Liebe Ausländerfeinde

Es ist mittlerweile kaum noch von der Hand zu weisen, dass es in Deutschland einen ganzen Haufen von Menschen gibt, die Fremde nicht besonders gerne mögen. Vor allem nicht die Art von Fremden, die zu uns kommen, weil sie irgendetwas brauchen (oder „wollen“).

Diese Menschen fabulieren sich zusammen, dass ihnen ihr Hartz 4 gekürzt wird, damit es an die ganzen fiesen Flüchtlinge ausgeschüttet wird. Oder dass die Fremden ihnen bald ihren prekären Job wegnehmen werden. Oder ihnen ihre sonstigen Sozialleistungen streitig machen.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich kann das verstehen! Wenn ich außer dem Glück, in Deutschland in ein funktionierendes Sozialsystem geboren worden zu sein, auf der Habenseite auch so wenig zu vermelden hätte, würde ich mir auch Gedanken machen. Das sind halt größtenteils nicht die Globalisierungsgewinner, die hier Angst vor Kriegsflüchtlingen aus den Krisenherden dieser Welt haben.

Wobei, eigentlich haben sie ja Angst vor den fiesen Wirtschaftsflüchtlingen aus Albanien und so. Dabei wollen die doch eigentlich das gleiche wie sie: Unterstützung vom deutschen Staat, weil sie aus irgendwelchen Gründen mit dem, was sie selbst erwirtschaften können, nicht glücklich werden. Dabei haben die Flüchtlinge ihnen eigentlich sogar etwas voraus – denn sie haben es immerhin trotz widriger Umstände in ein neues Land geschafft, um einen Neuanfang zu wagen. Der ihnen ja auch noch sehr, sehr häufig verwehrt wird.

Ich kann absolut verstehen, dass wir kritisch prüfen wollen, wem wir hier Schutz gewähren. Allein schon damit der Schutz, den wir geben können, auf die Bedürftigsten verteilt wird. Ich kann aber nicht verstehen, wie sehr hier eine Alltagsfremdenfeindlichkeit vielleicht nicht salon-, aber doch immerhin stammtischfähig ist.

Deshalb habe ich mir überlegt, wie sich das Problem lösen lässt. Das ist nämlich eigentlich sehr, sehr einfach.

Liebe Ausländerfeinde, Ihr habt Angst vor der Überfremdung? Davon dass Euer Stadtteil von den falschen Menschen annektiert wird? Das ist blöd, denn wir Deutschen kriegen ja nun mal viel zu wenige Kinder. Wir brauchen die bösen Fremden sogar, insbesondere die, die besser qualifiziert sind als Ihr. Sonst geht das hier mit der schönen Wirtschaft, die Euch zwar fast abgehängt, aber immerhin nicht hängen gelassen hat, nicht ewig so weiter.

Deswegen möchte ich Euch einen Rat geben:

Bekommt doch erstmal drei, vier stramme deutsche Kinder. Sorgt dafür, dass diese optimal ausgebildet sind und produktive Mitglieder der deutschen Volksgemeinschaft werden. Und dafür, dass Ihr dabei der deutschen Volksgemeinschaft nicht auf der Tasche liegt, sondern Euren Beitrag leistet.

Ich kann Euch sagen, das ist ziemlich anstrengend. Kostet ziemlich viel Zeit. Und Nerven. Ihr werdet dann gar keine Zeit mehr haben, Flüchtlingsheime anzuzünden und blödsinnige Parolen zu rufen. Oder das Internet mit Hasskommentaren vollzuspammen.

Aber Ihr werdet das gar nicht mehr vermissen, weil die Flüchtlinge plötzlich keine Bedrohung mehr sind, sondern Menschen, die Hilfe brauchen.

Ihr habt doch nur Angst, das Mama Euch ein kleineres Stück Kuchen gibt. Backt Euch doch selber einen Kuchen. 

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Warum „Heul doch“ nicht die richtige Antwort auf die Frage ist, ob man in der Elternzeit verreisen darf

Eigentlich wollte ich das hier als Facebook-Kommentar veröffentlichen, aber am Ende wurde es dann doch zu lang. Es geht um einen Kommentar zu folgendem Artikel:

DIE ELTERNZEIT IST NICHT ZUM VERREISEN DA!

Sowohl auf Facebook als auch in den Kommentaren selbst lässt sich der Tenor ganz gut mit „Heul doch!“ zusammenfassen. Größere Teile der Zielgruppe „Eltern“ sind offensichtlich not amused über diesen Artikel. Was mich ein wenig wundert …

Hintergrund meiner Verwunderung ist folgender: Es ist doch eine Tatsache, dass die Einführung des Elterngeldes die staatlichen Zuwendungen für Gutverdiener bis zu versechsfacht hat, während gleichzeitig die weniger gut gestellten nur noch die Hälfte bekommen.

(Vergleiche Elterngeld vs. Erziehungsgeld)

Jetzt müssen sich die Ärmeren (wobei sich jede Familie mit mehr als zwei Kindern quasi unabhängig vom Einkommen zu dieser Gruppe zählen muss, da vermutlich nicht beide Partner werden voll verdienen können und somit nur geringe Teile des Elterngelds abgeschöpft werden können) anschauen wie die Profiteure dieser Regelung mit staatlicher Unterstützung nach Bali fliegen. 🙂

Im Ernst: Individuell kann ich absolut nachvollziehen, dass man eine solche Möglichkeit nutzt. Und natürlich hat jeder deutsche Bürger das Recht, die staatlichen Transferleistungen zu nutzen, die ihm zustehen. Wozu natürlich das Elterngeld zweifelsohne gehört.

Was ich aber ein wenig vermisse ist ein Kommentar zum zweiten Tenor des Artikels – nämlich der Frage, ob Väter einen korrekten Eindruck vom Leben als „Verantwortlicher für ein Kind“ bekommen, wenn sie diese im Urlaub verbringen. Ich denke nämlich, dass sie das nicht tun. Viel zu oft sehe und höre ich noch in meinem Umfeld, wie Väter den „Ernst des Lebens“ vollumfänglich auf ihre Partnerinnen abladen.

„Abends mal ausgehen? Klar, mach ich gerne, aber Du?? Dann bin ich ja mit den Kindern alleine!“

„Wie jetzt, ich soll am Wochenende bei der Hausarbeit helfen?“

„Neee Kochen hab ich es jetzt nicht so mit …“

Die Beispiele sind jetzt fiktiv und überspitzt, aber ich hoffe der Gedanke wird klar. Von daher finde ich die Autorin tut recht darin zu kritisieren, dass Väter per Elternzeit die Vaterschaft als Halligalli erleben, denn ich habe Neuigkeiten: Eltern sein ist oft gerade nicht Halligalli. Und das hat jetzt nichts damit zu tun, das Oppa von vorm Krieg seine Bollerwagen-Geschichten erzählt. Selbst meine liebe Frau und ich erleben Situationen, in denen wir uns über die Lebenswelt des jeweils Anderen wundern. Wobei ich sagen muss dass sie meine besser versteht, da sie mal mit mir gearbeitet hat für 1,5 Jahre. Mütter werden eh viel zu oft herabgesetzt, sei es gesellschaftlich oder in einer Beziehung, und ihnen wird das Gefühl vermittelt dass ihr Job wenig Anerkennung wert sei und sie sich lieber eine „richtige“ Arbeit suchen sollten. Wie soll sich das jemals ändern wenn Väter jetzt die einzige Gelegenheit, den Alltag ihrer Partnerin zu erfahren, als Urlaub erleben? Ach ja, soll sich ja gar nicht ändern, denn Familienpolitik ist Wirtschaftspolitik.

Disclaimer: Bei Nummer 1 und 2 war ich noch Student und habe im Home Office gearbeitet, das ist nah an der echten Elternzeit.  Bei Nummer 3 und 4 war ich Vollzeit berufstätig und wir konnten uns eine Elternzeit nicht leisten, da das unser Familieneinkommen zu stark belastet hätte. Ich weiß also nicht wovon ich spreche. 

Muss man ein religiöser Spinner sein, um Abtreibungen abzulehnen?

Wir versuchen ja eigentlich kontroverse Themen (richtig kontroverse Themen, nicht so was wie „eigentlich ist die Familienpolitik vielleicht ein bißchen doof“) hier mehr oder weniger zu vermeiden. War zumindest in der Vergangenheit so die Leitlinie dieses Blogs, zum Guten oder zum Schlechten. Soll ja schließlich Spaß machen hier.

Aktuell hält mich jedoch ein Artikel der Welt von diesem Grundsatz ab. „Hasskampagne gegen Abtreibungsklinik“ heißt es da, und erzählt wird eine nette Geschichte von christlichen Fundamentalisten und Polit-Pariahs, die sich gegen eine arglose Klinik zusammengerottet haben.

Nun ist es ja politisch in Deutschland durchaus vertretbar, nicht gegen Abtreibungen zu sein, und ich gebe zu dass ich mit 16 auch noch der Meinung war dass die Freiheit der Frau über einem „Zellhaufen“ stehen würde. Diese Zellhaufen-Argumentation ist ja sowieso der Kern jedweder Befürwortungsargumentation – denn wenn man den ungeborenen Menschen nicht auf seine biologischen Bestandteile herabwürdigt ist jedes Argument pro Abtreibung ohnehin hinfällig. Übrigens bin ich bis heute nur ein Zellhaufen. Ein ziemlich großer vielleicht, aber im Grunde genommen …

Jetzt stört mich an diesem Artikel vor allem die Zwangsverbindung zwischen christlichen Fundamentalisten (das sind doch die, die schwulen Soldaten aufs Grab pinkeln, oder?) und dem politisch rechten Rand mit dem Thema Abtreibung. Wie zahlreiche Leser auch in den Facebook-Kommentaren bemerken, ist diese Verbindung unzulässig.

Ich verstehe insgesamt nicht so ganz, warum das Thema immer so emotional behandelt wird. Im Grunde genommen ist es doch sehr einfach: Selbstverständlich ist eine Abtreibung moralisch nicht vertretbar, weil sie dem Kind sein Recht auf Zukunft nimmt. Dieses Recht steht aus einer ethischen Perspektive über den Wünschen der Mutter oder des Vaters, denn finanzielle Probleme und sogar weitaus größere Sorgen können natürlich nicht dieses Recht „überschreiben“, nur weil man 30 Jahre mehr auf dem Buckel hat als der andere und 160 cm plus größer ist.

Jetzt sind mir die feministischen Implikationen dieses Themas durchaus bekannt und ich bin bereit Grenzfälle wie die Schwangerschaft nach einem sexuellen Übergriff anzuerkennen (wobei eigentlich das Kind ja nichts dafür kann). Trotzdem ist jede Argumentation pro Abtreibung am Ende allein opportunistisch – was ja keine Schande ist, wir sind ja alle Menschen und verhalten uns nicht immer moralisch. Ich habe ja schon mal geschrieben, dass ich Vegetarismus für ethisch ähnlich zwingend halte (auch wenn es da „nur“ um Tiere geht) – und trotzdem nur auf Konsumreduktion setze. Mir stößt es nur immer sauer auf, wenn Leute irgend etwas künstlich aufbauschen um ihre eigenen Fehler zu überdecken.

Also, noch mal zum Mitschreiben: Man braucht kein Evangelical oder Nazi zu sein, um gegen Abtreibung zu sein, liebe Welt.

Ein paar Gedanken zu Kindern und Karriere …

Das Thema der Woche ist ja irgendwie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als halbwegs Unbeteiligter zum Thema möchte ich auch einmal ein paar Gedanken teilen (Vollzeit-Berufstätige männlichen Geschlechts sind in der Debatte ja bis dato noch etwas leise).

Ich finde es sehr gut, dass die aktuelle politische Linie (beide Elternteile sollen am besten Vollzeit berufstätig sein, einschließlich der entsprechenden ideologischen Abwertung der Erziehungsarbeit) einmal öffentlich hinterfragt und aufgebrochen wird. Ich weiß nicht genau, ob ich es hier schon mal erwähnt habe, aber ich halte ja die Notwendigkeit der möglichst baldigen Rückkehr in den Beruf für einem der wichtigsten Gründe, warum Familien heute nur ein oder zwei Kinder bekommen. Schnell wieder zurück, und dann sofort wieder raus? Na das wird dem Chef aber nicht gefallen …

Für Frauen gibt es jedoch keine wirklich legitime Alternative, da entweder die (mindestens gefühlte oder reale) wirtschaftliche Notwendigkeit sowie Peer Pressure das Dasein als Mutter vergleichsweise unattraktiv machen.

Außerdem finde ich, dass die aktuelle gesellschaftliche Fixierung auf Karriere und materiellen Status irgendwo auch überschätzt wird. Und das sage ich als jemand, der diese Anforderungen irgendwo doch selbst ein wenig erfüllt. Wenn ich mir meine ehemaligen Schulkameraden und Kindheitsfreunde anschaue, so gibt es doch einige, die in den letzten Jahren sicherlich etwas weniger Energie in das Pushen ihrer Karriere investiert haben als ich. Dementsprechend erfülle ich das Klischee des „erfolgreichen Berufslebens“ deutlicher als diese. Aber: diese Menschen haben Hobbies und sehen ihre Freunde! Mein Leben ist mit Familie, Haus und Job sowie noch der Beziehungspflege mit meiner Frau komplett voll (eigentlich überfüllt). Sollten wir uns jetzt besser noch einen Vollzeitjob in unser Leben „quetschen“?

Wenn es aber keine zwei Vollzeitjobs gibt in einer Beziehung, dann ist es vollkommen klar, das einer der Partner beruflich zurückstecken muss. Ich finde ja auch so Modelle wie „sich zu zweit einen Vollzeitjob teilen“ sehr schön. Aber selbst das, das muss klar sein, ist eine Karriereeinschränkung – was nicht einmal diskriminierend ist. Vielmehr wäre es diskriminierend zu einer vergleichbar erfahrenen Vollzeitkraft zu sagen:

„Die Fähigkeiten und die Erfahrung, die Du Dir in XY Berufsjahren erarbeitet hast, kann man sich eigentlich auch in der Hälfte der Zeit erwerben!“

Das gilt natürlich nur für qualifizierte Knowledge Worker, aber um die geht es ja auch. Denn vornehmlich die haben ja heute die echten Aufstiegschancen, die man gemeinhin als Karriere bezeichnet …

Also, auch die Teilzeit-Managerin oder der Teilzeit-Manager werden vermutlich nicht die gleichen beruflichen Entwicklungen durchmachen wie ihr Vollzeit-Partner.

Ich glaube übrigens gar nicht, dass der durchschnittliche mittlere Angestellte in Deutschland unbedingt immer weiterkommen will auf der Karriereleiter. Manche schon – klar – aber Otto Normalverbraucher will vermutlich eigentlich nur mehr Geld. 🙂 Und hier sieht man am Ende wo aus meiner Sicht der Hase im Pfeffer liegt: Vielen Familienplänen steht vor allem die Tatsache im Weg, dass man plötzlich mit dem Gehalt von 1 bis 1,5 Arbeitsstellen auskommen muss, während die Kosten wachsen. Da kann man noch so sehr argumentieren, dass Kinder ja Privatvergnügen sind – ein Staat, der die Zahl der Kinder steigern möchte, müsste hier zugunsten von Familien viel deutlicher eingreifen.

Das sage ich jetzt weniger für uns – wir leisten uns ja ohnehin den Luxus, vier Kinder zu haben. Aber solange man als junge Eltern den zahlreichen Vergnügungen der DINK-Freunde nur mit tapferem Lächeln hinterher blicken kann, weil die Entscheidung für eine Familie wenigstens aus materieller Sicht in Deutschland immer falsch ist, so lange werden doch die familienpolitischen Ziele der Regierung eigentlich nicht erfüllt.

Am Ende geht es doch häufig um die Kohle, nicht um die Karriere.

Breaking News: Kinder kosten Geld

Heute war in mehreren Leitmedien zu lesen, dass deutsche Eltern immer mehr Geld für ihre Kinder ausgeben. Durchschnittlich 584 Euro im Monat pro Kind. Allerdings einschließlich erhöhter Kosten für Wohnung, Energie und so. Interessant ist an diesen Artikeln eigentlich nur sie Tatsache, dass zwanghaft eine News daraus kreiert wird. Plötzlich ist es erstaunlich, dass Eltern mehr Geld für Kinder ausgeben, wenn sie nur ein Kind haben, die Kinder älter sind oder sie selbst wohlhabend sind.

Wow – Überraschung. Wer mehr Geld hat gibt auch mehr aus. Und teilweise eben für die Kinder. Ich glaube die 6,5 Prozent Zuwachs sind allein der direkten und schleichenden Inflation geschuldet (ohne das jetzt nachgerechnet zu haben). Aber zwei Dinge fielen mir immerhin auf:

a) das Geheule einiger (vermutlich) Kinderloser in den Kommentaren, dass man von dieser Rechnung ja noch das übermäßig hohe Kindergeld abziehen müsste (weil sie die blöden Familien ja soooo sehr subventionieren würden)
b) die Erkenntnis das man sich den Spaß erstmal leisten können muss – 1800 Euro für beispielsweise drei Kinder muss man ja auch erstmal haben

Irgendwie gehen diese beiden Punkte ziemlich weit auseinander – warum können sich denn nur wohlhabende viele Kinder leisten, wenn die Kinderlosen eigentlich doch alles bezahlen? 🙂

Na ja, insgesamt eine eher langweilige Story aus dem PR-Hirn des Statistischen Bundesamtes. So langweilig, dass ich fast nicht darüber gebloggt hätte.

Vegane Disruption

Vor einiger Zeit (hüstel) hatten wir bei uns den traditionellen Osterbrunch. Meine Schwester, die bei einem großen Konzern arbeitet, erzählte dabei von ihrem letzten Meeting mit einer Agentur. Die Kollegen haben wohl mittags, wenn es – wie bei einem ganztägigem Meeting üblich – etwas zu essen gab, einfach ihre Tupperdosen ausgepackt. Begründung: Sie seien ja Veganer. Bis auf einen, der war noch „nur“ Vegetarier. Es war ihm aber schon recht peinlich – kein Wunder bei dem missionarischen Eifer, den seine Kollegen auch im Meeting (!) an den Tag legten.

„Vegane Ernährung ist wesentlich gesünder als vegetarische Ernährung“, meinten sie zu meiner Schwester, die seit bald 30 Jahren Vegetarierin ist. „Du musst Dir mal einen Grünkohl-Smoothie machen, das ist eine richtige Vitaminbombe ganz ohne tierische Zutaten. Wer das nicht packt, kann sich ja etwas Mango dazutun …“

Hmm. Ja. Klingt überzeugend, vielleicht versuche ich das auch mal. Mit einem leckeren Ingwerkeks dazu. Aber wenn ich das mache, tue ich es auch in eine Tupperdose und nehme es zum nächsten Meeting mit. Das macht ja sonst keinen Spaß, wenn es keiner mitbekommt.

(Mir ist schon klar, dass die das mitnehmen müssen weil es selten was Veganes zu futtern gibt in einem Meeting)

Ich beobachte den ganzen Veganismus-Trend schon seit geraumer Zeit mit dem geübten Misstrauen eines Menschen, der in seinem Leben selten zur Mode gepasst hat. (Randgruppen und so – Ihr erinnert Euch …)

Vor zehn Jahren war man als Vegetarier noch fast ein Aufreger, jetzt, wo wir das Vegetariertum aufgegeben haben, ist plötzlich Veganismus Pflicht. Kurze Erklärung dazu übrigens: Ich halte Vegetarismus bis heute für die moralisch bessere Variante gegenüber Fleischkonsum. Aber wir haben schlicht und ergreifend keine Zeit, die Ernährung für ein Drittel Dutzend Kinder so perfekt auszutarieren, dass wir eine mangelfreie fleischlose Ernährung sicherstellen können. Vegetarier sein gehört somit im Prinzip zu den zahlreichen Hobbies, die wir wegen der Kinder erstmal hintenan gestellt haben.

Zurück zum Thema: Vegan sein ist jetzt en vogue. Ich habe dazu eine Theorie, die ich vor kurzem Disruptionszyklus getauft habe. Dieser läuft ab wie folgt:

1. Eine Gruppe von Individuen innerhalb einer Gesellschaft möchte ein Verhalten an den Tag legen, das den Werten der Mehrheit widerspricht. Beispielsweise offen homosexuell sein, sich scheiden lassen oder die Kinder nicht taufen lassen. Wichtig an dieser Stelle: Es muss um moralisch relevantes Verhalten gehen, damit der Zyklus greift. Die Farbe der Krawatte zählt (meistens) nicht.

2. Die Mehrheit fühlt sich von den Abweichlern bedroht und übt sozialen Druck aus. Das kann deutlich sein oder auch subkutan – in jedem Fall wird die Gruppe gezwungen, Stellung zu beziehen. Ein Teil kippt um und passt sich an, eine Minderheit radikalisiert sich und peppt ihre Abweichung mit einer Ideologie auf.

3. Die radikale Minderheit wird (in einer nicht-fundamentalistischen Gesellschaft) zwar ein wenig ausgegrenzt, aber toleriert. Früher wurde das natürlich auch mal etwas deftiger gehandhabt. Im Laufe der Zeit wird ihre Position auch der Mehrheit vertrauter und verliert einen Teil ihrer Radikalität – sie nähert sich der Mitte an (bzw. die Mitte nähert sich ihr an).

4. Die Mehrheit ist nun mit der radikalen Position vertraut und sieht sich nicht mehr genötigt, großen sozialen Druck auszuüben. Das Neue ist jetzt nicht mehr das Neue, sondern das Bekannte – kein großer Aufreger mehr, aber auch nicht relevant für die meisten Leute.

5. Junge, andersdenkende Mitglieder der Gesellschaft wenden sich der ehemals radikalen Position zu und nehmen sie für sich ein, da man ja nicht mehr so radikal sein muss, um sie zu vertreten. Da es nicht mehr allzu viel Gegendruck gibt, kann sich die neue Position besser verbreiten und erstmals Traktion gewinnen, wie wir Dengländer sagen.

6. Die ehemalige Mehrheit sieht sich erhöhtem Druck ausgesetzt, da die Radikalen scheinbar in der Überzahl sind. Das wird heute auch unterstützt durch die Tendenz der Medien, dauernd neue Säue durchs Dorf zu treiben – die Retro-Radikalen sind vielleicht so zahlreich nicht, aber sie erhalten überproportionale Aufmerksamkeit. Das Ergebnis: Die Konservativen („stabile Inseln“) radikalisieren sich und lehnen die neue Ideologie wieder lautstärker ab. Plötzlich haben sie das Gefühl, die Radikalen zu sein.

Das ist zwar ein wenig holzschnittartig umrissen, aber gar nicht so verkehrt, oder? Ich denke für dieses Modell lassen sich schon ein paar Anwendungsbereiche finden, beispielsweise …

  • … Menschen die sich taufen lassen wollen (1. Jhd.)
  • … Eltern die ihre Kinder nicht schlagen wollten (12. Jhd.)
  • … Frauen die ihre Fußspitzen zeigen wollten (13. Jhd.)
  • … Menschen die aus Liebe heiraten wollen (19. Jhd.)
  • … Frauen die ihre Knöchel zeigen wollen (frühes 20. Jhd.)
  • … Menschen die ihre Kinder nicht mehr taufen lassen wollen (zweite Hälfte 20. Jhd.)
  • … Frauen die Auto fahren wollen (zweite Hälfte 20. Jhd.)
  • … Männer die keine Soldaten mehr sein wollten (zweite Hälfte 20. Jhd.)
  • … Beatmusik
  • … Rockmusik
  • … Sado-Masochismus

Ich glaube das Modell passt doch noch besser als zuerst gedacht. Was fällt auf? Früher waren es vor allem Religion und Moral, über die so gestritten wurde, heute ist es Lifestyle (Musik, Sex, Essen). Dabei heißt es doch eigentlich Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral … 😉

Full-Service-Eltern

Ich habe es ja vielleicht schon mal angedeutet – das Leben in einer großen Familie ist unfair. Dementsprechend erwarten wir von den drei Großen, dass sie auch ein wenig mit anpacken. Leider haben wir mit dieser unzeitgemäßen Initiative nur mäßigen Erfolg. Zwar bringt die Gegenseite nur selten schlagkräftige Argumente vor* („Boa, der Paul muss aber gar nicht im Haushalt helfen! Und der hat auch einen eigenen Beamer im Zimmer!“) – doch wo sie durch Rhetorik nicht zu punkten vermögen, setzen sie halt auf Sturheit. Jede Aufgabe, die wir ihnen zuteilen, wird entweder …

  • … nur in der Fantasie ausgeführt („Ja, ich hab das gemacht, Mama!“)
  • … künstlich verzögert und in die Länge gezogen („Ich gucke eben noch fertig hier …“)
  • … mit den Schwestern lautstark ausdiskutiert („Aber nur wenn Nummer 3 mir dabei hilft!“)
  • … oder so stümperhaft ausgeführt, dass man sich am Ende wünscht, man hätte es direkt selbst erledigt. („Wie jetzt – das hier ist Eure saubere Küche???!!!“)

Meine Frau und ich haben oft darüber diskutiert, was wir falsch machen. Einen (erheblichen) Teil der Problematik schiebe ich gerne auf kindliche Faul- und Sturheit. Ein anderer Teil ist aber auch einfach Zeitgeist – wie sagt unser neuer Lieblingsteenie Axl (The Middle) so schön:

„Warum habt ihr denn Kinder bekommen, wenn Ihr nichts für sie tun wollt?“

Tjaja, vielleicht wollten wir ja einfach Kinder, ohne für sie das Full-Service-Hauspersonal geben zu wollen? Ich bin jetzt schon mehrmals auf das Thema „Was sollte man Kindern eigentlich bieten können/ wollen“ gestoßen (beispielsweise hier und hier), und ich frage mich langsam welche Rolle Eltern heute eigentlich noch zugedacht ist. Was ich damit sagen will? Ich habe irgendwie das Gefühl, dass der Zeitgeist heute von Eltern Unmögliches erwartet – sie sollen (Qualitäts-)Zeit für die Kinder haben, aber sie Vollzeit betreuen lassen und die dicke Kohle mit nach Hause bringen (beide natürlich), sie sollen ihnen zahlreiche Hobbies ermöglichen, Fernreisen, Luxus-Gadgets und mehr – und ihnen gleichzeitig noch klaglos hinterherräumen, für gefüllte Kühl- und Kleiderschränke sorgen und bei der Pflege sozialer Kontakte unterstützen.

Works_Progress_Administration_maid_posterSo zusammengefasst klingt das wie – die Simulation des adligen Lebensstils des 19. Jahrhunderts. Nicht umsonst sind Kronen wohl eine beliebte Deko für Kinderzimmer. Seht her, wir haben unseren kleinen Prinzen/ unsere kleine Prinzessin geboren, nun ist sie unser einziger Lebensinhalt! Und damit klein Prinzchen auch seine einzige Aufgabe erfüllt, muss er sich immerhin repräsentativ arrangieren lassen. Nicht mit seinem Verhalten – nein! denn die deutschen Zeitgeist-Eltern wagen es ja nicht ihm Vorschriften zu machen! – sondern mit seiner Erscheinung und insbesondere seinem vorausgewählten Konsumstil. Im erwähnten 19. Jahrhundert war der livrierte Diener sehr schick, denn er hatte die folgende Aussage:

„Seht her, sogar mein Personal ist so unpraktisch gekleidet, weil es nicht arbeiten muss, sondern selbst Personal hat!“

Daran fühle ich mich dann und wann erinnert – denn wir haben es ja so gut, dass sogar die kleine Prinzessin Designerkleidung trägt. Obwohl sie in sechs Monaten rausgewachsen ist. Egal – wir haben es ja und zeigen es gern. Es ist zwar etwas teurer, aber dafür ist man unter sich …

Die Eltern hingegen, sollten sie mal von Anwandlungen des Unwillens betroffen sein, kriegen vom Zeitgeist dann folgendes zu hören:

„Aber ihr habt Euch doch für Kinder entschieden!“ (Also müsst Ihr auch alles klaglos hinnehmen, was diese Entscheidung so mit sich bringt!)

Ich bin mir sicher, dass es viele Gegenbeispiele gibt. Aber es gibt auch ebensoviele Beispiele für genau dieses unterwürfige, dienende, konsumstimulierende Verhalten gegenüber den eigenen Kindern, dass mir diese Gedanken nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Bei uns haben wir die Problematik gestern folgendermaßen abgearbeitet: Meine Frau war frustriert, weil unsere Kinder trotz immenser pädagogischer Anstrengungen gefühlt gar nicht so viel sozialer funktionieren als meine oben karikierten Prinzchen. (Hier noch mal kurz an den Anfang des Posts schauen 😉 )

Daraus leitete sich für sie ab, dass sie ja ihren Job nicht gut gemacht hätte – denn statt selbstständigen Wesen, die auch einen Beitrag im Familienleben leisten, sind sie notorische Drückeberger, wenn es um Arbeit geht.

(Die Tatsache, dass wir schon hundertmal gehört haben, dass unsere Kinder auffallend gut erzogen, empathisch, sozial und hilfsbereit sind, ignorieren wir in solchen Momenten des Frusts geflissentlich)

Nachdem ich eine Weile über diese Selbsteinschätzung nachgedacht hatte, wurde mir klar, was passiert ist. Also meinte ich zu meiner Frau:

„Du brauchst nicht zu glauben, dass Du bei der Erziehung einen schlechten Job gemacht hast. Du hast Dir nur die falschen Ziele gesetzt . Du hast unsere Kinder dazu erzogen, möglichst angenehm für sich selbst und für ihre Umwelt zu sein. Aber Du hast sie nicht dazu erzogen, angenehm für Dich zu sein. Von daher hat eigentlich alles perfekt funktioniert.“

Sie war über diese Aussage nicht wirklich amused – dankte mir aber für die Zusammenfassung. Was war jetzt die Moral von der Geschicht? Der Zeitgeist arbeitet schon gegen uns – da sollten wir es selbst nicht auch noch tun. 

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*Nummer 2 hat immerhin schon eine Umfrage unter ihrer Peer Group gestartet, um uns zu beweisen, wie unangemessen diese Forderung ist. Das (äußerst vielsagende) Ergebnis: 1 Befragte gab an, mehr als unsere Mädels machen zu müssen, die anderen hingegen mussten eigentlich nichts machen (sporadisch das Zimmer aufräumen – das zählt bei uns nicht). Erstaunlicherweise hat die 1 High Performerin auch 3 Geschwister …