Attachment Parenting: Langzeiterfahrungen, Teil 2

Teil 1 des Erfahrungsberichtes findet sich hier.

Kinder-Bedürfnisse, Mutter-Bedürfnisse

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Angsterkrankung mit Panikattacken. Meine Seele (oder auch: meine Psyche, für alle, denen dieser Terminus eher zusagt) steckte in einem Käfig und zerrte an den Stäben. Aber ich konnte sie nicht mehr herauslassen, da war ja kein Raum mehr für mich. Ich hatte jeden Raum mit den Kindern gefüllt oder ihn von ihnen füllen lassen. Im Glauben, dies sei richtig so. Ich hatte ja gar nicht gemerkt, wie ich langsam in’s Hintertreffen geraten war. Ein Familiensystem baut man schließlich nicht planmäßig auf. Es entfaltet und entwickelt sich dynamisch durch seine TeilnehmerInnen. 

Raumverteilung im System

Zugleich gab es immer etwas „im Außen“, um das ich mich kümmern musste:

Die Kinder waren im Kindergarten sehr unglücklich. Bei einer Quote von über 90 Prozent nicht-deutschsprachigen Kindern kamen sie dort doch etwas zu kurz, da die Erzieherinnen sich immer um die Kinder kümmerten, die eben Förderungsbedarf hatten. Nummer 1 (zum Zeitpunkt des Kindergarteneintritts 5 Jahre alt) wurde immer aggressiver und launischer. Nummer 2 (3 Jahre alt) immer weinerlicher. Die KiTa-Leiterin nahm mich zur Seite und sagte, es sei nicht der richtige Kindergarten für uns. Ich hatte zuvor gedacht, dass es gut sei, mit vielen Kulturen zusammen zu sein und verschiedene Menschen kennenzulernen. Leider war das nicht ganz so einfach gewesen.

Der nächste geeignete Kindergarten war ziemlich weit weg. Ich hätte mit den beiden plus Baby mit Straßenbahnen und Bus fahren müssen. Das wollte ich uns nicht so gerne antun. Dann wurde am nächsten Wochenende in unser Auto eingebrochen und wir sahen darin – und an den Einschusslöchern im Straßenschild an der Häuserecke –  ein Zeichen, die Großstadt zu verlassen.

Wir zogen um in eine Vorstadt des Ruhrgebiets und genossen den Charme der „Ländlichkeit“. Ich kam innerlich etwas herunter, war aber immer noch krank. Langsam begann ich, mich auf mich selbst zu besinnen. Und beschloss, eine Therapie zu starten. Da wurde mein Mann schwer krank und ich vertagte diese Idee um eineinhalb Jahre.

Raumverteilung im System 2.png

Die Kinder begleitete ich nach wie vor zuverlässig auf die gleiche Weise. Sie bekamen von meinen Ängsten nichts mit. Das wollte ich absolut vermeiden. Ich fing sie während der Erkrankung ihres Vater auf und schiffte sie ohne schwere Beeinträchtigungen dadurch. Währenddessen lernte ich aber auch, etwas mehr auf mich zu achten. Ursprünglich, damit ich genug Energie für die Pflege und Betreuung meines Mannes hatte. Der Nebeneffekt war aber, dass ich dies beibehielt. Es war allerdings nicht genug. Das wiederum sollte ich erst später spüren.

Als es meinem Mann wieder besser ging und er sich in das Arbeitsleben wiedereingegliedert hatte, begann ich ein Jahr darauf, in der gleichen Agentur zu arbeiten. Nun hatte ich das klassische Vereinbarkeitsthema mit Stau/Kindergartenabholzeit/Ferienbetreuungsfragen.

Ich war damit befasst wahrzunehmen, wie es vor allem Nummer 2 ging, die sehr viel Aufmerksamkeit brauchte und einforderte. Nummer 1 kam bald in die Schule, die beiden Kleinen besuchten zusammen den ausgesprochen guten neuen Kindergarten. Ich begann meine Therapie. Zeit verging, wir lebten uns gut ein und machten zugleich Pläne für die Zukunft. Die meisten Familienmitglieder atmeten aus (ich nicht) und das System richtete sich neu aus nach der Krankheit. Meine Panikattacken und Ängste waren inzwischen Alltagsbegleiter für mich. Ich steckte sie weg und machte weiter wie zuvor. Die Kinder und ihre Bedürfnisse waren nach wie elementar wichtig und bekamen einen großen Raum. Dies bezog sich nicht mehr so sehr auf „Ich hab Durst!“ sondern eben auf alle Bedürfnisse, die kleineren und die großen. Ich empfand es als unverantwortlich, ihnen plötzlich die Zusage meiner Aufmerksamkeit und die Achtsamkeit für ihre Bedürfnisse zu versagen. 

Neuanfang

Wir beschlossen, ein Haus zu kaufen und fanden eines in einer 30 Minuten entfernten Kleinstadt. In einem idyllisch gelegenen Teil derselben. Ganz ländlich, nahe am Rhein, wunderschön.

Neuanfang

Nummer 1 und 2 waren inzwischen beide in der Schule. Nummer 3 kam in einen extrem „dörflichen“ (anspruchslosem 0815-) Kindergarten mit Kaffee trinkenden Erzieherinnen, die turnusmäßig die gleichen schablonierten Bastelwerke anfertigten, damit die Kinder sie zusammenklebten. Die Kinder leierten in einem speziellen Dialekt, den Nummer 3 kaum verstand. Sie fand zwar Freunde – das tut sie immer binnen kürzester Zeit – war aber unterfordert. Hier hieß es also wieder: Auffangen und ausgleichen.

Nummer 2 erlebte Ähnliches in der Schule und zeigte bald Anzeichen einer deutlichen Niedergeschlagenheit. Sie störte den Unterricht, weinte für „jedes Bisschen“ und fühlte sich in der Schule absolut nicht gut. Wieder zwei Baustellen für mich. Ich hatte viel auszugleichen für die beiden und viel nachzudenken. Schließlich tröstete ich Nummer 3 immer wieder damit, dass sie ja auch in absehbarer Zeit in die Schule käme und bot ihr an, den Kindergarten zu wechseln. Doch sie wollte nicht schon wieder in eine neue Umgebung und blieb.

Mit Nummer 2 machte ich einen Termin zu einem Intelligenztest in einem Hochbegabtenzentrum aus. Im vorherigen Wohnort hatte eine neue (engagierte) Lehrerin mich auf Nummer 2 angesprochen (die bereits dort im Unterricht auffällig gewesen war) und vorgeschlagen, einen solchen Test machen zu lassen, falls Nummer 2 in der Schule unglücklich werden würde. Nun war es also soweit: Vor allem, um der Lehrerin, die heftig allergisch auf „aus der Reihe tanzenden Kinder“ reagiert hatte, vielleicht zeigen zu können, dass die Wut, die sie auf meine Tochter empfand, einfach nicht angebracht war. Ich wollte Nummer 2 beschützen und ihr zugleich deutlich zeigen: „Nein, du bist nicht dumm, auch wenn du dich nach der Behandlung an beiden Schulen genau so fühlst.“

Wir bekamen am Ende eines sehr langen Test-Tages einen ebenso langen Ausdruck mit. Mit diesem ging es zur Schule und nach einigem Hin- und Her im Rahmen einer Schulkonferenz durfte Nummer 2 sich die 3. Klasse schenken.

Meine Therapie tat mir gut, meine Ängste wurde ich dennoch nicht los. Irgendwie hatte meine Seele einfach zu viel durchgemacht. Und ich hatte (so viel spoilere ich hier schon mal) nie gelernt, wirklich auf mich zu achten. Selbstliebe war ein Fremdwort. Ich hatte mal irgendwann in meinem Leben besser auf mich geachtet – aber das war gewesen, bevor ich Mutter geworden war.

Ich kündigte, als unsere Notfall-Kinderbetreuung (meine Schwieger-Oma) durch schwere Krankheit ausfiel und letztlich verstarb, meinen Job in der Agentur (knapp vor meiner ersten Aufstiegschance …) und arbeitete wieder freiberuflich. 

Zeit verging. Mein Mann litt immer noch unter den Nachwirkungen seiner Krankheit, ich übernahm viele seiner einstigen Aufgaben oder fühlte mich mies, wenn er diese unter erschwerten körperlichen Bedingen selber übernahm. Er fühlte sich mies, wenn er Hilfe von mir annehmen musste und insgesamt ist ein körperlich eingeschränkter Mann meistens erst einmal kein besonders glücklicher. 

Und doch packte er sehr viel – es kostete ihn nur immer viel mehr Nerven. Es spielte sich insgesamt eine neue Routine ein.

Wir hatten wieder mehr Energie, fühlten uns erholter, bis die nächste Baustelle anbrach: Nummer 2 fühlte sich in der nächsten, der weiterführenden Schule nicht sehr wohl, da sie gemobbt wurde. Auch Nummer 1, die man in die gleiche Klasse eingeteilt hatte, wurde belastet, da sie mit ausgegrenzt wurde und keine Freunde fand. Es gab wieder – oder immer noch – viele Bedürfnisse, um die ich mich kümmerte. Und zwar immer sehr gründlich und mit viel Zeit, in der ich mich zu den verschiedenen Themen informierte und Lösungen suchte. Letztlich befreite sich Nummer 2 zunächst aus der Problematik, in dem sie Gewalt anwendete. Wir hatten hier damals darüber berichtet.

Insgesamt ging es mir psychisch immer besser und es gab immer wieder monatelange Phasen ganz ohne Angst. Ich wusste noch nicht, dass die Angst nicht nur ein Symptom für frühkindliche Traumata war, sondern mehr: Sie verdrängte andere Gefühle. Solche, die ich mir verbot. Also bekämpfe ich sie, atmete sie weg, entspannte mich. Und vergaß, sie als Hinweis zu sehen, im Moment ihres Auftretens zu schauen, was ich eigentlich in Wirklichkeit empfand.

Doch das Leben spielte sich ein, ich traf morgens Freundinnen zum Frühstück, gönnte mir Zeit für mich und teilte mir meine freiberufliche Tätigkeit so ein, dass ich auch mal Raum für mich hatte.

Wir beschlossen irgendwann, noch ein viertes und letztes Kind zu bekommen.

Das Ende der „Bedürfnis-Romantik“

Die Schwangerschaft war wunderbar. Ich war glücklich und stolz. Wir alle waren das.

Das Baby war dann das mit großem Abstand anstrengendste Neugeborene, das ich je erlebt habe. Wir hatten gedacht: „Wir alten Hasen packen das noch mal locker. Unsere Babies wurden ja von Mal zu Mal immer weniger kompliziert und anstrengend. Vermutlich pennt der Kleine den ganzen Tag“. Mitnichten.

Unser High-Need-Baby hatte quasi einen Strohhalm in mich und meine Kraftreserven gesteckt und saugte daran. Und zwar so richtig.

Raupe Nimmersatt

Ich bekam eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, schleppte mich in wirklich ätzenden Zuständen (wegen der Schilddrüsenüberfunktion) durch den Alltag. Dazu kamen dann weitere Themen und Bedürfnisse:

Nummer 3 litt, weil Nummer 1 und 2 in die Pubertät kamen und nicht mehr mit ihr spielen wollten. Zudem war da das Baby, das ihr den Rang als Nesthäkchen gestohlen hatte. Nummer 1 und 2 litten unter typischen Pubertätssymptomen und fühlten sich in ihren Gefühlen und Körpern unwohl. Nummer 2 litt unter dem wieder auflebenden Mobbing in der Schule, Nummer 1 litt mit, weil sie als Schwester zwischen den Fronten stand in der Klasse und alle brauchten sie mich, um dies alles wahrzunehmen und aufzufangen. 

Das gelang mir allerdings immer weniger. Ich hatte gefühlt den ganzen Tag einen Säugling an meiner Brust hängen oder im Tragetuch an mich gebunden, schälte wippend Gemüse – denn auf der Stelle stehen duldete der Nachwuchs nicht und so weiter. Ich hatte es mal bildhaft beschrieben: „Ich hörte Latein-Vokabeln ab, während ein Mensch an mir saugte und gleichzeitig der Paketmann an der Tür klingelte“.

Ich wurde immer müder, mein Kreislauf machte immer mal wieder schlapp. Meine Hebamme riet zu dringendem Abstillen oder mindestens nächtlichem Zufüttern. Dies tat ich unter Gewissensbissen. Ich fütterte zu und konnte ab dann dabei zusehen, wie Nummer 4 sich ganz abstillte: Er drehte den Kopf irgendwann einfach weg von der Brust. Auch die Flasche wollte er jedoch bald darauf danach nicht mehr haben: Er wollte löffeln.

Dann gab es einen Punkt, den ich so schnell nicht vergessen werde: Während eines Filmabends dachte ich plötzlich erschrocken (ich zuckte dauernd zusammen, weil ich so unter Anspannung stand):

„Was ist denn das für ein komisches Geräusch?“ Ich hatte gelacht. Und vergessen, wie sich das anhörte.

Ich quälte mich morgens aus dem Bett in die zähe Routine meines anstrengenden, arbeitsreichen und eintönigen Alltags.

Ich wusste es nicht, aber ich litt am Burnout.

Mütter im Burnout (1)

Der Punkt der Veränderung

Ich zu meiner Hausärztin, organisierte alles Nötige und ging zur Kur.

Und ich lernte endlich, für mich da zu sein. Auch und vor allem gegen Widerstände (Kinder, die ich an das übliche Mutterbild „Mama kommt ganz zuletzt an die Reihe“ gewöhnt hatte ganz in vorderster Reihe …).

Ich fühlte mich mies, weil ich den Kindern den gewohnten Umgang mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen kürzte. Ich lernte dann, mich deshalb nicht mehr mies zu fühlen.

Ich begriff, dass man die Bedürfnisse und Selbstentfaltung von mehr als einem oder zwei Kindern nur dann wirklich gewährleisten kann, wenn alles passt. Keine Krankheiten, keine familiären Notfälle oder andere Krisen dürfen eintreten. Und wenn dies doch der Fall ist, muss man abgegrenzt genug sein und den Kindern ausreichend vermittelt haben:

Du bekommst was du brauchst, wenn es möglich ist. Ansonsten musst du dich in Bedürfnisaufschub üben und selber Lösungen finden können. Jetzt gerade habe ich andere Dinge auf dem Sender, um die ich mich kümmern muss. Du weißt, dass ich im Notfall für dich da bin. Und ich weiß, dass du autark genug bist, um eine Weile für dich da sein zu können.“

Dann sagten Nummer 1 und Nummer 2 während der Kur etwas, das für mich alles veränderte:

„Wir sind ziemlich verwöhnt und unselbstständig. Das geht uns ziemlich auf’s Ego. Du wolltest, dass es uns immer gut geht. Und das war wirklich megalieb und so. Aber viel zu anstrengend. Du musst uns jetzt helfen, das alles nachzuholen. Wir fühlen uns ultrageliebt, aber auch wie kleine Trottel. Wir werden es zwar hassen, aber: Bitte mach selbstständige Menschen aus uns, auch wenn das Arbeit für uns bedeutet!“

Unselbstständig? Ich hatte doch gar nicht helikoptert. Ich hatte sie mit Freunden stundenlang frei herumziehen lassen. Sie konnten bereits Wäsche waschen, einfaches Essen kochen und Fenster putzen. Sie analysierten erstaunlich gut das Verhalten ihrer Mitmenschen, hatten Selbstironie und ihr Sozialverhalten und auch ihr Benehmen wurden immer wieder von verschiedenen Seiten gelobt. Sie empfanden sich als Trottel? Wie meinten sie das?

Sie meinten, dass sie besser hätten lernen sollen, ihre Bedürfnisse weitreichender selber zu befriedigen. Viel mehr, als ich das auf Grund meiner Einschätzung und des Kampfes gegen den Mainstream der Kinderziehung („Es soll ihnen an nichts mangeln“) getan hatte. Sie wollten nur von fern begleitet werden. Und keine Mutter, die dauernd wahrnahm, welche Regung ihre Psyche nun schon wieder tat. Sie wollten den Mut haben, einfach beim Zahnarzt anzurufen und einen Termin auszumachen. Sie wollten mal etwas hinbekommen, ohne nach zwei Sekunden „Mamaaa!“ zu rufen. Sie waren im Alltag recht verpeilt und zugleich doch intelligente und aufmerksame Menschen. Etwas an ihnen war auf der Strecke geblieben. Es passte nicht zum Rest. Wenn man auf der einen Seite mit Erwachsenen locker in Gesprächen mithalten kann und auf der anderen Seite dauernd sein Turnzeug vergisst, dann fühlt man sich einfach nicht gut. 

Alles falsch gemacht?

Nun hatte ich da aber immerhin eben genau solche Kinder vor mir: Kinder, die sich gut ausdrücken können und deren Beobachtungen sehr reflektiert sind. Kinder mit weit ausgebildeten, freien Persönlichkeiten, die vertrauensvoll ihre Meinung sagen.Daher hörte ich genau hin, was sie mir zu sagen hatten. Und das empfand ich als sehr krass:

Ich hätte mich nicht genug abgegrenzt, sagen sie. Sie hätten nicht gelernt, mich mit respektvollem Abstand zu behandeln. Sie hätten mehr Führung und etwas weniger Zuwendung gebraucht, finden sie. Mehr Erwartungen hätte ich an sie stellen sollen, an denen sie hätten wachsen müssen, das hätte sie angespornt. Ich hätte immer alles gleich vergeben, weil ich Verständnis gehabt hätte – dies hätte sie träge gemacht.

Sie sagen: „Wir haben niemals Angst gehabt, dass du uns nicht mehr lieb hast!“

Und ich:“ Ja, aber das ist doch wunderbar. genau das wollte ich!“

Sie erwiderten: „Tja, vielleicht. Aber so konnten wir mit dir machen, was wir wollten. Du hast ja eh alles sofort verziehen. Eine Liebe, die alles aushält muss eben wohl auch alles aushalten. Das ist eigentlich nicht gut. Weder für dich noch für uns.“

Ich bin dankbar, dass sie dies sagen können. Die Manöverkritik, die viele Eltern fürchten, kenne ich nun schon. Und ich wachse an ihr. Sie befreit mich. Sie erlaubt mir, auch in der Mutterrolle endlich ich selbst zu werden.

Sie zeigt mir auch, dass unsere Bindung und unser Vertrauen wunderbar tief sind. Dies zeigt, dass meine Kinder viele neuronale Verbindungen aufgebaut haben, weil ich ihnen immer alles respektvoll beantwortete. Sie vertrauen mir, weil ich sie respektvoll behandelte und nicht belogen habe. Ich habe sie nie aus eigener Motivation oder eigenen Bedürfnissen heraus wie kleine Kindchen behandelt, sondern ihre Persönlichkeiten frei wachsen lassen. Und das hat sie zu etwas ganz Wunderbarem werden lassen: Sie sind ganz sie selbst. Der Rest ist der Feinschliff, den sie einfordern.

Neulich las ich mit ihnen übrigens gemeinsam Artikel über Attachment Parenting.

Sie kommentierten:

Nummer 2: „Klingt wie das, was du mit uns gemacht hast. Wir wissen ja, was dabei herauskam. Aber echt: danke, dass wir nicht auch noch mit sechs immer noch gestillt wurden. Das ist ja grauenhaft! Und danke, dass du keine Fotos davon gemacht und aller Welt gezeigt hast. Danke, dass wir nie alle zusammen in ein Bett gepfercht wurden. Bäh, Nummer 3s Knochenfüße an meinen nackten Beinen – eine grauenhafte Vorstellung!“

Nummer 3: „Das ist gemein! Ich würde es liiiieben, wenn wir alle zusammen schlafen würden. Ich liebe das auch, wenn wir das mal machen, wenn der Dada auf Geschäftsreise ist!“

Nummer 1: „Ich brauche das gar nicht. Ich brauche viel Privatsphäre und Nähe war noch nie so mein Ding. Also ich sehe das wie Nummer 2: ich hätte das nicht leiden können, so eng zusammen zu liegen. Außerdem glaube ich, dass man viel zu lange klein und unselbstständig bleibt, wenn man so lange wie ein Baby behandelt wird. Muss echt jeder selber wissen, aber meins ist das nicht.“

Nummer 2: „Und mal echt, Mama: Wollen Ehepaare nicht auch mal allein im Bett sein? Die brauchen doch auch mal Zeit für sich im eigenen Zimmer. Das fehlt doch dann auch.“

Nummer 3: „Na, vielleicht bekommen sie dann nicht so viele Kinder. Ist ja auch besser, weil so groß, dass vier Kinder reinpassen ist ja eh kein Bett.“

Nummer 1: „Kinder kann man auch woanders zeugen als im Bett.“

Nummer 3: „Wo denn?“

Nummer 1 (großschwesterlich wissend): „Was weiß ich? Im Garten, im Wohnzimmer, in der Küche, in einem Hotel … ?“

Nummer 2: „Haha, klingt sehr romantisch. Ich hätte ein sauschlechtes Gewissen, wenn ich jahrelang zwischen Mama und Dada gelegen hätte. Was, wenn die weniger verliebt wären oder so? Dann würde ich denken, das lag an mir, auch wenn das nicht deshalb war. Nee, danke. Ich finde es gut so, wie es ist. Haben nun mal nicht alle die gleichen Bedürfnisse.“

Nummer 1: „Ich versteh schon, wie das im Grunde gemeint ist: Kinder, deren Bedürfnisse wahrgenommen werden, fühlen sich geliebt. Wenn man missachtet wird oder Vorwürfe bekommt für seine Bedürfnisse, dann fühlt man sich nicht gut, klar. Aber das kann man auch übertreiben. Wir fühlen uns geliebt und auch selbstbewusst, auch wenn ich schüchtern bin. Aber dass ich das bin liegt daran, dass ich nur ein halbes Jahr gestillt wurde – das schwöre ich. Ich bin einfach so. Es ist meine Aufgabe, das zu ändern, wenn ich das will. Man hat ein Recht auf eigene Herausforderungen, sonst wächst man nicht. Ich glaube, meine Kinder erziehe ich ganz anders: Sie bekommen auch viel Liebe, aber sie müssen einfach mehr selber klarkommen. Nur das zusammen macht wirklich stark. Sonst fühlt man sich ewig wie ein kleines Kind.“

Nummer 2: „Das gefällt vielen Müttern vielleicht auch. Die werden gerne gebraucht. Oder sie verpassen einfach den Moment, an dem ihnen das nicht mehr guttut und machen immer weiter damit. So wie Mama. Wir sind ultra-attached. Und das ist echt nicht nur gut. Ich freue mich, dass ich mich gut und wertvoll fühle. Aber irgendwie kann man in diesem Umgang sehr schwer so Grenzen ziehen.“

Abschließende Gedanken

Für kleine Kinder ist dieser Weg ideal. Man muss ihn allerdings kontinuierlich zurückschrauben, je älter die Kinder werden. In kindlichen Bedürfnissen liegt nur bedingt Romantik. Sie brauchen Liebe, natürlich. Aber auch noch viel mehr. Vieles davon ist sehr anstrengend zu geben. Auch wenn es nichts mit Selbstaufopferung zu tun hat: Loslassen ist eines davon. Sie auch mal auf die Nase fallen lassen (bildlich und körperlich). Sie ernst nehmen und ihnen dennoch Grenzen setzen – mindestens dort, wo eigene Wünsche anfangen. Die Bindungstheorie oder auch das bedürfnisorientierte Erziehen ist für kleine Kinder gedacht. Zumindest in der engen, kuscheligen Art. Was nach der Kleinkindphase kommt, ist etwas ganz anderes. Und man sollte zugleich nicht aufhören, die Bedürfnisse wahrzunehmen und die Notwenigen umzusetzen. Bedürfnisaufschub ist nämlich auch ein Bedürfnis – das wissen Kinder nur nicht. Sie müssen ihre Bedürfnisse für andere zurückstecken lernen – auch für elterliche.

Es besteht einfach die Gefahr, dass Mama auslaugt, während die Kinder es für selbstverständlich halten, dass sie viel zu viel um sie dreht. Dadurch fehlt ihnen auch Orientierung und Anleitung. Kinder brauchen in der Tat Vorbilder. Ein Vorbild, das sich abhetzt, damit andere, schnell-schnell, ihren Saft aus dem roten und nicht dem blauen Becher bekommen, das werden sie nachahmen. Und dann gibt es die nächste Generation ausgebrannter und sicherlich nicht glücklicher Mütter. 

Natural Parenting ist eine Idee – wie ich kürzlich durch eine Kommentatorin zu Teil 1 dieses Langzeiterfahrungsberichtes erfuhr – die von einem Mann (William Sears) maßgeblich (mit-)geprägt wurde, der ein als fundamentalistisch zu bezeichnender Christ ist: Die Idee des männlichen Familienoberhaupts und an dessen Seite der aufopferungsvollen Mutter als Meer voller gebender Liebe und voller Selbstaufopferung liegt hier zu Grunde. Gestreng wird keine Abweichung geduldet: Die erschöpfende Mutter sollte sich notfalls in eine Therapie begeben, um nicht vom Kurs abweichen zu müssen, weil es einfach zu viel ist. Sie soll in der Not nach Kraftquellen suchen – es scheint nicht vorgesehen zu sein, dass sie Grenzen setzt. Gesunde Grenzen für sich und ihre Kinder.

„Frauen in der Selbstaufopferung“ ist in der Tat tief verankert in der christlichen Tradition. Wer sich aber aufopfert zieht sich zurück, untergräbt seinen Wert und dient den anderen Teilnehmenden eines Systems im Prinzip als (energetische) Nahrung. Das System zieht aus ihnen heraus, was es braucht. Ein respektvoller Umgang miteinander im Sinne familiärer und auch partnerschaftlicher Liebe sieht doch eigentlich anders aus.

Wer die Balance schafft, sich selbst Gutes zu tun und eben auch seiner Familie – der hat viel erreicht. In meiner Kur sagte eine der Therapeutinnen mal:

„Sie kennen das, meine Damen: Im Flugzeug sagt die nette Flugbegleiterin immer: Setzen sie zuerst sich die Sauerstoffmaske auf und dann den Sitznachbarn. Während sie keine Luft bekommen, sind sie nämlich keine große Hilfe.“ 

Attachment Parenting: Langzeiterfahrungen, Teil 1

Es wird viel diskutiert, umgesetzt, ausprobiert und besprochen: Der bedürfnis – und bindungsorientierte Umgang von Eltern und Kindern ist ein aktuelles Thema.

Ein Mensch, der in seinem So-Sein angenommen wird und dessen Bedürfnisse wahrgenommen werden, entwickelt sich zu einem selbstsicheren Wesen. So – sehr kurz umrissen – die grundsätzliche und begrüßenswerte Idee.

Es gibt nichts Wichtigeres für ein neugeborenes Kind als Nähe, Wärme, Liebe und Sicherheit. Nur so bauen wir Menschen Urvertrauen auf. Eine unzureichende oder unzuverlässige Zuwendung hinterlässt Spuren.

Wir liebenden und aufmerksamen Eltern möchten für unsere Kinder den bestmöglichen Start in das Leben. Damit dieser später ein gesundes Fundament für die kindliche Seele bildet.

Geborgenheit und Liebe, ein warmes Nest und Zuwendung ist, was kleine Menschen zunächst brauchen. Werden sie größer, ist es an der Zeit, ihnen Freiräume zu geben. Sie selbstständig werden zu lassen. Unsere Kinder gehören uns nicht. Wir dürfen dankbar sein, dass sie uns anvertraut wurden. Sie sollen sich frei entfalten können.

Du bist unsere Welt

Aus dieser Dankbarkeit sollte ein Grundrespekt erwachsen. Und aus diesem eine absolut individuelle Betrachtung der Familienmitglieder.

Es wird so oft gesagt und geschrieben – man kann es jedoch nicht oft genug betonen:

Jede Familie geht ihren Weg. Es gibt kein Anleitungsbuch für alle. Daher bin ich sicher, dass eine fertige Liste für alle zum Abhaken niemals der richtige Weg ist. Ich persönlich habe tiefes Vertrauen in alle Eltern, die sich verständnisvolle Gedanken um ihre Kinder machen: Sie gehen einen liebevollen Weg und sind in der Lage, vertrauensvoll zu kommunizieren.

Instinkt und erste Erfahrungen

Ich habe instinktiv vor fast 14 Jahren diesen Weg gewählt: Die individuellen Bedürfnisse des Kindes wurden stets wahrgenommen. Erst beim vierten Kind und mit fast vierzig Jahren jedoch bin ich erst in der Lage, dies in einer Tiefe zu tun, die ich selbst als erfüllend bezeichnen würde.

Ich verstehe unter Bindung – und Bedürfnisorientierung eine emotionale und zugleich reflektierte Geisteshaltung:

Ich habe im besten Fall hierbei – und das ist absolut wichtig – nicht nur die Gefühle meiner Kinder im Blick, sondern auch meine eigenen: Ich muss genau unterscheiden können, was ich für meine Kinder tue und ob ich vielleicht nur (unbewusste, eigene) Bedürfnisse in sie hineininterpretiere. Natürlich ist jedes Kind anders und es kann nicht alles für jedes passen. Und diese Basis alleine ist schon sehr fragil und schwierig.

Mir fiel beim jahrelangen Beobachten der Thematik Einiges auf:

  • Man muss sich vor der Geburt des ersten Kindes sicher und klar sein, dass diese Art der Begleitung voraussetzt, dass man sich komplett von alten (selbst erfahrenen) Erziehungsmustern gelöst hat oder lösen wird. Man kann einem Kind, zu dem man eine vertrauensvolle und respektvolle Bindung („auf Augenhöhe“) hat, nicht plötzlich sagen: „Oar, das ist schon wieder falsch, gib dir mal Mühe!“ oder „Es reicht mir! Du machst das jetzt, weil ich es sage!“  Es ist wenig sinnvoll, das Kind plötzlich nicht mehr da abzuholen wo es steht, sondern in alte Muster zu verfallen und vorübergehend auf einen hierarchischen Umgang umzustellen.

Attachment Parenting

  • Zugleich wird man immer wieder merken: Kinder wünschen Grenzen und Autorität – es ist unglaublich schwierig, langfristig eine Balance zu finden. Man muss einfach damit zurechtkommen, dass man andauernd neu austarieren und reflektieren muss. Das wiederum bietet aber auch Potential für eigene Entwicklungsschritte.
  • Diese Art des Umgangs eignet sich in aller Konsequenz eigentlich nur, wenn man wenige Kinder hat. Oder mehrere, dafür aber wirklich sehr gut darin ist, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und vor allem auch zu befriedigen. Letzteres ist unerlässlich, da Kinder zum Einen nach Vorbild leben und zum Anderen sicherlich einen nicht förderlichen charakterlichen Weg einschlagen, wenn ihre Bedürfnisse auch nach dem Kleinkindalter noch die allerwichtigsten der gesamten Familie sind.
  • Man muss weit entfernt vom Mutter-Mythos leben. Die „aufopferungsvolle, selbstlose Mutter“ ist die Antagonistin einer Frau, die zu den Kindern eine Beziehung auf Augenhöhe führen möchte. Schnell verliert sie sich zwischen den Bedürfnissen ihres Babies und des Kleinkindes. Und das kann sie kaum mehr stoppen. (Been there, done that …)
  • Kindliche Bedürfnisse sind nicht nur Wärme, Liebe, Vertrauen, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit und Co. Sondern auch emotionale Eigenständigkeit, Selbstständigkeit (im Alltag), Sich ausprobieren dürfen, Abnabeln, Grenzen spüren, sich am Gegenüber emotional reiben und in ihm spiegeln können, Anleitung finden. Man muss in aller Konsequenz bereit sein, auch diesen nachzugehen. Es kann schwierig sein, das kleine Mäuschen, das nachts in Mamas Arm schläft, am Morgen gleich mal alleine auf das höchste Klettergerüst zu lassen. Und es kann beispielsweise ebenso heftig sein, in einer engen Bindung belogen zu werden, dies darf man nicht persönlich nehmen, sondern das hinter der Lüge stehende Bedürfnis wahrnehmen. Im Grunde ist Attachment Parenting „für Babies und Kleinkinder gemacht“ – so las ich das neulich. Und da ist sicher etwas dran. Allerdings kann man es fortsetzen und das kommt nicht nur den Kindern zu Gute, wenn man bestimmte Punkte beachtet.
  • Die Eltern müssen beide mit diesem Stil des Umgangs vollkommen einverstanden sein.
  • Bedürfnisse äußern sich auf unterschiedliche Weisen. Und diese sind bekanntlich nicht immer angenehm. Man braucht innere Ausgeglichenheit, um auf die emotionalen Bedürfnisse gut eingehen und sie richtig einschätzen zu können.
  • Wenn man viele Kinder hat und wenig Unterstützung, dann ist das Leben anstrengend. Wenn man hier nun nicht auf seine eigene Bedürfnisbalance achtet, dann geht man unter. Aufopferung und Bindungsorientierung gehören nicht zusammen! Kindern soll nicht vermittelt werden „Solange du klein bist, nehmen deine Mitmenschen dich wahr, wenn du groß bist, darfst du deine Bedürfnisse auf den Müll werfen – so wie ich. Also werde lieber eine Petra oder ein Peter Pan.“
  • Selbstreflexion und Beobachtung der Familie ist wichtig, damit man nicht jedes Bedürfnislein sofort umsetzt („Eis! Aufmerksamkeit! Kuchen! Riesengeburtstagsparty!“) – denn das ist es, was aus einem Menschen einen selbstverliebten Dorian Gray macht, der seine Eltern irgendwann wütend ablehnt, wenn diese Rundumversorgung endet (mit dem eigenen Auszug, der frustrierten Mutter im Streik oder einer späten Einsicht der Eltern)

Bedürfnisse sind sehr individuell

Ich beschreibe hier meine persönlichen Erfahrungen mit unseren vier Kindern während der ersten Jahre:

Als ich 2002 Mutter wurde, gab es die Begriffe Attachment Parenting oder Bindungsorientierte Erziehung nicht. Zumindest nicht in meinem Umfeld und auch bis heute haben überwiegend internetaffine Eltern damit zu tun – so kommt es mir vor. Ich habe bisher nur zwei Mütter analog getroffen, die wussten, was das ist.

Und zugleich möchte ich anmerken, dass ich die klassischen Eckpunkte Familienbett/Langzeitstillen/Tragen etc. nicht oder aus sich ergebenden Bedürfnissen und Möglichkeiten nur eingeschränkt umgesetzt habe. Das wiederum gelte lediglich als Disclaimer. Ich bin mit meinen Entscheidungen dahingehend vollkommen d’accord, denn man kann seine Kinder ganz genau so bindungsorientiert begleiten, wenn man nicht langzeitstillt oder zusammen schläft. Es ist zudem eine emotionale, individuelle (und wissenschaftlich mehrfach belegte) Angelegenheit, auf welche Weisen man Bindung entstehen lässt. Ich habe sogar Zweifel daran, dass sie nötig sind, obwohl ich sie überwiegend befürworte. Denn das Wichtigste, so glaube ich, sind eine vertrauensvolle Kommunikation sowie ein empathischer Umgang miteinander.

Unsere Nummer 1 schlief im Jahr 2002 natürlich neben unserem Bett in ihrem Bettchen  – wir wollten sie bei uns in der Nähe haben. Gut, ich bekam kein Auge zu, weil der Gedanke, jederzeit von nur einem Schnaufen geweckt zu werden,eine nervöse Person mich eben vom Schlafen abhält. Ich fand es allerdings mehr als süß, meinen ganzen Stolz neben mir liegen zu sehen. Gern hätte ich sie mit ins Bett genommen, aber davor warnten mich Hebammen und Ärztin. Und auch mein Instinkt riet mir ab.

Nummer 1 war unruhig und sehr fordernd. Sie wurde mehr und mehr zu einem Schreibaby – ich stand innerlich unter Daueranspannung (später erst sollte ich begreifen, dass dies der Grundzustand der meisten Mütter während der ersten Jahre mit Kindern ist). Und meine Tochter anscheinend auch. Wir stressten uns gegenseitig. Jedoch war ihr Vater eher ausgeglichen und auf ihn reagierte sie ähnlich. Ich ahnte, dass ich ihr nicht ganz geben konnte, was sie brauchte – allein schon, weil ich einfach nicht herausbekam, was das war. Ich probierte daher Verschiedenes aus und lernte sie dadurch besser kennen. Ich erlernte ihre ganz eigene Sprache, in dem ich genau auf ihre Mimik und Gestik achtete.

Das Stillen fand ich furchtbar. Ich hasste es. (Hierzu werde ich bald einen eigenen Artikel verfassen, gemeinsam mit Jana vom Hebammenblog. Thema: „Wie fühlen sich Geburt und Stillen für Frauen an, die sexuelle Gewalt erlebten?“ Ich kann hier schon mal verraten: Es ist nicht so dolle.) Ich tat es natürlich dennoch, da es für mich zum Grundbedürfnis kleiner und besonders eben sehr kleiner Menschen gehört. Ich hätte es nur auch sehr gerne genossen. Stattdessen kippte ich regelmäßig, nachdem mein kleiner Barracuda meine Brüste binnen 5 Minuten beidseitig gelehrt hatte, wie das Opfer einer vampirischen Attacke auf das Sofa um und fühlte mich deliriös. Und dazu kam der psychische Stress, den das Stillen für mich bedeutete. (Das hat sich übrigens bis zum vierten Kind auch nicht geändert.)

Die Hebamme erwartete allerdings mit üblichem Druck von mir, ausgiebig zu stillen und als mein Instinkt mir sagte, die Trinkdauer sei zu kurz und das Kind anschließend zu unruhig, empfahl sie mir einfach durchzuhalten, noch öfter anzulegen und viel zu trinken. (Bis Nummer 1 Untergewicht hatte, mir ihr anhaltendes, verständliches Weinen den letzten Nerv raubte und ich letztlich nach 7 Monaten zufüttern musste).

Mir war es wichtig zu spüren, was mein Kind braucht. Ich stellte fest, dass dieses Kind, das tagsüber niemals mehr als zwei Stunden schlief und dennoch die Nacht zum Tage machte, etwas innerlich Getriebenes an sich hatte. Nummer 1 wollte immer mehr als sie konnte. Ich hatte bald begriffen: Dieses Kind wird erst zufrieden sein, wenn es laufen kann. Bis dahin müssen wir die Zeit überbrücken. Und mein oberstes Ziel war es, das Schreien meines Babies zu vermeiden, indem ich las, was es brauchte. Leider ließ sich ein Baby wie Nummer 1, das die Standardkriterien eines Schreikindes erfüllte, davon nicht immer so gut abhalten.

Nummer 1 war ungern im Kinderwagen aber gerne im Tragetuch oder der Tragehilfe. Sie mochte überhaupt körperliche Nähe nur in Form von Tragen. Also trug ich. Drückte oder küsste ich sie, wendete sie sich ab oder stemmte die Arme gegen mich.

Selbstverständlich ließ ich das sein. Ich gab ihr Nähe auf Distanz und wir scherzten, es sei mit diesem Mädchen, wie einen Kaktus zu umarmen. Wir akzeptierten es und ich respektierte ihre Gefühle. Sie fühlte sich in der Tat zufriedener als sie laufen konnte. Sie mochte es, die Kontrolle über ihren Aufenthaltsort zu haben. Sie war ein echtes „Äffchen“: Liebte es, wenn man mit ihr herumturnte und Blödsinn machte – stets humorvoll und lustig.

Nummer 1

Mit rund zwei Jahren kam die erste Autonomiephase. Ich ließ ihren Gefühle Raum. lenkte bisweilen um, begrenzte, wenn sie es brauchte. Und wir hatten selten Probleme miteinander. Ich kenne kein „Ich will den blauen Becher! Aaaaaaah!“, keine Wutausbrüche. Ich habe mich immer daran gehalten, dass ein Mensch, der sich gerade „anstrengend“ oder „unangenehm“ zeigt, etwas mehr gute Gefühle braucht und diese habe ich dann gegeben, um eine Balance herzustellen. Etwas Akzeptierendes wie „Du bist gerade wütend. Okay. Kann ich dir helfen? Nein? Auch okay“ hat bei ihr unterstützend gewirkt.

Inzwischen war Nummer 2 geboren und ich lernte ein Baby kennen, das in sich ruhte und sehr anhänglich war. Nummer 2 wurde von einem Familienfreund „Little Buddha“ genannt. Auch, weil sie fast 4 Kilo wog auf 50 Zentimetern. Vor allem aber, weil sie zufrieden wirkte. Sie wuchs zufrieden vor sich hin und wollte eher beobachten als mitzumischen. Mit ihr konnte man nicht herumaffen – dann erschrak sie. Sie bewegte sich manchmal wie in Zeitlupe – daher nannten wir sie eine kleine Schildkröte.

Nummer 2

Während Nummer 1 körperlich sehr geschickt war und niemals ein Fleckchen auf ihrem Kleidchen hinterlassen wollte, war Nummer 2 eher tollpatschig und wenig in ihrem Körper zu Hause. Irgendwie war sie immer verschmiert und ihre Klamotten dreckig: Sie war eine klassische Denkerin. Begann mit acht Monaten zu sprechen und „erst“ mit 15 Monaten holperig zu laufen. Dafür las sie dann mit 5 bereits fließend, nachdem sie es sich selbst beigebracht hatte.

Ich gab ihr viel Nähe und Zärtlichkeit, während Nummer 1 es eher mochte, mich nur in der Nähe zu sehen, um sich sicher zu fühlen.

Es gab keine Eifersucht zwischen den beiden: Ich hatte Nummer 1 während der Schwangerschaft nicht auf eine Spielkameradin vorbereitet, sondern auf ein pflegebedürftiges Baby. Und um dieses durfte sie – als ehrenwerte große Schwester – sich kümmern. Sie war eben die Größere und auf Grund dieses sicheren Gefühls (das definitiv eine Spur Überlegenheit enthalten durfte), akzeptierte sie ihre Schwester mit sehr viel Liebe und vor allem Verständnis. Sie lernte rasch, sich zurückzunehmen und ihre eigenen Bedürfnisse auch mal aufschieben zu müssen zu Gunsten eines noch kleineren Kindes, das noch nicht warten konnte. Ich zollte ihr meine Anerkennung und sie fühlte sich gut.

Nummer 2 wurde viel mehr getragen, gekuschelt und abgeknutscht – weil es ihr so gut gefiel. Sie forderte zugleich weniger Autonomie ein. Sie war ein Speikind und so mussten wir beide mehrmals täglich die Klamotten wechseln. Zum Einschlafen lag sie in einem Stubenwagen neben dem Elternbett, wo sie abends im Halbschlaf circa 2 Stunden lang vor sich hin brummte, ehe sie richtig einschlief. Zuvor lag mein Mann immer eine Stunde mit ihr kuschend auf dem Sofa: „Auf die Couch gepinnt werden“ nannte er das und es war auf die Dauer ein zunehmend einseitiges Vergnügen.

Ich unternahm mit den beiden Kindern immer öfter etwas. Nummer 1 liebte frische Luft und Bewegung. Nummer 2 liebte Liegen und Beobachten. Beide bekamen, was sie brauchten. Nummer 2 entwickelte sich zu einem wissbegierigen Kind mit sehr langen Frageketten, die ich ausnahmslos und immer beantwortete. Sie gierte nach Informationen, schloss Zusammenhänge, forschte. Sie brauchte dauernd Ansprache und Input. Und sie war von Beginn an sehr, sehr sensibel. Böse Zungen nennen solche Kinder gerne „Heulsusen“. Fakt ist: Sie empfand sehr viel. Gerüche, Laute, Geschichten, Gefühle an sich (Hochsensibilität – ja, das kann man so nennen. Wir respektieren dies und sorgen dafür, dass es ihr damit soweit gut geht.). Alles war immer „totaaal schmerzhaft“, trat ihr jemand auf den Fuß, so war es „mit voller Absicht!“, kam jemand in einer Geschichte zu kurz oder starb sogar eine Figur, konnte sie wochenlang darüber sehr traurig sein. Sie weinte sehr, sehr viel.

Während der Opa dies manchmal genervt mit „Bitte, Kind, stell doch mal deine Sirene ab“ kommentierte, nahm ich es seufzend (aber nicht weniger genervt) hin. Ich verstand: So ist das Kind nun mal. Aber es strengt natürlich an, wenn jemand viel weint. Und laut. Und vor allem nach jedem schönen Ausflug im Auto zu meckern und zu heulen. Ich habe gerne gesagt: „Being sad is her happiness“: Waren es zu viele gute Eindrücke gewesen, brauchte sie ein Gegengewicht, um wieder in Balance zu kommen. Sich frei entfaltende, vertrauensvolle Persönlichkeiten zeigen eben auch sehr viele Charaktereigenschaften. Diese sind für das Umfeld nicht immer einfach zu „ertragen“. Bedürfnisse kollidieren nun mal. Und umso öfter, je mehr Familienmitglieder da sind. Der eigene Raum wird zwangsläufig kleiner – viele Geschwister zu haben ist ein sehr natürlicher Zustand, in dem man sich selbst gut zu regulieren lernt. Das macht es aber nicht unbedingt entspannt und einfach für den oder die Einzelne/n

Nummer 1 „kochte ihr eigenes Süppchen“, war in sich zufrieden und eher introvertiert. Gemeinsam aber drehten sie jedoch auf und tauchten tief in Fantasiewelten ab. Hierbei habe ich sie niemals gestört, sondern mich immer danach gerichtet, dass sie diese herrliche Zeit voll auskosten können. (Aber wehe, ich hatte einen Telefonhörer in der Hand! Dann ließen sie alles fallen und suchten mich auf, um Bedürfnisse zu äußern. Habe das Telefonieren damals aufgegeben.)

Beide waren noch nicht im Kindergarten. Das änderte sich mit unserem Umzug, als Nummer 3 geboren wurde und das Studium meines Mannes beendet war:

Die beiden waren fünf, beziehungsweise 3 Jahre alt als Nummer 3 geboren wurde und etwas später kamen die beiden Großen in den Kindergarten.

Nummer 3

Auch dieses Mal wurde das kleine Wesen herzlich von den Größeren aufgenommen. Nur Nummer 2 zeigte Spuren von Eifersucht. Nummer 1, die „Erhalterin der Systeme“, wie wir sie gerne nennen, ging sofort auf in ihrer neuen Rolle als zweifache große Schwester.

Nummer 3 war ein Anfänger-Baby: Schlief wunderbar, brüllte niemals und sah sich tatsächlich zufrieden um, wenn sie auf einer Decke lag. Das kannte ich noch nicht: Die beiden ersten waren fordernder gewesen, ließen sich ungern ablegen. Nummer 3 schien ihre ganz eigene Weisheit mit zu uns gebracht zu haben und unser Job war wirklich eher klassisches Begleiten mit ab und an ein paar Hinweisen.

Sie liebte Selbstständigkeit, sprach mit zweieinhalb Jahren bereits ganze Sätze mit langen Nebensätzen und kletterte in unseren Apfelbaum. Auch hier ließ ich sie ihre Fähigkeiten ganz kennenlernen. Ihre Körperbeherrschung war erstaunlich. Sie redete bald ununterbrochen. Philosophierte über Gott und stellte allerlei erstaunliche Fragen, die beantwortet werden wollten. Sie brauchte viel Nähe und ein offenes Ohr, sowie viele Antworten.

Ich vermied Strafen, regte positiv an, kommunizierte gewaltfrei (und viel). Ich hielt mich an den wunderbaren Grundsatz, dass man für keine Information zu jung oder zu klein sein kann – sie muss eben nur entwicklungsgerecht mitgeteilt werden. Ich war und bin überzeugt, dass man den kindlichen Gehirn weit mehr „zumuten“ kann, als man im ersten Moment denkt. So erfuhren unsere Kinder nicht nur viele Fremdworte, sondern vor allem auch viele Zusammenhänge. Ganz gleich aus welchen Bereich: Literatur, Kunst, Geschichte, Politik, Sprachen … sie interessierten sich für alles Mögliche und erhielten sehr viele geistige Anregungen.

Nummer 2 erging sich weiterhin darin, sehr viel zu empfinden und dies deutlich auszudrücken. Sie weinte immer noch quasi andauernd. Und ich tröstete sie geduldig. Ab und an wurde mir das zu viel, aber ich fand, es sei wohl sehr inkonsequent, plötzlich nicht mehr die Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen und richtig zu behandeln, nur, weil es nun drei kleine Kinder im Haus waren, um die ich mich überwiegend alleine kümmerte.

Ich wollte vermeiden, dass Nummer 2 ein klassisches Sandwich-Kind werden würde – mit all den Repressalien, die das bekanntlich für ein Kind mit sich bringt. Also bekam sie sehr viel Aufmerksamkeit.

An dieser Stelle mag dem oder der einen oder anderen LeserIn der Gedanke kommen: „Puh, das klingt aber anstrengend: Drei so unterschiedliche Persönlichkeiten wahrzunehmen und deren Bedürfnisse aufzufassen und umzusetzen. Und irgendwie klingt es so, als käme die Mutter selber irgendwann etwas  zu kurz“

Exakt. Beides.

Die Mutter, das Individuum

Es ist so: Man hat doch ein gewisses Kontingent an eigener Energie. Diese entstammt der Grundenergie und der, die man generiert. Um sie zu generieren braucht man verschiedene Dinge (Maslowsche Bedürfnispyramide und so), auf die man achten sollte: Die eigenen Bedürfnisse. Bei nur einem oder zwei Kindern funktioniert das gut. Meine Erfahrung zeigt, dass es ab drei Kindern etwas haarig wird.

Ich bin nämlich auch ein Individuum mit Bedürfnissen, die Essen, Duschen und Schlafen übersteigen. In meinem Fall gab es da noch eine traumatische Kindheit mit all ihren Auswirkungen zu verarbeiten.

Mamaaa! (1)

Dies alles zusammen war zu viel.

Dennoch waren meine Kinder das Niveau der Bedürfnis- und Persönlichkeitswahrnehmung gewohnt. Ich konnte es ihnen schlecht entziehen oder einschränken, ohne negativen Einfluss auf sie zu nehmen.

Man kann sich dieses hohe Level an Energieausgabe jedoch nur leisten, wenn man viel Kontingent hat: Familienmitglieder, die helfen. Oder schöne Hobbies. Oder eine recht unbeschwerte Biographie. Wenn man nichts davon hat, wird auf Dauer die Freude über die Kinder nicht ausreichen, um das nötige Energielevel aufrecht zu erhalten.

Ich merkte es zunächst nicht: Die Jahre vergingen und die Kinder waren glücklich. Ich war glücklich. Ich war müde und auch manchmal erschöpft und oft echt auch genervt. Aber meine Mädels sich entwickeln zu sehen war für mich ganz herrlich. Ich bekam nicht mit, wie viel Energie es mich kostete, mich weitaus mehr um andere Menschen als um mich selbst zu kümmern. Und ich hielt meine Bedürfnisse klein mit den klassischen Gedanken, dass dies eben normal sei, wenn man Kinder hat. Dass Mütter sich eben hintenanstellen, was nicht mal bravourös, sondern erwartenswert sei et cetera.

Ich hatte neben meiner Freude an der eigenen Familie eine mich dauernd kritisierende Schwiegerfamilie. Ich war einfach nicht gut genug, egal, was ich tat. Und ich tat daher immer mehr. Ich hatte doch bereits keine liebevollen leiblichen Eltern – da hätte ich so gerne ein Ersatz-Nest gehabt. Leider konnte mich dieses potentielle Nest nicht leiden und schob mich, das unerwünschte Kuckuckskind, dauernd an den Nestrand. Die Atmosphäre war vergiftet, übergriffig und anstrengend.

Und das kostete vielleicht Energie! Diese musste ich aber auch aus dem Glück mit den Kindern ziehen. Ich begann das zu tun, was viele Mütter tun: Ich sublimierte eigene Bedürfnisse durch die Erfüllung der kindlichen Bedürfnisse. Soll heißen: Ich brauchte Zuspruch und Liebe. Und gab beides den Kindern. Um aus deren Freude und Sicherheit beides auch für mich zu ziehen. Das ist so, als würde man sich am eigenen Zopf aus dem Matsch ziehen. Oder seinen eigenen Atem aus einer Tüte atmen: Das geht nur bedingt gut.

Ich wollte mir etwas Schönes gönnen, so aus immer wieder aufflammender Selbstliebe. Und kaufte wieder nur etwas für die Kinder. Mit der Post-Partum-Figur waren Umkleidekabinen eh ein Gräuel und süße Kinderkleidchen passen den Kleinen immer perfekt!

Hatte ich eine Praline in der Hand, guckte Nummer 1 mir neidisch darauf und ich fühlte mich sofort egoistisch. Ich gab sie ihr. Nummer 1 hatte bereits als Baby blitzschnell in meinen kauenden Mund gefasst und mein Essen herausgenommen, um es selber zu verschlingen. Ehrlich wahr. Ich dachte: „Es ist ja nur Essen, die Kinder freuen sich mehr darüber. Ihnen ist das wichtiger als mir.“

Darauf folgten:

„Es ist ja nur eine Ruhepause, die Kinder brauchen mich aber bestimmt sehr dringend. Ich muss auch nicht dauernd nur ‚rumliegen!“

„Es ist ja nur ein Toilettenbesuch und kein Wellnesstag. Dann bin ich eben gestresst. Sie wissen es ja nicht besser.“

„Es ist ja nur ein seltenes Telefonat mit der Freundin und ich schließe mich auf dem Klo ein, um es zu Ende zu führen, während sie an der Tür hämmern. Aber man muss ja auch nicht dauernd labern.“

Ob ich manchmal wütend geworden bin? Oh ja, natürlich. Ich habe gezeigt, wenn es mir zu bunt wurde. Angebrüllt habe ich sie jedoch nicht. Ich bin manchmal lauter geworden und habe mich hinterher wie eine Versagerin in puncto Selbstbeherrschung gefühlt. Insgesamt war ich aber sehr, sehr langmütig. Und diszipliniert.

Als sie größer waren und gemeinsam ein Stündchen spielen konnten, begann ich wieder zu zeichnen. Das war mein Hobby. Ich zeichnete Comics. Von sexy Vampiren, die frei von Moral die Nacht besaßen. Hach. Das tat gut, so mitten zwischen Kleinkindkotze und den auf einen klapperigen Ständer balancierten Wäschebergen.

Aber es ging ja vermutlich allen Müttern so. Das hörte und las man ja. Also war es vermutlich der normale Lauf der Dinge. Man gab von seinen Bedürfnissen erstmal fast alle weg. Weil sie nicht so wichtig sind. Die Kinder gehen vor. Und sie sind der Quelle der Freude, der Energie und zugleich das tiefe Loch, in dem sie wieder verschwindet. Wer seine Freude nicht aus den Kindern zieht und dauernd glücklich ist, ist eine miese Mutter – so lernt man das schließlich.

Als Nummer 3 neun Monate alt war begann ich freiberuflich als Texterin zu arbeiten. Das tat mir sehr gut. Inhaltlich und auch wegen des Geldes. Ich hasse das Gefühl von Abhängigkeit nämlich. Unabhängigkeit ist eines meiner Bedürfnisse.

Ich war ganz erstaunt, dies festzustellen. Zugleich gestand ich mir nicht ein – da ich mein Bild von mir als Powerfrau zum Durchhalten so dringend brauchte – dass ich wirklich zu viel leistete.

Zudem hatte ich inzwischen- durch den Entzug derselben – weitere Bedürfnisse an mir festgestellt.

Nun aber war ich in meinem eigenen System gefangen und ich konnte sie kaum erfüllen. Ich liebte es eigentlich, mich in Ruhe zu schminken und gut anzuziehen. Ich quatschte eigentlich gern ausgiebig und ungestört mit Gleichaltrigen. Ich hatte eigentlich gerne Zeit für Kunst, Literatur, ein bisschen Schneiderei, ein Gläschen Wein, einen Einkaufsbummel, guten Sex. Eigentlich hatte ich eine Menge Fernweh und interessierte mich für fremde Länder und deren Geschichte. Ich liebte es eigentlich, allein zu sein. Ich mochte keine Fremdbestimmung. All das waren Merkmale meiner eigenen Persönlichkeit, die sich nicht komplett verändert, weil man Kinder bekommt.

Doof gelaufen.

Wie das Ganze für die Kinder und für mich weiterging? Und was die Kinder inzwischen selber über diesen Umgang mit ihnen sagen?

Das erfahrt Ihr bald in Teil 2

 

 

Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Eine sehr gute Idee!

Andreas Thema zum „kindlichen Nein aus elterlicher Sicht“ auf ihrem Blog Runzelfüsschen fand ich sofort spannend.

Als Eltern, die vielmehr begleiten statt klassisch zu erziehen, begegnet uns gerade dieses Thema schon lange und immer wieder. Klar, wir sind seit bald 14 Jahren Eltern und haben diverse Kinder – da bleibt es nicht aus, sich immer wieder mit den frei entfalteten Individuen um uns herum auseinanderzusetzen. Und zwar konstruktiv, bitteschön.

Ich las mich ein wenig durch die bereits zur Parade verfassten Artikel und überlegte:

„Tja, wie sieht das denn bei mir aus? Wie gehe ich mit einem kindlichen Nein um? Und wie handhabe ich es überhaupt mit diesem Wort?“

Das N-Wort

Dieses Wort – wie wir alle schon gefühlt Tausend Mal gehört haben – ist basal wichtig für das gesamte Leben. Von der aktuell (endlich!) groß diskutierten sexuellen Selbstbestimmung, bis hin zur Abgrenzung, zum Schutz vor Überforderung und Erschöpfung: Das Nein ist einfach genial. Allerdings nicht genial einfach in der Ausführung.

Das Nein ist die Kür des Selbstbewusstseins. Das Nein fragt nicht danach, ob Nein-SagerInnen trotzdem lieb gehabt werden. Das Nein will schützen, ausdrücken, ablehnen, klarstellen. Es will nicht für Harmonie sorgen, sich anpassen, gemocht werden, lieb sein und helfen wie das Ja.

Wobei diese Klassifizierungen eventuell Klischees sind, die sowohl das Ja selbst als auch das Nein im Sinne des gleichberechtigten und vorurteilsfreien Umgangs ablehnen würden.

Schauen wir uns doch beide mal im von uns Eltern gel(i)ebten Alltag situativ an:

„Nein, es gibt jetzt keine Bonbons.“

Dieser Satz wird von Kinder zwischen rund 2 und 20 Jahren sehr ungehalten aufgefasst. Mögliche Reaktionen: Wutanfall mit und ohne Tränen sowie mit und ohne gesamten Einsatzes des Körpers, Betteln, Schimpfen oder vernunftbegabte Akzeptanz im Verbindung mit mühsam erlerntem Bedürfnisaufschub. Letzteres eher selten und überwiegend erst bei Kindern ab circa 21 Jahren gut zu beobachten.

„Nein, wir bleiben nicht länger hier. Wir fahren jetzt nach Hause.“

Nun, dies ist eine situationsabhängige Aussage: Beim Zahnarzt löst sie etwas mehr Begeisterung aus als auf dem Spielplatz oder beim Besuch einer befreundeten Familie mit netten Kindern, Kuchen und einem Kachelpool.

„Nein, du darfst deiner Schwester nicht an den Haaren ziehen! Hör sofort auf!“

Auch hier ist die Freude beim Hören des Satzes eher einseitig: Nur die Schwester mag Erleichterung zeigen. Ehe sie zur Rache übergeht. Dann ist ein weiteres Nein gefragt.

Das Nein ist knallhart. Bereits der Buchstabe N kann nach einer kontinuierlichen Benutzung über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten Unbehagen auslösen. Eine Nein-Phobie entwickelt sich. Viele Menschen sind betroffen.

Dies betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Hier sind es besonders (diverse, einige, nicht ganz so wenige) Männer, die eine Ablehnung als Vernichtung ihrer Gesamtgeschlechtsidentität nicht hinnehmen wollen und straffällig werden. Nein scheint also auch Gefahren zu bergen. Nein wird nicht immer akzeptiert. Und ist dennoch nötig.

Das sollte man also vorleben: „Ich akzeptiere Dein Nein“ ist absolut wichtig für die Entwicklung eines Menschen. Es steht für Akzeptanz und Respekt. Und sollte von beiden Seiten gelebt werden: Von Kindern und Eltern.

Akzeptieren lernen oder sanft umschiffen?

Anja von der Kellerbande beschrieb in ihrem Beitrag zur Blogparade, ein Nein könne man umschiffen, indem man es positiv umformuliert. Das ist eine sehr gute Idee – die ich auch immer gerne verwende, wenn sie denn umsetzbar ist.

Manchmal erscheint es mir wie eine Toddler-Tortur, wenn die anderen Familienmitglieder Nummer 4 genüsslich ein Nein präsentieren. Wie ärgert er sich und regt sich auf, wenn sie in dieser besonderen „Nun-lernst-du-etwas-über-Konsequenz-und-so“-Art das Four-Letter-Word einsetzen. Und dann weint er meistens. Komisch.

Nein! Niemals!

In der Tat finde ich „Nein, wir gehen jetzt nicht in den Garten. Nein, da regnet es.“ wesentlich unglücklicher formuliert als „Lass uns drinnen spielen, ja? Draußen werden wir im Moment einfach zu nass. Wir gehen raus, wenn es nicht mehr regnet.“

Na klar, gleich nach dem Essen

 

Allerdings ist es wichtig, Möglichkeiten zu bekommen, um zu lernen, das Nein zu akzeptieren. Daher sollte es dann und wann zum Einsatz kommen. Es zu umschiffen ist sicherlich sinnvoll, um das Kind nicht andauernd seiner gesamten negativen Gefühlspalette auszusetzen. Vor allem eben, wenn es noch klein ist. Zugleich aber sollte es begreifen, wo Grenzen sind. Das ist eine Erfahrung, die es unabdingbar für seine Entwicklung braucht.

Vorbild sein

Wie so oft. Nein – leider wie immer – ist es unerlässlich, ein Vorbild zu sein. Am besten ein gutes. Ein schlechtes Vorbild ist natürlich auch nicht zu verachten – oft ist es ja das Einzige, wozu man an manchen Tagen taugt.

Insgesamt sind wir ja aber immer darum bemüht, möglichst fehlerfrei durch die Elternphase des Lebens zu kommen. Auch wenn das vollkommener Irrsinn ist – aber so sind wir liebenswürdigen, liebenden Eltern eben: Wir wollen für unser Kind so viel Glück, Erfüllung und innere Sicherheit wie möglich. Das zeichnet uns aus.

Und wenn man nur ein gutes Vorbild ist, dann reagieren Kinder binnen kurzer Zeit wie in folgendem Beispiel:

Kind: „Nein, Mama, ich brauche keine Jacke. Neeeeiiiiin!“

Mutter: „Aber es sind nur 8 Grad draußen und es regnet. Du wirst krank. Und überhaupt: Kannst du das nicht mal positiv formulieren? Mich nervt dein dauerndes Nein!“

Kind: „O-okay: Ich möchte bitte lieber keine Jacke anziehen. Ich mag den Regen auf meiner Haut und im Auto ist es dann eh wieder so warm, dass ich schwitze.“

Mutter: „Na bitte. Geht doch. Hab ich dir doch auch so vorgemacht – das positive Umformulieren.“

Pö-hö. Ja, da könnt Ihr lange drauf warten, dass es so abläuft – aber es wäre nett, ne?

My beloved room: Die Meta-Ebene

Es geht aber in der Tat schon in diese Richtung, wenn man mit dem Kind die Meta-Ebene nutzt. Etwas, das ich persönlich eh immer gern mal empfehle: In Partnerschaften ebenso wie in der „Erziehungs“-Beziehung.

Die Meta-Ebene ist ein Ort, an dem weder Vasen noch Schimpfworte fliegen. Dort trifft Verstand auf Verstand. Und das Drumherum wird draußen gelassen. Ein sicherer Raum, in dem jeder sprechen kann. Der/die eigene, innere/r MediatorIn spricht und hört hier zu.

Bei uns geht das so:

„Okay, Kinder, ihr wundert euch, warum ihr in letzter Zeit mehr Aufgaben im Haushalt bekommt. Das erkläre ich euch, damit ihr nicht etwas übergestülpt bekommt, dessen Hintergrund ihr weder kennt noch zu dem ihr etwas sagen könnt. Ich habe das probeweise so eingeführt, weil ich bemerkt habe, wie ihr in eine Dysbalance geratet, weil ihr den gesamten Nachmittag im Bett liegt. Es ist wichtig, dass man Phasen von Entspannung mit Phasen von gesunder Anspannung abwechselt. Einseitige Überbetonung führt zu allerlei mistigen Gefühlen. Wie fühlt ihr euch, nachdem wir das nun einige Tage so ausprobiert haben?“

So habe ich das hier erst vor wenigen Tagen gesagt. Und schon habe ich die Kinder, die sich durch diese Art meines Respekts gewertschätzt und wahrgenommen fühlen, ein Stück weit auf der Meta-Ebene. Sie protestieren zwar dennoch maulend, wenn sie anschließend die Küche aufräumen müssen, aber sie tun es im Bewusstsein unserer Begegnung auf der Meta-Ebene. Und nehmen es an, weil sie zuvor einräumten, es sich eigentlich so zu wünschen: Mehr Aufgaben und dadurch auch mehr innere Ausgeglichenheit sowie das gute Gefühl, ein konstruktiver Bestandteil der Familie zu sein.

Die Meta-Ebene.png

Und das mache ich schon mit dem Kleinsten so.

„Ich würde dir supergerne gläserweise Bonbons geben, mein Süßmann. Aber das geht nicht. Dann würdest du schlechte Zähne bekommen und wärst irgendwann ganz dick und könntest krank werden. Leider darf ich das nicht. Ich würde gerne, aber es geht nicht.“

Ja, er weint dann trotzdem vielleicht im Gedanken an Gläser voller Süßkram, aber er versteht, dass auch ich nicht die allmächtige Entscheiderin bin. Es geht eben nicht um Macht, sondern um Notwendigkeit und Sachzusammenhänge.

Später sagte er dann: „Ich will noch einen Keks. Ich will dick werden. Das finde ich schön.“

Gut Ding will Weile haben und so …

Die Dosis macht’s

Das Nein verwende ich nicht inflationär, sondern mit Bedacht. Und meist lasse ich es einfach weg. Außer es hat konkret einen rhetorischen Nutzen.

„Können wir tauschen?“

fragt Nummer 4 gerne, wenn er sein Eis fast weggeschleckt hat und dann auf meines guckt.

„Nein. Ich habe mich auch auf mein Eis gefreut. Und du hattest schon eines. Aber ich lasse dich gerne mal lecken.“

Na klar kann die brave, aufopferungsvolle Mama hier sofort eilends und fast beschämt über das eigene Eisschleckbedürfnis hinweg ihre Kaltspeise komplett weiterreichen. Und genau das habe ich früher auch getan. Mir fehlte einfach der Mut, mich entgegen dem pädagogischen Mainstream zu verhalten (Hoch lebe der Mythos der aufopferungsvollen Mutter ohne eigene Bedürfnisse!). Das ist aber falsch. Denn die Lehre des Kindes hierdurch ist:

„Die sagt immer Ja und gibt mir alles. Als Mutter denkt man nie an sich. Wenn ich mal Mutter werde, dann gebe ich auch immer allen alles bis ich ganz leer und erschöpft bin. Ich bekomme als Kind immer, was ich will und als Erwachsene gar nicht mehr. Vielleicht sollte ich schön viel an mich reißen, so lange ich klein bin und dann am besten nicht erwachsen werden, denn immer mein Eis abgeben zu müssen stinkt mir bereits jetzt schon.“

Vielleicht ist es gut, Kindern zu zeigen, was wichtig ist. Und was nicht. Sich ein Eis zu gönnen ist gut und richtig. Sich alles wegschlecken zu lassen nicht unbedingt. So sehe ich das zumindest inzwischen. Daher gibt es dann ein gesund abgegrenztes Nein von mir.

So viel aus unserem Hause zum Thema Nein.

 

 

 

 

 

Entwicklung: Jedes Kind ist anders

Entwicklung: Jedes Kind ist anders

„Deine Kinder sind alle so unterschiedlich! Wieso sind die so?“

Manchmal werde ich gefragt, wieso unsere vier Kinder alle so derart unterschiedlich sind und sage:

„Ich nehme an, das liegt an unserer erzieherischen Grundeinstellung. Sie sollen ihre Persönlichkeiten frei entfalten können – eine Persönlichkeit besteht eben nicht nur aus Kreativität und Empathie. Sondern auch schon mal aus Opportunismus und Taktlosigkeit. Dadurch ist das Ganze anstrengend, aber auch uneingeschränkt bereichernd.

Sie dürfen sich ganz zeigen. Und natürlich begleiten wir sie auch durch analytisches Betrachten aller Anteile, so weit das möglich ist. Das Ziel ist bei allen gleich: Wir möchten sie dabei unterstützen, selbstständige, einfühlsame, selbstbewusste und vor allem zufriedene Erwachsene zu werden. Das ist ein sehr anstrengendes aber auch bereicherndes Unterfangen.“

Jedes Kind ist anders – hört man oft. Was bedeutet das denn genau? Was brauchen Kinder, um sich frei zu entfalten? Und wohin führt das unter Umständen?

Liebevolle Begleitung

Ein Kind wird auf dem Lebensweg begleitet. Es geht die erste Zeit an unserer Hand. Nach und nach lösen wir unseren Griff. Wir gehen dann neben oder hinter ihm. Es selbst wählt aber den Weg.

Es wird nicht gezogen oder geschoben. Manchmal ein wenig gestupst. Aber so selten wie möglich. Das Wort Erziehung stößt uns manchmal auf, weil wir das Verb „ziehen“ darin nicht so gelungen finden. Wir begleiten. Klingt schön, oder? Dennoch wähle ich den Terminus „Erziehung“ dennoch, weil er allgemein gefasst und dadurch ebenso allgemein verständlich ist.

Wir sind dankbar, wenngleich manchmal maßgeblich erschöpft, unsere Kinder anvertraut bekommen zu haben.

Das bedeutet keinesfalls, dass wir nicht etwas wie die „Juulschen Leitwölfe“ sind. Oft geht Erziehung auf Kosten von Beziehung baden. Es ist sehr schwierig, da immer ein Gleichgewicht zu finden. Unsere Kinder sind ein wenig zu sehr vor dem Leben geschont und auch verwöhnt worden. Es ist schwer, das im Nachhinein auszugleichen. Aber während Kinder klein sind, kann man die ganzen Auswirkungen des Umgangs mit ihnen nun mal noch nicht so gut erkennen wie zu späteren Zeitpunkten.

Dennoch ist ihre Persönlichkeitsentwicklung sehr gut gelungen. An der Alltagstauglichkeit arbeiten wir momentan (seit fast einem Jahr) gemeinsam. Auch auf Wunsch der Kinder hin, die sich beklagten, weil sie merkten, dass sie sich etwas unselbstständig fühlten und Einiges dazu lernen wollten. Nun klagen sie über viele Aufgaben, die sie bekommen. Weil sie es gewohnt sind, dass sie ebenso verwöhnt wurden wie viele andere auch – es ist eben halt ein Teil des Zeitgeistes. Und ich hatte nicht immer das Selbstbewusstsein, einen anderen, einen eigenere Weg einzuschlagen. Vor allem, da man mich gelegentlich schon als eine Art Dompteurin oder Felddragoner bezeichnet wurde.

Ja, sie sind verwöhnt – ein Ausdruck, an dem sich viele stoßen. Sie sind an Dinge gewöhnt worden, die sie als Selbstverständlichkeit annahmen. Es ging ihnen übergut. Nun werden viele sagen: Wie passt das denn zusammen? Einerseits von Beziehung quatschen und dann sagen es ging den Kindern zu gut? Es kann einem doch gar nicht zu gut gehen!“

Doch. Das kann es. Und das ist dann wiederum gar nicht mehr gut. Ich habe viel gelernt aus den Ergebnissen meiner Erziehungsüberzeugungen. Und da wir ja noch einen kleinen Menschen hier haben, werde ich bei demselbigen etwas anders vorgehen, wenn auch der Grundsatz der Bedürfnisorientierung bleibt – ich habe gelernt, dass man sich ab drei Kindern eigene und neue Modelle überlegen muss, um diesen Grundsatz zu ergänzen.

So viel zum selbstehrlichen Fazit nach fast 14 Jahren Elternsein mit mehr Beziehung statt Erziehung.

Der individuelle Weg

Auf dem oben erwähnten Lebensweg vermitteln wir Eltern natürlich Regeln und Wertvorstellungen. Diese bilden einen Leitfaden. Der Rest ist individuelles Tempo und eine eigene Entfaltung. Diese wird  – ganz natürlich – durch die Anzahl der in der Familie lebenden Personen beschränkt. Eine One-(Wo)Man-Show kann hier bei uns keiner veranstalten. Dazu bietet eine größere Familie einfach keinen Raum. Dies kann einschränkend sein, aber das nicht nur im negativen Sinne.

Es ist ein ur-natürliches Gefüge, in einer Familie zu leben. Und diese muss nicht nur aus drei Personen bestehen. Wohl und sicher fühlen wir Menschen uns mit einem Kreis aus rund 20 bis 30 Personen. Unserem uralten Sippengefüge. Im Kern befindet sich der jeweils eigene Kreis. Drumherum sind Tanten und Onkel, da sind Großeltern und Geschwister. da sind Schwägerinnen und Großcousinen. Alle helfen mit. Äh, halfen. Heute sieht das etwas mitunter etwas anders aus in der Sozialstruktur:

Mutter+Vater+1,3 Kind(er)

Jede weitere Person, schränkt ein und bereichert, lehrt und lernt. Es ist ein sehr interessantes Wechselspiel verschiedener Aspekte.

Um Raum und Sicherheiten zu gewährleisten, legen wir Menschen Regeln fest. Auch innerhalb unserer Familien.

Wir sind viele

Klingt, wie aus einer Broschüre, hm? 😀

Unsere Haus-Regeln lauten beispielsweise (Auszug): 

  • Jeder trägt seinen Teil zum Familienleben bei. Wir teilen Spaß und Arbeit.

(Das ist mitunter echt anstrengend zu vermitteln.)

  • Unser Umgang ist geprägt von Respekt. Keine Lügen, keine Schimpfwörter.

(Respekt ist unabdingbar. Lügen und Schimpfwörter kommen jedoch vor, werden aber         sofort besprochen.)

  • Jeder darf sich entfalten. Außer er stört den Raum des Anderen.

(Das bekommen wir im Allgemeinen gut umgesetzt. Ging in der Vergangenheit aber              fast ausschließlich auf Kosten der elterlichen Räume-> verwöhnt!)

  • Vorlieben, Abneigungen und Interessen werden geschlechtsunabhängig akzeptiert.

(Das stellt überhaupt kein Problem dar. Man muss sich selbst allerdings fortlaufend               reflektieren und beobachten. Denn manches schleicht sich unbewusst ein.)

  • Niemand geht frustriert oder traurig ins Bett.

(Von meiner Mutter übernommen: Vor dem Schlafengehen wird sich                  vertragen/ausgesprochen)

Unsere Werte sind beispielsweise (Auszug):

  • Unsere Mitmenschen werden respektvoll, höflich und freundlich behandelt. Wir achten besonders auf Andere, die älter sind oder eingeschränkt. Hierbei vergessen wir jedoch nicht unseren Selbstschutz.

(Jeps, unsere Kinder bieten älteren Menschen oder Schwangeren immer einen Sitzplatz an. Sie begrüßen Gäste und beherrschen die allgemeine Etikette erstaunlich gut. Sie können sich im Notfall jedoch auch überwiegend gut verteidigen.)

  • Wir besprechen Probleme miteinander und arbeiten lösungsorientiert zusammen.

(Wir analysieren und überlegen. Irgendwie findet man immer eine Lösung. Problemverliebtheit ist nicht so unser Ding.)

  • Wir respektieren andere Menschen und sind interessiert an ihrem Leben.

(Klappt auch bestens.)

  • Glaube und Philosophie sind Elemente unseres Alltags

(Es ist nicht nur unser Augustinus mit ihrem Tischgebet. Wir reden sehr viel über Weltanschauungen, Psychologisches und Glaubensthemen verschiedener Richtungen.)

  • Wir sind ein konservativer Haufen. Mit einer guten Portion Freigeist.

(Die berühmte Wurzel-und-Flügel-Geschichte Goethes: Die klassischen Werte erden uns und so können wir getrost den Kopf in die Wolken recken. Oder könnten: Denn oft genug vergisst man die Leichtigkeit, wenn man zu lange im Alltagszahnradgetriebe steckte …)

Viele Individuen

Werte und Regeln bilden den Entwicklungsrahmen. Darüber hinaus entfalten sich unsere Kinder frei.

Wir haben oft Vorstellungen davon, wie ein Mensch sein sollte oder könnte. Es ist nicht nötig, jedes Talent zwingend zu nutzen oder jede Anlage fördern zu müssen. Kinder bringen alles mit, das sie brauchen. Wir brauchen nur ausreichendes Vertrauen in sie.

Und in uns selber.

Kinder zu begleiten bedeutet oft auch, sich zurückzunehmen. Und sie machen zu lassen. Manchmal lässt man sie dabei zu sehr alleine und manchmal begluckt man sie zu sehr. Allermeistens passiert Letzteres.

Kinder können sehr gut entscheiden, ob es zu viel oder zu wenig Begleitung ist. Es ist wichtig, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu erschaffen, in der sie dies auch mitteilen können.

„Mama, ich brauche deine Hilfe.“

ist genau so wichtig anzuerkennen wie

„Äh, das kann ich echt schon alleine, Papa!“

Wichtig ist, in sich selbst hinein zu fühlen. Wir alle tragen in uns Zweifel und Ängste. Diese zu erkennen und sorgsam mit ihnen umzugehen, ist eine große Aufgabe. Ich persönlich neige dazu, eine Glucke zu sein. Und während das bei kleineren Kindern noch auf mehr als Toleranz stößt, ist es für größere Kinder hinderlich. Also reflektiere ich:

Ein älteres, persönliches Beispiel:

„Warum möchte ich mich gluckenartig auf meine Küken setzen und immer auf sie aufpassen?“

Antwort: „Weil ich sie sicher und behütet aufwachsen sehen will. Ihnen soll nichts von dem passieren, was mir passierte.“

Lösung: Ich darf meine Ängste und Einschränkungen nicht auf meine Kinder übertragen. Also beobachte ich aufmerksam, wo ich die Grenzlinie zwischen Begleiten und Beglucken ziehe. Und zwar individuell bei jedem Kind. Und nebenbei sollte ich vielleicht noch ein wenig meine Kindheit aufarbeiten, wenn ich mir das so ansehe …

Ehrliche Selbstreflexion ist eigentlich unabdingbar. Dazu ist es sehr schön, eine/n PartnerIn zu haben, mit der oder dem man vertrauensvoll besprechen kann, was man entdeckt. Und in diesem Vertrauen sollte man auch annehmen, was das gegenüber beobachtet. Das fällt uns oft schwer, weil wir alle oftmals so tief verunsichert sind. Alles fühlt sich wie Kritik an und wenn man brav war, dann wird man nicht kritisiert: Wir sind alle Kinder klassischer Erziehung: „Brav „= Lob und „Böse“ = Sanktion.

 

Begleitung voller Aufmerksamkeit ist für mich ein Ausdruck von dem, was ich als Respekt empfinde.

Ich bin gut

Erstes Kind, zweites Kind – noch mehr Kinder

Das Kind entfaltet sich innerhalb des gebotenen Rahmens und dieser verändert sich mit wachsender Familie. Eine Familie entwickelt sich im besten Fall immer weiter.

Wie meine Mutter so schön sagte (und das kann ich trotz meiner hier und auch hier beschriebenen tief sitzenden Probleme mit ihr guten Gewissens teilen):

„Ein Kind nimmt jeden Raum ein, der sich ihm bietet. Er spürt diesen instinktiv und nimmt ihn komplett ein. Das ist seine natürliche Art und auch ein Recht: Sich Raum erarbeiten und für sich sorgen.

Als ich klein war, da war der Raum sehr eng. In den 1950ern. Da mussten Kinder schweigen, wenn Erwachsene sprachen und bekamen durchaus auch Schläge, wenn sie dies missachteten.

Heute fahren Kinder Erwachsenen und auch anderen Kindern einfach ins Wort. Die Mutter lässt sich unterbrechen und wendet sich dem Kind meist sofort zu, wenn sie unterbrochen wird. Das ist sehr viel Raum. Darüber könnte man diskutieren. Es ist aber eine Gegenbewegung zum alten Stil. Und den lehne ich eigentlich ab. Aber das Ganze muss sich noch einpendeln auf ein für beide Parteien gesundes Maß.“

Beim ersten Kind hat man oft genaue Ideen und Vorstellungen. Manchmal sublimiert man Dinge, die man selber  als Kind vermisste. Man beginnt mit dem Elternwerden auch, seine eigene Kindheit und die eigenen Eltern zu hinterfragen.

Durch das erste Kind kommt man seinen Eltern oftmals näher, fragt um Rat und bindet deren Erfahrungen mit ein. Oft hat man auch Vorsätze wie a) Das hat meine Mutter immer gemacht und ich finde es ätzend. Da mach ich glatt das Gegenteil. Oder b) Das hat meine Mutter immer gemacht und ich finde es klasse. Das mache ich auch. Man sucht Orientierung. Und diese oftmals am Anfang in Extremen.

Das zweite Kind zeigt die eigenen Grenzen der Aufmerksamkeit und Leistung auf. Während das erste die gesamte Aufmerksamkeit bekam, kann das zweite auf mehr Freiheit hoffen. Zugleich steckt es natürlich, genau wie das Erstgeborene ab der Geburt jeden weiteren Kindes, in einer Konkurrenzsituation. Auch dies prägt die Entwicklung.

Über das dritte Kind sagen viele (die kein solches haben): „Das dritte läuft so mit!“ Nein. Das tut es nicht. Und das sollte es auch nicht. Es muss ohnehin die elterliche Aufmerksamkeit gleich mit zwei anderen Kindern teilen. Und da sollte es Raum für die eigenen Bedürfnisse erhalten. Hier helfen beispielsweise feste Rituale. Und auch die Erinnerung der größeren Kinder, dass sie eben genau dies sind: Älter und größer. So kann das Jüngste erst einmal in Ruhe ein Küken sein. Das Erstgeborene hat nun zwei „unter sich“, eines davon besonders niedlich (Baby) und eines in der Mitte, das nach oben strebt während es vielleicht regrediert, um mit dem Baby mithalten zu können. Schnell wird das Erste dann „vernünftig“ und zeigt sich als erhaltendes Element im Familiengeflecht.

Kindliche Eifersucht kommt durch Konkurrenzempfinden (unter Anderem, aber es lässt sich darauf zurecht kürzen) und diesem haben wir in unserem Familiensystem immer entgegengewirkt, indem wir klarstellten: „Das Baby ist sehr klein. Es kann nicht viel und darf nicht so viel wie du. Du bist größer, kannst und darfst mehr. Wir alle wollen, dass es dem Baby gut geht. So wie es dir als Baby gut ging. Auch wenn es manchmal anstrengend ist – wir bekommen das hin! Elterliche Liebe wird niemals geteilt. Sie wird immer mehr, je mehr Kinder man hat. Liebe kann wachsen, mache dir da keine Sorgen.“

So kamen die Großen eher in eine verständnisvolle und pflegerische Position. Sie empfanden trotzdem manchmal Eifersucht und teilten diese aber dann vertrauensvoll mit. Wir haben dann immer Lösungen gefunden oder zumindest klärend gesprochen.

Die freie Entwicklung des vierten Kindes ergibt sich bei uns im Rahmen der Überbetreuung durch die gesamte Familie: Alle wollen den kleinen Süßmann kuscheln und mit ihm spielen.

Unser Nachzügler verbringt ganz bewusst jeden Vormittag bis halb Eins bei Tageseltern, die gleichaltrige Kinder betreuen. Als er dort die ersten Mal war, begriff er gar nicht, was für ein seltsamer Vorgang es war, dass ihm jemand etwas wegnahm. Er konnte sich absolut nicht dagegen wehren. Schließlich kannte er es nur so, dass ihm alles gebracht und erleichtert wird. So lernt er bereits vor dem Kindergarten mit seiner großen Gruppensituation mit anderen Kindern auch Konflikte zu erleben.

In Ruhe lassen

Unsere ersten beiden kamen mit nur 17 Monaten Abstand zur Welt. Sie spielten viel zusammen. Ich habe mich immer, wenn sie alleine zu spielen begannen, herausgezogen und auch herausgehalten. Das selbstständige Spielen zu fördern war eine meiner Prämissen. Und ich habe von unseren Kindern bis heute höchstens ein Mal im Jahr „Mir ist laaangweilig“ gehört.

In Ruhe spielen, wachsen, probieren und forschen lassen. Alle Fragen beantworten. Kein „Dafür bist du zu klein“ – weder bei Aktivitäten, noch bei möglichen Antworten.

Alle Fragen werden beantwortet. Ja, auch die peinlichen und unangenehmen. Es hilft auch hier, sich zu selbst zu hinterfragen, warum man bestimmte Dinge nicht so gerne beantworten möchte. So habe ich das zumindest immer gehalten.

Und netter Weise erhalte auch ich immer Antworten. Manchmal muss ich mehrmals nachfragen, aber irgendwann teilen sie sich doch mit. Und dann zumeist recht eloquent.

Jede Familie ist anders – jedes Kind auch

Jede Familie lebt nach ganz eigenen Vorstellungen. Und das ist großartig. Außer die Gesundheit oder sonstige Unversehrtheit der Kinder ist gefährdet – aber davon sprechen wir hier nicht. Sondern von liebenden Eltern, die das Glück der Kinder im Auge haben.

Innerhalb dieser gesunden Vorgaben wachsen die Kinder auf. Wenn man sie nicht in bestimmte Richtungen zieht, sondern eher zuschaut, welche Wege sie selber wählen, dann lernt man sie nicht nur gut kennen, sondern lernt oft auch, wie richtig sie in ihren Selbsteinschätzungen liegen.

Gibt es Leidensdruck, weil bestimmte Probleme immer wieder auftreten, dann ist man natürlich gefragt, direkt zu unterstützen. Manchmal brauchen sie einen Schubser in Richtung Selbstständigkeit, denn das ist etwas, das momentan nicht ganz oben auf der pädagogischen Liste des elterlichen Mainstreams steht. Für manche schon, klar. Aber ich nenne es bewusst Mainstream: Eine Haupt-Strömung ist das.

Kinder entfalten sie sich eigentlich von ganz alleine. Und ich sehe immer wieder Kinder – oder lese bei meinen Blogger-KollegInnen darüber – die frei aufwachsen dürfen. Dies meint keine kleinen Narzissten, um die sich eine ganze elterliche Welt dreht (und die für sie belastender Weise auch der Mittelpunkt der selben sein müssen). Sondern ganz wunderbar freie Menschen, die forschen, basteln, sich mit Matsch beschmieren, in Pfützen springen, Fragen stellen, ihr eigenes Tempo haben und sich selbst kennenlernen dürfen.

Und zum Schluss: Unsere Vier

Einzig nicht artig

Nummer 1 (13 Jahre) hat ein spannendes Spektrum zwischen schüchtern-verzagt und lauthals-für-Andere-einstehend. Sie ist unsere Jeanne D’Arc, die sich für Andere einsetzt und sich zugleich bis vor einer Weile kaum traute, im Supermarkt nach der Schlagsahne zu fragen.

Sie war als Baby ein Schreikind oder High Need Baby. Zugleich hasste sie körperliche Nähe von Beginn an. Wollte aber auch nicht abgelegt werden. Ein Teufelskreis aus malträtierten Nerven, verrücktem Glück und völliger Übermüdung. Sie schlief jedoch mit vier Monaten durch und verlagerte ihre bedürfnisintensive Art auf den Tag. Sie krabbelte mit 7 Monaten, lief mit 12 Monaten, sprach ab 18 Monaten. Davor interessierte Sprache sie wenig.

Sie war bisher immer enig romantisch, bisweilen etwas herb. Sie besitzt eine wundervolle Selbstironie und ist sehr zuverlässig. Aber sie kann auch ganz formidabel prokrastinieren. Was sie jedoch sehr genau weiß und gerne loswerden möchte. Sie bittet um Hilfe, wenn sie welche braucht und bekommt sehr viel ganz alleine hin. Ihre Umarmungen sind herzliche Klopfer, wie ich sie unter Kumpels erwarte. Zugleich ist sie sehr feinfühlig, aber nicht hypersensibel.

Sie ist gerne mit ihrer Familie zusammen und chillt gern. Sehr gern. Gute Leistungen zu erbringen macht sie sehr glücklich.

Sie findet Schminke, Nagellack und Ähnliches ziemlich affig und mag es sehr natürlich. Sie liebt Geschichte und Fremdsprachen udn hat bereits seit Jahren einen festen Berufswunsch. Sie will Lehrerin werden.

Zudem ist sie in der Pubertät und das bedeutet, wir können gespannt sein, was für ein Schmetterling am Ende herauskommt. Vielleicht ist es auch ein Bombardierkäfer. Man weiß es noch nicht ❤

Nummer 2

Sie (12 Jahre) ist romantisch und niedlich. Sie liebt süße kleine Dinge, Manga, Animes, Zeichnen und ist sehr verschmust. Sie ist hochsensibel, hatte immer Probleme in der Schule – erst wegen akuter Unterforderung, dann wegen akuten Mobbings.

Sie war ein Speikind, das stets gut gelaunt war. Und hat ab dem Kleinkindalter sehr, sehr, sehr viel geweint. Und gekuschelt. Und geweint. Sie krabbelte mit 6 Monaten, Sprachstart mit 10 Monaten, lief mit 15 Monaten. Lehrte sich das Lesen und Schreiben mit 5 Jahren.

Nummer 2 nimmt vieles persönlich, weil sie durch das Mobbing an dieser Stelle schon echt vorbelastet ist. Dieses ist allerdings gerade im Endstadium durch verschiedene Interventionen von uns und der Schule sowie einer Fachfrau einer Beratungsstelle. Und man spürt deutlich, wie sie aufblüht und sich täglich verändert. Zurück zum weitestgehend unbeschwerten Dasein.

Am liebsten ist sie in ihrem Zimmer bei geschlossener Tür und zeichnet oder liest. Oder kuschelt mit Mama.

Sie denkt dauernd nach, schläft schlecht ein und ist oft müde. Ihr Wissensdurst war durch die gesamte Kindheit riesig. Sie interessiert sich neben dem Erwähnten für Physik, Mode, Subkulturen, Geschichte, Geheimnisvolles. Sie mag Symbole und historische Anekdoten, Romantisches und Niedliches. Sie ist ein verspielter und sehr humorvoller Mensch, der Systeme auf ihre Konsequenz, Haltbarkeit und vor allem ihre Sinnhaftigkeit überprüft. Wer durchfällt, erhält von ihr eine Mitteilung. Bei Lehrern ist das sehr beliebt …

Sie will Psychologin und am liebsten gleichzeitig Mangaka (Zeichnerin japanischer Comcis/Manga) werden und steckt ebenfalls mitten in der Pubertät. Sie ist, wie ihre große Schwester, sehr hoch gewachsen und hat mich bald größenmäßig eingeholt (ich bin 1,72 Meter).

Nummer 3 bezeichnet sich gerne als „Tom Boy“, obwohl ich ebenso gerne darauf hinweise, wie schwierig ich Etikettierungen finde. Aber sie ist 9 Jahre alt und braucht dieselbigen. Sie liebt Motorräder, Baumaschinen, Barbies, ronantische Kleider, coole Lederjacken, Hulk und Tiere. Sie ist eine Idealistin – genau wie ihre beiden Schwestern.

Ihre Lieblingsbeschäftigung ist das Nachstellen einer 80er-Jahre-Kindheit wie ihre Eltern sie hatten. Und das ist großartig: Sie ist dauernd draußen, bei jedem Wetter und nie alleine. Sie hat so ein Freundinnengrüppchen, mit dem sie klettert, schaukelt, baut und rutscht. Sie tauchen in phantasievolle Spiele ein, lachen viel und stromern mit den Rädern durch die Gegend.

Sie will Kriminalkommissarin werden und unbedingt eine Harley besitzen.

Sie trägt ihr Haar gerne kinnlang und asymmetrisch geschnitten. Einfach cool eben. Ihr Vorname bedeutet „Amazonenkönigin“ (Nein, sie heißt nicht Xena …) und das passt so richtig gut zu ihr.

Sie krabbelte mit 9 Monaten, sprach ab 11 Monate, lief mit 17 Monaten. Sie sprach mit zweieinhalb ganze Sätze mit Nebensätzen und startete das religiöse Philosophieren in der Tat im zarten Alter von drei Jahren.

Nummer 4 ist ein herzensguter kleiner Mann mit einem unfassbaren Spachvermögen.

Er kann sehr sympathisch frech sein und das dann aber mit dem passenden Grinsen. Er genießt in vollen Zügen dieses Meer von Liebe, das ihn umgibt. Er wird von einer Bekannten gerne „Glücks-Baby“ genannt und das passt. Er war ein High Need Baby und ist auch immer noch recht needy. Aber durch ungezählte Stunden des Tragens, Singens, Kuschelns und Sich-Beschäftigens ist er voller Urvertrauen.

Was nicht heißt, dass er nicht vorsichtig und bisweilen ängstlich ist. Er spricht seit er 8 Monate alt ist immer mehr. Er hat kaum noch Hilfslaute („g“ ausgesprochen wie „d“ oder Ähnliches). Sätze mit Nebensätzen sind kein Thema für diese Quasselstrippe. Er denkt viel nach, teilt seine Gedanken mit und ist gleich zwei Minuten später wieder total albern.

Zwischen „Ich vermute, es ist keine so gute Idee, was du da machst“ und „Mama, du Achn-Kachn-Äch-Dächn, bist du ein Bagger?“ liegen manchmal nur Sekunden …

 

 

 

 

Gedanken zu den Silvesterangriffen: Jungs sind halt so

Als ich ein Kind war, habe ich mich oft geprügelt. Weniger, weil ich so „Auf die Fresse oder was?“-gröhlend durch die Gegend gelaufen bin. Es hat sich einfach so ergeben.

In der Kindergarten- und Grundschulzeit bin ich regelmäßig von Jungs „geärgert“ worden, wie man das damals nannte (heute heißt das laut meinen Töchtern „gemobbt“), und weil ich eigentlich ziemlich gutmütig war, habe ich mich nicht dagegen gewehrt. Meine Mutter spitzte mich jeden Morgen mit den Worten „Hau drauf!“ an und hoffte, dass ich mich irgendwann mal ordentlich verteidigen würde. Das war halt damals so – als Junge musste man sich seinen Platz im Rudel erkämpfen.

Irgendwann haute ich dann auch drauf. Wobei das jetzt zu martialisch und fehlgeleitet klingt – ich war wirklich ein eigentlich lieber Junge, der irgendwann die Schnauze voll hatte und dem schlimmsten Störenfried dann auf selbige haute. Später hatte ich zwei, drei Fans, die in jeder Pause eine (Spaß-)Schlägerei provozieren wollten. Oft mit Erfolg. Ich war groß und kräftig, aber eigentlich nett und daher nicht furchteinflößend und brutal. Ich warf diese Fans durch die Gegend und schlug ihnen auf die Schulter und sagte, sie sollen mich in Ruhe lassen. Aber sie kamen immer wieder an. Einfach immer draufhauen erscheint einem heute als blödsinnige Konfliktstrategie. Aber das waren halt die 80er.

Es war vollkommen klar, dass man sich als Junge nicht würde behaupten können, wenn man sich nicht körperlich durchsetzen konnte. Meine Mutter feuerte mich nicht an, weil sie einen Rottweiler aus mir machen wollte – sie hatte einfach nur Angst, dass ihr Junge in diesem Haifischbecken, das sich männliche Kindheit nennt, wegen seiner Gutmütigkeit fertiggemacht wurde.

Wie ich darauf komme? Ich glaube, dass es noch immer erhebliche Unterschiede in der Erziehung und den gesellschaftlichen Erwartungen an Jungen und Mädchen gibt und dass diese Auswirkungen haben, die weit über kindliche Prügeleien hinausgehen. Um meinen Punkt zu machen, muss ich ein wenig ausholen.

Als ich von den Vorkommnissen am Silvesterabend in Köln gehört habe, war ich wie viele andere auch, wütend. Und schockiert und ein wenig enttäuscht, dass es scheinbar unter den Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland so viele Schweine gibt, dass man sich mal locker zum massenhaften sexuellen Übergriff und Raubzug in Köln verabreden kann. Die öffentliche Debatte, die diesem erschreckenden Ereignis folgte, machte einige interessante Kapriolen: erst waren gar keine Flüchtlinge unter den Angreifern, dann waren es quasi nur Syrer, dann waren es zwar nicht nur Syrer, aber der Sexmob war doch nicht schlimmer als auf dem Oktoberfest. Schließlich beschwerten sich Feministen, dass es doch geradezu unverschämt sei, dass deutsche Männer sich erst über sexuelle Gewalt aufregen, wenn Ausländer „ihre“ blonden Germaninnen begrapschen.

Das alles mag wahr oder falsch oder irgendwas dazwischen sein – in jedem Fall fällt auf, dass die Täter unabhängig von aktueller oder ehemaliger Nationalität eines gemein haben: Es handelt sich um Männer. Ich finde es plausibel, dass Männer aus einer streng patriarchaischen Kultur mit wenig Respekt gegenüber Frauenrechten leichter derart übergriffig werden. Aber natürlich gibt es auch unter westlichen postmodernen Ex-Primaten immer wieder Rückfälle. Warum ist das eigentlich so? Es sind relativ wenige Fälle von Frauen bekannt, die Männer begrapschen oder sexuell nötigen (auch wenn es natürlich auch das gibt). Dabei ist doch auch das ein Verhalten, das prinzipiell möglich wäre – viele Männer wären ebenfalls perplex und unfähig zu adäquater Grenzsetzung, wenn man sie bedrängen würde. Es gibt genug Situationen der Abhängigkeit, die Frauen genauso schamlos ausnutzen könnten wie Männer. Und schließlich egalisieren Waffen die körperliche Ungleichheit der Geschlechter in gewissem Maße und würden sogar gewaltsame Übergriffe prinzipiell ermöglichen.

Doch warum passiert das nicht? Ich glaube, dass die männliche Prägung patriarchaischer und post(?)-patriarchaischer Gesellschaften Übergriffe, Gewalt und Dominanzgebahren bei Jungen geradezu erzwingt, während sie selbiges Verhalten bei Mädchen mit Scham belegt. Dass die unter Kopftuch und Pantoffel gezwungene Muslima, die ihrem Mann Untertan ist (verzeiht mir den Griff in die Klischeekiste und no offense intended für alle Muslima, die ganz anders sind), in eine Opferrolle geradezu gezwungen wird, leuchtet leicht ein. Aber was ist mit emanzipierten deutschen Frauen? Es ist ja nicht einmal immer die körperliche Überlegenheit eines Angreifers, die die Demütigung hervorruft. Oft ist es ja die Unfähigkeit, wirksame Grenzen zu setzen. Die Angst vor derartigen physischen Konflikten. Mädchen werden – anders als Jungen – oft nicht auf dieses Haifischbecken vorbereitet. Wobei, das sei hier betont, auch bei weitem nicht jeder Mann gegenüber Angreifern zu adäquaten Reaktionen fähig ist.

Sexuelle Gewalt hat eine soziale und psychische Komponente. In vielen, vielleicht den meisten Fällen, ist diese genauso verletzend wie die physische. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen oder ahnen, dass sexuelle Gewalt für uns kein unbekanntes Thema ist. Ms. Essential hat mir oft das Gefühl beschrieben, allein auf der Straße letztendlich nicht sicher zu sein. Den meisten Männern letztendlich nicht vertrauen zu können. Das ist nicht die Welt, in der die meisten Männer in Deutschland leben. Die Frauen mindestens zu erheblichen Teilen schon.

Ähnlich wie die psychische Komponente wird auch die soziale Komponente erlernt. Jungs müssen sich nicht nur körperlich durchsetzen – es wird vielfach erwartet, dass sie auch in sozialen Systemen ständig im Wettbewerb stehen und dabei auch Grenzen überschreiten. Natürlich relativiert eine moderne Gesellschaft einige dieser Unterschiede. Aber noch zu wenige …

Wie oft wird eigentlich inakzeptables Verhalten von Jungen schulterzuckend mit dem Kommentar „Jungs sind halt Jungs“ abgetan? Mädchen genießen diesen Schutzraum nicht. Wenn unsere Töchter sich in Prügeleien verwickelten, erklärten ihre Lehrer ihnen, dass Mädchen so etwas nicht tun. Als ein Junge einer von ihnen ungefragt seinen Penis zeigte, wehrte die Lehrerin ihre Klage mit den Worten „Du hättest ja nicht mitmachen müssen!“ ab. Gegen übergriffige und aggressive Jungs in der Schulpause gibt es den Rat „doch wegzugehen“. Kein Mensch kommt auf die Idee, einem kleinen männlichen Gestörten seine Marotten mal auszutreiben. Mädchen hingegen sollen immer brav stillsitzen, eine saubere Handschrift haben, und weglaufen.

Es ist einfach sich einzureden, dass die Silvesterangriffe ein singuläres Ereignis waren. Es ist auch einfach, jeden Mann als potenziellen Vergewaltiger zu brandmarken. Aber die Frage, welche gesellschaftlichen Prägungen noch immer männliche Täter und weibliche Opfer hervorbringen, muss ebenso erlaubt sein wie die, ob bestimmte religiöse und kulturelle Merkmale derartiges Verhalten nicht vielleicht begünstigen.

Was wurde den Angreifern aus Köln und den anderen betroffenen Städten wohl von ihrer Kindheit an vermittelt, dass solche Taten für sie akzeptabel erscheinen? Was wurde den Angreifern auf dem Oktoberfest vermittelt? Für uns Eltern stellt sich doch die Frage: Was müssen wir unseren Töchtern und Söhnen vermitteln, damit sie möglichst weder auf der einen oder anderen Seite mit solchen menschlichen Abgründen in Kontakt kommen?

Danke, lieber Spiegel!

Ich habe mich ja sehr gefreut, als ich letztens durch einen veritablen Shitstorm darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich jetzt die bessere Mutter bin. Ich meine, wie oft muss man sich heute als Mann schon ausrangiert und abgesägt fühlen?

Im Straßenverkehr: Sind doch eh nur die Penisträger, die immer alle Unfälle verursachen und Menschen totfahren. Im Beruf: Mangelnde Sozialkompetenz und brachialer Egoismus führen zwar vielleicht dazu, dass wir Altvorderen uns momentan noch halbwegs behaupten – aber nur auf Kosten der Gesamtwirtschaft, die selbstverständlich erheblich darunter leidet, dass sie immer noch von grunzenden Alphatieren beherrscht wird. (Wer würde das nicht??)

In der Schule sind wir eh schon lange die Schmuddelkinder und haben schlechte Noten und psychische Probleme, weil wir nicht mehr unsere Mitschüler vermöbeln dürfen. Und wenn wir das Schulsystem ohne Amoklauf überstanden haben, treten wir der NPD oder dem IS  bei, um endlich mal richtig Rabatz zu machen. Putzen, Wäsche waschen oder Geschenke machen können wir auch nicht. Und wegen der Männergrippe sind wir auch noch schreckliche Jammerlappen.

Auch in der Familie, dachte ich, schlagen wir uns nicht allzu spektakulär – aber das hat mich der Spiegel ja jetzt eines Besseren belehrt. Und das Bestechende: Während wir den Frauen heute praktisch auf ganzer Linie unterlegen sind, schlagen wir sie in der Disziplin, in der wir uns am wenigsten Mühe geben – Mutter sein. Tut doch auch mal gut, oder?

Glotze aus!? Medienkompetenz für Kinder

Glotze aus!? Medienkompetenz für Kinder

Medienkompetenz ist ein Wort, das wir inzwischen alle kennen. Wie schult man Medienkompetenz und wie halten wir persönlich das? Wir geben Einblicke in unser fernseharmes Leben und natürlich gibt es am Schluss auch Experten-Tipps: Was müssen wir unseren Kindern über den Umgang mit modernen Medien beibringen?

Medienkonsum muss individuell gestaltet werden

Der Umgang mit den Medien gehört für Kinder zum Alltag. Oft wird kommentiert, es solle nur nicht zu viel sein oder nicht zu früh starten. Fakt ist immerhin: Man muss sich selbst und auch die Kinder bewusst auf den Umgang vorbereiten. Wer sagt denn, dass die elterlichen Vorbilder immer einen wünschenswerten Umgang haben?

Die unseligen Frankfurter Plakate, welche Mütter vor einer Weile mahnten, brav den Nachwuchs im Blick zu haben und kein Smartphone auf Spielplätzen zu nutzen, waren ein Gipfel der Diskussion. Gut, dann dürften Mütter auch keine Zeitschrift, kein Buch und auch keine Gesprächspartnerin als Ablenkung akzeptieren – aber soweit wurde da wohl nicht gedacht.

Zumindest regten sie an, über die Vorbildfunktion nachzudenken. Und ja, früher nahm man im Wartezimmer die Zeitschrift, heute das kleine Kästchen, das mütterliche Tor in die Welt, von  der sie sich manchmal so abgeschnitten fühlt. Warten sorgt schnell für Smartphonekonsum und das ist sicher auch in Ordnung. Wenn die eigenen Kinder kopfüber am Klettergerüst hängen und um Hilfe rufen, dann bemerkt man das schon.

Wir sind ja bekanntermaßen (zumindest für jene, die schon länger hier bei uns mitlesen) ziemliche Nerds und mögen Technikkrams. Und gerade deshalb haben wir darüber nachgedacht, wie wir den Umgang gestalten wollen. In Maßen, ja klar, das sagt ja jeder. Ich handhabe das eher variabel. In den Ferien zum Beispiel hängen sie länger dran. Sie spielen Minecraft, hören Musik oder gucken Videos. Irgendwann kommandiere ich sie ab, wenn sie nicht schon selbst vorher aufgehört haben. Ich will, dass sie ein paar Mal den Overload erleben, den der Konsum bedeutet.

Ich habe früher mal so lange Tetris gespielt, dass ich im Supermarkt schon begann, mir automatisch vorzustellen, wie ich die das Paniermehl zwischen die Packungen mit den Klößen schiebe. Das machte mir dann etwas Angst und war ein Aha-Erlebnis.

Der Umgang mit den Medien gehört ebenso zu den mannigfaltigen pädagogischen Aufgaben, die eng an Selbstreflexion gekoppelt sind, wie eben auch das Thema Geld oder das Thema Freundschaftspflege. Oder um die Hundert andere.

Vier Individuen

Wir hier besprechen den Umgang je nach Alter und individueller Wirkung der Medien auf das einzelne Kind.

Medienkompetenz bis in den kleinen Zeh: Daddelnde Nummer 2 und 3

Medienkompetenz bis in den kleinen Zeh: Daddelnde Nummer 2 und 3 (ja, die Spiegeltüren hat Nummer 4 mit Schmierfingern dekoriert)

Nummer 1  (bald 13) schaltet innerlich ab und amüsiert sich zugleich, wenn sie sich Youtuber ansieht. Sie fühlt sich da irgendwie verstanden und abgeholt, weil sie für ihr Alter sehr reif ist und die Gesellschaft Erwachsener präferiert. Also darf sie das durchaus genießen. Zudem findet sie es toll, dass ich die ganzen Typen und Typinnen da nicht kenne und sie sich dadurch pubertär notwenig abgrenzen kann.

Sie hört gerne Musik über das Smartphone und auch das ist völlig in Ordnung für uns. Sobald sie kein Gerät in der Hand hat, ist sie ein (altersgemäß müdes) ausgeglichenes und aufmerksames Familienmitglied.

Nummer 2 (11) liebt Minecraft. Das spielt sie gerne mit einem weiter entfernt wohnenden Freund. Sie telefonieren dabei dann per Lautsprecher und gackern mächtig rum. Dies begrenze ich auf zwei Stunden – das Limit wird murrend hingenommen. (Auch aus dem Telefonhörer). Ansonsten chattet sie mit Freunden innerhalb der Gruppe ihrer Schulklasse und spielt Spielchen. Sie neigt dazu, müde und bräsig zu werden, wenn sie den Medienkonsum übertreibt.

Nummer 3 (8) war neulich mal krank und erlebte den ersten Medien-Overload. Sie glotzte pausenlos diese kreischigen Filme mit der Meerjungfrau, die von einem Hai (?) beschützt wird und die ein anderes Tier immer auffressen will.  Mamma mia, hat mich das genervt. Aber gut. Sie lag malade hernieder und nach drei Stunden hatte sie eine heiße Stirn. Aber nicht von Fieber  – sondern vor Anstrengung. Und das fand sie selber schrecklich. Seitdem achtet sie selber (meist) darauf, wie viel sie guckt.

Nummer 4 (1,5) guckt gerne Videos von Baggern auf YouTube (hey, die sind sehr meditativ!) und auch die Sendung mit der Maus – Themenschwerpunkt Bagger … Seine Aufmerksamkeitsspanne beträgt durchschnittlich circa vier Minuten. Vom Overload weit entfernt, daher darf er das gucken.

Die Glotze

Das Fernsehen hat für mich persönlich die erschreckendste Wirkung auf Kinder.

Wir kennen sie natürlich, die großen und kleinen Glotzzombies. Wir haben sie auch hier gehabt.

Bis vor zwei Jahren. Da haben wir die Glotze ausgeschaltet. Seitdem wird sie nur genutzt, wenn ab und an eine Spielkonsole läuft und sie den Bildschirm dafür darstellt.

Warum haben wir das so entschieden?

Weil sie so gut darin waren, hirnlose Werbe-Jingles zu singen und niemals antworteten, wenn man sie ansprach. Und weil sie nach dem Glotzen genau die fiesen, streitlustigen, Miesepeter waren, die ich erwartete. Während des Glotzens sahen sie aus wie Zombies. Sogar ihr sonst ausgelassenes Lachen klang wie das müde, geistlose Grunzen eines Untoten. Bah!

Trotz dieser Beobachtungen war dies nicht der Anlass, die Glotze fortan als Staubfänger zu benutzen. Schließlich gucken doch alle Kinder Fernsehen, ne? Da will man seine ja nicht ausgrenzen und so.)

Es ergab sich so. Ich erinnere mich, dass sie gerne nach der Schule beim Ansehen einer der Kinderkanäle abschalteten. Also innerlich. Komplett gehirnmäßig. Sie wurden zu den erwähnten Glotz-Zombies. Ich hatte dem TV gegenüber immer ein latent schlechtes Gefühl. Zwischendurch dudelten Werbepots und nach dem Ausschalten hatten sie plötzlich tausend Wünsche – alle gefüttert durch die TV-Werbung. Dauerte die Fernsehzeit zu lange, waren sie mies gelaunt und meckerten sich gegenseitig an.

Das letzte, was wir noch  zusammen im regulären TV guckten, waren die für mich nostalgischen Serien „She Ra“ und „He-Man“. Die Kinder meinten irgendwann, die beiden Serien seien so viel ruhiger und nicht ganz so „dämlich“ wie die anderen. Am nächsten Tag schalteten wir nicht mehr ein und am Tag darauf auch nicht. Ich habe es einfach gar nicht angesprochen und sie befassten sich mit etwas Anderem.

Und was gucken wir und die Kinder dann? 

Wir präferieren Streaming-Dienste wie Netflix, Watchever oder Amazon Instant. So haben wir ausgesuchte Unterhaltung und keine Werbeunterbrechungen. Okay, Watchever nennen wir wegen dauernder technischer Probleme zärtlich WatchNever und kündigen es häufig wieder.

Oder wir gucken auch einfach mal nix.

Nummer 1 und Nummer 2 sind mit bald 13 und 11 Jahren eh in einem Alter, in dem das Smartphone an der Handinnenfläche angewachsen ist – sie bilden eine Symbiose mit dem Teil und sind nur noch operativ zu trennen. Sie wissen nicht, wie man mit ihren Spielzeugen telefoniert und nutzen sie als etwas, das wir Dinosaurier Walkman nannten. Aber auch das schränke ich ein, was sie allerdings begrüßen, weil sie um das Suchtpotential wissen. Und ihnen ebenso von uns bewusst gemacht wurde, dass man manchmal eben von außen einen Hinweis annehmen kann und sollte, der einen unterstützt.

Einstiegsdroge: Das Baby Tablet

Einstiegsdroge: Das Baby Tablet

Vorbilder: Ein Bekenntnis

Ja, wir sind die Vorbilder unserer Kinder. Sie sehen nicht nur, welche Art von Beziehung wir Eltern miteinander führen, wie wir mit unseren Freunden umgehen und wie wir uns die Schuhe anziehen. Sondern auch, wie viel wir uns gegenseitig phubben oder wie oft wir uns das Tablet schnappen. Und das beobachten wir hier. Unter dem Stichwort „Horror-Techies“ sitzen wir hier manchmal und machen genau das. Alle haben irgendein Gerät zur Hand: Ich tippe etwas auf dem Notebook, Mr. Essential surft auf dem iPad Mini, die Großen haben die Smartphones und Nummer 3 spielt ein Spiel auf dem anderen iPad. Nummer 4 schläft dann entweder oder wirft mit Plastikbaggern auf uns. Dann hören wir auf.

Genau dann, wenn uns die erste Baggerschaufel mit beinahe tödlicher Wucht trifft, merken wir wie zufällig, was wir gerade getan haben. Und es findet sich immer einer von uns, der dann sagt:

„Oh Mann, wir Eierköpfe.“

Ein anderer konstatiert dann: „Aber es ist gemütlich und zeitgemäß. Man muss ja nicht immer miteinander labern.“

Meine Ohren stimmen stöhnend zu, aber auf die zwei blutigen Dinger hört hier eh niemand.

Schließlich komme ich dann mit dem weisen Satz: „Es ist nichts so schlecht, als dass es nicht noch ein schlechtes Beispiel taugt“ und die Bagger fliegen plötzlich alle in meinen Richtung.

Diese Momente gab es mal häufiger, inzwischen gibt es sie kaum noch. Auch wir Eltern mussten erst einmal lernen, mit den verlockenden Spielzeugen umzugehen. Ich nehme das Smartphone ab und zu in die Hand. Dies ist etwas häufiger geworden, seit ich ein schönes, neueres Apfelmodell habe, beobachte ich. Und wegen Schneewittchen, Ihr wisst schon, bin ich dem Apfel verpflichtet. Ich habe natürlich auch so einen Schneewittchen-Sticker vorne auf meinem Notebook. Aber gut, ich schweife ab.

Wir sind Vorbilder – auch ohne es zu merken. Ich erziehe meine Mädels beispielsweise zu gleichberechtigt denkenden Frauen – mal so als Beispiel. Und trotzdem sagte Nummer 3 mal irgendwann: „Der Dada ist der Chef. Weil der verdient das ganze Geld. Und du musst dauernd aufräumen und kriegst nix dafür.“ Das saß, klar. Ich habe dann mit ihr gesprochen und sie erklärte mir die Auswirkungen des knallharten Kapitalismus auf sie als Beobachterin der modernen Frauenrolle. Wieder was dazugelernt. Der Dada, der putzt fast nie. Also sind Frauen für das Putzen da. Und er verdient mehr Geld. Also ist er der Ansager.

Habe das alles inzwischen natürlich korrigierend erläutert. Sie weiß nun, dass ihr Vater und ich gleichberechtigt entscheiden. ich die Ansagen mache.

Kinderstimmen zum Thema Medienkompetenz

Habe Nummer 1 bis 4 eingehend zum Thema Medienkompetenz befragt. Sie sagten ungefähr Folgendes:

Nummer 1: „Ich würde echt gern den ganzen Tag am Smartphone hängen und YoutTubeVideos von iBlabla gucken. Aber leider schlafe ich dauernd.“

Nummer 2: „Während ich über den Rechner ein Let’sPlay gucke und in der einen Hand das Smartphone für die Musikauswahl habe, hab ich glücklicher Weise noch eine Hand frei, um nebenher Manga-Figuren zu zeichnen.“

Nummer 3: „Ich BIN ein iPad!“

Nummer 4: „Babba gucke!“

Expertenrat

Es geht nicht darum, Kindern möglichst den Zugang zu den Medien zu verwehren oder einzuschränken, sondern ihnen Kompetenz also Können zu vermitteln.

Schon kleine Kinder interessieren sich brennend für die kleinen Geräte mit den bunten Bildern und lustigen Tönen – wir alle kennen das.

Experten raten, bestimmte Fähigkeiten zu vermitteln. Hierbei geht es um Folgendes:

  • Kinder sollen lernen, Werbung von anderen Inhalten zu unterscheiden
  • Es ist wichtig, den Kindern alles Notwendige über das Thema Sicherheit im Internet zu erklären
  • Der Umgang mit einem Touchscreen erfolgt meist intuitiv nach Beobachtung – auch dies gehört zum Bereich der Medienkompetenz
  • Das Kind sollte wissen, welche Funktionen Geräte wie Tablet, Notebook, PC und Co haben
  • Bei größeren Kindern ist es wichtig, sicherheitsrelevante Phänomene zu erklären: Kettenbriefe bewirken nicht den Tod eines Angehörigen und nein, wir verschicken keine Nacktfotos an jemanden. Nein, auch nicht, wenn wir glauben, ihn (oder sie) für immer zu lieben.
  • Wie gehe ich mit Cybermobbing um? Was genau ist das? Auch hier ist es wichtig, dass Eltern erklärend zur Seite stehen

Ich finde auch noch das hier wichtig:

  • Wie gehe ich mit einer Suchmaschine effizient um?
  • Wo genau finde ich Informationen, die ich brauche?
  • Wie kann ich das Internet als lehrreich erfahren?
  • Was genau bedeutet das hier: „Das Internet vergisst nichts“?
  • Wie verhalte ich mich in Chatrooms und wie schütze ich mich dort?

Kinder sind von kleinauf mit Medien umgeben.

Eigentlich gehören auch Zeitungen dazu – aber ich habe den Kindern bisher nie das Layout einer Tageszeitung erklärt. Obwohl ich als Dinosaurier dies in der Schule durchaus gelernt habe.

So gehört es zu den Aufgaben der neuen (unserer) Elterngeneration, die Kinder im Umgang mit den Medien zu schulen.

Ganz niedlich für etwas jüngere Kinder ist der Internet-Führerschein. Diesen findet man hier. Die Seite, auf der Kinder den Surfschein erwerben können bietet per E-Mail auch Expertenrat für die Kinder. Die Seite empfehle ich, weil sie uns selber gut gefiel – dafür sahne ich nicht ab. Mist, hätte ich mich mal vor diesem Artikel bei denen gemeldet 😀

Wie läuft das bei Euch zuhause ab? Wird viel geglotzt oder wenig oder gar nicht? Hängen die Kinder an den Tablets und Konsolen? Sind sie internetfit?