Die Mutter-Kind-Kur, Epilog

Wie angekündigt schreibe ich nun, wie es nach der Rückfahrt von der Kur mit Reifenpanne weiterging.

Wir warteten also zwei Stunden auf den ADAC, es war inzwischen kalt und dunkel, der gelbe Engel telefonierte im Auto mit der Zentrale, um abzusprechen, wie es nun weitergehen sollte.

Einen Mietwagen wollte ich nicht, weil a) Nerven am Ende und keine Lust auf noch über 2 Stunden Fahrt mit 4 Kindern, die allesamt Hunger hatten. Wie ich auch. Und weil b) im Mietwagen kein passender Autositz für Nummer 4 sein würde und ich den Reboarder nicht im Dunkeln und ohne Anleitung würde umbauen können und weil c) ich nicht am kommenden Tag wieder 5 Stunden Fahrt erleben wollte, um mein Auto abzuholen und gegen den Mietwagen zu tauschen.

Ich klopfte an die Scheibe des ADAC-Mannes und teilte ihm die Sachlage mit. Er nickte und berichtete dem Menschen in der Zentrale.

Als er ausstieg teilte er mir mit, dass man für uns ein nahes Hotelzimmer suchen würde und wir dann morgen mit ausgetauschten Reifen zurückfahren könnten. Ich stimmte zu und folgte dem gelben Wagen im Schneckentempo zur nächsten Werkstatt. Dort informierte ich Mr. Essential und der schwang sich in Richtung Bahnhof aus dem Haus:

„Wir freuen uns schon seit drei Wochen auf diesen Tag, an dem wir wieder alle zusammen sind. Ich habe eine BahnCard – ich komme nach Paderborn.“

Ich telefonierte mit dem ADAC-Zentralen-Mann, um mitzuteilen, was genau für eine Unterkunft wir denn brauchten:  Fast alle Hotels waren wegen des Weihnachtsmarktes ausgebucht und unsere Ansprüche (6 Personen inklusive Kleinkind, das Babybett braucht) erschwerten die Suche.

Derweil versorgten sehr liebenswürdige Werkstattmitarbeiter*innen meine Kinder mit Gummibärchen und Malblättern. Es dauerte wieder eine kleine Ewigkeit, bis es weiterging. Ich telefonierte mehrere Male mit dem ADAC-Zentralen-Mann, der sein Bestes tat, ein Hotel für uns zu finden und dann mit einem Taxiunternehmen nach dem anderen: Keines hatte einen Wagen mit Kindersitz. Also absolut keines.

Letztlich blieb mir nichts übrig: Ich musste den Sitz von Nummer 3 (Sitzerhöhung mit Rücken- undKopfschutz) nehmen, sie so wie möglich einstellen und Nummer 4 reinsetzen. Nummer 3 kam auf eine eingebaute Sitzerhöhung.

Luxus pur, fast gratis

Der Taxifahrer schlich dann mit 40 km/h los und brachte uns in das Vier-Sterne-Hotel, in dem wir die Nacht verbringen würden.

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Das Fenster vom Bad ins Zimmer war prima um beim Duschen fernzusehen – ein Lautsprecher lieferte den Ton dazu …

Wir checkten ein, verteilten uns auf die drei Zimmer und trafen uns dann alle in meinem Zimmer. Ich schaltete den Fernseher ein – eine seltsame Erfahrung (ich tue das ja höchstens ein Mal im Jahr) und kaum saßen wir, wuselte Nummer 4 herum, fummelte alles interessiert an, klaubte den Kuli vom Schreibtisch, wollte damit die Wand bemalen und so weiter. Ich atmete ruhig in den Bauch, um nicht in Stress zu verfallen …

Für ihn stand ein Reisebett (auf dem Bild rechts zu sehen) am Fußende des Bettes. Ich fragte mich, wie wir da nachher gut einschlafen sollten. Denn ich würde nicht um 20 Uhr müde sein – Nummer 4 jedoch schon …

Unsere Mägen knurrten und in Anbetracht der Tatsache, dass das Kleinkind mit seinen verständlicher Weise neugierigen Patschehändchen meine verständlicher Weise malträtierten Nerven malträtierte, sprang ich auf.

Wir holten uns etwas zu essen (Pommes mit dick Mayo!) und begegneten auf dem Weg in der Tat doch den drei netten gelben Engeln aus der Werkstatt, die uns eine Dönerbude empfahlen, woraufhin wir ihnen einen schönen, späten Feierabend wünschten.

Später kam Mister Essential an, wir freuten uns alle sehr, zusammen zu sein und unterhielten uns ein bisschen. Nummer 3 und Nummer 4 durften derweil baden und durch das Fenster im Bad zu uns winken. Dann verteilten sich Nummer 1 und 3 in ihr Zimmer sowie Nummer 2 in ihr Einzelzimmer.

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Die Aussicht war toll – kann das Foto kaum wiedergeben

Die Nacht war so … ha, ha … speziell. Zuerst wollte Nummer 4 in das Reisebett. Dann nicht mehr. Mister Essential brachte die Größeren zu ihren Zimmern und so war ich mit dem Toddler alleine. Es war richtig spät – so gegen 22:30 Uhr. Ich legte mich kurzerhand mit ihm hin und lenkte ihn mit einem „Der Sendung mit der Maus“ auf Amazon Instant von der Tatsache ab, dass er schlafen sollte. In einer fremden Umgebung. Und eigentlich lenkte die Maus auch mich ab.

Ich kuschelte mit ihm und  – er schlief nach wenigen Minuten ein. Mister Essential gesellte sich dazu. Zuerst war es sehr süß, flüstern zu müssen und den schlafenden Süßmann zu beobachten. Nach einer halben Stunde war das Süßfinden jedoch aufgebraucht und ich versuchte, aufgedreht wie ich nach so einem Tag war, irgendwie zur Ruhe zu kommen. Ich machte mir also ganz, ganz leise „Die Barbiere“ von Mark Twain an (Kurerprobte Einschlaf-Hilfe, Ihr wisst?).

Kaum fielen endlich meine Augen zu, rollte sich Nummer 4 quer in’s Bett. Ich lag auf den berühmten 30 Zentimetern und war hellwach. Ich sah zu Mister Essential: Ihm ging es genau so. Der Rest der Nacht verlief so: Kaum waren wir eingeschlafen und manchmal im REM-Schlaf, setzte sich Nummer 4 im Bett auf, sah sich um und legte sich wieder hin. Wir waren hellwach. Oder er trat. Oder er summte. Oder er legte sich quer. Oder er rollte sich. Dabei öffnete er nie die Augen. Wir aber jedes Mal

Morgens sah er sehr zufrieden aus. Und wir genau so, wie wir uns fühlten: Wie die Zombies.

Mister Zombie: „Das war also meine erste Nacht mit Familienbett,“ er schlurfte mit nach vorn ausgestreckten Armen Richtung Bad, wo er sich auf den Badewannenrand sinken ließ und sich gähnend das Gesicht rieb, „und meine letzte.“

Wir wussten gleich, wir würden uns noch oft daran erinnern und es lustig finden, wie so viele Dinge im Leben, die man hinterher umbewertet, wenn die negativen Effekte erst verflogen sind.

 

Das Frühstück war sehr gut – es gab ein riesiges Büffet und wir besprachen schon mal die anstehende Weihnachtszeit, um an etwas Schönes zu denken und den Stress des vergangenen Tages loszulassen.

Nach dem Frühstück gingen Mister Essential, Nummer 3 und Nummer 4 ein bisschen bummeln. Bei dieser Gelegenheit entdeckten wir einen kleinen Laden für Abend- und Brautmoden. Dort suchten wir dann spontan die Kommunionsschuhe für Nummer 3 aus. So hatten wir ein sehr schönes Andenken an den Trip nach Paderborn. Anschließend vertrieben wir uns die Wartezeit auf mein Auto damit, ein paar Klamotten aus dem Sale einer großen Modekette zu erstehen. Hier waren auch die beiden großen Mädels dabei.

Gegen Mittag fuhren wir dann nach einem Snack los in Richtung Heimat.

Wo wir ohne Zwischenfälle ankamen.

Endlich zuhause

Es war so picobello ordentlich. Bis wir unsere 100 Koffer und Taschen und Tüten hineintrugen.

Nummer 3 meldete an, ihr sei etwas blümerant – aber sie ging im allgemeinen Auspacken und Räumen etwas unter. Und irgendwie schoben wir es auf die Fahrt. Oder so.

Nun kam dann auch endlich der Moment, auf den ich mich so gefreut hatte: Es gab Glühwein und der Adventskalender konnte ausgepackt werden.

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Es muss das „Innere Kind“ in mir gewesen sein, das sich so sehr darauf gefreut hatte: Der Adventskalender

Ich nahm die Schere, mit der wir nacheinander unsere Geschenke von der Gardinenstange schnibbeln würden und … es klingelte an der Tür.

Nummer 3s Freundin, die sie sehr vermisst hatte, stand dort. Und schon konnte ich umsetzen, was ich in der Kur gelernt hatte. Ich wollte endlich diese schöne halbe Stunde mit der Familie. Nummer 3 wollte das auch, aber eben auch raus. Ich entschied, nachdem ich in mich gehorcht hatte, dass wir zuerst in Ruhe auspacken wollten, was Nummer 3 der Freundin mitteilte. Und diese mit: „Ich warte dann vor der Tür“ kommentierte. Da saß sie dann und trommelte mit den Fingern gegen die Scheibe. Nummer 1 ging darauf zur Tür und erklärte knapp den Sachverhalt mit der Bitte, bitte einfach nach Hause zu gehen – Nummer 3 käme dann zu ihr.

Das Auspacken war dann wirklich superschön und mit jedem Augenblick fühlte ich mich zuhause weniger fremd.

Wir packten weiter aus, Nummer 3 schwirrte ab.

Abends, als sie zurückkam war ihr noch blümeranter. Noch später musste sie sich dann übergeben. Nummer 1 trug ganz fürsorglich eine Matratze neben Nummer 3s Bett, um ihr vorzulesen. Nummer 3 hatte immer wieder Angst vor’m Brechen. Ich machte ein spontanes Puppenspiel mit ihrer großen Plüschbiene, der angeblich noch viiiiel schlechter war und die sich noch viiiiel mehr vor dem Brechen fürchtete. Sie lachte immer wieder tapfer. Und musste immer wieder brechen.

Nummer 1 schlief bei ihr, um sie zu beruhigen (Geschwister können großartig sein, hm?)

Der nächste Tag bestand aus Erledigungen und einem alltäglichen Erleben: Schule, Tagesmutter, Wäsche waschen …

Die Kinder hatten noch drei Tage Schule vor sich, dann würden die Weihnachtsferien starten. Mister Essential freute sich auf seinen Urlaub – einen Tag vor Ferienbeginn. Und ihm wurde blümerant. Und er bekam Nummer 3s Virus. Und ich kümmerte mich um ihn.

Und 48 Stunden darauf musste ich plötzlich zur Toilette rennen. Und ich lag echt zwei Tage flach. Und rannte zum Klo. Und ich hasse Erbrechen so sehr. Ich hatte immer richtig Panik davor. Überhaupt hatte ich Panik vor Magen-Darm-Infekten und den letzten erlitt ich als Nummer 3 ein Baby war – also vor fast 9 Jahren. Aber nun war es so weit und meine Kotz-Angst (Fachwort: „Emetophobie“) wurde zu einer Crash-Therapie.

Das war aber irgendwie toll, denn ich konnte einfach liegen, mich mies fühlen und Mister Essential arrangierte alles. Er brachte Nummer 4 zur Tagesmutter machte Homeoffice an seinen letzten beiden Arbeitstagen und ich musste nur zum Klo rennen. Und wurde meine Emetophobie los. Weil ich es ganz einfach nicht so schlimm fand. Obwohl es heftig war.

Meine liebe Freundin Cathérine hatte mal gesagt: „Du hast keine Angst vor’m Kotzen als solches. Du hast Angst vor Kontrollverlust. Aber in Wahrheit musst du dich mal so richtig auskotzen. Das täte dir gut. Wenn du mal brechen musst, dann tu es in dem Gedanken, endlich alles loszuwerden.“ Ja, das war sehr weise Kotz-Philosophie. Sie ist ohnehin eine sehr kluge und weise Frau, aber das nur nebenbei. Und so war sie es, an die ich dachte, während ich über dem Eimer hing. Freundschaftliche Romantik pur.

Ich freute mich in der Tat darüber, alles mal auszukotzen. Und als ich es los war freute ich mich auf Weihnachten und darauf, meine ganzen Lehrsätze und Leitideen der Kur umsetzen zu können. Sobald ich dazu käme. Wenn mal kurz das Leben anhalten würde, damit ich loslegen konnte. Das würde es ja ganz sicher bald tun. Oder?

Kurz nachdem ich diese Gedanken hatte trudelten in meiner WhatsApp-Gruppe der „Kur-Mädels“ die ersten Nachrichten vom vorweihnachtlichen Stress ein. Und davon, dass man es als Mutter eh vergessen könnte, mal zu entspannen. Und ich stellte mich beim Lesen innerlich auf stur:

„Ich werde definitiv einiges verändern. Dann dauert es eben! Nix da – Mütter könnten eh nicht entspannen!“

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Weihnachtsstimmung: Nicht immer einfach, sich einzulassen

Ich fand die Gefühle und Beobachtungen, dass es sauschwer ist, aus seinen inneren Programmen heraus zu kommen, so wertvoll! Weihnachtsstress rund um Kochen und Familienbesuch war da sehr geeignet. Ich las, was in meinen Kur-Kolleginnen vorging und spürte in mich hinein, was das genau mit mir machte. Welche Zweifel es ansprach und welche Hoffnungen.

Weihnachten

Weihnachten war, äh, ganz nett. Ich verbrachte 1,5 Stunden damit, herumzukriechen und den Müll der Geschenkverpackungen aufzuheben sowie Spielzeug aus ihren Verpackungen zu lösen wie einst Houdini sich selbst. Ich freute mich über meine eigenen schönen Geschenke. Und spürte nach, wie sich der Besuch meines Schwiegervaters und meiner Schwägerin anfühlte. Und fragte mich, was meine Mutter, mein Vater und mein Bruder wohl an diesem Abend machten. Und das machte mich traurig.

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Weihnachten mit gemischten Gefühlen, trotz funkelndem Baum

In den folgenden Tagen, die in das neue Jahr hineinführten, begriff ich, dass man lange braucht, um sich zu verändern. Und wie tief alte Programme sitzen. Ich freute mich, mich zur Kur-Nachsorge in meinem Wohnort (diese findet bei der Caritas statt) angemeldet zu haben, um mit diesem Prozess nicht alleine zu sein. Dort treffen sich sechs Mal zehn Frauen mit Burnout gemeinsam mit einer Therapeutin.

Dran bleiben!

Eine Therapeutin in der Kur hatte gesagt:

„Bitte denken sie nicht, sie kämen zurück in ihr Leben, seinen voller Kraft und würden lospowern und alles sei zugleich entspannter als vorher, weil sie es durch die Kur sind. Das Leben ist immer gleich. Nur sie sind es, die sich verändern kann, um ihm anders entgegenzutreten.“

Diese drei Sätze sind Gold wert. Denn genau so ist es. Man bekommt Impulse, die sehr wertvoll sind. Man muss sich der Erfahrung einer Kur ganz aussetzen. Dazu sollte man sehr achtsam sein, um wahrzunehmen, wie sich einzelne Anwendungen, Gespräche und Therapien anfühlen. Und wie man sich selbst verändert.

Es ist wichtig, Veränderung bedingungslos zu wollen und zu bejahen. Und es muss einem klar sein, dass Widrigkeiten auftreten werden. So als wolle jemand (das ist man in Wahrheit übrigens selbst) prüfen, ob man auch ganz sicher sei, etwas ändern zu wollen.

Der Alltag stoppt nicht. Mein Kalender ist nach wie vor fast täglich mit Terminen gespickt. Es geht zum Arzt, zum Kinderarzt, zur Kur-Nachsorge, mal zu einer Freundin oder zum Lehrergespräch. Dabei ist genau der gleiche Haushalt zu bewältigen. Die Herausforderungen sind gleich. Sie stressen mich nur nicht mehr wirklich. Außer, ich habe das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, weil es zu viel ist.

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„Rumms!“ Der Alltag ist wieder da …

Dann priorisiere ich Aufgaben. Und lege eine Anzahl fest (höchstens 4 Extra-Aufgaben neben dem alltäglichen Kram). Und der Rest kann mir für diesen Tag gestohlen bleiben. Die wichtigste Aufgabe nach oben, dann nach unten hin immer „unwichtiger werden“. Man erledigt von oben weg, was man eben schafft und lob sich in Gedanken für jeden Haken, den man danach setzt.

Abends kann man aufschreiben, was man alles bereits am Tag erledigt und geschafft hat. Man wundert sich meist, wie viel das war. Und wieder erkennt man dies vor sich an.

In diesem Leben habe ich schon genug mit- und durchgemacht. Ich lasse mich nicht mehr stressen, weil irgend jemand erwartet, dass ich einen Möhrenkuchen für die Lesefest backen oder bitte bereits gestern unterschriebene Schulzettel abzugeben habe.

Man muss innerlich täglich am Ball bleiben. Die Kur-Nachsorge ist eine sehr gute Unterstützung für mich bei diesem Prozess – das würde ich jeder Mutter nach der Kur empfehlen.

Soweit also zu meinem Ankommen im Alltag nach der Kur.

Epilog-Epilog

Ich habe mir übrigens ein neues Auto gekauft.

Klar, so: „Reifen kaputt- neues Auto muss her.“

Im Ernst: Es war für mich ein äußeres Zeichen, dieses Liegen-Bleiben auf nicht mal halber Strecke zwischen Erholung und Zuhause. Ich mochte meinen C8 sehr. Auch mit dem Platten. Er hatte sogar einen Namen – er war eigentlich eine Sie: „Madame Celeste“. Und wir nannte sie auch immer „Die Madame“, meinen eleganten, rauchgrauen Van.Und schaukelten auf ihren irre bequemen Sitzen in unsere Urlaube und durch den Alltag.

Und dann sah ich mein neues Auto stehen – genau da, wo wir uns nach der Rückreise beschweren gingen über die falsch eingestellte Spur. Der Schaden an „der Madame“ wurde behoben, das Autohaus, beziehungsweise die Werkstatt desselben, entschuldige sich. Und ich entdeckte meinen neuen Wagen. Schwarz, schnittig und mit Chrom und mit Alufelgen. Und mit Technick-Schnickschnack. Und seine Kofferraumklappe öffnet und senkt sich elektrisch. Und die Schiebetüren natürlich auch (damit hatte uns unsere Madame schon total verwöhnt und wollten darauf nicht verzichten) und überhaupt ist er großartig und hört auf Sprachbefehle, hat tausend Fahrassistenten und eine Rückfahrkamera und er zeigt mir die aktuellen Verkehrsschilder auf dem Display an und ich höre mein Hörbuch während der Fahrt via Bluetooth und, und, und … er ist ein Er, der „Señor“.

Das Auto steht in seiner Symbolik für die Art, sein eigenes Leben zu führen. In Träumen kann es ebenfalls ein Hinweis auf das eigene Leben sein. Träume, in denen man die Kontrolle über den Wagen verliert, eingeschlossen wird oder nicht bremsen kann, haben einen direkten Bezug zur Lebensführung. Da frage ich mich, was der Kauf des Señors bedeutet …

Wenn Interesse besteht, schreibe ich gerne noch über die Nachsorge und praktische Tipps für den Alltag, mit denen man ein positives Herangehen schulen kann. 

Das Kleinkind-Stress-Syndrom

Ich bin ja gerade dabei, endlich mal darauf zu achten, was ich eigentlich empfinde und brauche. Klingt schräg – denn ich bin ja schließlich schon etwas länger kein Kind mehr. Aber als ich eines war, wurde meine Gefühle so von außen diktiert und kommentiert, dass ich ihnen irgendwann gar nicht mehr traute. Zugleich drehte sich wenig darum, was ich brauchte oder empfand. Nun muss ich Teile des emotionalen Lernprozesses nachholen. Ich muss nicht – ich will.

Über zwölf Jahre mit Kindern halfen natürlich nicht gerade dabei, zu lernen, wie ich auf meine Bedürfnisse und Gefühle achten kann … ich erkläre mal kurz, wie es zum Status Quo kam und schlage dann den Bogen um Kleinkind-Stress-Syndrom.

Kurze Beispiele zur Erklärung

Kleines Beispiel: War ich zum Beispiel krank, dann bekam ich latente Vorwürfe. Irgendwie galt es als schwach und zugleich auch für Muttern anstrengend, krank zu sein. Sie musste sich Sorgen machen und zugleich noch Tee kochen. Das überforderte sie aus irgendwelchen Gründen. Ich fühlte mich immer ein bisschen als Verräterin am System, wenn ich hustete. Heute schäme ich mich immer noch, wenn ich krank bin. Örnks.

Einmal, da war ich schon 14, war meine Mutter unglaublich fürsorglich als ich heftig erkältet war. Sie kaufte sogar Kekse und sah immer mal wieder nach mir. Ich weiß noch, was ich da empfand: Verwunderung und Misstrauen

Großes Beispiel: Ich wohnte an einem Unfallhäufungspunkt (ja, nun kommt eine leider wirklich dramatische Geschichte):

Gerne wäre ich da als Kind weggezogen, denn an der Bundesstraße zu wohnen bedeutete mehr als nur immer mal wieder Unfälle mitzubekommen: In unserem beschaulichen Dorf war es die einzige große (und oft zu schnell) befahrene Straße und Mütter hatten Angst, ihre Kinder zu uns zu lassen. Manchmal brachten sie meine Freunde dann direkt zur Haustür oder sie hatten dazu keine Lust und niemand kam. Das war doof.

Doofer noch, dass ich natürlich Unfälle sah.

Ich sah mal ein junges Mädchen mit dem Mofa von unserem Mietshaus losfahren und wie es dann seitlich gegen ein Auto fuhr. Es landete erst auf der Motorhaube und flog dann nach links Richtung Gehweg.

Das Mädchen starb.

Ein Quietsch, ein Rumms, ein unguter Knall. Da lag sie in einer Blutlache auf dem Gehweg, der Fahrer schrie und sah sich verzweifelt nach Hilfe um (Danke, eidetisches Gedächtnis. Danke an dieser Stelle, dass ich jeden Mist meines Lebens wie einen Film abrufen kann … )

Der Vater des Mädchens kam natürlich auch noch zufällig vorbeispaziert und kniete dann verzweifelt neben der Tochter. Er rief ihren Namen und eine Menge herzzerreißende Dinge, die ich hier aus Rücksicht nicht auch noch mitteilen will.

Ich stand also mit offenem Mund am Fenster. Meine Mutter kam dazu und fragte mich, wie das passiert sei. Ich erklärte, das Mädchen habe jemandem gewunken, der wohl in der Wohnung über uns wohnte und sei dann losgefahren, ohne noch einmal nach vorne auf die Straße zu gucken. Ich sagte, sie habe vielleicht versehentlich auf das Gas getreten und deshalb einfach losgefahren. Meine Mutter fuhr mich an:

„Bei einem Mofa gibt es kein Gaspedal! Da gibt man mit dem Griff Gas!“

Und damit ließ sie mich stehen. Mehr wurde darüber nicht gesprochen.

Ich schämte mich. Weil ich geguckt hatte. Ich hatte schon vor dem Unfall aus dem Fenster gesehen, nicht erst wegen des Knalls. Aber so sah ich das nicht. Ich schämte mich auch, weil ich so dumm gewesen war, nicht zu verstehen, wie man bei einem Mofa Gas gibt. Okay, ich war Grundschülerin, da weiß man das vielleicht nicht. Aber ich war in meinem Urteil über mich nie besonders gnädig. Hatte ich so nicht gelernt.

Ich bin später auf den Friedhof geschlichen, um das Grab zu suchen. Ich brauchte das für mich. Das fand meine Mutter damals ganz einfach krank. Ja, ja, sie war überfordert von der Situation. Ich weiß das alles. Aber wenn die Erwachsenen nun mal dauernd überfordert sind, dann bleibt alles an den Kindern hängen … das war doof.

Ich erinnere mich gerade, dass mein Bruder an der Unfallstelle vorbei latschte und seine gelben Gummistiefel blutverschmiert vor der Haustür abstellte, woraufhin meine Mutter einen halben Nervenszusammenbruch bekam, während er sie schulterzuckend ansah. Er hatte da irgendwie keinen Ausdruck im Moment, war vielleicht überfordert. Er ist Autist. Meine Mutter wusste das damals noch nicht. Daher war sie zusätzlich entgeistert über ihren vermeintlich gefühlskalten Sohn und drehte ziemlich durch.

Ich spüre immer noch eine kleine Druckwelle kurz bevor ein Unfall passiert. Bevor man den Knall hört. Zum Glück habe ich das seit vielen Jahren nicht erlebt. Die Jahre an der B56 haben mich geprägt ^^

Gesund geht anders

Natürlich wäre so eine Situation heutzutage bei mir (und den meisten anderen Müttern) hier so:

Kind sieht Unfall, ich kümmere mich um Kind. Rede mit ihm, fühle mit ihm. Überlege, ob es irgendeine professionelle Unterstützung braucht. Höre mich um, lese nach, bespreche mit anderen Menschen deren Gedanken zum Thema. Damit mein Kind diese traumatische Erfahrung gut verarbeiten kann. Okay, ich würde nicht mit Kindern an einem Unfallhäufungspunkt wohnen. Aber das ist ja nur Kosmetik.

Ich weiß natürlich, dass meine Mutter sich eigentlich selbst geschämt hat, weil sie eben mit ihren Kindern (aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen) dort wohnte und weil ich eben nun etwas Schlimmes gesehen hatte. Nur die Reaktion war halt für mich als Kind recht ungünstig. Ich wusste ja nicht, warum sie so reagierte.

Es gab viele solche Erlebnisse, in denen ich mir meiner eigenen Gefühle nicht sicher war oder in denen ich lernte, dass meine Gefühl anscheinend falsch oder unangebracht waren.

Ebenso im ganz normalen Alltag: Ich stellte meine Bedürfnisse zurück. Klar, als ich klein war hab ich auf Autofahrten genervt und mich vor lauter Langeweile mit meinem Bruder gestritten. Große Brüder können recht penetrant sein. Und kleine Schwestern eben auch. Ich habe sicher gesagt, dass ich Durst habe, wenn ich welchen hatte. Und dann bekam ich etwas zu trinken, klar. So weit waren die Bedürfnisse erfüllt. Ich hungerte nicht und war stets sauber in heilen Klamotten.

Heute begreife ich erst, was das mit mir gemacht hat. Ich muss das alles nachholen und reifen lassen. Ich fühle mich ein bisschen „gefühlsbehindert“, so nenne ich das. Nur, dass man meine Behinderung eben nicht sieht und ich sie sehr gut verstecken kann.

In den letzten Monaten sehe ich mir diese ganze Gefühls- und Bedürfniskiste genauer an. Weil es längst überfällig ist und weil ich inzwischen schon mit körperlichen Beschwerden reagiere, wenn ich gewohnheitsmäßig übersehe, was ich fühle oder brauche. Es sind so die Klassiker der Psychosomatik wie Rückenschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Erschöpfungsgefühle, Müdigkeit etc.

Zum Kleinkind-Stress-Syndrom

Das Wort stammt von meiner Freundin Cathérine und ich finde es sehr passend.

Es geht darum, dass ich in den letzten Gefühlsfindungs-Wochen bemerkte, dass ich nie richtig „runterkomme“. Ja, ich lernte inzwischen, dass es typisch für einstige Trauma-Patienten ist, immer auf der Hut zu sein. Dauerangespannt sozusagen. Doch es gibt auch darin Stufen. Jedenfalls bemerkte ich, dass ich mich ständig unter Strom fühlte. Mal mehr und mal weniger. Aber wenn es mal um mich still ist, dann mindestens spüre ich das sehr genau.

Eher im Nebensatz erwähnte ich das dann gegenüber der Mutter von Nummer 3s Freundin in so einem „Hausflur-Gespräch“ beim Kind-Hinbringen. Und ich war unsicher dabei, tastete mich im Gespräch vor, weil ich nicht wusste, ob das vielleicht sehr schräg war. Und was sagt die andere Mutter zu mir?

„Ja, das kenne ich! Und ich dachte, das geht nur mir so. Ich hab das immer, wenn ich ein Kleinkind oder Kindergartenkind habe. In den Phasen ist das so krass. Ich komme im Moment immer noch nicht abends runter, obwohl die Jüngste der Dreien schon bald in die Schule kommt.“

Oh-ha.

Daraufhin erwähnte ich das Cathérine gegenüber im Smartphone-Chat. Sie:

„Das kenne ich! Ich hab das auch, dieses Kleinkind-Stress-Syndrom!“

Ich glaube, sie schrieb, diese „Kleinkind-Stress-Symptome“, aber als Syndrom klingt es fast noch etwas griffiger, finde ich.

Diese Situation bestätigte mir, was ich seit einer Weile ahne: Vieles von dem, was ich empfinde ist vielleicht normal und ich halte es für schräg, weil ich es eben bin, die es empfindet. Nach außen bin ich ziemlich hochfunktional, wie das bei „Beeinträchtigten Menschen“ genannt wird. Ich kriege alles gebacken, das im Alltag wichtig ist. Leider auch mit einer Portion Perfektionismus, der niemals gesund ist. Es kostet sehr viel Energie. Und das ist sehr aufoktroyiert. Daher möchte ich jetzt lieber ganz ich selbst sein und meinen Gefühlen folgen.

Haha, das klingt ziemlich disney-mäßig, ne?

Kleinkind-Stress-Symptome

Ich bin angespannt, kann nicht wirklich mal loslassen, schlafe schlecht (auch wenn Nummer 4 inzwischen überwiegend gut schläft) und fühle mich nie erholt. Ich eiere morgens aus den Federn und kippe da abends wie ein Stein wieder rein. Ich war echt schon entspannter im Leben, wirklich. Ich fühle mich dauernd latent gehetzt, alles ist schließlich von außen getaktet. Ich habe mich von den zermürbend anstrengenden ersten Monaten mit diesem High-Need-Boy („Leg mich niemals ab! Nein, auch nicht wenn du pieselst! Stille mich jede Stunde! Trage mich stundenlang im Tuch! Nachts musst du nicht schlafen! Gib mir! Gib mir! Ich langweile mich! Ich bin unzufrieden! Ich schlafe niemals im Liegen ein! Gib mir mehr von dir! Mehr! Meeeeehr!“) nicht erholt und immer noch muss ich dauerpowern. Und hab das schon drei Mal hinter mir. Daher vermutlich diese Daueranspannung. Aber ich bin damit anscheinend nicht alleine.

Hat hier vielleicht noch jemand das Kleinkind-Stress-Syndrom?

Fände es ganz spannend zu lesen, ob es anderen Müttern genau so oder ähnlich oder eben ganz und gar nicht so ergeht. Bei letzteren werde ich dann versuchen, mir etwas abzugucken 😀 …

Oje, bald ist wieder Muttertag

Über den Tag meiner Geburt zu schreiben brachte mich, ähnlich wie mein ernster Beitrag über meine Kindheit, emotional wieder näher an mein Elternhaus, an meine Mutter.

Ich habe sie vor einigen Jahren zum letzten Mal gesprochen.

Oje, bald ist wieder Muttertag

Ich freue mich natürlich auf den Sonntag mit meinen Kindern und mit Mr. Essential, na klar.

Muttertag bedeutet immer auch, dass ich an meine eigene Mutter denke.

Oft frage ich mich, ob sie eigentlich dann auch an mich denkt – an mich und ihre Enkelkinder, von denen sie eines gar nicht kennt. Vielleicht nicht einmal weiß, dass es ihn gibt.

Ich glaube, sie hat viele Mechanismen, mich und alles Geschehene zu verdrängen, um sich selbst irgendwie zu schützen. Daher wird sie vermutlich nicht an mich denken oder wegen unseres Bruchs trauern. Ihre Fähigkeit zu lieben ist so stark eingeschränkt, dass ich es mir nicht anders vorstellen kann. Natürlich wünsche ich mir, es wäre anders und sie hätte wenigstens versucht, etwas zwischen uns zu klären. Aber dem war nicht so. Ich glaube, sie fürchtet eine Begegnung mit mir und dem, womit ich sie konfrontieren könnte. Nämlich mit sich selbst.

Ich aber trauere. Und ich musste mich dazu durchringen. Ich hatte das Gefühl, nicht trauern zu wollen. Ich wollte nicht, dass sie noch mehr Einfluss auf meine Gefühle hat, als es eh schon immer der Fall war.

Ich erinnere mich daran, wie sie früher meine Handgriffe, meine Blicke, meine Verhaltensweisen, ja, sogar meine Art zu atmen und zu gehen kommentierte. Immer mit einem verkniffenen, unehrlich-verdrehtem Gesichtsausdruck. Immer lächelnd oder grienend. Dahinter aber polterten Arroganz und Geringschätzung:

„Putzig, wie du gehst.“

Putzig – das hieß bescheuert/hässlich/doof. Es gab auch Frauen mit „putzigen Hintern“ (zu dick) und Leute mit „putzigem Blick“ (die sahen dann etwas minderbemittelt aus) und so weiter …

„Wieso atmest du so laut?“

Ja, wieso habe ich das getan? Ich vermute, ich hatte eine Bronchitis. Oder jemand nahm mir die Luft zum Atmen^^?

„Schrecklich, wie du singst. das klingt so furchtbar und so eingebildet. Ganz furchtbar.“

Natürlich konnte sie auch loben. Sogar meinen Gesang. Aber eben nur nach Laune.

Es gab keine Objektivität, keine Selbstreflexion. Nur Gefühle. Und die schwirrten und surrten und wirbelten in ihr herum. Und leider wurden sie pausenlos ungebremst geäußert. Dieses Anti-Vorbild brachte mich wohl dazu, so krampfhaft rational zu sein und meine Gefühle erst einmal sorgfältig zu scannen, ehe ich den Mund aufmache.

Meine erste Bezugsperson, die mich innerhalb der engen Zwangssymbiose nicht mal in den Kindergarten gehen ließ, war völlig verdreht. Und da lebt der Mensch nach Vorbild – ganz schlecht.

Ich habe es jedoch in jahrelanger Mission geschafft, so viel von mir zu erhalten und auch freizuschaufeln, dass meine Gefühle nicht herumwirbelten. Darüber bin ich sehr froh und dafür empfinde ich Dank.

Und die Trauer?

Ja, die ist da und ich musste es vor mir zugeben. Ich habe keine Mutter, die ich anrufen kann. Keine Mutter, die mich sehen möchte. Keine Mutter, die sich für Schwangerschaften, Geburten, Zeugnisnoten, erste Zähnchen, Krankheiten oder gemeinsame Ausflüge interessiert.

Niemand Mütterliches da.

Die Pyramide

Irgendwie ist es doch so, dass man als junger Mensch meist Eltern und Großeltern hat. Oft sogar noch Urgroßeltern.

Dann sterben langsam alle „von oben“ aus der Alterspyramide weg. Zuerst die Urgroßeltern und dann die Großeltern. Man selbst wird immer erwachsener, weil man ja „nachrückt“. Aber über einem ist so lange jemand, der einen schützt und (unter-)stützt. Da war bei mir nie jemand. Ich wurde nicht beschützt. Mein Vater war stets herrlich desinteressiert (wusste nicht mal, an welcher Schule ich war oder meinen Geburtstag) und meine Mutter selbst viel zu ängstlich. Und zudem waren sie beide auf ihre Art Menschen, vor denen man mich hätte beschützen können oder müssen.

Ich war also immer oben an der Pyramide. Ja, ich hatte eine Oma mütterlicherseits. Diese war aber auch psychisch schwer krank (vermutlich durch Kriegserlebnisse) und früh im Altersheim weil alleine nicht lebensfähig. Auf die konzentrierte sich meine Mutter geradezu zwanghaft. Und dann gab es die Eltern meines Vaters. Eine Oma mit einem so unehrlichen und durchtriebenen Charakter, dass sie nur als schlechtes Beispiel herhielt oder eben, wenn mein Vater mich im Vergleich mit ihr beleidigen wollte. (Ein mal geflunkert: „Du bist wie die Oma Trauthilde!“) Und der Vater meines Vaters war mindestens geistesabwesend. Später aber wurde dann immer so ein Gewese gemacht, weil wohl irgendwann mal ein IQ-Test mit ihm gemacht worden war.

Meine Mutter klang immer wie ein billiges Orakel von Delphi, wenn sie sagte: „Aber ihr Kinder werdet das Ergebnis niemals erfahren. Niemals …“

Haben wir auch nicht. Ich nehme mal an, das Ergebnis war nicht so bei Albert Einstein, sondern eher so bei Küchenschabe. Jedenfalls war er nie wirklich ansprechbar. Ich glaube, ich habe ihn zusammengezählt höchstens zwanzig Sätze sagen hören, während ich ihn kannte.

Ich lebte also immer in der kühlen Höhenluft der Alterspyramidenspitze der Familie. Irgendwie waren sie alle untauglich. Das klingt hart und ich entschuldige mich auch dafür, aber so stellte es sich dar. Keine fähigen Eltern, Großeltern mit wenig Charakter und Verstand. Urgroßeltern tot. Die Höhenluft hat mir echt Schwindel verursacht. Einfach zu viel Verantwortung – schon von kleinauf.

Die unkündbare Beziehung

Ich selbst bezeichne sie bitter als Die Pest, diese unkündbare Beziehung, die man zu nahen Verwandten hat: Ich kann mir nicht aussuchen, wen ich liebe. Das ist wie die Crux mit der Willens(un-)freiheit, die Albert Einstein (da ist er ja schon zum zweiten Mal in diesem Post – ich mag den Knaben einfach) bereits durchdachte.

Ich würde gerne vergessen, dass ich Eltern habe. Hab‘ ja als Kind eh immer geträumt, ich sei bei der Geburt vertauscht worden und eines Tages würde dieser Fehler korrigiert. Ein ganz offiziell aussehender Typ mit Aktentasche würde an der Tür stehen und das ganze Geschehnis mit pietätvoll gedämpfter Stimme aufklären. Klar, da kam nie jemand. Aber den Traum hatte ich lange.

Nun stehe ich da und der ruppige Wind des frühen In-der-Pyramide-hochgeschoben-Werdens weht eisig um mich. Ich bin für so viel verantwortlich und das so ziemlich alleine.

Neben meinen eigenen Themen rund um meine belastende Biographie, meiner jahrelangen Therapie (die seit einigen Jahren nur noch aus einem Terminchen alle paar Monate bestehen darf) sowie die Aufarbeitung aller aufkommenden Bilder/Gefühle. Und neben meinem Haus (das seit bald einem Jahr eine halbe Baustelle ist wegen des Wasserschadens, der im Schneckentempo reguliert wird), den vier Kindern und den mich meist echt nervenden Katzen bin ich ziemlich erschöpft.

Wie geht es mir mit all dem so im Alltag?

Klar, die Schilddrüsenüberfunktion zeigte die Erschöpfung, die Überbelastung. Aber meine Dauermüdigkeit tut das auch. Mein dauernd blubbernder Bauch, mein mit Luft gefüllter Magen, meine Rückenschmerzen – die sagen alle das Gleiche. Eine liebe Freundin sagte irgendwann mal so lakonisch: „Ach, ich hab oft Burnout-Symptome, aber was soll ich machen?“

Ja, was soll man machen?

Ich kenne das genau, was sie da beschreibt. Nur kommt es bei mir nicht zum Burnout und bei ihr auch nicht. Wir schaffen es, uns irgendwie auf dem Damm zu halten. Da gibt es Wehwehchen und ich bin auch seit über drei Wochen erkältet und so. Ja, ich spüre schon, dass Treppensteigen mit Nummer 4 auf dem Arm zu pochendem Herzen führt – so fühlen sich Erkältung und Dauerbelastung vermutlich an.

Oder nicht? Was, wenn ich nun doch etwas Schlimmes habe? Was, wenn ich nun irgendwie was Anderes habe, weil meine Seele findet, sie müsste sich noch etwas mehr über den Körper ausdrücken?

Oder: Was, wenn ich seit vielen Jahren fleißig somatisiere und hypochondere, weil es die einzige Art ist, wie ich mich um mich selbst kümmern kann?

Ja, dann ist das wohl so.

Und sollte geändert werden.

Lang – und mühsame Auswege

Seit der Morbus-Basedow-Geschichte habe ich bereits sehr viel verändert. Richtig viel. Und dennoch sagt mein nervöser Körper mir dauernd „Ändere etwas!“ und mein Herz ruft pochend „Lass mich raus!“ und beide nerven mich gewaltig. Ich fühle mich noch mehr unter Druck. Diesen Weg kann man nicht entlang rennen. Man muss das so richtig im Einklang mit sich machen. Geht nicht anders. Und das bekomme ich nicht wirklich gut hin.

Ich wurde nicht dazu erzogen, meine Gefühle einfach wahrzunehmen und zu akzeptieren. Sie wurden ja stets bewertet. Und nach dem Auszug aus dem Umfeld meiner Mutter in ein eigenes Leben habe ich diese Beurteilung brav weitergeführt. Ich kannte es ja nicht anders.

Wenn ich morgens aufstehe und mich „zermatscht“ fühle, dann denke ich nicht „Oh, ich bin aber müde“, sondern: „Wieso bist du schon wieder müde? Ach, weil du gestern mit vier Kindern durch den Ikea gerannt bist und danach noch gefühlte hundert Ostereier gefärbt hast, während Nummer 4 knatschte? Davon ist man doch nicht müde! Du bist bestimmt krank. Du hast sicher etwas Verstecktes. Was mit Kreislauf und vermutlich was am Herzen!“ Schöne Begrüßung, wenn man gerade senkrecht steht morgens früh, hm?

Tja, warum bin ich nur so nervös?

Nicht nur wegen solcher innerer Erlebnisse, sondern weil ein Mensch mit meinem Hintergrund dauernd auf der Hut ist. Irgendwie bleibt das Angstzentrum im Gehirn überaktiv.

Wie ein Höhlenmensch im Wald duckt man sich vorsorglich und bleibt in jeder Faser angespannt. „Irgendwann kommt der Säbelzahntiger, ganz sicher!“ Ich weiß nun nicht, ob jeder Höhlenmensch in seinem Leben einen Säbelzahntiger sah – dazu weiß ich zu wenig über Paläontologie und Tigerpopulationen. Aber ich bin sicher, dass jeder von ihnen angespannt war, wenn er durch den Wald latschte. Und vor allem, wenn er dies allein tat.

Es ist ein ähnliches Gefühl, wie wenn man als Kind heimlich Kekse aus der Vorratskammer stibietzt (hab ich natürlich nie getan, was wäre meine arme Mutter enttäuscht gewesen – nein, vor derlei Gefühlen beschützte ich sie stets in vorauseilendem Gehorsam) und man ist so nervös, weil man erwischt werden könnte. So ist das bei mir, vor allem in stressigen Lebensphasen, dauerhaft. Ich zucke zusammen, wenn etwas hinfällt und knurre innerlich sehr schnell, wenn ich etwas Fummeliges mache, das nicht gelingen will.

Die Außenwelt

Mr. Essential ist manchmal genervt, wenn ich ihn zum tausendsten Mal etwas frage, das mir Sicherheit geben soll. Ist eh nur eine Scheinsicherheit, aber gut. Ich frage dann: „Ist es normal, dass man sein Herz im Hals spürt, wenn man sitzt, nachdem man vorher kurz etwas Anstrengendes gemacht hat? Ist das bei Erkältungen so? Oder könnte etwas nicht mit mir in Ordnung sein?“

ich gönne mir solche Fragen selten, weil ich a) nicht zu sehr mit meinem Sch*** nerven will und weil ich b) sehr viel Scham für meine „Seltsamkeit“ empfinde. Und wenn ich es dann tue, dann ist da die Gefahr, mir die Sicherheit öfter von außen zu holen. Und dann ist da schnell so ein Altersheim-Flair, in dem es zu oft um Zipperlein geht – ganz ätzend.

Ich versuche also, meine Ängste fernzuhalten von meiner Familie. Ich gehe durch meine Ängste durch und zeige dies auch unseren Kindern. Sie tun es mir nach, wenn sie es schaffen und möchten.

Ansonsten zeige ich ihnen kaum mal Tränen, keine Wutanfälle und schreie nicht herum. Ich leide so still vor mich hin, glaube ich, wenn ich selber lese, wie ich mich hier beschreibe.

Neulich habe ich den Kindern von meinen Ängsten und meiner Kindheit ein wenig erzählt. So ganz sachlich. Ich habe gespürt, der Zeitpunkt ist da. Sie wollten eh schon immer mehr über mich wissen und warteten seit Jahren darauf.

Habe erzählt vom Leben mit meiner Mutter (einiges wussten sie natürlich schon, aber ich habe noch ein wenig mehr „preisgegeben“) und von Panikattacken und Ängsten. Ich habe ihnen ganz langsam gezeigt, dass ich kein marmornes Monument bin und kein unkaputtbarer Roboter. Dann ließ ich ihnen Zeit, das für sich zu sortieren.

Und es ist so anstrengend, keine Auszeit nehmen zu können, echt.

Nicht von meinem Alltag, nicht von mir selbst. Ich bin angespannt und fühle mich eigentlich so, dass ich mal Ruhe brauche. Stattdessen muss ich los, Nummer 4 von der Tagesmutter holen, Essen kochen und so weiter.

Da braucht mich dauernd jemand. Dabei brauche ich eigentlich auch dauernd jemanden.

Jemanden, den es nicht gibt. Also bin ich selbst der jemand. Und ich bin einfach schrecklich platt und keine gute Unterstützung für mich.

Powerfrau?

Ich krieg‘ das trotzdem alles hin. Ich bin so eine von den Alles-Hingkriegerinnen. Die, die man immer als Powerfrauen bezeichnet. Eine selbstbewusste (öhö), energiegeladene (hüstel) Frau, die alles schafft.

Sie managt alles. Haus, diverse Kinder, Job und nimmt nach der Schwangerschaft formidabel ab – natürlich tut sie das. Sie legt Wert auf ihr Äußeres und darauf, dass alles stimmt.

Wenn man viele Kinder hat, dann hat man nämlich auch immer noch schnell den Komplex, nicht als die dazustehen, die aus einem Müsli-Öko-Bewusstsein oder Kindergeldgier oder anderen kruden Gründen einen gesteigerten Vermehrungstrieb zu haben scheint. Dann muss man extra glatt gebügelte Kinderklamotten haben und stets zu Elternabenden erscheinen und immer kooperativ mit Lehrern sein. Und extra viel hinbekommen. Sonst heißt es: „Ja, wat kriechste denn so viele, wennde dat nich packst, hä?“

Und das träfe einen doch nur, weil man sich das selber vorwirft – wie alles, das einen trifft.

Bisher gab es so einen Zwischenfall nie.

Ich werde nie in der Stadt komisch angeguckt, wenn ich mit meinem Luxuskinderwagen und auf meinen hochhackigen Schuhen in Begleitung meiner diversen Kindern herumstockere.

Ich lese, das kinderreiche Mütter das oft erleben. Kommentare oder Blicke. Ich nicht. Vielleicht, weil ich so viel Energie daran setze, zu zeigen, dass ich nichts und niemanden vernachlässige. Nicht mich, nicht die Kinder, nicht die arme steuerzahlende Gesellschaft. Keine Ahnung. Ich höre immer nur: „Wow, so viele Kinder und dabei so schlank. Wow, so viele Kinder und dabei noch einen Job. Wow, wow, wow.“

Nix wow. Das ist ein Knochenjob. Echt jetzt. Und der muss so ganz bestimmt gar nicht sein, so knochenlastig. Ich mache ihn dazu.

Neuanfang

Seit letztem Sommer (Schilddrüsendiagnose, you know?) habe ich nicht nur meine Ernährung umgestellt, sondern vieles in mir. Und sobald man etwas verändert, kommen ja die äußeren Widerstände. Auch mit denen lernte ich umzugehen.

Ich habe letztes Wochenende symbolhaft mit Mr. Essential unsere Abstellkammer (Kellerersatz) ausgeräumt und eine Menge weggeworfen. Nun sieht es da so ordentlich aus, als hätte Bree Van de Kamp (die neurotische Rothaarige der Desperate Housewives) dort gewütet. Und ich dachte mir: „Nicht beurteilen. Vielleicht darfst du das einfach genießen. Freud wäre stolz, dass du etwas so hochsymbolisches tust, wie einen Keller auszumisten. Das war richtig gut. Vielleicht darf ich einfach ein bisschen Bree sein, weil wir beide einen ähnlichen Hau weg haben. Vielleicht darf ich einfach mal sein, was und wer ich bin, Herrgott noch eins!“ Oh, nicht fluchen und schon gar nicht mit Gott im Fluch, eieiei, schon wieder zu viel Gefühlsausbruch. Geht gar nicht:

Ich habe so viele Entwicklungsphasen verpasst, denke ich. Wann war ich denn je emotional überschäumend wie ein Teenie? Angstfrei wie die mit dem „jugendlichen Leichtsinn“ und wann habe ich je verantwortungslos blau gemacht, statt zur Arbeit oder Ausbildung zu gehen? Wann habe ich allen Warnungen zum Trotz etwas völlig Törichtes gemacht und aus der anschließenden blutigen Nase gelernt?

Nie.

Es war immer alles ein Prozess zwischen vom Verstand klar beherrschten Gefühlen. Ja, die waren mal stärker und dann immer weniger im Vordergrund. Das schon. Aber mehr auch nicht.

Meine liebe Cathérine (die ich mit dem Best Mother Award bedachte), hat vor Jahren etwas sehr Treffendes gesagt (das kann sie eh ganz wunderbar…):

„Du bist ein Mensch voller unterdrückter Leidenschaften!“

Ja, phantastisch. Du hattest Recht, meine Liebe!

Und das bin ich immer noch.

Und ich weiß nicht, wie man es anders macht. Ich konnte es nie oder habe es vergessen.

Von Verantwortung erstickt

War eher so, dass ich ja als Kind irgendwie spürte, dass meine Mutter „unzurechnungsfähig“ (nicht streng juristisch gemeint) war. Sie war mehr als das: Ich fürchtete mich vor ihr.

Ich muss doch immer Angst gehabt haben, sie könnte mir wieder etwas Böses und Widerliches antun. Eng mit jemandem zusammen zu leben, ja, abhängig von jemandem zu sein, der einem Widerliches antat – das ist wirklich eine Hausnummer. Und nein, da war ja keine rettende Oma oder so. Da war mal wieder niemand.

Endlich ausgezogen habe ich ausgeatmet. Ich habe mich natürlich nicht in Selbstliebe eingewickelt, aber ich genoss meine Freiheit. Natürlich hatte ich mir einen nervtötenden Job in einem gestreng geführten Hotelbetrieb gesucht. Damit ich weiterhin kleingemacht werden konnte. Aber in der Freizeit ging es mir gut.

Dann lernte ich Mr. Essential kennen und spürte, dass eine neue Phase im Leben begann.

Ich fand mich bald wieder in einem gestreng geführten in Familiensystem, in dem ich wieder kleingemacht wurde. Hüstel. Und ich bekam Kinder. Natürlich war ich aus Sicht meiner tollen, heiß ersehnten Ersatzfamilie eine miese Mutter. Ich machte tausend Fehler. Völlig unzulänglich, auch als Ehefrau. Ach, grande catastrophe!

Tja. Wir zogen irgendwann weiter weg und diese berüchtigten 90 Stufen weit nach oben (Altbauwohnung).

Da begannen die Panikattacken. Ja, genau da, wo ich kein enges, mich kleinmachendes System mehr in der Nähe hatte.

Und was sagt mein Therapeut dazu (gihihi, das klingt immer so genial klischeehaft, finde ich):

„Ihre Angst ist die Angst vor der Freiheit.“

Die Angst vor der Freiheit

Und das leitet mich zum Schluss meines langen, persönlichen Posts hier:

Ich las mal vor vielen Jahren, so mit 17 oder 18 ein berühmt-berüchtigtes Buch. Ein Standardwerk des weiblichen Masochismus, so würde ich es mal nennen. Simone de Beauvoir schüttelte sich bestimmt. Oder stimmte zu? Ach, das hier ist ja keine Feminismus-Debatte.

Jedenfalls beginnt das Buch mit einer Geschichte. Und die habe ich seit Längerem im Kopf. Und ich verabscheue sie innerlich irgendwie, weil sie so gut zu mir zu passen scheint:

Es geht darum, dass viele amerikanische Sklaven nach der offiziellen Befreiung einfach die Plantagen nicht verließen. Die Tore standen offen und sie blieben stehen, wo sie waren. Sie wagten keinen Schritt hinaus in die ungewisse Welt. Die Arbeit, die Demütigung, die Schläge – das kannten sie. Aber die Freiheit – die fürchteten sie.

Und so blieben viele als von diesem Zeitpunkt an bezahlte Arbeiter einfach dort, wo sie waren und taten das, was sie kannten.

Und das trifft mich im Kern.

Käfigtür offen, zitternder Vogel hockt auf der Stange.

Oh, bekommen Vögel nicht so superschnell einen Herzinfarkt? Argh! Schnell wieder Angst bekommen …