Eins Zwei Drei Vier – wie das ist, mit mehreren Kindern zu leben

Klar werde ich immer mal wieder gefragt, wie das Leben mit vier Kindern so ist. Ich denke mir dann immer:

„Viel anstrengender als mit einem, aber weniger anstrengend als mit sechs.“

Meist wird auch nicht gefragt – sondern gleich etwas festgestellt:

„Also ich könnte das nicht. Da würde ich bekloppt.“ 

Äh ja. Ich war es schon vorher – das hilft.

Wie wir viele wurden:

Kind Nummer 1

Wir hatten ein Kind und dachten: Wow, das ist ja eine krasse Umstellung! Nichts ist mehr wie vorher. Es gab von vielen Dingen so viel mehr und von anderen so viel weniger. Alle Eltern kennen das. Wir hatten uns sehr über die Schwangerschaft gefreut und arrangierten uns während des ersten Jahres mit der Umstellung. Nummer 1 war im ganzen ersten Lebensjahr eher unzufrieden.

Als Baby immer an der Grenze zum Schreikind, oft darüber hinaus. Ich konnte förmlich spüren, wie die Energie nur so aus mir hinausfloss. Sie war auch ein Still-„Barracuda“: Andocken – Saugen wir verrückt – nach zwei Minuten loslassen und nach der anderen Seite verlangen – zwei weitere Minuten – vollgesogen abfallen. Nach dem Stillen kippten sie und ich zu Beginn regelmäßig um und pennten ein. Ich war wortwörtlich leergesaugt. Habe gut abgenommen in der Zeit …

Kind Nummer 2

Eineinhalb Jahre lang hatten wir ein Einzelkind. Seit dieses acht Monate alt war, wuchs Nummer 2 in mir heran. Ich hatte ziemlich Schiss vor der Herausforderung mit einem laufenden Kleinkind und einem Säugling.

Zu Recht. Es war sehr anstrengend. Aber es wurde mit jedem Monat einfacher. Nummer 2 war ein sehr liebes Baby, wenngleich sie ein Speikind war und nach jeder Mahlzeit eine Milchdusche über sich und mich ausbreitete. Ich war oft bis auf die Unterwäsche nass. Immer roch ihr kleiner Speckhals nach Käse – wegen der geronnen Muttermilch. Yummy. Ich habe dauernd an ihr und mir herumgewaschen.

Ich hatte nie Angst, dass meine Liebe nicht für zwei reichen könnte – ich machte mir nur Sorgen um meine Nerven. Wir zogen in eine größere Wohnung um während ich schwanger war.

Mit zwei so kleinen Kindern war es eine interessante Mischung aus Unter – und Überforderung. Nummer 1 wuselte herum und Nummer 2 wollte gestillt werden. Hilflos saß ich auf dem Sofa mit dem Mini an der Brust und sah zu, wie Nummer 1 Tonnen an Spielzeug und Küchenutensilien in der Wohnung verteilte. Nach dem Stillen durfte ich das alles dann aufräumen. Gestaubsaugt habe ich mehrmals täglich und der Sauger stand immer griffbereit. Ich habe in der Tat Nummer 2 neben diesem Gerät auf dem Wohnzimmerteppich entbunden …

Wir lebten damals in der Studiumsphase – bloß ohne die Parties und das Ausschlafen am Wochenende. Aber mit so langen Pausen, dass wir in diesen zusammen am PC spielten oder rumhingen und entspannten.

Kind Nummer 3

Nummer 3 machte sich im Sommer 2006 als zweiter Punkt auf dem Schwangerschaftstest bemerkbar. Mr. Essential befand sich im Studiums-Endspurt und während für mich der Zeitpunkt für ein drittes Kind gut passte, stresste ihn der Gedanke zunächst. Doch irgendwie hatten wir uns einigen können und Nummer 3 wurde in die Familie „eingeladen“. Ein Mal in der Woche waren Nummer 1 und Nummer 2 damals bei den Großeltern. In den Kindergarten gingen beide noch nicht.

Wir zogen in eine andere Stadt und Mr. Essential machte montags seine Abschlussprüfung (1,6! Yeah!) und donnerstags war die Einleitung im Krankenhaus. Wir hatten in der Tat den Geburtsstart passend terminiert. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Mr. Essential bereits seit Längerem in einer PR-Agentur. Er hat in der Tat Job und Studium sowie Familie gleichzeitig hinbekommen. Nummer 1 war fünf Jahre alt und Nummer 2 war drei Jahre alt, als sie beide große Schwestern wurden. Vorbereitet habe ich alle Kinder gleich: Sie lernten, dass sie große Geschwister würden. Ich versprach keine Spielkameraden oder Knuddelbabies. Sondern ich sagte ihnen klar, was das Schöne und auch das Nicht-so-Schöne an einem Baby im Haus sein würde. Und es gab selten Eifersucht. Der Plan klappte also.

Die Großen kamen in den Kindergarten und als Nummer 3 neun Monate alt war, begann ich im Homeoffice freiberuflich zu arbeiten, was mich sehr glücklich machte.

Nummer 3 war ein Anfängerbaby. Sehr zufrieden und ruhig. Sie weinte nur absolut selten. Hatte sie Hunger, dann stimmte sie eine Art zaghaftes Meckern an. Mehr nicht. Ein Traum war das. Ich war phasenweise dennoch abends richtig fertig. Manchmal tränten meine Augen vor Müdigkeit, während ich die Stufen zum Kinderzimmer hochging und ich sah verschwommen. Daran erinnere ich mich noch gut.

Ich war viel unterwegs mit den Dreien. Zu den Großeltern ging es nicht mehr so häufig – auch wegen des Kindergartens. Aber an den Wochenenden waren sie vielleicht alle zwei bis drei Monate dort. Wenn ich krank war, dann ergab sich selten eine Unterstützung. Mr. Essential war beruflich mehr als eingespannt und hatte wenig Zeit für Familie, außer an den Wochenenden.

Drei Kinder erfordern eben, dass man zusehen muss, wie man im Job weiterkommt.

Und das gelang ihm sehr gut.

Wir zogen aus der Großstadt um und leben nicht mehr in einer Wohnung, sondern in einem schönen, gemieteten Haus. Mit einem kleinen Garten. Der Kindergarten war großartig und die Grundschule nicht weit. Morgens marschierten die Großen dorthin und ich mit Nummer 3 zum nahen Supermarkt. Dort kauften wir uns Joghurt und holten Brötchen, um beides dann im Garten zu frühstücken. Ich habe ab mittags nach dem essen wirklich dauernd aufgeräumt. Bis heute nervt es mich, wenn ein Haus so aussieht, als ob da acht Kinder wohnen. Schrecklich finde ich das. Bei anderen Menschen ist mir das egal. Ich fühle mich selbst damit nur nicht wohl.

Also wuselte ich herum, machte den Haushalt und so weiter. Gearbeitet habe ich da immer noch freiberuflich, bis ich in der PR-Agentur anfing, wo ich eineinhalb Jahre ausprobieren durfte, wie das so ist, mit der Vereinbarkeit. Unsere Kinder sind meistens gesund und so konnte ich das wagen. Die Großeltern wären im Notfall eingesprungen. Doch als unsere Oma schwer erkrankte, fiel diese Option weg und obwohl ich mit meinem Fortkommen im Job sehr zufrieden sein konnte und bereits über neue Möglichkeiten gesprochen wurde, kündigte ich dann letztlich, weil es einfach zu viel wurde.

Kind Nummer 4

Wir kauften das Haus und zogen um.

Schule und Kindergarten wurden gewechselt. Nicht unbedingt Verbesserungen, aber es ging nicht anders.

Das Leben mit den Dreien war längst eingespielt. Als Wunschkind Nummer 4 kam, waren die Großen 10, 9 und 6 Jahre alt. Es gab inzwischen nur noch einen einzigen – sehr lieben – Opa. Dieser Opa kümmerte sich auch hier um die drei Großen, während Nummer 4 geboren wurde.

Ansonsten gibt es für uns keine familiäre Unterstützung.

Wie anstrengend es mit unserem „High-Need-Boy“ wurde, kann man auf diesem Blog nachlesen. Hier und hier und auch hier.

Es war richtig knackig. So ein Baby hatten wir noch nie. Und dazu noch drei Kinder. Das war dann richtig krass. Und wir haben oft gelacht:

Er: „Weißt du noch, wie wir vor elf Jahren dachten, ein einziges Kind sei anstrengend?“

Ich: „Haha, ja, man kennt es ja nicht anders …“

Er: „Das hier IST anders …“

Wir haben uns für die Kinder immer aus der Liebe und dem Bauchgefühl heraus entschieden. Natürlich hatten wir innere Sorgen und Vorbehalte. Schafft man es nervlich? Schafft man es finanziell? Kommt niemand zu kurz? Geht das überhaupt ohne familiäre Unterstützung?

Die Antworten sind immer die gleichen: Man wird sehen, man gewöhnt sich und natürlich kann man alles schaffen. Es ist nur nicht immer das reine Zuckerschlecken.

Was ist am Leben mit vielen Kindern anstrengend?

Ich finde manchmal, dass es durchaus zu wuselig und zu laut ist – na klar. Ich bin (nicht lachen!) ein Mensch, der sehr gerne alleine ist. Aber zugleich bin ich mit diesen vier Persönlichkeiten schrecklich gern zusammen.

Schade finde ich, dass man sich nicht so sehr auf den Einzelnen einstellen kann. Das geht einfach nicht. Ich schaue sehr genau hin, analysiere und begleite. Aber bei nur einem Kind ginge das viel besser. Klar sage ich mir, dass es auch ein „zu viel des Guten“ gibt und dies wieder eine andere Herausforderung für mich als Mutter wäre, aber es ist ja immer so: „Die Gelockten wollen glatte Haare und andersherum“. Sind jedenfalls zwei von den vieren mal nicht da, dann ist es mir oft zu langweilig und leer im Haus. Wenn nur eine mal woanders übernachtet, dann vermisse ich sie. Ich kann echt irgendwie körperlich spüren, dass wir nicht komplett sind.

Man muss viele Termine, Wünsche, Entwicklungen, Befindlichkeiten und Probleme speichern und koordinieren. Das ist sehr viel Arbeit. Man kommt dabei definitiv zu kurz. Wir haben einen Kalender mit sechs Spalten und die bekomme ich in manchen Monaten erschreckend vollgeschrieben.

Man muss verzichten lernen. Es gibt keine großen tollen Urlaube. Es gibt von allem (Materiellem) weniger für alle.

Bei vier Kindern ist Mitarbeit erforderlich. Ganz klar, dass jeder Aufgaben erledigen muss. Sie müssen selbstständig sein. Eigentlich. Leider habe ich sie ziemlich verwöhnt, sagt Mr. Essential und ihnen viel zu viel abgenommen. Diesen Fehler muss ich nun mühselig korrigieren. Das klappt jedoch recht gut, ist aber auch dringend nötig.

Vier Kinder reden/plappern/quietschen/meckern gleichzeitig. Das kann die Hölle sein.Echt. Ich habe seit Jahren immer mal wieder so ein Zwitschern und Rauschen im Ohr. Das spricht wohl seine eigene Sprache.

Vier Schwangerschaften steckte (m)ein Körper gut weg. Das, was mich an meinem Körper stört, das war nach der ersten Schwangerschaft schon so. Es veränderte sich bei den weiteren nicht. Das kann auch anders ablaufen, wie ich hörte.

Mit vier Kindern muss man Unmengen einkaufen. Unmengen waschen. Unmengen bügeln und tausend Mal die gleichen Sätze predigen. Das sind die Sätze und Erinnerungen, die wir alle kennen. Man muss sie nur viel öfter sagen. Weil zu mehr Personen.

Ab und an hörte ich so etwas:

„Ach, ob jetzt eins, zwei, drei oder vier. Sooo groß ist der Unterschied nicht. Man muss ja eh waschen und kochen. Wäscht und kocht man eben mehr.“

Das ist wirklich Unsinn. Es geht nicht nur um die Mengen an Arbeit, sondern um die Unmengen an Aufmerksamkeit. Die wächst nicht. Die Nerven passen sich an, man schafft mehr, erträgt mehr, powert mehr. Das darf ich sagen, weil ich ja die Stadien alle durch habe. Man hat wirklich mehr um die Ohren als wenn man weniger Kinder hat.

Mit einem einzelnen Kind hatten wir mehr Freiheiten, mehr Geld und mehr innere Ressourcen als mit mehr Kindern. Alleine alle zu scheuchen, damit man rechtzeitig zu Sechst im Auto sitzt .. das ist „ein Bisschen“ anders als bei einem Einzelkind.

Familienbett, Abstillen nach Wunsch des Kindes und ähnliches sind für uns lediglich romantische Ideen. Wenn ich lese, dass die Natürlichkeit in solchen Themen das Hauptargument ist, dann sage ich progressiv: „Großfamilien sind noch viel natürlicher!“ Und da gehen viele Fisimatenten einfach nicht. Manchmal tut einem das leid.

Achtsamkeit ist oftmals etwas, an das ich mich bewusst erinnern muss, um es einzusetzen. Bei so vielen Menschen auf einem Haufen, da ist es nicht einfach. Da nimmt man sich keine Zeit für kleine Entscheidungen. Welche Teesorte kaufe ich? Welches Shirt passt am allerdbesten zu dieser Hose? Wie fühle ich mich gerade? Was brauche ich jetzt? Ist mir gerade nach einem Kaffee? Das ist alles nur noch Tand und Luxus.

Habe mal ein Wochenende bei einem mit mir innig befreundetem Paar verbracht, das kinderlos in einem süßen Häuschen in der Heide lebt. Da habe ich erst den Kontrast begriffen! Diese ganze Stille! Die Zeit, um zu entscheiden, wie man sein Frühstücksei gerne hätte! Allein das! Hier ist das morgens eher kantinenmäßig …

Schön viele

Man kann mit vier Kindern in einem 1,80-Meter-Bett kuscheln. That’s Heaven! Alle liegen um mich herum – lauter Menschen, die durch mich auf diese Welt kamen und die ich begleiten darf. Ich liege da dankbar und Mr. Essential sagt: „Oh Mann, ich an deiner Stelle würde ersticken!“ So unterschiedlich kann man wahrnehmen.

Jedes Kind ist anders. Bei uns stimmt das haargenau. Ihre Persönlichkeiten, Interessen, Reaktionen und Vorlieben sind teilweise so unterschiedlich! Und so gibt es immer ein Kind, mit dem man ein Thema teilen kann. Ich merke das schon an Nummer 4: Mit Nummer 1 spielt er gerne Baby-Apps oder sieht sich eine Folge „Shawn das Schaf“ an. Nur Nummer 2 bringt ihn anscheinend perfekt ins Bett. Nummer 3 ist für ihn irrwitzig komisch – die beiden kreischen oft vor Lachen zusammen.

Als Mensch, der als Kind eine große und innige Familie sehr vermisst hat, genieße ich viele Aspekte des Lebens mit vielen Kindern. Und das werde ich sicherlich auch noch, wenn ich mal faltig bin und Enkelkinder habe.

Die Kinder streiten, sie helfen sich, sie teilen, sie lernen so unendlich viel voneinander. Nicht nur die klassischen Social Skills. Auch tiefe Gefühle weit darüber hinaus. Und Verantwortungsbewusstsein. Und sich zurücknehmen zu können sowie sich auch zu behaupten. Mit Nummer 3 zum Beispiel legt sich in der Schule niemand an. Sie hat zwei große Schwestern und obwohl sie äußerlich klein und schmächtig erscheint, ist sie stark und selbstbewusst. Bei all diesen Prozessen und Erlebnissen darf ich dabei sein. Für solche Erfahrungen darf man wirklich danken.

Die Idee, ich würde dieses Leben beenden, ohne Anderen das Leben ermöglicht und sie darin begleitet zu haben, lag mir stets fern und machte mich beim Gedanken daran traurig. Ganz gleich, was ich an Schlimmem erlebte: Das Leben an sich habe ich gern weitergegeben und durch die Geburten der Kinder gewürdigt. Das ist ein religiöser oder spiritueller Aspekt, der mir sehr wichtig ist.

Ich bin umgeben von Liebe und darf mit meinen Händen einen tiefen Sinn berühren. Manchmal ist es unfassbar anstrengend und dann ist es wiederum so tief, dass ich nicht verstehe, wie es auch nur Momente lang selbstverständlich wirken kann.

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Erstickende Spießigkeitsfalle Elternschaft

Ach, was war ich mal cool.

Das ist lange her.

Da war ich vermutlich auch relaxed und fand mich körperlich überaus in Ordnung.

Ich hatte Hobbies, kam herum, ließ mich inspirieren und war sehr spontan. Meine Meinung war oft (oder meistens) weitab des Mainstreams und das war mir ziemlich egal.

Mein Leben gehörte mir.

Wenn ich umziehen wollte, dann tat ich das.

Wenn ich mal nicht kochen wollte, dann ließ ich das. (War oft. Sooo gern koche ich nicht.)

Wenn ich spontan ins Kino wollte, dann tat ich das.

Wenn mir nicht nach frühem Aufstehen am Samstag war, dann ließ ich das.

Wenn mir anschließend nach einem Frühstück außer Haus war, dann machte ich das.

Wenn mir danach nicht nach Einkaufen zu Mute war, dann ließ ich das.

Ich dachte nicht darüber nach, wann jemand anderes Hunger hatte oder ob ich ein guter Mensch bin, obwohl ich manchmal meine schlechte Laune zeigte.

Ich liebte Parties und spannende Erlebnisse. Ich war gesund vorsichtig und dennoch neugierig.

Ich hatte die Nase im frischen Wind des Lebens, war experimentierfreudig, fuhr samstagabends spontan an’s Meer und hing abends mit Freunden im Irish Pub der schönen Stadt herum. Oder wir gingen essen. Oder wir machten Ausflüge …

Genäht habe ich damals nur für mein Hobby. Das Ganze sah dann so aus:

Satzvey

oder so:

Himmelsstürmer

oder so:

Samarkand

So sah Mr. Essential damals übrigens aus:

Karolyi

Dann wurde ich Mutter.

Es gab schon noch Parties …

Auf einer Party im Jahr 2007

Auf einer Party im Jahr 2007

… ehe alle potentiellen Gäste auch langsam dafür abends zu erschöpft waren und immer mehr Absagen kamen. Da gaben wir das Party-Feiern auf und verlegten uns auf Kindergeburtstage. (Davon haben wir inzwischen insgesamt 32 hinter uns.)

Es gab noch ein einziges Live-Rollenspiel, dann war Schluss – das war vor 10 Jahren.

Wir verlegten uns auf’s „Pen and Paper-Rollenspielen“. Das ist quasi Rollenspiel im Home Office. Ohne Kostüme – alles nur in der Fantasie und mit Würfeln als Entscheidern. Das ging gut und auch ohne jemandem für mehrere Tage die kleinen Kindern aufzubürden. Das machen wir auch heute noch. Alle paar Monate.

Wir hatten damals noch Energie, um abends auszugehen. Die Großeltern passten auf die Kinder auf und so konnten Mr. Essential und ich so rund alle 6 bis 8 bis 10 bis 12 Wochen abends weg. Nur nicht an den Hochzeitstagen – da hatten beide Großelternpaare irgendwie immer was vor oder waren in Urlaub. Aber gut. Waren ja auch unsere Kinder. Das kann man finden wie man will, aber wir waren allein verantwortlich. Alles andere waren Gimmicks. So sahen wir das irgendwie auch.

Nahmen uns aber vor, als Großeltern anders zu agieren.

Sieh dir beim Verfall zu

Da kommt das nächste Elter-Ding ins Spiel:

Ich nenne es „Auf den Zahn der Zeit gekettet“ zu sein. Denn das ist man als Eltern. Man sieht die Kinder wachsen. Kaum hat man die Fotos von vor drei Jahren in der Hand, steigt der Blutdruck: „Was? So groß sind sie schon? Da waren sie so klein! Wie die Zeit vergeht …“

Ein (kinderloser) Kollege Mr. Essentials sagte mal: „Die Großstadt ist für Kinderlose echt ’ne Todesfalle: Du sitzt mit 25 da und trinkst teuren Cappuccino. Und du sitzt mit 35 da und trinkst teuren Cappuccino. Und irgendwann bist du 60 und trinkst immer noch Cappuccino. Das ist gruselig.“

Man erlebt als Eltern echt bewusst(er), wie die Jahre dahin ziehen. Man wird älter. Man spürt es jeden Tag. Man lebt ein ganz anderes Leben als zuvor. Man erlebte Schwangerschaften und Geburten, man litt bei Zahnweh mit, man sorgte sich bei Fieber. Man ist jahrelang nur auf die Gefühle anderer Menschen fokussiert. Ganz einfach, weil das nötig ist.

Und dann zieht man den Kopf raus aus dem Sandkasten und *schwupps* kauft man dem Krabbelkind den ersten BH. Das ist vielleicht krass!

Man riecht noch das Babyköpfchen, das aus dem Tragetuch lugte und *zack* hält man das Zeugnis der Klasse 6 in der Hand!

Kernentspannt im Tragetuch und morgen schon bei der Führerscheinprüfung

Kernentspannt im Tragetuch und morgen schon bei der Führerscheinprüfung

Dann werden drumherum die ersten Bekannten krank – vielleicht auch man selber. Das Leben hinterlässt Spuren. Schwangerschaften bekanntlich auch. Nichts bleibt, es wird spürbar und sichtbar anders. Die ersten familiären Todesfälle geschehen. Und man wird sich der Endlichkeit dieser Veranstaltung hier irgendwie bewusst.

All das zusammen drückte mal der Vater von Nummer 1s Patenonkel so wunderbar aus:

„Die Einschläge kommen näher!“

Bämm! Bämm!

Anpassung 

Ich musste mich jedenfalls immer mehr anpassen. Ich war ja zuvor nicht wirklich sehr angepasst. Da hatte ich enormen Nachholbedarf.

Zuerst noch hatte ich meine eigenen Ideen und Gedanken. Solange die Kinder klein sind geht das recht gut. (Zumindest besser als wenn die Schulzeit ansteht. Da ändert sich vieles noch einmal. Nicht nur die Aufstehzeit am Morgen.)

Beim ersten Kind marschierte ich zum Beispiel noch locker ins Geburtshaus. Mutter und Schwiegermutter ruderten hektisch und panisch mit den Armen. Unverantwortlich war das ja irgendwie und überhaupt, was soll das Gequatsche von wegen „Ich folge meinen Instinkten?“

„Und wenn sie ’nen Arzt braucht? Oder Schmerzmittel?“

„Na ja, aber wenn sie meint … die machen ja heute eh alles anders. Und wie sie wollen. Wir hätten uns das nicht getraut. Ob sie sich das gut überlegt haben?“

Den Satz hörten wir komischen Vögel echt oft:

„Habt ihr euch das auch gut überlegt?“

Nee, wir sind so geistige Kurzstreckenraketen.

Der Satz kam beim Namen des ersten Kindes, für den wir extra im finnischen Konsulat anrufen und ihn beglaubigen lassen mussten (Gut, die Finnen freuten sich damals irrsinnig, dass jemand einen finnischen Namen haben wollte, der sogar noch bei ihnen selten ist. Und da hat der Attaché sehr schwungvoll seine Unterschrift unter das Papier gesetzt …)

Und wir hörten den Satz während der Hochzeitsplanung und auch später immer wieder und wiedeBeim zweiten Kind, also 17 Monate später, war ich bei der Geburt zuhause. Da hatte sich das Umfeld an meine beknackten Ideen gewöhnt. Riskant fanden es einige aber immer noch.

Zudem war ich eh jemand, der Krankheiten für einen Ausdruck der Seele hielt, ein Hobby hatte, bei dem man sich am Wochenende mittelalterlich verkleidet und mit Polsterwaffen verhaut und jemand, der einen manchmal extrovertierten Klamottenstil hatte. Und überhaupt eine Frau, die gebildet war und Meinungen hatte. Eine, die meinte, wenn man unzufrieden mit etwas sei, dann solle man es ändern. Und eine, die dieses furchtbare Wort Individualismus mochte. Eine Unangepasste!

Man wusste also, was man zu erwarten hatte. Damit passte ich null in meine Schwiegerfamilie, die es vielleicht als verletzend empfand, dass sich Mr. Essential ausgerechnet so eine Frau aussuchte. Eine, die so ganz anders war als sein Familiensystem es vorsieht. Wir waren quasi wirklich wie Max Black und Caroline Channing …(Mr. Essential ist natürlich die Schnösel-Tante :D)

Mit der Zeit hörte ich dann so immer mal wieder Kritik. Irgendwie war ich keine brave Haus- und Ehefrau und irgendwie putzte und bügelte ich nicht genug.

Und irgendwie verunsicherte mich die Kritik und das Gefühl, nicht richtig in die Welt der guten Mütter zu passen, wurde stärker. Die Vorwürfe wurde direkter, dann wieder giftiger und subtil. Ab und an richtig verletzend. Ich spürte schnell: „Ich bin in ihren Augen nicht gut genug. Nicht für ihren Sohn und nicht für die Kinder.“

Das alles erleben ja sehr viele Frauen. Meistens haben sie Kinder. Dann sind sie wohl Mütter. In der Elternfalle.

Also legte ich damals los. Ich backte Küchlein und bastelte Karten für die Familienmitglieder, ich merkte mir die Geburtstage von Mr. Essentials ganzer Verwandtschaft und alle wurden sie bedacht. Ich nähte für die Kinder und bastelte auch mit ihnen. Süße Pap-Fensterbilder und so. Ich zwang mich, das alles auf einen puppenstubenmäßige Art niedlich zu finden.

In Wahrheit erstickte es mich. (Da passte es gut, dass ich 2007 die erste Panikattacke mit Erstickungsgefühl hatte …)

Das Früher ist mit einem Mal weg

Ich erinnerte mich kaum noch an das Früher in dem ich ganz ich selbst war. Es verblasste. Zusammen mit den Parties, der Schminke und den schicken Dessous. Da ich nach zwei Schwangerschaften eh um die 80 Kilo wog, musste ich für letztere in meinem Empfinden eh erst mal 20 Kilos abwerfen.

Das setzte mir auch irgendwie zu. Ich war bekloppt und hatte Übergewicht. Doof war das alles 2004.

Also passte ich mich weiter an. Ich wollte in jedem Fall „gut genug“ sein. Für wen ich das wollte und ob ich das wirklich wollte, das zählte nicht mehr. Ich war verunsichert und wollte dieses Gefühl schnell loswerden. Und Anpassung macht den Menschen nachweislich glücklicher als Rebellion. So wählte ich nach einer rebellischen Phase immer mehr den Weg des geringeren Widerstandes.

Abgenommen habe ich – das war mir wichtig für’s Selbstwertgefühl. Ich bin nun mal irgendwie in übergewichtig nicht ich selbst.

Aber irgendwie fühlte ich mich in Dessous immer noch nicht wohl. Nachdem ich mich nach der ersten Geburt zum ersten Mal nackt im Spiegel sah, bekam ich einen Weinkrampf und der war absolut nicht hormonell …

Ich dachte mir: „Der Lack ist ab. Und kommt nie wieder. Okay. Bisher hast du dich attraktiv gefühlt und gern gezeigt. Und Bikinis getragen. Das ist jetzt für immer vorbei. Vom Leben und für’s Leben gezeichnet. Oh mein Gott.“

Das wiederum verstärkte den Gedanken, dass ich mich dann lieber auf etwas weniger Frau-Sein und etwas mehr Mama-Kinder-Spielzeug-Breischale konzentrieren sollte. Glamour war eh hin. Und vielleicht war das tolle Selbstbewusstsein von vorher eh nur schnöde Eitelkeit. Ist doch gut, wenn die weg ist. Du hast jetzt eh andere Themenfelder. Fight lookism! und so …

Die Romantik ist hin

Die romantischen Vorstellungen waren auch bald hin.

Mr. Essential arbeitete immer mehr. Mehrere Kinder forderten berufliches Einbringen und er hat ohnehin lieber mehr Erfolg als weniger. Die süße Studentenzeit, in der man viel mit den Kindern machte und Zeit füreinander hatte – die war vorbei.

Das Leben wurde sofort enger, härter, anspruchsvoller. Und von außen, von der Arbeit, diktiert. Und von Moralvorstellungen, die an Mütter gerichtet werden. Von der (Schwieger-)Familie, von der Gesellschaft – nur nicht von einem selber. Dazu muss man sich immer wieder abgrenzen. Auch nicht einfach.

Keine Zeit für kleine, verliebte Telefonate, keine gemeinsamen Pausen mehr. Kein süßes „Mit-den-Kindern-in-der-Mensa-Treffen“. Nix.

Ich hockte ohne Auto im dörflichen Stadtteil einer Kleinstadt. Er arbeitete sich manchmal echt dumm und dusselig.

Und allein das Rollenmodell sorgte für viele Injektionen der Spießigkeitsspritze. Unmerklich. Immer mal wieder. Immer mehr.

Die Rush Hour des Lebens erfasste und wie ein D-Zug.

Plötzlich wollte ich pünktlich mit den Kindern essen.

Plötzlich wollte ich, dass mein Mann immer geputzte Schuhe und ein gebügeltes Hemd hatte.

Plötzlich kaufte ich Sprühstärke.

Plötzlich besaß ich eine Küchenschürze, weil beim Backen mit den Kindern alles immer so komisch dreckig wurde.

Plötzlich staubsaugte ich zwei Mal am Tag.

Plötzlich fand ich es komisch, Unterwäsche zum Geburtstag zu bekommen – die Kinder fragten ja schließlich, was denn der Dada der Mama geschenkt hatte. Und was sollte man da sagen ohne dass sie kichern würden?

Plötzlich traf ich meine Freunde immer weniger.

Plötzlich hatte ich drei Kinder

Kind Nummer 3 ist da

               Kind Nummer 3 ist da

Wir wohnten in einer großen Stadt in einem Altbau oben unter dem Dach und ich schleppte mich täglich (erst schwanger, dann mit Baby) unzählige (nein, 90, bzw. 180!) Stufen rauf und runter.

Aber ich hatte Energie und die Mode-Stadt hatte eine schöne Einkaufsmeile, Parks und vieles mehr zu bieten.

Ich blühte echt etwas auf. Wir wollten zuerst wegen familiärer Konflikte an das andere Ende Deutschlands ziehen, aber Mr. Essential lenkte ein, was ich nachvollziehen kann und wir wohnten eine Dreiviertelstunde weiter weg. Ganz oben im schwer erreichbaren Nest.

Aus dieser Zeit stammt auch das Party-Foto oben. Ich begann, wieder zu arbeiten: Ich suchte mir Kunden für das Texten, arbeitete im Home Office und war zufrieden.

Okay, meinen Mann sah ich manchmal erst nach 22 Uhr. Und dann waren wir total erschöpft. Das war nicht gerade erbaulich für unsere Beziehung. Aber das würde ja irgendwann sicher besser. Nach der nächsten Stufe auf der Karriereleiter. Nee, auf der danach. Ja, dann eben auf der danach. Okay, dann, wenn endlich genug Geld da war durch all die Beförderungen. Ach, der Lebensstandard war total niedrig und wurde langsam mit angehoben? Tja, dann war eben nie genug Geld da.

Manchmal machten wir den Kindergarten blau – was ja locker ging – und genossen nette Vormittage. Die zwei Größeren, das Baby und ich. Wir fuhren mit der U-Bahn in die Stadt und gönnten uns Eis, Nuckel oder ab und an Kleidchen. Das gefiel uns allen Vieren gut. Freitagmorgens im Schlafi fernsehen. Danach langsam ein bisschen Müsli schaufeln und dann kuscheln. Ganz entspannt.

Als die Kinder in die Schule kamen, war auch das vorbei.

Da wohnten wir bereits in einem Haus mit kleinem Gärtchen in einer anderen Stadt. Vorstadtidylle in einem modernen Townhouse.

Der Ernst des Lebens – für Klein UND Groß

Da wurde dann „Backen-sie-für-das-Schulfest und Melden-sie-sich-als-Elternhelfer und Kommen-sie-zum-Elternabend!“-Druck gemacht.

Also wurde gebacken. Aber gehasst habe ich es sofort. Ich fand es toll, dass die Kinder zur Schule gehen konnten, ohne einem Auto zu begegnen. Ich ging da gerne spazieren. Aber ich hatte immer noch Panikattacken.

Komisch.

Es war nicht nur die Vergangenheit, die „von hinten“ drückte, sondern auch dieses spießige Leben, das mich von allen Seiten einquetschte.

Was man alles nicht mehr durfte – eine lange Liste.

Was man alles musste – die Liste war genau so lang.

Vieles erledigt sich ja auch für Eltern von selber:

Ewig lange wach bleiben. Oder spontaner Sex auf dem Esstisch. Oder mal Geld auf den Kopf hauen für ein nettes Shopping zu zweit. Oder …. Ihr kennt das ja alles selber.

Dafür gab es konservative Ansprüche, gegen die ich mich nur schwer wehren konnte. Aus der Erziehung ließ ich sie weitgehend heraus – das kostete Energie!

Meine Kinder sollten sich klassisch benehmen können. Das war mir wichtig. Und ich brachte ihnen christliche Grundwerte bei. Nächstenliebe, Mitgefühl und so weiter. Aber ich drückte sie nicht in (Gender-) Rollen und ich machte ihnen wenig von den typischen Vorwürfen, lieferte wenig abgedroschene Sätze. Ich blieb da irgendwie relaxed.

Alles andere war nicht mehr relaxed. Ich selbst zum Beispiel.

Das Eigenheim – Meilenstein im Leben von Eltern

Wir zogen um, in unser eigenes Haus in eine Kleinstadt. Dörfliche Idylle.

Aus den Parties waren Familienfeste wie zu den beiden Erstkommunionen geworden. Wobei ich Events immer noch genieße – das bemerkte ich dabei. Beide Feiern waren sehr berührend und die Kinder mit ihren 9 Jahren waren genau halb erwachsen. das waren kleine Initiationsriten in einer Zeit, die so etwas kaum noch bietet.

Aber dieses Klischee von: „Ich hätte nie gedacht, dass ich es mal lieben würde, einen Vorgarten zu pflegen und mit den Kindern zu backen und an meinen Geburtstagen gemütlich zu Hause zu bleiben“ das traf auf mich nie zu. Hab’s mir aber eine Weile lang vorgegaukelt.

Weil ich wähnte, sonst unglücklich zu werden – nein: Zu spüren, dass ich es bereits irgendwie war.

Das lag nicht nur an den Rollenvorgaben für Frauen und Mütter, die an sich ja ’ne Menge Potential für’s Unglücklichsein beinhalten – es lag an mir.

Rückenfreies Abendkleid versus Poloshirt

Irgendwie sah ich mir mehr und mehr an, was da mit mir passiert war.

Und irgendwann sagte ich mal zu Mr. Essential: „Mann, Mann, früher war mehr Lametta (das sage ich eh sehr gern)! Irgendwie fühle ich mich wie ein rundgeschliffener Kieselstein.“

Ecken und Kanten weg. Profil weg. Übrig blieb eine Person mit hohen Selbstansprüchen, ’ner Menge Muffinbackformen und einer Menge Wut im Bauch.

Ich trug immer klassischere Klamotten. Das Extrovertiert-Modische war futsch. Wozu sollte ich auch stylish sein – um in der Vorstadt blöd angeglotzt zu werden?

„Ja, wieso eigentlich nicht? Muss ich mich denn in den Mama-Eiheitsbrei mischen?“ giftete mein altes Ich frustriert und kramte im Kleiderschrank.

Zum Elternabend setzte ich das dann manchmal um. Und dann glotzten sie. QEE. „Bah! Schlank, geschminkt UND tolle Klamotten? Die soll sich lieber um ihre Kinder kümmern – so wie wir!“ Fühlte sich auch doof an. Also dann eben nicht.

Jetzt

Jetzt habe ich mir langsam große Teile meiner selbst zurück erarbeitet.

Die Familie drumherum hat sich aufgelöst – es gibt nur noch den lieben Schwiegervater/Opa und Mr. Essentials Schwester.

Da gibt es keinen Druck mehr.

Außer dem, den ich mir selber mache. Die Mischung aus geringem Selbstwertgefühl, dessen Reste durch Kritik und Ansprüche vertilgt wurden, und meinem Perfektionismus war furchtbar. Dabei bedingten die beiden Elemente sich ja auch noch …

Inzwischen lebe ich seit fast einem Jahr überwiegend angstfrei.

Und habe endlich mehr Klamotten als meine Töchter im Schrank – das war früher auch nicht so.

Das was vom Lebenssystem, das man als Eltern nun mal hat, vorgegeben wird, kotzt mich jedoch immer noch an.

Die ganzen Zwänge empfinde ich persönlich als sehr stark. Hinterfrage ich sie, ziehe ich oft nur die Brauen hoch oder schmunzle.

Das ist eben auch meine Art des Umgangs damit: Ich sehe es als eine Art Theateraufführung, die ich nicht ganz für voll nehme, weil sie mich fertig macht, wenn ich in ihr mehr als Zuschauerin bin. Ich will weder Statistin noch Darstellerin sein. Ich sehe lieber zu und philosophiere oder analysiere (mache ich ja eh gern).

Die vermeintlich juvenile Plattitüde: „Mach dein eigenes Ding!“ kehrt langsam wieder zurück zu mir. Denn wenn ich das mache, dann bin ich ergo ich selbst.

Wer sollte ich auch sonst sein?

In diesem Sinne:

Wir verkleiden uns immer noch gerne 😀

30er HuS 5 30er Else klassisch

Die Fufel-Chroniken

Wieder ein Beitrag aus den Fufel-Chroniken.

Wir gehen nicht chronologisch vor, sondern teilen mit Euch einfach immer mal wieder Eindrücke aus dem Leben mit den Fufels.

Es war im Jahr 2006 und wir steckten mitten in unserem Umzug. Ich war mit Nummer 3 schwanger. Zusammen mit Nummer 1 und Nummer 2 wühlte ich mich durch einige Kartons, um den Inhalt auszusortieren. Beide sind zu diesem Zeitpunkt vier und zweieinhalb Jahre alt.

Nummer 2 hielt freudig lachend eine alte, braune Kurzhaarperücke hoch.

„Mama! Ich hab‘ was Tolles gefunden!“

Ich: „Ja, was denn? Zeig doch mal her.“

Sie, strahlend: „Ich hab Opas Haare gefunden – der hat ja keine mehr.“

 

Noch mehr aus den Fufel Chroniken gibt es hier.

Die Fufel-Chroniken

Da dieses Wochenende der 800. Jahrestag der Unterzeichnung (eigentlich war es ja eine Besiegelung) der Magna Carta gefeiert wird, schlagen auch wir unsere Charta auf.

Na ja, sie enthält eigentlich keine Rechte für übermüdete Eltern. Es gibt keine Artikel, die Herrschaft aufteilen sollen, um für Gerechtigkeit des Volkes und der Barone*innen sorgen. Okay, es sind überhaupt keine Rechte für Herrschende enthalten. Dafür aber mit das Kostbarste, das wir Menschen haben: Erinnerungen.

Unsere Charta ist also eher eine Chronik.

Eine volle und über ein Jahrzehnt alte:

Die Fufel-Chronik

Und in den kommenden Wochen werden wir sie aufschlagen und ab und an Erinnerungen aufschreiben.

Was haben die Fufels 2004 gemacht oder 2008?

Aus dieser Reihe gibt es heute:

Mama war nur kurz unten staubsaugen

Wir schreiben das Jahr 2006.

Nummer 1 ist dreieinhalb und Nummer 2 ist zwei Jahre alt. Nummer 3 war Quark im Schaufenster (das darf sie jetzt nicht lesen, denn sie hasst diesen Ausdruck. Sie sagt dann immer: „Ich war niemals Quark! Ich war bei Gott und wartete auf mein Leben!“

Direkt nach dem Einkauf wollte ich das Souterrain unserer damaligen Wohnung saugen. Oben spielten die beiden. Man konnte sie das ruhigen Gewissens tun lassen – es war das hochgesicherte Gummizellen-Alcatraz die kindersicherste Wohnung, die wir jemals hatten.

Ich habe mich dennoch beeilt und verließ die auf dem Teppich selig Spielenden für rund 10 Minuten. Ja, ich habe ziemlich hektisch den Sauger geschoben – es stand noch irgendein Termin an und ich wollte vorher wenigstens einen „Kölsche Wisch“ machen.

Als ich wieder nach oben komme, sind die Mädels weg.

Sie waren nicht etwa verschwunden, weggelaufen, ausgezogen:

Sie befanden sich unter 10 (!) ausgerollten und verteilten Rollen Klopapier. Mitten im Wohnzimmer. Mir fiel fast der Sauger aus der Hand.

Stimmt! Die Packung Klopapier war vom Einkauf noch im Flur stehen geblieben!

Mein Mund war offen. Es raschelte. Nummer 1 steckte zuerst die Nase aus den 2.000 weißen Blättern vor mir.

„Hallo Mama,“ sagte sie fröhlich.

„Hallo …“ krächzte ich reflexartig und fügte mit brüchiger, aber versiert freundlicher Stimme an, „was …äh … genau macht ihr da?“

Es raschelte erneut, Nummer 2 erschien.

„Hallo, Mama.“

Nummer 1 sah mich an und strahlte:

„Wir sind Biber. Und das hier, “ sie wies mit ausgestreckten Armen auf ihre Zweitausend Morgen schneeweißes Land,  „ist unsere Biberburg. Hier wohnen wir. Das haben wir selbst gebaut.“

Ich sah, dass die Klorollenburg in der Tat mittig aufgetürmt war und an den Rändern flach auslief. Sah aus wie ein 1-A-Biberbau.

In mir bahnte sich die einzig richtige Entscheidung bezüglich einer adäquaten Reaktion an:

„Das ist die beste Biberburg aller Zeiten. Schade, dass ich da nicht mehr reinpasse!“

Sie haben noch eine ganze Weile glücklich gebibert. Danach haben wir zusammen auf Klorollenpappkerne aufgewickelt, was noch zu retten war. Das war erstaunlich viel.

Die Erinnerung an die Biberburg habe ich sehr gerne.

Heute stolzer Besitzer eines Biberburgbausatzes: Prof. Dr. Nagy, Mr. Essentials Kindheits-Biber

Heute stolzer Besitzer eines Biberburgbausatzes: Prof. Dr. Nagy, Mr. Essentials Kindheits-Biber

In dieses Buch hier

Kostbare Erinnerungen an wunderbare Jahre: Die Fufel-Chroniken

Kostbare Erinnerungen an wunderbare Jahre: Die Fufel-Chroniken

habe ich laufend geschrieben, was ich so mit den Kindern erlebt habe und auch, was ich jetzt erlebe.

Es sind sozusagen die Fufel-Chroniken. Dieses Buch gehört zu den ersten Dingen, die ich retten würde, nachdem bei einem Brand alle Menschen in Sicherheit sind. Echt. Und immer, wenn die Kinder mich mal fragen, was ich noch retten würde, nachdem alle Menschen gerettet seien, dann sage ich: Meinen Teddy, die Kiste mit den Kinderandenken und die Fotoalben. Ist mein Ernst.

Was soll man auch sonst retten? 🙂

Wir dürfen Familienpolitik nicht einfach als teuer und nutzlos abhaken

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Kein Foto aus Deutschland (Quelle: Greene County, Pennsylvania Photo Archives Project)

Ja, das gibt einem schon zu denken, dass wir jetzt die niedrigste Geburtenrate der Welt haben, oder?

Die Situation ist mittlerweile so ernst, dass unsere Frau Bundeskanzlerin uns hochoffiziell zum Einwanderungsland erklärt – ein begrüßenswerter Schritt, der dennoch einen Anklang einer heimlichen Kapitulation in der Familienpoltik hat. Es ist ja schon einiges dazu geschrieben worden über diese neue Bestleistung einer verfehlten Familienpolitik, die unglaublich viel Geld kostet und scheinbar doch nicht hilft. Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass die Lösung eigentlich ganz einfach ist, aber niemals umgesetzt werden wird.

Der vielbeachtete, unterhaltsame und schlaue Beitrag von Juramama illustriert die Problematik sehr anschaulich. Ich konzentriere mich heute mal vorwiegend auf den Aspekt der Rente, der neben Themen wie Vereinbarkeit und alternativen Familienmodellen auf politischer und individueller Ebene einige dramatische Implikationen hat. Die Situation ist doch einfach:

Es ist unmöglich, den Generationenvertrag einzuhalten, wenn unsere Generation in einen so spektakulären Geburtenstreik tritt.

Diejenigen von uns, die sich an diesem Streik beteiligen, nutzen einen Bug im System aus – nämlich, dass es wenig für die eigene Rente bringt, Kinder zu bekommen, aber viel, möglichst viel eigenes Erwerbseinkommen anzusammeln. Wer die höchsten Rentenansprüche erwirbt, trägt gleichzeitig am wenigsten zur eigenen Rente bei: Paare mit Kindern senken häufig ihr Einkommen, um der Familienarbeit überhaupt gerecht werden zu können – und selbst wenn sich beide für eine Vollzeit-Erwerbstätigkeit (zur Rentenmaximierung?) entscheiden, lässt der Staat sie ganz schön dafür löhnen, dass er ihre Kinder betreut (die später mal ihre eigene Rente und die diverser andere Leute bezahlen sollen). Das und die Tatsache, dass Kinder nun mal auch ein wenig Geld kosten, erschwert es natürlich ungemein, privates Kapital für die Altersvorsorge auf die Seite zu schaffen, was die elterliche Vorsorgelücke im Vergleich noch einmal deutlich erhöht.

Dementsprechend kann es mit neutralen Augen gar keine andere Lösung für diese Problematik geben als Kinder ganz erheblich bei der Rentenberechnung zu berücksichtigen und gleichzeitig Erwerbstätigkeit abzuwerten, weil diese ja nur in die aktuelle Rentenkasse einzahlt, aber nicht in die zukünftige.

Das Problem dabei: Diese Änderung wird es aller Wahrscheinlichkeit nach niemals geben. Wer erinnert sich noch an die Einführung des erhöhten Pflegeversicherungsbeitrags für Kinderlose? Was wurde da „Ungerecht!“ geschrien und gezetert. „Wir zahlen ja schon mit unseren Steuern die Schulen für Eure Kinder!“ „Ihr kriegt doch eh schon so viel Kindergeld und wir gar nix!“ „Ich finde es ja ok, wenn Leute Kinder bekommen, aber ich will das nicht und auch nicht für anderer Leute Kinder zahlen!“

(Bitte seht mir diese generische Argumentation nach, selbstverständlich gibt es viele Kinderlose, die die Änderung voll akzeptiert und unterstützt haben – aber es gab eben auch viele Gegenstimmen.)

Dabei ist die Antwort auf diesen Aufschrei eigentlich sehr einfach: Niemand bezahlt für die Kinder anderer Leute. Wir zahlen für unseren Staat, damit er seine Aufgaben erfüllen kann, zu denen eben auch Kinderbetreuungseinrichtungen zählen. Dieser Staat aber braucht nun mal unsere Kinder, um das aktuelle Rentensystem aufrecht zu erhalten (dass ihr ja nicht ändern wollt, weil es Euch Vorteile verschafft). 😉

Dennoch: In einer Demokratie ist eine Änderung, die einen immer größeren Teil der Bevölkerung zukünftig negativ betreffen würde, schlicht und einfach nicht durchsetzbar. Die meisten Menschen sind politische Opportunisten, die meisten politischen Argumente eher Fassade für Klientelforderungen als echte Begründungen auf der Suche nach Wahrheit. Man kann das nicht einmal verurteilen – wer soll schon einen Politiker wählen, der die eigenen Interessen nicht vertritt?

Wer auch immer sich diese logisch eigentlich vollkommen notwendige Änderung auf die Fahne schreiben würde, würde nicht den notwendigen politischen Einfluss gewinnen können um sie durchzusetzen. Und wer sie sich nicht auf die Fahne schreibt und sie dann doch umsetzt, politischen Selbstmord begehen. Politiker denken in Wahlzyklen – es ist immer einfacher, grundlegende Probleme auf die nächste Generation zu vertagen und jetzt ein bißchen an der Fassade zu basteln als wirklich etwas zu verändern.

Das Dumme ist nur: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir selbst noch die sein werden, die unter dieser demokratischen Paralyse zukünftig leiden. Ich denke dass wir uns gar nicht über die Rente mit 67 zu ärgern brauchen – bis wir Mittdreißiger in Rente sind, werden wir da vermutlich eine sieben vorne stehen haben. Und das, was es dann an Rente geben wird, wird für uns Eltern erheblich weniger sein, weil wir jahrzehntelang die immensen Opportunitätskosten der Elternschaft gezahlt haben, von denen langfristig mehr andere als wir selbst profitieren.

Natürlich ist die Entscheidung für oder gegen Kinder keine wirtschaftliche. Niemand bekommt Kinder, weil er sich wirtschaftliche Vorteile verspricht, und niemand tut das für den Staat, in dem er lebt (höchstens im Faschismus). Es gibt immer noch ein paar Menschen in Deutschland (ich schreibe absichtlich nicht: genug), die die zahlreichen wirtschaftlichen Nachteile der Elternschaft aus Liebe in Kauf nehmen. Mir ist auch klar, dass es viele Länder mit höherer Geburtenrate gibt, die weniger für ihre Familien tun als Deutschland. Aber so lange die Menschen dort trotzdem genug Kinder bekommen, ist das ja aus politischer Perspektive in Ordnung so. Man darf ja nicht vergessen dass der Staat Familienpolitik vorwiegend betreibt um seine Mitglieder anzuregen, neue Mitglieder auf die Welt zu bringen und nicht, um einem abstrakten Gerechtigkeitsideal nachzustreben.

In Deutschland haben wir halt die spezielle Situation einer fortgeschrittenen, ego- und hedonismusbezogenen postindustriellen Gesellschaft mit faschistischer Historie, in der man keine Kinder mag und den Staat eigentlich auch nicht, dafür aber einem überhöhten Mutterschaftsideal anhängt.

Da langt der intrinisische menschliche Fortpflanzungstrieb offensichtlich nicht aus, um über die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen hinwegzusehen und trotzdem genug Kinder in die Welt zu setzen.

Ich hoffe, dass dieser dringend notwendige Weg entgegen meiner Politikskepsis wenigstens teilweise beschritten wird. Natürlich können und sollten wir auch Einwanderung nutzen, um unsere Gesellschaft weiterzuentwickeln. Aber eine erfolgreiche Integrationspolitik, die dafür notwendig ist, wird bei Aufrechterhaltung des familienpolitischen Status Quo vielleicht dazu führen, dass unsere Einwanderer in der nächsten Generation auch keine Kinder mehr wollen.

Die Veränderung muss ja nicht radikal sein. Aber es ist so logisch und der Situation angemessen, die Kinderzahl in den Rentenanspruch einzurechnen, dass es eigentlich schon alternativlos ist.

Wie überlebt man einen Bärenkontakt?

Wie überlebt man einen Bärenkontakt?

Ich habe Angst vor Bären.

Teddies finde ich toll. Jedes Kind sollte einen haben. Und jedes unserer Kinder hat auch (mindestens) einen.

Echte Bären jagen mir einen Schauer über den Rücken.

Als wir vor ein paar Wochen echte Bären sahen, klapperten mir abends noch die Zähne und Mr. Essential tat das, was ich immer gegen Angst empfehle: Sich Wissen aneignen. Er ergoogelte sich Wissen bezüglich Überlebenstipps bei Bärenkontakt:

1. Man soll sich größer machen: Arme nach oben und heftig mit den Händen wedeln

2. Sollte das den Bären nicht vertreiben, dann soll man dazu schreien. Egal wie. Zum Beispiel: „Aaaaaaaaa“

3. Geht der Bär zu einer Attacke über, soll man sich tot stellen. Dann verliert er im Bestfall das Interesse.

Gestern stand ich in der Küche, die Mädels waren in der Nähe versammelt.

Ich: „Mädels, wisst ihr, was ihr tun müsst, wenn euch mal ein Bär begegnet?“

Nummer 1: „Wie? Ein Bär? Im Zoo? Meinst du Erdnüsse und Bananen durch Gitter werfen?“

Ich: „Nein, ich meine einen echten Bären. In der freien Wildbahn.“

Nummer 2: „Und unter welchen ominösen Umständen soll das bitte passieren?“

Ich: „Ja, was weiß denn ich? Wenn ihr mal auf einem Selbstfindungstrip in den kanadischen Wäldern unterwegs seid oder in Sibirien herumpirscht.

Seltsamer Weise quittierten sie meine Fürsorge mit einem ironischen Grinsen.

Nummer 3 wollte mir wohl zur Seite springen und fragte artig: „Und was genau macht man dann, wenn einem ein Bär begegnet?“

Daraufhin legte ich los. Ich hatte das schon mal unter den Augen des neuen Bärenexperten Mr. Essential geübt.

Ich wedelte und schrie enthusiastisch.

Sechs Augen lagen sich weitend auf mir.

Drei versteinerte Gesichter.

Dann prustendes Lachen.

Meine Arme sanken nach unten.

Nummer 2: „Jepp, Mama, alle Teddybären im Haus brauchen jetzt ’ne Therapie. Und wir auch. Danke dafür.“

Undank ist der Welten Lohn.

Aber wenn sie mal in ein paar Jahrzehnten in Kanadas Wäldern unterwegs sind und ein Bär kommt, dann wird diese lebhafte Erinnerung sofort in ihren Köpfen sein.

Und das lässt mich ganz beruhigt schlafen 😀

Kurzes Update: Akut urlaubsreif

Nachdem ich on -und offline in den letzten Tagen hörte, ich könnte mich ja mal für eine Kur interessieren und auch von unseren Leserinnen wertvolle Tipps dazu erhielt, habe ich mir einen Arzttermin gemacht.

Ich war gestern Morgen war ich dann bei meiner Ärztin, weil ich ja ein somatisierender Haufen Schrott mit obendrein Kreislaufproblemen bin.

Sie sagte: „Akut urlaubsreif.“
Ich sagte: „Familienurlaub ist bereits geplant. Ferienhaus in Strandnähe.“
Sie sagte: „Hm, wie viel Kinder haben sie gleich? Vier? Na ja, ich meinte eher einen erholsamen Urlaub … ich gebe ihnen mal die Nummer von der Mütterkurberaterin. Das wird mit vier Kindern zwar leicht schwierig, aber gerade dann braucht man es ja wirklich ganz besonders. Und lernen sie nebenbei bitte, wie man Pause macht und Aufgaben delegiert.“

Habe nun einen Termin bei der Kurberaterin für kommende Woche und bin gespannt. Ich habe bisher keine Erfahrungen mit einer Kur und halte Euch gerne auf dem Laufenden, wenn Ihr wollt 🙂