Blogparade #NoMobbing: Die Links

Blogparade #NoMobbing: Die Links

Hier werden fortlaufend die Links zu den Artikeln aktualisiert, die im Rahmen der gemeinschaftlichen Blogparade von Dani und mir ausgerufen wurde.

Die Blogparade läuft noch bis zum 25.11.2016.

Uns erreichen viele Kommentare und Mails, in denen LeserInnen eigene Erfahrungen schildern. Die Artikel sind berührend, belastend, machen wütend, lassen mitfühlen, werfen Fragen auf.

Das Leid, von Gleichaltrigen, der eigenen Gruppe also, nicht angenommen zu werden, ist unermesslich groß. Die Verletzungen des Ausgestoßenwerdens sitzen tief.

Schreibt uns gerne weiterhin – wir veröffentlichen sehr gerne Eure Artikel oder verlinken sie. Auch Gastbeiträge sind sehr willkommen.

Die Beiträge zur Blogparade

Die Rabenmutti  Yasmin schreibt hier über ihr Martyrium. Genau so muss man es nennen, was ihr während ihrer Kindheit und Jugend widerfahren ist.

Bei Krümel und Chaos könnt Ihr lesen, wie es Tanja erging, die so unter den Attacken ihrer Umwelt litt, dass sie mehr und mehr abmagerte und eine Essstörung bewältigen musste.

Hart zu lesen ist auch der Beitrag von Kaddi auf Papmami.de Wie es sich anfühlt, wenn das Kind einer schwer erkrankten Schwester gemobbt wird, erfährt man hier. Ich fragte mich ein Mal mehr: „Kennen manche Menschen den gar keine Grenzen?“

Valerie weiß leider ebenfalls, wie sich Ausgrenzung und Verletzungen anfühlen – sie schreibt auf ihrem Blog Raus mit Dir, Baby über die Angriffe der MitschülerInnen auf sie. Schmerzhaft zu lesen, dass Kinder anderen Kindern Wasserflaschen hinterherwerfen und wie viel Hass die Atmosphäre der Klasse vergiftete.

Auf 2KindChaos liest man „Ich hielt mich für einen wertlosen Haufen Scheiße, der widerlich stinkt, beschissen aussieht, niemals eine richtige Frau werden kann, bodenlos dumm ist und nie, niemals nie irgendetwas richtig machen kann “ und erfährt, was für ein schrecklicher Weg zu diesen Gefühlen geführt hat.

Bei Top-Elternblogs macht sich Anne Gedanken über das Thema Cybermobbing. Hier findet man ein gute Beispiel für das Vorgehen von „Internettrollen“ und kann sich ein realistisches Bild von diesem ätzenden Phänomen machen.

Roksana schreibt auf Lottes Motterleben ganz kurz und direkt zum Thema. Sie erinnert noch einmal daran, wie wenig es braucht, um eben niemanden zu mobben – wie durch „Bodyshaming“ im Internet oder auch analog. Hier kann man im Artikel „Ein guter Tag“ lesen, wie sie sich das Mobbing aus Tätersicht vorstellt. Aggressiv, hässlich und herzlos wirkt es, was man da liest – und genau so muss es sich für sie als Opfer auch angefühlt haben.

Auf Hallo liebe Wolke erzählt Susanne, wie ihre wunderschöne Welt der Grundschulzeit binnen weniger Momente zerbrach und dem Mobbing Platz machte. Hier erfahrt Ihr aber auch, wie sie lernte, sich anzunehmen, obwohl sie als Erwachsene immer noch mit ungerechtem Denken ihrer Umwelt konfrontiert ist.

Auf dem Blog Impressions of Life ist zu lesen, wie oft einem Mobbing während des Lebens begegnen kann: Im Kindergarten, in der Schule, auf der Arbeit. Man erlebt es mit oder am eigenen Leib und fürchtet, das eigene Kind könne auch irgendwann betroffen sein.

Für Elli, die auf Nerdmaedle über ihre Erfahrungen schreibt, scheint keine soziale Gruppe wie Kindergartengruppe oder Schulklasse ohne Mobbing erlebt zu haben und leidet noch heute, als erwachsene Frau, sehr unter den Folgen.

Danke, Scoyo!

Danke, Scoyo!

Lieben Dank, Scoyo, dass Ihr uns zum Blogliebling des Monats Oktober ernannt habt!

Wir sind nach wie vor ganz dankbar für die große Resonanz, die dieses Thema auslöste.

Uns schreiben und kommentieren Eltern, die fürchten, ihre Kinder könnten Opfer werden. Viele schildern eigene Erlebnisse, die sie bis heute verfolgen oder berichten, dass ihre Kinder Opfer von Mobbing oder Bossing sind.

Wir möchten mit unserer Blogparade #NoMobbing, zu der wir zusammen mit Dani von „Glucke und so“ (hier findet Ihr auch einen guten Artikel zum Thema „Cybermobbing„) aufrufen, auf dieses Thema aufmerksam machen, da wir inzwischen wissen, wie viele Opfer aus Scham schweigen. Man muss sich das mal anschauen: Die Opfer schämen sich! Wir – ich bin ja selbst als Kind betroffen gewesen – wissen, dass man so fühlt. Aber zugleich ist es wichtig zu sagen:

Kein Opfer trägt die Schuld am aggressiven Verhalten eines Täters!

Durch den so häufig erlebten Vorgang des „Victim Blaming“ fühlt es sich immer wieder so an. Daher ist es ganz wichtig, dass ein Umdenken angeregt wird. Sei es in der (vollkommen unsinnigen) Debatte darüber, ob ein Minirock zu Vergewaltigungen führt oder eben darum, ob ein Mensch selbst schuld ist, wenn er angegriffen wird.

Mobber suchen sich einfach irgendeinen Aufhänger für ihr Verhalten.

Sie haben eigene Motive für ihr Handeln. Angst, geringes Selbstwertgefühl, Frustration, Langeweile und manchmal auch den Abbau der Demütigung durch selbst erlebtes Mobbing.

Wir möchten uns austauschen, vernetzen, Tipps geben und zeigen, dass man nicht schamvoll und hilflos alleine ist mit diesem Thema.

Aufruf Blogparade #NoMobbing

Aufruf Blogparade #NoMobbing

Ein wichtiges Thema

Nachdem Dani (die liebe „Glucke“) einen Artikel zum Thema Cybermobbing und ich über das Mobbing an Schulen geschrieben habe, merkten wir an der Resonanz aber auch beim gegenseitigen Lesen der Artikel, wie wichtig und weitreichend das Thema Mobbing ist.

Viele Menschen haben eigene, sehr schlimme Erfahrungen machen müssen. Viele von ihnen spüren die Verletzungen noch als Erwachsene. Andere begleiten ihre eigenen Kinder durch die schweren Erlebnisse. Andere erlebten Mobbing in der Kindheit und sehen teilweise hilflos mit an, wie ihrem Kind das Gleiche widerfährt.

Nicht schuld

Hier fragen sie sich schnell, ob sie vielleicht schuld am Mobbing sind. Oder es vielleicht als Kind bereits waren.

Vermutlich waren sie irgendwie „seltsam“ oder hatten äußere Auffälligkeiten wie Übergewicht, Narben, Behinderungen, „billige Kleidung“, Sprachfehler oder Anderes.

Und nun geschieht ihrem Kind vielleicht das Selbe. Vermutlich haben sie es falsch auf das Leben vorbereitet oder es teilt diese äußeren Auffälligkeiten ja vielleicht.

Diese Gedanken sind verständlich. Psychologisch gesehen wollen wir Menschen dadurch die Kontrolle über das Unkontrollierbare erhalten. Wenn wir Auslöser sind und Schuld haben, dann haben wir ja eben doch irgendeinen Einfluss. Kontrollverlust gehört für uns Menschen nun mal zu den schlimmsten Erlebnissen.

Oftmals wird Gewaltopfern die Schuld an der Tat eingeredet. Wir kennen das besonders bei  als sehr unmoralisch empfundenen Gewalttaten: Sexuelle Handlungen werden schnell mit dem „Victim Blaming“  (‚dem Opfer die Schuld geben‘) beantwortet. Bei Quälereien, die einen scheinbar schlechten, hässlichen oder sadistischen Charakter des Täters zeigen, reagieren viele Beteiligte ähnlich: Gemobbte Kinder (und natürlich auch Erwachsene) werden in eine Ecke gedrängt:

„Du bist auch zu empfindlich!“

„Du fühlst dich eben immer gleich als Opfer.“

„Du verstehst eben keinen Spaß.“

Zeugen oder Beteiligte wollen mit dem Konflikt – mit den Taten – am liebsten nichts zu tun haben. Sie wollen so etwas nicht in ihrem Umfeld wissen und fürchten zugleich, selber Opfer zu werden. Daher beschuldigen sie das Opfer. Wieso tun sie das?

Um sich selbst zu suggerieren, dass man die Gewalt selbst verursacht. Und wenn sie nur genau das nicht tun, was das Opfer vermeintlich tat, dann wird ihnen auch nicht das Gleiche zustoßen.

„Geh im Dunkeln eben nicht raus und trage keine sexy Kleidung. Selbst schuld, wenn dich einer anpackt. Man muss als Frau eben aufpassen.“

oder

„Wer auch so blöd ist und Nacktfotos von sich herumschickt, muss sich nicht wundern, wenn die ganze Firma/Klasse sie zu sehen bekommt.“

Selbstverständlich ist ein Gewaltopfer niemals schuld.

Es ist immer der potentielle Täter, der sich entscheidet. Für oder gegen den Angriff.

Ebenso, wie selbstverständlich auch Frauen, die Hosen tragen, Opfer sexualisierter Gewalt werden, so kann jedes Kind Opfer von Mobbing werden.

Es liegt nicht an den Opfern. Die Verantwortung liegt alleine bei den Tätern und im Falle von Kindern dann auch bei den Eltern, Lehrern und weiteren lebensbegleitenden Erwachsenen.

Eure Erfahrungen

Diese Informationen wollte ich vorweg nehmen, um sie wie einen Weg für Eure Erfahrungen auszubreiten.

1. Niemand ist schuld

2. Jeder hat ein Recht auf Hilfe

3. Mobbing kann beendet werden

4. Kein Gewaltopfer muss sich für die an ihm verübte Tat schämen

5. Es gibt viele Hilfsangebote und Möglichkeiten

6. Man sollte frühzeitig gegen das Mobbing vorgehen, auch wenn dies mit sich bringt, dass man als empfindlich gilt.

Gemeinsam können wir aufräumen mit dem Bild des schuldigen Opfers, das sich zu schämen hat und im Gegenzug einander trösten, Respekt zurückgeben und einander spüren lassen, dass die uns umgebenden Menschen durchaus sehr liebevoll sind.

Diejenigen, die komplexbehaftet und sadistisch vorgehen – also die Mobber – sind in der Minderheit.

Mobbing (eigentlich ist dies die Attacke einer Person gegen eine andere, bei einer Gruppe heißt das dann „Bullying“) ist kein „Ärgern unter Kindern“. Es ist eine Gewaltsituation, die tiefe Verletzungen im Opfer hinterlässt und diese für ihr Leben prägt.

Meine Erfahrung

Ich machte den Start zum Thema Mobbing an der Schule ja bereits durch den Brief an unsere Tochter.

Doch auch ich habe eigene Erfahrungen in meiner Kindheit gemacht. Ich wurde von der Klasse 2 bis zur Klasse 8 gemobbt.

Beleidigungen und Ausgrenzungen sowie Bedrohungen begrüßten mich an der Bushaltestelle am Morgen. Mittags gab es etwas wie „Gleich verhauen wir dich an der Haltstelle!“ – was dann auch passierte, wenn nicht mein Lieblingsbusfahrer fuhr und mich vor der Haltestelle nahe meines Elternhauses aussteigen ließ …

Es gab immer mindestens einen Jungen, der mich quälte. In der Grundschule und auch in der weiterführenden Schule. Meist waren es mehrere.

Einer wohnte in meiner Nähe und war – in der Retrospektive – ein sehr vehaltensauffälliges Kind. Er legte sich beispielsweise während einer Busfahrt auf mich und versuchte mich zu küssen. Er stellte mir richtig nach. Zwischen Prügeln und diesem Bedrängen waren seine Attacken gelagert.

Ich besuchte ihn anfangs zu Hause einmal, da er neu in der Klasse war und in meiner Nähe wohnte. Zu diesem Zeitpunkt griff er mich noch nicht an. Da erzählte mir seine kleine Schwester, dass er sie manchmal einsperren und fesseln würde. Er würde sie mit einem Gürtel schlagen und dabei lachen.

Ich hielt das wohl für eine Phantasiegeschichte oder ich nahm es auf die Weise an, wie Kinder nun einmal skurrile oder bedenkliche Dinge annehmen.

Inzwischen sehe ich durchaus den Zusammenhang zwischen der Gewalt zuhause und seinem Verhalten mir gegenüber.

Es gab viele Situationen. Ich wurde wegen meiner Brille gehänselt und wegen meines „bescheuerten“ Bruders (mein Bruder fiel durch seinen, leider erst sehr spät diagnostizierten, Asperger Autismus in unserer Dorf-„Gemeinschaft“ doch ziemlich auf) oder einfach auch weil „ich so komisch sei“. Klar, ich war ein ehemaliges Missbrauchsopfer, Kind zweier persönlichkeitsgestörter Eltern, die keine erwachsene Verantwortung für mich übernehmen konnten. Sicherlich war ich „komisch.“

Aber ich hätte auch rotes Haar oder/und Sommersprosssen haben oder einfach mal an einem tag mir den Kakao zum Amüsement der Klasse versehentlich auf die Hose schütten können: Mobber finden immer einen Ansatzpunkt. Am besten die verletzlichen Punkte eines anderen Kindes.

Ich fühlte mich irgendwann lächerlich. Egal, wo ich war. Ich war fehl am Platz, seltsam und eine Art Alien. Ich war immer verunsichert. Das war ich ohnehin schon, da meine Eltern mir keinen Halt geben konnten in ihrer überbordenden und unzuverlässigen Art von Bindung sowie ihrem zerfahrenen Emotionalhaushalt.

Das Mobbing war daher einfach nur eine weitere Bürde in meinem Leben. Ich musste mich verteidigen und genau das hatte ich nicht gelernt. Die „Glaubenssätze“ (hier gemeint als: psychologischer Fachbegriff für die negativen Sätze/Formulierungen/Annahmen über einen selbst, die man in der Kindheit verinnerlicht) meiner Kindheit waren: „Halte still und harre aus.“ sowie „Sei brav und störe uns nicht!“ Ich erzählte daher wenig und immerhin kam meine Mutter eine Weile lang mit zur Haltestelle. Dies gefiel den Mobbern natürlich, da sie es aufgreifen konnten. Meine Mutter war schon immer eine auffallend attraktive Frau, die stets mindestens zehn Jahre jünger aussah.

„Hat dich deine Schwester gebracht, hä, Müller?“ (Sie sprachen mich stets mit meinem Nachnamen an. Diese Mädchennamen habe ich aus Gründen der Anonymität meiner Eltern geändert)

Da war ich noch recht schlagfertig, denn am kommenden Morgen wurde einer der Jungs von seiner Mutter begleitet, welche äußerlich eher der Gegenentwurf meiner Mutter war und so konnte ich kontern: „Na, und hat dich heute deine Oma gebracht?“

Ich dachte. „Mann, sind die dämlich. Als ob mich das ärgert, dass meine Mutter jung aussieht. Wie blöde sind die eigentlich?“

Das Menschenbild verzerrt sich im Eindruck vom Mobbing sehr negativ. Auch einer der vielen schlimmen Effekte.

Ein Mal ging mein Vater, nachdem meine Mutter ihn wochenlang bequatscht hatte, zu den Eltern eines der Bushaltestellen-Mobber und wurde deutlich. Danach ließ mich der Junge in Ruhe. Natürlich beschwerte er sich bei mir über diese Beschwerde – er hatte ziemlichen Ärger bekommen. Aber das war für mich völlig in Ordnung.

In der nächsten Schule gab es so einen Jungen, den mein bester Freund mal als „Klassenarsch“ bezeichnet. Diese Rolle erfüllte der Junge gut.

Einmal im Schwimmunterricht im Freibad öffnete er mir vor der gesamten Klasse im Vorbeigehen das Bikinioberteil. Dies rächte ich damit, dass ich ihm umgehend – ich stellte mich dazu hinter ihn – die Badehose bis zu den Knien herunterzog. Sehr zur Belustigung der Klasse.

Den Ärger bekam natürlich ich. Ganz typisch.

Schule bedeutete für mich Angst und Demütigung. Ich hatte Freunde und diese gaben mir Halt. Aber die Angst war immer da. Und das Gefühl, wertlos und lächerlich zu sein.

Dieses hatte ich ja ohnehin schon und dann wurde es aufgegriffen und verstärkt.

Apropos „verstärkt“: Stärke ist etwas, das ich aus diesen Erlebnissen auch zog. Neben all der Verletzung, der Verunsicherung und dem Schmerz. Ich hatte schon früh – im Rahmen meines ausgeprägten Selbsterhaltungstriebs – eine gute Analysefähigkeit. Ich begann, ab der Klasse 7 mein Umfeld noch genauer zu beobachten und zu analysieren. Dann ging ich planvoll vor und zog einen nach dem anderen Klassenmitglied auf meine Seite. Es endete darin, dass ich fast nicht mehr gemobbt wurde, sondern in jenem Jahr sogar zur Klassensprecherin gewählt wurde. Diese Manipulation war das Endergebnis. Und irgendwie schämte ich mich dafür, so vorgegangen zu sein, da ich es als unmoralisch empfand. Aber es hatte geholfen.

Dies schildere ich alles als groben Umriss meiner Erfahrungen, die ich recht gut verarbeiten konnte. Auch, weil Mobbing leider nicht das größte Problem meines Lebens war. Ich habe es so „mitverarbeitet“ als ich ohnehin schon in der Therapiephase meines Lebens war.

Zusehen zu müssen, wie jemand mit meinem Kind ähnlich umgeht, ist natürlich dennoch ein Albtraum. Oder vielleicht auch gerade deswegen: Ich weiß, wie es sich anfühlt.

Immerhin kann ich ihr dadurch geben, was mir damals fehlte: Eltern, die auf meiner Seite waren. Klar, mein Vater gab mir tolle Tipps, wie ich die Überzahl an Jungs einschüchtern sollte und fand auch, ich sei wohl ein wenig feige, wenn ich mich immer wieder nur beschwerte, anstatt mal ordentlich „auf den Tisch (oder in’s Gesicht) zu hauen.“

 

#NoMobbing

Jede Erfahrung, jeder Tipp ist wichtig und kann dazu beitragen, dass wir aufgeklärter sind und wache Augen haben, um Mobbing begegnen zu können.

Schreibt Eure Erfahrungen auf und schickt mir oder auch Dani den Link zum Blogpost. Wir werden die Artikel lesen und die Links gemeinsam veröffentlichen.

Ihr lieben Leserinnen und Leser kommentiert ruhig. Schreibt Eure Erfahrungen als Kommentare und teilt sie dadurch mit Anderen.

Und vielleicht ist auch jemand unter Euch, der (vielleicht anonym) mitteilen will, dass er selber einmal Mobber war und vielleicht berichten möchte, wie sehr er sich veränderte.

Hier sollen keine Verurteilungen entstehen, sondern der Wunsch im Zentrum stehen, alle Beteiligten und die Vorgänge des Mobbings zu begreifen.

Die Blogparade läuft bis zum 25. November 2016.

Das Bild könnt Ihr sehr gerne als Element nutzen.

Hier geht es zu Danis Artikel #NoMobbing

Gemeinsam können wir einander unterstützen!

Mobbing #NoMobbing

 

Mobbing: Brief einer Mutter an ihr Kind

Mobbing: Brief einer Mutter an ihr Kind

Heute geht es um unsere Tochter, Nummer 2.

Es geht um Ausgrenzung, Demütigungen, Einschüchterungen und menschliche Hässlichkeit. Es geht um Mobbing.

Ein Thema, das viele – viel zu viele – Kinder und auch Erwachsene betrifft. Ein Thema, das viele verharmlosen. Eine furchtbare Sache im Zusammenleben, die inzwischen Gang und Gäbe zu sein scheint und nicht nur krank machen kann, sondern immer wieder Kinder und Jugendliche zum Äußersten treibt.

Meine Gefühle zu diesem Thema habe ich noch nie dezidiert ausgedrückt. Ich bin traurig, hilflos wütend, ungeduldig und enttäuscht. Ich will zeigen, wie sehr man als Mutter mit einem Kind leidet, das ausgegrenzt und verletzt wird. Vielen Kindern geht es wie unserem und viele Eltern fühlen wie wir – das weiß ich. Ich möchte sagen: „Wir sind nicht alleine!“

Meine Gefühle drücke ich in Form eines Briefes an meine Tochter aus, dessen Inhalt sie kennt und den ich für diesen Artikel verfasste. Mit der Veröffentlichung ist sie ausdrücklich einverstanden.

Meine liebe Tochter, 

„Sie haben mich alle ausgelacht und gesagt, dass jemand, der neben mir sitzen muss, sich besser umbringen sollte!“

„Er sagte, er will mich fertigmachen bis ich weine!“

„Das war wieder so demütigend heute in der Schule!“

„Sie hat gesagt, sie will mich zusammenschlagen und mir einfach nur in’s Gesicht schlagen, wenn sie mich sieht!“

„Sie haben mich an den Armen und Beinen festgehalten und über den Schulhof gezerrt.“

„Sie haben ein Spiel erfunden, in dem es irgendwie darum ging, mich umzubringen.“

„Sie haben schon wieder mit Bällen auf mein Gesicht gezielt im Sportunterricht. Das machen die echt, während die Lehrerin daneben steht! Sie leugnen hinterher immer alles und nie bekommt ein Lehrer es mit.“

„Diejenigen, die mich fertigmachen, fragen im Kunstunterricht immer, ob ich ihnen helfen kann – ich verstehe die nicht. Kapieren die nicht, was die mir antun? Halten die das für Spaß, wenn sie mich quälen, bis ich weine? Können die denn nicht für zwei Cent nachdenken?“

Solche und ähnliche Dinge höre ich seit Langem immer wieder von Dir.

Und ja, mein Herz tut weh. Ich höre, wie mein Kind verbal gequält und körperlich angegriffen wird. Phasenweise tagtäglich, immer wieder, seit drei Jahren.

Die Angriffe begannen wie harmlose Kommentare und steigerten sich zu verletzenden und geschmacklosen Höhepunkten. Du, ich – wir als Familie – haben einen langen, schmerzhaften Weg hinter uns.

Ich möchte ausdrücken, wie sich all das aus meiner Sicht anfühlt. Es sind so viele Bereiche Deines Lebens betroffen.

Es sind zum Einen einfache, äußere Umstände, aber auch tiefgreifende Veränderungen.

Durch den Druck in der Schule erträgst Du keinen weiteren Druck. Keine Forderungen, keine größeren Erwartungen. Während ich Deine Geschwister an ihre einfachen Aufgaben erinnern kann, ist Dir der zusätzliche Druck zu viel.

Du ziehst Dich zurück, hattest immer weniger Freunde.

Ich erinnere mich, wie Du Dir hübsche Sachen aussuchst und Dich für die Schule anziehst, um dort dann ausgelacht zu werden und traurig nach Hause zu kommen.

Ich sehe inzwischen, wie Du langsam die Lust daran verloren hast, Dich besonders um Dein Äußeres zu kümmern.

Du fühlst Dich hässlich, nicht wirklich liebenswert innerhalb der Außenwelt, zutiefst verunsichert, „seltsam“ und wie zusammengefasst wie eine Ausgestoßene. Gleichaltrige amüsieren sich , hängen zusammen ab – Du stehst alleine in der Nähe, aber abseits.

Das Mobbing ist ein alltägliches Thema, das wir kaum noch ertragen können. Es gibt ja inzwischen sogar meine Anordnung, erst nach dem Mittagessen von der Schule zu erzählen, damit wir wenigstens in Ruhe essen können.

Wir haben immer wieder Gespräche, Termine und Telefonate mit der Schulleitung, mit Lehrern, Psychologen, dem Kinderarzt …

Ich liebe Dich so sehr und habe täglich das Gefühl, Dich jeden Morgen den Löwen zum Fraß vorzuwerfen. Es tut unglaublich weh, mitzuerleben, wie das eigene Kind leidet und nach und nach jede Möglichkeit verliert, sich zur Wehr zu setzen.

Ich bin inzwischen so wütend. Am liebsten würde ich die Klassentür aufreißen, mich vor die Klasse stellen und sagen (und ich bin selbst entsetzt über das Ausmaß an Wut in mir):

„Ihr seid ein Haufen anstands- und empathieloser Würmer ohne Rückgrat. Ihr seid das Klischee der respektlosen, verwöhnten Narzissten ohne Blick für andere Menschen, die in den vielen Zeitungsartikeln über eure Generation erwähnt werden. Ein Haufen Frustrierter und ihre Mitläufer  – gesegnet mit willentlich blinden Lehrern und Eltern, die Euch keine Möglichkeit auf eine gute und wünschenswerte Weiterentwicklung geben. Ihr wisst gar nicht, was ihr anrichtet!

Weder meinem Kind gegenüber, noch den anderen in der Klasse. Das Klima ist bestimmt von Hässlichkeiten und der Angst davor. Von Loyalitätskonflikten, von Aggressionen und Verletzungen.

Es ist mir inzwischen egal, dass eure bisherige Klassenlehrerin keine Führungsqualitäten hatte und sich anscheinend eher bei euch anbiederte, statt euch ein gutes Vorbild zu sein. Und dass ihr dadurch als Gruppe wenig Chancen hattet. Was ich sehe, sind die hässlichsten und traurigsten Seiten an Menschen: Die Bereitschaft, den Schmerz Anderer zu ignorieren oder sich sadistisch an ihm zu erfreuen, die Angst davor, mutig gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, das allgemeine Duckmäusertum und die ebenso furchtsame Mitläuferschaft. Alles gefördert in einer angesehen Schule, die sehr gerne in der Zeitung die Leistungen ihrer Schüler vorzeigt. Unter anderem auch die Leistungen meiner Tochter, die ihr scheinheilig gefeiert habt, als sie einen Schullesewettbewerb gewann.

Ich habe meinen ansonsten sehr zuverlässigen Sinn für Gerechtigkeit und Analyse genau da verloren, wo ihr lacht, wenn meine Tochter weint.

Ich sollte euch bemitleiden, weil ihr nach rund 13 Lebensjahren bereits derart komplexbehaftet seit, dass ihr aus dem Gefühl eigener Minderwertigkeit heraus eine Unbeteiligte auserkoren habt, um euch an ihr auszuagieren und euch durch ihre Tränen mächtig zu fühlen.

Ich bin einfach nur entsetzt, weil ich beobachten kann, dass es keinerlei Worte und Zwischenfälle gibt, die euch verändern können. Jetzt nicht und vermutlich auch in Zukunft auch nicht. Ich setze nicht mehr darauf, dass ihr Eltern habt, die genug Interesse besitzen, ihren Mut zusammenzunehmen und sich anzusehen, wie ihr wirklich seid. Denn bisher waren sie ja auch nicht in der Lage, euch das zu geben, was ihr wirklich braucht. 

Ja, man hätte Euch besser beobachten und begleiten müssen. Die Gemeinschaft stärken und dafür sorgen, dass ihr einander wenigstens an der Basis vertraut. Leider geschah das nicht und ihr zeigt nun, was dabei herauskommt, wenn man eine Gruppe Kinder nicht anleitet.

Ich wünsche euch, dass euch das Gleiche widerfährt wie meiner geliebten Tochter. Leidet! Schlaft nicht mehr! Haltet euch für den letzten Menschen! Schaut auf eure zitternden Hände! Weint! Fühlt euch hilflos!“

Das würde ich am liebsten laut formulieren.

In der Wirklichkeit bleibe ich natürlich auf meiner Wut sitzen, wie Du auf der Deinen.

In Wirklichkeit würde ich niemals zu Kindern auf eine solche Weise sprechen, das weißt Du. Aber das Bild der Vorstellung hat eine fast therapeutische Wirkung auf mich.

In der wirklichen Welt begegnete ich einer Klassenlehrerin, die Dir selbst die Schuld an der Quälerei gab:

„Du bist ja auch wirklich ziemlich komisch! Kein Wunder, dass die dich mobben! DU musst dich mal verändern!

oder „Du musst auch mal deine Persönlichkeit zurücknehmen, damit die dich mögen!“

oder „Na toll, jetzt sind deine Eltern wegen dir zum Direktor gerannt und ich hab einen ‚Anschiss‘ bekommen – ich hätte meine Klasse nicht im Griff, hieß es! Danke auch!“

sowie der Klassiker: „Vielleicht bist du einfach nur empfindlich. Die meinen das nicht so. Die halten das für Spaß.“

Ich möchte nicht, dass solche Menschen mein Kind unterrichten. Ich habe aber keine Wahl. Ich bezahle sogar dafür durch meine Steuern. Selten war mein Geld derart schlecht angelegt, wirklich.

teacher

Ich würde Dich die Schule wechseln lassen, aber die einzige Schule in der Nähe unserer Kleinstadt ist weit weg. Du hast zugleich Angst, dass es mit dem Mobbing dort gleich wieder losgeht. Statistisch gesehen besteht das Risiko definitiv – meistens ist man als Opfer schon so paranoid, dass man alles auf sich bezieht, was den möglichen Mobbing-Charakteren als Schwäche auffällt und sie gleich zur Tat schreiten lässt. Du hast vor allem Angst vor dieser Art Neuanfang, der sich anfühlt, als habe man Dich hinausgeekelt.

Du willst nicht vor den Mobbern fliehen, sie nicht siegen und über Dein Leben bestimmen lassen.

Nun haben wir einen Neunanfang für uns alle beschlossen:

Wir werden unser Haus verkaufen und umziehen. Nicht nur wegen des Mobbings, aber definitiv auch. Wir haben alle sehr viele Veränderungen durchlebt in den letzten zwei Jahren und diese können wir in einer neuen Umgebung und neuen sozialen Gruppierungen frei entfalten. Du genau so wie wir Anderen.

Wir möchten zurück in die Nähe der Stadt, in der Du geboren wurdest. Dort fühlen wir uns beheimatet. Ich für meinen Teil habe mich hier nie zuhause fühlen können. In der dörflichen Atmosphäre einer Kleinstadt, in der man entweder „sein eigenes Ding macht“ oder ewig die „Neue und Zugezogene“ ist.

Desaster von Anfang an

Bevor Du in das Schulsystem eingetreten bist warst Du ein Kind voller Freude, Euphorie, Sensibilität und Liebe für die ganze Welt.

Du warst inspiriert von winzigen, niedlichen Dingen, hast gerne draußen gespielt und auch gerne viel gelesen. Wenn Du eine traurige Geschichte gelesen hast, dann warst Du viele Tage ergriffen davon und hast darüber erzählt.

Du warst nachdenklich und feinfühlig. Und zufrieden. Mein Lieblingszitat von Dir war das herrlich glücklich geseufzte:

„Hach, das ist eine schöne Welt.“

Mobbing

Die Herausforderungen wachsen – manchmal wird es schwer, mitzuhalten

Inzwischen habe ich das Gefühl, Dich einer Horde Wölfen vorgeworfen zu haben, als ich Deine Schultüte füllte.

Von Anfang an war der Wurm drin. Deine erste Lehrerin hielt Dich, Zartbesaitete (Hochsensible, um mal das Modewort zu nennen), für unreif und weinerlich. Weil Du Dich in ihrem Unterricht gelangweilt und dadurch gestört hast, erklärte sie Dich für ein wenig zurückgeblieben.

Dann kam der Lehrerwechsel zur einzigen Lehrerin, mit der Du jemals glücklich warst. Und das war ausgerechnet mitten in der Phase unseres Umzug nach hier.

Diese Frau erkannte Dich so, wie Du warst:

„Es ist eine Freude, als Lehrerin mit einem so wissbegierigen und intelligentem Kind zu arbeiten! Ich liebe den Umgang mit ihrem Kind. Und ich erkenne genau, wie schnell ihr Verstand arbeitet. Ich kann das Zeugnis meiner Vorgängerin nicht begreifen. Ich sehe Ihre Tochter ganz anders. Ihr Kind ist wunderbar gebildet – sie fangen wirklich sehr gut alles ab, das in der Schule fehlt. Und immer fehlen wird.“

Du bist aufgefallen – das gefiel nie wieder einer Lehrperson so sehr wie dieser.

Der Eindruck durch Dein erstes Schuljahr, in dem Du Dich fühltest als hielte man Dich für dumm, hat sich tief eingefressen in Dich. Schule hast Du fortan abgelehnt. Auch wenn Du ihr immer wieder eine Chance gegeben hast, dieser Institution. Um immer wieder enttäuscht zu werden. Wie hab ich immer wieder auf Dich eingeredet und damit mehr Reife und Kompetenz von Dir als von den Lehrern verlangt.

Auszüge aus der Schulkonferenz, die wir hatten, damit Du eine Klasse vorgesetzt werden konntest:

„Ich habe ihrer Tochter ja nun wirklich genug Lernstoff gegeben. Aber diesen wollte sie ja nicht machen!“

Meine Frage daraufhin: „Meinen sie Lernstoff der Klasse 2? Das Problem ist Unterforderung hier. Wieso soll sie dann noch mehr von dem machen, das sie bereits beherrscht und  das sie langweilt?“

Antwort der Lehrerin: „Tja, manchmal muss man eben einfach auch etwas Unangenehmes machen, so ist das nun mal! Es ist schon ein bisschen…arrogant, sich hinzusetzen und nicht mitmachen zu wollen.“

Oder auch die Schulleitung: „Nun ja, es gibt eben Lehrer, die sich durch ein solches Kind angegriffen fühlen. Nicht jeder wird gerne berichtigt. Auch wenn er berechtigt berichtigt wird.“

„Das Kind muss Verständnis dafür entwickeln, dass Erwachsene sich auf den Schlips getreten fühlen, wenn es mit acht Jahren mehr weiß als sie. Und da müsste es vielleicht mit mehr Verständnis reagieren.“

Schule. Eine lange, ermüdende Geschichte. Würde ich nicht in Deutschland leben, würde ich meine Kinder längst selber unterrichten. Weniger aus tiefer Überzeugung als aus resignierter Konsequenz.

Wir mögen dich nicht, weil …

„Wir mögen dich nicht, weil du eine Klasse übersprungen hast – du durftest das bestimmt, weil du zu blöd für den Lernstoff warst!“

Das war der erste Satz, der direkt gegen Dich ging. Das war in der neuen, der vierten Klasse. Ich erinnere mich gut daran, weil ich ein ganz mulmiges Gefühl hatte, als Du mir davon erzählt hast. Auch wenn Du damals noch selbstbewusst und schlagfertig aufgetreten bist:

„Klaro, immer, wenn man den Schulstoff nicht versteht, kommt man eine Klasse weiter. Kannste ja auch mal probieren …“

Nach dem Schulwechsel brauchte die neue Klasse dann eine Weile, um sich in ihrem System einzufinden. Es ging leider erneut gegen Dich, die Seltsame, die Jüngere, die Verständige, das Kind mit dem tief verankerten Gefühl von Selbstwert. Sie fühlten sich verunsichert. Und es wurde immer heftiger.

Ich riet Dir Tausend Dinge. Dir Hilfe durch die Lehrerin zu suchen („Ihr Kind steht dauernd an der Lehrerzimmertür nach der Pause und weint. Das ist ganz schön anstrengend. Ich kann schließlich nichts tun, um zu helfen.“), mit den Kindern zu reden, sogar ihnen verbal wehzutun und letztlich riet ich Dir, was ich durch das Buch „Ender’s Game“ gelernt hatte: Schnapp Dir den Anführer und hau ihm eine, so feste Du kannst. Dann drohe seinen Mit-Mobbern das Gleiche an.

Mobbing

Das half. Fast ein dreiviertel Jahr lang war Ruhe. Sie schenkten Dir sogar Kekse und boten Dir Hilfe an. Dann schlich es sich wieder ein. Eine Weile versuchten wir erneut es zu selbst zu lösen, weil wir seitens der Schule gar keine Unterstützung erwarteten. Bis es mir irgendwann reichte.

Ich traf zusammen mit Deinem Vater den Schuldirektor, ein Anti-Mobbing-Programm wurde gestartet. Innerhalb dieses Programms sollten die Eltern der Mobber nicht informiert werden, damit sie den (vermutlich ohnehin nicht) folgenden Ärger durch dieselbigen nicht auf Dich übertragen würden. Das Ganze war leicht anstrengend, weil Du dauernd jeden Vorfall melden gehen musstest und er immer wieder abwechselnd Dich und später dann die betreffenden Kinder aus dem Unterricht holte. Letztlich standest Du durch die dauernden Meldungen als kindische Petze da. Aber immerhin:

Es brachte insgesamt rund drei Wochen Ruhe. Wir atmeten auf, wagten vorsichtig zu hoffen.

Dann ging es wieder los. Neue Gespräche, wieder neue Versuche. Wieder kurz Ruhe. Und so weiter.

Ich besuchte mit Dir eine Psychologin, die Dich ein wenig stärken konnte. Ich las viel über Mobbing. Wir redeten viel.

Die Sommerferien kamen und es ging anschließend wieder los.

Der erste Eklat gleich am vierten Schultag. Die neue Klassenlehrerin (Hurra, eine neue Chance!) reagierte schockiert von einer derart aggressiven Klasse, sagte sie später.

Du bist weinend zur Toilette gerannt.

Wir haben mit Deiner Lehrerin sofort telefoniert.

Deine Lehrerin sagte, so etwas wie am betreffenden Freitag habe sie noch nie erlebt. Dass eine Klasse sich binnen Sekunden zu solcher Aggression hochschaukelt, das sei noch nie in ihrer Anwesenheit vorgekommen.

Sie weiß inzwischen, dass ihre Vorgängerin vor den Schülern über Kollegen lästerte. Und auch vor der ganzen Klasse über einzelne Schüler. Mobbing ist immer ein Systemfehler sagt man. Und auch „Der Fisch stinkt vom Kopf her“: In dieser Schule lästern Lehrer übereinander! Und über einzelne Schüler! Nichts, das man uns geglaubt hat, wenn wir es vorbrachten. Das System verschließt eben gerne die Augen vor sich selbst und möchte sich blind erhalten. Verständlich, aber nicht ohne Kollateralschäden.

Sie beschweren sich bei Kindern darüber, dass Eltern sehr angemessene Gespräche mit ihrem Vorgesetzten führten.

Und Lehrerinnen, die nach einem Mobbing-Vorfall sagen: „Nun lasst uns doch ein Stück Kuchen essen und das Ganze vergessen.“ 

Wie sollen diese den Kindern dann Respekt und ein angenehmes Miteinander vorleben?

Die Denkrichtung der Schule ist eher abwartend, zu sehr die Täter schützend, zu wenig opferempathisch. Von Dir verlangen sie dauernd Vertrauensvorschüsse, Geduld, Aushalten müssen. Von den Mobbern verlangt man nicht viel.

Ein klassischer Fall eines Systems, das sagt:“ bei uns ist alles perfekt, Sie sind ein trauriger Sonderfall.“ Unseren Hinweis, unsere Psychologin habe erwähnt, es häuften sich gerade die Mobbing-Fälle der betreffenden Schule sagte der Schulleiter: „Das stimmt nicht. Und die darf nicht über andere Fälle reden!“ (Doch, sie darf Tendenzen und Beobachtungen nennen, ohne namentlich ihre Klienten oder im Gespräch erwähnte Namen zu erwähnen.)

Victim Blaming ist – neben dem Augenverschließen und Herabspielen –  eine beliebte Methode, die Schwere des Konflikts nicht sehen zu müssen. Und das wird an dieser Schule gern betrieben:

„Grenz dich nicht so aus, Kind. Du bist es selber schuld, wenn die gemein zu dir sind!“

„Wenn du deine Materialien vergisst, ist es kein Wunder, dass eine Mitschülerin die ganze Stunde lang diesen Vorfall kommentiert. Natürlich pfeife ich dann dich an, wenn du dieses Mädchen genervt anbrüllst.“

Diese Sätze fielen, nachdem wir mit Deinem Direktor gesprochen haben. Unfassbar, wie schwierig es zu sein scheint, seine Mitarbeiter über das Thema eingehend zu informieren, finde ich.

Und innerhalb eines Systems, das solche Beteiligte hat, da soll „das Klima an der Schule sehr gut sein“, wie uns die Schulleitung mehrfach versicherte?

Klar, sicher auch für das rothaarige Mädchen aus der Parallelklasse mit dem Hauch Übergewicht und dem mehr als einem Hauch Autismus, das in der Pause immer wieder terrorisiert wird und mit dem Du und Deine Schwester sich immer wieder solidarisieren.

Und für die Schüler der oberen Klassen, welche inzwischen auch schon in dämlicher Art Deinen Namen rufen, wenn diese den Schulhof betritt gilt sicherlich, dass sie die traumhafte Atmosphäre des Schulklimas komplett missverstanden haben …

Zum Vorfall, während dem Deine Mitschülerin in den Unterricht brüllte, dass sie Dich zusammenschlagen und dir „eins auf’s Maul hauen“ wolle, kam von Deiner Lehrerin:

„Ach, auf die Clothilde (Name natürlich geändert) muss du nicht hören, die ist kein Maßstab. Die hat ganz massive Probleme.“

Du fragtest: „Ach? Und ich etwa nicht?“

Und Du bekamst keine wirkliche Antwort, wie wir wissen.

Das bekommen wir meistens: Keine Antwort, mal ein sehr kurzer betroffener Blick. Viel Kleinreden, eine gute Portion Leugnen und Bitten um noch mehr Geduld. Und noch mehr Verständnis. Verständnis dafür, dass in erster Linie doch auch die Mobbenden eine Chance bräuchten.

Echtes Mitgefühl für Dich, mein Kind, hat bisher jedoch keine/r der LehrerInnen gezeigt. Nicht eineR sagte: „Oh Gott, das arme Kind! Es tut mir leid, dass so etwas passiert ist. Ich werde alles tun, um das zu ändern. Sollten mir Informationen fehlen, dann beschaffe ich sie mir. Und ich würde sie bitten, mir aufzuzeigen, wie weit die Folgen in das Leben des Mädchens und der Familie hineinreichen. Ich will verstehen, was da geschieht.“ Nix.

Diese Schule ist sicherlich gut, wenn es um das Vermitteln von Lerninhalten geht, keine Frage. Wenn man als SchülerIn dort keine Probleme hat, dann ist man eventuell ganz gut aufgehoben.

Wir haben alle aktiviert, die Dir helfen können: einen Jugendpsychologen, eine Diplompsychologin, die Schulleitung, den Jahrgangsstufenkooridnator, den Kinderarzt und ich frage mich, ob es etwas bringt, wenn ich das Schulamt kontaktiere.

Wenn wir unser Haus verkauft und ein Haus in der Heimatstadt Deines Vaters gefunden haben, dann gehst Du auf die Schule, die er einst besucht hat. Das fühlt sich für uns sicherer an, als wieder einen neuen Vertrauensvorschuss in eine fremde Schule zu geben.

Wie geht es Dir, mein Liebling?

Ich sehe, wie Deine Hände oft zittrig sind. Du bist angespannt und fahrig. Du weinst oft. Du hast Schlafstörungen, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen. Du bist aggressiv uns gegenüber, weil Du den Schauplatz nach Hause verlagerst, da Du in der Schule hilflos oft genug 10 bis 15 aggressiven Kindern gegenüber stehst.

Dein Gesichtsausdruck hat sich verändert von fröhlich, offen, selbstbewusst bis nachdenklich zu traurig, introvertiert, aggressiv und ablehnend.

Du hast einige Kilos zugenommen, weil Essen Dich tröstest. Unter der Zunahme leidest Du, weil Du gerade dabei warst, mit Deinem eigenen Stil zu experimentieren und Deine Klamotten nun eng und unbequem sind. Du trägst keine ausgefallenen Sachen mehr, sondern versteckst Dich in „Jungs-Klamotten“. Kein Interesse mehr am Schminken und Experimentieren wie vorher. Das Mobbing beeinträchtigt Deine Entfaltung und Entwicklung. Du willst wie ein Junge aussehen, damit Du Dich stärker fühlst, weil die Mobber alle männlich sind. Wenn man darüber in Ruhe nachdenkt, möchte man schon wieder ausflippen.

Du fühlst Dich hässlich und dabei sagen mir so viele Menschen, wie hübsch Du bist und ich selber sehe es natürlich , aber Du siehst es nicht mehr.

Du hattest zwischenzeitlich Deinen Instagram-Namen in „Trash“ geändert und Deine Status in „Please don’t hate me“. Es ist herzzerreißend.

Der Kinderarzt dokumentierte Deine Symptome, die laut seiner Aussage typisch für eine solche Situation sind. Er sprach Empfehlungen aus und lächelte Dir sehr mitfühlend zu, was Dir sichtlich gut tat.

Wenn Du leidest leide auch ich. Ich sage Dir das bewusst selten, damit Du weißt, dass ich mit Dir fühle, aber Du nicht zusätzlich von meinen Gefühlen belastet bist.

Ich liebe Dich so sehr – ich würde Dich am liebsten den ganzen Tag drücken, halten und vor der Welt verstecken. Ich habe Dich stark gemacht, so weit ich es vermochte. Aber irgendwie hat es nie gereicht. Das ekelhafte Verhalten Deiner Mitschülerinnen und Mitschüler hat Dich immer mehr verletzt als ich auffangen konnte. Und aufgefangen habe ich das Verhalten der Schüler und Lehrer bis zum Burnout. Ja, die Schulsituation war einer der Faktoren meiner völligen Erschöpfung, wegen der wir zur Mutter-Kind-Kur fuhren.

Ich sehe beinahe hilflos zu, wie Du leidest. Es ist mir unerträglich geworden.

Die liebe Tagesmutter Deines kleinen Bruders, die ein sehr gutes Auge für Menschen hat und vor allem mit dem Herzen auf Kinder blickt, sagte neulich:

„Deine (also meine) Kinder sind so selbstbewusst. Sie wissen, dass sie geliebt werden. Um ihrer Selbst Willen. Sie brauchten keine dauernde Bestätigung von außen. Sie sind sehr reif, haben viel Einfühlungsvermögen und auch Selbstbewusstsein. Das vertragen viele Andere nicht. Sie fühlen sich verunsichert davon. Ich sehe deine beiden großen Töchter und merke, wie die Jüngere richtig müde ist. Das Kind ist einfach ermüdet vom dauernd Kampf, vom vielen Aushalten, von all den Verletzungen, vom Sich-Wehren-Müssen.. Ich bin so froh, dass ihr umzieht und das ist ein wunderbarer Ausdruck von Liebe: Sehen, wie die Familie leidet und dann so eine große Entscheidung treffen. das wird vieles von alleine heilen.“

Das war tröstlich zu hören. Ich hoffe, sie behält Recht mit der Einschätzung, dass es heilsam wird.

Mein süßes, geliebtes Baby, das keines mehr ist!

Die Erinnerung daran, mit welcher Freude und Neugier Du die Welt erkunden wolltest und mit welcher Wucht sie sich Dir dann in’s Gesicht warf, ist furchtbar.

Mobbing macht ängstlich, Mobbing nimmt Selbstwertgefühl.

Mobbing sorgt dafür, dass Du Dich immer ängstlich umdrehst, wenn auf der Straße jemand lacht. Obwohl er Dich natürlich gar nicht meint. Ich habe das beobachtet und es tat furchtbar weh.

Du bist ein wundervoller Mensch!

Du bist witzig, klug und vielseitig talentiert. Du bist sensibel und Du hast mit mir in der zweiten Klasse bereits Hamlet gelesen und Dich über die wunderbaren Metaphern gefreut. Nun hast Du keine große Lust mehr an Literatur, am Lernen selber. Du hast Wissen voller Freude aufgesaugt. Jetzt sagst Du: „Ich bin enttäuscht von meiner Intelligenz. Wegen ihr werde ich ausgegrenzt und geholfen hat sie mir bei diesen Problemen dann auch nicht.“

Du hast Albernheit geliebt und Unsinn jeder Art. Wenn irgendwo ein winziger Marienkäfer oder niedlicher Schmetterling aufgedruckt war, warst Du verzückt.

Zugleich in der Phase der eigenen Metamorphose namens Pubertät zu stecken und dann so verletzt und gedemütigt zu werden, das ist furchtbar und hinterlässt Spuren.

Du bist stark, das sehe ich. Aber ich will nicht, dass Du Deine Stärke an kleine Wichte abgeben musst, die keine eigene haben. Ganz gleich, ob sie eigentlich in Wahrheit ebenfalls Mitgefühl brauchen. Sie leben von Deiner Kraft und Deiner Energie. Ich möchte, das Du beides für Dich selber nutzen kannst, wie es Dir zusteht. Sie holen Dich andauernd aus Deiner Mitte, weil sie keine eigene haben.

Deine ganze Familie liebt Dich und freut sich, wenn wir dieses Kapitel irgendwann in den kommenden Monaten abschließen dürfen.

Du nimmst gerade sehr erfolgreich ab, begegnest Deinen Angreifern mit wachsender innerer Abgrenzung und spürst, wie wenig sie Dich dadurch noch erreichen oder gar verletzen können. Anstrengend ist Schule natürlich immer noch. Aber nicht mehr zerstörerisch. Du hälst es aus, weil Du weißt, dass ein Ende in Sicht ist.

Du sollst Dich selber wieder gerne entdecken und liebevoll annehmen können. In der eigenen, inneren Liebe zu bleiben ist ein Weg, die Außenwelt anzunehmen. Es ist sehr schwierig, aber Dank all Deiner Fähigkeiten wirst Du das schaffen.

Wir sind für Dich da. Immer.

ich-liebe-dich

Deine Mama

             und Deine ganze Familie

——————-

Nachtrag:

Liebe Eltern,

wie mir Deine Lehrerin sagte, reagieren die Eltern der mobbenden Kinder meistens mit Leugnung.

Das ist einerseits verständlich, aber auch sehr traurig. Sie sind vermutlich geschockt über das Verhalten des eigenen Kindes. Aber so nimmt man nur seinem Kind die Möglichkeit dazuzulernen, sich zu entwickeln und negative Seiten abzulegen. Man kann daraus etwas ablesen: das eigene (mobbende) Kind braucht auch Unterstützung, nicht nur dessen Opfer.

Auch Mitläufer, die aus Angst mitmachen, brauchen Hilfe.

Und jene, die sich still wegducken, damit die Gewalt sie nicht trifft auch – nach einem aggressiven Vorfall im Unterricht, der gegen Nummer 2 ging, lief eines der unbeteiligten Mädchen raus und übergab sich. Daran sieht man, wie gestresst auch die sind, die scheinbar nichts „abbekommen“: Jeden Tag haben sie Angst und verdrehen ihre Persönlichkeit, passen sich an, ducken sich still weg, um nicht auch Opfer zu werden.

Meine Bitte

Bitte nehmt es an, wenn jemand über Eure Kinder sagt, sie würden andere Kinder bewusst ärgern und helft ihnen dabei, stärker zu werden, damit sie sich nicht auf Kosten Anderer mächtig fühlen müssen. Es kann immer sein, dass man als Eltern etwas übersehen hat. Das macht nichts. Es macht nur etwas, genau dies eben nicht sehen zu wollen.

Bitte hört ihnen zu, wenn sie aus der Schule über aggressive Vorfälle erzählen, die ihnen Angst machen. Sprecht mit den Lehrern, der Schulleitung, einem Psychologen.

Lasst Eure Kinder nicht zu Mitläufern werden, weil sie sich davor fürchten, selber Opfer zu werden.

Bitte ermuntert Eure Kinder mit Opfern Allianzen einzugehen, damit alle lernen, dass man in einer Gemeinschaft auf Unterstützung hoffen kann. Denn diese erhalten Eure Kinder dann auch, wenn sie sie selbst einmal brauchen sollten.

Wir alle wollen eine Welt ohne Gewalt und wir alle müssen etwas dafür tun.

Hilfe bei Mobbing

Informationen zum diesem Thema, das sehr viele Kinder betrifft – immerhin erfuhren fast die Hälfte aller SchülerInnen dies bereits am eigenen Leib – gibt es an verschiedenen Stellen.

Zunächst sollte der/die KlassenlehrerIn angesprochen werden, auch zusammen mit der Schulleitung, falls nötig.

Weitere Hilfen, falls die Schule überfordert sein sollte, können über den/die SchulpsychologIn, Erziehungsberatungsstellen, das Jugendamt und den Kinderarzt erwirkt werden.

Sicherlich ist auch das jeweils zuständige Schulamt ein Ansprechpartner.

Online findet man gut Informationen hier:

Ministerium für Schule und Weiterbildung

Schüler gegen Mobbing

Schüler Mobbing Portal

Betreut

Zudem gibt es zahlreiche Bücher zum Thema und auch einige, die sich direkt an die Betroffenen richten und ihnen Tipps geben, wie sie sich selber wehren können.

Eines davon wird hier vorgestellt:

www.poehm.com (Seite des Autors)

Hier geht es zur Blogparade #NoMobbing, mit deren Hilfe wir Erfahrungen austauschen und einander unterstützen möchten.


Selbstverständlich haben wir kein Geld bekommen, um Empfehlungen auszusprechen, sondern tun dies aus eigener Motivation und Respekt vor dem Thema, um anderen zu helfen.

 

Attachment Parenting: Langzeiterfahrungen, Teil 2

Teil 1 des Erfahrungsberichtes findet sich hier.

Kinder-Bedürfnisse, Mutter-Bedürfnisse

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Angsterkrankung mit Panikattacken. Meine Seele (oder auch: meine Psyche, für alle, denen dieser Terminus eher zusagt) steckte in einem Käfig und zerrte an den Stäben. Aber ich konnte sie nicht mehr herauslassen, da war ja kein Raum mehr für mich. Ich hatte jeden Raum mit den Kindern gefüllt oder ihn von ihnen füllen lassen. Im Glauben, dies sei richtig so. Ich hatte ja gar nicht gemerkt, wie ich langsam in’s Hintertreffen geraten war. Ein Familiensystem baut man schließlich nicht planmäßig auf. Es entfaltet und entwickelt sich dynamisch durch seine TeilnehmerInnen. 

Raumverteilung im System

Zugleich gab es immer etwas „im Außen“, um das ich mich kümmern musste:

Die Kinder waren im Kindergarten sehr unglücklich. Bei einer Quote von über 90 Prozent nicht-deutschsprachigen Kindern kamen sie dort doch etwas zu kurz, da die Erzieherinnen sich immer um die Kinder kümmerten, die eben Förderungsbedarf hatten. Nummer 1 (zum Zeitpunkt des Kindergarteneintritts 5 Jahre alt) wurde immer aggressiver und launischer. Nummer 2 (3 Jahre alt) immer weinerlicher. Die KiTa-Leiterin nahm mich zur Seite und sagte, es sei nicht der richtige Kindergarten für uns. Ich hatte zuvor gedacht, dass es gut sei, mit vielen Kulturen zusammen zu sein und verschiedene Menschen kennenzulernen. Leider war das nicht ganz so einfach gewesen.

Der nächste geeignete Kindergarten war ziemlich weit weg. Ich hätte mit den beiden plus Baby mit Straßenbahnen und Bus fahren müssen. Das wollte ich uns nicht so gerne antun. Dann wurde am nächsten Wochenende in unser Auto eingebrochen und wir sahen darin – und an den Einschusslöchern im Straßenschild an der Häuserecke –  ein Zeichen, die Großstadt zu verlassen.

Wir zogen um in eine Vorstadt des Ruhrgebiets und genossen den Charme der „Ländlichkeit“. Ich kam innerlich etwas herunter, war aber immer noch krank. Langsam begann ich, mich auf mich selbst zu besinnen. Und beschloss, eine Therapie zu starten. Da wurde mein Mann schwer krank und ich vertagte diese Idee um eineinhalb Jahre.

Raumverteilung im System 2.png

Die Kinder begleitete ich nach wie vor zuverlässig auf die gleiche Weise. Sie bekamen von meinen Ängsten nichts mit. Das wollte ich absolut vermeiden. Ich fing sie während der Erkrankung ihres Vater auf und schiffte sie ohne schwere Beeinträchtigungen dadurch. Währenddessen lernte ich aber auch, etwas mehr auf mich zu achten. Ursprünglich, damit ich genug Energie für die Pflege und Betreuung meines Mannes hatte. Der Nebeneffekt war aber, dass ich dies beibehielt. Es war allerdings nicht genug. Das wiederum sollte ich erst später spüren.

Als es meinem Mann wieder besser ging und er sich in das Arbeitsleben wiedereingegliedert hatte, begann ich ein Jahr darauf, in der gleichen Agentur zu arbeiten. Nun hatte ich das klassische Vereinbarkeitsthema mit Stau/Kindergartenabholzeit/Ferienbetreuungsfragen.

Ich war damit befasst wahrzunehmen, wie es vor allem Nummer 2 ging, die sehr viel Aufmerksamkeit brauchte und einforderte. Nummer 1 kam bald in die Schule, die beiden Kleinen besuchten zusammen den ausgesprochen guten neuen Kindergarten. Ich begann meine Therapie. Zeit verging, wir lebten uns gut ein und machten zugleich Pläne für die Zukunft. Die meisten Familienmitglieder atmeten aus (ich nicht) und das System richtete sich neu aus nach der Krankheit. Meine Panikattacken und Ängste waren inzwischen Alltagsbegleiter für mich. Ich steckte sie weg und machte weiter wie zuvor. Die Kinder und ihre Bedürfnisse waren nach wie elementar wichtig und bekamen einen großen Raum. Dies bezog sich nicht mehr so sehr auf „Ich hab Durst!“ sondern eben auf alle Bedürfnisse, die kleineren und die großen. Ich empfand es als unverantwortlich, ihnen plötzlich die Zusage meiner Aufmerksamkeit und die Achtsamkeit für ihre Bedürfnisse zu versagen. 

Neuanfang

Wir beschlossen, ein Haus zu kaufen und fanden eines in einer 30 Minuten entfernten Kleinstadt. In einem idyllisch gelegenen Teil derselben. Ganz ländlich, nahe am Rhein, wunderschön.

Neuanfang

Nummer 1 und 2 waren inzwischen beide in der Schule. Nummer 3 kam in einen extrem „dörflichen“ (anspruchslosem 0815-) Kindergarten mit Kaffee trinkenden Erzieherinnen, die turnusmäßig die gleichen schablonierten Bastelwerke anfertigten, damit die Kinder sie zusammenklebten. Die Kinder leierten in einem speziellen Dialekt, den Nummer 3 kaum verstand. Sie fand zwar Freunde – das tut sie immer binnen kürzester Zeit – war aber unterfordert. Hier hieß es also wieder: Auffangen und ausgleichen.

Nummer 2 erlebte Ähnliches in der Schule und zeigte bald Anzeichen einer deutlichen Niedergeschlagenheit. Sie störte den Unterricht, weinte für „jedes Bisschen“ und fühlte sich in der Schule absolut nicht gut. Wieder zwei Baustellen für mich. Ich hatte viel auszugleichen für die beiden und viel nachzudenken. Schließlich tröstete ich Nummer 3 immer wieder damit, dass sie ja auch in absehbarer Zeit in die Schule käme und bot ihr an, den Kindergarten zu wechseln. Doch sie wollte nicht schon wieder in eine neue Umgebung und blieb.

Mit Nummer 2 machte ich einen Termin zu einem Intelligenztest in einem Hochbegabtenzentrum aus. Im vorherigen Wohnort hatte eine neue (engagierte) Lehrerin mich auf Nummer 2 angesprochen (die bereits dort im Unterricht auffällig gewesen war) und vorgeschlagen, einen solchen Test machen zu lassen, falls Nummer 2 in der Schule unglücklich werden würde. Nun war es also soweit: Vor allem, um der Lehrerin, die heftig allergisch auf „aus der Reihe tanzenden Kinder“ reagiert hatte, vielleicht zeigen zu können, dass die Wut, die sie auf meine Tochter empfand, einfach nicht angebracht war. Ich wollte Nummer 2 beschützen und ihr zugleich deutlich zeigen: „Nein, du bist nicht dumm, auch wenn du dich nach der Behandlung an beiden Schulen genau so fühlst.“

Wir bekamen am Ende eines sehr langen Test-Tages einen ebenso langen Ausdruck mit. Mit diesem ging es zur Schule und nach einigem Hin- und Her im Rahmen einer Schulkonferenz durfte Nummer 2 sich die 3. Klasse schenken.

Meine Therapie tat mir gut, meine Ängste wurde ich dennoch nicht los. Irgendwie hatte meine Seele einfach zu viel durchgemacht. Und ich hatte (so viel spoilere ich hier schon mal) nie gelernt, wirklich auf mich zu achten. Selbstliebe war ein Fremdwort. Ich hatte mal irgendwann in meinem Leben besser auf mich geachtet – aber das war gewesen, bevor ich Mutter geworden war.

Ich kündigte, als unsere Notfall-Kinderbetreuung (meine Schwieger-Oma) durch schwere Krankheit ausfiel und letztlich verstarb, meinen Job in der Agentur (knapp vor meiner ersten Aufstiegschance …) und arbeitete wieder freiberuflich. 

Zeit verging. Mein Mann litt immer noch unter den Nachwirkungen seiner Krankheit, ich übernahm viele seiner einstigen Aufgaben oder fühlte mich mies, wenn er diese unter erschwerten körperlichen Bedingen selber übernahm. Er fühlte sich mies, wenn er Hilfe von mir annehmen musste und insgesamt ist ein körperlich eingeschränkter Mann meistens erst einmal kein besonders glücklicher. 

Und doch packte er sehr viel – es kostete ihn nur immer viel mehr Nerven. Es spielte sich insgesamt eine neue Routine ein.

Wir hatten wieder mehr Energie, fühlten uns erholter, bis die nächste Baustelle anbrach: Nummer 2 fühlte sich in der nächsten, der weiterführenden Schule nicht sehr wohl, da sie gemobbt wurde. Auch Nummer 1, die man in die gleiche Klasse eingeteilt hatte, wurde belastet, da sie mit ausgegrenzt wurde und keine Freunde fand. Es gab wieder – oder immer noch – viele Bedürfnisse, um die ich mich kümmerte. Und zwar immer sehr gründlich und mit viel Zeit, in der ich mich zu den verschiedenen Themen informierte und Lösungen suchte. Letztlich befreite sich Nummer 2 zunächst aus der Problematik, in dem sie Gewalt anwendete. Wir hatten hier damals darüber berichtet.

Insgesamt ging es mir psychisch immer besser und es gab immer wieder monatelange Phasen ganz ohne Angst. Ich wusste noch nicht, dass die Angst nicht nur ein Symptom für frühkindliche Traumata war, sondern mehr: Sie verdrängte andere Gefühle. Solche, die ich mir verbot. Also bekämpfe ich sie, atmete sie weg, entspannte mich. Und vergaß, sie als Hinweis zu sehen, im Moment ihres Auftretens zu schauen, was ich eigentlich in Wirklichkeit empfand.

Doch das Leben spielte sich ein, ich traf morgens Freundinnen zum Frühstück, gönnte mir Zeit für mich und teilte mir meine freiberufliche Tätigkeit so ein, dass ich auch mal Raum für mich hatte.

Wir beschlossen irgendwann, noch ein viertes und letztes Kind zu bekommen.

Das Ende der „Bedürfnis-Romantik“

Die Schwangerschaft war wunderbar. Ich war glücklich und stolz. Wir alle waren das.

Das Baby war dann das mit großem Abstand anstrengendste Neugeborene, das ich je erlebt habe. Wir hatten gedacht: „Wir alten Hasen packen das noch mal locker. Unsere Babies wurden ja von Mal zu Mal immer weniger kompliziert und anstrengend. Vermutlich pennt der Kleine den ganzen Tag“. Mitnichten.

Unser High-Need-Baby hatte quasi einen Strohhalm in mich und meine Kraftreserven gesteckt und saugte daran. Und zwar so richtig.

Raupe Nimmersatt

Ich bekam eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, schleppte mich in wirklich ätzenden Zuständen (wegen der Schilddrüsenüberfunktion) durch den Alltag. Dazu kamen dann weitere Themen und Bedürfnisse:

Nummer 3 litt, weil Nummer 1 und 2 in die Pubertät kamen und nicht mehr mit ihr spielen wollten. Zudem war da das Baby, das ihr den Rang als Nesthäkchen gestohlen hatte. Nummer 1 und 2 litten unter typischen Pubertätssymptomen und fühlten sich in ihren Gefühlen und Körpern unwohl. Nummer 2 litt unter dem wieder auflebenden Mobbing in der Schule, Nummer 1 litt mit, weil sie als Schwester zwischen den Fronten stand in der Klasse und alle brauchten sie mich, um dies alles wahrzunehmen und aufzufangen. 

Das gelang mir allerdings immer weniger. Ich hatte gefühlt den ganzen Tag einen Säugling an meiner Brust hängen oder im Tragetuch an mich gebunden, schälte wippend Gemüse – denn auf der Stelle stehen duldete der Nachwuchs nicht und so weiter. Ich hatte es mal bildhaft beschrieben: „Ich hörte Latein-Vokabeln ab, während ein Mensch an mir saugte und gleichzeitig der Paketmann an der Tür klingelte“.

Ich wurde immer müder, mein Kreislauf machte immer mal wieder schlapp. Meine Hebamme riet zu dringendem Abstillen oder mindestens nächtlichem Zufüttern. Dies tat ich unter Gewissensbissen. Ich fütterte zu und konnte ab dann dabei zusehen, wie Nummer 4 sich ganz abstillte: Er drehte den Kopf irgendwann einfach weg von der Brust. Auch die Flasche wollte er jedoch bald darauf danach nicht mehr haben: Er wollte löffeln.

Dann gab es einen Punkt, den ich so schnell nicht vergessen werde: Während eines Filmabends dachte ich plötzlich erschrocken (ich zuckte dauernd zusammen, weil ich so unter Anspannung stand):

„Was ist denn das für ein komisches Geräusch?“ Ich hatte gelacht. Und vergessen, wie sich das anhörte.

Ich quälte mich morgens aus dem Bett in die zähe Routine meines anstrengenden, arbeitsreichen und eintönigen Alltags.

Ich wusste es nicht, aber ich litt am Burnout.

Mütter im Burnout (1)

Der Punkt der Veränderung

Ich zu meiner Hausärztin, organisierte alles Nötige und ging zur Kur.

Und ich lernte endlich, für mich da zu sein. Auch und vor allem gegen Widerstände (Kinder, die ich an das übliche Mutterbild „Mama kommt ganz zuletzt an die Reihe“ gewöhnt hatte ganz in vorderster Reihe …).

Ich fühlte mich mies, weil ich den Kindern den gewohnten Umgang mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen kürzte. Ich lernte dann, mich deshalb nicht mehr mies zu fühlen.

Ich begriff, dass man die Bedürfnisse und Selbstentfaltung von mehr als einem oder zwei Kindern nur dann wirklich gewährleisten kann, wenn alles passt. Keine Krankheiten, keine familiären Notfälle oder andere Krisen dürfen eintreten. Und wenn dies doch der Fall ist, muss man abgegrenzt genug sein und den Kindern ausreichend vermittelt haben:

Du bekommst was du brauchst, wenn es möglich ist. Ansonsten musst du dich in Bedürfnisaufschub üben und selber Lösungen finden können. Jetzt gerade habe ich andere Dinge auf dem Sender, um die ich mich kümmern muss. Du weißt, dass ich im Notfall für dich da bin. Und ich weiß, dass du autark genug bist, um eine Weile für dich da sein zu können.“

Dann sagten Nummer 1 und Nummer 2 während der Kur etwas, das für mich alles veränderte:

„Wir sind ziemlich verwöhnt und unselbstständig. Das geht uns ziemlich auf’s Ego. Du wolltest, dass es uns immer gut geht. Und das war wirklich megalieb und so. Aber viel zu anstrengend. Du musst uns jetzt helfen, das alles nachzuholen. Wir fühlen uns ultrageliebt, aber auch wie kleine Trottel. Wir werden es zwar hassen, aber: Bitte mach selbstständige Menschen aus uns, auch wenn das Arbeit für uns bedeutet!“

Unselbstständig? Ich hatte doch gar nicht helikoptert. Ich hatte sie mit Freunden stundenlang frei herumziehen lassen. Sie konnten bereits Wäsche waschen, einfaches Essen kochen und Fenster putzen. Sie analysierten erstaunlich gut das Verhalten ihrer Mitmenschen, hatten Selbstironie und ihr Sozialverhalten und auch ihr Benehmen wurden immer wieder von verschiedenen Seiten gelobt. Sie empfanden sich als Trottel? Wie meinten sie das?

Sie meinten, dass sie besser hätten lernen sollen, ihre Bedürfnisse weitreichender selber zu befriedigen. Viel mehr, als ich das auf Grund meiner Einschätzung und des Kampfes gegen den Mainstream der Kinderziehung („Es soll ihnen an nichts mangeln“) getan hatte. Sie wollten nur von fern begleitet werden. Und keine Mutter, die dauernd wahrnahm, welche Regung ihre Psyche nun schon wieder tat. Sie wollten den Mut haben, einfach beim Zahnarzt anzurufen und einen Termin auszumachen. Sie wollten mal etwas hinbekommen, ohne nach zwei Sekunden „Mamaaa!“ zu rufen. Sie waren im Alltag recht verpeilt und zugleich doch intelligente und aufmerksame Menschen. Etwas an ihnen war auf der Strecke geblieben. Es passte nicht zum Rest. Wenn man auf der einen Seite mit Erwachsenen locker in Gesprächen mithalten kann und auf der anderen Seite dauernd sein Turnzeug vergisst, dann fühlt man sich einfach nicht gut. 

Alles falsch gemacht?

Nun hatte ich da aber immerhin eben genau solche Kinder vor mir: Kinder, die sich gut ausdrücken können und deren Beobachtungen sehr reflektiert sind. Kinder mit weit ausgebildeten, freien Persönlichkeiten, die vertrauensvoll ihre Meinung sagen.Daher hörte ich genau hin, was sie mir zu sagen hatten. Und das empfand ich als sehr krass:

Ich hätte mich nicht genug abgegrenzt, sagen sie. Sie hätten nicht gelernt, mich mit respektvollem Abstand zu behandeln. Sie hätten mehr Führung und etwas weniger Zuwendung gebraucht, finden sie. Mehr Erwartungen hätte ich an sie stellen sollen, an denen sie hätten wachsen müssen, das hätte sie angespornt. Ich hätte immer alles gleich vergeben, weil ich Verständnis gehabt hätte – dies hätte sie träge gemacht.

Sie sagen: „Wir haben niemals Angst gehabt, dass du uns nicht mehr lieb hast!“

Und ich:“ Ja, aber das ist doch wunderbar. genau das wollte ich!“

Sie erwiderten: „Tja, vielleicht. Aber so konnten wir mit dir machen, was wir wollten. Du hast ja eh alles sofort verziehen. Eine Liebe, die alles aushält muss eben wohl auch alles aushalten. Das ist eigentlich nicht gut. Weder für dich noch für uns.“

Ich bin dankbar, dass sie dies sagen können. Die Manöverkritik, die viele Eltern fürchten, kenne ich nun schon. Und ich wachse an ihr. Sie befreit mich. Sie erlaubt mir, auch in der Mutterrolle endlich ich selbst zu werden.

Sie zeigt mir auch, dass unsere Bindung und unser Vertrauen wunderbar tief sind. Dies zeigt, dass meine Kinder viele neuronale Verbindungen aufgebaut haben, weil ich ihnen immer alles respektvoll beantwortete. Sie vertrauen mir, weil ich sie respektvoll behandelte und nicht belogen habe. Ich habe sie nie aus eigener Motivation oder eigenen Bedürfnissen heraus wie kleine Kindchen behandelt, sondern ihre Persönlichkeiten frei wachsen lassen. Und das hat sie zu etwas ganz Wunderbarem werden lassen: Sie sind ganz sie selbst. Der Rest ist der Feinschliff, den sie einfordern.

Neulich las ich mit ihnen übrigens gemeinsam Artikel über Attachment Parenting.

Sie kommentierten:

Nummer 2: „Klingt wie das, was du mit uns gemacht hast. Wir wissen ja, was dabei herauskam. Aber echt: danke, dass wir nicht auch noch mit sechs immer noch gestillt wurden. Das ist ja grauenhaft! Und danke, dass du keine Fotos davon gemacht und aller Welt gezeigt hast. Danke, dass wir nie alle zusammen in ein Bett gepfercht wurden. Bäh, Nummer 3s Knochenfüße an meinen nackten Beinen – eine grauenhafte Vorstellung!“

Nummer 3: „Das ist gemein! Ich würde es liiiieben, wenn wir alle zusammen schlafen würden. Ich liebe das auch, wenn wir das mal machen, wenn der Dada auf Geschäftsreise ist!“

Nummer 1: „Ich brauche das gar nicht. Ich brauche viel Privatsphäre und Nähe war noch nie so mein Ding. Also ich sehe das wie Nummer 2: ich hätte das nicht leiden können, so eng zusammen zu liegen. Außerdem glaube ich, dass man viel zu lange klein und unselbstständig bleibt, wenn man so lange wie ein Baby behandelt wird. Muss echt jeder selber wissen, aber meins ist das nicht.“

Nummer 2: „Und mal echt, Mama: Wollen Ehepaare nicht auch mal allein im Bett sein? Die brauchen doch auch mal Zeit für sich im eigenen Zimmer. Das fehlt doch dann auch.“

Nummer 3: „Na, vielleicht bekommen sie dann nicht so viele Kinder. Ist ja auch besser, weil so groß, dass vier Kinder reinpassen ist ja eh kein Bett.“

Nummer 1: „Kinder kann man auch woanders zeugen als im Bett.“

Nummer 3: „Wo denn?“

Nummer 1 (großschwesterlich wissend): „Was weiß ich? Im Garten, im Wohnzimmer, in der Küche, in einem Hotel … ?“

Nummer 2: „Haha, klingt sehr romantisch. Ich hätte ein sauschlechtes Gewissen, wenn ich jahrelang zwischen Mama und Dada gelegen hätte. Was, wenn die weniger verliebt wären oder so? Dann würde ich denken, das lag an mir, auch wenn das nicht deshalb war. Nee, danke. Ich finde es gut so, wie es ist. Haben nun mal nicht alle die gleichen Bedürfnisse.“

Nummer 1: „Ich versteh schon, wie das im Grunde gemeint ist: Kinder, deren Bedürfnisse wahrgenommen werden, fühlen sich geliebt. Wenn man missachtet wird oder Vorwürfe bekommt für seine Bedürfnisse, dann fühlt man sich nicht gut, klar. Aber das kann man auch übertreiben. Wir fühlen uns geliebt und auch selbstbewusst, auch wenn ich schüchtern bin. Aber dass ich das bin liegt daran, dass ich nur ein halbes Jahr gestillt wurde – das schwöre ich. Ich bin einfach so. Es ist meine Aufgabe, das zu ändern, wenn ich das will. Man hat ein Recht auf eigene Herausforderungen, sonst wächst man nicht. Ich glaube, meine Kinder erziehe ich ganz anders: Sie bekommen auch viel Liebe, aber sie müssen einfach mehr selber klarkommen. Nur das zusammen macht wirklich stark. Sonst fühlt man sich ewig wie ein kleines Kind.“

Nummer 2: „Das gefällt vielen Müttern vielleicht auch. Die werden gerne gebraucht. Oder sie verpassen einfach den Moment, an dem ihnen das nicht mehr guttut und machen immer weiter damit. So wie Mama. Wir sind ultra-attached. Und das ist echt nicht nur gut. Ich freue mich, dass ich mich gut und wertvoll fühle. Aber irgendwie kann man in diesem Umgang sehr schwer so Grenzen ziehen.“

Abschließende Gedanken

Für kleine Kinder ist dieser Weg ideal. Man muss ihn allerdings kontinuierlich zurückschrauben, je älter die Kinder werden. In kindlichen Bedürfnissen liegt nur bedingt Romantik. Sie brauchen Liebe, natürlich. Aber auch noch viel mehr. Vieles davon ist sehr anstrengend zu geben. Auch wenn es nichts mit Selbstaufopferung zu tun hat: Loslassen ist eines davon. Sie auch mal auf die Nase fallen lassen (bildlich und körperlich). Sie ernst nehmen und ihnen dennoch Grenzen setzen – mindestens dort, wo eigene Wünsche anfangen. Die Bindungstheorie oder auch das bedürfnisorientierte Erziehen ist für kleine Kinder gedacht. Zumindest in der engen, kuscheligen Art. Was nach der Kleinkindphase kommt, ist etwas ganz anderes. Und man sollte zugleich nicht aufhören, die Bedürfnisse wahrzunehmen und die Notwenigen umzusetzen. Bedürfnisaufschub ist nämlich auch ein Bedürfnis – das wissen Kinder nur nicht. Sie müssen ihre Bedürfnisse für andere zurückstecken lernen – auch für elterliche.

Es besteht einfach die Gefahr, dass Mama auslaugt, während die Kinder es für selbstverständlich halten, dass sie viel zu viel um sie dreht. Dadurch fehlt ihnen auch Orientierung und Anleitung. Kinder brauchen in der Tat Vorbilder. Ein Vorbild, das sich abhetzt, damit andere, schnell-schnell, ihren Saft aus dem roten und nicht dem blauen Becher bekommen, das werden sie nachahmen. Und dann gibt es die nächste Generation ausgebrannter und sicherlich nicht glücklicher Mütter. 

Natural Parenting ist eine Idee – wie ich kürzlich durch eine Kommentatorin zu Teil 1 dieses Langzeiterfahrungsberichtes erfuhr – die von einem Mann (William Sears) maßgeblich (mit-)geprägt wurde, der ein als fundamentalistisch zu bezeichnender Christ ist: Die Idee des männlichen Familienoberhaupts und an dessen Seite der aufopferungsvollen Mutter als Meer voller gebender Liebe und voller Selbstaufopferung liegt hier zu Grunde. Gestreng wird keine Abweichung geduldet: Die erschöpfende Mutter sollte sich notfalls in eine Therapie begeben, um nicht vom Kurs abweichen zu müssen, weil es einfach zu viel ist. Sie soll in der Not nach Kraftquellen suchen – es scheint nicht vorgesehen zu sein, dass sie Grenzen setzt. Gesunde Grenzen für sich und ihre Kinder.

„Frauen in der Selbstaufopferung“ ist in der Tat tief verankert in der christlichen Tradition. Wer sich aber aufopfert zieht sich zurück, untergräbt seinen Wert und dient den anderen Teilnehmenden eines Systems im Prinzip als (energetische) Nahrung. Das System zieht aus ihnen heraus, was es braucht. Ein respektvoller Umgang miteinander im Sinne familiärer und auch partnerschaftlicher Liebe sieht doch eigentlich anders aus.

Wer die Balance schafft, sich selbst Gutes zu tun und eben auch seiner Familie – der hat viel erreicht. In meiner Kur sagte eine der Therapeutinnen mal:

„Sie kennen das, meine Damen: Im Flugzeug sagt die nette Flugbegleiterin immer: Setzen sie zuerst sich die Sauerstoffmaske auf und dann den Sitznachbarn. Während sie keine Luft bekommen, sind sie nämlich keine große Hilfe.“ 

Die Mutter-Kind-Kur, Epilog

Wie angekündigt schreibe ich nun, wie es nach der Rückfahrt von der Kur mit Reifenpanne weiterging.

Wir warteten also zwei Stunden auf den ADAC, es war inzwischen kalt und dunkel, der gelbe Engel telefonierte im Auto mit der Zentrale, um abzusprechen, wie es nun weitergehen sollte.

Einen Mietwagen wollte ich nicht, weil a) Nerven am Ende und keine Lust auf noch über 2 Stunden Fahrt mit 4 Kindern, die allesamt Hunger hatten. Wie ich auch. Und weil b) im Mietwagen kein passender Autositz für Nummer 4 sein würde und ich den Reboarder nicht im Dunkeln und ohne Anleitung würde umbauen können und weil c) ich nicht am kommenden Tag wieder 5 Stunden Fahrt erleben wollte, um mein Auto abzuholen und gegen den Mietwagen zu tauschen.

Ich klopfte an die Scheibe des ADAC-Mannes und teilte ihm die Sachlage mit. Er nickte und berichtete dem Menschen in der Zentrale.

Als er ausstieg teilte er mir mit, dass man für uns ein nahes Hotelzimmer suchen würde und wir dann morgen mit ausgetauschten Reifen zurückfahren könnten. Ich stimmte zu und folgte dem gelben Wagen im Schneckentempo zur nächsten Werkstatt. Dort informierte ich Mr. Essential und der schwang sich in Richtung Bahnhof aus dem Haus:

„Wir freuen uns schon seit drei Wochen auf diesen Tag, an dem wir wieder alle zusammen sind. Ich habe eine BahnCard – ich komme nach Paderborn.“

Ich telefonierte mit dem ADAC-Zentralen-Mann, um mitzuteilen, was genau für eine Unterkunft wir denn brauchten:  Fast alle Hotels waren wegen des Weihnachtsmarktes ausgebucht und unsere Ansprüche (6 Personen inklusive Kleinkind, das Babybett braucht) erschwerten die Suche.

Derweil versorgten sehr liebenswürdige Werkstattmitarbeiter*innen meine Kinder mit Gummibärchen und Malblättern. Es dauerte wieder eine kleine Ewigkeit, bis es weiterging. Ich telefonierte mehrere Male mit dem ADAC-Zentralen-Mann, der sein Bestes tat, ein Hotel für uns zu finden und dann mit einem Taxiunternehmen nach dem anderen: Keines hatte einen Wagen mit Kindersitz. Also absolut keines.

Letztlich blieb mir nichts übrig: Ich musste den Sitz von Nummer 3 (Sitzerhöhung mit Rücken- undKopfschutz) nehmen, sie so wie möglich einstellen und Nummer 4 reinsetzen. Nummer 3 kam auf eine eingebaute Sitzerhöhung.

Luxus pur, fast gratis

Der Taxifahrer schlich dann mit 40 km/h los und brachte uns in das Vier-Sterne-Hotel, in dem wir die Nacht verbringen würden.

IMG_6579

Das Fenster vom Bad ins Zimmer war prima um beim Duschen fernzusehen – ein Lautsprecher lieferte den Ton dazu …

Wir checkten ein, verteilten uns auf die drei Zimmer und trafen uns dann alle in meinem Zimmer. Ich schaltete den Fernseher ein – eine seltsame Erfahrung (ich tue das ja höchstens ein Mal im Jahr) und kaum saßen wir, wuselte Nummer 4 herum, fummelte alles interessiert an, klaubte den Kuli vom Schreibtisch, wollte damit die Wand bemalen und so weiter. Ich atmete ruhig in den Bauch, um nicht in Stress zu verfallen …

Für ihn stand ein Reisebett (auf dem Bild rechts zu sehen) am Fußende des Bettes. Ich fragte mich, wie wir da nachher gut einschlafen sollten. Denn ich würde nicht um 20 Uhr müde sein – Nummer 4 jedoch schon …

Unsere Mägen knurrten und in Anbetracht der Tatsache, dass das Kleinkind mit seinen verständlicher Weise neugierigen Patschehändchen meine verständlicher Weise malträtierten Nerven malträtierte, sprang ich auf.

Wir holten uns etwas zu essen (Pommes mit dick Mayo!) und begegneten auf dem Weg in der Tat doch den drei netten gelben Engeln aus der Werkstatt, die uns eine Dönerbude empfahlen, woraufhin wir ihnen einen schönen, späten Feierabend wünschten.

Später kam Mister Essential an, wir freuten uns alle sehr, zusammen zu sein und unterhielten uns ein bisschen. Nummer 3 und Nummer 4 durften derweil baden und durch das Fenster im Bad zu uns winken. Dann verteilten sich Nummer 1 und 3 in ihr Zimmer sowie Nummer 2 in ihr Einzelzimmer.

IMG_6578

Die Aussicht war toll – kann das Foto kaum wiedergeben

Die Nacht war so … ha, ha … speziell. Zuerst wollte Nummer 4 in das Reisebett. Dann nicht mehr. Mister Essential brachte die Größeren zu ihren Zimmern und so war ich mit dem Toddler alleine. Es war richtig spät – so gegen 22:30 Uhr. Ich legte mich kurzerhand mit ihm hin und lenkte ihn mit einem „Der Sendung mit der Maus“ auf Amazon Instant von der Tatsache ab, dass er schlafen sollte. In einer fremden Umgebung. Und eigentlich lenkte die Maus auch mich ab.

Ich kuschelte mit ihm und  – er schlief nach wenigen Minuten ein. Mister Essential gesellte sich dazu. Zuerst war es sehr süß, flüstern zu müssen und den schlafenden Süßmann zu beobachten. Nach einer halben Stunde war das Süßfinden jedoch aufgebraucht und ich versuchte, aufgedreht wie ich nach so einem Tag war, irgendwie zur Ruhe zu kommen. Ich machte mir also ganz, ganz leise „Die Barbiere“ von Mark Twain an (Kurerprobte Einschlaf-Hilfe, Ihr wisst?).

Kaum fielen endlich meine Augen zu, rollte sich Nummer 4 quer in’s Bett. Ich lag auf den berühmten 30 Zentimetern und war hellwach. Ich sah zu Mister Essential: Ihm ging es genau so. Der Rest der Nacht verlief so: Kaum waren wir eingeschlafen und manchmal im REM-Schlaf, setzte sich Nummer 4 im Bett auf, sah sich um und legte sich wieder hin. Wir waren hellwach. Oder er trat. Oder er summte. Oder er legte sich quer. Oder er rollte sich. Dabei öffnete er nie die Augen. Wir aber jedes Mal

Morgens sah er sehr zufrieden aus. Und wir genau so, wie wir uns fühlten: Wie die Zombies.

Mister Zombie: „Das war also meine erste Nacht mit Familienbett,“ er schlurfte mit nach vorn ausgestreckten Armen Richtung Bad, wo er sich auf den Badewannenrand sinken ließ und sich gähnend das Gesicht rieb, „und meine letzte.“

Wir wussten gleich, wir würden uns noch oft daran erinnern und es lustig finden, wie so viele Dinge im Leben, die man hinterher umbewertet, wenn die negativen Effekte erst verflogen sind.

 

Das Frühstück war sehr gut – es gab ein riesiges Büffet und wir besprachen schon mal die anstehende Weihnachtszeit, um an etwas Schönes zu denken und den Stress des vergangenen Tages loszulassen.

Nach dem Frühstück gingen Mister Essential, Nummer 3 und Nummer 4 ein bisschen bummeln. Bei dieser Gelegenheit entdeckten wir einen kleinen Laden für Abend- und Brautmoden. Dort suchten wir dann spontan die Kommunionsschuhe für Nummer 3 aus. So hatten wir ein sehr schönes Andenken an den Trip nach Paderborn. Anschließend vertrieben wir uns die Wartezeit auf mein Auto damit, ein paar Klamotten aus dem Sale einer großen Modekette zu erstehen. Hier waren auch die beiden großen Mädels dabei.

Gegen Mittag fuhren wir dann nach einem Snack los in Richtung Heimat.

Wo wir ohne Zwischenfälle ankamen.

Endlich zuhause

Es war so picobello ordentlich. Bis wir unsere 100 Koffer und Taschen und Tüten hineintrugen.

Nummer 3 meldete an, ihr sei etwas blümerant – aber sie ging im allgemeinen Auspacken und Räumen etwas unter. Und irgendwie schoben wir es auf die Fahrt. Oder so.

Nun kam dann auch endlich der Moment, auf den ich mich so gefreut hatte: Es gab Glühwein und der Adventskalender konnte ausgepackt werden.

IMG_6196

Es muss das „Innere Kind“ in mir gewesen sein, das sich so sehr darauf gefreut hatte: Der Adventskalender

Ich nahm die Schere, mit der wir nacheinander unsere Geschenke von der Gardinenstange schnibbeln würden und … es klingelte an der Tür.

Nummer 3s Freundin, die sie sehr vermisst hatte, stand dort. Und schon konnte ich umsetzen, was ich in der Kur gelernt hatte. Ich wollte endlich diese schöne halbe Stunde mit der Familie. Nummer 3 wollte das auch, aber eben auch raus. Ich entschied, nachdem ich in mich gehorcht hatte, dass wir zuerst in Ruhe auspacken wollten, was Nummer 3 der Freundin mitteilte. Und diese mit: „Ich warte dann vor der Tür“ kommentierte. Da saß sie dann und trommelte mit den Fingern gegen die Scheibe. Nummer 1 ging darauf zur Tür und erklärte knapp den Sachverhalt mit der Bitte, bitte einfach nach Hause zu gehen – Nummer 3 käme dann zu ihr.

Das Auspacken war dann wirklich superschön und mit jedem Augenblick fühlte ich mich zuhause weniger fremd.

Wir packten weiter aus, Nummer 3 schwirrte ab.

Abends, als sie zurückkam war ihr noch blümeranter. Noch später musste sie sich dann übergeben. Nummer 1 trug ganz fürsorglich eine Matratze neben Nummer 3s Bett, um ihr vorzulesen. Nummer 3 hatte immer wieder Angst vor’m Brechen. Ich machte ein spontanes Puppenspiel mit ihrer großen Plüschbiene, der angeblich noch viiiiel schlechter war und die sich noch viiiiel mehr vor dem Brechen fürchtete. Sie lachte immer wieder tapfer. Und musste immer wieder brechen.

Nummer 1 schlief bei ihr, um sie zu beruhigen (Geschwister können großartig sein, hm?)

Der nächste Tag bestand aus Erledigungen und einem alltäglichen Erleben: Schule, Tagesmutter, Wäsche waschen …

Die Kinder hatten noch drei Tage Schule vor sich, dann würden die Weihnachtsferien starten. Mister Essential freute sich auf seinen Urlaub – einen Tag vor Ferienbeginn. Und ihm wurde blümerant. Und er bekam Nummer 3s Virus. Und ich kümmerte mich um ihn.

Und 48 Stunden darauf musste ich plötzlich zur Toilette rennen. Und ich lag echt zwei Tage flach. Und rannte zum Klo. Und ich hasse Erbrechen so sehr. Ich hatte immer richtig Panik davor. Überhaupt hatte ich Panik vor Magen-Darm-Infekten und den letzten erlitt ich als Nummer 3 ein Baby war – also vor fast 9 Jahren. Aber nun war es so weit und meine Kotz-Angst (Fachwort: „Emetophobie“) wurde zu einer Crash-Therapie.

Das war aber irgendwie toll, denn ich konnte einfach liegen, mich mies fühlen und Mister Essential arrangierte alles. Er brachte Nummer 4 zur Tagesmutter machte Homeoffice an seinen letzten beiden Arbeitstagen und ich musste nur zum Klo rennen. Und wurde meine Emetophobie los. Weil ich es ganz einfach nicht so schlimm fand. Obwohl es heftig war.

Meine liebe Freundin Cathérine hatte mal gesagt: „Du hast keine Angst vor’m Kotzen als solches. Du hast Angst vor Kontrollverlust. Aber in Wahrheit musst du dich mal so richtig auskotzen. Das täte dir gut. Wenn du mal brechen musst, dann tu es in dem Gedanken, endlich alles loszuwerden.“ Ja, das war sehr weise Kotz-Philosophie. Sie ist ohnehin eine sehr kluge und weise Frau, aber das nur nebenbei. Und so war sie es, an die ich dachte, während ich über dem Eimer hing. Freundschaftliche Romantik pur.

Ich freute mich in der Tat darüber, alles mal auszukotzen. Und als ich es los war freute ich mich auf Weihnachten und darauf, meine ganzen Lehrsätze und Leitideen der Kur umsetzen zu können. Sobald ich dazu käme. Wenn mal kurz das Leben anhalten würde, damit ich loslegen konnte. Das würde es ja ganz sicher bald tun. Oder?

Kurz nachdem ich diese Gedanken hatte trudelten in meiner WhatsApp-Gruppe der „Kur-Mädels“ die ersten Nachrichten vom vorweihnachtlichen Stress ein. Und davon, dass man es als Mutter eh vergessen könnte, mal zu entspannen. Und ich stellte mich beim Lesen innerlich auf stur:

„Ich werde definitiv einiges verändern. Dann dauert es eben! Nix da – Mütter könnten eh nicht entspannen!“

IMG_6194

Weihnachtsstimmung: Nicht immer einfach, sich einzulassen

Ich fand die Gefühle und Beobachtungen, dass es sauschwer ist, aus seinen inneren Programmen heraus zu kommen, so wertvoll! Weihnachtsstress rund um Kochen und Familienbesuch war da sehr geeignet. Ich las, was in meinen Kur-Kolleginnen vorging und spürte in mich hinein, was das genau mit mir machte. Welche Zweifel es ansprach und welche Hoffnungen.

Weihnachten

Weihnachten war, äh, ganz nett. Ich verbrachte 1,5 Stunden damit, herumzukriechen und den Müll der Geschenkverpackungen aufzuheben sowie Spielzeug aus ihren Verpackungen zu lösen wie einst Houdini sich selbst. Ich freute mich über meine eigenen schönen Geschenke. Und spürte nach, wie sich der Besuch meines Schwiegervaters und meiner Schwägerin anfühlte. Und fragte mich, was meine Mutter, mein Vater und mein Bruder wohl an diesem Abend machten. Und das machte mich traurig.

IMG_6871

Weihnachten mit gemischten Gefühlen, trotz funkelndem Baum

In den folgenden Tagen, die in das neue Jahr hineinführten, begriff ich, dass man lange braucht, um sich zu verändern. Und wie tief alte Programme sitzen. Ich freute mich, mich zur Kur-Nachsorge in meinem Wohnort (diese findet bei der Caritas statt) angemeldet zu haben, um mit diesem Prozess nicht alleine zu sein. Dort treffen sich sechs Mal zehn Frauen mit Burnout gemeinsam mit einer Therapeutin.

Dran bleiben!

Eine Therapeutin in der Kur hatte gesagt:

„Bitte denken sie nicht, sie kämen zurück in ihr Leben, seinen voller Kraft und würden lospowern und alles sei zugleich entspannter als vorher, weil sie es durch die Kur sind. Das Leben ist immer gleich. Nur sie sind es, die sich verändern kann, um ihm anders entgegenzutreten.“

Diese drei Sätze sind Gold wert. Denn genau so ist es. Man bekommt Impulse, die sehr wertvoll sind. Man muss sich der Erfahrung einer Kur ganz aussetzen. Dazu sollte man sehr achtsam sein, um wahrzunehmen, wie sich einzelne Anwendungen, Gespräche und Therapien anfühlen. Und wie man sich selbst verändert.

Es ist wichtig, Veränderung bedingungslos zu wollen und zu bejahen. Und es muss einem klar sein, dass Widrigkeiten auftreten werden. So als wolle jemand (das ist man in Wahrheit übrigens selbst) prüfen, ob man auch ganz sicher sei, etwas ändern zu wollen.

Der Alltag stoppt nicht. Mein Kalender ist nach wie vor fast täglich mit Terminen gespickt. Es geht zum Arzt, zum Kinderarzt, zur Kur-Nachsorge, mal zu einer Freundin oder zum Lehrergespräch. Dabei ist genau der gleiche Haushalt zu bewältigen. Die Herausforderungen sind gleich. Sie stressen mich nur nicht mehr wirklich. Außer, ich habe das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, weil es zu viel ist.

IMG_7049

„Rumms!“ Der Alltag ist wieder da …

Dann priorisiere ich Aufgaben. Und lege eine Anzahl fest (höchstens 4 Extra-Aufgaben neben dem alltäglichen Kram). Und der Rest kann mir für diesen Tag gestohlen bleiben. Die wichtigste Aufgabe nach oben, dann nach unten hin immer „unwichtiger werden“. Man erledigt von oben weg, was man eben schafft und lob sich in Gedanken für jeden Haken, den man danach setzt.

Abends kann man aufschreiben, was man alles bereits am Tag erledigt und geschafft hat. Man wundert sich meist, wie viel das war. Und wieder erkennt man dies vor sich an.

In diesem Leben habe ich schon genug mit- und durchgemacht. Ich lasse mich nicht mehr stressen, weil irgend jemand erwartet, dass ich einen Möhrenkuchen für die Lesefest backen oder bitte bereits gestern unterschriebene Schulzettel abzugeben habe.

Man muss innerlich täglich am Ball bleiben. Die Kur-Nachsorge ist eine sehr gute Unterstützung für mich bei diesem Prozess – das würde ich jeder Mutter nach der Kur empfehlen.

Soweit also zu meinem Ankommen im Alltag nach der Kur.

Epilog-Epilog

Ich habe mir übrigens ein neues Auto gekauft.

Klar, so: „Reifen kaputt- neues Auto muss her.“

Im Ernst: Es war für mich ein äußeres Zeichen, dieses Liegen-Bleiben auf nicht mal halber Strecke zwischen Erholung und Zuhause. Ich mochte meinen C8 sehr. Auch mit dem Platten. Er hatte sogar einen Namen – er war eigentlich eine Sie: „Madame Celeste“. Und wir nannte sie auch immer „Die Madame“, meinen eleganten, rauchgrauen Van.Und schaukelten auf ihren irre bequemen Sitzen in unsere Urlaube und durch den Alltag.

Und dann sah ich mein neues Auto stehen – genau da, wo wir uns nach der Rückreise beschweren gingen über die falsch eingestellte Spur. Der Schaden an „der Madame“ wurde behoben, das Autohaus, beziehungsweise die Werkstatt desselben, entschuldige sich. Und ich entdeckte meinen neuen Wagen. Schwarz, schnittig und mit Chrom und mit Alufelgen. Und mit Technick-Schnickschnack. Und seine Kofferraumklappe öffnet und senkt sich elektrisch. Und die Schiebetüren natürlich auch (damit hatte uns unsere Madame schon total verwöhnt und wollten darauf nicht verzichten) und überhaupt ist er großartig und hört auf Sprachbefehle, hat tausend Fahrassistenten und eine Rückfahrkamera und er zeigt mir die aktuellen Verkehrsschilder auf dem Display an und ich höre mein Hörbuch während der Fahrt via Bluetooth und, und, und … er ist ein Er, der „Señor“.

Das Auto steht in seiner Symbolik für die Art, sein eigenes Leben zu führen. In Träumen kann es ebenfalls ein Hinweis auf das eigene Leben sein. Träume, in denen man die Kontrolle über den Wagen verliert, eingeschlossen wird oder nicht bremsen kann, haben einen direkten Bezug zur Lebensführung. Da frage ich mich, was der Kauf des Señors bedeutet …

Wenn Interesse besteht, schreibe ich gerne noch über die Nachsorge und praktische Tipps für den Alltag, mit denen man ein positives Herangehen schulen kann. 

Gedanken zu den Silvesterangriffen: Jungs sind halt so

Als ich ein Kind war, habe ich mich oft geprügelt. Weniger, weil ich so „Auf die Fresse oder was?“-gröhlend durch die Gegend gelaufen bin. Es hat sich einfach so ergeben.

In der Kindergarten- und Grundschulzeit bin ich regelmäßig von Jungs „geärgert“ worden, wie man das damals nannte (heute heißt das laut meinen Töchtern „gemobbt“), und weil ich eigentlich ziemlich gutmütig war, habe ich mich nicht dagegen gewehrt. Meine Mutter spitzte mich jeden Morgen mit den Worten „Hau drauf!“ an und hoffte, dass ich mich irgendwann mal ordentlich verteidigen würde. Das war halt damals so – als Junge musste man sich seinen Platz im Rudel erkämpfen.

Irgendwann haute ich dann auch drauf. Wobei das jetzt zu martialisch und fehlgeleitet klingt – ich war wirklich ein eigentlich lieber Junge, der irgendwann die Schnauze voll hatte und dem schlimmsten Störenfried dann auf selbige haute. Später hatte ich zwei, drei Fans, die in jeder Pause eine (Spaß-)Schlägerei provozieren wollten. Oft mit Erfolg. Ich war groß und kräftig, aber eigentlich nett und daher nicht furchteinflößend und brutal. Ich warf diese Fans durch die Gegend und schlug ihnen auf die Schulter und sagte, sie sollen mich in Ruhe lassen. Aber sie kamen immer wieder an. Einfach immer draufhauen erscheint einem heute als blödsinnige Konfliktstrategie. Aber das waren halt die 80er.

Es war vollkommen klar, dass man sich als Junge nicht würde behaupten können, wenn man sich nicht körperlich durchsetzen konnte. Meine Mutter feuerte mich nicht an, weil sie einen Rottweiler aus mir machen wollte – sie hatte einfach nur Angst, dass ihr Junge in diesem Haifischbecken, das sich männliche Kindheit nennt, wegen seiner Gutmütigkeit fertiggemacht wurde.

Wie ich darauf komme? Ich glaube, dass es noch immer erhebliche Unterschiede in der Erziehung und den gesellschaftlichen Erwartungen an Jungen und Mädchen gibt und dass diese Auswirkungen haben, die weit über kindliche Prügeleien hinausgehen. Um meinen Punkt zu machen, muss ich ein wenig ausholen.

Als ich von den Vorkommnissen am Silvesterabend in Köln gehört habe, war ich wie viele andere auch, wütend. Und schockiert und ein wenig enttäuscht, dass es scheinbar unter den Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland so viele Schweine gibt, dass man sich mal locker zum massenhaften sexuellen Übergriff und Raubzug in Köln verabreden kann. Die öffentliche Debatte, die diesem erschreckenden Ereignis folgte, machte einige interessante Kapriolen: erst waren gar keine Flüchtlinge unter den Angreifern, dann waren es quasi nur Syrer, dann waren es zwar nicht nur Syrer, aber der Sexmob war doch nicht schlimmer als auf dem Oktoberfest. Schließlich beschwerten sich Feministen, dass es doch geradezu unverschämt sei, dass deutsche Männer sich erst über sexuelle Gewalt aufregen, wenn Ausländer „ihre“ blonden Germaninnen begrapschen.

Das alles mag wahr oder falsch oder irgendwas dazwischen sein – in jedem Fall fällt auf, dass die Täter unabhängig von aktueller oder ehemaliger Nationalität eines gemein haben: Es handelt sich um Männer. Ich finde es plausibel, dass Männer aus einer streng patriarchaischen Kultur mit wenig Respekt gegenüber Frauenrechten leichter derart übergriffig werden. Aber natürlich gibt es auch unter westlichen postmodernen Ex-Primaten immer wieder Rückfälle. Warum ist das eigentlich so? Es sind relativ wenige Fälle von Frauen bekannt, die Männer begrapschen oder sexuell nötigen (auch wenn es natürlich auch das gibt). Dabei ist doch auch das ein Verhalten, das prinzipiell möglich wäre – viele Männer wären ebenfalls perplex und unfähig zu adäquater Grenzsetzung, wenn man sie bedrängen würde. Es gibt genug Situationen der Abhängigkeit, die Frauen genauso schamlos ausnutzen könnten wie Männer. Und schließlich egalisieren Waffen die körperliche Ungleichheit der Geschlechter in gewissem Maße und würden sogar gewaltsame Übergriffe prinzipiell ermöglichen.

Doch warum passiert das nicht? Ich glaube, dass die männliche Prägung patriarchaischer und post(?)-patriarchaischer Gesellschaften Übergriffe, Gewalt und Dominanzgebahren bei Jungen geradezu erzwingt, während sie selbiges Verhalten bei Mädchen mit Scham belegt. Dass die unter Kopftuch und Pantoffel gezwungene Muslima, die ihrem Mann Untertan ist (verzeiht mir den Griff in die Klischeekiste und no offense intended für alle Muslima, die ganz anders sind), in eine Opferrolle geradezu gezwungen wird, leuchtet leicht ein. Aber was ist mit emanzipierten deutschen Frauen? Es ist ja nicht einmal immer die körperliche Überlegenheit eines Angreifers, die die Demütigung hervorruft. Oft ist es ja die Unfähigkeit, wirksame Grenzen zu setzen. Die Angst vor derartigen physischen Konflikten. Mädchen werden – anders als Jungen – oft nicht auf dieses Haifischbecken vorbereitet. Wobei, das sei hier betont, auch bei weitem nicht jeder Mann gegenüber Angreifern zu adäquaten Reaktionen fähig ist.

Sexuelle Gewalt hat eine soziale und psychische Komponente. In vielen, vielleicht den meisten Fällen, ist diese genauso verletzend wie die physische. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen oder ahnen, dass sexuelle Gewalt für uns kein unbekanntes Thema ist. Ms. Essential hat mir oft das Gefühl beschrieben, allein auf der Straße letztendlich nicht sicher zu sein. Den meisten Männern letztendlich nicht vertrauen zu können. Das ist nicht die Welt, in der die meisten Männer in Deutschland leben. Die Frauen mindestens zu erheblichen Teilen schon.

Ähnlich wie die psychische Komponente wird auch die soziale Komponente erlernt. Jungs müssen sich nicht nur körperlich durchsetzen – es wird vielfach erwartet, dass sie auch in sozialen Systemen ständig im Wettbewerb stehen und dabei auch Grenzen überschreiten. Natürlich relativiert eine moderne Gesellschaft einige dieser Unterschiede. Aber noch zu wenige …

Wie oft wird eigentlich inakzeptables Verhalten von Jungen schulterzuckend mit dem Kommentar „Jungs sind halt Jungs“ abgetan? Mädchen genießen diesen Schutzraum nicht. Wenn unsere Töchter sich in Prügeleien verwickelten, erklärten ihre Lehrer ihnen, dass Mädchen so etwas nicht tun. Als ein Junge einer von ihnen ungefragt seinen Penis zeigte, wehrte die Lehrerin ihre Klage mit den Worten „Du hättest ja nicht mitmachen müssen!“ ab. Gegen übergriffige und aggressive Jungs in der Schulpause gibt es den Rat „doch wegzugehen“. Kein Mensch kommt auf die Idee, einem kleinen männlichen Gestörten seine Marotten mal auszutreiben. Mädchen hingegen sollen immer brav stillsitzen, eine saubere Handschrift haben, und weglaufen.

Es ist einfach sich einzureden, dass die Silvesterangriffe ein singuläres Ereignis waren. Es ist auch einfach, jeden Mann als potenziellen Vergewaltiger zu brandmarken. Aber die Frage, welche gesellschaftlichen Prägungen noch immer männliche Täter und weibliche Opfer hervorbringen, muss ebenso erlaubt sein wie die, ob bestimmte religiöse und kulturelle Merkmale derartiges Verhalten nicht vielleicht begünstigen.

Was wurde den Angreifern aus Köln und den anderen betroffenen Städten wohl von ihrer Kindheit an vermittelt, dass solche Taten für sie akzeptabel erscheinen? Was wurde den Angreifern auf dem Oktoberfest vermittelt? Für uns Eltern stellt sich doch die Frage: Was müssen wir unseren Töchtern und Söhnen vermitteln, damit sie möglichst weder auf der einen oder anderen Seite mit solchen menschlichen Abgründen in Kontakt kommen?