Wir brauchen Hebammen. Oder geht es besser ohne sie?

Ein Gespräch zwischen Bettie und mir, das sich auf Facebook entspann, führte uns an eine interessante Frage: Was denken wir über die Alleingeburt, die im Moment immer wieder diskutiert, propagiert und kritisiert wird?

http://fruehesvogerl.blogspot.de/2015/10/hebammen-sind-ja-keine-esoterische-deko.html

Liebe Ausländerfeinde

Es ist mittlerweile kaum noch von der Hand zu weisen, dass es in Deutschland einen ganzen Haufen von Menschen gibt, die Fremde nicht besonders gerne mögen. Vor allem nicht die Art von Fremden, die zu uns kommen, weil sie irgendetwas brauchen (oder „wollen“).

Diese Menschen fabulieren sich zusammen, dass ihnen ihr Hartz 4 gekürzt wird, damit es an die ganzen fiesen Flüchtlinge ausgeschüttet wird. Oder dass die Fremden ihnen bald ihren prekären Job wegnehmen werden. Oder ihnen ihre sonstigen Sozialleistungen streitig machen.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich kann das verstehen! Wenn ich außer dem Glück, in Deutschland in ein funktionierendes Sozialsystem geboren worden zu sein, auf der Habenseite auch so wenig zu vermelden hätte, würde ich mir auch Gedanken machen. Das sind halt größtenteils nicht die Globalisierungsgewinner, die hier Angst vor Kriegsflüchtlingen aus den Krisenherden dieser Welt haben.

Wobei, eigentlich haben sie ja Angst vor den fiesen Wirtschaftsflüchtlingen aus Albanien und so. Dabei wollen die doch eigentlich das gleiche wie sie: Unterstützung vom deutschen Staat, weil sie aus irgendwelchen Gründen mit dem, was sie selbst erwirtschaften können, nicht glücklich werden. Dabei haben die Flüchtlinge ihnen eigentlich sogar etwas voraus – denn sie haben es immerhin trotz widriger Umstände in ein neues Land geschafft, um einen Neuanfang zu wagen. Der ihnen ja auch noch sehr, sehr häufig verwehrt wird.

Ich kann absolut verstehen, dass wir kritisch prüfen wollen, wem wir hier Schutz gewähren. Allein schon damit der Schutz, den wir geben können, auf die Bedürftigsten verteilt wird. Ich kann aber nicht verstehen, wie sehr hier eine Alltagsfremdenfeindlichkeit vielleicht nicht salon-, aber doch immerhin stammtischfähig ist.

Deshalb habe ich mir überlegt, wie sich das Problem lösen lässt. Das ist nämlich eigentlich sehr, sehr einfach.

Liebe Ausländerfeinde, Ihr habt Angst vor der Überfremdung? Davon dass Euer Stadtteil von den falschen Menschen annektiert wird? Das ist blöd, denn wir Deutschen kriegen ja nun mal viel zu wenige Kinder. Wir brauchen die bösen Fremden sogar, insbesondere die, die besser qualifiziert sind als Ihr. Sonst geht das hier mit der schönen Wirtschaft, die Euch zwar fast abgehängt, aber immerhin nicht hängen gelassen hat, nicht ewig so weiter.

Deswegen möchte ich Euch einen Rat geben:

Bekommt doch erstmal drei, vier stramme deutsche Kinder. Sorgt dafür, dass diese optimal ausgebildet sind und produktive Mitglieder der deutschen Volksgemeinschaft werden. Und dafür, dass Ihr dabei der deutschen Volksgemeinschaft nicht auf der Tasche liegt, sondern Euren Beitrag leistet.

Ich kann Euch sagen, das ist ziemlich anstrengend. Kostet ziemlich viel Zeit. Und Nerven. Ihr werdet dann gar keine Zeit mehr haben, Flüchtlingsheime anzuzünden und blödsinnige Parolen zu rufen. Oder das Internet mit Hasskommentaren vollzuspammen.

Aber Ihr werdet das gar nicht mehr vermissen, weil die Flüchtlinge plötzlich keine Bedrohung mehr sind, sondern Menschen, die Hilfe brauchen.

Ihr habt doch nur Angst, das Mama Euch ein kleineres Stück Kuchen gibt. Backt Euch doch selber einen Kuchen. 

Trennungsschmerz – Kinderbetreuung und ihre Folgen

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an die Komplikationen, die wir mit unserer ersten Tagesmutter für Nummer 4 erleben mussten. Anschließend fanden wir rasch eine neue Tagesmutter, zu der er seit Jahresbeginn geht.

Es ist nicht nur eine Tagesmutter, sondern es sind Tageseltern. Ich stelle sie kurz vor, damit Ihr Euch ein Bild machen könnt.

Die Tagesmutter hat zwei erwachsene Söhne mit ihrem Mann, den sie in noch heute spürbarer Verliebtheit sehr jung heiratete. Sie ist eine Frau mit sehr viel Kinderliebe und einer ganz besonderen Beobachtungsgabe für ihre Mitmenschen. Vor ihrer Ausbildung zur Tagesmutter arbeitete sie in der Flüchtlingshilfe – sie ist türkischstämmig und kann recht gut Arabisch sprechen, daher war sie dort eine große Hilfe.

Der Tagesvater hat einen so selbstverständlich liebevollen und freundlichen Umgang mit Kindern, wie ich ihn selten bei Männern erlebe. Das mag sexistisch klingen, entspricht aber eigentlich nur meinen persönlichen Beobachtungen. Nummer 4 ist sehr gern in seiner Gesellschaft und nickt eifrig, wenn man fragt, ob denn dieser Mann sein Kumpel sei. Die beiden frühstücken immer ausgiebig – zusammen mit den anderen drei Betreuungskindern.

Der Wohlfühlfaktor

Die beiden leben in einer Wohnung mit einem Spielzimmer für die Kinder – inzwischen haben sie sich ein Haus gekauft, damit sie für die Tageskinder mehr Platz und einen Garten haben. Im späten Herbst wird umgezogen, zuvor renovieren sie mit Hilfe ihrer großen Familie.

Ich habe mich mit der Tagesmutter oft unterhalten – während der Eingewöhnungsphase nach Berliner Modell. Und auch beim Abholen, wenn sie mit den Kindern auf einem Spielplatz sind – was sie oft sind. Ich mag sie sehr gerne und ich merke, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Ich erzählte ihr sogar ein bisschen von meiner Familie, was ich ungern und selten tue. Sie empfand eine Menge Mitgefühl – wurde sie doch ganz anders groß. Mit fünf Geschwistern auf engem Raum und ganz viel Zusammenhalt.

Ihre Gegenwart ist sehr angenehm und man fühlt sich wohl. Kaum saß ich während der Eingewöhnungsphase auf der Esstischbank, bekam ich türkischen Tee. Ich habe vor vielen Jahren mal ein paar Grundkenntnisse in Türkisch erworben und ein bisschen blieb mir erhalten – das war ein netter Eisbrecher, weil die beiden sich sehr darüber freuten. Das Familiäre, Gastfreundliche und diese Mentalität, es anderen gerne angenehm und schön zu machen – das rührte mich. Hat es schon immer, wenn ich bei türkischen Familien eingeladen war. Ich wog auch immer fünf Kilo mehr, wenn ich abends nach Hause ging.

Die Tagesmutter sagte einmal in etwa zu mir: „Du hast ein richtiges Mutterherz. Du hast es geschafft, auch wenn du keine echte Mutterliebe bekommen konntest, selber so viel davon zu geben. Ich bewundere das sehr. Und es tut mir sehr leid, was du erleben musstest – auch wenn ich noch nicht alles weiß, das spüre ich. Aber was ich weiß, das reicht aus, um ein bisschen zu verstehen.“

Das Mutterherz und sein Nesthäkchen

Affenhorde: Zusammenhalt und Nähe inklusive (Foto RacoonyRE)

Affenhorde: Zusammenhalt und Nähe inklusive (Foto RacoonyRE)

Unsere anderen drei Kinder kennen die Tageseltern inzwischen auch. Nummer 3 bekommt immer Kekse, wenn wir zusammen Nummer 4 abholen. Diese darf sie sich aus einem Schrank in der Küche nehmen und an den anderen Kindern vorbeischmuggeln – ein Ritual, das sie liebt. Ein bisschen Oma-Ersatz empfindet sie dann, das spüre ich. Auch die großen Kinder mögen die beiden liebevollen Menschen richtig gern.

Aber: Bis vor zwei Tagen weinte Nummer 4 bei jedem morgendlichen Abschied. Jedes einzige Mal. Er rief nach mir, klammerte sich an mich – es war ein echtes Drama. Und das Wort Drama verwend eich hier nicht, um darzustellen, dass ich es übertrieben empfunden hätte. Oder dass ich einfach genervt gewesen wäre. Ich habe gelitten. Weil er gelitten hat. Nein, wir haben beide gelitten.

Ich konnte mich nie gut von den Kindern trennen und sie sich auch nicht von mir. Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Mindestens, seit Mr. Essential seine doofe Krankheit gehabt hat.

Und Nummer 4 hängt so sehr an mir – vielleicht noch mehr als mein Klettenkind Nummer 2.

Er mag die Tageseltern sehr gern, sagte früh ihre beiden Vornamen. Und er erzählt mir auch von seinen Vormittagen dort. Er beschreibt, dass er gemalt hat und berichtet, dass seine kleine Freundin (deren Namen er wütend korrigiert, wenn ein anderer Junge dort ihn falsch ausspricht: „Beleidigt nicht den klangvollen Namen meiner Herzensdame, Schuft!“) ein „Aua“ hatte.

Wenn ich ihn abhole, dann hüpft er und quietscht und ruft Mama!Mama!. Wenn ich morgens gehe, dann weint er und ruft auch Mama!Mama! – aber eben richtig leidend.

Lange, ehrliche Eingewöhnung

Die Eingewöhnungszeit betrug bei ihm, wenn man sie als abgeschlossen ansieht, sobald das Kind sich tränenfrei und zufrieden verabschiedet, acht Monate. Acht Monate. Und ich habe inzwischen genau hingefühlt, was in mir vorgeht, wenn ich ihn zurücklasse.

Ich freue mich, liebevolle Menschen in seiner Nähe zu wissen. Ich weiß, dass sie durchweg liebevoll und erfahren sind. Sie kümmern sich mit sehr viel Hingabe und auch Fleiß um ihre vier Schützlinge.

An einem Morgen in den Ferien durfte Nummer 2 auch bei den beiden bleiben. An diesem Morgen weinte Nummer 4 nicht.

Wölfe, Gérard van Drunen

So richtig schön ist’s doch im eigenen Rudel (Foto: Gérard van Drunen)

Der Welpe braucht sein Rudel. Das Rudel signalisiert ihm Sicherheit und Wohlbefinden. Beim Opa bleibt Nummer 4 auch gerne – weil ein Teil seines Rudels (die Geschwister) dabei ist. Geht das ganze Rudel weg – ist der Welpe alleine. Ich kann das zoologische Beispiel auch mit Affen: Bleibt ein Affenkind alleine bei Fremden, auch bei netten Fremden, ist es unruhig. Es braucht die Horde – heißt das bei Affen Horde? In meiner Welt ist ein Haufen Affen eine Horde. Ich liebe Affen.

Ich spüre, wie das Band zwischen ihm und mir sehr langgezogen wird, wenn ich gehe.

Ich sehe, dass er sagt: „Kann ich dich nicht umstimmen? Ich bin lieber zuhause. Hier bin ich auch gern, aber es bleibt ein Gefühl von Unsicherheit, weil es Fremde sind. Die sind mir inzwischen bekannt, aber die sind nicht mein Rudel. Ich bin abgelenkt und habe Spaß. Aber die sind nicht mein Rudel.“

Ich spüre, wie ich antworte: „Glaub mir, ich fühle mich auch nicht glücklich. Diese Lösung ist die rational beste. Aber emotional kostet sie etwas. Ich kann nicht den ganzen Tag mit dir zusammensein. Es gibt Dinge, die ich erledigen muss und ein Projekt, dem ich mich widmen möchte. Zudem gibt es eine Menge Arbeit in unserer großen Rudelhöhle, es gibt Termine, Besorgungen und Erledigungen. Jemand muss das alles machen. Und dieser jemand bin ich. Ich gebe dich für kurze Zeit hier ab, alle anderen Kinder sind länger hier. Eine so lange Verweildauer würde ich für dich zu diesem Zeitpunkt in deinem Leben niemals wollen. Zu dir und zu mir würde das nicht passen. Wir sind beide nicht hundertprozentig glücklich, aber wir können es aushalten, oder?“

Ich versetze mich in ihn hinein.

Ja, er hat Spaß dort und ich weiß, er lernt Dinge, die er später zu schätzen wissen wird. Hier zuhause wird er betüdelt und betreut, man ebnet ihm den Weg. Er war daher völlig verdutzt, als ihm ein anderes Kind morgens etwas wegnahm. Diese Situation war ihm neu. Hier bringen alle ihm etwas, wenn er es alleine nicht holen kann.

Er musste lernen, sich zu wehren. Und das kann er inzwischen. Nimmt man ihm etwas aus der Hand, zum Beispiel, weil es mal wieder etwas ist, das er nicht haben sollte (Scheren, Schraubenzieher …) dann wird er sauer. Und wie. Er ruft dann: „Meeeins!“ und wenn man Pech hat, dann bekommt man eine verpasst. Hat funktioniert. Sein Vater hat für diese Lektion länger gebraucht und sie erst mit vier Jahren lernen dürfen. Er sagt, es sei gut, wenn jemand das bereits drauf habe, sobald es in den Kindergarten geht.

Dort wird die Gruppe um ein Vielfaches größer. Wenn ich mich da hinein versetze, dann fühle ich mich gestresst und überfordert. Ja, im Gewusel einer großen Gruppe sucht man sich sein Eckchen und seine Freunde. Man geht in andere Räume zum Spielen, bekommt etwas Vorgelesen und isst zusammen.

Rudellos

Ich war ja nie in einem Kindergarten – meine Mutter schaffte es nicht, ihren Wunsch nach einer möglichst engen Bindung (Symbiose) zu mir, zu erweitern – aber jetzt als Erwachsene stelle ich es mir in der Retrospektive nicht als das Richtige für mich vor.

Hugo_Oehmichen_Im_Kindergarten

Romantische Kinderidylle aus Öl (Hugo Öhmichen, „Im Kindergarten“)

Ja, ich hatte keine Übung im Umgang mit anderen Kindern, als ich mit sechs Jahren mit mehr als zwei Kindern gleichzeitig konfrontiert war. Eine Abhärtung in Richtung „große Gruppe“ hätte mir gut getan. Also, sie wäre hilfreich gewesen. Gut getan hätte sie mir nicht. Ich hätte mich auch immer fremd gefühlt, wenngleich gewöhnt.

Klar, ich hätte mich an einen Kindergarten gewöhnen können und ich wäre vielleicht auch ganz gern dort gewesen. Aber es ist eben kein Zuhause. Dieses Gefühl hatte ich Kindergärten gegenüber schon immer.

Ganz mies

Meine Mutter war Kindergärtnerin und sie empfand ihre Ausbildung (für die man 1965 übrigens 234 D-Mark bekam/Kinoeintritt zu der Zeit 50 Pfennig, weiß ich noch – eidetisches Gedächtnis und so) als furchtbar. Die Kinder wurden noch geschlagen und das fiel ihr sehr schwer. Die Mütter sagten morgens: „Das ist ein Frecher, hau ruhig drauf, Fräulein Soundso!“ Die Kindergärtnerinnen hießen noch „Tante Marlene“ oder „Tante Sieglinde“. Als meine Mutter selbst ein Kind war, da wurden die Kinder noch an Stühle gefesselt, wenn sie andere Kinder wiederholt ungehorsam waren. Kratzen oder schlugen sie zu oft, wickelte man ihnen die Hände in Stoffbänder ein. „Die bösen Händchen müssen jetzt ruhen“ hieß das dann.

Irgendwie hat die Fremdbetreuung vielleicht ein mieses Karma, wenn sie noch vor wenigen Jahrzehnten so aussah. Ist ähnlich wie bei den Zahnärzten. Tief in uns rumoren noch die alten Geschichten und Bilder von blutigen Zangen und Extraktionen ohne Betäubung. Vielleicht ergeht es den Kindergärten, ehemals „Kinderverwahranstalten“ auch so. Jedenfalls wird ja viel diskutiert über das Für und Wieder derselbigen. Es muss also auch etwas Schlechtes daran vermutet werden.

Nun lag es nicht an ihren Erinnerungen, dass meine Mutter mich nicht in den Kindergarten ließ – sie wusste, dass die Kinder dort in den 80ern weder gefesselt noch geschlagen wurden. Sie wollte mich eben nahe bei sich haben. Ein Grund, warum ich bei der starken Orientierung auf Bindung an die Mutter heute noch mit Vorsicht reagiere – dazu werde ich demnächst noch etwas schreiben.

Zurück ins Heute und zu Nummer 4. Ich empfinde die Trennung immer noch als unangenehm für uns beide. Dennoch drehe ich durch, wenn ich monatelang mit einem wirklich anstrengendem Kleinkind (sorry, Nummer 4) zuhause hocke. Und nein, Spazierengehen ist auch keine Erfüllung. Und keinen Handschlag tun zu können auch nicht. Und niemals alleine zu sein ebenso wenig. Und arbeiten möchte ich auch ganz gerne, irgendwie. Ein paar Stunden getrennt zu sein ist also die beste Lösung. Und sie fühlt sich dennoch immer mal wieder fies an.

Das eigene Rudel

Jeden Morgen, wenn ich sein Weinen im Ohr hatte und mich auf den Weg zum Auto machte, wägte ich Gedanken und Gefühle ab. Ich dachte, dass es sich immer komisch anfühlt, ein Kind an Fremde abzugeben, die sich gegen Bezahlung kümmern. Und ich fand, die gute alte Großfamilie (die bestimmt sehr oft sehr nervte), wäre ein besserer Ort. Den es aber nicht mehr gibt.

Großfamilie aus Südafrika, Henry M. Trotter

Sieht kuschelig aus, nervt aber sicher manchmal: Großfamilie (Henry M. Trotter)

Das eigene Rudel und so. Wenn ich unsere Kinder bei den Großeltern ließ, dann konnte ich mich abends ohne schlechtes Gewissen vergnügen, wenn wir mal ausgingen. Das war das Rudel – ja, das nervte auch sehr oft – aber es war sicher, dass die eigenen Großeltern gewissenhaft und vertrauenswürdig waren. Und das, obwohl es Konflikte zwischen uns und ihnen gab. Man wusste, das eigene Fleisch und Blut, die eigene Nachkommenschaft, würden sie bestmöglich behandeln. Und das taten sie auch.

Bleibt Nummer 4 mal für die Dauer eines Einkaufs in der Betreuung seiner Mit-Welpen (von denen die beiden Großen eher fast ausgewachsene Wölfinnen sind), hat er keine Probleme, wenn er uns gehen sieht. Bei anderen Personen weint er. Das spricht eine deutliche Sprache für mich.

Gefühls- und Gedankenfazit

Ich sage an dieser Stelle ganz bewusst: „Jedes Kind ist anders – ich berichte nur aus persönlicher Sicht.“ Aber das ist ja immer das, was man tut, wenn man nicht wissenschaftlich argumentiert: aus persönlicher Sicht eigene Beobachtungen und Gedanken oder/und Gefühle kundtun.

Es gibt nicht immer eine perfekte Lösung. Ich empfinde es so, dass eine außerfamiliäre Betreuung ein Kompromiss zwischen der modernen Lebensweise, den Bedürfnissen der Familienmitglieder und allen Notwendigkeiten ist.

Es gibt so viele Studien und Meinungen zu diesem Thema. Und gerade in Deutschland wird es mehr diskutiert als in anderen europäischen Ländern. Unser Nachbarland Frankreich geht damit beispielsweise ja ganz anders um. Und Skandinavien auch.

Eine Studie zeigt, dass Kinder, die sehr früh und stundenmäßig lange fremdbetreut (ja, Entschuldigung“bekanntbetreut“) wurden, in späteren Jahren Bindungsschwierigkeiten entwickeln. Bei Facebook rufen dann Bewohner*innen der einstigen DDR: „Ja was? Sind wir alle bindungsgestört oder wie? Das hat uns nicht geschadet!“ Und ich möchte sagen: „Das weiß ich nicht. Ich kann es nicht beurteilen. Aber dass du oder auch du Kommentator*in dich als Beispiel anführst, widerlegt – wie so oft – die These nicht. Mal ganz wissenschaftlich gesehen.“

Und genau so belegen andere Untersuchungen, dass es keinerlei Langzeitnachwirkungen gäbe.  Wie so oft, entscheidet man sich für die eine oder andere Sichtweise. Meist aus persönlichen und nicht aus wissenschaftlichen Gründen …

Grautöne

Manchmal (oft!) denke ich, es wäre schön, wenn man ehrlich sein könnte. Und nicht schwarz-weiß denken müsste. Einfach mal sagen: „Das und das mag ich an diesem bestimmten Thema, aber das eine Ding daran, das nehme ich nur billigend in Kauf“

Modernes Beispiel gefällig? Das viel diskutierte Zeug wie das Familienbett, das Stillen, das Tragen, das Windelfreie, das Stoffwickeln, die Reboarder … all das.

Wie wäre Folgendes?

„Ja, ich schlafe mit meinem Kind in einem Bett. Und mein Mann schläft auch dort. Ihn nervt es manchmal, mich auch. Wir schlafen schlechter wegen des Gehampels zwischen uns, aber wenn wir zusammen aufwachen, dann finden wir, das Ganze ist es wert. Denn das lieben wir. Wir würden gerne mal quer und laut durch unser Bett vögeln, aber das geht nun mal nicht. Ja, wir schreiben, dass nur Langweiler im Bett Sex haben. Das fühlt sich einfach besser an, als wenn wir uns als die Zwangs-Asketen dargestellt sehen.

Wir wissen auch, dass Nebeneinander zu liegen öfter mal zu spontanen Liebesspielen führt. Diese verlagern wir auf Teppich, Sofa, Dusche, Esstisch … ach ne, eigentlich ist das geflunkert. So kreativ sind wir beide eigentlich im Moment nicht, dazu sind wir zu müde.

Aber: Wir lieben es dennoch. Trotz der Einschränkungen, die es bedeuten kann. Es wird ein paar Jahre in unserem Leben so sein und wir sind sicher, dass es unserer Intimität und Vertrautheit als Paar nicht schadet. Und wenn wir noch mehr Kinder bekommen, dann überlegen wir, ob das für uns so fortgesetzt werden kann. Oder wenn es uns beiden oder einem von uns nicht mehr gefällt. Ja, wir lasen, es sei schwer, das wieder umzustellen und es wird eventuell schwierig, aber das hält uns nicht davon ab, unseren Weg weiter so zu gehen. So lange, wie er sich gut anfühlt.“

Entscheidungen darf man verändern, begrüßen bedauern, revidieren.

Alles andere macht einen starr. Und es verhindert, dass man selbstehrlich ist. Dogmen im Allgemeinen führen allzu oft zu (Selbst-)Lügen. Wenn ich nicht sagen darf, was ich wirklich denke und fühle, dann bin ich mundtot einem Dogma unterworfen. Siehe #regrettingmotherhood: Kaum sagte eine Mikrozahl von Müttern (in einem anderen Land mit anderen Konditionen als bei uns) mal: „Och, noch mal würd‘ ich’s nicht machen“ dann muss schnell die rettende, moralisch hochwertige Gegendarstellung her.

Und schon wissen alle: „Alles klar, die Schweigespirale manifestiert sich da gerade. Ich darf also nicht klagen oder mal sagen, dass ich Manches manchmal bedaure. Besser ich halte meinen Mund.“

So ist es auch beim Thema der Fremdbetreuung. Grautöne stellen die Entscheidungen irgendwie in Frage. Schließlich kann eine Entscheidung nur zwischen Weiß und Schwarz stattfinden, oder? Klar, aber nach der Entscheidung sieht man eigentlich, wie beide Farben einander berühren, beeinflussen und oftmals an den Rändern vermischt werden. Wenn man es denn sehen darf. Und sagen darf.

Ich vermisse das Grau

Und weil ich das Grau vermisse sage ich:

Perfektion gibt es nicht.

Ich wünschte, es gäbe eine Welt, in der sich alle Entscheidungen perfekt anfühlen, aber die ist nicht da, wo ich bin.

Ich wünschte, ich fände es erfüllend, 24/7 mit einem Kleinkind happy together zu sein, dabei noch Zeit für den ganzen großen Haushalt zu haben und meiner Arbeit nachzugehen. Aber so ist es nunmal nicht.

Dennoch will ich meine Gefühle nicht verleugnen müssen. Ich empfinde Schmerz, wenn ich Nummer 4chen abgebe. Und er auch. Ich lasse ihn los und er mich und das lässt ihn und auch mich reifen. Aber das tut dennoch weh und ich halte es für zu früh. Aber es geht nicht anders. Und das fühlt sich doof an.

Ich muss keine Studie ‚rauskramen, die beweist, dass es ihm nicht schadet. Ich weiß, dass es keinen echten Schaden anrichtet. Aber es macht ihn ein bisschen nervöser.

Weil er begreifen muss, dass die Oberwölfin weg sein kann. Einfach weg. Und eine Welpe ohne Wölfin ist in einer potentiell bedrohlichen Situation. Da hilft auch keine andere Wölfin aus einem anderen Rudel. Zumindest fühlt sich das für Klein-Welpi so an. Ich weiß, dass die andere Wölfin da ist und sich kümmern kann, wenn etwas ist. Aber Welpi weiß es nicht wirklich. Er ist klein und instinktregiert. Er ist noch lange, lange kein vernunftbegabtes Wesen.

Loszulassen ist eine wichtige Lektion. Für mich war es immer mal wieder schwierig, zwischen Nähe und Distanz auszutarieren. Eben weil ich in meiner Kindheit erst eng umhüllende (einengende … erstickende …klebende) Nähe und dann, nach circa 12 Jahren, plötzliche Distanz erfuhr.

Ich finde nicht, dass eine möglichst enge oder nahe Bindung zu einem anderen Menschen das erstrebenswerteste Beziehungsgut ist. Weil man eben nicht abschätzen kann, was der andere Mensch da alles mitbekommt und in sich aufnimmt. Nähe darf emotional, körperlich oder geistig stattfinden und diese Ebenen brauchen ein Gleichgewicht. Nähe muss beiden gefallen und nutzen. Wenn ich Nähe will, dann sollte ich meiner Meinung nach stets überprüfen, wieso ich das möchte. Auch dazu gibt es viele interessante Studien und psychologische Theorien sowie Ansätze. Aber das gehört jetzt nicht hierhin.

Gleich fahre ich wieder los und hole Nummer 4. Ich persönlich könnte auf einer Ebene mehr als knappe drei Stunden alleine am Tag brauchen. Aber das wäre zu viel für ihn. Und für mich auch, denn eine andere Ebene würde das wiederum ebenfalls nicht wollen. Und weil man aus so vielen verschiedenen Gefühlen und Gedanken, beziehungsweise Ebenen, bestehen kann, ist das, was ich fühle, ein Kompromiss.

Er ist okay, aber er hat Schattenseiten. Für Welpe und Wölfin.

„Kleine Helden leben sicher“ – Aktuelles zum Thema Sicherheit für Kinder

Mr. Essential und ich sind übrigens nicht nur dauermüde Enddreißiger mit diversen Kindern und einer LKW-Ladung kunterbunter bis rabenschwarzer Lebenserfahrungen, sondern auch Botschafter.

Gerne würde wir dazu in einer passenden, schnieken Mini-Villa leben mit hohem Zaun und Bodyguards und Pool im Keller. Und dann würden wir mit den anderen, exotischen Botschaftern parlieren, während wir durch den Botschaftspark flanieren und Horsd’œuvres goutieren, ehe wir uns in den Speisesaal zurückziehen. Für das Dinner. Hachz.

Nein, keine Villa, kein Park – das alles brauchen wir ja gar nicht! Wir haben ja uns, ne?

Wir sind Botschafter der Initiative Kleine Helden leben sicher. Und das sind wir gerne. Wir werden dazu heute und auch in Zukunft ab und zu etwas berichten. (Wie zum Beispiel bald zum Thema Reboarder.) Wie es so unsere Art ist, werden wir lediglich mitteilen, was Stand der Wissenschaft, Technik und unserer Erfahrungen ist. Es werden keine dogmatischen“perfekten Lösungen für alle“ geliefert oder andere Ideen abgewertet. Beim Thema Kindersicherheit muss ja manchmal so ein Disclaimer her.

Wir schreiben über die sicherheitsrelevanten Themen einfach so – honorarlos.

Warum? Weil uns die Inhalte wichtig sind und sie für Euch interessant sein könnten.

Alles ist vergiftet (?)

Das neue Schwerpunktthema der Kindersicherheitsinitiative ist „Materialien und Inhaltsstoffe in Kinderprodukten“. Wir Eltern kennen die Unsicherheiten, die uns angesichts auf uns einprasselnder Meldungen verfolgen: Kinderspielzeug- und Fläschchen wurden bis vor einer Weile ganz selbstverständlich mit Bisphenol A hergestellt. Bis man irgendwo hörte, dieser Stoff sei schädlich. Irgendwie war es ein Weichmacher und stand in Verdacht irgendwas Ungesundes zu tun. Also las man, er sei schlecht und, schwups, war er verschwunden.

Man muss ja gar nicht lange nachlesen, was genau dieser Zusatzstoff negatives bewirken kann. Es steht auf jedem Fläschchen, Nuckel, Spielzeug inzwischen „Bisphenol A frei“. Prima. Oftmals reicht es ja auch, einfach mal irgendwo gesammelt zu erfahren, welche Inhaltsstoffe oder Materialien gesundheitsschädlich sind, wie man sie erkennt, wo sie enthalten sind und wie man sie umgehen kann. Dazu braucht man keine gesonderten Kenntnisse in Chemie, Biologie oder Medizin.

Wichtig für uns Eltern ist, konkrete und verlässliche Informationen zu bekommen.

„Kleine Helden leben sicher“ wurde vom Bundesverbandes Deutscher Kinderausstattungs-Hersteller e.V. (BDKH) gegründet und informiert Eltern umfassend zum Thema Sicherheit. Fragen wie: „Was tun Gesetztesgeber im Fall ungesunder Stoffe?“ oder „Welche Inhaltsstoffe sind überhaupt in bestimmten Materialien?“ und „Was sind diese Inhaltsstoffe und wieso muss man hier aufpassen?“ werden beantwortet.

Aktuelles Wissen und neue Erkenntnisse werden auf der Homepage der Initiative und auf Facebook mitgeteilt. Hier können sich Eltern genau informieren und in Kommunikation treten. Die Homepage bietet die Möglichkeit, Fragen direkt an Experten zu stellen.

Feuerwehr Bagger

Nicht immer weiß man, welche Stoffe im Kinderspielzeug enthalten sind

Wissen contra Unsicherheit

Weichmacher in Puppen, entflammbare Teddybären, Giftstoffe in Discounter-Kleidung …

Mich nervt es jedes Mal, wenn ich einer Marke oder einem Produkt Interesse oder sogar Vertrauen schenke und dann erfahre ich von irgendwelchen Schadstoffen, die enthalten sind. Irgendwie fühlt man sich manchmal ja echt umzingelt von solchen Nachrichten und ist verunsichert. Durch die Initiative erhalten Eltern die Möglichkeit Neuigkeiten über Schadstoffe, Gesetzesänderungen und allgemeines Wissen rund um Inhaltsstoffe zu erfahren.

So findet man auf der Homepage die Top 5 der kritischen Stoffe, erfährt etwas über geprüfte Produkte und eingehendes Wissen über die Sicherheit bestimmter Produkte.

Auf der Suche nach wichtigen Infos ist die Initiative jedenfalls eine gute Adresse.

Glotze aus!? Medienkompetenz für Kinder

Glotze aus!? Medienkompetenz für Kinder

Medienkompetenz ist ein Wort, das wir inzwischen alle kennen. Wie schult man Medienkompetenz und wie halten wir persönlich das? Wir geben Einblicke in unser fernseharmes Leben und natürlich gibt es am Schluss auch Experten-Tipps: Was müssen wir unseren Kindern über den Umgang mit modernen Medien beibringen?

Medienkonsum muss individuell gestaltet werden

Der Umgang mit den Medien gehört für Kinder zum Alltag. Oft wird kommentiert, es solle nur nicht zu viel sein oder nicht zu früh starten. Fakt ist immerhin: Man muss sich selbst und auch die Kinder bewusst auf den Umgang vorbereiten. Wer sagt denn, dass die elterlichen Vorbilder immer einen wünschenswerten Umgang haben?

Die unseligen Frankfurter Plakate, welche Mütter vor einer Weile mahnten, brav den Nachwuchs im Blick zu haben und kein Smartphone auf Spielplätzen zu nutzen, waren ein Gipfel der Diskussion. Gut, dann dürften Mütter auch keine Zeitschrift, kein Buch und auch keine Gesprächspartnerin als Ablenkung akzeptieren – aber soweit wurde da wohl nicht gedacht.

Zumindest regten sie an, über die Vorbildfunktion nachzudenken. Und ja, früher nahm man im Wartezimmer die Zeitschrift, heute das kleine Kästchen, das mütterliche Tor in die Welt, von  der sie sich manchmal so abgeschnitten fühlt. Warten sorgt schnell für Smartphonekonsum und das ist sicher auch in Ordnung. Wenn die eigenen Kinder kopfüber am Klettergerüst hängen und um Hilfe rufen, dann bemerkt man das schon.

Wir sind ja bekanntermaßen (zumindest für jene, die schon länger hier bei uns mitlesen) ziemliche Nerds und mögen Technikkrams. Und gerade deshalb haben wir darüber nachgedacht, wie wir den Umgang gestalten wollen. In Maßen, ja klar, das sagt ja jeder. Ich handhabe das eher variabel. In den Ferien zum Beispiel hängen sie länger dran. Sie spielen Minecraft, hören Musik oder gucken Videos. Irgendwann kommandiere ich sie ab, wenn sie nicht schon selbst vorher aufgehört haben. Ich will, dass sie ein paar Mal den Overload erleben, den der Konsum bedeutet.

Ich habe früher mal so lange Tetris gespielt, dass ich im Supermarkt schon begann, mir automatisch vorzustellen, wie ich die das Paniermehl zwischen die Packungen mit den Klößen schiebe. Das machte mir dann etwas Angst und war ein Aha-Erlebnis.

Der Umgang mit den Medien gehört ebenso zu den mannigfaltigen pädagogischen Aufgaben, die eng an Selbstreflexion gekoppelt sind, wie eben auch das Thema Geld oder das Thema Freundschaftspflege. Oder um die Hundert andere.

Vier Individuen

Wir hier besprechen den Umgang je nach Alter und individueller Wirkung der Medien auf das einzelne Kind.

Medienkompetenz bis in den kleinen Zeh: Daddelnde Nummer 2 und 3

Medienkompetenz bis in den kleinen Zeh: Daddelnde Nummer 2 und 3 (ja, die Spiegeltüren hat Nummer 4 mit Schmierfingern dekoriert)

Nummer 1  (bald 13) schaltet innerlich ab und amüsiert sich zugleich, wenn sie sich Youtuber ansieht. Sie fühlt sich da irgendwie verstanden und abgeholt, weil sie für ihr Alter sehr reif ist und die Gesellschaft Erwachsener präferiert. Also darf sie das durchaus genießen. Zudem findet sie es toll, dass ich die ganzen Typen und Typinnen da nicht kenne und sie sich dadurch pubertär notwenig abgrenzen kann.

Sie hört gerne Musik über das Smartphone und auch das ist völlig in Ordnung für uns. Sobald sie kein Gerät in der Hand hat, ist sie ein (altersgemäß müdes) ausgeglichenes und aufmerksames Familienmitglied.

Nummer 2 (11) liebt Minecraft. Das spielt sie gerne mit einem weiter entfernt wohnenden Freund. Sie telefonieren dabei dann per Lautsprecher und gackern mächtig rum. Dies begrenze ich auf zwei Stunden – das Limit wird murrend hingenommen. (Auch aus dem Telefonhörer). Ansonsten chattet sie mit Freunden innerhalb der Gruppe ihrer Schulklasse und spielt Spielchen. Sie neigt dazu, müde und bräsig zu werden, wenn sie den Medienkonsum übertreibt.

Nummer 3 (8) war neulich mal krank und erlebte den ersten Medien-Overload. Sie glotzte pausenlos diese kreischigen Filme mit der Meerjungfrau, die von einem Hai (?) beschützt wird und die ein anderes Tier immer auffressen will.  Mamma mia, hat mich das genervt. Aber gut. Sie lag malade hernieder und nach drei Stunden hatte sie eine heiße Stirn. Aber nicht von Fieber  – sondern vor Anstrengung. Und das fand sie selber schrecklich. Seitdem achtet sie selber (meist) darauf, wie viel sie guckt.

Nummer 4 (1,5) guckt gerne Videos von Baggern auf YouTube (hey, die sind sehr meditativ!) und auch die Sendung mit der Maus – Themenschwerpunkt Bagger … Seine Aufmerksamkeitsspanne beträgt durchschnittlich circa vier Minuten. Vom Overload weit entfernt, daher darf er das gucken.

Die Glotze

Das Fernsehen hat für mich persönlich die erschreckendste Wirkung auf Kinder.

Wir kennen sie natürlich, die großen und kleinen Glotzzombies. Wir haben sie auch hier gehabt.

Bis vor zwei Jahren. Da haben wir die Glotze ausgeschaltet. Seitdem wird sie nur genutzt, wenn ab und an eine Spielkonsole läuft und sie den Bildschirm dafür darstellt.

Warum haben wir das so entschieden?

Weil sie so gut darin waren, hirnlose Werbe-Jingles zu singen und niemals antworteten, wenn man sie ansprach. Und weil sie nach dem Glotzen genau die fiesen, streitlustigen, Miesepeter waren, die ich erwartete. Während des Glotzens sahen sie aus wie Zombies. Sogar ihr sonst ausgelassenes Lachen klang wie das müde, geistlose Grunzen eines Untoten. Bah!

Trotz dieser Beobachtungen war dies nicht der Anlass, die Glotze fortan als Staubfänger zu benutzen. Schließlich gucken doch alle Kinder Fernsehen, ne? Da will man seine ja nicht ausgrenzen und so.)

Es ergab sich so. Ich erinnere mich, dass sie gerne nach der Schule beim Ansehen einer der Kinderkanäle abschalteten. Also innerlich. Komplett gehirnmäßig. Sie wurden zu den erwähnten Glotz-Zombies. Ich hatte dem TV gegenüber immer ein latent schlechtes Gefühl. Zwischendurch dudelten Werbepots und nach dem Ausschalten hatten sie plötzlich tausend Wünsche – alle gefüttert durch die TV-Werbung. Dauerte die Fernsehzeit zu lange, waren sie mies gelaunt und meckerten sich gegenseitig an.

Das letzte, was wir noch  zusammen im regulären TV guckten, waren die für mich nostalgischen Serien „She Ra“ und „He-Man“. Die Kinder meinten irgendwann, die beiden Serien seien so viel ruhiger und nicht ganz so „dämlich“ wie die anderen. Am nächsten Tag schalteten wir nicht mehr ein und am Tag darauf auch nicht. Ich habe es einfach gar nicht angesprochen und sie befassten sich mit etwas Anderem.

Und was gucken wir und die Kinder dann? 

Wir präferieren Streaming-Dienste wie Netflix, Watchever oder Amazon Instant. So haben wir ausgesuchte Unterhaltung und keine Werbeunterbrechungen. Okay, Watchever nennen wir wegen dauernder technischer Probleme zärtlich WatchNever und kündigen es häufig wieder.

Oder wir gucken auch einfach mal nix.

Nummer 1 und Nummer 2 sind mit bald 13 und 11 Jahren eh in einem Alter, in dem das Smartphone an der Handinnenfläche angewachsen ist – sie bilden eine Symbiose mit dem Teil und sind nur noch operativ zu trennen. Sie wissen nicht, wie man mit ihren Spielzeugen telefoniert und nutzen sie als etwas, das wir Dinosaurier Walkman nannten. Aber auch das schränke ich ein, was sie allerdings begrüßen, weil sie um das Suchtpotential wissen. Und ihnen ebenso von uns bewusst gemacht wurde, dass man manchmal eben von außen einen Hinweis annehmen kann und sollte, der einen unterstützt.

Einstiegsdroge: Das Baby Tablet

Einstiegsdroge: Das Baby Tablet

Vorbilder: Ein Bekenntnis

Ja, wir sind die Vorbilder unserer Kinder. Sie sehen nicht nur, welche Art von Beziehung wir Eltern miteinander führen, wie wir mit unseren Freunden umgehen und wie wir uns die Schuhe anziehen. Sondern auch, wie viel wir uns gegenseitig phubben oder wie oft wir uns das Tablet schnappen. Und das beobachten wir hier. Unter dem Stichwort „Horror-Techies“ sitzen wir hier manchmal und machen genau das. Alle haben irgendein Gerät zur Hand: Ich tippe etwas auf dem Notebook, Mr. Essential surft auf dem iPad Mini, die Großen haben die Smartphones und Nummer 3 spielt ein Spiel auf dem anderen iPad. Nummer 4 schläft dann entweder oder wirft mit Plastikbaggern auf uns. Dann hören wir auf.

Genau dann, wenn uns die erste Baggerschaufel mit beinahe tödlicher Wucht trifft, merken wir wie zufällig, was wir gerade getan haben. Und es findet sich immer einer von uns, der dann sagt:

„Oh Mann, wir Eierköpfe.“

Ein anderer konstatiert dann: „Aber es ist gemütlich und zeitgemäß. Man muss ja nicht immer miteinander labern.“

Meine Ohren stimmen stöhnend zu, aber auf die zwei blutigen Dinger hört hier eh niemand.

Schließlich komme ich dann mit dem weisen Satz: „Es ist nichts so schlecht, als dass es nicht noch ein schlechtes Beispiel taugt“ und die Bagger fliegen plötzlich alle in meinen Richtung.

Diese Momente gab es mal häufiger, inzwischen gibt es sie kaum noch. Auch wir Eltern mussten erst einmal lernen, mit den verlockenden Spielzeugen umzugehen. Ich nehme das Smartphone ab und zu in die Hand. Dies ist etwas häufiger geworden, seit ich ein schönes, neueres Apfelmodell habe, beobachte ich. Und wegen Schneewittchen, Ihr wisst schon, bin ich dem Apfel verpflichtet. Ich habe natürlich auch so einen Schneewittchen-Sticker vorne auf meinem Notebook. Aber gut, ich schweife ab.

Wir sind Vorbilder – auch ohne es zu merken. Ich erziehe meine Mädels beispielsweise zu gleichberechtigt denkenden Frauen – mal so als Beispiel. Und trotzdem sagte Nummer 3 mal irgendwann: „Der Dada ist der Chef. Weil der verdient das ganze Geld. Und du musst dauernd aufräumen und kriegst nix dafür.“ Das saß, klar. Ich habe dann mit ihr gesprochen und sie erklärte mir die Auswirkungen des knallharten Kapitalismus auf sie als Beobachterin der modernen Frauenrolle. Wieder was dazugelernt. Der Dada, der putzt fast nie. Also sind Frauen für das Putzen da. Und er verdient mehr Geld. Also ist er der Ansager.

Habe das alles inzwischen natürlich korrigierend erläutert. Sie weiß nun, dass ihr Vater und ich gleichberechtigt entscheiden. ich die Ansagen mache.

Kinderstimmen zum Thema Medienkompetenz

Habe Nummer 1 bis 4 eingehend zum Thema Medienkompetenz befragt. Sie sagten ungefähr Folgendes:

Nummer 1: „Ich würde echt gern den ganzen Tag am Smartphone hängen und YoutTubeVideos von iBlabla gucken. Aber leider schlafe ich dauernd.“

Nummer 2: „Während ich über den Rechner ein Let’sPlay gucke und in der einen Hand das Smartphone für die Musikauswahl habe, hab ich glücklicher Weise noch eine Hand frei, um nebenher Manga-Figuren zu zeichnen.“

Nummer 3: „Ich BIN ein iPad!“

Nummer 4: „Babba gucke!“

Expertenrat

Es geht nicht darum, Kindern möglichst den Zugang zu den Medien zu verwehren oder einzuschränken, sondern ihnen Kompetenz also Können zu vermitteln.

Schon kleine Kinder interessieren sich brennend für die kleinen Geräte mit den bunten Bildern und lustigen Tönen – wir alle kennen das.

Experten raten, bestimmte Fähigkeiten zu vermitteln. Hierbei geht es um Folgendes:

  • Kinder sollen lernen, Werbung von anderen Inhalten zu unterscheiden
  • Es ist wichtig, den Kindern alles Notwendige über das Thema Sicherheit im Internet zu erklären
  • Der Umgang mit einem Touchscreen erfolgt meist intuitiv nach Beobachtung – auch dies gehört zum Bereich der Medienkompetenz
  • Das Kind sollte wissen, welche Funktionen Geräte wie Tablet, Notebook, PC und Co haben
  • Bei größeren Kindern ist es wichtig, sicherheitsrelevante Phänomene zu erklären: Kettenbriefe bewirken nicht den Tod eines Angehörigen und nein, wir verschicken keine Nacktfotos an jemanden. Nein, auch nicht, wenn wir glauben, ihn (oder sie) für immer zu lieben.
  • Wie gehe ich mit Cybermobbing um? Was genau ist das? Auch hier ist es wichtig, dass Eltern erklärend zur Seite stehen

Ich finde auch noch das hier wichtig:

  • Wie gehe ich mit einer Suchmaschine effizient um?
  • Wo genau finde ich Informationen, die ich brauche?
  • Wie kann ich das Internet als lehrreich erfahren?
  • Was genau bedeutet das hier: „Das Internet vergisst nichts“?
  • Wie verhalte ich mich in Chatrooms und wie schütze ich mich dort?

Kinder sind von kleinauf mit Medien umgeben.

Eigentlich gehören auch Zeitungen dazu – aber ich habe den Kindern bisher nie das Layout einer Tageszeitung erklärt. Obwohl ich als Dinosaurier dies in der Schule durchaus gelernt habe.

So gehört es zu den Aufgaben der neuen (unserer) Elterngeneration, die Kinder im Umgang mit den Medien zu schulen.

Ganz niedlich für etwas jüngere Kinder ist der Internet-Führerschein. Diesen findet man hier. Die Seite, auf der Kinder den Surfschein erwerben können bietet per E-Mail auch Expertenrat für die Kinder. Die Seite empfehle ich, weil sie uns selber gut gefiel – dafür sahne ich nicht ab. Mist, hätte ich mich mal vor diesem Artikel bei denen gemeldet 😀

Wie läuft das bei Euch zuhause ab? Wird viel geglotzt oder wenig oder gar nicht? Hängen die Kinder an den Tablets und Konsolen? Sind sie internetfit?

The Man

The Man

Wie vielen hier bekannt ist haben wir drei Töchter. Und einen Sohn. Letzteren erhoffte ich mir ab Kind 2. Aber irgendwie hatte das Schicksal andere Ideen. Wie so oft. Hinterher kann man ja immer herausfinden, wieso nun dieser und jener Wunsch eben doch nicht (oder später) erfüllt wurde.

Die drei Mädels sind so frei wie möglich erzogen. Nicht frei von Benimmregeln und Anstand. Sie dürfen einfach mögen und anziehen, was sie wollen. Rüschenrock zu Motorradprintshirt? Klar. Stinkende, idiotische Pferdchen mit Fischschwänzen und Kronen fliegen auf dem Todesstern mit? Warum nicht? Prinzessinnenkostüme? Immer her damit. Holzschwerter? Die auch, na klar.

Mich hat es immer genervt, wenn Klischees kamen: „Oh drei Mädchen, das ist aber süüüß!“ Oder „Die helfen bestimmt der Mama ganz viel!“ (Ha. Ha.) oder „Da wartet der Papa aber noch auf einen zum Fußballspielen, ne?“

Nummer 1 war in der Fußball-AG und so gut, dass ich meinen Ball nie länger als 10 Sekunden behalten kann, wenn sie mit mir (gegen mich!) spielt. Nummer 2 und sie lebten lange im Star-Wars-Universum und besaßen Kiloweise Lego aus der Serie. Wie sie eben auch Belville haben, die Puppenstube von Lego.

Nummer 3 klettere bereits im zarten Alter von zweieinhalb Jahren in unseren Apfelbaum. Rauf und runter. Sie schraubte mit drei Jahren Regale von Ikea zusammen. Echt jetzt. Sie kann sich enorm gut wehren, hat ein laut Zeugnis ausgezeichnetes Sozialverhalten und liebt Hulk. Und sie liebt Bagger.

Und da schlage ich den Bogen zu The Man.

The manly Cliché

The Man war ein paar Monate alt, als seine Patentante sagte: „Oh Mann, der ist so männlich irgendwie!“

Inzwischen ist er bald 19 Monate alt und sie hat Recht.

Das sage ich so. Etwas zähneknirschend, denn ich bin so eine, die eben gerne ohne diese geschlechtereinsortierende Zeug lebt. Da ich selber eben auch, na ja, nicht so die klassische Frau bin. So wie man sich die wohl vorstellt. Wie auch immer man das macht. Ich habe Eigenschaften und Vorlieben, die viele als männlich bezeichnen. Manchmal erstaunte ich Menschen damit, dann kam ich mir komisch vor.

Und ich dachte, wenn ich nun ein Kind des anderen Geschlechts habe, dann lasse ich dieses auch so frei wie möglich (wir sind alle noch lange nicht frei davon, alte Rollenbilder nicht wenigstens subtil weiterzugeben und zu erwarten) groß werden. Groß werden die Unterschiede ja nicht sein. Und diese Klischees – die stimmten nicht!

Okay:

Er hat zwei Puppen, die mag er. Mehr aber mag er den Fuchs. Und den Biber („Biba!“) Und die Eule („Eune“).

Und am meisten, mit großem Abstand zu allem, mag er den Babba. Zuerst war nur der echte Bagger so bezeichnet worden. Inzwischen ist Babba das Wort für alle Maschinen. Große (Schwerlasttransporter) und kleine (Mini-Akku-Schrauber). Manchmal ist „Babba!“ eine freudige Interjektion für allerlei Wunderbares (Rasensprinkler mit hoher Fontäne, aufgefundener Schleifer, riesiger Hammer). Liebe zu motorisierten oder elektrischen Geräten aller Art: Check.

The Man flitzt den ganzen Tag herum. Wirklich. Er setzt sich manchmal hin und guckt mit Nummer 1 eine Folge „Shawn das Schaf.“ Dann flitzt er wieder los.

Er schraubt, untersucht, erkundet, entdeckt. Er klettert, rennt, steigt Treppen. Er tanzt. Er ist dauernd in Bewegung. Bewegungssüchtig ohne Ende: Check. Forschen/Erkunden/Entdecken: Check.

Er mag Musik. Besonders mag er Metal. Ja, echt. Er macht Headbanging. Man will es nicht glauben.

ER war bisher kränklicher als die drei Mädels. Mehr Husten, mehr Naselaufen, Fieber beim Zahnen. Kannte ich auch nicht. Der empfindliche Mini-Mann: Check.

Er hängt unglaublichst an seiner Mama. Unser „Don Carlos“ (er heißt nicht Carlos, hat aber einen anderen spanischen Namen) ist mega-eifersüchtig. Niemand darf Mama (oder Schwestern) anfassen. Keine anderen Kinder darf ich anlächeln. Dann knurrt er wie ein Wolf und wird sogar handgreiflich. Besitzergreifendes-Gehabe: Check.

Er kuschelt gern mit mir. Er nimmt meinen Kopf in beide Patschehände, sieht mir tief in die Augen und sagt „Mami…“ Nein, er sagt es nicht. Er beschwört mich damit geradezu. Dann bekomme ich einen Kuss. Einen sehr festen. Und noch einen und noch zehn. Er streichelt meine Arme, meine Hände, mein Gesicht. Er kommt auf mich zu gerannt, wenn er mich sieht und drückt mich fest. Das kannte ich so nicht von den Mädels. Der verschmuste Sohn, der an Mama hängt: Check.

Mit dem Dada guckt er am liebsten ein Video von einem zyklopischen Schreitbagger. Ein Riesenbagger, der sogar laufen kann. Okay, das Teil macht mir auch immer ganz glasige Augen …

Dauerpower

The Man ist dauernd in Action. Den ganzen Tag ohne Pause, außer er schläft.

Er verdrückt Unmengen Essen.

Nun sind es draußen heute so 3.000° Celsius. Und gestern war das auch so. Wir hingen im Haus rum. Er wollte raus. Wie immer wirft er einem dann die Schuhe an den Kopf (er weiß genau, wem welche Schuhpaare gehören) und dann wird gebrüllt, wenn man nicht mit ihm vor die Tür geht. Wahlweise die Haus- oder Terrassentür. Das ist ihm gleich. Hauptsache bewegen. An der Luft.

Vorgestern schlief er nicht ein. Mittags nicht und abends nicht. Und wir dachten, es sei die Hitze. Er hatte dauernd rumgezeigt und „Hei! Hei!“ (heiß, heiß) gesagt.

Gestern war ich mutiger – wir waren draußen.

Rasensprenger an und dann ab in die Sonne. Und er war dabei. In Action. Zuerst zaghaft wegen des kalten Wassers, dann legte er los. Und was soll ich sagen? Er wollte mittags geradezu gerne ins Bett und schlief vier (!) Stunden lang.

Er brauchte einfach Bewegung, Erkundungen und Entdeckungstouren.

Nun kam mir vage der Gedanke, dass ich es wohl doch ertragen muss, dass die Geschlechter etwas unterschiedlich und dennoch basal „einheitlicher“ sind. *Hüstel*

Eine Ansammlung von Klischees. Alles, was mir Jungs-Mütter prophezeiten sehe ich hier auf zwei kleinen Käsefüßen herumlaufen. Und nackt sein will er auch dauernd! Er war sogar einer von diesen breitbeinig-auf-dem-Ultraschall-sein-Geschlecht-präsentierenden Jungs.

Ausnahmen: Er könnte mit sicheren Nachbildungen von Schwertern Kämpfen spielen. So was haben wir. Aber die wirft er weg zu Gunsten einer Malerrolle. Die mag er lieber.

Er ist sehr vorsichtig. Er stößt sich zum Beispiel nie den Kopf an der Tischplatte, wenn er drunterkrabbelt. Er guckt immer vorsichtig hoch, ehe er da wieder auftaucht. Er klemmt sich die Finger nicht, weil er gut aufpasst, wenn er Türen oder Schubladen schließt.

What about the Women?

Nun prophezeie ich als MehrfachMädchenMama mal zurück:

An Euch, die Ihr die erste Tochter bekommt:

Sie wird alles hören, das Ihr sagt. (Außer das, das sie hören soll.) Sie wird an allem interessiert sein, was du tust. Im Bad, an der Supermarktkasse, im Gespräch mit der besten Freundin. Sie wird Puppen lieben und anziehen und ausziehen und anziehen.

Sie wird weniger um sich schlagen als sie mit Worten treffsicher Andere bombadiert. Nicht nur Mengenmäßig. Das auch. Sondern auch so fies. Kleine, verbale Giftstacheln. Das wird sie sehr gut können. Was gut, falls der Unterricht im Ringen, den ihr ihr bitte erteilen werdet, mal nicht gut umsetzbar ist.

Sie wird in der Tat Haarschmuck lieben. Und Schmuck. Und Nagellack. Manche Mädchen sähen aus wie Christbäume, wenn man sie nicht aufhielte. Tokioter Christbäume – die, auf denen sich alle Farben des Universums befinden. Kleider wird sie mögen. Oh ja! Bei Minus 18 Grad wird sie aus dem Zimmer kommen und einen Tüllfetzen tragen. Einen mit Spaghettiträgern. Und wehe, Ihr werdet das Wort „Lungenentzündung“ in den Mund nehmen!

Sie wird nicht mehr weinen als kleine Jungen. Statistisch nachweislich. Manchmal aber wird man das glauben. Oft.

Sie wird Dich, liebe Mutter, sehr gut verstehen. Ihr werdet Euch austauschen können. Hierbei geht es um alle Themen. Vom ersten Kindergartenkuss bis zur Menstruationshygiene. Nichts wird Deiner Tochter an Dir entgehen und andersherum auch nicht. Sie wird sagen, dass sie Angst vor Geburten hat, weil die wehtun. Sie wird oft darüber nachdenken. Ganz gleich, was Du ihr dann erzählst von Entspannungstechniken und dem dankbar angenommenen Wunder des Lebens. Sie wird keine Kinder mehr bekommen wollen.

Sie wird bemerken, wenn Du zunimmst und abnimmst. Sie macht Dir Komplimente. Und spricht ehrliche Wahrheiten aus.

Sie wird alles kommentieren.

Sie wird zu beleidigtem Rückzug neigen. Und zu lautem, beleidigtem Rückzug.

Solltet Ihr mehrere Töchter haben, dann ändert sich manches: Sie werden nicht ihre Kleidchen liebevoll auf Bügel hängen, sondern ins Zimmer klatschen und sie werden sich nicht stundenlang gegenseitig kämmen, sondern zusammen Chaos stiften.

Ihr werdet Euch oft in stillem Einverständnis einig sein, Du und Deine Tochter. Sie wird Dich verstehen können. Und Du sie auch, denn Du warst mal wie sie.

Du hast eine Tochter, die vielleicht eine Tochter bekommt, die eine Tochter bekommen kann. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.

Wir haben hier ein Foto mit vier Generationen Frauen darauf. Uroma, Oma, Mutter, Baby.

Das hat mal echt Power.

Hoch leben die Klischees. Darauf ein Gläschen Prosecco mit ’ner Erdbeere. Prost. 

Welche Erfahrungen habt Ihr mit dem Thema Geschlechterklischees gemacht?

Der Angstkäfig: Ein paar Tipps zum Schlüssel-Finden

Der Angstkäfig: Ein paar Tipps zum Schlüssel-Finden

(Alter Vogelkäfig, Foto: Andreas Praefcke)

Die sympathische und herrlich wortgewandte Mara vom Das Zweite Kind sind Zwillinge hat ein paar sehr offene und auch unterhaltsam geschriebene Tipps im Umgang mit Depressionen geschrieben.

Das fand ich inspirierend, um in „meinem“ Themengebiet auch nach Tipps zu forschen und sie aufzuschreiben:

Angst

Ich selbst verabschiede mich nach langen Jahren (sieben …) seit letztem Sommer in vielen Schritten von meiner Angst. Und vielleicht hilft es ja jemandem, zu lesen, wie ich dabei vorgehe und vorgegangen bin.

Hier ein paar von mir ausprobierte und für nützlich befundene Tipps und Beobachtungen:

No-Go: Unbeweglich herumhocken

Bewegung vertreibt nicht nur düstere Gefühle wie Depressionen, sondern auch solche wie Angst. Bei vielen Menschen hängt beides zusammen und daher ist der Tipp doppelt vergoldet: In Bewegung bleiben. Es hilft durchaus, sich ab und zu abzulenken, auch wenn es langfristig ratsam ist, hinter seine Angst zu blicken. Ein Hörbuch oder Musik in die Kopfhörer, Staubsauger in die Hand und loslegen. Oder ein Spaziergang (aber nicht, um in neue Grübeleien zu verfallen!).

Angst erfordert Aktivität. Sie lähmt und blockiert. Das beantwortet man am besten mit dem Gegenteil.

Beim Festhängen in einer gedanklichen Angstschleife

Klingt banal, funzt aber: In die Gegenrichtung gucken. Wer aus dem Fenster starrt und seit einer Vierstunde denkt „Ich könnte morgen schon tot sein. Irgendwann bin ich tot. Das kann jederzeit passieren! OhGottOhGottOhGott!“ der sollte einfach in die Gegenrichtung gucken. Kopf herum und *zack* andere Perspektive. Angst verleitet nämlich zur Starre. Und aus der muss raus. Das Nächste wäre dann aufstehen, herumgehen und so weiter.

Woher soll die Sicherheit kommen?

Die Sicherheit, dass einem selbst und den Nahestehenden nichts passiert, die gibt es nicht. Insgesamt zeigt die Lebenserfahrung, dass das, was man befürchtet, selten eintrifft. Dafür trifft dann halt etwas Anderes ein. Daher nutzen die vorsorglichen Angstgedanken auch nichts. Gar nichts. So ungern man das hört: Sich zu sorgen verhindert nichts. Wer leicht oder schwer hypochondrisch unterwegs ist, der mag Folgendes mögen: Hypochonder leben durchschnittlich länger. Klar, weil sie dauernd beim Doc hocken und sich checken lassen. Und weil sie auf ihren Körper hören. Dies soll aber keine Einladung zum Lustig-weiter-Hypochondern sein. Nur eine winzige Rückversicherung.

Panik! Angst vor der Angst

Was tun bei akuter oder sich anbahnender Angst?

Schultern entspannen. Entspannte Muskeln transportieren keine Angst. Das geht physiologisch gar nicht. Also entspannen, mindestens die Schultern und Arme. Oder einmal den ganzen Körper (sowie auch Teil für Teil) bewusst anspannen und dann wieder lösen. Das kann durchaus sehr helfen.

Nicht zu tief einatmen. Dadurch gerät zu viel Sauerstoff in die Blutbahn und dieses Gefühl des Rauschens und des Realitätsverlusts verschlimmert sich. So ruhig wie möglich bleiben und dieses Gefühl der Urzeit („Fight or Flight– Effekt“) passieren lassen. Man wird weder plötzlich verrückt, noch fällt man einfach tot, weil man ein bisschen hyperventiliert. Dieser Alarmzustand dient dem Zweck, den Körper in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen. Adrenalin rauscht, das Herz hämmert, der Puls rast. Damit man entweder schnell abhauen oder gut kämpfen kann. Es geht um die pure Existenz. Ein Erbe der Zeit, in der man sich mit Säbelzahntigern und Mammuts herumschlagen musste. Elementar.

Danach stellt sich ein hormonelles Belohnsempfinden ein. Wer überlebt hat, der wird beglückt. Daher das Glücksempfinden („Ich habe es überlebt! Ich bin großartig!“) und die Entspannung hinterher.

Die Angst vor der Panikattacke ist oftmals der Weg in eine echte und langwierige Angsterkrankung. Daher ist es ganz wichtig, zu lernen, wie man die Panikattacke verhindert, oder besser gesagt, wie man ihr begegnet und sie – selbstverständlich! – sehr lebendig übersteht.

Sch*** auf Panik

Wenn dieses „Oh, irgend etwas ist echt grade ganz komisch“-Gefühl kommt, helfen folgende Sätze (Einfach durchprobieren. Oder variieren. Nicht alle nacheinander nutzen ;-)):

„Ja, komm doch und bring mich um, du idiotische Angst“ -> Mut, Selbstvertrauen

„Das sind nur Nerven, Kindchen. Das ist nicht real.“ -> Liebevoller Realismus/sich selbst bemuttern

„Welches Gefühl habe ich da in Wirklichkeit? Was will die Panik denn da verstecken und überdecken?“ -> Analyse der eignen Gefühle (Was versetzt mich in diese Urzeit-Empfindung? Was scheint mich da existenziel zu bedrohen?)

„Du ArschKackMistScheißDrecks-Panik! Du kannst mich mal! Ich höre einen miesen, stinkenden Hust auf dich!“ -> Kampfansage/Befreiungsschlag, raus mit der unterdrückten Wut!

Trotzdem!

Sich von nichts aufhalten lassen.

Angst vor Bahnfahrten? Autobahn? Kirmes? Theater? Samstagmittag bei Ikea? Arzt? Nix wie hin.

Aber: Immer liebevoll und mit Selbstakzeptanz. Nicht so: „Ich unwürdiger panischer Wicht schaffe es ja nicht mal zur Blutabnahme/Autobahnauffahrt/Möbelhausparkplatz“ sondern: „Weil ich so frei wie möglich sein und bleiben will, zeige ich mir, dass mir bei Ikea keine Gefahr droht.“

Wer die Angst vermeidet, der wird innerlich immer kleiner, abhängiger und wehrloser. Bis er sich immer weniger traut.

Also: Konfrontieren und realisieren. Bei jeder Begebenheit auf das Wichtigste fokussieren: „Ich bin bei Ikea/auf der Autobahn/beim Arzt/auf der Kirmes gewesen und es ist rein gar nichts passiert.“

So gehen wir hier im Hause Essential übrigens auch mit kindlichen Ängsten um. Nummer 1 hat Angst, dass unter uns eine Brücke einstürzen könnte. Wir sagten nach jeder Brücke „Und? Ist etwas passiert?“ Und sie verneinte. Irgendwann war die Angst gebändigt. Dabei halfen auch weitere Punkte, wie:

Wissen schafft Ruhe

Sich zu informieren hilft ganz enorm. Über die Gegenstände der Furcht sowie auch über den Grad der Berechtigung einer Angst sollte man Informationen einholen.

Im Fall der Brücken: „Deutsche Brücken gelten als überaus sicher. Sie werden gewartet und repariert. Oder notfalls gesperrt. Die 50 Nachrichten im Jahr über eingebrochene Brücken, die gibt es nicht.“

Aber Achtung: Für die Hypochonder (histrionisches Syndrom): Laut Dr. Google wären wir schon alle mehrfach tot. Wer eine Erkrankung befürchtet, der horche in sich hinein. Und frage sich einfach: „Bin ich krank? Ist mein Körper krank?“ Und wenn er sich das ganz klar mit „Ja“ beantwortet, dann sollte er eine*n Arzt*in aufsuchen. Google hilft da wenig.

Wer eintippt „Mir ist morgens manchmal flau“ der erhält nicht die Antwort „Klar, weil manchmal der Kreislauf langsam in die Gänge kommt“, sondern „Das klingt gefährlich nach einer Meningitis. Dabei auch noch morgens lichtempfindlich? ja? So gut wie tot!“

Vergleichsweise gibt es einen Tipp für Menschen, die Angst vor dem Erbrechen haben. Dieser wirkt umgewandelt durchaus auch bei anderen Ängsten. Aber nur, wenn man sich schon recht gut kennt und im Griff hat:

„Wenn dir übel ist, dann stelle dir dein Lieblingsessen vor. Solltest du dir vorstellen können, es zu essen, dann bist du nicht krank und wirst wohl nicht erbrechen. Wird dir noch übler, ja, dann kann es sein, dass du deiner Angst begegnen wirst.“

Umgestellt bedeutet das: Spüre ich, dass ich wirklich ehrlich ein Symptom habe, dass sich wirklich ehrlich wie das einer Krankheit anfühlt oder will ich eigentlich gerade nur mit mir selbst beschäftigen und um mich kümmern und weiß mal wieder keinen konstruktiveren Weg?

Spaß, Party, Leute, Konfetti

Auch wenn die Gesellschaft Anderer oft anstrengend ist: Man sollte sie suchen. Besonders, wenn einem nicht danach ist. Es müssen nicht vier Parties im Monat sein. Aber regelmäßiges Kaffeetrinken mit einem*r Freund*in – das wäre gut.

Sich zu unterhalten und auf andere Gedanken zu kommen ist wichtig. Und Zuhören tut gut. Wie schön zu hören, dass Andere Menschen auch kein perfektes Leben haben, sondern ein ganz normales. Und wie gut es tut, eine*d Freund*in unterstützen zu können. Oder einfach nur albern zu gackern. Gemeinsam.

Angst ist wie ’ne Kippe

Ich gebe zu, ich kann nicht einschätzen, wie eine Zigarettensucht ist. Denn ich war nie süchtig. Von keiner Substanz abhängig. Nur gewöhnt an/süchtig nach Angst.

Sie war so ein gewohntes, sicheres Korsett! Ich naschte von ihr wie von Gummibärchen. Die bunten Klebe-Dinger passen da als Beispiel gut: Ich mag keine Gummibärchen. Die kleben an den Zähnen, sind viel zu süß, schmecken künstlich und sind voller toter Kalorien. Das alles zusammen gefällt mir nicht.

Die Angst sagt: „Nimm noch ein Häppchen von mir. Ein Krümelchen, ein Korn. Ich gebe dir Sicherheit. das weißt du doch. Wenn du mit mir zusammen bist, dann siehst du alles vor dir, dass Schlimmes geschehen könnte. Und damit kann es dich nie wieder überraschen. Nicht wahr? Komm, komm, hör mir noch ein bisschen zu. Das brauchst du.“

Und *zack* ist die Kippe in der Hand oder die Hand in der Gummibärentüte. Seinlassen! Weghören! Tüte in den Müll! Niemand braucht sie. Auch wenn die Gummibären etwas Anderes behaupten.

Disziplin, Soldat*in!

Ja, so ist es. Die Disziplin ist eine Tugend. Innerlich rumhängen und äußerlich gammeln schadet. Wissen wir ja auch alle. Aufschieben, festsitzen, erstarren – das gehört zusammen. In Bewegung sein und das Gefühl von Kontrolle haben – das sind die Feinde der Angst.

Man sollte ihr den Garaus machen.

Disziplin ist es, das einen von einer Sucht wegbewegt. Und Verständnis für sich selbst. Aber Letzteres darf erstes nicht zerstören. Und andersherum ebenso.

Kontrolle hat man über die Angst am besten in der Form, dass man sie nur nebenbei wahrnimmt, aber nicht darauf eingeht. Außer, man analysiert sie und sich selbst. Doch auch dazu muss man in die Angst nicht einsteigen.

Ein guter Freund sagte mal: „Die Angst kann man so nebenbei wahrnehmen. Wie diese stinkenden Blasen, die in einem Moor hochploppen. Plopp, da platzt eine und verschwindet wieder. Nur wahrnehmen. Nicht ansehen, nachdenken, einsteigen.“

Fachfrauisch

Man sollte ja ohnehin bei einer Angsterkrankung eine*n Fachmann*frau aufsuchen. Um die wahren Hintergründe der Angst kennenzulernen, empfiehlt sich eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Oder man macht eine Verhaltenstherapie.

Ersteres ist so: Man hat Angst und es schwant einem, dass diese Gründe hat. Schließlich sitzt man ja nicht zufällig in der Ecke und bangt um sein Leben. Da muss mit dem Selbst also irgendwo irgendwas passiert sein. Und nein, das passiert nicht nur, weil man grad Stress hat. Man geht in dieser Gesprächstherapie in die Tiefe und wird irgendwann, wenn man selbst sehr fleißig mitarbeitet, herausfinden, was los ist.

Zweites ist so: Man hat Angst, ahnt, dass etwas nicht stimmt. Hat keine Nerven, keinen Sinn oder keinen Bock darauf, herauszufinden, was da unten im Keller des Unbewussten herumschimmelt. Dann sucht man jemanden, der einem beibringt, wie man sich auf die Finger haut, wenn man in die Gummibärentüte greift. Funzt auch. geht nur nicht in die Tiefe. Ursache wird nicht behoben. Auswirkungen werden unterdrückt, eingedämmt oder behoben.

Natürlich gibt es noch weit mehr Methoden, als die beiden klassischen. Man kann sich durch Heilpraktiker*innen für Psychotherapie helfen lassen, von Schamanen*innen, durch Körpertherapeuten*innen, durch Reinkarnationstherapeuten*innen durch Psychiater*innen mittels Medikamenten oder Anderen.

Es gibt gute Bücher zum Thema und hier kann man sicher durchaus die Amazon-Rezensionen als Anhaltspunkt nehmen. Man kann also medizinisch, psychologisch oder spirituell (also geistlich) an das Thema herangehen. Oder mit einer Mischung. Wichtig ist, dass die Herangehensweise zu einem passt. Man muss sich darin gut fühlen und nicht allzu sehr von außen beeinflussen lassen. Man merkt schnell, ob etwas hilft oder eben nicht.

Nur die Ruhe, Baby

Entspannung tut gut. Hinlegen, Film anschalten. Schoki essen.

Sich massieren lassen vielleicht. Aber nur, wenn man dazu in der Lage ist. Nicht jeder kann das immer zulassen. Gilt auch für:

Sex. Ja, Sex tut gut. Ja, auch wenn man Angst hat, dabei zu sterben. Sex geht fast immer. Wenn man aber eine Thematik zu verarbeiten hat, die dieses Thema betrifft, dann sollte man sehr behutsam seiner Sexualität begegnen.

Entspannung ist für den/die dauerangespannte*n Angstpatienten*in Gold wert. Und sauschwer zu erreichen. Das alleine macht aber keinen Herzinfarkt – keine Sorge. Aber so, wie man nach dem Einatmen nicht die Luft ewig in der Lunge behalten kann und sollte, so muss man irgendwann seelisch ausatmen.

Urlaub, feste und regelmäßige (!) Auszeiten und auch kleine Ruhepausen sind megawichtig. Auch wenn man in den Ruhepausen mit den Füßen zappelt oder mit den Händen an etwas herumfummelt. Alles ist besser, als gar nicht runterzukommen. Mit der Zeit lernt man, sich besser zu entspannen.

Kluger Spruch

Motivierend, tiefgreifend und gut fand ich den Spruch meines Therapeuten:

„Die Angst ist die Angst vor der Freiheit“

Da war was dran. Hab ich gleich kapiert. Aber begriffen erst zwei Jahre später.

Man hält sich mit der Angst klein. Manchmal sogar kindlich klein. Manche versuchen, ihre Kindheit ein bisschen nachzuholen, andere suchen vermeintliche Sicherheit, aber alle werden in der Stagnation gehalten. Wer Angst hat, mit der Family zum Ikea zu fahren, der will vielleicht einfach keinen netten Nachmittag mit mittelmäßigem Essen aber zusammen mit den Lieben verbringen. „Es könnte alles so schön sein, aber leider habe ich ja Angst. Wie schade … ich verdiene wohl nichts Schönes. Nicht mal eine Stunde im Möbelhaus kann ich mir noch gönnen …“ (Ich komme im Leben zu kurz. Ich erhalte nicht, was ich verdiene und brauche. Ich fühle mich unwert.)

Oder aber er ist angekotzt, weil er dauernd nervige Unternehmungen machen will, statt einmal in Ruhe etwas für sich machen zu dürfen: „Dauernd mit Kind und Mann herumgurken! Ich will das nicht mehr! Ich bin angekotzt und sauer!“ (Ich bin so wütend wegen tausend Sachen! Aber Wut darf ich als selbstbeherrschte Frau/zuverlässige Mutter/liebes Mädchen/braver Sohn/mutiger Mann … nicht zeigen. Angst aber geht. Die geht irgendwie.

Dann ist der äußere Käfig nur ein Ausdruck des inneren und andersherum.

Wer die Autobahn meidet, will im kleinen Dunstkreis der/des von Landstraßen umgebenen Stadt/Dorfs bleiben. In seinem eigenen Suppentopf. Klein und abhängig. „Ich kann nicht“ ist ja so leicht gedacht.

Aber Fakt ist: Man sollte dennoch fahren. Mit einem guten Deo und einer Menge Disziplin.

In den ganzen Jahren habe ich nur eine einzige Fahrt abgebrochen. Und davon fühlte ich mich klein. Das fand ich doof und habe danach immer durchgehalten. Auch wenn ich dachte, ich würde während der Fahrt in eine fremde Realität gesaugt oder einen Schlaganfall bekommen. Irgendwann merkt man, dass das Repertoire der Angst begrenzt ist.

Habe sie dann nachgeäfft „Schlaganfall, Herzinfarkt! Keiner kommt hier lebend raus!“ Damit ließ es sich besser fahren.

Voll bekloppt oder wie?

Die Angst, verrückt zu werden, ist auch weit verbreitet.

So richtig waschechte „Verrückte“, die fragen sich nie, ob sie noch „ganz dicht“ sind.

Der Amokläufer nimmt nicht die Pistole und denkt: „Oh je, ich glaube, ich werde verrückt und suche mir nun besser einen Therapeuten! Am Ende tue ich noch jemandem weh. Nein, dazu bin ich zu empathisch, gesund und gut sozialisiert. Ich brauche Hilfe. Die suche ich mir nun.“ Er plant, geht und schießt.

Wer das Gefühl hat, in eine andere Realität gesaugt zu werden, der erlebt das, was viele Angstpatienten irgendwie erleben: Die Furcht ist zugleich der größte Wunsch. Aber den setzt man nicht um. Er wird mit fiesen Gefühlen dekoriert und in Aspik eingelegt.

Es gibt so viele Ängste und Phobien: Die Angst vor Tieren, vor Brücken, vor dem Tod, vor dem Leben, vor dem Glück, vor Beziehungen, vor dem Alleinsein, vor Menschen, vor großen Plätzen, vor Höhe, vor der Angst, vor Clowns, vor dem Erbrechen, vor Sex, vor der Zahl Dreizehn, vor Spritzen, vor Zahnärzten, vor den eigenen Gefühlen, vor den Gefühlen Anderer, vor dem Altern, vor der Dunkelheit, vor Geistern, vor dem Verlassenwerden, Angst um das Wohlergehen von Nahestehenden … und so viele mehr. Jede einzelne ist ein Symbol und hat eine Bedeutung. Diese kann man herausfinden. dabei begegnet man sich selbst.

Beispiele dafür, welche Themen in der Seele sind und wie die Angst sie verzerrt:

„Ich wäre gerne jemand anders!“ Die Angst macht daraus ein Gefühl von Depersonalisierung oder Dissoziation. Der Wunsch aber ist berechtigt – man will endlich man selbst werden.

„Das alles soll aufhören! So macht mich mein Leben fertig!“ Die Angst macht daraus die Befürchtung eines Todeswunsches und noch mehr: die Angst vor dem Tod. Der Wunsch nach Veränderung des Lebens wird dann *leider, leider* nicht mehr wahrgenommen.

„Schaffe ich es, meine Lebensaufgabe zu erfüllen oder läuft mir die Zeit davon?“ Ein spiritueller Ansatz: Ich habe eine Lebensaufgabe. Ich soll bestimmte Dinge lernen. Im Moment sieht meine Bilanz mies aus. Daher empfinde ich den Tod als bedrohlich. Er ist wie eine tickende Uhr für mich. Ich muss mich mit dem Sinn hinter diesem Leben beschäftigen und mich entfalten. In Wahrheit fürchte ich nicht den Tod, sondern nur, niemals ich selbst zu sein. Niemals man selbst zu sein ist gleichbedeutend mit nicht leben. Jeder Schritt zum eigenen Ich – und zu diesen Schritten lädt die Angsterkrankung (wie jede andere Erkrankung meiner Meinung nach auch) ein – ist eine Verbesserung.

„Veränderung ist, wenn man wird, was man ist“ – diesen Spruch kenne ich von der Homepage meines Therapeuten. Wegen dieses Spruchs habe ich seine Praxis ausgewählt. Keine Angst vor der Veränderung und wenn sie sich wie tausend Tode anfühlt! Alles sterben zu lassen bedeutet in diesem Moment nur, der Drache zu sein, der eine alte Haut abstreift. Weil er ihr entwächst. Weil sie zu eng geworden ist. Das Ablösen tut weh. Das ist die Angst vor der Veränderung. Mehr nicht.

„Ich möchte mein Leben anders gestalten. Meine Realität macht mich nicht glücklich!“ Die Angst bastelt daraus das Gefühl, in die Twilight Zone gesaugt oder mindestens nach Twin Peaks transferiert zu werden. Der Wunsch dahinter verschwindet dann *dummerweise* im Angstanfall. Besser ist es hinzusehen, statt ängstlich beiseite zu springen. Die Gefühle dahinter kann man aushalten und sich angucken. Nicht immer soll die Angst Gefühle übertünchen. Aber oft. Und mit etwas Übung kann man sich selbst gut analysieren.

Die Angst ist nicht unbedingt ein Feind

Die Angst kann man beschimpfen. Und sie kann einen aber auch ankotzen, echt. Aber letztlich ist sie nur ein Gefühlsausdruck. Oftmals so verschwurbelt, dass mann schnell auf sie reagiert, statt hinzusehen. Denn das dahinter, das meint man nicht aushalten zu können. Da zittert und bibbert man lieber. So schlimm ist das, was darunter ist. Meint man.

Manche haben „lieber“ Panik, statt eine langjährige Ehe zu beenden. Eine Ehe, in der der Partner so lieblos wie der eigene Vater ist. Mal so als Beispiel. Kindliche Ängste und Assoziationen übernehmen und man ist dauernd mit Ängsten beschäftigt, anstatt innerlich auf den Punkt zu kommen. So bleibt man im altbekannten System. Seine Ängste zu sehen hilft, sein Leben positiv zu beeinflussen.

Medikamentenfrei?

Zu Medikamenten habe ich keinerlei Erfahrungswerte. Da ich nie welche genommen habe. Weil ich das strikt nicht wollte. Weil ich spüren wollte, wie es mir in Wirklichkeit geht. Weil ich es „alleine“ schaffen wollte. Weil ich Abhängigkeiten so weit möglich vermeide.

Wer aber sanfte Hilfe sucht, findet auch etwas. Hierzu kann man auch den/die Arzt*in – oder wer will – den/die Heilpraktiker*in befragen.

Ich persönlich halte ja nix von Homöopathie. Aber ich bekam den Tipp, mir das freiverkäufliche, aber apothekenpflichtige „Neurexan“ zu holen. Das helfe ausgezeichnet bei Unruhezuständen. Ich bin also in die Apotheke und orderte das Mittel. Während die Verkäuferin mir das Döschen gab, meinte sie: „Da gibt es keine Nebenwirkungen, da ist nicht viel zu beachten. Man sollte nur nicht mehr als zwölf Stück am tag einnehmen. Ist ja homöopathisch.“

Und ich dachte: Homöopathie. Toll, ’n bisschen Zucker für den Tee. Hurra. Hätte ich mich ja auch mal vorher informieren können.

Aber ich habe es dennoch ausprobiert. Weil so viele positive Berichte vorlagen und ich ja nix zu verlieren hatte. Und es wirkte hervorragend. Mir ist ziemlich egal, ob es den Placeboeffekt auch dann gibt, wenn man davon ausgeht, ein bisschen Zucker in Tablettenform zu sich zu nehmen. Oder weil alle Kritiker irren und es doch wirkt. Ich nehme es in der Tat immer noch. Weil es wirkt. Und das ist mir am Wichtigsten. Da bin ich recht bodenständig … 😉

Ich hoffe, irgendwem können meine Tipps hier vielleicht irgendwann weiterhelfen. Wenigstens ein bisschen. 

Erstickende Spießigkeitsfalle Elternschaft

Ach, was war ich mal cool.

Das ist lange her.

Da war ich vermutlich auch relaxed und fand mich körperlich überaus in Ordnung.

Ich hatte Hobbies, kam herum, ließ mich inspirieren und war sehr spontan. Meine Meinung war oft (oder meistens) weitab des Mainstreams und das war mir ziemlich egal.

Mein Leben gehörte mir.

Wenn ich umziehen wollte, dann tat ich das.

Wenn ich mal nicht kochen wollte, dann ließ ich das. (War oft. Sooo gern koche ich nicht.)

Wenn ich spontan ins Kino wollte, dann tat ich das.

Wenn mir nicht nach frühem Aufstehen am Samstag war, dann ließ ich das.

Wenn mir anschließend nach einem Frühstück außer Haus war, dann machte ich das.

Wenn mir danach nicht nach Einkaufen zu Mute war, dann ließ ich das.

Ich dachte nicht darüber nach, wann jemand anderes Hunger hatte oder ob ich ein guter Mensch bin, obwohl ich manchmal meine schlechte Laune zeigte.

Ich liebte Parties und spannende Erlebnisse. Ich war gesund vorsichtig und dennoch neugierig.

Ich hatte die Nase im frischen Wind des Lebens, war experimentierfreudig, fuhr samstagabends spontan an’s Meer und hing abends mit Freunden im Irish Pub der schönen Stadt herum. Oder wir gingen essen. Oder wir machten Ausflüge …

Genäht habe ich damals nur für mein Hobby. Das Ganze sah dann so aus:

Satzvey

oder so:

Himmelsstürmer

oder so:

Samarkand

So sah Mr. Essential damals übrigens aus:

Karolyi

Dann wurde ich Mutter.

Es gab schon noch Parties …

Auf einer Party im Jahr 2007

Auf einer Party im Jahr 2007

… ehe alle potentiellen Gäste auch langsam dafür abends zu erschöpft waren und immer mehr Absagen kamen. Da gaben wir das Party-Feiern auf und verlegten uns auf Kindergeburtstage. (Davon haben wir inzwischen insgesamt 32 hinter uns.)

Es gab noch ein einziges Live-Rollenspiel, dann war Schluss – das war vor 10 Jahren.

Wir verlegten uns auf’s „Pen and Paper-Rollenspielen“. Das ist quasi Rollenspiel im Home Office. Ohne Kostüme – alles nur in der Fantasie und mit Würfeln als Entscheidern. Das ging gut und auch ohne jemandem für mehrere Tage die kleinen Kindern aufzubürden. Das machen wir auch heute noch. Alle paar Monate.

Wir hatten damals noch Energie, um abends auszugehen. Die Großeltern passten auf die Kinder auf und so konnten Mr. Essential und ich so rund alle 6 bis 8 bis 10 bis 12 Wochen abends weg. Nur nicht an den Hochzeitstagen – da hatten beide Großelternpaare irgendwie immer was vor oder waren in Urlaub. Aber gut. Waren ja auch unsere Kinder. Das kann man finden wie man will, aber wir waren allein verantwortlich. Alles andere waren Gimmicks. So sahen wir das irgendwie auch.

Nahmen uns aber vor, als Großeltern anders zu agieren.

Sieh dir beim Verfall zu

Da kommt das nächste Elter-Ding ins Spiel:

Ich nenne es „Auf den Zahn der Zeit gekettet“ zu sein. Denn das ist man als Eltern. Man sieht die Kinder wachsen. Kaum hat man die Fotos von vor drei Jahren in der Hand, steigt der Blutdruck: „Was? So groß sind sie schon? Da waren sie so klein! Wie die Zeit vergeht …“

Ein (kinderloser) Kollege Mr. Essentials sagte mal: „Die Großstadt ist für Kinderlose echt ’ne Todesfalle: Du sitzt mit 25 da und trinkst teuren Cappuccino. Und du sitzt mit 35 da und trinkst teuren Cappuccino. Und irgendwann bist du 60 und trinkst immer noch Cappuccino. Das ist gruselig.“

Man erlebt als Eltern echt bewusst(er), wie die Jahre dahin ziehen. Man wird älter. Man spürt es jeden Tag. Man lebt ein ganz anderes Leben als zuvor. Man erlebte Schwangerschaften und Geburten, man litt bei Zahnweh mit, man sorgte sich bei Fieber. Man ist jahrelang nur auf die Gefühle anderer Menschen fokussiert. Ganz einfach, weil das nötig ist.

Und dann zieht man den Kopf raus aus dem Sandkasten und *schwupps* kauft man dem Krabbelkind den ersten BH. Das ist vielleicht krass!

Man riecht noch das Babyköpfchen, das aus dem Tragetuch lugte und *zack* hält man das Zeugnis der Klasse 6 in der Hand!

Kernentspannt im Tragetuch und morgen schon bei der Führerscheinprüfung

Kernentspannt im Tragetuch und morgen schon bei der Führerscheinprüfung

Dann werden drumherum die ersten Bekannten krank – vielleicht auch man selber. Das Leben hinterlässt Spuren. Schwangerschaften bekanntlich auch. Nichts bleibt, es wird spürbar und sichtbar anders. Die ersten familiären Todesfälle geschehen. Und man wird sich der Endlichkeit dieser Veranstaltung hier irgendwie bewusst.

All das zusammen drückte mal der Vater von Nummer 1s Patenonkel so wunderbar aus:

„Die Einschläge kommen näher!“

Bämm! Bämm!

Anpassung 

Ich musste mich jedenfalls immer mehr anpassen. Ich war ja zuvor nicht wirklich sehr angepasst. Da hatte ich enormen Nachholbedarf.

Zuerst noch hatte ich meine eigenen Ideen und Gedanken. Solange die Kinder klein sind geht das recht gut. (Zumindest besser als wenn die Schulzeit ansteht. Da ändert sich vieles noch einmal. Nicht nur die Aufstehzeit am Morgen.)

Beim ersten Kind marschierte ich zum Beispiel noch locker ins Geburtshaus. Mutter und Schwiegermutter ruderten hektisch und panisch mit den Armen. Unverantwortlich war das ja irgendwie und überhaupt, was soll das Gequatsche von wegen „Ich folge meinen Instinkten?“

„Und wenn sie ’nen Arzt braucht? Oder Schmerzmittel?“

„Na ja, aber wenn sie meint … die machen ja heute eh alles anders. Und wie sie wollen. Wir hätten uns das nicht getraut. Ob sie sich das gut überlegt haben?“

Den Satz hörten wir komischen Vögel echt oft:

„Habt ihr euch das auch gut überlegt?“

Nee, wir sind so geistige Kurzstreckenraketen.

Der Satz kam beim Namen des ersten Kindes, für den wir extra im finnischen Konsulat anrufen und ihn beglaubigen lassen mussten (Gut, die Finnen freuten sich damals irrsinnig, dass jemand einen finnischen Namen haben wollte, der sogar noch bei ihnen selten ist. Und da hat der Attaché sehr schwungvoll seine Unterschrift unter das Papier gesetzt …)

Und wir hörten den Satz während der Hochzeitsplanung und auch später immer wieder und wiedeBeim zweiten Kind, also 17 Monate später, war ich bei der Geburt zuhause. Da hatte sich das Umfeld an meine beknackten Ideen gewöhnt. Riskant fanden es einige aber immer noch.

Zudem war ich eh jemand, der Krankheiten für einen Ausdruck der Seele hielt, ein Hobby hatte, bei dem man sich am Wochenende mittelalterlich verkleidet und mit Polsterwaffen verhaut und jemand, der einen manchmal extrovertierten Klamottenstil hatte. Und überhaupt eine Frau, die gebildet war und Meinungen hatte. Eine, die meinte, wenn man unzufrieden mit etwas sei, dann solle man es ändern. Und eine, die dieses furchtbare Wort Individualismus mochte. Eine Unangepasste!

Man wusste also, was man zu erwarten hatte. Damit passte ich null in meine Schwiegerfamilie, die es vielleicht als verletzend empfand, dass sich Mr. Essential ausgerechnet so eine Frau aussuchte. Eine, die so ganz anders war als sein Familiensystem es vorsieht. Wir waren quasi wirklich wie Max Black und Caroline Channing …(Mr. Essential ist natürlich die Schnösel-Tante :D)

Mit der Zeit hörte ich dann so immer mal wieder Kritik. Irgendwie war ich keine brave Haus- und Ehefrau und irgendwie putzte und bügelte ich nicht genug.

Und irgendwie verunsicherte mich die Kritik und das Gefühl, nicht richtig in die Welt der guten Mütter zu passen, wurde stärker. Die Vorwürfe wurde direkter, dann wieder giftiger und subtil. Ab und an richtig verletzend. Ich spürte schnell: „Ich bin in ihren Augen nicht gut genug. Nicht für ihren Sohn und nicht für die Kinder.“

Das alles erleben ja sehr viele Frauen. Meistens haben sie Kinder. Dann sind sie wohl Mütter. In der Elternfalle.

Also legte ich damals los. Ich backte Küchlein und bastelte Karten für die Familienmitglieder, ich merkte mir die Geburtstage von Mr. Essentials ganzer Verwandtschaft und alle wurden sie bedacht. Ich nähte für die Kinder und bastelte auch mit ihnen. Süße Pap-Fensterbilder und so. Ich zwang mich, das alles auf einen puppenstubenmäßige Art niedlich zu finden.

In Wahrheit erstickte es mich. (Da passte es gut, dass ich 2007 die erste Panikattacke mit Erstickungsgefühl hatte …)

Das Früher ist mit einem Mal weg

Ich erinnerte mich kaum noch an das Früher in dem ich ganz ich selbst war. Es verblasste. Zusammen mit den Parties, der Schminke und den schicken Dessous. Da ich nach zwei Schwangerschaften eh um die 80 Kilo wog, musste ich für letztere in meinem Empfinden eh erst mal 20 Kilos abwerfen.

Das setzte mir auch irgendwie zu. Ich war bekloppt und hatte Übergewicht. Doof war das alles 2004.

Also passte ich mich weiter an. Ich wollte in jedem Fall „gut genug“ sein. Für wen ich das wollte und ob ich das wirklich wollte, das zählte nicht mehr. Ich war verunsichert und wollte dieses Gefühl schnell loswerden. Und Anpassung macht den Menschen nachweislich glücklicher als Rebellion. So wählte ich nach einer rebellischen Phase immer mehr den Weg des geringeren Widerstandes.

Abgenommen habe ich – das war mir wichtig für’s Selbstwertgefühl. Ich bin nun mal irgendwie in übergewichtig nicht ich selbst.

Aber irgendwie fühlte ich mich in Dessous immer noch nicht wohl. Nachdem ich mich nach der ersten Geburt zum ersten Mal nackt im Spiegel sah, bekam ich einen Weinkrampf und der war absolut nicht hormonell …

Ich dachte mir: „Der Lack ist ab. Und kommt nie wieder. Okay. Bisher hast du dich attraktiv gefühlt und gern gezeigt. Und Bikinis getragen. Das ist jetzt für immer vorbei. Vom Leben und für’s Leben gezeichnet. Oh mein Gott.“

Das wiederum verstärkte den Gedanken, dass ich mich dann lieber auf etwas weniger Frau-Sein und etwas mehr Mama-Kinder-Spielzeug-Breischale konzentrieren sollte. Glamour war eh hin. Und vielleicht war das tolle Selbstbewusstsein von vorher eh nur schnöde Eitelkeit. Ist doch gut, wenn die weg ist. Du hast jetzt eh andere Themenfelder. Fight lookism! und so …

Die Romantik ist hin

Die romantischen Vorstellungen waren auch bald hin.

Mr. Essential arbeitete immer mehr. Mehrere Kinder forderten berufliches Einbringen und er hat ohnehin lieber mehr Erfolg als weniger. Die süße Studentenzeit, in der man viel mit den Kindern machte und Zeit füreinander hatte – die war vorbei.

Das Leben wurde sofort enger, härter, anspruchsvoller. Und von außen, von der Arbeit, diktiert. Und von Moralvorstellungen, die an Mütter gerichtet werden. Von der (Schwieger-)Familie, von der Gesellschaft – nur nicht von einem selber. Dazu muss man sich immer wieder abgrenzen. Auch nicht einfach.

Keine Zeit für kleine, verliebte Telefonate, keine gemeinsamen Pausen mehr. Kein süßes „Mit-den-Kindern-in-der-Mensa-Treffen“. Nix.

Ich hockte ohne Auto im dörflichen Stadtteil einer Kleinstadt. Er arbeitete sich manchmal echt dumm und dusselig.

Und allein das Rollenmodell sorgte für viele Injektionen der Spießigkeitsspritze. Unmerklich. Immer mal wieder. Immer mehr.

Die Rush Hour des Lebens erfasste und wie ein D-Zug.

Plötzlich wollte ich pünktlich mit den Kindern essen.

Plötzlich wollte ich, dass mein Mann immer geputzte Schuhe und ein gebügeltes Hemd hatte.

Plötzlich kaufte ich Sprühstärke.

Plötzlich besaß ich eine Küchenschürze, weil beim Backen mit den Kindern alles immer so komisch dreckig wurde.

Plötzlich staubsaugte ich zwei Mal am Tag.

Plötzlich fand ich es komisch, Unterwäsche zum Geburtstag zu bekommen – die Kinder fragten ja schließlich, was denn der Dada der Mama geschenkt hatte. Und was sollte man da sagen ohne dass sie kichern würden?

Plötzlich traf ich meine Freunde immer weniger.

Plötzlich hatte ich drei Kinder

Kind Nummer 3 ist da

               Kind Nummer 3 ist da

Wir wohnten in einer großen Stadt in einem Altbau oben unter dem Dach und ich schleppte mich täglich (erst schwanger, dann mit Baby) unzählige (nein, 90, bzw. 180!) Stufen rauf und runter.

Aber ich hatte Energie und die Mode-Stadt hatte eine schöne Einkaufsmeile, Parks und vieles mehr zu bieten.

Ich blühte echt etwas auf. Wir wollten zuerst wegen familiärer Konflikte an das andere Ende Deutschlands ziehen, aber Mr. Essential lenkte ein, was ich nachvollziehen kann und wir wohnten eine Dreiviertelstunde weiter weg. Ganz oben im schwer erreichbaren Nest.

Aus dieser Zeit stammt auch das Party-Foto oben. Ich begann, wieder zu arbeiten: Ich suchte mir Kunden für das Texten, arbeitete im Home Office und war zufrieden.

Okay, meinen Mann sah ich manchmal erst nach 22 Uhr. Und dann waren wir total erschöpft. Das war nicht gerade erbaulich für unsere Beziehung. Aber das würde ja irgendwann sicher besser. Nach der nächsten Stufe auf der Karriereleiter. Nee, auf der danach. Ja, dann eben auf der danach. Okay, dann, wenn endlich genug Geld da war durch all die Beförderungen. Ach, der Lebensstandard war total niedrig und wurde langsam mit angehoben? Tja, dann war eben nie genug Geld da.

Manchmal machten wir den Kindergarten blau – was ja locker ging – und genossen nette Vormittage. Die zwei Größeren, das Baby und ich. Wir fuhren mit der U-Bahn in die Stadt und gönnten uns Eis, Nuckel oder ab und an Kleidchen. Das gefiel uns allen Vieren gut. Freitagmorgens im Schlafi fernsehen. Danach langsam ein bisschen Müsli schaufeln und dann kuscheln. Ganz entspannt.

Als die Kinder in die Schule kamen, war auch das vorbei.

Da wohnten wir bereits in einem Haus mit kleinem Gärtchen in einer anderen Stadt. Vorstadtidylle in einem modernen Townhouse.

Der Ernst des Lebens – für Klein UND Groß

Da wurde dann „Backen-sie-für-das-Schulfest und Melden-sie-sich-als-Elternhelfer und Kommen-sie-zum-Elternabend!“-Druck gemacht.

Also wurde gebacken. Aber gehasst habe ich es sofort. Ich fand es toll, dass die Kinder zur Schule gehen konnten, ohne einem Auto zu begegnen. Ich ging da gerne spazieren. Aber ich hatte immer noch Panikattacken.

Komisch.

Es war nicht nur die Vergangenheit, die „von hinten“ drückte, sondern auch dieses spießige Leben, das mich von allen Seiten einquetschte.

Was man alles nicht mehr durfte – eine lange Liste.

Was man alles musste – die Liste war genau so lang.

Vieles erledigt sich ja auch für Eltern von selber:

Ewig lange wach bleiben. Oder spontaner Sex auf dem Esstisch. Oder mal Geld auf den Kopf hauen für ein nettes Shopping zu zweit. Oder …. Ihr kennt das ja alles selber.

Dafür gab es konservative Ansprüche, gegen die ich mich nur schwer wehren konnte. Aus der Erziehung ließ ich sie weitgehend heraus – das kostete Energie!

Meine Kinder sollten sich klassisch benehmen können. Das war mir wichtig. Und ich brachte ihnen christliche Grundwerte bei. Nächstenliebe, Mitgefühl und so weiter. Aber ich drückte sie nicht in (Gender-) Rollen und ich machte ihnen wenig von den typischen Vorwürfen, lieferte wenig abgedroschene Sätze. Ich blieb da irgendwie relaxed.

Alles andere war nicht mehr relaxed. Ich selbst zum Beispiel.

Das Eigenheim – Meilenstein im Leben von Eltern

Wir zogen um, in unser eigenes Haus in eine Kleinstadt. Dörfliche Idylle.

Aus den Parties waren Familienfeste wie zu den beiden Erstkommunionen geworden. Wobei ich Events immer noch genieße – das bemerkte ich dabei. Beide Feiern waren sehr berührend und die Kinder mit ihren 9 Jahren waren genau halb erwachsen. das waren kleine Initiationsriten in einer Zeit, die so etwas kaum noch bietet.

Aber dieses Klischee von: „Ich hätte nie gedacht, dass ich es mal lieben würde, einen Vorgarten zu pflegen und mit den Kindern zu backen und an meinen Geburtstagen gemütlich zu Hause zu bleiben“ das traf auf mich nie zu. Hab’s mir aber eine Weile lang vorgegaukelt.

Weil ich wähnte, sonst unglücklich zu werden – nein: Zu spüren, dass ich es bereits irgendwie war.

Das lag nicht nur an den Rollenvorgaben für Frauen und Mütter, die an sich ja ’ne Menge Potential für’s Unglücklichsein beinhalten – es lag an mir.

Rückenfreies Abendkleid versus Poloshirt

Irgendwie sah ich mir mehr und mehr an, was da mit mir passiert war.

Und irgendwann sagte ich mal zu Mr. Essential: „Mann, Mann, früher war mehr Lametta (das sage ich eh sehr gern)! Irgendwie fühle ich mich wie ein rundgeschliffener Kieselstein.“

Ecken und Kanten weg. Profil weg. Übrig blieb eine Person mit hohen Selbstansprüchen, ’ner Menge Muffinbackformen und einer Menge Wut im Bauch.

Ich trug immer klassischere Klamotten. Das Extrovertiert-Modische war futsch. Wozu sollte ich auch stylish sein – um in der Vorstadt blöd angeglotzt zu werden?

„Ja, wieso eigentlich nicht? Muss ich mich denn in den Mama-Eiheitsbrei mischen?“ giftete mein altes Ich frustriert und kramte im Kleiderschrank.

Zum Elternabend setzte ich das dann manchmal um. Und dann glotzten sie. QEE. „Bah! Schlank, geschminkt UND tolle Klamotten? Die soll sich lieber um ihre Kinder kümmern – so wie wir!“ Fühlte sich auch doof an. Also dann eben nicht.

Jetzt

Jetzt habe ich mir langsam große Teile meiner selbst zurück erarbeitet.

Die Familie drumherum hat sich aufgelöst – es gibt nur noch den lieben Schwiegervater/Opa und Mr. Essentials Schwester.

Da gibt es keinen Druck mehr.

Außer dem, den ich mir selber mache. Die Mischung aus geringem Selbstwertgefühl, dessen Reste durch Kritik und Ansprüche vertilgt wurden, und meinem Perfektionismus war furchtbar. Dabei bedingten die beiden Elemente sich ja auch noch …

Inzwischen lebe ich seit fast einem Jahr überwiegend angstfrei.

Und habe endlich mehr Klamotten als meine Töchter im Schrank – das war früher auch nicht so.

Das was vom Lebenssystem, das man als Eltern nun mal hat, vorgegeben wird, kotzt mich jedoch immer noch an.

Die ganzen Zwänge empfinde ich persönlich als sehr stark. Hinterfrage ich sie, ziehe ich oft nur die Brauen hoch oder schmunzle.

Das ist eben auch meine Art des Umgangs damit: Ich sehe es als eine Art Theateraufführung, die ich nicht ganz für voll nehme, weil sie mich fertig macht, wenn ich in ihr mehr als Zuschauerin bin. Ich will weder Statistin noch Darstellerin sein. Ich sehe lieber zu und philosophiere oder analysiere (mache ich ja eh gern).

Die vermeintlich juvenile Plattitüde: „Mach dein eigenes Ding!“ kehrt langsam wieder zurück zu mir. Denn wenn ich das mache, dann bin ich ergo ich selbst.

Wer sollte ich auch sonst sein?

In diesem Sinne:

Wir verkleiden uns immer noch gerne 😀

30er HuS 5 30er Else klassisch

Liebes Internet, ich bin schockiert.

Ich verfolge das aktuell heiß diskutierte Thema Homo-Ehe ja quasi nur passiv. Ich habe in diesem Thema keine Aktien und keine Eigeninteressen. Es tangiert meinen Alltag als Familienvater in einer Kleinstadt praktisch gar nicht. Manche von Euch erinnern sich vielleicht sogar, dass ich mich schon mal negativ über den Versuch der LGBT-Community ausgelassen habe, sich selbst als die besseren Eltern darzustellen. Aber wie unser aller Liebling Tyrion Lannister habe ich ein Herz für Bastarde, Krüppel und Zerbrochenes, und so bin ich wirklich von der aktuellen Entwicklung in der Diskussion zu diesem Thema schockiert.

Es ist einige Zeit her, da hat die CSU nach dem letzten Vorstoß zur Homo-Ehe plötzlich Familiensplitting in die Diskussion eingebracht.

„Ist doch lustig“, meinte ich damals zu Mrs. Essential. „Jetzt kommt die CSU noch glatt auf den Trichter, das blöde Ehegattensplitting endlich für ein Familiensplitting abzuschaffen – aber nur, damit die Homos nix davon haben.“

Ich bin bis heute über diese Ironie amüsiert, dass konservative Politiker die Angst vor der Schwulenehe brauchen, um so ein Projekt ins Gespräch zu bringen. Das war damals ganz lustig, und ich dachte mir dass es doch schön ist wenn zwei gesellschaftliche Kräfte durch ihre Reibung ein vernünftiges Ergebnis zustandebringen.

Leider brachten sie nichts zustande – das Familiensplitting ging sang- und klanglos unter, weil ein Rechenexempel nicht gefiel, und alles blieb beim alten. Na ja, mir kann es ja latent egal sein, ich bin verheiratet, also habe ich da nur begrenzten missionarischen Eifer. Dann eben nicht.

Plötzlich ist die „Homo-Ehe“ wieder auf dem Plan. Doch statt diesen Veränderungsimpuls zu nutzen, um vernünftige Weiterentwicklungen für das Familienmodell zu entwickeln, lese ich in viel zu vielen Medien „Mama, Papa, Kind“-Plattitüden, die besser in den Kindergarten passen würden. Heute morgen zum Beispiel, dass die FAZ ein mindestens fragwürdiges Argument als formal-juristischen Knockout bezeichnet, später sehe ich Kommentare bei einem anderen Artikel zum Thema:

homoehenkommi1 homoehenkommi2 homoehenkommi3 homoehenkommi4

Ich meine, das ist doch wirklich schockierend, oder? Schlimm genug, dass sich ein Leitmedium hier intellektuell verschwurbelt auf eine Beweislastumkehr für das Recht auf gesellschaftliche Veränderungen beruft – offensichtlich ruft dieses doch eigentlich für die Lebenswelt der meisten Menschen völlig irrelevante Thema beim deutschen Michel und der deutschen Micheline die mehr als latente Homophobie wach.

„Wenn die Schwulen jetzt heiraten dürfen, muss ich auch meinen Hund/ meinen Sittich/ meine Wandlampe heiraten dürfen, außerdem bricht dann praktisch Sodom und Gomorrha los und Deutschland ist zum Untergang verurteilt!“

Noch blöder geht´s wirklich nicht, oder? ich habe Neuigkeiten für Euch: Deutschland ist sowieso zum Untergang verurteilt und Eure „Argumente“ sind keine, sondern nur Befindlichkeiten.

Ich will überhaupt nicht den großen Fürsprecher machen für ein Thema, das mich nur am Rande interessiert. Aber diese Kombination aus Selbstgerechtigkeit und Borniertheit, vorgetragen über eine sich für nichts entblödende Argumentation ruft wirklich mein Herz für Bastarde, Krüppel und Zerbrochenes wach.

Weicheier voraus! (?)

Dieser Artikel der Huffington Post (inzwischen vielen bekannt) hat mich zu einem Blogpost inspiriert, den ich schon lange schreiben wollte.

Die Frage dahinter: Erziehen wir Eltern von heute die Memmen von morgen?

Mir fiel beim Nachdenken auf, dass ich exakt keiner eindeutigen Meinung war. Es gab Einiges, das für eine sensible, bedürfnisorientierte Erziehung sprach, sowie Einiges, das mich nachdenklich machte. Natürlich finde ich nicht, dass alle heutigen Kinder in der Zukunft „Memmen“ sein werden. Ich setzte mich aber mit dem Gedanken dahinter auseinander – mit der Kritik am Erziehungsstil der Gegenwart.

Und so etwas tue ich bekanntlich gerne differenziert und so sachlich wie möglich. Beim Thema Erziehung ist das ja für uns Mütter nicht immer einfach. Ich mag es, mich auch in gegenteilige Meinung hineinzuversetzen und manchmal finde ich darin ein Korn Wahrheit – besonders, wenn ich mich zuerst aufregen wollte …

Auch dieses Mal wollte ich mir die Kritik so ruhig und objektiv wie möglich ansehen. Hierfür habe ich die Kritik gründlich beleuchtet und denke, der Ausdruck „Memmen-Erziehung“ zielt auf das ab, was eben gerade in der Erziehung aktuell gelebt wird. Und damit habe ich mich dann auseinandergesetzt. Ich schreibe strukturiert auf, was gegen und was für die aktuelle Erziehungs-Strömung spricht.

Einmal die Pros der „Memmen-Erziehung“ und dann die Contras:

essentialunfairness.wordpress.com

Kann man zu viel Liebe bekommen?

Pro: Zum Thema der Panik vor Schadstoffen in Kleidung, Nahrung, Spielzeug, Schnullern oder Trinkbechern: Eltern sind heute sehr informiert, die Medien für jeden immer greifbar. Man erfährt von jedem neuen Skandal und jedem Produktrückruf sofort. Man liest als Kommentar unter etwas wie

„Alnatura ruft Dinkelstangen zurück“ etwas wie Folgendes:

„Na toll, wem kann man denn noch vertrauen, wenn nicht mal denen?“

Und dann denkt man sich:

„Jup. Genau. Wem eigentlich?“

So wird man sehr vorsichtig und gefahrenbewusst. Und so wird schlimmstenfalls ängstlich, mindestens aber vorsichtiger. – Man wird durch die eigene, liebevolle (!) Motivation und moralischen, beziehungsweise gesellschaftlichen Druck dazu gebracht, immer das Beste zu wollen und was das genau ist, wird auch mitgeliefert:

Es gibt so viele Regeln und ungeschriebene Gesetzte speziell für Mütter! So viele Kommentare und Ratschläge. Vieles beginnt mit

„Wie kann eine Mutter nur …?“

Das macht uns vorsichtig und auch umsichtig. Ich sehe nicht ein, dass beides für die Kinder unbedingt schlecht sein soll. Nein, man muss nicht sofort springen, wenn ein Kind etwas möchte, aber es kategorisch ignorieren, damit es „seinen Platz findet“ auch nicht.

Kinder sind sensibel. Will man gestählte und eventuell harte Menschen oder mitfühlende Erwachsene großziehen? Solange man seinem Kind Empathie nahebringt, wird es das selbe mit seinen Mitmenschen tun. Klar, man darf nicht um das Kind herumspringen und es mit Konsum zumüllen, ohne sich ihm wirklich zu widmen und zu öffnen. Aber das tun ja auch die wenigsten, denke ich.

Negative Erfahrungen können, wenn sie nicht richtig begleitet werden, sehr negative Auswirkungen haben. Wenn man seinen Kindern etwas zumutet, dann nur, wenn man sie stärkend hindurch begleiten kann. Weil man selber sehr stark und gefestigt ist oder psychologisch versiert, pädagogisch geschult oder Ähnliches. Wenn das gewährleistet ist, dann profitieren Kinder enorm von der Begleitung auch durch schwierige Lebensereignisse, anstatt sich selbst überlassen zu werden, so wie es oft in den 80ern war.

Die Eltern denken sich ihre Ängste nicht aus. Diese werden geschürt. Auch von Firmen, die ihre Produkte verkaufen wollen. Die Bio-Label sagen

„Alles andere ist Giftmüll – hier ist die passende (von uns in Auftrag gegebene) Studie.“

So geht es mit vielen weiteren Produkten. Zudem gibt es laufend Nachrichten über verschwundene Kinder, sexuellen Missbrauch, Mobbing und vieles weitere Gefahren. Zudem gibt es Gefahren durch den vielen Verkehrß, Umweltgifte und vieles mehr. Das verängstigt und verunsichert Eltern – wie sollen sie da mutig ihre Kinder in das Leben schicken?

Ja, in den guten alten 80ern bekamen wir Fanta mit zwei Jahren und hatten keinen Schutzhelm. Und tranken puren Saft aus der Nuckelflasche. Und steckten im Gehfrei (meins klappte bei voller Fahrt übrigens gern zusammen …).Und atmeten Zigarettenqualm ein. Und wir waren nicht angeschnallt. Und saßen auf dem Gepäckträger.

Und wenn dabei nie ein Kind verunglückt oder (auch als Spätfolge) erkrankt wäre, wieso wurden diese Dinge dann geändert? Sind das nur Verschwörungen der Industrie? Oder gab es in der Tat früher viel mehr kindliche Verkehrstote? Mehr Karies? Mehr Unfälle im Haushalt? Ja, das alles gab es und heute ist das Leben für Kinder viel gesünder und sicherer. Warum es immer mehr Allergien und verhaltensauffällige Kinder gibt, das fragen sich allerdings sehr viele Experten.

Einerlei: Die 80er waren mitunter gefährlich, die meisten haben überlebt und können sagen:

„Hey ja, es war wüst, aber uns hat es auch nicht geschadet!“

Und die anderen … ja, die können leider nicht mehr mitreden.

Kinder könnten mit ihren Problemen allein gelassen werden oder irgendwann nicht mehr daran glauben, dass ihnen jemand hilft, wenn sich kein Erwachsener ihnen zuwendet. Zu viel Zuwendung schadet – zu wenig schadet aber weit mehr.

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Kinder brauchen verlässliche und interessierte Zuhörer

Menschen, deren Bedürfnisse zuverlässig erfüllt werden, entwickeln Urvertrauen. Damit sind natürlich Grundbedürfnisse gemeint: Liebe, Zuwendung, Nahrung, Schlaf, Sauberkeit. Es geht nicht um teuerste Kindermode oder Ähnliches. Es geht um’s Lieben, Wärmen, Nähren, Kümmern. Um ein offenes Ohr bei Problemen. Und das braucht jeder Mensch. Wer so aufwächst, gibt diese Liebe auch an Andere weiter. Und das wiederum bräuchte die ganze Welt.

Kinder atmen Atmosphäre. Herrscht zuhause ein liebevolles Klima, in dem auch die Erwachsenen liebevoll und ehrlich zueinander sind, dann werden die Kinder sich ebenso verhalten. Hektik, Vorwürfe und Streitereien sowie Machtspielchen zwischen den Eltern sind destruktiv. Kommt so etwas aber doch vor, dann fängt die konstruktive familiäre Atmosphäre dies gut ab. Wenn sie da ist. Daher ist es wichtig, sein Verhalten ehrlich zu beobachten. Diese Ansätze kann man in der „Memmen-Erziehung“ sehr wohl aufgreifen und ausarbeiten. Hier geht es um Gemeinsamkeit, statt um selbstverliebte Einzelkämpfer, die ihre eigenen Gefühle auf das Kind projizieren. Natürlich gibt es die auch. Von ihnen unterscheidet man sich, indem man seine Motive erkennt. Und das steht jedem frei.

Contra:

Seine Kinder ins Zentrum zu stellen gehört einfach (und vielleicht manchmal mit seltsamen Auswüchsen) zum aktuellen Mainstream der Erziehung. So gut die Gedanken und Wünsche einer Idee auch sein mögen – nichts ist ohne Schattenseiten. Man sollte seinen Standpunkt flexibel halten, gerade wenn es um Menschen geht, die sich entwickeln und wachsen. Um Individuen. In den 70ern kam beispielsweise das Laisser-faire auf und war in Mode.

Es erschien vielen Eltern als der einzig selig machende Weg für Kinderseelen.

Nie wieder Gewalt gegen Kinder! Freie Selbstentfaltung! Weg mit der Distanz zu den Erwachsenen! Weg mit dem autoritären Mist der Kriegs(verbrecher-)generation! Nachvollziehbare und zeitgemäße Gedanken. Und Grundsteine des Umgangs mit Kindern, wie wir ihn heute kennen.

Von der linksliberalen Ecke wanderte die Idee des Kindes als gleichberechtigtem Familienmitglied in den Mainstream. Eine sehr gute Entwicklung. Mit teilweise erschreckenden Auswüchsen, über die man heute nur die Köpfe schütteln kann.

Es entstanden die berühmten Kinderläden – dort durften die Kinder auch mal mit Essen werfen, sich lachend ausziehen, sie spürten ihre Grenzen und die anderer, sie konnten sich frei entfalten. Sie sollten Grenzen selber erkunden und selbstbewusst werden, indem sie selbst etwas tun und entscheiden durften.

Und sie „durften“ leider auch immer mal wieder manche Erzieher an Stellen streicheln, an denen man sich nicht von Kindern streicheln lassen sollte. Auch das geschah im Gedanken an das Kindeswohl. Das Establishment war prüde und verbot die freie Entfaltung. Da musste man sich aufstellen und protestieren, die kindliche Sexualität als ur-kindliches recht entfalten. Es gab die Idee, man sollte Kinder beim elterlichen Sex zuschauen lassen. Sie sollten auch ruhig mitmachen. Dadurch entstünden mündige und freigeistige Staatsbürger.

Ja, die Revolution in der Pädagogik hatte schräge und verstörende Blüten.

Dieses (wirklich sehr extreme, aber deshalb nicht unsinnige) Beispiel zeigt, dass die besten Ansätze nicht vor (oftmals großen) Fehlern gefeit sind.

Jede nachfolgende Generation fasst sich dann an den Kopf und denkt: „Ja, aber wir wissen es ja Gott sei Dank besser. Wir wissen jetzt, wie es richtig ist.“

Dabei sind alles Entwicklungen, die aufeinander aufbauen. Es gibt Trends und Tendenzen. Mal sollen Frauen  nur ja keine Hausfrauen werden und dann sollen sie hingebungsvoll den sicheren Kern der Familie wahren. Dann wieder von vorne. Und noch mal zurück. Das wird noch lange so gehen. So lange es Menschen gibt. Daher sollte man Kritik ruhig erst einmal ansehen. Vielleicht zeigt sie die nächste Strömung – das kann man nie wissen.

Im Augenblick hat sich die Pädagogik dahin entwickelt, dass kindliche Bedürfnisse sehr genau wahrgenommen werden und auch (oftmals umgehend) befriedigt werden sollen. Die Kinder sollen dadurch im Selbstvertrauen gestärkt und sich geliebt sowie angenommen fühlen.

Der Ansatz ist großartig! Und auch er birgt Schattenseiten.

Als Langzeitfolgen nennen Experten (und beobachtende Mitmenschen) das Heranwachsen kleiner Narzissten ohne Benehmen, Empathie und die Fähigkeit, sich für das Gemeinwohl mal zurücknehmen zu können.

Ja, das sind Extremdarstellungen. Aber dennoch sollte man Warnungen ja vielleicht erst einmal ernst nehmen.

Es sind nicht nur die Experten klug, die das sagen, was einem gefällt.

Da wird man ja zu einer Art Unternehmen, das exakt die Studien in Auftrag gibt, die es bestätigen. Und die finden wir ja doof.

Kinder, die in überhöhter Position mit ihren Wünschen und Bedürfnissen über der Familie thronten, bekommen viel zu viel Verantwortung und ein unechtes Selbstbild. Dieses lässt sich später nur mittels knallharter Erfahrungen im „echten“ Leben korrigieren. Da kommen dann all die blutigen Nasen und fieses Konflikte auf. Dort, wo es fordernde Chef*innen und unbequeme Kolleg*innen sowie anspruchsvolle Partner*innen gibt.

Wenn man nun bei der Erziehung nicht die richtigen Schwerpunkte setzte, dann wird das einstige Kind auf sehr unangenehme Weise dazulernen.

Die Komponente der Konsum-Überschüttung ist eine der Begleiterscheinungen des Fokus auf die Kinder, der sich in unserer Gesellschaft eingestellt hat.

Unselbstständigkeit und Verhaltensauffälligkeiten sind zwei Dinge, die Lehrer*innen und Erzieher*innen immer wieder als Beobachtungen aus ihrem Berufsalltag äußern. Das sind weitere negative Auswüchse des an sich sehr guten Grundgedankens. Es liegt vielleicht ja doch nicht alles an den Umweltgiften, sondern an verschiedenen sozialen und pädagogischen Komponenten.

Die „Weichei-Erziehung“ geht nur bei einer geringen Kinderanzahl in der Familie so richtig gut. Das startet man romantisch mit einem Kind und endet spätestens bei Dreien langsam – oder auch ganz schnell.

Denn die Bedürfnisse dreier Menschen (und bitte auch noch die eigenen) kann kaum eine Mutter rappzapp wahrnehmen und befriedigen. Oder sie tut es und erlebt als Langzeitfolge etwas wie Erschöpfungszustände oder andere Erkrankungen, davon kann ich zum Beispiel ein Lied singen. Mir war der Balanceakt nicht gut gelungen. Nicht auf lange Sicht. Es gibt Dinge, die kann man erst nach langen Jahren umfänglich beurteilen, musste ich feststellen.

Auch sind in größeren Familien die Tendenzen der Bedürfnisorientierten Erziehung eher schwierig umzusetzen: Im Elternbett wird es auch eng, wenn da alle so lange mitschlafen dürfen wie sie möchten. Drei Kinder zeitgleich zu stillen wird auch etwas stressig, je nachdem in welchem Altersabstand sie sind und wann das Kind sein natürliches Abstillbedürfnis erreicht hat. Da ist die Orientierung an den kindlichen Bedürfnissen dann etwas schwieriger. (Es gibt nur wenige Prozente Großfamilien, ich weiß das. Aber diese stellen einen sehr großen Anteil an der Gesamtkinderzahl unseres Landes.)

Wünschenswert ist der Einklang des kindlichen und erwachsenen (Er-)Lebens. Solange es für Kinder normal ist, gegen die Badezimmertür zu treten wenn Mama pinkelt und ihr ins Wort zu fallen, wenn sie mit der Nachbarin spricht um dann auch noch immer Gehör zu erhalten, stimmt etwas nicht.

Hier entstehen dann keine Memmen, sondern rücksichtslose Menschen. Den Toiletten-Kampf kenne ich selber. Ab einem gewissen Alter habe ich es dann geschafft, rückgängig zu machen, dass die Kinder die Existenz der Badezimmertür als Affront empfanden. War aber harte Arbeit. Zuvor war ich der Überzeugung, dass sie es brauchen, in meiner Nähe sein zu können. Und weiter habe ich das nicht hinterfragt. Weil das irgendwie einfach von allen Müttern so erlebt wurde …

Es ist inzwischen schon echt schwer, sich gegen den gesellschaftlichen Trend zu wehren und zu sagen: „Ich gehe alleine zum Klo, Kind. Du wartest jetzt.“

– Oft wird nicht hinterfragt oder individuell entschieden, sondern bestimmten festgelegten Regeln gefolgt, weil der soziale Druck groß ist. Es scheint Dinge zu geben, die unerlässlich sind, um die Bindung und Entwicklung zu stärken. Und diese soll man dann irgendwie durchexerzieren. Mainstream ist natürlich per definitionem nicht individuell und man muss sich seinen Teil herausnehmen, ihn für sich passend schleifen.

Aber da bieten sich enorme Schlachtfelder für die berüchtigten Mommy Wars – man steht schnell unter Druck. Das wiederum tut niemandem gut.

Immer mehr Mütter leiden an Burnout – wäre es nicht besser, sie würden zuerst lernen, sich um sich selbst zu kümmern und die eigenen Bedürfnisse beachten? So wie man bei einem Druckabfall im Flugzeug zuerst sich und dann anderen die Sauerstoffmaske aufsetzt? Die Mütter kommen bei der Idee „Die Kinder kommen immer zuerst und stehen im familiären Zentrum“ irgendwie etwas kurz. Das kann ebenfalls ungewollte Langzeitfolgen haben.

Kinder sollen sich etwas zutrauen, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Aus der Überbewertung und Erhöhung entstehen anscheinend Narzissten. Woher will man wissen, ob man da die Balance hält? Wie gut die eigene Erziehung gefußt hat, merkt man meist erst so richtig nach zehn bis zwölf Jahren.

Misserfolge können stärken. Aus dem Weg geräumte Schwierigkeiten schwächen. Auch hier ist die Balance-Frage da. Wie viel kann ich meinem Kind zumuten? Wo soll ich eingreifen? Beim Schuheanziehen? Beim Spielplatz-Streit? Beim Schulfhof-Mobbing, das in den good old times noch „Ärgern“ hieß?

Hier ein persönlicher Hinweis zum Maßstab:

In den guten, alten 80ern wurde ich an der Haltestelle gemobbt. Geärgert, getriezt und verprügelt hieß das da noch. Ich konnte mich nicht wehren, stecken Misserfolge ein. Ich klagte das meiner Mutter, die klagte es hilflos meinem Vater und brachte mich zum Bus.

Das war irgendwann auch blöd und mein Vater stattete widerwillig den Eltern des Mobbers einen Besuch ab. Der Mobber beschwerte sich darüber bei mir. Schließlich gab mein Vater mir den Hinweis, ich solle dem Mobber Angst machen. Irgendwie gelang mir das nicht. Ich war so entmutigt und mir fehlte das Selbstbewusstsein.

Einerlei: So motiviert waren meine Eltern selten.

Und? Hat mir alles nicht geschadet!

Doch, hat es.

Ich steckte Misserfolge und Demütigungen ein. Weil ich ein klassisches Opfer war. Von klein auf. Deprimierend war das, frustrierend und ego-raubend. Und es stauten sich viele Aggressionen an. Auch nicht gesund. Die Eltern, die heute zu den Lehrern rennen und sich beschweren, sind nicht unbedingt hysterisch. Mütter, die wie verrückt nach dem einen blauen Nuckel suchen oder in drei Supermärkte wetzen, weil das Kind nun mal nur den einen Apfelsaft trinken möchte – die … hm … dürften ihre Lebenszeit manchmal vielleicht anders planen, ohne dadurch ihre Kinder zu traumatisieren.

Kindern kann man etwas zumuten. Man sollte es sogar. Selbstverständlich nur in einem begleiteten Rahmen. Aber nicht in einer fahrbaren Intensivstation mit Vollfederung und doppeltem Boden.

Das Kind wurde mehr und mehr zum Projekt, statt zum selbstverständlichen Lebensbestandteil. Daher steht es im familiären Mittelpunkt. In meiner Kindheit ging es am Wochenende darum, dass möglichst alle etwas Nettes erlebten. Oder oft auch nur die Eltern. Da musste man irgendwie durch. Bei gutem Wetter gingen die Eltern Tennis spielen oder die Mutter wollte sich sonnen – dann ging es an den Baggersee oder ins Freibad. Oder es ging zum Einkaufen in die Stadt. Und man trieb sich da irgendwie rum. Oder es ging zu einer Autoausstellung, einem Stadtfest oder mal zum Minigolf.

Die Idee, „Wir Eltern atmen das Glück der Kinder ein und allein das ist für uns Freude genug“ ist recht jung.

Die Ängstlichkeit der Eltern hemmt die Kinder in ihrer Entwicklung. Ein Kind, das klettern und fallen darf, lernt rasch, dass es sehr gut wieder aufstehen und erneut klettern kann. Es lernt seine Grenzen kennen und erfährt sich in allen Schwächen und Stärken. Das gibt Selbstsicherheit.

Was kann man Kindern denn nun zutrauen und zumuten?

Können Zehnjährige bügeln, wenn man in der Nähe bleibt und sie sich dadurch sicher fühlen? Ja.

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann ...

Traue mir etwas zu, damit ich lernen kann. Auch wenn es ein mühsamer Weg für Dich sein kann …

Können sie Wäsche nach Farben sortieren? Ja. Nein. Meistens.

Können sie über 8 Stunden lang im Steinbruch Säckeweise Steine schleppen? Zum Beispiel in Pakistan? Ja. Sollten sie aber nicht.

Können sie einen Kaffeeautomaten bedienen und stolz dem Besuch Getränke bringen? Aber sicher.

Können sie ihr Bett machen und ihr Zimmer aufräumen? Theoretisch ja. Praktische Umsetzung schwieriger als beim Steineschleppen.

Können Kinder jedweden Alters alleine verarbeiten, etwas Bedrohliches oder Beängstigendes gesehen oder erlebt zu haben? Nein.

Können Kinder es heil überstehen bei einem Autounfall nicht angeschnallt zu sein, wie in den 80ern? Nein.

Können Kinder emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie nicht oder nur kurz gestillt wurden, nie in einem Tragetuch saßen, früh im eigenen Zimmer schliefen, Gläschenkost bekamen und den Schnuller immer in der auf der Packung angegebenen Größe benutzten? Ja.

Können sie emotional sowie physisch heil aufwachsen, wenn sie in einer Umgebung leben, in der sie verunsichert werden, in denen die Erfüllung ihrer ureigenen Bedürfnisse unzuverlässig stattfindet und in der sie sich nicht oder nur zeitweise geborgen fühlen können? Nein.

Können Kinder gut aufwachsen, wenn man ihnen eine gesunde Mischung aus Liebe, dem gesunden Etwas-Zutrauen, Rückhalt, manchmal etwas gesundem Druck, Verständnis und dennoch zuverlässiger Anleitung zuteil werden lässt? Unbedingt.

Erziehung verändert sich im Laufe der Lebensjahre

In den ersten Lebensjahren ist man in einer warmen Wolke aus romantischer Liebe. Das Kind ist niedlich und sehr nah an einem selbst. Es findet und zeigt sich immer mehr selbst, je älter es wird.

Bis zum Eintritt in die Grundschule empfand ich persönlich das Leben mit Kindern immer als sehr „niedlich“.

Klar, es war auch stressig und immer wieder beanspruchte es mich sehr. Überwiegend war es einfach (be-)rührend, süß, bereichernd, beglückend und kuschelig mit den drei Kleinen.

Aber so ein Kindergartenkind, das nach dem Vorlesen auf dem Sofa der Kuschelecke eingeschlafen ist oder eines, das im Garten für Mama einen Blumenstrauß abrupft, der nur aus Blütenköpfen besteht, ist ganz anders als ein Schulkind, das von Klassenkameraden verhauen wird. Oder eine pubertierendes Mädchen, das abends plötzlich im Wohnzimmer steht und mitteilt, dass es gerade seine erste Periode bekommen hat. Die Zeiten ändern sich. Und eben nicht nur die. Man selbst muss mitgehen. Bedürfnisse verändern sich.

Während der Grundschulzeit sieht man bereits immer mehr der eigenen kindlichen Persönlichkeit und noch mehr kann man dann erleben, wie das Kind in der „ernsten“ Welt zurechtkommt. Man hört von Lehrern, dass es sehr schüchtern ist oder schlampig oder albern oder eben selbstbewusst, sozialkompetent oder was auch immer. Da spürt man dann spätestens immer mehr, dass man einen kleinen Menschen zu einem großen Menschen werden lässt.

Dieser wird irgendwann einen Chef und Kollegen haben, er muss sich Konflikten und Druck stellen können.

Hierfür braucht er Vertrauen in sich selbst. Und dieses erhält man nicht durch zu viele Misserfolge und auch nicht, wenn man zu oft sich selbst überlassen wird. 

Daher lehne ich ein Verteufeln der „Memmen-Erziehung“ rundheraus ab.

Aber auch ein Übertreiben der selben in Richtung Überfürsorge – denn diese verkehrt den schönen elterlichen Wunsch in das Gegenteil.

Persönliche Anekdote zum Schluss

Als ich ungefähr acht oder neun Jahre alt war machte ich mit meinen Eltern Urlaub am Meer. Es wurde ein Pony ausgeliehen. Das Tier war mehr eine Art weiße Felltonne mit viel zu kurzen Streichholzbeinen, aber das tut nichts zur Sache – ich fand es schön und weiß bis heute, dass es „Cindela“ hieß.

Mein Vater, durch die Pferdezucht seines Onkels von klein auf Reiter, nahm aus dem Stall eine Longe mit (das ist ein langes Seil, an dem man ein Pferd um sich herum im Kreis laufen lassen kann, während man es vom Zentrum heraus anleitet).

Er trieb die „Felltonne“ an. Und ich saß oben drauf. Die kleinen Beine trappelten unter mir und es wurde immer schneller. Das Pony schaffte es sogar, sich irgendwie zu strecken und noch schneller zu werden.

Dann ließ mein Vater die Longe länger, der Kreis wurde größer, ein größerer Stein lag im Weg und es kam, wie es kommen musste: Ich flog über den Hintern des Pferdes im Bogen auf die Erde.

Mein Vater kam zu mir und sagte in einem Ton, den er sicherlich aus irgendeinem Film hatte und der in meiner Welt mit „Mein Sohn ….“ hätte beginnen müssen: „Steig wieder auf. Wenn man vom Pferd fällt, dann muss man stets wieder aufsteigen.“

(Mein Therapeut kommentierte diese Erinnerung übrigens mit: „Hm, da ist aber eine Menge Sadismus im Spiel, finden sie nicht?“)

Ich habe aus der Situation Folgendes mitgenommen und das als Grundschulkind (soll zeigen, wie viel Kinder begreifen und wahrnehmen können):

– Mein Vater vermisste einen Sohn, mit dem er „etwas anfangen konnte“. Sein Erstgeborener mit Asperger war es jedenfalls nicht.

– Meinem Vater machte es Freude, Lektionen zu erteilen

– Ich wusste, dass ich meinem Vater eine Menge zutrauen musste und bekam Angst vor ihm

– Ich wusste, dass ich richtig reiten lernen wollte, um nie wieder vom Pferd zu fallen

– Das Pferd, das ich rund 10 Jahre später besaß, wollte ich nach einem heftigen Beinahe-Unfall nie wieder reiten und es musste verkauft werden.

Ich bin im Leben immer sofort aufgestanden, wenn ich gefallen bin. Es scheint nichts zu geben, das mich wirklich lange umhaut. Wenn ich etwas wirklich will, strenge ich mich an bis ich es erreiche. Das liegt aber nicht an dieser dusseligen Lektion. Sondern an meiner Resilienz, meinem Charakter und anderen Faktoren. Ich wünschte, es läge daran, dass man mich gesundes Selbstvertrauen geschult hätte, statt diverser Lektionen in Härte, Aushalten, Alleine-Klarkommen und „Wie-der-Sohn-den-Papa-stolz-machen-kann-Lehren“. Durch Letzteres habe ich auch noch ein Störung der Geschlechterrollenidentifikation bekommen.

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich ...

Fördere mich und fordere mich. Aber überfordere mich so selten wie möglich …

Ich bin mir sicher : Wir ziehen keine Generation von Memmen und Narzissten groß.

Vielen Kinder scheint es an klassischem Benehmen zu fehlen, höre ich immer wieder. Und an manchen anderen klassischen Tugenden. Aber doch nicht allen! Und zudem wachsen sie noch.

Sie sind sehr sensibel und begreifen individuell gesehen oft weit mehr als man denkt. Sie spüren Atmosphären, Launen und Stimmungen. Sie brauchen Schutz und unbedingte Kommunikation. Das heißt nicht, sie dürfen pausenlos schnattern, bis Mama die Ohren bluten.

Sondern sie brauchen zuverlässige Menschen, die sich ihnen widmen und denen sie unbedingtes Vertrauen schenken. Sonst ziehen sie sich in sich selbst zurück und resignieren im schlimmsten Fall. Dann werden sie zu Menschen, die sich hart machen, um nicht verletzt zu werden und zu jenen, die meinen, immer alleine alles bewältigen und schaffen zu müssen. Menschen, für die das Annehmen von Hilfe Angst und Schwäche bedeutet. Huch, jetzt rede ich ja über mich … 😀

Sie sind im Laufe der Entwicklung immer weniger nah an den Eltern und orientieren sich immer mehr an ihrer Peer Group sowie der gesamten Gesellschaft. Sie werden vieles noch lernen. Lernen müssen.

Und das schaffen sie am besten, wenn sie gute Wurzeln entfalten und zugleich den Kopf in die Wolken stecken durften.

Da bin ich mir ganz sicher.