicht darum sich drei Woche urlaubsmäßig zu erholen, um sich dann wieder für ein paar Jahre auszupowern und dann wieder in Kur zu fahren.

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In diesem Heft notierte ich während der Kur meine Ziele

Als Ziel ist eine Veränderung des Lebens gesetzt. Damit man glücklich lebt.

„Ein ausgeglichenes Leben erfordert niemals einen Urlaub.“

So sieht es aus. Wir alle sollten so leben, dass wir Erschöpfungen vorbeugen und notfalls Veränderungen vornehmen.

Aber wie war das gleich? 80 Prozent aller Menschen, die Veränderungen in ihren Leben vornehmen scheitern bereits am dritten Tag.

Hier sieht man schnell: Das ganze ist eine Mammutaufgabe.

Man muss durch und durch von der Veränderung überzeugt sein. Und: Sie muss mehr Nutzen haben als der aktuelle Zustand. Das Gehirn liebt nämlich Gewohnheiten – ja, auch schlechte. Es hat tagtäglich so viel zu leisten, dass alles, was easy-peasy abläuft (also ohne Nachdenken), im Gehirn Glück auslöst. Das Belohnungszentrum des Gehirns – das Limbische System – sorgt für Glücksgefühle. Zum Beispiel, wenn wir während einer krassen Diät die Chipstüte öffnen. Oder faul auf das Sofa fallen, statt abends noch eine Runde Laufen zu gehen.

Das Neue, das durch die Veränderung kommen soll,  muss einen so großen Nutzen haben (im Sinne von Glücksgefühlen), dass das Gehirn bereit ist, dieses neue Programm zu installieren. Wen es beispielsweise glücklich macht, jeden Tag zu Joggen oder zu Walken, der wird auch dranbleiben. Wer es hasst, der kann es gleich lassen und sich eine andere Sportart suchen.

Wer davon profitiert, sich jeden Morgen duftend einzucremen, der wird immer neue Creme kaufen müssen. Wen das eigentlich nur nervt, der braucht es gar nicht erst zu versuchen, weil es so in einer Zeitung empfohlen wurde.

In der Kur steckt man sich am besten also erreichbare Ziele.

Meine notierten Ziele waren: 

  •  Ich möchte lernen, auf mich und meine Bedürfnisse zu achten und mich von den Wünschen und Bedürfnissen Anderer gesund abzugrenzen.
  • Ich möchte Abstand vom Alltag schaffen können.
  • Ich möchte lernen, mit der Fremdbestimmung des Lebens umzugehen, indem ich Gegenpole finde.
  • Ich wünsche eine berufliche Veränderung.
  • Ich möchte weniger „Müssen“ und mehr „Wollen“ erleben.
  • Ich möchte die morgendlichen kalten Beingüsse beibehalten (Ob ich das packe? brr..).
  • Ich wünsche mir, meine Ziele zu erreichen.

„Butter bei die Fische!“ – wie sieht es denn nun aus?

Okay. Ich habe meine Kurziele im Kopf, daher habe ich die Unterlagen nicht herausgeholt. Ich wollte ganz bewusst schauen, was sich in 12 Monaten für mich verändern ließ und was ich aktiv verändert habe.

Um diese Ziele beibezuhalten habe ich einen Nachsorgekurs besucht.

Dieser besteht immer noch: Wir treffen uns ein Mal im Monat bei einer sehr guten Heilpraktikerin für Psychotherapie. Dann resümieren wir, schauen wie es gerade bei jeder von uns aussieht und besprechen diverse Themen. es gibt Übungen zur Visualisierung, Meditation, Arbeit mit dem Inneren Kind und Arbeit mit den Teilpersönlichkeiten (Nach „Psychosynthese“ von Roberto Assagioli – ein Hammer für die psychologische Arbeit!). Wir als Gruppe werden kreativ, wir machen Brainstorming, wir unterstützen einander urteilsfrei, wir lachen und weinen und behalten unsere Bedürfnisse im Blick.

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Ich habe einen Hefter für die wichtigen Notizen und Arbeit der Kurnachsorge-Gruppe angelegt

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Von wegen „Eigenlob stinkt“!  Diesen Unsinn durfte ich schnell über Bord werfen und lernen, zu meinen Stärken zu stehen. 

(Nicht wundern bei dem Bild oben – falls Ihr es lesen könnt: Die hinter den Stärken stehenden negativ wirkenden Worte sind die möglichen Schattenseiten der Stärken – dies gehört zur Arbeit mit der „Psychosynthese“. Hier geht es darum, immer im Gleichgewicht zu sein. dazu muss man eigene Stärken und auch deren Schatten sowie auch Schwächen und deren Lichtteile kennenlernen.)

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Und Ihr dürft noch einen Blick in den Hefter werfen: Notizen sind während Veränderungen das A und O, echt.

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Anleitung zur Muskelentspannung aus einer Frauenzeitschrift: Immer alles sammeln (und nutzen! :D), das hilfreich sein kann.

Zudem gibt es vom „harten Kern“ des Grüppchens aus „Kur-Kolleginnen“ eine WhatsApp-Gruppe. Wir quasseln ein wenig, durch den Kontakt sind wir latent immer an uns und die Ziele erinnert und ja, wir  vermissen einander inzwischen sehr. Der (Teenager-)Sohn einer Kur-Freundin kommt uns zwischen Weihnachten und Silvester besuchen. Wir wollen uns alle wiedersehen und hoffen, dass das irgendwie und irgendwann klappt.

Dies hilft sehr, um auf dem neuen Weg zu bleiben.

Habe ich gelernt, auf meine Bedürfnisse zu achten und mich abzugrenzen?

 

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So sieht es aus: Mama braucht mal Ruhe!

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Wer sich zurückziehen kann, der kann auch wieder geben (Cooler Türhänger, ne?)

 

Wir Frauen haben meistens überhaupt nicht gelernt, uns zu lieben, nachsichtig mit uns zu sein und unsere Bedürfnisse umzusetzen. Das ging mir nicht anders.

Ich war sehr mies darin, mir überhaupt Bedürfnisse zuzugestehen. Ich bin schließlich Mutter – da muss man sich doch für 20 Jahre selbst in den Schrank sperren und für die Bedürfnisse Anderer verschenken, oder?

Ich habe gelernt, meine Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen. Das war ein echt anstrengender Prozess. Ich kann sie leider nicht immer umsetzen. Viel zu selten, um genau zu sein.

Die Wahrnehmung ist ein guter Erfolg nach 12 Monaten, aber ich bin noch nicht ganz zufrieden. Nun ja: Im Sinne des Life long learning mache ich weiterhin meine Erfahrungen.

Und: Mit einem Kleinkind im Haus ist man eh so fremdbestimmt, dass wahre Entfaltung einfach warten muss.

Und wie sieht es mit Abstand vom Alltag aus?

Puh, hm. Na ja.

Das gelingt mäßig.

Unser Leben ist so voll. Voller Termine, Arbeit, Verantwortung, Hausverkauf, Alltagsbewältigung und bis vor Kurzem noch die Belastung durch das Mobbing.

Dauernde Selbstüberwindung ist alltäglich. Ich mache nichts Schönes so lange, wie ich es will. Sondern bis ich abberufen werden. Zu Terminen, zum aufwachenden Kleinkind, zur Haustür …

Viele Tage beginnen mit Disziplin und enden auch damit. Und zwischendurch auch wieder viel Überwindung. Ich habe zudem Bedürfnisse wie Ordnung: Ich habe immer ein gemachtes Bett, es gibt keinen „Chaos-Stuhl“ im Schlafzimmer – der wird rasch aufgeräumt. Ich räume gefühlt den halben Tag allen hinterher oder/und erinnere sie daran, ihren Kram wegzuräumen, sonst würden wir hier echt stolpern: Über Schulranzen, Sporttaschen, Zeug auf der Treppe etc.

Ja, Fünf gerade sein lassen habe ich schon gelernt. Das sind bereits meine Fünf – denn ich kann nicht leben wie in der Villa Kunterbunt.

Wir, mein Mann und ich, stellen fest, dass früher einfach mehr Lametta war. Es ist echt gerade hier die Rush Hour des Lebens. Es macht nicht halb so viel Spaß wie es sollte, aber doppelt so viel Arbeit, wie man bewältigen will.

Manchmal gehen wir aus. Wir haben unsere Rituale als Paar (der Samstagabend gehört uns!), aber diese lassen sich nicht immer einhalten und umsetzen. Wir hatten zwischendurch (durch meine Prägung auf Bedürfnissverzicht und Caring gegenüber dem Beziehungspartner) eine ungute Dynamik. Diese haben wir allerdings sehr, sehr gut aufräumen können, weil ich durch die Kur und ihre positiven Veränderungen in mir viel selbstbewusster war. Auch das war anstrengende Arbeit, von der man sich kaum erholen kann – wie von aller anstrengenden (inneren und äußeren) Arbeit.

Aber: Selbstliebe ist ein großes Thema für mich geworden, das ich auch richtig gut umsetzen konnte, wofür ich echt dankbar bin.

Und so weiß ich, dass ich Veränderungen schaffe, wenn es möglich ist.

Aber den Alltag selber finde ich immer noch anstrengend und inhaltlich echt etwas lahm. Es ist noch zu freudlos. Ich arbeite daran.

Wie viel Fremdbestimmung ist noch da? Gibt es die erhofften Gegenpole?

Ich fühle mich immer noch sehr fremdbestimmt. Und das ist auch der einzige echte Knackpunkt für  mich persönlich. Ich habe drei Kleinkindphasen (eine mit gleichzeitiger Säuglingsphase) durch. Voller Hingabe. Jeden Tag war ich stolz, was ich alles geschafft hatte mit so kleinen Kindern. Und hatte immer etwas, auf das ich mich freute: Ausgehen am Wochenende, ein Abend zu zweit, ein gutes Essen, Besuch von Freunden…

Das ist viele Jahre her. Und ich muss sagen, dass ich meine wiedergewonnenen Freiheit schon sehr liebte. Und die sind nun weg. Für Jahre. Ich habe diese enthusiastische Hingabe der ersten und zweiten und dritten Phase mit so kleinen Kindern einfach nicht mehr. Die würde mir helfe. Aber ehrlich: Die euphorische Liebe, mit der man sich über süßes Spielzeug freut, mit der man jeden Schritt des Kindes bestaunt und mit der man jeden keinen Erfolg mitteilen will, die ist einfach beim vierten Kind nicht mehr so dicke vorhanden. Die Fremdbestimmung regiert mich und vermiest mir echt oft Laune, obwohl ich ganz brav innerlich Gegenentwürfe mache und auszubalancieren versuche.

Ja, psychoanalytisch gesehen ist mein inneres Kind tief unbefriedigt: es musste sich immer zu Gunsten Anderer zurücknehmen. Seine Eltern „be-eltern“ und galt sofort als egoistisch, wenn es mal „ich“ sagte oder etwas wollte. Will gar nicht wissen, wie persönlich meine Mutter wohl meine Autonomiephase (landläufig gemeiner und fälschlicher Weise als „Trotzphase“ bezeichnet) aufgefasst hat … meine heftige Biographie ploppt immer wieder auf und muss auch noch bearbeitet werden, damit die Ganzwerdung, das Sich-Selbst-Finden- und-Entfalten funktionieren kann.

Und Gegenpole habe ich kaum. Der Tag ist immer noch voll. Voll Kieferorthopäden, Logopäden, Zahnärzten, Kinderärzten (oh Mist! Muss heute noch einen U-Termin für Nummer 4 machen!…), Lehrergesprächen, voller Besorgungen und Erledigungen (allein die Logistik gebrauchter Kleidung ist hier ein Kracher…).

Ich schaffe es kaum, mir Räume einzurichten. Das sagte ich vorgestern auch zu Mister Essential: „Ich kann mich fast gar nicht zurückziehen. Seit fast drei Jahren. das ist furchtbar für mich.“

Ja, ich habe neulich morgens ein Mal nichts gearbeitet, sondern gebadet. Ich kam mir wie eine Revoluzzerin vor. Und ja, ich nähe manchmal, während Nummer 4 schläft (er macht noch Mittagsschlaf, yeah!) und ich schicke die Kinder weg, die wirklich immer vor der Badezimmertür ‚rumlatschen, sobald mein Popo die Klobrille berührt.

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Noch mehr Einblicke in mein Leben: Was tut man nicht alles aus Liebe? Pudelkleidung nähen für den „Therapiehund“ Nummer 2s zum Beispiel. (Echt, ja. Das Tier hat keine Unterwolle und zittert bei Kälte. Bei Regen bleibt es einfach stehen und will nicht mehr laufen – daher der Regenmantel …)

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Ich nähe auch „vernünftige“ Sachen, wirklich! Und das tut mir wirklich sehr gut. Seine Interessen zu pflegen ist wirklich wichtig.

Aber ich wäre so glücklich, wenn ich beispielsweise eine Mutter hätte, die manchmal käme und mir helfen würde. Oder sonst irgendwen. Hach, das wäre vermutlich toll.

So komme ich eben recht langsam voran beim Gegenpol-Schaffen.

Wie steht es denn um die berufliche Veränderung?

Tja-haa: Das habe ich volle Kanne geschafft.

Ich bin während der ersten paar Treffen der Kurnachsorge-Gruppe darauf gekommen. es war plötzlich sonnenklar, während ich den anderen Teilnehmerinnen zuhörte und ihre Probleme analysierte. Irgendwann sagte unsere Gruppenleiterin:

„Das hätte ich ganz genau so gesagt. dem habe ich nichts hinzuzufügen.“

Ich war so im Einklang mit mir während dieser Art der Unterstützung der Anderen. Bei der Analyse und auch den Ideen zur Veränderung!

Plötzlich wusste ich es: Das wird mein neuer Beruf!

Ja, ich hörte seit Jahren meine Freunde sagen: „Wieso wirst Du eigentlich nicht Psychotherapeutin? Das ist voll dein Metier!“

Na, mir war nicht nach einem erdrückenden Studium. So war das.

Als mir bewusst wurde, dass ich auch Heilpraktikerin für Psychotherapie werden konnte, da fiel dieser Ballast ab: Ich musste gar nicht studieren. Viel mehr hätte ich eine sehr viel freier Auswahl der Therapieformen und könnte sehr kreativ vorgehen.

Ich besprach diese Eingebung mit der Gruppenleiterin und sie lächelte.

Dann suchte ich mir (mit viel Bauchgefühl) die passende Schule und bin nun seit September angemeldet. Im Oktober 2018 ist meine Prüfung.

Und ich liebe es so sehr! Ich lerne so gerne – die Inhalte sprechen mich total an. Es ist echt mein Ding!

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So sieht mein Schreibtisch derzeit aus. Und mein Bücherregal erst: ziemlich voll …

Weniger „Müssen“ – mehr „Wollen“?

Es ist zu viel Müssen. Habe ich ja bereits beschrieben: Sechs Personen, Haus(-verkauf/kauf), Ausbildung, Alltag vom Hemdenbügeln bis zur Erinnerung des Kindes an das Verstellen der Zahnspange. Ihr kennt das.

Ich arbeite im Moment am „Wollen“. Es ist so, dass ich Thema für Thema angehe und schaue, was gerade möglich ist. Nicht ohne Frustrationen, muss ich zugeben.

Ich wäre gerne viel freier. Aber im Moment kann ich echt nur nehmen, was möglich ist.

Ich habe die beiden großen Kinder auf deren Wunsch hin (und vor allem, weil es das einzig Sinnvolle ist) zu mehr Selbstständigkeit begleitet. Nummer 1 ist inzwischen echt ein Hammer, was das angeht! Sie ist noch ein bisschen Kind und zugleich sehr erwachsen – 14 Jahre alt – und bemerkt genau, wann sie etwas tun kann, um die Familie zu unterstützen. Meistens tut sie das auch. Ich bin ebenso froh, wenn mal blockiert und durchhängt – schließlich habe ich immer noch die Bedürfnisse und psychischen Befindlichkeiten von uns allen Sechsen im Blick … Abgrenzung ist wirklich ein Balanceakt für Mütter.

Nummer 2 erholt sich gerade so wunderschön von der schlimmen Zeit des Mobbings. Sie muss in teilen „nachreifen“ – Sie übersprang die dritte Klasse und musste sich schnell reifemäßig angleichen. Wir bemerkten aber neulich im Gespräch, dass ein teil von ihr noch 8 Jahre alt ist. Und dieser ist noch nicht gut in den Disziplinen der Größeren: Bedürfnisaufschub. Einsicht, Selbstdisziplin – alles noch ziemlich auf Null. Sie wünscht sich nun aber, dass dieser Teil in Liebe und Ruhe auch reifen kann. Und dabei begleite ich sie.

Und die kalte Dusche am Morgen? Aus dem Ziel is‘ doch nix geworden, oder?

Man glaubt es kaum: Doch. Ich mache es immer noch. Außer am Wochenende.

Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag genüsslich zu duschen. So ganz in Ruhe und rituell. Den Abschluss bildeten die kalten Güsse über die Beine hoch bis zur Taille mit abschließendem Abduschen der Fußsohlen.

Dann hörte ich, tägliches Duschen sei Gift für die Haut (Schutzbarriere und so). Ich habe dann umgestellt und mache es so, dass ich jedes zweite Mal den ganzen Körper einseife (gönne mir immer wunderbar duftende Naturkosmetik) und an den anderen eben nur die Zonen, bei denen mir Hygiene besonders wichtig ist (wir nennen sie hier zärtlich die „Stinkzonen“). Ich fühle mich morgens dadurch wunderbar belebt und gepflegt. Danach nehme ich mir Zeit zur Gesichtspflege inklusive Make-Up. Und ja: ich entferne das Zeug wirklich jeden Abend wieder und verwende danach eine Nachtcreme.

Ausnahmen? Selten.

Ziele erreicht?

Ich bin zufrieden mit den Veränderungen. Ich bin nicht zufrieden mit dem Ist-Zustand.

Hä?

Ja, ich finde, was ich binnen 12 Monaten verändert habe, das war eine gute Leistung.

Aber Punkte wie das dauernde Abarbeiten von Terminen und Verpflichtungen bei viel zu wenig Freizeit und zu kurzem Feierabend und die Fremdbestimmung durch Nummer 4 – nerven mich immer noch.

Ich habe diese Dinge im Blick und nutze die kleinen Lücken und Möglichkeiten, bis diese sich erweitern und ich noch mehr Raum für mich, für Freude und für Selbstentfaltung habe.

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Bald ist wieder Weihnachten – ein Jahr ist um.

Tipps oder so?

Ein paar Tipps habe ich:

Wenn Ihr gerade im Erschöpfungszustand seid oder einen hinter Euch habt und keinen mehr haben wollt, dann gibt es gut Möglichkeiten.

Es gibt gute Literatur zur Burnout-Prävention und alles drumherum.

Fachlich sehr gut gestaltet ist dieses Buch: Thomas M.H. Bergner: „Burnout-Prävention“ Zusammen im Set mit 27 Tests und 94 Übungen. Ist nicht umsonst – aber man sollte es sich wert sein. Selbstliebe und so.

Da wir fast alle Probleme damit haben, ist Arbeit mit dem Inneren Kind gut. Dazu gibt es inzwischen Hörbücher mit Übungen wie „Das Kind in Dir muss Heilung finden“ von Stefanie Stahl. Hier sind klassische Übungen die Ergänzung zu kurz gefasstem Fachwissen. Auch „Versöhnung mit dem inneren Kind“ von Thich Nhat Hanh ist sehr gut. Empfohlen wurde es mir durch unsere Gruppenleiterin.

Michaela Huber schreibt in „Der innere Garten. Ein achtsamer Weg zur persönlichen Veränderung“ über die Möglichkeiten der Selbstentwicklung. CD und Buch sind nicht nur von meiner Heilpraktikerschule wärmstens empfohlen, sondern absolut für jeden geeignet, der spürt, dass er sich selbst kennenlernen und entfalten möchte.

Im Moment lese ich „Achtsamkeit. Der Weg zur eigenen Wertschätzung“ von Jutta Vogt-Tegen. Ganz großartig! Alltagstauglich, einleuchtend und umsetzbar. Dieses Buch wurde mir auf der „WestFam“-Bloggerkonferenz vom Verlag Lingen zur Verfügung gestellt. Ich plane dazu demnächst hier eine Rezension. Achtsamkeit ist ein unglaublich wichtiger Punkt. Als Gegenpol zum Stress und zur Hetze. Als Erinnerung an die Schönheit des Augenblicks. Als Hilfe bei Angsterkrankungen. Achtsamkeit ist ein Geschenk. Inzwischen ist der Begriff so bekannt, dass es viel Literatur, Seminare und viele Übungen zum Thema gibt.

Wichtig sind auch Erinnerungen in Form von Botschaften und Zetteln.

Was auch immer man verändern will, muss man dem Hirn „unterjubeln“ – dieses träge und zugleich megafleißige Ding in unserem Kopf sucht immer den einfachsten Weg. Schließlich filtert es ja schon den ganzen Tag so viel und schaltet und wirkt. Also:

Zettel schreiben und ab an den Badezimmerspiegel, den Kühlschrank, auf den Nachtisch – wohin auch immer. Und da kann alles draufstehen, außer Verneinungen.

Bitte immer positiv formulieren. Auch im geistigen Umgang mit sich selbst:

„Boa, schon wieder hab ich es nicht gepackt!“ ist nicht so günstig. So, wie Ihr nicht mit Euren Kindern reden würdet, so dürft Ihr auch echt nicht mit Euch reden.

Hilfreich ist eher: „Beim nächsten Mal schaffe ich es!“

Frau Vogt-Tegen (siehe oben) schreibt übrigens in ihrem Buch, dass die erschreckende Mehrheit menschlicher Gedanken negativ ist. Achtet mal darauf – das ist wirklich krass, was man so denkt!

Auf Eure Zettel könnt Ihr schreiben:

„Heute schon 30 Minuten für mich eingeräumt?“

oder

„Augen schließen, drei Mal durchatmen.“

oder

„Bitte sich selbst zulächeln!“(Klingt beknackt, fand ich auch. ist aber echt klasse! Einfach ausprobieren.)

„Ich bin auf einem guten Weg. Komme ich ab, bemerke ich es, lobe mich für dieses Bemerken und gehe wieder zurück auf den Weg.“

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Hier: Einer meiner „Kühlschrank-Zettel“

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Manchmal hilft einfach nur Humor: Launischer Kühlschrankmagnet für meine Zettel

Ja, wirklich: So sollten wir eigentlich mit uns umgehen. Man hat mehr davon.

Stopp!

Das Wort „eigentlich“ kann man aus dem Wortschatz streichen. Es schmälert, es ist unentschlossen und leider wenig hilfreich. Auch hier könnt Ihr darauf achten, wie oft Ihr das (eigentlich) sagt! Und am besten, sofort damit aufhören. Es hat eine sehr kraftvolle Wirkung, wenn man nicht „Eigentlich gerade Hunger hat und eigentlich nach Hause möchte“, sondern klar mitteilt „Ich habe Hunger und möchte nun nach Hause.“

Und „man“? Ja, dieses Indefinitpronomen habe ich auch extra oben mal verwendet.

Kann man auch weglassen. Nicht ganz. Sondern nur, wenn man von sich spricht:

„Tja, man fühlt sich dann irgendwie übergangen und enttäuscht.“ greift beim Anderen weniger als: „ICH fühle mich übergangen und enttäuscht.“

Gerne verstecken wir uns hinter dem „man“. Das verhindert aber oft, dass wir unsere Gefühle klar mitteilen. Und so werden diese leicht übergangen. Was enttäuschend ist. Siehe oben.

Liebt Euch, achtet auf Euch, atmet durch und vergesst nicht: Ihr seid zum Einen als Mütter Vorbilder (Sollen unsere Kinder sich denn später auch mal verausgaben?) und zum Anderen in Eurem Leben nicht zum Abarbeiten des selbigen da.

Ganz gleich, ob Ihr gläubig seid oder nicht. Einerlei, ob Ihr glaubt, dies sei Euer einziges Leben oder es gab viele und wird noch viele geben:

Das Leben endet, ohne dass wir (meistens zumindest) wissen, wann es das tun wird. Es ist dazu da, mit Sinn gefüllt zu werden.

Wir können angesichts dieses Fakts im Grunde nur glücklich sein. Oder uns pausenlos fürchten.

Verändern können wir nur uns selber. Und wenn wir unglücklich sind, dann ist es unerlässlich zu schauen, welchen Anteil wir selber haben. Andere sind nur sehr bedingt schuld daran. Meist gibt es etwas in uns, das uns unglücklich werden lässt. Oft auf Umwegen. Wenn man sich verändert, geschehen Verschiebungen im System, im eigenen Umfeld, in der Familie. Ganz automatisch. Es werden Dinge wie von alleine möglich, an die man so nicht geglaubt hätte.

Bei akutem Burnout ist zudem eine Therapie absolut empfehlenswert und kann mit der Hausärztin oder dem Hausarzt besprochen werden. Das gleiche gilt für eine (Mutter-Kind-)Kur.

Der, wie ich finde, wichtigste Satz zum Thema Burnout ist:

„Ausbrennen kann nur, wer in Flammen stand.“

Burnout ist kein peinlicher Zusammenbruch von Memmen. Sondern das Endergebnis von Verausgabung bei gleichzeitigem Verlust des Gefühls von Sinnhaftigkeit. Ein Mensch hat geleistet ohne Anerkennung zu erfahren. Er nahm seine Bedürfnisse nicht mehr wahr und ernst. Er stand lange unter druck und wollte möglichst perfekt handeln. Irgendwann bricht er zusammen. Das ist Burnout. Auch wenn das Burnout-Syndrom noch keine anerkannte Erkrankung nach dem ICD-10 ist, so trifft dieser Erschöpfungszustand immer mehr: Bereits jede 5. (!) Mutter zeigt Zeichen einer Erschöpfung bis hin zum Burnout.

Burnout ist das Ergebnis eines falschen, selbstschädigenden Lebensprogramms. Dieses muss verändert werden, damit ein weiterer, vorhersehbarer Zusammenbruch verhindert werden kann.

Eine recht gute Übersicht zum Thema findet man bei Wikipedia.

In diesem Sinne: Lasst es Euch gutgehen. Und wenn es nicht gut geht: Sorgt für Euch genau so gut wie für Eure Kinder und schaut, dass das Leben wieder besser und lebenswerter wird.

Alles Liebe für Euch!

Eure Lareine

 

Blogparade #NoMobbing: Die Links

Blogparade #NoMobbing: Die Links

Hier werden fortlaufend die Links zu den Artikeln aktualisiert, die im Rahmen der gemeinschaftlichen Blogparade von Dani und mir ausgerufen wurde.

Die Blogparade läuft noch bis zum 25.11.2016.

Uns erreichen viele Kommentare und Mails, in denen LeserInnen eigene Erfahrungen schildern. Die Artikel sind berührend, belastend, machen wütend, lassen mitfühlen, werfen Fragen auf.

Das Leid, von Gleichaltrigen, der eigenen Gruppe also, nicht angenommen zu werden, ist unermesslich groß. Die Verletzungen des Ausgestoßenwerdens sitzen tief.

Schreibt uns gerne weiterhin – wir veröffentlichen sehr gerne Eure Artikel oder verlinken sie. Auch Gastbeiträge sind sehr willkommen.

Die Beiträge zur Blogparade

Die Rabenmutti  Yasmin schreibt hier über ihr Martyrium. Genau so muss man es nennen, was ihr während ihrer Kindheit und Jugend widerfahren ist.

Bei Krümel und Chaos könnt Ihr lesen, wie es Tanja erging, die so unter den Attacken ihrer Umwelt litt, dass sie mehr und mehr abmagerte und eine Essstörung bewältigen musste.

Hart zu lesen ist auch der Beitrag von Kaddi auf Papmami.de Wie es sich anfühlt, wenn das Kind einer schwer erkrankten Schwester gemobbt wird, erfährt man hier. Ich fragte mich ein Mal mehr: „Kennen manche Menschen den gar keine Grenzen?“

Valerie weiß leider ebenfalls, wie sich Ausgrenzung und Verletzungen anfühlen – sie schreibt auf ihrem Blog Raus mit Dir, Baby über die Angriffe der MitschülerInnen auf sie. Schmerzhaft zu lesen, dass Kinder anderen Kindern Wasserflaschen hinterherwerfen und wie viel Hass die Atmosphäre der Klasse vergiftete.

Auf 2KindChaos liest man „Ich hielt mich für einen wertlosen Haufen Scheiße, der widerlich stinkt, beschissen aussieht, niemals eine richtige Frau werden kann, bodenlos dumm ist und nie, niemals nie irgendetwas richtig machen kann “ und erfährt, was für ein schrecklicher Weg zu diesen Gefühlen geführt hat.

Bei Top-Elternblogs macht sich Anne Gedanken über das Thema Cybermobbing. Hier findet man ein gute Beispiel für das Vorgehen von „Internettrollen“ und kann sich ein realistisches Bild von diesem ätzenden Phänomen machen.

Roksana schreibt auf Lottes Motterleben ganz kurz und direkt zum Thema. Sie erinnert noch einmal daran, wie wenig es braucht, um eben niemanden zu mobben – wie durch „Bodyshaming“ im Internet oder auch analog. Hier kann man im Artikel „Ein guter Tag“ lesen, wie sie sich das Mobbing aus Tätersicht vorstellt. Aggressiv, hässlich und herzlos wirkt es, was man da liest – und genau so muss es sich für sie als Opfer auch angefühlt haben.

Auf Hallo liebe Wolke erzählt Susanne, wie ihre wunderschöne Welt der Grundschulzeit binnen weniger Momente zerbrach und dem Mobbing Platz machte. Hier erfahrt Ihr aber auch, wie sie lernte, sich anzunehmen, obwohl sie als Erwachsene immer noch mit ungerechtem Denken ihrer Umwelt konfrontiert ist.

Auf dem Blog Impressions of Life ist zu lesen, wie oft einem Mobbing während des Lebens begegnen kann: Im Kindergarten, in der Schule, auf der Arbeit. Man erlebt es mit oder am eigenen Leib und fürchtet, das eigene Kind könne auch irgendwann betroffen sein.

Für Elli, die auf Nerdmaedle über ihre Erfahrungen schreibt, scheint keine soziale Gruppe wie Kindergartengruppe oder Schulklasse ohne Mobbing erlebt zu haben und leidet noch heute, als erwachsene Frau, sehr unter den Folgen.

Danke, Scoyo!

Danke, Scoyo!

Lieben Dank, Scoyo, dass Ihr uns zum Blogliebling des Monats Oktober ernannt habt!

Wir sind nach wie vor ganz dankbar für die große Resonanz, die dieses Thema auslöste.

Uns schreiben und kommentieren Eltern, die fürchten, ihre Kinder könnten Opfer werden. Viele schildern eigene Erlebnisse, die sie bis heute verfolgen oder berichten, dass ihre Kinder Opfer von Mobbing oder Bossing sind.

Wir möchten mit unserer Blogparade #NoMobbing, zu der wir zusammen mit Dani von „Glucke und so“ (hier findet Ihr auch einen guten Artikel zum Thema „Cybermobbing„) aufrufen, auf dieses Thema aufmerksam machen, da wir inzwischen wissen, wie viele Opfer aus Scham schweigen. Man muss sich das mal anschauen: Die Opfer schämen sich! Wir – ich bin ja selbst als Kind betroffen gewesen – wissen, dass man so fühlt. Aber zugleich ist es wichtig zu sagen:

Kein Opfer trägt die Schuld am aggressiven Verhalten eines Täters!

Durch den so häufig erlebten Vorgang des „Victim Blaming“ fühlt es sich immer wieder so an. Daher ist es ganz wichtig, dass ein Umdenken angeregt wird. Sei es in der (vollkommen unsinnigen) Debatte darüber, ob ein Minirock zu Vergewaltigungen führt oder eben darum, ob ein Mensch selbst schuld ist, wenn er angegriffen wird.

Mobber suchen sich einfach irgendeinen Aufhänger für ihr Verhalten.

Sie haben eigene Motive für ihr Handeln. Angst, geringes Selbstwertgefühl, Frustration, Langeweile und manchmal auch den Abbau der Demütigung durch selbst erlebtes Mobbing.

Wir möchten uns austauschen, vernetzen, Tipps geben und zeigen, dass man nicht schamvoll und hilflos alleine ist mit diesem Thema.

Aufruf Blogparade #NoMobbing

Aufruf Blogparade #NoMobbing

Ein wichtiges Thema

Nachdem Dani (die liebe „Glucke“) einen Artikel zum Thema Cybermobbing und ich über das Mobbing an Schulen geschrieben habe, merkten wir an der Resonanz aber auch beim gegenseitigen Lesen der Artikel, wie wichtig und weitreichend das Thema Mobbing ist.

Viele Menschen haben eigene, sehr schlimme Erfahrungen machen müssen. Viele von ihnen spüren die Verletzungen noch als Erwachsene. Andere begleiten ihre eigenen Kinder durch die schweren Erlebnisse. Andere erlebten Mobbing in der Kindheit und sehen teilweise hilflos mit an, wie ihrem Kind das Gleiche widerfährt.

Nicht schuld

Hier fragen sie sich schnell, ob sie vielleicht schuld am Mobbing sind. Oder es vielleicht als Kind bereits waren.

Vermutlich waren sie irgendwie „seltsam“ oder hatten äußere Auffälligkeiten wie Übergewicht, Narben, Behinderungen, „billige Kleidung“, Sprachfehler oder Anderes.

Und nun geschieht ihrem Kind vielleicht das Selbe. Vermutlich haben sie es falsch auf das Leben vorbereitet oder es teilt diese äußeren Auffälligkeiten ja vielleicht.

Diese Gedanken sind verständlich. Psychologisch gesehen wollen wir Menschen dadurch die Kontrolle über das Unkontrollierbare erhalten. Wenn wir Auslöser sind und Schuld haben, dann haben wir ja eben doch irgendeinen Einfluss. Kontrollverlust gehört für uns Menschen nun mal zu den schlimmsten Erlebnissen.

Oftmals wird Gewaltopfern die Schuld an der Tat eingeredet. Wir kennen das besonders bei  als sehr unmoralisch empfundenen Gewalttaten: Sexuelle Handlungen werden schnell mit dem „Victim Blaming“  (‚dem Opfer die Schuld geben‘) beantwortet. Bei Quälereien, die einen scheinbar schlechten, hässlichen oder sadistischen Charakter des Täters zeigen, reagieren viele Beteiligte ähnlich: Gemobbte Kinder (und natürlich auch Erwachsene) werden in eine Ecke gedrängt:

„Du bist auch zu empfindlich!“

„Du fühlst dich eben immer gleich als Opfer.“

„Du verstehst eben keinen Spaß.“

Zeugen oder Beteiligte wollen mit dem Konflikt – mit den Taten – am liebsten nichts zu tun haben. Sie wollen so etwas nicht in ihrem Umfeld wissen und fürchten zugleich, selber Opfer zu werden. Daher beschuldigen sie das Opfer. Wieso tun sie das?

Um sich selbst zu suggerieren, dass man die Gewalt selbst verursacht. Und wenn sie nur genau das nicht tun, was das Opfer vermeintlich tat, dann wird ihnen auch nicht das Gleiche zustoßen.

„Geh im Dunkeln eben nicht raus und trage keine sexy Kleidung. Selbst schuld, wenn dich einer anpackt. Man muss als Frau eben aufpassen.“

oder

„Wer auch so blöd ist und Nacktfotos von sich herumschickt, muss sich nicht wundern, wenn die ganze Firma/Klasse sie zu sehen bekommt.“

Selbstverständlich ist ein Gewaltopfer niemals schuld.

Es ist immer der potentielle Täter, der sich entscheidet. Für oder gegen den Angriff.

Ebenso, wie selbstverständlich auch Frauen, die Hosen tragen, Opfer sexualisierter Gewalt werden, so kann jedes Kind Opfer von Mobbing werden.

Es liegt nicht an den Opfern. Die Verantwortung liegt alleine bei den Tätern und im Falle von Kindern dann auch bei den Eltern, Lehrern und weiteren lebensbegleitenden Erwachsenen.

Eure Erfahrungen

Diese Informationen wollte ich vorweg nehmen, um sie wie einen Weg für Eure Erfahrungen auszubreiten.

1. Niemand ist schuld

2. Jeder hat ein Recht auf Hilfe

3. Mobbing kann beendet werden

4. Kein Gewaltopfer muss sich für die an ihm verübte Tat schämen

5. Es gibt viele Hilfsangebote und Möglichkeiten

6. Man sollte frühzeitig gegen das Mobbing vorgehen, auch wenn dies mit sich bringt, dass man als empfindlich gilt.

Gemeinsam können wir aufräumen mit dem Bild des schuldigen Opfers, das sich zu schämen hat und im Gegenzug einander trösten, Respekt zurückgeben und einander spüren lassen, dass die uns umgebenden Menschen durchaus sehr liebevoll sind.

Diejenigen, die komplexbehaftet und sadistisch vorgehen – also die Mobber – sind in der Minderheit.

Mobbing (eigentlich ist dies die Attacke einer Person gegen eine andere, bei einer Gruppe heißt das dann „Bullying“) ist kein „Ärgern unter Kindern“. Es ist eine Gewaltsituation, die tiefe Verletzungen im Opfer hinterlässt und diese für ihr Leben prägt.

Meine Erfahrung

Ich machte den Start zum Thema Mobbing an der Schule ja bereits durch den Brief an unsere Tochter.

Doch auch ich habe eigene Erfahrungen in meiner Kindheit gemacht. Ich wurde von der Klasse 2 bis zur Klasse 8 gemobbt.

Beleidigungen und Ausgrenzungen sowie Bedrohungen begrüßten mich an der Bushaltestelle am Morgen. Mittags gab es etwas wie „Gleich verhauen wir dich an der Haltstelle!“ – was dann auch passierte, wenn nicht mein Lieblingsbusfahrer fuhr und mich vor der Haltestelle nahe meines Elternhauses aussteigen ließ …

Es gab immer mindestens einen Jungen, der mich quälte. In der Grundschule und auch in der weiterführenden Schule. Meist waren es mehrere.

Einer wohnte in meiner Nähe und war – in der Retrospektive – ein sehr vehaltensauffälliges Kind. Er legte sich beispielsweise während einer Busfahrt auf mich und versuchte mich zu küssen. Er stellte mir richtig nach. Zwischen Prügeln und diesem Bedrängen waren seine Attacken gelagert.

Ich besuchte ihn anfangs zu Hause einmal, da er neu in der Klasse war und in meiner Nähe wohnte. Zu diesem Zeitpunkt griff er mich noch nicht an. Da erzählte mir seine kleine Schwester, dass er sie manchmal einsperren und fesseln würde. Er würde sie mit einem Gürtel schlagen und dabei lachen.

Ich hielt das wohl für eine Phantasiegeschichte oder ich nahm es auf die Weise an, wie Kinder nun einmal skurrile oder bedenkliche Dinge annehmen.

Inzwischen sehe ich durchaus den Zusammenhang zwischen der Gewalt zuhause und seinem Verhalten mir gegenüber.

Es gab viele Situationen. Ich wurde wegen meiner Brille gehänselt und wegen meines „bescheuerten“ Bruders (mein Bruder fiel durch seinen, leider erst sehr spät diagnostizierten, Asperger Autismus in unserer Dorf-„Gemeinschaft“ doch ziemlich auf) oder einfach auch weil „ich so komisch sei“. Klar, ich war ein ehemaliges Missbrauchsopfer, Kind zweier persönlichkeitsgestörter Eltern, die keine erwachsene Verantwortung für mich übernehmen konnten. Sicherlich war ich „komisch.“

Aber ich hätte auch rotes Haar oder/und Sommersprosssen haben oder einfach mal an einem tag mir den Kakao zum Amüsement der Klasse versehentlich auf die Hose schütten können: Mobber finden immer einen Ansatzpunkt. Am besten die verletzlichen Punkte eines anderen Kindes.

Ich fühlte mich irgendwann lächerlich. Egal, wo ich war. Ich war fehl am Platz, seltsam und eine Art Alien. Ich war immer verunsichert. Das war ich ohnehin schon, da meine Eltern mir keinen Halt geben konnten in ihrer überbordenden und unzuverlässigen Art von Bindung sowie ihrem zerfahrenen Emotionalhaushalt.

Das Mobbing war daher einfach nur eine weitere Bürde in meinem Leben. Ich musste mich verteidigen und genau das hatte ich nicht gelernt. Die „Glaubenssätze“ (hier gemeint als: psychologischer Fachbegriff für die negativen Sätze/Formulierungen/Annahmen über einen selbst, die man in der Kindheit verinnerlicht) meiner Kindheit waren: „Halte still und harre aus.“ sowie „Sei brav und störe uns nicht!“ Ich erzählte daher wenig und immerhin kam meine Mutter eine Weile lang mit zur Haltestelle. Dies gefiel den Mobbern natürlich, da sie es aufgreifen konnten. Meine Mutter war schon immer eine auffallend attraktive Frau, die stets mindestens zehn Jahre jünger aussah.

„Hat dich deine Schwester gebracht, hä, Müller?“ (Sie sprachen mich stets mit meinem Nachnamen an. Diese Mädchennamen habe ich aus Gründen der Anonymität meiner Eltern geändert)

Da war ich noch recht schlagfertig, denn am kommenden Morgen wurde einer der Jungs von seiner Mutter begleitet, welche äußerlich eher der Gegenentwurf meiner Mutter war und so konnte ich kontern: „Na, und hat dich heute deine Oma gebracht?“

Ich dachte. „Mann, sind die dämlich. Als ob mich das ärgert, dass meine Mutter jung aussieht. Wie blöde sind die eigentlich?“

Das Menschenbild verzerrt sich im Eindruck vom Mobbing sehr negativ. Auch einer der vielen schlimmen Effekte.

Ein Mal ging mein Vater, nachdem meine Mutter ihn wochenlang bequatscht hatte, zu den Eltern eines der Bushaltestellen-Mobber und wurde deutlich. Danach ließ mich der Junge in Ruhe. Natürlich beschwerte er sich bei mir über diese Beschwerde – er hatte ziemlichen Ärger bekommen. Aber das war für mich völlig in Ordnung.

In der nächsten Schule gab es so einen Jungen, den mein bester Freund mal als „Klassenarsch“ bezeichnet. Diese Rolle erfüllte der Junge gut.

Einmal im Schwimmunterricht im Freibad öffnete er mir vor der gesamten Klasse im Vorbeigehen das Bikinioberteil. Dies rächte ich damit, dass ich ihm umgehend – ich stellte mich dazu hinter ihn – die Badehose bis zu den Knien herunterzog. Sehr zur Belustigung der Klasse.

Den Ärger bekam natürlich ich. Ganz typisch.

Schule bedeutete für mich Angst und Demütigung. Ich hatte Freunde und diese gaben mir Halt. Aber die Angst war immer da. Und das Gefühl, wertlos und lächerlich zu sein.

Dieses hatte ich ja ohnehin schon und dann wurde es aufgegriffen und verstärkt.

Apropos „verstärkt“: Stärke ist etwas, das ich aus diesen Erlebnissen auch zog. Neben all der Verletzung, der Verunsicherung und dem Schmerz. Ich hatte schon früh – im Rahmen meines ausgeprägten Selbsterhaltungstriebs – eine gute Analysefähigkeit. Ich begann, ab der Klasse 7 mein Umfeld noch genauer zu beobachten und zu analysieren. Dann ging ich planvoll vor und zog einen nach dem anderen Klassenmitglied auf meine Seite. Es endete darin, dass ich fast nicht mehr gemobbt wurde, sondern in jenem Jahr sogar zur Klassensprecherin gewählt wurde. Diese Manipulation war das Endergebnis. Und irgendwie schämte ich mich dafür, so vorgegangen zu sein, da ich es als unmoralisch empfand. Aber es hatte geholfen.

Dies schildere ich alles als groben Umriss meiner Erfahrungen, die ich recht gut verarbeiten konnte. Auch, weil Mobbing leider nicht das größte Problem meines Lebens war. Ich habe es so „mitverarbeitet“ als ich ohnehin schon in der Therapiephase meines Lebens war.

Zusehen zu müssen, wie jemand mit meinem Kind ähnlich umgeht, ist natürlich dennoch ein Albtraum. Oder vielleicht auch gerade deswegen: Ich weiß, wie es sich anfühlt.

Immerhin kann ich ihr dadurch geben, was mir damals fehlte: Eltern, die auf meiner Seite waren. Klar, mein Vater gab mir tolle Tipps, wie ich die Überzahl an Jungs einschüchtern sollte und fand auch, ich sei wohl ein wenig feige, wenn ich mich immer wieder nur beschwerte, anstatt mal ordentlich „auf den Tisch (oder in’s Gesicht) zu hauen.“

 

#NoMobbing

Jede Erfahrung, jeder Tipp ist wichtig und kann dazu beitragen, dass wir aufgeklärter sind und wache Augen haben, um Mobbing begegnen zu können.

Schreibt Eure Erfahrungen auf und schickt mir oder auch Dani den Link zum Blogpost. Wir werden die Artikel lesen und die Links gemeinsam veröffentlichen.

Ihr lieben Leserinnen und Leser kommentiert ruhig. Schreibt Eure Erfahrungen als Kommentare und teilt sie dadurch mit Anderen.

Und vielleicht ist auch jemand unter Euch, der (vielleicht anonym) mitteilen will, dass er selber einmal Mobber war und vielleicht berichten möchte, wie sehr er sich veränderte.

Hier sollen keine Verurteilungen entstehen, sondern der Wunsch im Zentrum stehen, alle Beteiligten und die Vorgänge des Mobbings zu begreifen.

Die Blogparade läuft bis zum 25. November 2016.

Das Bild könnt Ihr sehr gerne als Element nutzen.

Hier geht es zu Danis Artikel #NoMobbing

Gemeinsam können wir einander unterstützen!

Mobbing #NoMobbing

 

Mobbing: Brief einer Mutter an ihr Kind

Mobbing: Brief einer Mutter an ihr Kind

Heute geht es um unsere Tochter, Nummer 2.

Es geht um Ausgrenzung, Demütigungen, Einschüchterungen und menschliche Hässlichkeit. Es geht um Mobbing.

Ein Thema, das viele – viel zu viele – Kinder und auch Erwachsene betrifft. Ein Thema, das viele verharmlosen. Eine furchtbare Sache im Zusammenleben, die inzwischen Gang und Gäbe zu sein scheint und nicht nur krank machen kann, sondern immer wieder Kinder und Jugendliche zum Äußersten treibt.

Meine Gefühle zu diesem Thema habe ich noch nie dezidiert ausgedrückt. Ich bin traurig, hilflos wütend, ungeduldig und enttäuscht. Ich will zeigen, wie sehr man als Mutter mit einem Kind leidet, das ausgegrenzt und verletzt wird. Vielen Kindern geht es wie unserem und viele Eltern fühlen wie wir – das weiß ich. Ich möchte sagen: „Wir sind nicht alleine!“

Meine Gefühle drücke ich in Form eines Briefes an meine Tochter aus, dessen Inhalt sie kennt und den ich für diesen Artikel verfasste. Mit der Veröffentlichung ist sie ausdrücklich einverstanden.

Meine liebe Tochter, 

„Sie haben mich alle ausgelacht und gesagt, dass jemand, der neben mir sitzen muss, sich besser umbringen sollte!“

„Er sagte, er will mich fertigmachen bis ich weine!“

„Das war wieder so demütigend heute in der Schule!“

„Sie hat gesagt, sie will mich zusammenschlagen und mir einfach nur in’s Gesicht schlagen, wenn sie mich sieht!“

„Sie haben mich an den Armen und Beinen festgehalten und über den Schulhof gezerrt.“

„Sie haben ein Spiel erfunden, in dem es irgendwie darum ging, mich umzubringen.“

„Sie haben schon wieder mit Bällen auf mein Gesicht gezielt im Sportunterricht. Das machen die echt, während die Lehrerin daneben steht! Sie leugnen hinterher immer alles und nie bekommt ein Lehrer es mit.“

„Diejenigen, die mich fertigmachen, fragen im Kunstunterricht immer, ob ich ihnen helfen kann – ich verstehe die nicht. Kapieren die nicht, was die mir antun? Halten die das für Spaß, wenn sie mich quälen, bis ich weine? Können die denn nicht für zwei Cent nachdenken?“

Solche und ähnliche Dinge höre ich seit Langem immer wieder von Dir.

Und ja, mein Herz tut weh. Ich höre, wie mein Kind verbal gequält und körperlich angegriffen wird. Phasenweise tagtäglich, immer wieder, seit drei Jahren.

Die Angriffe begannen wie harmlose Kommentare und steigerten sich zu verletzenden und geschmacklosen Höhepunkten. Du, ich – wir als Familie – haben einen langen, schmerzhaften Weg hinter uns.

Ich möchte ausdrücken, wie sich all das aus meiner Sicht anfühlt. Es sind so viele Bereiche Deines Lebens betroffen.

Es sind zum Einen einfache, äußere Umstände, aber auch tiefgreifende Veränderungen.

Durch den Druck in der Schule erträgst Du keinen weiteren Druck. Keine Forderungen, keine größeren Erwartungen. Während ich Deine Geschwister an ihre einfachen Aufgaben erinnern kann, ist Dir der zusätzliche Druck zu viel.

Du ziehst Dich zurück, hattest immer weniger Freunde.

Ich erinnere mich, wie Du Dir hübsche Sachen aussuchst und Dich für die Schule anziehst, um dort dann ausgelacht zu werden und traurig nach Hause zu kommen.

Ich sehe inzwischen, wie Du langsam die Lust daran verloren hast, Dich besonders um Dein Äußeres zu kümmern.

Du fühlst Dich hässlich, nicht wirklich liebenswert innerhalb der Außenwelt, zutiefst verunsichert, „seltsam“ und wie zusammengefasst wie eine Ausgestoßene. Gleichaltrige amüsieren sich , hängen zusammen ab – Du stehst alleine in der Nähe, aber abseits.

Das Mobbing ist ein alltägliches Thema, das wir kaum noch ertragen können. Es gibt ja inzwischen sogar meine Anordnung, erst nach dem Mittagessen von der Schule zu erzählen, damit wir wenigstens in Ruhe essen können.

Wir haben immer wieder Gespräche, Termine und Telefonate mit der Schulleitung, mit Lehrern, Psychologen, dem Kinderarzt …

Ich liebe Dich so sehr und habe täglich das Gefühl, Dich jeden Morgen den Löwen zum Fraß vorzuwerfen. Es tut unglaublich weh, mitzuerleben, wie das eigene Kind leidet und nach und nach jede Möglichkeit verliert, sich zur Wehr zu setzen.

Ich bin inzwischen so wütend. Am liebsten würde ich die Klassentür aufreißen, mich vor die Klasse stellen und sagen (und ich bin selbst entsetzt über das Ausmaß an Wut in mir):

„Ihr seid ein Haufen anstands- und empathieloser Würmer ohne Rückgrat. Ihr seid das Klischee der respektlosen, verwöhnten Narzissten ohne Blick für andere Menschen, die in den vielen Zeitungsartikeln über eure Generation erwähnt werden. Ein Haufen Frustrierter und ihre Mitläufer  – gesegnet mit willentlich blinden Lehrern und Eltern, die Euch keine Möglichkeit auf eine gute und wünschenswerte Weiterentwicklung geben. Ihr wisst gar nicht, was ihr anrichtet!

Weder meinem Kind gegenüber, noch den anderen in der Klasse. Das Klima ist bestimmt von Hässlichkeiten und der Angst davor. Von Loyalitätskonflikten, von Aggressionen und Verletzungen.

Es ist mir inzwischen egal, dass eure bisherige Klassenlehrerin keine Führungsqualitäten hatte und sich anscheinend eher bei euch anbiederte, statt euch ein gutes Vorbild zu sein. Und dass ihr dadurch als Gruppe wenig Chancen hattet. Was ich sehe, sind die hässlichsten und traurigsten Seiten an Menschen: Die Bereitschaft, den Schmerz Anderer zu ignorieren oder sich sadistisch an ihm zu erfreuen, die Angst davor, mutig gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, das allgemeine Duckmäusertum und die ebenso furchtsame Mitläuferschaft. Alles gefördert in einer angesehen Schule, die sehr gerne in der Zeitung die Leistungen ihrer Schüler vorzeigt. Unter anderem auch die Leistungen meiner Tochter, die ihr scheinheilig gefeiert habt, als sie einen Schullesewettbewerb gewann.

Ich habe meinen ansonsten sehr zuverlässigen Sinn für Gerechtigkeit und Analyse genau da verloren, wo ihr lacht, wenn meine Tochter weint.

Ich sollte euch bemitleiden, weil ihr nach rund 13 Lebensjahren bereits derart komplexbehaftet seit, dass ihr aus dem Gefühl eigener Minderwertigkeit heraus eine Unbeteiligte auserkoren habt, um euch an ihr auszuagieren und euch durch ihre Tränen mächtig zu fühlen.

Ich bin einfach nur entsetzt, weil ich beobachten kann, dass es keinerlei Worte und Zwischenfälle gibt, die euch verändern können. Jetzt nicht und vermutlich auch in Zukunft auch nicht. Ich setze nicht mehr darauf, dass ihr Eltern habt, die genug Interesse besitzen, ihren Mut zusammenzunehmen und sich anzusehen, wie ihr wirklich seid. Denn bisher waren sie ja auch nicht in der Lage, euch das zu geben, was ihr wirklich braucht. 

Ja, man hätte Euch besser beobachten und begleiten müssen. Die Gemeinschaft stärken und dafür sorgen, dass ihr einander wenigstens an der Basis vertraut. Leider geschah das nicht und ihr zeigt nun, was dabei herauskommt, wenn man eine Gruppe Kinder nicht anleitet.

Ich wünsche euch, dass euch das Gleiche widerfährt wie meiner geliebten Tochter. Leidet! Schlaft nicht mehr! Haltet euch für den letzten Menschen! Schaut auf eure zitternden Hände! Weint! Fühlt euch hilflos!“

Das würde ich am liebsten laut formulieren.

In der Wirklichkeit bleibe ich natürlich auf meiner Wut sitzen, wie Du auf der Deinen.

In Wirklichkeit würde ich niemals zu Kindern auf eine solche Weise sprechen, das weißt Du. Aber das Bild der Vorstellung hat eine fast therapeutische Wirkung auf mich.

In der wirklichen Welt begegnete ich einer Klassenlehrerin, die Dir selbst die Schuld an der Quälerei gab:

„Du bist ja auch wirklich ziemlich komisch! Kein Wunder, dass die dich mobben! DU musst dich mal verändern!

oder „Du musst auch mal deine Persönlichkeit zurücknehmen, damit die dich mögen!“

oder „Na toll, jetzt sind deine Eltern wegen dir zum Direktor gerannt und ich hab einen ‚Anschiss‘ bekommen – ich hätte meine Klasse nicht im Griff, hieß es! Danke auch!“

sowie der Klassiker: „Vielleicht bist du einfach nur empfindlich. Die meinen das nicht so. Die halten das für Spaß.“

Ich möchte nicht, dass solche Menschen mein Kind unterrichten. Ich habe aber keine Wahl. Ich bezahle sogar dafür durch meine Steuern. Selten war mein Geld derart schlecht angelegt, wirklich.

teacher

Ich würde Dich die Schule wechseln lassen, aber die einzige Schule in der Nähe unserer Kleinstadt ist weit weg. Du hast zugleich Angst, dass es mit dem Mobbing dort gleich wieder losgeht. Statistisch gesehen besteht das Risiko definitiv – meistens ist man als Opfer schon so paranoid, dass man alles auf sich bezieht, was den möglichen Mobbing-Charakteren als Schwäche auffällt und sie gleich zur Tat schreiten lässt. Du hast vor allem Angst vor dieser Art Neuanfang, der sich anfühlt, als habe man Dich hinausgeekelt.

Du willst nicht vor den Mobbern fliehen, sie nicht siegen und über Dein Leben bestimmen lassen.

Nun haben wir einen Neunanfang für uns alle beschlossen:

Wir werden unser Haus verkaufen und umziehen. Nicht nur wegen des Mobbings, aber definitiv auch. Wir haben alle sehr viele Veränderungen durchlebt in den letzten zwei Jahren und diese können wir in einer neuen Umgebung und neuen sozialen Gruppierungen frei entfalten. Du genau so wie wir Anderen.

Wir möchten zurück in die Nähe der Stadt, in der Du geboren wurdest. Dort fühlen wir uns beheimatet. Ich für meinen Teil habe mich hier nie zuhause fühlen können. In der dörflichen Atmosphäre einer Kleinstadt, in der man entweder „sein eigenes Ding macht“ oder ewig die „Neue und Zugezogene“ ist.

Desaster von Anfang an

Bevor Du in das Schulsystem eingetreten bist warst Du ein Kind voller Freude, Euphorie, Sensibilität und Liebe für die ganze Welt.

Du warst inspiriert von winzigen, niedlichen Dingen, hast gerne draußen gespielt und auch gerne viel gelesen. Wenn Du eine traurige Geschichte gelesen hast, dann warst Du viele Tage ergriffen davon und hast darüber erzählt.

Du warst nachdenklich und feinfühlig. Und zufrieden. Mein Lieblingszitat von Dir war das herrlich glücklich geseufzte:

„Hach, das ist eine schöne Welt.“

Mobbing

Die Herausforderungen wachsen – manchmal wird es schwer, mitzuhalten

Inzwischen habe ich das Gefühl, Dich einer Horde Wölfen vorgeworfen zu haben, als ich Deine Schultüte füllte.

Von Anfang an war der Wurm drin. Deine erste Lehrerin hielt Dich, Zartbesaitete (Hochsensible, um mal das Modewort zu nennen), für unreif und weinerlich. Weil Du Dich in ihrem Unterricht gelangweilt und dadurch gestört hast, erklärte sie Dich für ein wenig zurückgeblieben.

Dann kam der Lehrerwechsel zur einzigen Lehrerin, mit der Du jemals glücklich warst. Und das war ausgerechnet mitten in der Phase unseres Umzug nach hier.

Diese Frau erkannte Dich so, wie Du warst:

„Es ist eine Freude, als Lehrerin mit einem so wissbegierigen und intelligentem Kind zu arbeiten! Ich liebe den Umgang mit ihrem Kind. Und ich erkenne genau, wie schnell ihr Verstand arbeitet. Ich kann das Zeugnis meiner Vorgängerin nicht begreifen. Ich sehe Ihre Tochter ganz anders. Ihr Kind ist wunderbar gebildet – sie fangen wirklich sehr gut alles ab, das in der Schule fehlt. Und immer fehlen wird.“

Du bist aufgefallen – das gefiel nie wieder einer Lehrperson so sehr wie dieser.

Der Eindruck durch Dein erstes Schuljahr, in dem Du Dich fühltest als hielte man Dich für dumm, hat sich tief eingefressen in Dich. Schule hast Du fortan abgelehnt. Auch wenn Du ihr immer wieder eine Chance gegeben hast, dieser Institution. Um immer wieder enttäuscht zu werden. Wie hab ich immer wieder auf Dich eingeredet und damit mehr Reife und Kompetenz von Dir als von den Lehrern verlangt.

Auszüge aus der Schulkonferenz, die wir hatten, damit Du eine Klasse vorgesetzt werden konntest:

„Ich habe ihrer Tochter ja nun wirklich genug Lernstoff gegeben. Aber diesen wollte sie ja nicht machen!“

Meine Frage daraufhin: „Meinen sie Lernstoff der Klasse 2? Das Problem ist Unterforderung hier. Wieso soll sie dann noch mehr von dem machen, das sie bereits beherrscht und  das sie langweilt?“

Antwort der Lehrerin: „Tja, manchmal muss man eben einfach auch etwas Unangenehmes machen, so ist das nun mal! Es ist schon ein bisschen…arrogant, sich hinzusetzen und nicht mitmachen zu wollen.“

Oder auch die Schulleitung: „Nun ja, es gibt eben Lehrer, die sich durch ein solches Kind angegriffen fühlen. Nicht jeder wird gerne berichtigt. Auch wenn er berechtigt berichtigt wird.“

„Das Kind muss Verständnis dafür entwickeln, dass Erwachsene sich auf den Schlips getreten fühlen, wenn es mit acht Jahren mehr weiß als sie. Und da müsste es vielleicht mit mehr Verständnis reagieren.“

Schule. Eine lange, ermüdende Geschichte. Würde ich nicht in Deutschland leben, würde ich meine Kinder längst selber unterrichten. Weniger aus tiefer Überzeugung als aus resignierter Konsequenz.

Wir mögen dich nicht, weil …

„Wir mögen dich nicht, weil du eine Klasse übersprungen hast – du durftest das bestimmt, weil du zu blöd für den Lernstoff warst!“

Das war der erste Satz, der direkt gegen Dich ging. Das war in der neuen, der vierten Klasse. Ich erinnere mich gut daran, weil ich ein ganz mulmiges Gefühl hatte, als Du mir davon erzählt hast. Auch wenn Du damals noch selbstbewusst und schlagfertig aufgetreten bist:

„Klaro, immer, wenn man den Schulstoff nicht versteht, kommt man eine Klasse weiter. Kannste ja auch mal probieren …“

Nach dem Schulwechsel brauchte die neue Klasse dann eine Weile, um sich in ihrem System einzufinden. Es ging leider erneut gegen Dich, die Seltsame, die Jüngere, die Verständige, das Kind mit dem tief verankerten Gefühl von Selbstwert. Sie fühlten sich verunsichert. Und es wurde immer heftiger.

Ich riet Dir Tausend Dinge. Dir Hilfe durch die Lehrerin zu suchen („Ihr Kind steht dauernd an der Lehrerzimmertür nach der Pause und weint. Das ist ganz schön anstrengend. Ich kann schließlich nichts tun, um zu helfen.“), mit den Kindern zu reden, sogar ihnen verbal wehzutun und letztlich riet ich Dir, was ich durch das Buch „Ender’s Game“ gelernt hatte: Schnapp Dir den Anführer und hau ihm eine, so feste Du kannst. Dann drohe seinen Mit-Mobbern das Gleiche an.

Mobbing

Das half. Fast ein dreiviertel Jahr lang war Ruhe. Sie schenkten Dir sogar Kekse und boten Dir Hilfe an. Dann schlich es sich wieder ein. Eine Weile versuchten wir erneut es zu selbst zu lösen, weil wir seitens der Schule gar keine Unterstützung erwarteten. Bis es mir irgendwann reichte.

Ich traf zusammen mit Deinem Vater den Schuldirektor, ein Anti-Mobbing-Programm wurde gestartet. Innerhalb dieses Programms sollten die Eltern der Mobber nicht informiert werden, damit sie den (vermutlich ohnehin nicht) folgenden Ärger durch dieselbigen nicht auf Dich übertragen würden. Das Ganze war leicht anstrengend, weil Du dauernd jeden Vorfall melden gehen musstest und er immer wieder abwechselnd Dich und später dann die betreffenden Kinder aus dem Unterricht holte. Letztlich standest Du durch die dauernden Meldungen als kindische Petze da. Aber immerhin:

Es brachte insgesamt rund drei Wochen Ruhe. Wir atmeten auf, wagten vorsichtig zu hoffen.

Dann ging es wieder los. Neue Gespräche, wieder neue Versuche. Wieder kurz Ruhe. Und so weiter.

Ich besuchte mit Dir eine Psychologin, die Dich ein wenig stärken konnte. Ich las viel über Mobbing. Wir redeten viel.

Die Sommerferien kamen und es ging anschließend wieder los.

Der erste Eklat gleich am vierten Schultag. Die neue Klassenlehrerin (Hurra, eine neue Chance!) reagierte schockiert von einer derart aggressiven Klasse, sagte sie später.

Du bist weinend zur Toilette gerannt.

Wir haben mit Deiner Lehrerin sofort telefoniert.

Deine Lehrerin sagte, so etwas wie am betreffenden Freitag habe sie noch nie erlebt. Dass eine Klasse sich binnen Sekunden zu solcher Aggression hochschaukelt, das sei noch nie in ihrer Anwesenheit vorgekommen.

Sie weiß inzwischen, dass ihre Vorgängerin vor den Schülern über Kollegen lästerte. Und auch vor der ganzen Klasse über einzelne Schüler. Mobbing ist immer ein Systemfehler sagt man. Und auch „Der Fisch stinkt vom Kopf her“: In dieser Schule lästern Lehrer übereinander! Und über einzelne Schüler! Nichts, das man uns geglaubt hat, wenn wir es vorbrachten. Das System verschließt eben gerne die Augen vor sich selbst und möchte sich blind erhalten. Verständlich, aber nicht ohne Kollateralschäden.

Sie beschweren sich bei Kindern darüber, dass Eltern sehr angemessene Gespräche mit ihrem Vorgesetzten führten.

Und Lehrerinnen, die nach einem Mobbing-Vorfall sagen: „Nun lasst uns doch ein Stück Kuchen essen und das Ganze vergessen.“ 

Wie sollen diese den Kindern dann Respekt und ein angenehmes Miteinander vorleben?

Die Denkrichtung der Schule ist eher abwartend, zu sehr die Täter schützend, zu wenig opferempathisch. Von Dir verlangen sie dauernd Vertrauensvorschüsse, Geduld, Aushalten müssen. Von den Mobbern verlangt man nicht viel.

Ein klassischer Fall eines Systems, das sagt:“ bei uns ist alles perfekt, Sie sind ein trauriger Sonderfall.“ Unseren Hinweis, unsere Psychologin habe erwähnt, es häuften sich gerade die Mobbing-Fälle der betreffenden Schule sagte der Schulleiter: „Das stimmt nicht. Und die darf nicht über andere Fälle reden!“ (Doch, sie darf Tendenzen und Beobachtungen nennen, ohne namentlich ihre Klienten oder im Gespräch erwähnte Namen zu erwähnen.)

Victim Blaming ist – neben dem Augenverschließen und Herabspielen –  eine beliebte Methode, die Schwere des Konflikts nicht sehen zu müssen. Und das wird an dieser Schule gern betrieben:

„Grenz dich nicht so aus, Kind. Du bist es selber schuld, wenn die gemein zu dir sind!“

„Wenn du deine Materialien vergisst, ist es kein Wunder, dass eine Mitschülerin die ganze Stunde lang diesen Vorfall kommentiert. Natürlich pfeife ich dann dich an, wenn du dieses Mädchen genervt anbrüllst.“

Diese Sätze fielen, nachdem wir mit Deinem Direktor gesprochen haben. Unfassbar, wie schwierig es zu sein scheint, seine Mitarbeiter über das Thema eingehend zu informieren, finde ich.

Und innerhalb eines Systems, das solche Beteiligte hat, da soll „das Klima an der Schule sehr gut sein“, wie uns die Schulleitung mehrfach versicherte?

Klar, sicher auch für das rothaarige Mädchen aus der Parallelklasse mit dem Hauch Übergewicht und dem mehr als einem Hauch Autismus, das in der Pause immer wieder terrorisiert wird und mit dem Du und Deine Schwester sich immer wieder solidarisieren.

Und für die Schüler der oberen Klassen, welche inzwischen auch schon in dämlicher Art Deinen Namen rufen, wenn diese den Schulhof betritt gilt sicherlich, dass sie die traumhafte Atmosphäre des Schulklimas komplett missverstanden haben …

Zum Vorfall, während dem Deine Mitschülerin in den Unterricht brüllte, dass sie Dich zusammenschlagen und dir „eins auf’s Maul hauen“ wolle, kam von Deiner Lehrerin:

„Ach, auf die Clothilde (Name natürlich geändert) muss du nicht hören, die ist kein Maßstab. Die hat ganz massive Probleme.“

Du fragtest: „Ach? Und ich etwa nicht?“

Und Du bekamst keine wirkliche Antwort, wie wir wissen.

Das bekommen wir meistens: Keine Antwort, mal ein sehr kurzer betroffener Blick. Viel Kleinreden, eine gute Portion Leugnen und Bitten um noch mehr Geduld. Und noch mehr Verständnis. Verständnis dafür, dass in erster Linie doch auch die Mobbenden eine Chance bräuchten.

Echtes Mitgefühl für Dich, mein Kind, hat bisher jedoch keine/r der LehrerInnen gezeigt. Nicht eineR sagte: „Oh Gott, das arme Kind! Es tut mir leid, dass so etwas passiert ist. Ich werde alles tun, um das zu ändern. Sollten mir Informationen fehlen, dann beschaffe ich sie mir. Und ich würde sie bitten, mir aufzuzeigen, wie weit die Folgen in das Leben des Mädchens und der Familie hineinreichen. Ich will verstehen, was da geschieht.“ Nix.

Diese Schule ist sicherlich gut, wenn es um das Vermitteln von Lerninhalten geht, keine Frage. Wenn man als SchülerIn dort keine Probleme hat, dann ist man eventuell ganz gut aufgehoben.

Wir haben alle aktiviert, die Dir helfen können: einen Jugendpsychologen, eine Diplompsychologin, die Schulleitung, den Jahrgangsstufenkooridnator, den Kinderarzt und ich frage mich, ob es etwas bringt, wenn ich das Schulamt kontaktiere.

Wenn wir unser Haus verkauft und ein Haus in der Heimatstadt Deines Vaters gefunden haben, dann gehst Du auf die Schule, die er einst besucht hat. Das fühlt sich für uns sicherer an, als wieder einen neuen Vertrauensvorschuss in eine fremde Schule zu geben.

Wie geht es Dir, mein Liebling?

Ich sehe, wie Deine Hände oft zittrig sind. Du bist angespannt und fahrig. Du weinst oft. Du hast Schlafstörungen, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen. Du bist aggressiv uns gegenüber, weil Du den Schauplatz nach Hause verlagerst, da Du in der Schule hilflos oft genug 10 bis 15 aggressiven Kindern gegenüber stehst.

Dein Gesichtsausdruck hat sich verändert von fröhlich, offen, selbstbewusst bis nachdenklich zu traurig, introvertiert, aggressiv und ablehnend.

Du hast einige Kilos zugenommen, weil Essen Dich tröstest. Unter der Zunahme leidest Du, weil Du gerade dabei warst, mit Deinem eigenen Stil zu experimentieren und Deine Klamotten nun eng und unbequem sind. Du trägst keine ausgefallenen Sachen mehr, sondern versteckst Dich in „Jungs-Klamotten“. Kein Interesse mehr am Schminken und Experimentieren wie vorher. Das Mobbing beeinträchtigt Deine Entfaltung und Entwicklung. Du willst wie ein Junge aussehen, damit Du Dich stärker fühlst, weil die Mobber alle männlich sind. Wenn man darüber in Ruhe nachdenkt, möchte man schon wieder ausflippen.

Du fühlst Dich hässlich und dabei sagen mir so viele Menschen, wie hübsch Du bist und ich selber sehe es natürlich , aber Du siehst es nicht mehr.

Du hattest zwischenzeitlich Deinen Instagram-Namen in „Trash“ geändert und Deine Status in „Please don’t hate me“. Es ist herzzerreißend.

Der Kinderarzt dokumentierte Deine Symptome, die laut seiner Aussage typisch für eine solche Situation sind. Er sprach Empfehlungen aus und lächelte Dir sehr mitfühlend zu, was Dir sichtlich gut tat.

Wenn Du leidest leide auch ich. Ich sage Dir das bewusst selten, damit Du weißt, dass ich mit Dir fühle, aber Du nicht zusätzlich von meinen Gefühlen belastet bist.

Ich liebe Dich so sehr – ich würde Dich am liebsten den ganzen Tag drücken, halten und vor der Welt verstecken. Ich habe Dich stark gemacht, so weit ich es vermochte. Aber irgendwie hat es nie gereicht. Das ekelhafte Verhalten Deiner Mitschülerinnen und Mitschüler hat Dich immer mehr verletzt als ich auffangen konnte. Und aufgefangen habe ich das Verhalten der Schüler und Lehrer bis zum Burnout. Ja, die Schulsituation war einer der Faktoren meiner völligen Erschöpfung, wegen der wir zur Mutter-Kind-Kur fuhren.

Ich sehe beinahe hilflos zu, wie Du leidest. Es ist mir unerträglich geworden.

Die liebe Tagesmutter Deines kleinen Bruders, die ein sehr gutes Auge für Menschen hat und vor allem mit dem Herzen auf Kinder blickt, sagte neulich:

„Deine (also meine) Kinder sind so selbstbewusst. Sie wissen, dass sie geliebt werden. Um ihrer Selbst Willen. Sie brauchten keine dauernde Bestätigung von außen. Sie sind sehr reif, haben viel Einfühlungsvermögen und auch Selbstbewusstsein. Das vertragen viele Andere nicht. Sie fühlen sich verunsichert davon. Ich sehe deine beiden großen Töchter und merke, wie die Jüngere richtig müde ist. Das Kind ist einfach ermüdet vom dauernd Kampf, vom vielen Aushalten, von all den Verletzungen, vom Sich-Wehren-Müssen.. Ich bin so froh, dass ihr umzieht und das ist ein wunderbarer Ausdruck von Liebe: Sehen, wie die Familie leidet und dann so eine große Entscheidung treffen. das wird vieles von alleine heilen.“

Das war tröstlich zu hören. Ich hoffe, sie behält Recht mit der Einschätzung, dass es heilsam wird.

Mein süßes, geliebtes Baby, das keines mehr ist!

Die Erinnerung daran, mit welcher Freude und Neugier Du die Welt erkunden wolltest und mit welcher Wucht sie sich Dir dann in’s Gesicht warf, ist furchtbar.

Mobbing macht ängstlich, Mobbing nimmt Selbstwertgefühl.

Mobbing sorgt dafür, dass Du Dich immer ängstlich umdrehst, wenn auf der Straße jemand lacht. Obwohl er Dich natürlich gar nicht meint. Ich habe das beobachtet und es tat furchtbar weh.

Du bist ein wundervoller Mensch!

Du bist witzig, klug und vielseitig talentiert. Du bist sensibel und Du hast mit mir in der zweiten Klasse bereits Hamlet gelesen und Dich über die wunderbaren Metaphern gefreut. Nun hast Du keine große Lust mehr an Literatur, am Lernen selber. Du hast Wissen voller Freude aufgesaugt. Jetzt sagst Du: „Ich bin enttäuscht von meiner Intelligenz. Wegen ihr werde ich ausgegrenzt und geholfen hat sie mir bei diesen Problemen dann auch nicht.“

Du hast Albernheit geliebt und Unsinn jeder Art. Wenn irgendwo ein winziger Marienkäfer oder niedlicher Schmetterling aufgedruckt war, warst Du verzückt.

Zugleich in der Phase der eigenen Metamorphose namens Pubertät zu stecken und dann so verletzt und gedemütigt zu werden, das ist furchtbar und hinterlässt Spuren.

Du bist stark, das sehe ich. Aber ich will nicht, dass Du Deine Stärke an kleine Wichte abgeben musst, die keine eigene haben. Ganz gleich, ob sie eigentlich in Wahrheit ebenfalls Mitgefühl brauchen. Sie leben von Deiner Kraft und Deiner Energie. Ich möchte, das Du beides für Dich selber nutzen kannst, wie es Dir zusteht. Sie holen Dich andauernd aus Deiner Mitte, weil sie keine eigene haben.

Deine ganze Familie liebt Dich und freut sich, wenn wir dieses Kapitel irgendwann in den kommenden Monaten abschließen dürfen.

Du nimmst gerade sehr erfolgreich ab, begegnest Deinen Angreifern mit wachsender innerer Abgrenzung und spürst, wie wenig sie Dich dadurch noch erreichen oder gar verletzen können. Anstrengend ist Schule natürlich immer noch. Aber nicht mehr zerstörerisch. Du hälst es aus, weil Du weißt, dass ein Ende in Sicht ist.

Du sollst Dich selber wieder gerne entdecken und liebevoll annehmen können. In der eigenen, inneren Liebe zu bleiben ist ein Weg, die Außenwelt anzunehmen. Es ist sehr schwierig, aber Dank all Deiner Fähigkeiten wirst Du das schaffen.

Wir sind für Dich da. Immer.

ich-liebe-dich

Deine Mama

             und Deine ganze Familie

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Nachtrag:

Liebe Eltern,

wie mir Deine Lehrerin sagte, reagieren die Eltern der mobbenden Kinder meistens mit Leugnung.

Das ist einerseits verständlich, aber auch sehr traurig. Sie sind vermutlich geschockt über das Verhalten des eigenen Kindes. Aber so nimmt man nur seinem Kind die Möglichkeit dazuzulernen, sich zu entwickeln und negative Seiten abzulegen. Man kann daraus etwas ablesen: das eigene (mobbende) Kind braucht auch Unterstützung, nicht nur dessen Opfer.

Auch Mitläufer, die aus Angst mitmachen, brauchen Hilfe.

Und jene, die sich still wegducken, damit die Gewalt sie nicht trifft auch – nach einem aggressiven Vorfall im Unterricht, der gegen Nummer 2 ging, lief eines der unbeteiligten Mädchen raus und übergab sich. Daran sieht man, wie gestresst auch die sind, die scheinbar nichts „abbekommen“: Jeden Tag haben sie Angst und verdrehen ihre Persönlichkeit, passen sich an, ducken sich still weg, um nicht auch Opfer zu werden.

Meine Bitte

Bitte nehmt es an, wenn jemand über Eure Kinder sagt, sie würden andere Kinder bewusst ärgern und helft ihnen dabei, stärker zu werden, damit sie sich nicht auf Kosten Anderer mächtig fühlen müssen. Es kann immer sein, dass man als Eltern etwas übersehen hat. Das macht nichts. Es macht nur etwas, genau dies eben nicht sehen zu wollen.

Bitte hört ihnen zu, wenn sie aus der Schule über aggressive Vorfälle erzählen, die ihnen Angst machen. Sprecht mit den Lehrern, der Schulleitung, einem Psychologen.

Lasst Eure Kinder nicht zu Mitläufern werden, weil sie sich davor fürchten, selber Opfer zu werden.

Bitte ermuntert Eure Kinder mit Opfern Allianzen einzugehen, damit alle lernen, dass man in einer Gemeinschaft auf Unterstützung hoffen kann. Denn diese erhalten Eure Kinder dann auch, wenn sie sie selbst einmal brauchen sollten.

Wir alle wollen eine Welt ohne Gewalt und wir alle müssen etwas dafür tun.

Hilfe bei Mobbing

Informationen zum diesem Thema, das sehr viele Kinder betrifft – immerhin erfuhren fast die Hälfte aller SchülerInnen dies bereits am eigenen Leib – gibt es an verschiedenen Stellen.

Zunächst sollte der/die KlassenlehrerIn angesprochen werden, auch zusammen mit der Schulleitung, falls nötig.

Weitere Hilfen, falls die Schule überfordert sein sollte, können über den/die SchulpsychologIn, Erziehungsberatungsstellen, das Jugendamt und den Kinderarzt erwirkt werden.

Sicherlich ist auch das jeweils zuständige Schulamt ein Ansprechpartner.

Online findet man gut Informationen hier:

Ministerium für Schule und Weiterbildung

Schüler gegen Mobbing

Schüler Mobbing Portal

Betreut

Zudem gibt es zahlreiche Bücher zum Thema und auch einige, die sich direkt an die Betroffenen richten und ihnen Tipps geben, wie sie sich selber wehren können.

Eines davon wird hier vorgestellt:

www.poehm.com (Seite des Autors)

Hier geht es zur Blogparade #NoMobbing, mit deren Hilfe wir Erfahrungen austauschen und einander unterstützen möchten.


Selbstverständlich haben wir kein Geld bekommen, um Empfehlungen auszusprechen, sondern tun dies aus eigener Motivation und Respekt vor dem Thema, um anderen zu helfen.

 

Attachment Parenting: Langzeiterfahrungen, Teil 1

Es wird viel diskutiert, umgesetzt, ausprobiert und besprochen: Der bedürfnis – und bindungsorientierte Umgang von Eltern und Kindern ist ein aktuelles Thema.

Ein Mensch, der in seinem So-Sein angenommen wird und dessen Bedürfnisse wahrgenommen werden, entwickelt sich zu einem selbstsicheren Wesen. So – sehr kurz umrissen – die grundsätzliche und begrüßenswerte Idee.

Es gibt nichts Wichtigeres für ein neugeborenes Kind als Nähe, Wärme, Liebe und Sicherheit. Nur so bauen wir Menschen Urvertrauen auf. Eine unzureichende oder unzuverlässige Zuwendung hinterlässt Spuren.

Wir liebenden und aufmerksamen Eltern möchten für unsere Kinder den bestmöglichen Start in das Leben. Damit dieser später ein gesundes Fundament für die kindliche Seele bildet.

Geborgenheit und Liebe, ein warmes Nest und Zuwendung ist, was kleine Menschen zunächst brauchen. Werden sie größer, ist es an der Zeit, ihnen Freiräume zu geben. Sie selbstständig werden zu lassen. Unsere Kinder gehören uns nicht. Wir dürfen dankbar sein, dass sie uns anvertraut wurden. Sie sollen sich frei entfalten können.

Du bist unsere Welt

Aus dieser Dankbarkeit sollte ein Grundrespekt erwachsen. Und aus diesem eine absolut individuelle Betrachtung der Familienmitglieder.

Es wird so oft gesagt und geschrieben – man kann es jedoch nicht oft genug betonen:

Jede Familie geht ihren Weg. Es gibt kein Anleitungsbuch für alle. Daher bin ich sicher, dass eine fertige Liste für alle zum Abhaken niemals der richtige Weg ist. Ich persönlich habe tiefes Vertrauen in alle Eltern, die sich verständnisvolle Gedanken um ihre Kinder machen: Sie gehen einen liebevollen Weg und sind in der Lage, vertrauensvoll zu kommunizieren.

Instinkt und erste Erfahrungen

Ich habe instinktiv vor fast 14 Jahren diesen Weg gewählt: Die individuellen Bedürfnisse des Kindes wurden stets wahrgenommen. Erst beim vierten Kind und mit fast vierzig Jahren jedoch bin ich erst in der Lage, dies in einer Tiefe zu tun, die ich selbst als erfüllend bezeichnen würde.

Ich verstehe unter Bindung – und Bedürfnisorientierung eine emotionale und zugleich reflektierte Geisteshaltung:

Ich habe im besten Fall hierbei – und das ist absolut wichtig – nicht nur die Gefühle meiner Kinder im Blick, sondern auch meine eigenen: Ich muss genau unterscheiden können, was ich für meine Kinder tue und ob ich vielleicht nur (unbewusste, eigene) Bedürfnisse in sie hineininterpretiere. Natürlich ist jedes Kind anders und es kann nicht alles für jedes passen. Und diese Basis alleine ist schon sehr fragil und schwierig.

Mir fiel beim jahrelangen Beobachten der Thematik Einiges auf:

  • Man muss sich vor der Geburt des ersten Kindes sicher und klar sein, dass diese Art der Begleitung voraussetzt, dass man sich komplett von alten (selbst erfahrenen) Erziehungsmustern gelöst hat oder lösen wird. Man kann einem Kind, zu dem man eine vertrauensvolle und respektvolle Bindung („auf Augenhöhe“) hat, nicht plötzlich sagen: „Oar, das ist schon wieder falsch, gib dir mal Mühe!“ oder „Es reicht mir! Du machst das jetzt, weil ich es sage!“  Es ist wenig sinnvoll, das Kind plötzlich nicht mehr da abzuholen wo es steht, sondern in alte Muster zu verfallen und vorübergehend auf einen hierarchischen Umgang umzustellen.

Attachment Parenting

  • Zugleich wird man immer wieder merken: Kinder wünschen Grenzen und Autorität – es ist unglaublich schwierig, langfristig eine Balance zu finden. Man muss einfach damit zurechtkommen, dass man andauernd neu austarieren und reflektieren muss. Das wiederum bietet aber auch Potential für eigene Entwicklungsschritte.
  • Diese Art des Umgangs eignet sich in aller Konsequenz eigentlich nur, wenn man wenige Kinder hat. Oder mehrere, dafür aber wirklich sehr gut darin ist, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und vor allem auch zu befriedigen. Letzteres ist unerlässlich, da Kinder zum Einen nach Vorbild leben und zum Anderen sicherlich einen nicht förderlichen charakterlichen Weg einschlagen, wenn ihre Bedürfnisse auch nach dem Kleinkindalter noch die allerwichtigsten der gesamten Familie sind.
  • Man muss weit entfernt vom Mutter-Mythos leben. Die „aufopferungsvolle, selbstlose Mutter“ ist die Antagonistin einer Frau, die zu den Kindern eine Beziehung auf Augenhöhe führen möchte. Schnell verliert sie sich zwischen den Bedürfnissen ihres Babies und des Kleinkindes. Und das kann sie kaum mehr stoppen. (Been there, done that …)
  • Kindliche Bedürfnisse sind nicht nur Wärme, Liebe, Vertrauen, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit und Co. Sondern auch emotionale Eigenständigkeit, Selbstständigkeit (im Alltag), Sich ausprobieren dürfen, Abnabeln, Grenzen spüren, sich am Gegenüber emotional reiben und in ihm spiegeln können, Anleitung finden. Man muss in aller Konsequenz bereit sein, auch diesen nachzugehen. Es kann schwierig sein, das kleine Mäuschen, das nachts in Mamas Arm schläft, am Morgen gleich mal alleine auf das höchste Klettergerüst zu lassen. Und es kann beispielsweise ebenso heftig sein, in einer engen Bindung belogen zu werden, dies darf man nicht persönlich nehmen, sondern das hinter der Lüge stehende Bedürfnis wahrnehmen. Im Grunde ist Attachment Parenting „für Babies und Kleinkinder gemacht“ – so las ich das neulich. Und da ist sicher etwas dran. Allerdings kann man es fortsetzen und das kommt nicht nur den Kindern zu Gute, wenn man bestimmte Punkte beachtet.
  • Die Eltern müssen beide mit diesem Stil des Umgangs vollkommen einverstanden sein.
  • Bedürfnisse äußern sich auf unterschiedliche Weisen. Und diese sind bekanntlich nicht immer angenehm. Man braucht innere Ausgeglichenheit, um auf die emotionalen Bedürfnisse gut eingehen und sie richtig einschätzen zu können.
  • Wenn man viele Kinder hat und wenig Unterstützung, dann ist das Leben anstrengend. Wenn man hier nun nicht auf seine eigene Bedürfnisbalance achtet, dann geht man unter. Aufopferung und Bindungsorientierung gehören nicht zusammen! Kindern soll nicht vermittelt werden „Solange du klein bist, nehmen deine Mitmenschen dich wahr, wenn du groß bist, darfst du deine Bedürfnisse auf den Müll werfen – so wie ich. Also werde lieber eine Petra oder ein Peter Pan.“
  • Selbstreflexion und Beobachtung der Familie ist wichtig, damit man nicht jedes Bedürfnislein sofort umsetzt („Eis! Aufmerksamkeit! Kuchen! Riesengeburtstagsparty!“) – denn das ist es, was aus einem Menschen einen selbstverliebten Dorian Gray macht, der seine Eltern irgendwann wütend ablehnt, wenn diese Rundumversorgung endet (mit dem eigenen Auszug, der frustrierten Mutter im Streik oder einer späten Einsicht der Eltern)

Bedürfnisse sind sehr individuell

Ich beschreibe hier meine persönlichen Erfahrungen mit unseren vier Kindern während der ersten Jahre:

Als ich 2002 Mutter wurde, gab es die Begriffe Attachment Parenting oder Bindungsorientierte Erziehung nicht. Zumindest nicht in meinem Umfeld und auch bis heute haben überwiegend internetaffine Eltern damit zu tun – so kommt es mir vor. Ich habe bisher nur zwei Mütter analog getroffen, die wussten, was das ist.

Und zugleich möchte ich anmerken, dass ich die klassischen Eckpunkte Familienbett/Langzeitstillen/Tragen etc. nicht oder aus sich ergebenden Bedürfnissen und Möglichkeiten nur eingeschränkt umgesetzt habe. Das wiederum gelte lediglich als Disclaimer. Ich bin mit meinen Entscheidungen dahingehend vollkommen d’accord, denn man kann seine Kinder ganz genau so bindungsorientiert begleiten, wenn man nicht langzeitstillt oder zusammen schläft. Es ist zudem eine emotionale, individuelle (und wissenschaftlich mehrfach belegte) Angelegenheit, auf welche Weisen man Bindung entstehen lässt. Ich habe sogar Zweifel daran, dass sie nötig sind, obwohl ich sie überwiegend befürworte. Denn das Wichtigste, so glaube ich, sind eine vertrauensvolle Kommunikation sowie ein empathischer Umgang miteinander.

Unsere Nummer 1 schlief im Jahr 2002 natürlich neben unserem Bett in ihrem Bettchen  – wir wollten sie bei uns in der Nähe haben. Gut, ich bekam kein Auge zu, weil der Gedanke, jederzeit von nur einem Schnaufen geweckt zu werden,eine nervöse Person mich eben vom Schlafen abhält. Ich fand es allerdings mehr als süß, meinen ganzen Stolz neben mir liegen zu sehen. Gern hätte ich sie mit ins Bett genommen, aber davor warnten mich Hebammen und Ärztin. Und auch mein Instinkt riet mir ab.

Nummer 1 war unruhig und sehr fordernd. Sie wurde mehr und mehr zu einem Schreibaby – ich stand innerlich unter Daueranspannung (später erst sollte ich begreifen, dass dies der Grundzustand der meisten Mütter während der ersten Jahre mit Kindern ist). Und meine Tochter anscheinend auch. Wir stressten uns gegenseitig. Jedoch war ihr Vater eher ausgeglichen und auf ihn reagierte sie ähnlich. Ich ahnte, dass ich ihr nicht ganz geben konnte, was sie brauchte – allein schon, weil ich einfach nicht herausbekam, was das war. Ich probierte daher Verschiedenes aus und lernte sie dadurch besser kennen. Ich erlernte ihre ganz eigene Sprache, in dem ich genau auf ihre Mimik und Gestik achtete.

Das Stillen fand ich furchtbar. Ich hasste es. (Hierzu werde ich bald einen eigenen Artikel verfassen, gemeinsam mit Jana vom Hebammenblog. Thema: „Wie fühlen sich Geburt und Stillen für Frauen an, die sexuelle Gewalt erlebten?“ Ich kann hier schon mal verraten: Es ist nicht so dolle.) Ich tat es natürlich dennoch, da es für mich zum Grundbedürfnis kleiner und besonders eben sehr kleiner Menschen gehört. Ich hätte es nur auch sehr gerne genossen. Stattdessen kippte ich regelmäßig, nachdem mein kleiner Barracuda meine Brüste binnen 5 Minuten beidseitig gelehrt hatte, wie das Opfer einer vampirischen Attacke auf das Sofa um und fühlte mich deliriös. Und dazu kam der psychische Stress, den das Stillen für mich bedeutete. (Das hat sich übrigens bis zum vierten Kind auch nicht geändert.)

Die Hebamme erwartete allerdings mit üblichem Druck von mir, ausgiebig zu stillen und als mein Instinkt mir sagte, die Trinkdauer sei zu kurz und das Kind anschließend zu unruhig, empfahl sie mir einfach durchzuhalten, noch öfter anzulegen und viel zu trinken. (Bis Nummer 1 Untergewicht hatte, mir ihr anhaltendes, verständliches Weinen den letzten Nerv raubte und ich letztlich nach 7 Monaten zufüttern musste).

Mir war es wichtig zu spüren, was mein Kind braucht. Ich stellte fest, dass dieses Kind, das tagsüber niemals mehr als zwei Stunden schlief und dennoch die Nacht zum Tage machte, etwas innerlich Getriebenes an sich hatte. Nummer 1 wollte immer mehr als sie konnte. Ich hatte bald begriffen: Dieses Kind wird erst zufrieden sein, wenn es laufen kann. Bis dahin müssen wir die Zeit überbrücken. Und mein oberstes Ziel war es, das Schreien meines Babies zu vermeiden, indem ich las, was es brauchte. Leider ließ sich ein Baby wie Nummer 1, das die Standardkriterien eines Schreikindes erfüllte, davon nicht immer so gut abhalten.

Nummer 1 war ungern im Kinderwagen aber gerne im Tragetuch oder der Tragehilfe. Sie mochte überhaupt körperliche Nähe nur in Form von Tragen. Also trug ich. Drückte oder küsste ich sie, wendete sie sich ab oder stemmte die Arme gegen mich.

Selbstverständlich ließ ich das sein. Ich gab ihr Nähe auf Distanz und wir scherzten, es sei mit diesem Mädchen, wie einen Kaktus zu umarmen. Wir akzeptierten es und ich respektierte ihre Gefühle. Sie fühlte sich in der Tat zufriedener als sie laufen konnte. Sie mochte es, die Kontrolle über ihren Aufenthaltsort zu haben. Sie war ein echtes „Äffchen“: Liebte es, wenn man mit ihr herumturnte und Blödsinn machte – stets humorvoll und lustig.

Nummer 1

Mit rund zwei Jahren kam die erste Autonomiephase. Ich ließ ihren Gefühle Raum. lenkte bisweilen um, begrenzte, wenn sie es brauchte. Und wir hatten selten Probleme miteinander. Ich kenne kein „Ich will den blauen Becher! Aaaaaaah!“, keine Wutausbrüche. Ich habe mich immer daran gehalten, dass ein Mensch, der sich gerade „anstrengend“ oder „unangenehm“ zeigt, etwas mehr gute Gefühle braucht und diese habe ich dann gegeben, um eine Balance herzustellen. Etwas Akzeptierendes wie „Du bist gerade wütend. Okay. Kann ich dir helfen? Nein? Auch okay“ hat bei ihr unterstützend gewirkt.

Inzwischen war Nummer 2 geboren und ich lernte ein Baby kennen, das in sich ruhte und sehr anhänglich war. Nummer 2 wurde von einem Familienfreund „Little Buddha“ genannt. Auch, weil sie fast 4 Kilo wog auf 50 Zentimetern. Vor allem aber, weil sie zufrieden wirkte. Sie wuchs zufrieden vor sich hin und wollte eher beobachten als mitzumischen. Mit ihr konnte man nicht herumaffen – dann erschrak sie. Sie bewegte sich manchmal wie in Zeitlupe – daher nannten wir sie eine kleine Schildkröte.

Nummer 2

Während Nummer 1 körperlich sehr geschickt war und niemals ein Fleckchen auf ihrem Kleidchen hinterlassen wollte, war Nummer 2 eher tollpatschig und wenig in ihrem Körper zu Hause. Irgendwie war sie immer verschmiert und ihre Klamotten dreckig: Sie war eine klassische Denkerin. Begann mit acht Monaten zu sprechen und „erst“ mit 15 Monaten holperig zu laufen. Dafür las sie dann mit 5 bereits fließend, nachdem sie es sich selbst beigebracht hatte.

Ich gab ihr viel Nähe und Zärtlichkeit, während Nummer 1 es eher mochte, mich nur in der Nähe zu sehen, um sich sicher zu fühlen.

Es gab keine Eifersucht zwischen den beiden: Ich hatte Nummer 1 während der Schwangerschaft nicht auf eine Spielkameradin vorbereitet, sondern auf ein pflegebedürftiges Baby. Und um dieses durfte sie – als ehrenwerte große Schwester – sich kümmern. Sie war eben die Größere und auf Grund dieses sicheren Gefühls (das definitiv eine Spur Überlegenheit enthalten durfte), akzeptierte sie ihre Schwester mit sehr viel Liebe und vor allem Verständnis. Sie lernte rasch, sich zurückzunehmen und ihre eigenen Bedürfnisse auch mal aufschieben zu müssen zu Gunsten eines noch kleineren Kindes, das noch nicht warten konnte. Ich zollte ihr meine Anerkennung und sie fühlte sich gut.

Nummer 2 wurde viel mehr getragen, gekuschelt und abgeknutscht – weil es ihr so gut gefiel. Sie forderte zugleich weniger Autonomie ein. Sie war ein Speikind und so mussten wir beide mehrmals täglich die Klamotten wechseln. Zum Einschlafen lag sie in einem Stubenwagen neben dem Elternbett, wo sie abends im Halbschlaf circa 2 Stunden lang vor sich hin brummte, ehe sie richtig einschlief. Zuvor lag mein Mann immer eine Stunde mit ihr kuschend auf dem Sofa: „Auf die Couch gepinnt werden“ nannte er das und es war auf die Dauer ein zunehmend einseitiges Vergnügen.

Ich unternahm mit den beiden Kindern immer öfter etwas. Nummer 1 liebte frische Luft und Bewegung. Nummer 2 liebte Liegen und Beobachten. Beide bekamen, was sie brauchten. Nummer 2 entwickelte sich zu einem wissbegierigen Kind mit sehr langen Frageketten, die ich ausnahmslos und immer beantwortete. Sie gierte nach Informationen, schloss Zusammenhänge, forschte. Sie brauchte dauernd Ansprache und Input. Und sie war von Beginn an sehr, sehr sensibel. Böse Zungen nennen solche Kinder gerne „Heulsusen“. Fakt ist: Sie empfand sehr viel. Gerüche, Laute, Geschichten, Gefühle an sich (Hochsensibilität – ja, das kann man so nennen. Wir respektieren dies und sorgen dafür, dass es ihr damit soweit gut geht.). Alles war immer „totaaal schmerzhaft“, trat ihr jemand auf den Fuß, so war es „mit voller Absicht!“, kam jemand in einer Geschichte zu kurz oder starb sogar eine Figur, konnte sie wochenlang darüber sehr traurig sein. Sie weinte sehr, sehr viel.

Während der Opa dies manchmal genervt mit „Bitte, Kind, stell doch mal deine Sirene ab“ kommentierte, nahm ich es seufzend (aber nicht weniger genervt) hin. Ich verstand: So ist das Kind nun mal. Aber es strengt natürlich an, wenn jemand viel weint. Und laut. Und vor allem nach jedem schönen Ausflug im Auto zu meckern und zu heulen. Ich habe gerne gesagt: „Being sad is her happiness“: Waren es zu viele gute Eindrücke gewesen, brauchte sie ein Gegengewicht, um wieder in Balance zu kommen. Sich frei entfaltende, vertrauensvolle Persönlichkeiten zeigen eben auch sehr viele Charaktereigenschaften. Diese sind für das Umfeld nicht immer einfach zu „ertragen“. Bedürfnisse kollidieren nun mal. Und umso öfter, je mehr Familienmitglieder da sind. Der eigene Raum wird zwangsläufig kleiner – viele Geschwister zu haben ist ein sehr natürlicher Zustand, in dem man sich selbst gut zu regulieren lernt. Das macht es aber nicht unbedingt entspannt und einfach für den oder die Einzelne/n

Nummer 1 „kochte ihr eigenes Süppchen“, war in sich zufrieden und eher introvertiert. Gemeinsam aber drehten sie jedoch auf und tauchten tief in Fantasiewelten ab. Hierbei habe ich sie niemals gestört, sondern mich immer danach gerichtet, dass sie diese herrliche Zeit voll auskosten können. (Aber wehe, ich hatte einen Telefonhörer in der Hand! Dann ließen sie alles fallen und suchten mich auf, um Bedürfnisse zu äußern. Habe das Telefonieren damals aufgegeben.)

Beide waren noch nicht im Kindergarten. Das änderte sich mit unserem Umzug, als Nummer 3 geboren wurde und das Studium meines Mannes beendet war:

Die beiden waren fünf, beziehungsweise 3 Jahre alt als Nummer 3 geboren wurde und etwas später kamen die beiden Großen in den Kindergarten.

Nummer 3

Auch dieses Mal wurde das kleine Wesen herzlich von den Größeren aufgenommen. Nur Nummer 2 zeigte Spuren von Eifersucht. Nummer 1, die „Erhalterin der Systeme“, wie wir sie gerne nennen, ging sofort auf in ihrer neuen Rolle als zweifache große Schwester.

Nummer 3 war ein Anfänger-Baby: Schlief wunderbar, brüllte niemals und sah sich tatsächlich zufrieden um, wenn sie auf einer Decke lag. Das kannte ich noch nicht: Die beiden ersten waren fordernder gewesen, ließen sich ungern ablegen. Nummer 3 schien ihre ganz eigene Weisheit mit zu uns gebracht zu haben und unser Job war wirklich eher klassisches Begleiten mit ab und an ein paar Hinweisen.

Sie liebte Selbstständigkeit, sprach mit zweieinhalb Jahren bereits ganze Sätze mit langen Nebensätzen und kletterte in unseren Apfelbaum. Auch hier ließ ich sie ihre Fähigkeiten ganz kennenlernen. Ihre Körperbeherrschung war erstaunlich. Sie redete bald ununterbrochen. Philosophierte über Gott und stellte allerlei erstaunliche Fragen, die beantwortet werden wollten. Sie brauchte viel Nähe und ein offenes Ohr, sowie viele Antworten.

Ich vermied Strafen, regte positiv an, kommunizierte gewaltfrei (und viel). Ich hielt mich an den wunderbaren Grundsatz, dass man für keine Information zu jung oder zu klein sein kann – sie muss eben nur entwicklungsgerecht mitgeteilt werden. Ich war und bin überzeugt, dass man den kindlichen Gehirn weit mehr „zumuten“ kann, als man im ersten Moment denkt. So erfuhren unsere Kinder nicht nur viele Fremdworte, sondern vor allem auch viele Zusammenhänge. Ganz gleich aus welchen Bereich: Literatur, Kunst, Geschichte, Politik, Sprachen … sie interessierten sich für alles Mögliche und erhielten sehr viele geistige Anregungen.

Nummer 2 erging sich weiterhin darin, sehr viel zu empfinden und dies deutlich auszudrücken. Sie weinte immer noch quasi andauernd. Und ich tröstete sie geduldig. Ab und an wurde mir das zu viel, aber ich fand, es sei wohl sehr inkonsequent, plötzlich nicht mehr die Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen und richtig zu behandeln, nur, weil es nun drei kleine Kinder im Haus waren, um die ich mich überwiegend alleine kümmerte.

Ich wollte vermeiden, dass Nummer 2 ein klassisches Sandwich-Kind werden würde – mit all den Repressalien, die das bekanntlich für ein Kind mit sich bringt. Also bekam sie sehr viel Aufmerksamkeit.

An dieser Stelle mag dem oder der einen oder anderen LeserIn der Gedanke kommen: „Puh, das klingt aber anstrengend: Drei so unterschiedliche Persönlichkeiten wahrzunehmen und deren Bedürfnisse aufzufassen und umzusetzen. Und irgendwie klingt es so, als käme die Mutter selber irgendwann etwas  zu kurz“

Exakt. Beides.

Die Mutter, das Individuum

Es ist so: Man hat doch ein gewisses Kontingent an eigener Energie. Diese entstammt der Grundenergie und der, die man generiert. Um sie zu generieren braucht man verschiedene Dinge (Maslowsche Bedürfnispyramide und so), auf die man achten sollte: Die eigenen Bedürfnisse. Bei nur einem oder zwei Kindern funktioniert das gut. Meine Erfahrung zeigt, dass es ab drei Kindern etwas haarig wird.

Ich bin nämlich auch ein Individuum mit Bedürfnissen, die Essen, Duschen und Schlafen übersteigen. In meinem Fall gab es da noch eine traumatische Kindheit mit all ihren Auswirkungen zu verarbeiten.

Mamaaa! (1)

Dies alles zusammen war zu viel.

Dennoch waren meine Kinder das Niveau der Bedürfnis- und Persönlichkeitswahrnehmung gewohnt. Ich konnte es ihnen schlecht entziehen oder einschränken, ohne negativen Einfluss auf sie zu nehmen.

Man kann sich dieses hohe Level an Energieausgabe jedoch nur leisten, wenn man viel Kontingent hat: Familienmitglieder, die helfen. Oder schöne Hobbies. Oder eine recht unbeschwerte Biographie. Wenn man nichts davon hat, wird auf Dauer die Freude über die Kinder nicht ausreichen, um das nötige Energielevel aufrecht zu erhalten.

Ich merkte es zunächst nicht: Die Jahre vergingen und die Kinder waren glücklich. Ich war glücklich. Ich war müde und auch manchmal erschöpft und oft echt auch genervt. Aber meine Mädels sich entwickeln zu sehen war für mich ganz herrlich. Ich bekam nicht mit, wie viel Energie es mich kostete, mich weitaus mehr um andere Menschen als um mich selbst zu kümmern. Und ich hielt meine Bedürfnisse klein mit den klassischen Gedanken, dass dies eben normal sei, wenn man Kinder hat. Dass Mütter sich eben hintenanstellen, was nicht mal bravourös, sondern erwartenswert sei et cetera.

Ich hatte neben meiner Freude an der eigenen Familie eine mich dauernd kritisierende Schwiegerfamilie. Ich war einfach nicht gut genug, egal, was ich tat. Und ich tat daher immer mehr. Ich hatte doch bereits keine liebevollen leiblichen Eltern – da hätte ich so gerne ein Ersatz-Nest gehabt. Leider konnte mich dieses potentielle Nest nicht leiden und schob mich, das unerwünschte Kuckuckskind, dauernd an den Nestrand. Die Atmosphäre war vergiftet, übergriffig und anstrengend.

Und das kostete vielleicht Energie! Diese musste ich aber auch aus dem Glück mit den Kindern ziehen. Ich begann das zu tun, was viele Mütter tun: Ich sublimierte eigene Bedürfnisse durch die Erfüllung der kindlichen Bedürfnisse. Soll heißen: Ich brauchte Zuspruch und Liebe. Und gab beides den Kindern. Um aus deren Freude und Sicherheit beides auch für mich zu ziehen. Das ist so, als würde man sich am eigenen Zopf aus dem Matsch ziehen. Oder seinen eigenen Atem aus einer Tüte atmen: Das geht nur bedingt gut.

Ich wollte mir etwas Schönes gönnen, so aus immer wieder aufflammender Selbstliebe. Und kaufte wieder nur etwas für die Kinder. Mit der Post-Partum-Figur waren Umkleidekabinen eh ein Gräuel und süße Kinderkleidchen passen den Kleinen immer perfekt!

Hatte ich eine Praline in der Hand, guckte Nummer 1 mir neidisch darauf und ich fühlte mich sofort egoistisch. Ich gab sie ihr. Nummer 1 hatte bereits als Baby blitzschnell in meinen kauenden Mund gefasst und mein Essen herausgenommen, um es selber zu verschlingen. Ehrlich wahr. Ich dachte: „Es ist ja nur Essen, die Kinder freuen sich mehr darüber. Ihnen ist das wichtiger als mir.“

Darauf folgten:

„Es ist ja nur eine Ruhepause, die Kinder brauchen mich aber bestimmt sehr dringend. Ich muss auch nicht dauernd nur ‚rumliegen!“

„Es ist ja nur ein Toilettenbesuch und kein Wellnesstag. Dann bin ich eben gestresst. Sie wissen es ja nicht besser.“

„Es ist ja nur ein seltenes Telefonat mit der Freundin und ich schließe mich auf dem Klo ein, um es zu Ende zu führen, während sie an der Tür hämmern. Aber man muss ja auch nicht dauernd labern.“

Ob ich manchmal wütend geworden bin? Oh ja, natürlich. Ich habe gezeigt, wenn es mir zu bunt wurde. Angebrüllt habe ich sie jedoch nicht. Ich bin manchmal lauter geworden und habe mich hinterher wie eine Versagerin in puncto Selbstbeherrschung gefühlt. Insgesamt war ich aber sehr, sehr langmütig. Und diszipliniert.

Als sie größer waren und gemeinsam ein Stündchen spielen konnten, begann ich wieder zu zeichnen. Das war mein Hobby. Ich zeichnete Comics. Von sexy Vampiren, die frei von Moral die Nacht besaßen. Hach. Das tat gut, so mitten zwischen Kleinkindkotze und den auf einen klapperigen Ständer balancierten Wäschebergen.

Aber es ging ja vermutlich allen Müttern so. Das hörte und las man ja. Also war es vermutlich der normale Lauf der Dinge. Man gab von seinen Bedürfnissen erstmal fast alle weg. Weil sie nicht so wichtig sind. Die Kinder gehen vor. Und sie sind der Quelle der Freude, der Energie und zugleich das tiefe Loch, in dem sie wieder verschwindet. Wer seine Freude nicht aus den Kindern zieht und dauernd glücklich ist, ist eine miese Mutter – so lernt man das schließlich.

Als Nummer 3 neun Monate alt war begann ich freiberuflich als Texterin zu arbeiten. Das tat mir sehr gut. Inhaltlich und auch wegen des Geldes. Ich hasse das Gefühl von Abhängigkeit nämlich. Unabhängigkeit ist eines meiner Bedürfnisse.

Ich war ganz erstaunt, dies festzustellen. Zugleich gestand ich mir nicht ein – da ich mein Bild von mir als Powerfrau zum Durchhalten so dringend brauchte – dass ich wirklich zu viel leistete.

Zudem hatte ich inzwischen- durch den Entzug derselben – weitere Bedürfnisse an mir festgestellt.

Nun aber war ich in meinem eigenen System gefangen und ich konnte sie kaum erfüllen. Ich liebte es eigentlich, mich in Ruhe zu schminken und gut anzuziehen. Ich quatschte eigentlich gern ausgiebig und ungestört mit Gleichaltrigen. Ich hatte eigentlich gerne Zeit für Kunst, Literatur, ein bisschen Schneiderei, ein Gläschen Wein, einen Einkaufsbummel, guten Sex. Eigentlich hatte ich eine Menge Fernweh und interessierte mich für fremde Länder und deren Geschichte. Ich liebte es eigentlich, allein zu sein. Ich mochte keine Fremdbestimmung. All das waren Merkmale meiner eigenen Persönlichkeit, die sich nicht komplett verändert, weil man Kinder bekommt.

Doof gelaufen.

Wie das Ganze für die Kinder und für mich weiterging? Und was die Kinder inzwischen selber über diesen Umgang mit ihnen sagen?

Das erfahrt Ihr bald in Teil 2

 

 

Entwicklung: Jedes Kind ist anders

Entwicklung: Jedes Kind ist anders

„Deine Kinder sind alle so unterschiedlich! Wieso sind die so?“

Manchmal werde ich gefragt, wieso unsere vier Kinder alle so derart unterschiedlich sind und sage:

„Ich nehme an, das liegt an unserer erzieherischen Grundeinstellung. Sie sollen ihre Persönlichkeiten frei entfalten können – eine Persönlichkeit besteht eben nicht nur aus Kreativität und Empathie. Sondern auch schon mal aus Opportunismus und Taktlosigkeit. Dadurch ist das Ganze anstrengend, aber auch uneingeschränkt bereichernd.

Sie dürfen sich ganz zeigen. Und natürlich begleiten wir sie auch durch analytisches Betrachten aller Anteile, so weit das möglich ist. Das Ziel ist bei allen gleich: Wir möchten sie dabei unterstützen, selbstständige, einfühlsame, selbstbewusste und vor allem zufriedene Erwachsene zu werden. Das ist ein sehr anstrengendes aber auch bereicherndes Unterfangen.“

Jedes Kind ist anders – hört man oft. Was bedeutet das denn genau? Was brauchen Kinder, um sich frei zu entfalten? Und wohin führt das unter Umständen?

Liebevolle Begleitung

Ein Kind wird auf dem Lebensweg begleitet. Es geht die erste Zeit an unserer Hand. Nach und nach lösen wir unseren Griff. Wir gehen dann neben oder hinter ihm. Es selbst wählt aber den Weg.

Es wird nicht gezogen oder geschoben. Manchmal ein wenig gestupst. Aber so selten wie möglich. Das Wort Erziehung stößt uns manchmal auf, weil wir das Verb „ziehen“ darin nicht so gelungen finden. Wir begleiten. Klingt schön, oder? Dennoch wähle ich den Terminus „Erziehung“ dennoch, weil er allgemein gefasst und dadurch ebenso allgemein verständlich ist.

Wir sind dankbar, wenngleich manchmal maßgeblich erschöpft, unsere Kinder anvertraut bekommen zu haben.

Das bedeutet keinesfalls, dass wir nicht etwas wie die „Juulschen Leitwölfe“ sind. Oft geht Erziehung auf Kosten von Beziehung baden. Es ist sehr schwierig, da immer ein Gleichgewicht zu finden. Unsere Kinder sind ein wenig zu sehr vor dem Leben geschont und auch verwöhnt worden. Es ist schwer, das im Nachhinein auszugleichen. Aber während Kinder klein sind, kann man die ganzen Auswirkungen des Umgangs mit ihnen nun mal noch nicht so gut erkennen wie zu späteren Zeitpunkten.

Dennoch ist ihre Persönlichkeitsentwicklung sehr gut gelungen. An der Alltagstauglichkeit arbeiten wir momentan (seit fast einem Jahr) gemeinsam. Auch auf Wunsch der Kinder hin, die sich beklagten, weil sie merkten, dass sie sich etwas unselbstständig fühlten und Einiges dazu lernen wollten. Nun klagen sie über viele Aufgaben, die sie bekommen. Weil sie es gewohnt sind, dass sie ebenso verwöhnt wurden wie viele andere auch – es ist eben halt ein Teil des Zeitgeistes. Und ich hatte nicht immer das Selbstbewusstsein, einen anderen, einen eigenere Weg einzuschlagen. Vor allem, da man mich gelegentlich schon als eine Art Dompteurin oder Felddragoner bezeichnet wurde.

Ja, sie sind verwöhnt – ein Ausdruck, an dem sich viele stoßen. Sie sind an Dinge gewöhnt worden, die sie als Selbstverständlichkeit annahmen. Es ging ihnen übergut. Nun werden viele sagen: Wie passt das denn zusammen? Einerseits von Beziehung quatschen und dann sagen es ging den Kindern zu gut? Es kann einem doch gar nicht zu gut gehen!“

Doch. Das kann es. Und das ist dann wiederum gar nicht mehr gut. Ich habe viel gelernt aus den Ergebnissen meiner Erziehungsüberzeugungen. Und da wir ja noch einen kleinen Menschen hier haben, werde ich bei demselbigen etwas anders vorgehen, wenn auch der Grundsatz der Bedürfnisorientierung bleibt – ich habe gelernt, dass man sich ab drei Kindern eigene und neue Modelle überlegen muss, um diesen Grundsatz zu ergänzen.

So viel zum selbstehrlichen Fazit nach fast 14 Jahren Elternsein mit mehr Beziehung statt Erziehung.

Der individuelle Weg

Auf dem oben erwähnten Lebensweg vermitteln wir Eltern natürlich Regeln und Wertvorstellungen. Diese bilden einen Leitfaden. Der Rest ist individuelles Tempo und eine eigene Entfaltung. Diese wird  – ganz natürlich – durch die Anzahl der in der Familie lebenden Personen beschränkt. Eine One-(Wo)Man-Show kann hier bei uns keiner veranstalten. Dazu bietet eine größere Familie einfach keinen Raum. Dies kann einschränkend sein, aber das nicht nur im negativen Sinne.

Es ist ein ur-natürliches Gefüge, in einer Familie zu leben. Und diese muss nicht nur aus drei Personen bestehen. Wohl und sicher fühlen wir Menschen uns mit einem Kreis aus rund 20 bis 30 Personen. Unserem uralten Sippengefüge. Im Kern befindet sich der jeweils eigene Kreis. Drumherum sind Tanten und Onkel, da sind Großeltern und Geschwister. da sind Schwägerinnen und Großcousinen. Alle helfen mit. Äh, halfen. Heute sieht das etwas mitunter etwas anders aus in der Sozialstruktur:

Mutter+Vater+1,3 Kind(er)

Jede weitere Person, schränkt ein und bereichert, lehrt und lernt. Es ist ein sehr interessantes Wechselspiel verschiedener Aspekte.

Um Raum und Sicherheiten zu gewährleisten, legen wir Menschen Regeln fest. Auch innerhalb unserer Familien.

Wir sind viele

Klingt, wie aus einer Broschüre, hm? 😀

Unsere Haus-Regeln lauten beispielsweise (Auszug): 

  • Jeder trägt seinen Teil zum Familienleben bei. Wir teilen Spaß und Arbeit.

(Das ist mitunter echt anstrengend zu vermitteln.)

  • Unser Umgang ist geprägt von Respekt. Keine Lügen, keine Schimpfwörter.

(Respekt ist unabdingbar. Lügen und Schimpfwörter kommen jedoch vor, werden aber         sofort besprochen.)

  • Jeder darf sich entfalten. Außer er stört den Raum des Anderen.

(Das bekommen wir im Allgemeinen gut umgesetzt. Ging in der Vergangenheit aber              fast ausschließlich auf Kosten der elterlichen Räume-> verwöhnt!)

  • Vorlieben, Abneigungen und Interessen werden geschlechtsunabhängig akzeptiert.

(Das stellt überhaupt kein Problem dar. Man muss sich selbst allerdings fortlaufend               reflektieren und beobachten. Denn manches schleicht sich unbewusst ein.)

  • Niemand geht frustriert oder traurig ins Bett.

(Von meiner Mutter übernommen: Vor dem Schlafengehen wird sich                  vertragen/ausgesprochen)

Unsere Werte sind beispielsweise (Auszug):

  • Unsere Mitmenschen werden respektvoll, höflich und freundlich behandelt. Wir achten besonders auf Andere, die älter sind oder eingeschränkt. Hierbei vergessen wir jedoch nicht unseren Selbstschutz.

(Jeps, unsere Kinder bieten älteren Menschen oder Schwangeren immer einen Sitzplatz an. Sie begrüßen Gäste und beherrschen die allgemeine Etikette erstaunlich gut. Sie können sich im Notfall jedoch auch überwiegend gut verteidigen.)

  • Wir besprechen Probleme miteinander und arbeiten lösungsorientiert zusammen.

(Wir analysieren und überlegen. Irgendwie findet man immer eine Lösung. Problemverliebtheit ist nicht so unser Ding.)

  • Wir respektieren andere Menschen und sind interessiert an ihrem Leben.

(Klappt auch bestens.)

  • Glaube und Philosophie sind Elemente unseres Alltags

(Es ist nicht nur unser Augustinus mit ihrem Tischgebet. Wir reden sehr viel über Weltanschauungen, Psychologisches und Glaubensthemen verschiedener Richtungen.)

  • Wir sind ein konservativer Haufen. Mit einer guten Portion Freigeist.

(Die berühmte Wurzel-und-Flügel-Geschichte Goethes: Die klassischen Werte erden uns und so können wir getrost den Kopf in die Wolken recken. Oder könnten: Denn oft genug vergisst man die Leichtigkeit, wenn man zu lange im Alltagszahnradgetriebe steckte …)

Viele Individuen

Werte und Regeln bilden den Entwicklungsrahmen. Darüber hinaus entfalten sich unsere Kinder frei.

Wir haben oft Vorstellungen davon, wie ein Mensch sein sollte oder könnte. Es ist nicht nötig, jedes Talent zwingend zu nutzen oder jede Anlage fördern zu müssen. Kinder bringen alles mit, das sie brauchen. Wir brauchen nur ausreichendes Vertrauen in sie.

Und in uns selber.

Kinder zu begleiten bedeutet oft auch, sich zurückzunehmen. Und sie machen zu lassen. Manchmal lässt man sie dabei zu sehr alleine und manchmal begluckt man sie zu sehr. Allermeistens passiert Letzteres.

Kinder können sehr gut entscheiden, ob es zu viel oder zu wenig Begleitung ist. Es ist wichtig, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu erschaffen, in der sie dies auch mitteilen können.

„Mama, ich brauche deine Hilfe.“

ist genau so wichtig anzuerkennen wie

„Äh, das kann ich echt schon alleine, Papa!“

Wichtig ist, in sich selbst hinein zu fühlen. Wir alle tragen in uns Zweifel und Ängste. Diese zu erkennen und sorgsam mit ihnen umzugehen, ist eine große Aufgabe. Ich persönlich neige dazu, eine Glucke zu sein. Und während das bei kleineren Kindern noch auf mehr als Toleranz stößt, ist es für größere Kinder hinderlich. Also reflektiere ich:

Ein älteres, persönliches Beispiel:

„Warum möchte ich mich gluckenartig auf meine Küken setzen und immer auf sie aufpassen?“

Antwort: „Weil ich sie sicher und behütet aufwachsen sehen will. Ihnen soll nichts von dem passieren, was mir passierte.“

Lösung: Ich darf meine Ängste und Einschränkungen nicht auf meine Kinder übertragen. Also beobachte ich aufmerksam, wo ich die Grenzlinie zwischen Begleiten und Beglucken ziehe. Und zwar individuell bei jedem Kind. Und nebenbei sollte ich vielleicht noch ein wenig meine Kindheit aufarbeiten, wenn ich mir das so ansehe …

Ehrliche Selbstreflexion ist eigentlich unabdingbar. Dazu ist es sehr schön, eine/n PartnerIn zu haben, mit der oder dem man vertrauensvoll besprechen kann, was man entdeckt. Und in diesem Vertrauen sollte man auch annehmen, was das gegenüber beobachtet. Das fällt uns oft schwer, weil wir alle oftmals so tief verunsichert sind. Alles fühlt sich wie Kritik an und wenn man brav war, dann wird man nicht kritisiert: Wir sind alle Kinder klassischer Erziehung: „Brav „= Lob und „Böse“ = Sanktion.

 

Begleitung voller Aufmerksamkeit ist für mich ein Ausdruck von dem, was ich als Respekt empfinde.

Ich bin gut

Erstes Kind, zweites Kind – noch mehr Kinder

Das Kind entfaltet sich innerhalb des gebotenen Rahmens und dieser verändert sich mit wachsender Familie. Eine Familie entwickelt sich im besten Fall immer weiter.

Wie meine Mutter so schön sagte (und das kann ich trotz meiner hier und auch hier beschriebenen tief sitzenden Probleme mit ihr guten Gewissens teilen):

„Ein Kind nimmt jeden Raum ein, der sich ihm bietet. Er spürt diesen instinktiv und nimmt ihn komplett ein. Das ist seine natürliche Art und auch ein Recht: Sich Raum erarbeiten und für sich sorgen.

Als ich klein war, da war der Raum sehr eng. In den 1950ern. Da mussten Kinder schweigen, wenn Erwachsene sprachen und bekamen durchaus auch Schläge, wenn sie dies missachteten.

Heute fahren Kinder Erwachsenen und auch anderen Kindern einfach ins Wort. Die Mutter lässt sich unterbrechen und wendet sich dem Kind meist sofort zu, wenn sie unterbrochen wird. Das ist sehr viel Raum. Darüber könnte man diskutieren. Es ist aber eine Gegenbewegung zum alten Stil. Und den lehne ich eigentlich ab. Aber das Ganze muss sich noch einpendeln auf ein für beide Parteien gesundes Maß.“

Beim ersten Kind hat man oft genaue Ideen und Vorstellungen. Manchmal sublimiert man Dinge, die man selber  als Kind vermisste. Man beginnt mit dem Elternwerden auch, seine eigene Kindheit und die eigenen Eltern zu hinterfragen.

Durch das erste Kind kommt man seinen Eltern oftmals näher, fragt um Rat und bindet deren Erfahrungen mit ein. Oft hat man auch Vorsätze wie a) Das hat meine Mutter immer gemacht und ich finde es ätzend. Da mach ich glatt das Gegenteil. Oder b) Das hat meine Mutter immer gemacht und ich finde es klasse. Das mache ich auch. Man sucht Orientierung. Und diese oftmals am Anfang in Extremen.

Das zweite Kind zeigt die eigenen Grenzen der Aufmerksamkeit und Leistung auf. Während das erste die gesamte Aufmerksamkeit bekam, kann das zweite auf mehr Freiheit hoffen. Zugleich steckt es natürlich, genau wie das Erstgeborene ab der Geburt jeden weiteren Kindes, in einer Konkurrenzsituation. Auch dies prägt die Entwicklung.

Über das dritte Kind sagen viele (die kein solches haben): „Das dritte läuft so mit!“ Nein. Das tut es nicht. Und das sollte es auch nicht. Es muss ohnehin die elterliche Aufmerksamkeit gleich mit zwei anderen Kindern teilen. Und da sollte es Raum für die eigenen Bedürfnisse erhalten. Hier helfen beispielsweise feste Rituale. Und auch die Erinnerung der größeren Kinder, dass sie eben genau dies sind: Älter und größer. So kann das Jüngste erst einmal in Ruhe ein Küken sein. Das Erstgeborene hat nun zwei „unter sich“, eines davon besonders niedlich (Baby) und eines in der Mitte, das nach oben strebt während es vielleicht regrediert, um mit dem Baby mithalten zu können. Schnell wird das Erste dann „vernünftig“ und zeigt sich als erhaltendes Element im Familiengeflecht.

Kindliche Eifersucht kommt durch Konkurrenzempfinden (unter Anderem, aber es lässt sich darauf zurecht kürzen) und diesem haben wir in unserem Familiensystem immer entgegengewirkt, indem wir klarstellten: „Das Baby ist sehr klein. Es kann nicht viel und darf nicht so viel wie du. Du bist größer, kannst und darfst mehr. Wir alle wollen, dass es dem Baby gut geht. So wie es dir als Baby gut ging. Auch wenn es manchmal anstrengend ist – wir bekommen das hin! Elterliche Liebe wird niemals geteilt. Sie wird immer mehr, je mehr Kinder man hat. Liebe kann wachsen, mache dir da keine Sorgen.“

So kamen die Großen eher in eine verständnisvolle und pflegerische Position. Sie empfanden trotzdem manchmal Eifersucht und teilten diese aber dann vertrauensvoll mit. Wir haben dann immer Lösungen gefunden oder zumindest klärend gesprochen.

Die freie Entwicklung des vierten Kindes ergibt sich bei uns im Rahmen der Überbetreuung durch die gesamte Familie: Alle wollen den kleinen Süßmann kuscheln und mit ihm spielen.

Unser Nachzügler verbringt ganz bewusst jeden Vormittag bis halb Eins bei Tageseltern, die gleichaltrige Kinder betreuen. Als er dort die ersten Mal war, begriff er gar nicht, was für ein seltsamer Vorgang es war, dass ihm jemand etwas wegnahm. Er konnte sich absolut nicht dagegen wehren. Schließlich kannte er es nur so, dass ihm alles gebracht und erleichtert wird. So lernt er bereits vor dem Kindergarten mit seiner großen Gruppensituation mit anderen Kindern auch Konflikte zu erleben.

In Ruhe lassen

Unsere ersten beiden kamen mit nur 17 Monaten Abstand zur Welt. Sie spielten viel zusammen. Ich habe mich immer, wenn sie alleine zu spielen begannen, herausgezogen und auch herausgehalten. Das selbstständige Spielen zu fördern war eine meiner Prämissen. Und ich habe von unseren Kindern bis heute höchstens ein Mal im Jahr „Mir ist laaangweilig“ gehört.

In Ruhe spielen, wachsen, probieren und forschen lassen. Alle Fragen beantworten. Kein „Dafür bist du zu klein“ – weder bei Aktivitäten, noch bei möglichen Antworten.

Alle Fragen werden beantwortet. Ja, auch die peinlichen und unangenehmen. Es hilft auch hier, sich zu selbst zu hinterfragen, warum man bestimmte Dinge nicht so gerne beantworten möchte. So habe ich das zumindest immer gehalten.

Und netter Weise erhalte auch ich immer Antworten. Manchmal muss ich mehrmals nachfragen, aber irgendwann teilen sie sich doch mit. Und dann zumeist recht eloquent.

Jede Familie ist anders – jedes Kind auch

Jede Familie lebt nach ganz eigenen Vorstellungen. Und das ist großartig. Außer die Gesundheit oder sonstige Unversehrtheit der Kinder ist gefährdet – aber davon sprechen wir hier nicht. Sondern von liebenden Eltern, die das Glück der Kinder im Auge haben.

Innerhalb dieser gesunden Vorgaben wachsen die Kinder auf. Wenn man sie nicht in bestimmte Richtungen zieht, sondern eher zuschaut, welche Wege sie selber wählen, dann lernt man sie nicht nur gut kennen, sondern lernt oft auch, wie richtig sie in ihren Selbsteinschätzungen liegen.

Gibt es Leidensdruck, weil bestimmte Probleme immer wieder auftreten, dann ist man natürlich gefragt, direkt zu unterstützen. Manchmal brauchen sie einen Schubser in Richtung Selbstständigkeit, denn das ist etwas, das momentan nicht ganz oben auf der pädagogischen Liste des elterlichen Mainstreams steht. Für manche schon, klar. Aber ich nenne es bewusst Mainstream: Eine Haupt-Strömung ist das.

Kinder entfalten sie sich eigentlich von ganz alleine. Und ich sehe immer wieder Kinder – oder lese bei meinen Blogger-KollegInnen darüber – die frei aufwachsen dürfen. Dies meint keine kleinen Narzissten, um die sich eine ganze elterliche Welt dreht (und die für sie belastender Weise auch der Mittelpunkt der selben sein müssen). Sondern ganz wunderbar freie Menschen, die forschen, basteln, sich mit Matsch beschmieren, in Pfützen springen, Fragen stellen, ihr eigenes Tempo haben und sich selbst kennenlernen dürfen.

Und zum Schluss: Unsere Vier

Einzig nicht artig

Nummer 1 (13 Jahre) hat ein spannendes Spektrum zwischen schüchtern-verzagt und lauthals-für-Andere-einstehend. Sie ist unsere Jeanne D’Arc, die sich für Andere einsetzt und sich zugleich bis vor einer Weile kaum traute, im Supermarkt nach der Schlagsahne zu fragen.

Sie war als Baby ein Schreikind oder High Need Baby. Zugleich hasste sie körperliche Nähe von Beginn an. Wollte aber auch nicht abgelegt werden. Ein Teufelskreis aus malträtierten Nerven, verrücktem Glück und völliger Übermüdung. Sie schlief jedoch mit vier Monaten durch und verlagerte ihre bedürfnisintensive Art auf den Tag. Sie krabbelte mit 7 Monaten, lief mit 12 Monaten, sprach ab 18 Monaten. Davor interessierte Sprache sie wenig.

Sie war bisher immer enig romantisch, bisweilen etwas herb. Sie besitzt eine wundervolle Selbstironie und ist sehr zuverlässig. Aber sie kann auch ganz formidabel prokrastinieren. Was sie jedoch sehr genau weiß und gerne loswerden möchte. Sie bittet um Hilfe, wenn sie welche braucht und bekommt sehr viel ganz alleine hin. Ihre Umarmungen sind herzliche Klopfer, wie ich sie unter Kumpels erwarte. Zugleich ist sie sehr feinfühlig, aber nicht hypersensibel.

Sie ist gerne mit ihrer Familie zusammen und chillt gern. Sehr gern. Gute Leistungen zu erbringen macht sie sehr glücklich.

Sie findet Schminke, Nagellack und Ähnliches ziemlich affig und mag es sehr natürlich. Sie liebt Geschichte und Fremdsprachen udn hat bereits seit Jahren einen festen Berufswunsch. Sie will Lehrerin werden.

Zudem ist sie in der Pubertät und das bedeutet, wir können gespannt sein, was für ein Schmetterling am Ende herauskommt. Vielleicht ist es auch ein Bombardierkäfer. Man weiß es noch nicht ❤

Nummer 2

Sie (12 Jahre) ist romantisch und niedlich. Sie liebt süße kleine Dinge, Manga, Animes, Zeichnen und ist sehr verschmust. Sie ist hochsensibel, hatte immer Probleme in der Schule – erst wegen akuter Unterforderung, dann wegen akuten Mobbings.

Sie war ein Speikind, das stets gut gelaunt war. Und hat ab dem Kleinkindalter sehr, sehr, sehr viel geweint. Und gekuschelt. Und geweint. Sie krabbelte mit 6 Monaten, Sprachstart mit 10 Monaten, lief mit 15 Monaten. Lehrte sich das Lesen und Schreiben mit 5 Jahren.

Nummer 2 nimmt vieles persönlich, weil sie durch das Mobbing an dieser Stelle schon echt vorbelastet ist. Dieses ist allerdings gerade im Endstadium durch verschiedene Interventionen von uns und der Schule sowie einer Fachfrau einer Beratungsstelle. Und man spürt deutlich, wie sie aufblüht und sich täglich verändert. Zurück zum weitestgehend unbeschwerten Dasein.

Am liebsten ist sie in ihrem Zimmer bei geschlossener Tür und zeichnet oder liest. Oder kuschelt mit Mama.

Sie denkt dauernd nach, schläft schlecht ein und ist oft müde. Ihr Wissensdurst war durch die gesamte Kindheit riesig. Sie interessiert sich neben dem Erwähnten für Physik, Mode, Subkulturen, Geschichte, Geheimnisvolles. Sie mag Symbole und historische Anekdoten, Romantisches und Niedliches. Sie ist ein verspielter und sehr humorvoller Mensch, der Systeme auf ihre Konsequenz, Haltbarkeit und vor allem ihre Sinnhaftigkeit überprüft. Wer durchfällt, erhält von ihr eine Mitteilung. Bei Lehrern ist das sehr beliebt …

Sie will Psychologin und am liebsten gleichzeitig Mangaka (Zeichnerin japanischer Comcis/Manga) werden und steckt ebenfalls mitten in der Pubertät. Sie ist, wie ihre große Schwester, sehr hoch gewachsen und hat mich bald größenmäßig eingeholt (ich bin 1,72 Meter).

Nummer 3 bezeichnet sich gerne als „Tom Boy“, obwohl ich ebenso gerne darauf hinweise, wie schwierig ich Etikettierungen finde. Aber sie ist 9 Jahre alt und braucht dieselbigen. Sie liebt Motorräder, Baumaschinen, Barbies, ronantische Kleider, coole Lederjacken, Hulk und Tiere. Sie ist eine Idealistin – genau wie ihre beiden Schwestern.

Ihre Lieblingsbeschäftigung ist das Nachstellen einer 80er-Jahre-Kindheit wie ihre Eltern sie hatten. Und das ist großartig: Sie ist dauernd draußen, bei jedem Wetter und nie alleine. Sie hat so ein Freundinnengrüppchen, mit dem sie klettert, schaukelt, baut und rutscht. Sie tauchen in phantasievolle Spiele ein, lachen viel und stromern mit den Rädern durch die Gegend.

Sie will Kriminalkommissarin werden und unbedingt eine Harley besitzen.

Sie trägt ihr Haar gerne kinnlang und asymmetrisch geschnitten. Einfach cool eben. Ihr Vorname bedeutet „Amazonenkönigin“ (Nein, sie heißt nicht Xena …) und das passt so richtig gut zu ihr.

Sie krabbelte mit 9 Monaten, sprach ab 11 Monate, lief mit 17 Monaten. Sie sprach mit zweieinhalb ganze Sätze mit Nebensätzen und startete das religiöse Philosophieren in der Tat im zarten Alter von drei Jahren.

Nummer 4 ist ein herzensguter kleiner Mann mit einem unfassbaren Spachvermögen.

Er kann sehr sympathisch frech sein und das dann aber mit dem passenden Grinsen. Er genießt in vollen Zügen dieses Meer von Liebe, das ihn umgibt. Er wird von einer Bekannten gerne „Glücks-Baby“ genannt und das passt. Er war ein High Need Baby und ist auch immer noch recht needy. Aber durch ungezählte Stunden des Tragens, Singens, Kuschelns und Sich-Beschäftigens ist er voller Urvertrauen.

Was nicht heißt, dass er nicht vorsichtig und bisweilen ängstlich ist. Er spricht seit er 8 Monate alt ist immer mehr. Er hat kaum noch Hilfslaute („g“ ausgesprochen wie „d“ oder Ähnliches). Sätze mit Nebensätzen sind kein Thema für diese Quasselstrippe. Er denkt viel nach, teilt seine Gedanken mit und ist gleich zwei Minuten später wieder total albern.

Zwischen „Ich vermute, es ist keine so gute Idee, was du da machst“ und „Mama, du Achn-Kachn-Äch-Dächn, bist du ein Bagger?“ liegen manchmal nur Sekunden …