Lachtränen im warmen Schimmer der Salzlampe

Lachtränen im warmen Schimmer der Salzlampe

Geburtsberichte habe ich auf unserem Blog bisher ausgespart. Ich finde, es gibt einfach schon genug. Und ich finde sie meistens entweder zu blumig („Der schönste Tag meines Lebens“) und wenn man es dann liest, gefriert einem das Blut in den Adern. Oder sie sind sehr effektiv betitelt („Knochen knackten, Blut spritzte, alle schrien – Vorsicht: Schwer zu ertragen“) und halten, was sie versprechen. In jedem Fall unterstreichen sie meinen beliebten Vergleich von Zivilisten (Nicht-Müttern) und Soldaten (eben die Anderen): Der Kreißsaal als Kriegsschauplatz übelster Details menschlichen Leids in Zusammenarbeit mit einem meist fürchterlichen Feldscher.

Ich persönlich habe meine Geburten als Zusammenfassung sehr kurzer Natur irgendwann manchen Freundinnen erzählt. Da gehören sie hin, finde ich. Oder ich erwähne Erfahrungen zu irgendwelchen Themen, die privat oder in den Sozialen Medien gerade diskutiert und besprochen werden (Hausgeburt, Klinikgeburt, Geburtseinleitung Geburtshaus, Schmerzmittelfreiheit oder ähnliches)

Wenn ich aber jemals die Eindrücke einer Geburt in einem Artikel zusammengefasst hätte, dann wäre es in dieser Art passiert. Viel Spaß beim Lesen und Lachen! 🙂

Zur Salzlampe und dem anderen, im Artikel erwähnten „esoterischem Riesenquatsch“ hier nun meine Gedanken: ich habe da diverse Erfahrungen gemacht und bin seitdem (vor allem bei Geburten) ziemlich von allem ab, dessen Wirkungsfaktor Eins zum Weltall heißt. Ich würde gern wieder an Homöopathie glauben. Und auch an das Erinnerungsvernögen, das Wasser zu Eigen ist. Dafür habe ich nur grad keinen Kopf. Sobald ich den habe, werde ich mich wieder gründlich informieren.

Ja, informieren ist für mich ein Zauberwort: Wenn eine der Mamas aus dem Kindergarten zu mir sagte: „Also, ich geb‘ immer nur Globulis“ dann habe ich besserwisserisch sagen wollen: „Ach so und du liest sicher nur Lexikas?“. Mich nervte es, dass sie allein schon durch den sprachlichen Fehler zu zeigen schienen, dass sie einfach einer Bewegung nachliefen, ohne sich darüber zu informieren. Aber eigentlich wollte ich gern mal sagen: „Echt jetzt? Du glaubst, dass ein Wirkstoff, der so verdünnt ist, dass er einem Tropfen Wirkstoff verteilt in einem Pool oder besser noch: im Weltall entspricht, wirken kann? Aber beim „Über-das-Wasser-laufen“ bist du skeptisch?“ Und dann renitent grinsen – hach, das wäre fein gewesen. Hatte immer den Eindruck, die meisten verteilten die kleinen Wunderkugeln mit dem dauernd falsch verwendeten Plural, weil das gerade so modern war oder ist. Und nicht, weil sie wirklich vom Erinnerungsvermögen des Wassers überzeugt waren.

Meine Schwiegermutter kaufte mal eine Tube Rescue-Salbe (Bachblüten), weil die Frau des Cousins meines Mannes das wohl empfohlen hatte. „Das geben die Mütter jetzt alle den Kindern,“ kam es nicht ohne einen Hauch des Vorwurfs ob meiner das Wohlbefinden der Kinder vernachlässigenden, weil bachblütenlosen, Haltung. Und ich (renitent wie immer): „Wenn die Kinder hinfallen, bekommen sie gegen den Schreck die Energie von Blumen? Blumen die ’ne Weile in Wasser rumlagen …?“ Danach schmierte sie das Zeug immer noch ganz doll und fürsorglich auf die Knie der Enkel. Eigentlich wann auch immer die Knie nur in die Nähe einer spitzen Kante gekommen waren „Schadet ja auch nichts!“ hieß es dann. Vielleicht wollte sie die ihr wegen meines gemeinen Kommentars peinlich gewordene Tube auch einfach schnell leer bekommen.Ich hab mich ein bisschen wegen meiner Renitenz geschämt, als mir dieser Gedanke kam. Und dann wieder nicht, weil ich doch diesen stummen Vorwurf mit dem harten Blick bekommen hatte.

Damals war ich fast zehn Jahre jünger als jetzt. Da hat man noch nicht ausreichend die Technik des „Schlucken-Lächeln-Schweigens“ gelernt, die Müttern im Laufe der Jahre zuteil wird. Ab und an geht man im der Phase jenes jugendlichen Leichtsinns dazu über, sich gegen einen Vorwurf zu wehren. Eek, ich klinge ja so zynisch … (und schweife vom Thema ab)

Ich habe jedenfalls selber auch Homöopathie probiert. (Und dabei auch die richtige Zahnpasta verwendet, Kaffee gemieden etc.) Gegen (Geburts-)Angst zum Beispiel. Hat null gebracht. War immer noch ängstlich. Aber vielleicht hätte ich statt Angst hirnzermarternde Panik gehabt, wenn ich das Zeug nicht genommen hätte. Und es sollten auch Wehen durch bestimmte Homöopathie starten. Das könnte sogar geklappt haben. Vielleicht half es bei der 14-tägigen Übertragung auch, dass ich einfach alle aus meiner Bude warf und mich mal entspannte, statt mich wie eine Henne mit Legenot zu fühlen? Jedenfalls setzten die Wehen bei Nummer 1 ein, nachdem ich eine Menge weißer Kügelchen in meinen Mund gekippt hatte. Jahre später sagte eine andere Hebamme übrigens:“Was? Das und das hat sie dir gegeben? Aber das ist doch gar nicht wehenfördernd.“ Mein Vertrauen war dahin. Oder hatte nun die neue Hebamme keine Ahnung? Ach, wer weiß? Ich habe auch alles Mögliche andere durch. Beispiele bei Übertragung gefällig?: Muskatellersalbeiöl, Rizinusölcoktail (damals noch sehr en vogue heute als Horrorsaft verschrien), natürliche Einarbeitung von Prostaglandinen (auch als Sex bekannt), Rexflexzonenmassage. Wirkweise? Null – Nummer 3 wurde nach längerem, entkräftetem Betteln meiner Person per Priminggel (Prostaglandingel, klassisches Medizinprodukt) rausgeworfen.

Biologisch dynamisches Dammmassageöl haben wir auch ausprobiert – half auch nichts, kann ich kühn behaupten. Und was wir zum täglichen Einölen des Babybauches zwecks Streifenvermeidung und schneller Rückbildung zu sagen haben: Besser gar nichts.

Einerlei: Es geht niemals nicht und in keiner Lebenslage etwas über den orange-rosa Schein einer Salzlampe. Auch nicht auf dem Klo 😀

Jammern auf niedrigem Niveau Teil 2: Und plötzlich ist man allein.

Jammern auf niedrigem Niveau Teil 2: Und plötzlich ist man allein.

Teil 2 des Jammerns auf niedrigem Niveau blickt hinter die Kulissen. Jung und als einziges Paar im Freundeskreis mit Kind. Wie ist das so? Und situationsunabhängig: Was opfern Eltern alles, um sich dann im Blick auf unsere Gesellschaft wie verträumte Romantiker zu fühlen, die leichtfertig ihr Leben auf den Müll warfen, die den sinnstiftenden Hedonismus fahren ließen und ihre Selbstbestimmung leichtfertig fortwarfen, um dafür nichts zu ernten als Einschränkungen, Lärm und Gestank? Ich klinge ironisch – das kann eine Form von Aggression sein. Ist es in diesem Fall sicher auch. Schön, dass jemand ein Buch zum Thema moderne Elternschaft geschrieben hat, in dem Eltern sich gegen jene wehren, die sich angreifen. Das wurde wirklich Zeit. Es sollten noch einige mehr folgen …

Wir haben uns letztens darüber unterhalten wie es war, mit Mitte Zwanzig unser erstes Baby zu bekommen. Die Antwort ist klar: einfach war es nicht. Schwierigkeiten machte aber nicht nur die Erfahrung selbst oder die Sorgen, die durch die Verantwortung für ein anderes Menschenleben kommen. Es war auch erschreckend, wie schnell man den Bezug zu den meisten seinen kinderlosen Freunden verliert und ganz in einer anderen Welt versinkt.

Für uns war die Entscheidung für Nummer 1 so: Wir verliehen unserer Liebe Ausdruck. Dies entsprach einem wirklich als archaisch zu bezeichnendem, tiefen Gefühl. Einem Ur-Gefühl. Das war der Eintritt in eine Lebensphase, die wunderschön ist, aber auch ihre Schattenseiten hat. Da wir hier oft von den schönen Seiten der Elternschaft sprechen, will ich mir hier mal auf diese negativen Aspekte konzentrieren – ich habe in meinem Freundeskreis den Ruf, schonungslos ehrlich zu sein. Dann mal los:

Freizeit, Freunde, Geld, Sorglosigkeit, In-den-Tag-hinein-leben, Spontaneität – alles erst mal weitgehend weg. Dafür kamen Konflikte mit Müttern und Schwiegermüttern, wie sie bei der ersten Geburt nicht selten aufkommen und keine guten Lösungen, weil keine Erfahrungen. Probleme mit einem Schreibaby, die keiner unserer Freunde auch nur irgendwie erahnen konnte. Es war schockierend, wie sehr es nervte, nicht mal eben aus dem Haus zu können, ohne das Baby entweder an sich dran zu wickeln oder den schweren Kinderwagen aus dem Keller in den Hausflur juckeln zu müssen (Und zwar schnell-schnell, denn das Baby lag nicht gern allein in der Wohnung oben herum, sondern brüllte dann). Statt neuer Klamotten für mich gab es alles für’s Baby. Ich fühlte mich auch eh nicht mehr wie die knackige Frau, die Komplimente und Aufmerksamkeit bekommt, sondern wie ein leerer, ausgeleierter und gestreifter Walfisch. Meine Freundinnen waren derweil körperlich unversehrt und konnten nur hilflos sagen: „Tja, hm, dafür hast du ja aber auch das Baby. Das ist dann wohl leider so, dass man dann so aussieht.“ Was sollten sie auch sonst tun oder sagen?

Die Idee neuer teurer Schuhe oder Mäntel rückte ganz weit hinter den Horizont. Und von einem Urlaub auch. Mann, war das krass. Und niemand da, der es nachvollziehen konnte. Niemand zum Teilen dieser Erfahrungen. Wir waren damals Mitte Zwanzig und damit gut zehn Jahre zu früh dran im heutigen Deutschland. Damit war unser Schicksal als einsame, breibeschmierte Außenseiter besiegelt.

Ja, wir lasen viele Artikel und Zeitschriften über Babies. Wer sich einen Hund kauft tut das übrigens auch. Der ist dann der verantwortungsbewusste Hundehalter. Eltern aber sind dann schnell überkandidelte Nervsäcke mit ihren ewig gleichen Themen. „Und dann immer die Babyfotos auf Facebook“ heißt es. Mann, wirklich! Ich mag vielleicht auch nicht dauernd „Dackel Waldemar im Schnee“ oder „Windhund Wilma beim Schwimmen“ sehen. Und ich mag Hunde echt gern. 

Wir liebten dieses alles-auf-den-Kopf-stellende und gefühlt andauernd quakende Wesen über alles. Unsere sichtbar gewordene Liebe (Danke, Novalis, Du allzu früh verschiedenes Schnuckelchen). Und gaben für diese neue Liebe sehr viel auf. Ist das nicht eigentlich sehr liebenswert, wenn man so viel opfert, nachdenkt und fühlt? Wenn man sich der Verantwortung für Körper und Seele eines Menschen vollumfänglich bewusst ist? Und wenn man versucht, dieser bestmöglich gerecht zu werden?

Und ist es nicht ebenso verständlich, wenn man darüber sprechen will? Mit denjenigen, mit denen man zuvor so viel Zeit verbrachte und so viel teilte? Die stehen plötzlich da und bekommen nur mit, wie wenig Spaß die armen Schweine haben, weil sie ein Baby bekamen. Der Papa sollte in Woche zwei mit Baby spontan abends zu Freunden zum Saufen kommen und sagte ab. Seine Kumpels waren enttäuscht. Aber allein, dass sie dachten, er würde nun einfach aufspringen und losfahren, nervte den frischgebackenen Vater. Weil er merkte, dass sie nun in zwei Welten lebten. Solche Unverständlichkeiten häuften sich. Die Freunde nervte wiederum das. Sie sagten tatsächlich:“Mann, mit dem Baby habt ihr euch aber echt was angetan.“ Und hatten keine Ahnung. Sie wussten nicht, wie tief wir beide dadurch miteinander verbunden worden waren. Und wie es war, dieses Glückskind zur Welt zu bringen und es jeden Morgen aus dem Bettchen zu holen, nachdem man mal wieder befürchtet hatte, es könnte irriger Weise am Plötzlichen Kindstod gestorben sein. So viele neue Gefühle und Erfahrungen! Schwangerschaft, Geburt Baby: So viel Glück, Geschrei, Sorgen, Blut und Freude!

Es ist eine unüberwindbare Schlucht zwischen denen mit Kindern und denen ohne. Da möchte ich ausnahmsweise keine diplomatische Political Correctness bemühen. (Dazu bin ich zu genervt von manchen Zuständen.) Mindestens wir Eltern wissen das. So wie zwischen Kriegsveteranen und Zivilisten. Irgendwie ahnen die Zivilisten, das Krieg eine elementare Erfahrung ist. Und irgendwie ahnen Kinderlose, dass allein eine Geburt eine elementare Erfahrung und eine Initiation zugleich ist. Eine, die sie vielleicht nie machen werden oder zumindest noch nicht gemacht haben. Trennt das nicht automatisch irgendwie?

Während man früher mit Freunden auch mal in ein Konzert ging, das einem nicht zusagte oder man sich ihre Probleme anhörte, obwohl man müde war oder mit den eigenen Dingen beschäftigt, da sind es genau diejenigen, die beim Wort „Wehenschmerz“ gerne sagten: „Oh nee! Davon will ich nichts hören!“ Und man denkt „Mann, du bist ’ne Freundin. Ich habe etwas erlebt, das mich in Mark und Bein durchschüttelte und für immer veränderte und du sagst nur: Oh nee.“ Sie schauen sich das nagelneue Babyfotoalbum an und rufen beim Geburtsfoto: „Ih! Ist das etwa Blut da?“ und meinen es vielleicht wirklich lustig. Doch man fragt sich, wieso ausgerechnet diese Reaktion kommt. Vielleicht würde man das hinterfragen, aber man lässt es. Man sagt nichts. Sondern ist  – Achtung: Ironie des Lebens – ganz mütterlich-weise, nimmt sich zurück (denn das ist man durch das Baby schon gewöhnt) und schont die Freundinnen. Man denkt sich: „Hey, sie haben das alles nicht erlebt und wissen einfach nicht, wie sie reagieren sollen. Es verunsichert sie, dass du etwas Derartiges erlebt hast. Daher wissen sie nichts zu sagen.“ Und diese Einstellung trennt einen noch weiter.

Ja, ich bin mit meinen Freundinnen und dem Baby zusammen in die Stadt gegangen zum Einkaufen oder mal auf einen Spaziergang. Und ich habe auch manchmal erzählt, was ich als Mutter so erlebe. Aber irgendwie fehlte etwas. Einmal war es schon symbolträchtig. Ich war mit einem Freund unterwegs, hatte Nummer 1 im Tragetuch und wir schlenderten durch die Innenstadt. Wir sahen uns überall um, was nett war, aber ich merkte, wie das Baby mir langsam zu schwer wurde. Er konnte sich natürlich frei und unbelastet bewegen. Während wir irgendwo standen und uns unterhielten, war immer dieses Baby zwischen uns, das ja meine Vorderseite bedeckend vor meiner Brust war. An dem symbolhaften Tag hab ich gedacht: „Du wirst erst dann wieder mit Gleichaltrigen eine Ebene teilen, wenn sie sich auch fortgepflanzt haben. Da dies aber ziemlich aus der Mode ist, wirst du weder wissen, wann das sein wird, noch ob überhaupt.“

Wenn ich mich umsehe und umhöre oder den Buchauszug von „Seid fruchtbar und wehrt euch“ lese, dann denke ich: Es ist anscheinend das gute Recht der Coolen („der Jungen“), die Mütterchen zu verletzen. Sie haben die Mode der Zeit auf ihrer Seite. Das Peter-Pan-Syndrom. Ich habe das nicht. Als Eltern ist man schließlich geradezu auf den Zahn der Zeit gekettet.

Aber man rächt sich. Man bleibt nicht ewig mütterlich-verzichtend-weise. Man ist irgendwann genervt von der polarisierenden Thematik, die noch vor dreißig Jahren nicht existierte, als Kinderkriegen kein Projekt für verblendete Romantiker war: Man nimmt die Ignoranten, die sich vermutlich auch mit Fünfzig vorwiegend bei einer Tasse überteuertem Kaffee über ihr Lieblingsrestaurant und tolle Urlaubsziele unterhalten, einfach nicht mehr ernst. Warum nimmt man sich diese Hybris heraus? Weil: In Restaurants gegessen haben wir auch mal. In Urlaub geflogen sind wir auch. Es gab teuren Kaffee, ausgedehnte und ruhige Frühstücke oder auch Brunches. Wir haben Dates erlebt, sind abgestützt, hatten wilde Nächte (die wenigstens haben wir heute auch noch) haben Unüberlegtes getan und sind unzuverlässig gewesen. Wir waren nur für uns verantwortlich, haben uns voll auf unsere Berufe konzentriert. Alles bekommt ein Häkchen.

Und dann kam da noch so viel mehr. So unendlich viel. Ja, lacht nur, wenn Eltern rührselig über die leuchtenden Kinderaugen an Weihnachten sprechen. Ihr lacht nur, weil ihr einfach nicht wissen könnt, wie tief diese Gefühlserfahrung ist. Wie sehr man sich von den Glücksgefühlen Anderer bewegen lassen kann. Ich stehe nun nicht so sehr auf Ashton Kutscher, aber neulich las ich zufällig ein Zitat von ihm: „Du denkst, du weißt, wie sehr du einen Menschen lieben kannst. Dann bekommst du ein Kind und stellst fest, du wusstest es nicht.“ Kein Urlaub, kein Haustier und kein leckeres Restaurant-Futter gibt einem das.

Ein nacktes, nasses, neues Leben auf der Brust liegen zu haben, das man nach stundenlangen Schmerzen oder durch eine Körper und Seele belastende Operation auf die Welt beförderte – das ist nicht mit einer herausfordernden Bergsteigertour zu vergleichen. Und nein, mit einem erfolgreichen Zahnarztbesuch auch nicht. 

Ein neues, selbstbewusstes Hurra auf das Elternsein muss her. Ein Hoch auf die Wesen, die uns eine abartig tiefe Lektion in Empathie lehren und unseren Blick auf das Bezaubernde Im Leben lenken. Auf Augen, die den eigenen so ähnlich sehen. Auf Seelen, die einem anvertraut wurden und für die man alles tun würde. Ein Hoch auf die quälenden Nächte, die Paare zusammenschweißen können, wenn sie konstruktiv und liebevoll miteinander bleiben. Ein Hoch auf die Herausforderungen, die Kämpfe, die Erfolge und Niederlagen. Nein, so gibt einem das kein Job der Welt. Und ja, es hat frustrierende Phasen zwischen gähnender Langeweile und blankem Horror. Ja, es ist oft genug auch chaotisch wie im Schützengraben. Aber das kann man durchaus schaffen. Schließlich ist es ja kein echter Schützengraben.

Und dann erlebt man neue Ebenen von Partnerschaft, Leistungs- und Organisationsfähigkeit und Selbstbewusstsein. Man empfindet tiefsten Stolz und haarsträubende Sorgen und auch ehrliche Dankbarkeit. Den verständnislosen Nicht-Eltern möchte ich das am liebsten so erklären: Die Gefühlsbandbreite erweitert sich von 16 Bit auf 36 Bit.

Ja, viele Arbeitgeber stellen inzwischen gerne Eltern als Angestellte ein. Weil sie eben über all das vermögen: Teamgeist, Zuverlässigkeit, Selbstorganisation. Eltern sind im Job auch noch nachweislich weniger krank als Nicht-Eltern.

Wir sollten mal aufhören und latent oder vollumfänglich zu schämen. Das haben wir nicht nötig. Das ist jetzt ein bisschen wie ein „#parentsrock“ aber auch dieses scheint mir dringend nötig. Mir reicht langsam das Gefühl, ein bisschen jeck, blöd oder einfach nur verträumt zu sein, weil ich Kinder habe. Wir haben uns kein teures, dusseliges Hobby gesucht. Wir machen kein die Augengesundheit gefährdendes Fliegenfischen mit selbstgebastelten Fliegen aus puren Goldfäden und meckern dann, weil man immer so früh aufstehen muss, die Fliegen so teuer oder die Gummistiefel undicht sind. Wir haben Kinder bekommen. Aus Liebe. Da gibt es nichts Negatives zu urteilen. Das ist kein außergewöhnliches Projekt sondern ein für die Menschheit (äh ja – und der von vielen Kinderlosen so geliebte Tierwelt) eher natürliches Vorgehen.

Wir haben natürlich Freunde, die (zum Teil noch) keine Eltern sind. Und mit denen wir sehr glückliche Zeiten verbringen, die wir von Herzen lieben und denen wir selbstverständlich auf Augenhöhe begegnen. Es gibt jene, die mit (unseren) Kindern recht gut und ehrlich bemüht/sehr natürlich/herzlich/lieb umgehen können. Das sind in unserem Umfeld eigentlich alle. Und unter unseren Freunden ist eigentlich niemand, bei dem ich denke, er empfindet mich als dämlich, weil ich Kinder habe. Das möchte ich hier mit Nachdruck sagen. Es ist nicht so, dass ich per se Kinderlose nicht ernst nehme – wie arrogant wäre das denn? Aber die kinder- und elternfeindlichen Dauer-Jugendlichen, denen möchte ich gern mal ein paar Takte sagen.

Wenn ich lese, dass eine Gastronomin etwas sagt wie: „Bah, dann packen die Mütter hier ihre Euter aus…“ dann bin ich auf 180 und stelle mir vor, sie hätte gesagt „Bah, dann steht hier immer der Krüppel mit seinem Rollstuhl im Weg, weil er uns zeigen will, dass er trotzdem mobil ist“ oder „Dauernd hängen die komischen Schwulen hier ab und wollen uns knutschend präsentieren, dass sie’s auch mit 50 noch drauf haben“ Na, da wäre ein Aufschrei durch die Massen gegangen. Und dabei wäre es um Minderheiten gegangen. Nicht um Mütter (!).

Aber Müttern muss man ja keinen Respekt zollen. Da muss man sich auch nicht fragen, warum man mamaphob ist. Dabei gäbe es simple psychologische Antworten darauf, wie auch auf die berühmte Homphobie und die sind sich nicht mal unähnlich. Irgendwas mit Verunsicherung der eigenen Geschlechterrolle und Person durch Projektionen im Außen und so …

Fazit:

Nach dem ersten Baby schrumpfte vieles ein und vieles wurde größer. Ich zum Beispiel. Gereift, erfahren, iniziiert wie ich war. Und leidgeprüft und mit gestählten Nerven. Und überhaupt … war ich acht Monate nach der Geburt schon wieder schwanger.

Aber beim Zweiten wusste ich wenigstens, was auf mich zukam.

Wer sich über Eltern und/oder Kinder beklagt oder gar abfällig beleidigend wird hat einfach keine Ahnung. Gar keine. Auch nicht, wenn er meint, er wüsste was, weil er mal gehört hat, dass es Kinder gibt. Oder mal auf seine Nichten und Neffen aufgepasst hat.

Ich habe inzwischen immerhin um die zehn Freundinnen, die auch Kinder haben. Mit manchen habe ich regelmäßigen Kontakt, mit manchen nur selten. Aber jahrelang hatten wir nur uns, mein wunderbarer Mann und ich. Wir haben miteinander ausgemacht, was wir uns unter Erziehung, kindlicher Körper/Krankenpflege, Konfliktbewältigung, Entwicklungsphasenbegleitung, seelischer Entfaltung und so weiter vorstellen. Gut, das hat uns so zusammengeschweißt, dass wir nun an unserem baldigen 15. Jubiläum unserer Liebe immer noch irgendwie verliebt ineinander sind und wir sind mit unseren Kindern gern zusammen. Und stolz auf sie.

An diesem Punkt möchte ich immer noch gerne die Gastronomin treffen, die sich über die Euter aufgeregt hat. Ich würde sagen: „Vier Menschen das Leben geschenkt und glücklich? In dein Gesicht! Wahre Werte im Leben gefunden? In dein Gesicht! Währenddessen niemanden meine nackten Euter gezeigt? In dein Gesicht! Und ehe du mir aufzählst, was du alles in deinem Leben begrüßt sage ich dir Folgendes: Ein Mensch, der sich öffentlich auf diese Art über andere Menschen äußert, mag eine Menge besitzen oder vorgeben zu sein. Aber letztlich ist er mindestens eins: Bedauernswert.“

Zahnspange statt Kino

Neulich flatterte die erste Zuzahlungsrechnung für Nummer 1s Zahnspange ins Haus. Sie belief sich auf rund 120 Euro.

„Na toll Nummer 1“, meinte meine Frau, „von dem Geld hätten wir auch einmal ins Kino gehen können. Ganz großartig.“

Hatte ich mal erwähnt dass Kinos für größere Familien eher so eine Art Investitionsgut ohne Rendite sind als eine normale Freizeitbeschäftigung? 

Aus diesem Grund beömmeln wir uns auch noch heute über diesen Tweet:

Ich kann nur sagen: Das gilt nicht nur für ungeborene Kinder.

Jammern auf niedrigem Niveau Teil 1: Ihr habt Euch das doch ausgesucht!

Habe gerade auf der Webseite der Berliner Zeitung – einem Hinweis meiner Frau folgend – den Vorabdruck aus dem neuen Buch „Seid fruchtbar und beschwert Euch!“ gelesen. Sehr lang, und sehr lesenswert. Der Text stellt die aktuelle Lebenswelt junger Eltern meiner Meinung nach sehr gut dar – auch wenn er keine individuelle, sondern eine eher gesellschaftliche Perspektive einnimmt. Es fällt schwer, hier Auszüge darzustellen, da das ganze Pamphlet sehr empfehlenswert ist. 🙂

Warum ich mich hier zu einem Kommentar hinreiße, auch wenn ich an dieser Stelle eigentlich nicht viel Substanzielles hinzuzufügen habe? Weil ich darin einen Gedanken wiederfinde, den ich insbesondere im letzten Jahr oft hatte, aber nie so explizit zu Papier (oder Bildschirm) gebracht habe.

Kennt Ihr den Artikel „Why Generation Y Yuppies are unhappy?“ Ein bißchen älter und meiner Meinung nach etwas weniger spannend, aber dennoch erwähnenswert, weil er die Problematik eines Lebens in unserer Social Media-Welt gut beschreibt: Alle haben immer Spaß, sind an coolen Orten, fotografieren total leckeres Essen und posten hübsche Selfies. Wobei, mit „alle“ meine ich eigentlich „die Jungen“ aus Malte Weldings Text, die also, die das Leben als Eltern noch nicht kennen, indem es schlicht und einfach nicht mehr so viele Gelegenheiten für Selfies und Fotos von Essen gibt. Weil man Ringe unter den Augen hat und den Babybrei isst, den Nummer 4 übergelassen hat.

Wenn man jetzt also – wie viele junge Eltern – plötzlich in einer solchen Lebenswelt ankommt, wird es durch hippe Facebook-Selfies nur noch schwerer. Meine Freunde gehen heute Abend aus? Ich schlafe ermattet um 21.30 auf der Couch ein. Wow, Urlaub in Costa Rica? Wir fahren nur noch in ein Ferienhaus in Holland. Tolle Fotos vom Shopping? Ich kaufe nur noch Strampler ein, online, versteht sich.

Wer da jung und Eltern ist, der wird in unserer Gesellschaft oft schrecklich allein gelassen. Denn nicht nur hat die Elternschaft etwas mitunter erschreckend trostloses und eintöniges (Kinder sind nämlich nicht nur den ganzen Tag so entzückend wie auf unseren Facebook-Fotos) – man darf sich ja auch nicht darüber beschweren! 

Warum? Weil habt Ihr Euch ja so ausgesucht! (Untertitel: Ihr hättet ja auch einfach kinderfrei bleiben können, oder ein paar weniger kriegen, oder so …)

Dabei hat man – das kann ich als Veteran unzähliger Elterneinsätze mit Nachdruck sagen – oft sehr, sehr viel Grund sich zu beklagen. Wenn ich darüber nachdenke, wie unendlich viel Zeit ich auf meine Wünsche und Bedürfnisse verwenden konnte, als wir noch keine Kinder hatten, wie oft wir einfach nur rumhängen und uns um vier Uhr ’ne Schale Pommes holen konnten, weil wir vorher auf nix Lust hatten, wie viele endlose Computerspiele ich durchgespielt und wie oft ich mich betrunken habe, bis ich den ganzen nächsten Tag zu nichts mehr zu gebrauchen war …

Das alles können Eltern sich nicht erlauben. Und auch wenn „wir“ uns das natürlich ausgesucht haben, ruft das in unserer Welt der endlosen Möglichkeiten mitunter Frust hervor. Weil wir eben eigentlich nur Kinder haben wollten, nicht das ganze erdrückende Paket aus individueller, finanzieller, gesellschaftlicher Verantwortung und ein komplett durchgetaktetes Leben, in dem man nicht mehr weiß, was man mit Freizeit anfangen soll (wenn man denn mal welche hat).

Wir haben uns geliebt und wollten dieser Liebe Ausdruck verleihen. Jetzt sind wir glücklich, aber auch manchmal frustriert – und dürfen das nicht äußern, weil Kinder ja eher ein ausgefallenes, lautes Hobby sind als irgendetwas anderes. So fühlt es sich zumindest dann und wann an, wobei ich einräumen muss, dass das natürlich auch an mir/ uns liegen kann.

Wir sind es gewohnt, dass wir unsere Karriere planen, unsere Freizeit, unseren Urlaub – und dann kommt plötzlich etwas in unser Leben, das nur begrenzt planbar ist wie das erste Baby (oder auch das vierte 🙂 ). Die Kinder sollten eigentlich nur eines von vielen weiteren Vorzeigeprojekten sein, für die man ein perfektes Zimmer in einem schönen Haus in der Vorstadt einrichtet, wenn der richtige Zeitpunkt im Leben gekommen ist (also meistens: NIE). Diejenigen von uns, die das Projekt wirklich angehen, merken sehr schnell, dass das Projektmanagement nicht annähernd ausreicht für all die unerwarteten Veränderungen, die es mit sich bringt.

Aber Weil (siehe oben) äußern sie das am besten nicht, denn sonst könnte ja noch ihr Projektmanagement in die Kritik geraten. Schließlich lässt sich ja alles perfekt planen, wenn man es nur gut genug anpackt, oder?

Nicht.

Lesen Sie bald in Teil 2: Und plötzlich ist man allein. Wie man als Mittzwanziger Probleme bekommt, weil man mit dem ersten Kind zehn Jahre zu früh dran ist.

Warum die Politik in Deutschland eine höhere Geburtenrate verhindert – statt sie zu ermöglichen

Muss von 2400 Euro im Jahr leben: Nummer 4.

Muss von 2400 Euro im Jahr leben: Nummer 4.

Als ich mich das letzte Mal mit dem Thema Brutto- und Nettogehalt beschäftigt habe, fiel mir etwas auf: Unsere (damals drei, mittlerweile vier) Kinder wirken sich irgendwie so gar nicht nennenswert auf unsere Steuerlast aus. Als ich letztens in der Brand Eins gehört habe, dass auch bei Alleinerziehenden die Kinderzahl quasi keinen steuerlichen Unterschied macht, erwähnte ich das abends im Gespräch mit meiner Frau.

„Ist das denn bekannt?“ meinte sie. „Ich meine, das ist doch ziemlicher Mist …“

Was soll ich sagen? Das ist ziemlicher Mist, und daher habe ich mir noch mal die Zeit genommen und die ganze Kiste durchgerechnet. Schließlich will ich hier ja keinen Mist in den Blog schreiben. Folgendes kam bei einem führenden Gehaltsrechner raus:

  • Wenn wir verheiratet wären und keine Kinder hätten, würden wir im Monat 50 Euro weniger netto rausbekommen. Wahnsinn, oder? Ich meine, 50 Euro. Das reicht ja beinahe für das Mensa-Essen, das Nummer 1 und 2 einmal die Woche brauchen, weil sie lange Schule haben. 
  • Wenn ich hingegen alleinstehend wäre, liegen wir eher bei 600 Euro weniger monatlich (gegenüber Ehegattensplitting/ gemeinsamer Veranlagung). Vier Kinder machen aber auch in diesem Fall nur 50 Euro Unterschied aus. Bitte lasst Euch das auf der Zunge zergehen: Ein alleinstehender Single vs. ein Alleinerziehender mit vier Kindern: 50 Euro im Monat. Puh.

Zu diesem Unterschied beim Netto-Einkommen kommt natürlich noch das (mitunter ja auch in der Kritik stehende) umfangreiche Kindergeld von 154 Euro oder mehr im Monat. Ich fasse das mal vereinfacht zusammen: Der deutsche Staat ist also der Meinung, dass das Existenzminimum eines Kindes mit rund 1900 Euro (bzw. beim vierten Kind knapp 2400 Euro) im Jahr abgedeckt ist. Beziehungsweise nein, nicht abgedeckt, aber die restlichen Kosten sind nicht subventionierungsfähig. Weil: Kinder sind ja Privatvergnügen. Aber, hm, heult uns die Politik nicht dauernd die Ohren voll dass wir Deutsche zu wenig davon bekommen? Irgendwie kein Wunder, wenn man sich diese zum Himmel stinkende steuerliche Berücksichtigung anschaut. Rein ökonomisch möchte der Staat folgendes von jungen Menschen, die darüber nachdenken Eltern zu werden:

Hey, bitte setzt doch ein paar Nachkommen in die Welt, am besten 2,1 oder mehr, damit es mich auch in Zukunft noch gibt. Ich zahle Euch auch für 12 Monate ein halbwegs ordentliches Elterngeld, danach könnt ihr dann erstmal gucken, wie ihr klarkommt. Aber das wollt Ihr ja sicher auch. Wenn Ihr wirklich mehr als zwei Kinder bekommt wird einer von Euch beiden vielleicht … beruflich ein wenig Zurückstecken müssen. Also weniger Geld verdienen, meine ich. Aber das macht ja nix, die höheren Kosten für fünf Personen gleiche ich dann durch Steuererleichterungen aus. 1900 Euro pro Kopf und Jahr reichen doch, oder? Ach ja, dafür dass ich ab und zu auf Eure Kinder aufpasse – damit Ihr arbeiten gehen könnt und Steuern bezahlen – würde ich dann gerne noch einen kleinen Obulus in Rechnung stellen. Wir wollen ja nicht, dass sich jemand ungerecht behandelt fühlt, weil er diese Kosten für Euch übernehmen muss, oder? Ihr wisst ja, ich hätte diese 2,1 Kinder wirklich gerne von Euch, aber im Endeffekt ist das natürlich Euer Privatvergnügen.“

Wenn man bedenkt, dass ein durchschnittliches Kind diesem Staat im Laufe seines Lebens 50.000 Euro Plus einbringt (die er dann verwenden kann, um mit der linken Hand wegzunehmen und mit der rechten Hand zu unterstützen), ist das geradezu eine Beleidigung. Im Ernst: Rein ökonomisch gesehen begünstigt der deutsche Staat genau zwei Lebensmodelle – die kinderlose Doppelverdiener-Ehe sowie die kinderlose Alleinverdiener-Ehe. Alles andere ist Privatvergnügen. 

Ich bin übrigens noch nicht am Ende – komme gerade erst in Fahrt bei diesem Rant. 🙂

Viele Familien haben heute das Problem, dass sie einen Lebensstil, der sich annähernd nach „Mittelschicht“ anfühlt, nur dann finanzieren können, wenn beide Elternteile erwerbstätig sind. Das ist sehr schön für Papa Staat, weil dann für ein Kind drei Erwachsene Steuern zahlen müssen:

  1. Elter Nummer 1, arbeitet Vollzeit und zahlt quasi kinderunabhängig Steuern abzüglich den üppigen 1900 Euro Kinderpauschale per annum.
  2. Elter Nummer 2, arbeitet nur Teilzeit und zahlt trotzdem recht ordentlich bedingt durch eine schlechte Steuerklasse. Eigentlich noch mehr, da die Infrastrukturkosten für eine staatliche Kinderbetreuung ja indirekt aus diesem Gehalt bezahlt werden (Steuern plus Elternanteil für Betreuung).
  3. (Mindestens eine) Betreuungsperson: Übernimmt auf Kosten der Allgemeinheit mit Privatvergnügenzuschlag seitens der Eltern die Betreuung der Kinder. Zahlt Steuern und gibt seine Kinder zu anderen Betreuungspersonen, die ebenfalls Steuern zahlen.

Aus dem altmodischen Haushalt mit Hausfrau und Mutter wird so deutlich mehr Steuerlast „herausgequetscht“ – optimal, oder?

(Ich möchte an dieser Stelle kurz betonen, dass ich die klassische Mutterrolle keineswegs idealisiere und einer intelligenten Frau langfristig nicht empfehlen würde, allein darauf zu setzen, nur damit klar ist dass ich nicht heimlich irgendwen an den Herd argumentieren möchte)

Ich habe übrigens (wieder in der Brand Eins) gelesen, dass die Steuerreform in Deutschland ein Dauerprojekt ist, weil „die Politik“ gar nicht vereinfachen will.

Auch die Finanzbeamten fordern seit Jahren erfolglos Vereinfachungen und damit mehr Gerechtigkeit. Diese Forderung richtet sich an denjenigen, der nicht mit im Boot sitzt: den Staat. Der lässt rudern.

Ist ja auch logisch – es gibt wohl keine intelligentere Methode sich bei den Menschen beliebt zu machen, als ihnen zuerst das Geld wegzunehmen und es ihnen dann teilweise großmütig wiederzugeben – wenn sie brav sind. Aber das nur am Rande. Mir fällt jedenfalls immer auf, dass es bei der Familienpolitik hier in Deutschland überhaupt kein Wunder ist, dass Kinder aus der Mode gekommen sind. Ich weiß natürlich, dass man junge Paare nicht einfach bezahlen kann, damit sie Eltern werden – solche direkten Geschenke funktionieren auch nur bedingt – aber man könnte wenigstens schauen, dass die Opportunitätskosten nicht so durch die Decke gehen, wie sie es hier in vielen Fällen tun. Eltern müssen (teilweise erhebliche) Elternbeiträge für die Betreuung ihrer Kinder zahlen, sie müssen von weniger Geld mehr Miete bezahlen, wenn sie nicht in B-Lage wohnen wollen, sie brauchen mehr Platz, größere Autos, Klassenfahrten und vieles mehr – und kriegen pro Kind 1900 Euro im Jahr von ihrem eigenen Geld zurück. Schön blöd, wer sich auf diesen Deal einlässt. Oder? 😉

P.S. Hausaufgabe: Schnappt Euch doch mal so einen Brutto-Netto-Rechner und schaut ob wir ein Sonderfall sind. Würde mich wirklich interessieren. 🙂

Süß. Niedlich. Müde.

Süß. Niedlich. Müde.

Alltag mit Baby. Kennen wir Mütter. Aber: Es ist kracher-witzig, wenn man es mal liest. So richtig als Tagesablauf mit Zeitangaben. Das kann man im Artikel der Bloggerin Sarah O‘ Grady tun. Und schmunzeln.

Und es inspiriert. Ich möchte das auch mal tun.

Aus meiner Babyphase, die für mich gefühlt immer endet, wenn das Baby ein Jahr alt wird. Wie unseres morgen.

Vielleicht hat ja eine meiner geschätzten Mit-Mama-Bloggerinnen danach auch Lust? Ich fände es sehr interessant und bestimmt auch lustig, wenn wir uns da austauschen würden.

Ein Tagesablauf mit 3 Großen und 1 Baby

Wann fängt ein Tag denn genau an? Um 5? Hatte ich öfter mal. Um 4:30Uhr? Gab es auch. Für meinen exemplarischen Tagesablauf starte ich den Tag aber zu einer humanen Zeit.

Ich beschreibe mal kurz eine der diesem Tag vorangegangenen Nächte: Baby (an diesem Beispieltag/ in der Beispielnacht ist es circa vier Monate alt) schlief nach langem Ritual üblicher Weise zwischen 21 und 22.00 Uhr ein, um 1 war es wieder wach und wurde gestillt bis 2. Danach brauchte man eine Stunde, in der man es auf dem Arm halten musste, sonst wachte es beim Ablegen sofort wieder auf. Um 3 ging es wieder ins Bett. Manchmal weinte es auch ohne einzuschlafen und man musste nachts noch eine Runde mit ihm spazieren gehen. So gegen 3.30 Uhr bis 4:30 Uhr. Von 3 bis 5 Uhr schlief es für gewöhnlich, um anschließend Hunger zu haben. Wieder stillen bis 6 Uhr war dann angesagt.

Und damit beginnt der Tagesablauf

6 Uhr Das Baby liegt in meinem Arm im Bett und schläft. Seine jüngste Schwester schleicht sich zum Kuscheln rein. Reden dürfen wir nicht, sonst wacht das Baby wieder auf. Der Herr Vater sieht zu, dass die Großen sich für die Schule fertig machen und geht ins Bad. Draußen landen mit lautem Rumms die beiden Kater auf dem Fensterbrett. Ein Holzhaus ist recht hellhörig. Ich hoffe, die wecken das Baby nicht. Sie jaulen und stampfen und poltern vor dem Fenster und dem Nebeneingang.

7 Uhr Die großen Geschwister kommen herein und winken uns zu – sie gehen zum Bus.

7:20 Uhr Die Jüngste muss aufstehen und ins Bad. Ich stehe mit ihr auf und sehe zu, dass ich einen Kaffee bekomme. Ich fühle mich wie ein Zombie. Ich muss bis um 8 im Bad gewesen und angezogen sein. Vielleicht schnell, schnell duschen? Das wäre Wellness. Ich bin angespannt wegen das bevorstehenden langen und anstrengenden Tages. Ich muss aber auch noch das Baby warm einpacken, um mit ihm die Schwester zum Bus zu bringen. Schaffe ich das Duschen vorher?

8:00 Uhr Die Jüngste muss los. Das Baby schläft, ist warm verpackt und liegt im Wagen. Ich habe das Duschen nicht geschafft. Aber die Zähne geputzt und mir die Haare ganz praktisch in eine Spange gestopft. Der zweite Kaffee ist in einem To-Go-Becher in seinem Halter am Kinderwagen. Das, meine Lieben, ist wahrer Luxus! Ich warte an der Haltestelle und unterhalte mich mit dem Töchterlein, was sehr süß ist. Sie kuschelt sich in meinen Mantel. Ich knuddle die Kleine und winke ihr nach. Danach gehe ich spazieren. Weil der Kleine dann noch etwas schläft. Und dabei höre ich ein Hörbuch via Kopfhörer. Ihm ist schön warm. Mir nicht. Aber ich brauche ein bisschen Zeit ohne seine Bedürfnisse. Die kalte Luft weckt mein wie betäubt müdes Gesicht. Ich bin zu alt für dauernden Schlafentzug, Einer der Kater begleitend mich miauend. Süß.

9:00 Uhr Zurück vom Spaziergang. Die Katzen schießen an mir vorbei ins Haus. Schnell die patschnassen Stilleinlagen aus dem BH in den Müll befördern und neue reinstopfen, während die Kater um meine Beine streichen. Das Baby wacht gleich auf. Jetzt aber schnell! Ich werfe meinen Mantel über’n Sessel und streife die Stiefel ab. Die muss ich nachher wegräumen – Vorbildfunktion und so. Ich hole ihn aus dem warmen Deckendings und stille ihn. Ach, wie schön, dass der Schmerz beim Stillen nicht mehr ganz so schlimm ist. Ich versuche, dabei die Schultern zu entspannen, um nicht wieder Kopfschmerzen zu bekommen.

9:45 Uhr Er ist satt. Und wieder müde. Aber er schläft tagsüber nicht, wenn man ihn ablegt. Nur auf mir drauf. Also versuche ich, eine irgendwie erträgliche Position auf dem Sofa einzunehmen, ohne das einschlafende Baby auf mir zu wecken. Okay, es ist nicht bequem. Aber so kann ich die zwei Stunden aushalten, ohne dass mir wieder die Knie so komisch durchhängen. Das vorher schnell bereitgelegte iPad hole ich mir mit dem kleinen Finger heran, indem ich den Fingernagel unter die Hülle schiebe. Ich lade die neue Ausgabe einer großen Tageszeitung herunter und lese. Und lese. Auch den Newsticker. Danach tippe ich mit einem Finger Suchworte oder Internetadressen ein. Ich tippe auch so. Wie auch sonst? Ein paar Mal hab ich vergessen, das iPad vorher hinzulegen, Da habe ich dann zwei Stunden aus dem Fenster in den kahlen Garten gestarrt und abwechselnd an den Himmel. Hab mich gefreut, wenn da Wolken und Wind waren. Das hat einen hohen Unterhaltungswert – hätt‘ ich zuvor echt nicht gedacht …

11:15 Uhr Er wacht auf und sieht sehr niedlich aus. Ich knuddle ein bisschen mit ihm und lege ihn in seine Wippe, damit ich kurz staubsaugen kann. Das will er nicht. Er weint. Wer hätte das erwartet? Also Tragetuch raus, Baby rein und das tun, was ich zärtlich den Afrikamodus nenne: Mit dem Baby an mir dran ein bisschen was tun. Ich habe ihn nun vor der Brust. Sechs Personen verursachen viel Wäsche und Schmutz. Ich staubsauge und räume auf. Sich mit dem Baby vorne dran dauernd zu bücken und aufzurichten ist echt anstrengend. Aber man kann sein Köpfchen riechen und küssen. Das ist prima. Ich stapfe die Treppe hoch und wundere mich mal wieder, dass sich meine Muskeln so schwach anfühlen und ich mein Herz im Hals donnern fühle. Ich sollte vielleicht doch mal zum Arzt. Aber mit dem Kleinen ist das so anstrengend und sooo schlecht geht es mir ja nicht … ich warte bis er größer ist. Oh Mist, ich muss mal.

12:00 Uhr Ich muss mich mit dem Baby vorne dran auf das Klo pfriemeln. Denn abgelegt werden will es ja nicht. Das nervt kolossal. Will alleine auf’s Klo. Will auch einfach Wääähh! machen. Bin müde und grrr … Oh! Ich muss in zehn Minuten an der Haltestelle stehen und die Jüngste abholen! Schnell! Baby raus aus dem Tuch. Nur eine Jacke drüber werfen wäre zu kalt für ihn. Er muss also da raus und am besten gleich in den Kinderwagen – das ist am praktikabelsten. Also Baby in die Decke und das warme Säckchen stecken. Baby will das nicht und schimpft. Das Schimpfen im Ohr ziehe ich meine Schuhe an. Mir bricht der Schweiß aus. Das sag ich dann auch dem Arzt. Später irgendwann. Ich werfe mich in den Mantel und hieve um 12:10 Uhr den Kinderwagen die Eingangstreppe runter, um zur Haltestelle zu eilen. Dabei trete  ich einem der Kater auf die Pfote, die wie die Pfeile zwischen Kinderwagen und Beine durchhuschen.

Ich sage mir, dass ich die Zeit besser im Blick haben muss. Wenn ich weniger trinke, hab ich weniger Milch. Aber so muss ich dauernd auf’s Klo. Wenn ich morgens weniger trinke, reduziert sich das Klo-Gerenne. Dann schreit er weniger, weil er ja nicht abgelegt werden will. Nachmittags kann eine Schwester ihn kurz bespaßen, während ich pinkeln muss. Das ist ein Plan. Morgens weniger trinken, nachmittags mehr. Zynisch erwäge ich einen Toiletten-Plan aufzustellen, um das alles nicht wieder zu vergessen.

12:30 Uhr Ich habe mir auf dem Weg ganz viel aus der Schule erzählen lassen. Das war sehr niedlich. Nun sind wir gerade zurück und die Jüngste setzt sich zum Baby neben die Wippe. So mag der Kleine es. Die Jüngste will nun abschalten und sich etwas auf dem iPad ansehen. Ich beschäftige mich derweil mit dem Baby. Dann versuche ich, mir den Laptop auf den Schoß zu nehmen, um noch ein paar wichtige E-Mails zu schreiben. Geht nicht. Das Baby weint. Es hat Hunger. Ich stille ihn bis um

13:15 Uhr Das Baby ist noch nicht eingeschlafen. Wenn es tief einschläft, kann ich es in die Wippe legen. Das wäre toll, dann könnte ich kochen. Es ist aber müde und wach. Also wieder das Tragetuch raus und das Baby rein. Während ich stehe und Kartoffeln schäle meckert und schimpft er. Er will natürlich, dass ich laufe. Also wippe ich auf und ab und wackle hin und her. Die zu schälende Kartoffel muss ich dabei hoch halten, weil ich sie sonst nicht sehe  – Baby im Blickfeld. Ich schäle wippend und beruhigungssummend Gemüse. Dabei helfe ich nebenbei der Jüngsten bei den Hausaufgaben, mit denen sie begonnen hat. Die Katzen schmeicheln um meine Beine. Ich muss sie schnell füttern.

14 Uhr Die Großen kommen nach Hause. Das Baby ist im Tuch eingeschlafen. Alle müssen flüstern. Als das Essen fertig ist, hole ich den Kleinen vorsichtig heraus und lege ihn in die Wippe. Ich decke ihn zu und wir hoffen auf ein nettes Mittagessen.

14:30 Uhr Er hat geschlafen und wir haben gegessen. Das hatten wir auch schon anders. Heute ist es entspannter. Mir fallen meine wichtigen E-Mails wieder ein. Wir räumen den Tisch ab, stellen die Spülmaschine an und ich räume die Küche auf. Als ich mich hinsetzen und mein Notebook nehmen will, ist der Kleine wieder wach. Er hat nicht genug geschlafen und hat miese Laune. Wir singen ihm etwas vor. Die Schwestern wollen ihn herumtragen. Die Jüngste meckert, weil sie ihn noch nicht tragen darf. Es entbrennt ein kleiner Streit zwischen ihr und der Großen deswegen. Beleidigt zieht sie sich an den Esstisch zurück, um die Hausaufgaben fertig zu machen.

14:50 Uhr Ich trage den Kleinen herum und singe ihm etwas vor. Er grapscht nach meiner Nase, ich küsse seine Fingerchen. Ich könnte ihn aufessen. Er hat wieder Hunger.

15 Uhr Ich habe die Großen gerufen, damit sie Hausaufgaben machen. Sie sitzen am Tisch und ich stillend auf dem Sofa. Von dort aus helfe ich ihnen bei den Aufgaben. Wir rufen uns Vokabeln durch den Raum zu.

15:30 Uhr Er trinkt immer noch. Ein Paketbote klingelt. Alle Kinder springen auf und rennen zur Tür. Sie rufen mich zum Unterschreiben. Ich knurre innerlich und hieve mich mit an mir saugendem Baby hoch. Schneller Check, ob man nichts von meiner Brust sieht und zur Tür. Der Postbote lächelnd entschuldigend – er hat selber Kinder – und die Kinder tragen das Paket mit Babysachen hinein.

16 Uhr Ich gucke sehnsüchtig auf die Uhr. Ich brauche dringend einen Erwachsenen in meiner Nähe. Telefonieren geht nicht wegen das Babies. Das habe ich aufgegeben. Und mochte es eh nie so. Wieso ist es nicht schon 18 Uhr? Der Kleine ist immerhin satt und liegt in der Wippe neben mir. Ich muss mal. Wenn ich aufstehe, dann weint er. Ich bitte eine der Großen, sich neben ihn zu setzen und flitze zum Klo. Er weint trotzdem. Mir bricht der Schweiß aus. Die Jüngste kommt hinter mir her und erzählt mir Unverständliches durch die Badezimmertür. Ich bitte sie, mir das später zu erzählen. Wir packen das Paket mit den Babysachen aus. Dabei halte ich das Baby auf einem Arm. Ich bin ein einarmiger Bandit, seit das Baby da ist. Die Sachen sind schnuckelig und wir freuen uns. Ich bitte die Kinder, den Karton zum Altpapier rauszubringen. Dann entferne ich die Etiketten von den Sachen und bringe sie – Baby auf dem Arm – in die Wäsche.

16:30 Uhr Ich lese den Kindern etwas aus einem E-Book vor, während der Kleine in der Wippe liegt. Er wird wieder müde. Also muss ich ihn rausnehmen, denn auch das Wippen überzeugt ihn nicht vom Einschlafen. Ich höre mit dem Vorlesen auf. Dann entscheide ich spontan, spazieren zu gehen. Die Mittlere möchte mit. Ich warne sie, dass wir etwas länger gehen werden, damit der Kleine schlafen kann. Wir ziehen los und unterhalten uns auf dem Weg. Mir fallen die wichtigen E-Mails wieder ein. Ich habe Tee in meinen Warmhaltebecher gemacht, den wir uns teilen. Der Kleine schläft schnell ein. Ich kann mich darauf verlassen, dass er im Kinderwagen gut schläft. Daher gehe ich morgens auch manchmal eineinhalb Stunden durch die Gegend. Damit er guten Schlaf bekommt und ich Hörbücher hören kann. Nun gehe ich mit der Mittleren und höre ihr zu. Der Kater folgt uns. Niedlich.

17:15 Uhr Wieder zurück und der Blick auf die Uhr ist ganz erträglich. Ich sage mir, dass der Kleine abends ja meistens schon vor zehn schläft. Wir wagen es inzwischen, eine Serienfolge zu gucken, damit wir 30 Minuten Feierabend haben, ehe wir schnell einschlafen müssen. Was für ein Luxus das doch ist. Bald, bald wird er noch früher einschlafen und nachts nur noch ein Mal aufwachen und das wird ein Fest! Und ich erinnere mich daran, wie er noch Wochen zuvor in den Schlaf gebracht werden musste: Ewiges Tragen und wenn das nicht ging, dann saß der Herr Vater auf der Sofakante, vornüber gebeugt und machte so eine Art zart-aber-spürbare Vibrationsbewegung mit den Armen in denen er ihn hielt. Bis er schlief. Danach musste man 45 Minuten warten, bis er tief genug schlief, ehe er in seinen Babybalkon gelegt werden konnte. Das dauerte alles bis 23 Uhr und man hatte immer schon Panik, nicht genug Schlaf zu bekommen um morgens nicht zuerst weinen zu wollen. Zwei bis drei Stunden Schlaf und oft dazu wach sein ab 5 machen ein Tier aus mir. Einmal hatten wir abends Besuch und ich hoffte, dass er nicht lange bleiben würde, damit ich nur ja genug Schlaf bekäme. Die Jüngste reißt mich aus dem Luxus eigener Gedanken um’s eigene Wohl und sagt, sie habe Hunger. Die Katzen auch. Ich stolpere mal wieder über den einen der beiden.

18 Uhr Schon Sechs! Noch eine Stunde oder vielleicht anderthalb – dann kommt der Herr Vater nach Hause. Der Gedanke an einen Gesprächspartner gibt mir Aufwind. Lang waren die Monate der Entbehrungen und an der Front ist nicht nur der Hunger ein Feind … apropos: Es ist Abendessenszeit. Auch für das Baby. Ich stille ihn und sehe zu, wie die Kinder sich etwas zu essen nehmen. Sie sitzen am Tisch, ich auf dem Sofa. Stillen auf den Esstischstühlen geht nur unter Inkaufnahme fieser Verspannungen. Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch. Muss ich das auch dem Arzt sagen, den ich später-später besuchen werde? Nein. Es ist Magenknurren, diagnostiziere ich. Ich sehe den Kindern beim Essen zu.

18:45 Uhr Das Baby ist satt und die Große trägt den Süßen herum. Ich stopfe mir ein Brot hinein. Die Mittlere der Mädels hat mir einen Kaffee gemacht. Wunderbar! Dann nimmt die Kaffeekocherin das Baby und ich verlangsame das Ess-Tempo. Wir unterhalten uns nebenbei alle ein bisschen. Das Baby ist zufrieden. Ich sehe zu, wie sie sich gegenseitig mit dem Baby fotografieren. Sie sind furchtbar süß alle zusammen.

19 Uhr Ehemann kommt später, es ist Stau, teilt mir seine Sprachnachricht mit. Ich vermisse ihn. Nicht nur als Gesprächspartner. Auch als Mann. Werde ich jemals wieder Zeit und Kraft für etwas wie zwei Gläser Rotwein, erotische Literatur und alles Folgende haben? Habe ich jemals so etwas erlebt? Öh ja, bevor ich schwanger war. Wie lange ist das her? Lichtjahre. Ich lebe auf unbestimmte Zeit in einer Askese. Mir bricht der Schweiß aus. Muss ich aufschreiben, damit ich es dem Später-später-Arzt sagen kann. Ich vergesse auch so viel. Muss die Still-Demenz sein.

19: 40 Uhr Der Herr Vater ist da und alle freuen sich. Die Kinder erzählen ihm zuerst all die Dinge, die sie erlebt haben. Es gab zwei gute Noten und sie sind stolz. Er zieht seine Jacke aus und macht sich sein Essen warm. Währenddessen trage ich das Baby. Danach nimmt er es und wir setzen uns hin. Damit wir uns kurz unterhalten können, nehmen die beiden Großen das Baby und gehen mit ihm im Schlafzimmer kuscheln – die sind beide heute sehr nett zu uns.

20 Uhr Wir sitzen mit dem Baby auf dem Sofa und mir fällt die Wäsche ein. Ich eile nach oben und hänge sie auf. Dabei sage ich den Kinder Bescheid, dass sie ins Bad müssen – es ist Schlafenszeit. Das finden sie heute total doof. Aber nur heute.

20:30 Uhr Baby wird wieder gestillt und wird danach müde. Mir fallen die wichtigen E-Mails wieder ein. Babymann schläft auf Herrn Vaters Arm ein. Herr Vater legt ihn auf seine Brust und wir unterhalten uns. Wir sind total müde. Leise wünschen uns die drei Größeren eine Gute Nacht. Blick zurück zu Ehemann: Kopf nach hinten gesunken, Mund offen. Schläft. Fast auch süß. Fast. Ich nehme mir das Notebook und will die wichtigen E-Mails schreiben. Dann aber habe ich einfach keine Energie mehr dazu.

21:30 Uhr Das Babylein wird in seinen Babybalkon gelegt. Wir haben in den letzten Nächten gemerkt, dass wir alle besser schlafen, wenn wir in getrennten Zimmern schlafen. Der Babymann wacht dann ein Mal weniger auf. Wir legen uns auf das Sofa nebenan. Und schauen uns auf dem iPad irgendeine Serienfolge an. Wir schaffen noch zwei müde Lacher.

22 Uhr Mir fallen die Augen zu. Bis sie in spätestens drei Stunden wieder aufgehen werden. Mir fallen meine wichtigen E-Mails wieder ein.

Goethe und das Stillen

Wir hatten hier schon mal einen Post zum Thema Still-Zwang vor dem Hintergrund einer neuen Langzeitstudie. Nun war ich im Internet an den letzten Abenden viel lesend unterwegs. Hier begegnete mir das Thema Stillen noch einmal und es entspannen sich darauf einige Gedanken und nehme Euch, wenn Ihr wollt, gerne mit auf die (Achtung: etwas lange) Reise vom Blog/Artikel/Facebook-Kommentar-Hölzchen auf’s Mummy-War-Stöckchen.

Es ging häufig um begeisterte oder auch nicht-begeisterte Langzeitstillerinnen. Viele von ihnen schrieben etwas wie:

„Also ich stille seit 2 Jahren und 5 Monaten und ich liebe die Nähe. Mein Kind fordert das auch ein. Manchmal ist es mir zu viel. Aber ich kann einfach noch nicht loslassen. Mein Kind setzt sich auf meinen Schoß und sagt das Wort für Stillen. In der Öffentlichkeit ist mir das unangenehm. Aber nur wegen der Blicke! Es ist so schwer, die Blicke zu ignorieren. Ich stille nachts seit der gesamten Zeit. Wir genießen das beide sehr. Langsam bin ich aber müde. Ich möchte wieder mehr Kraft haben, richtig wach sein und der Schlafmangel zehrt doch sehr an mir. Aber ich trau mich nicht abzustillen. Was, wenn ich meinem Kind schade? Vielleicht bin ich zu egoistisch.“

Aus meiner freien Rezitation darf jeder entnehmen, was er möchte – sie ist recht klassisch. Die Kommentatorinnen waren sich alle im Grunde einig und beschrieben Ähnliches. Ein stimmiger, zustimmender Austausch Gleichgesinnter.

Dann mischte sich ein Vater ein und berichtete, dass seine Frau den Sohn mit sechs Monaten abgestillt habe, weil sie immer weniger Milch hatte, trotz der vielen Hebammentipps. Sein Sohn habe dann schnell das Interesse an der Brust verloren und sei aber ein gesundes, zufriedenes Kind, das inzwischen alles vom Tisch essen würde und einen großen Entdeckerdrang habe. Er selbst wäre unsicher, ob die Bindung nicht durch die vielen anderen Faktoren des Lebens beeinflusst würde. Er wüsste keinen Grund, warum man ewig stillen sollte, wenn es irgendwie belastend wäre. Sonst hätten ja Nicht-Gestillte in jedem Fall eine geringere Bindung zu den Eltern. Eine Mutter zweifelte als Reaktion an, dass es Kinder gäbe, die nach ein paar Monaten das Interesse verlören, denn ihres würde immer noch nach der Brust verlangen und sei über Zwei. Die Stilldauer in Deutschland sei ohnehin kürzer als in sehr vielen Ländern der Welt, obwohl es wegen der Natürlichkeit das Beste sei. Es wurde angezweifelt, dass diese Mütter die Wahrheit berichteten, sondern vielleicht nur einen schnellen Ausweg suchten. Woraus denn? Aus einem glücklich machenden Weg? Daraus will man wohl kaum entkommen. Ein bisschen Streit kam dann auch auf und schaukelte sich hoch:

Mummy War. Kriegsschauplatz hier: Langzeit- gegen Kurzzeitstillende. Und der arme Papa mittendrin. Er sagte dann auch schnell nix mehr.

Da wurde ich nachdenklich.

Vor allem wegen des Arguments der Natürlichkeit. Das nervt mich schon lange gewaltig.

Ja, in vielen Ländern der Welt passt es aus verschiedenen Gründen sicherlich gut, wenn man lange stillt und dies ist dort mit allen Vorzügen allgemein bekannt. Da guckt dann auch niemand, wenn das Stillkind sich in der Öffentlichkeit mit fünf Jahren „selbst bedient“. In vielen Ländern der Welt passt es sehr gut, wenn man sein Kind dauerhaft im Tragetuch trägt, auch weil Kinderwagen nur auf Geh-und Asphaltwegen Sinn machen. (Das Tragen dient hier als anderes Beispiel vom Kampfplatz der Mummy Wars).

Aber das bedeutet doch nicht, dass man sich einfach irgendeinen Umstand aus einem Land herauspicken kann, der einem gefällt und diesen glorifiziert. In Indien werden Kinder lange gestillt. Und weibliche Kinder getötet (prä- und postnatal). In vielen Ländern machen alle Eltern ein Co-Sleeping mit allen ihren vielen Kindern. Dies mag dort nicht unbedingt wegen eines Ratgebers zum Attachment-Parentings so sein, der Menschen mit einem großen, westlichen Individualberdürfnis das Gute an der engen Bindung zum Kind zeigen will und das intime Zusammenschlafen sowie den Sex der Eltern zu reglementieren sucht. In Afrika bekommen die Massai eine prima Hüfte in der Spreiz-Anhock-Stellung des Tragetuches ihrer Mutter. Man trinkt dort traditionell Blut aus frisch angestochenen, lebenden Tieren. Man schmiert Tierkot auf seine Hütten, um sie zu isolieren und stabilisieren. Vieles davon erscheint mir als sehr natürlich. Nein, alles. Warum schmieren wir nicht alle etwas aus dem Katzenklo an unsere Hauswand? Genau: Weil wir das so nicht brauchen. Und ein männlicher Initiationsritus in unseren Gefilden ist nicht das gefährliche Springen über viele nebeneinander stehende Rinder. Sondern etwas wie das erste Fußballspiel mit Papa oder der Kauf des ersten Rasierers. Wir nehmen Stoff- oder Fertigwindeln oder gar keine. Aber im letzten Fall schieben wir das Baby nicht mit dem Anus über unser Knie, kratzen den Kot dann mit einem Ast ab und werfen diesen weg. Das wäre aber ultimativ-afrikamäßig-natürlich.

Die klassische Idee, des Edlen Wilden kommt mir dann in den Kopf. Ethnologisch längst überholt kommt sie daher und suggeriert eine tiefe Verbindung mit der Natur, die wir durch die naturgemäße Behandlung unserer Babies erreichen. Diese Verbindung teilen wir dann mit. Aus unseren vollbeheizten Wohnzimmern und mit unseren diversen Devices mit. Hm …

Nun möchte ich mal etwas Persönliches dazu sagen:

Ich habe alle meine Kinder gestillt und mochte es nur in wenigen Momenten. Ich hatte schmerzende Brustwarzen, war wegen der Schmerz-Ausgleichshaltung verspannt bis zum Dauerkopfschmerz und hatte aufplatzende Blasen auf den Brustwarzen unter denen sich rasch neue bildeten. Kinder hatten kurze Zungenbändchen, aber nicht zu kurz. Kinder wurden anders angelegt, half nicht. Es half nur Abhärtung. Wenn das Baby hungrig wurde, brach mir oft genug der Schweiß aus. Ich bezweifelte, dass „Oh nein, es hat schon wieder Hunger und es wird wieder wehtun“ gut für die Bindung sei und sprach mit den Hebammen. Empfehlung der Hebammen war immer „Salbe/Heilwolle drauf und zurück an die Front. Es ist das Beste für’s Kind.“ oder „Wenn du vor Schmerzen weinen musst, dann lass es ruhig zu.“ 

Nur die eine Hebamme, die aufgrund einer Brust-OP selber nicht wirklich viel stillen konnte, erlaubte mir das Zufüttern, als ich fast in Ohnmacht fiel, weil drei Kinder, eine unentdeckte Schilddrüsenüberfunktion und ein Baby mit 2-Stunden-Still-Rhythmus bei 45 Minuten Trinkdauer zu viel waren. Sie erzählte mir auch, wie sie sich einmal weinend mit einem Fläschchen und der Tochter zum Füttern im Auto versteckt hatte. Warum? Weil sie auf einem Hebammen-Kongress war und sich vor den Anfeindungen fürchtete, wenn sie in der Halle die Flasche gegeben hätte …

Ich habe insgesamt neun Hebammen und zwei Hebammenschülerinnen während vier Schwangerschaften und Geburten erlebt. Ein bisschen Überblick kann man sich da machen. Ich erlebte vertraulich-nette Gespräche und wunderbare Bein-Massagen. Ich bekam Globuli und Tipps aus dem Kräutergarten (die ich wertschätze). Ich wurde mit Tee und Bio-Keksen verwöhnt. Ich erlebte, wie Hebammen mir eine Hand ins Genital schoben und den Saum des Muttermundes hinter den Babykopf zerrten. Ich bekam eine der in der Wirkung ebenfalls höchst umstrittenen, recht schmerzhaft-blutigen Eipollösungen. Dabei brannte aber eine hübsche Kerze. Alles war sehr natürlich. Auch das Antreiben zum Vollpower-Dauerpressen bei acht Zentimeter Muttermundöffnung und die dann drei Stunden dauernde Austreibungssphase, während der ich innerlich immer mehr darum bettelte, mir möge man in den Kopf schießen. Natürlich schmerzmittelfrei. Die Hebamme damals fröhlich währenddessen: „Ja, ein Kind zu bekommen ist wie eine Kokosnuss zu kacken.“ Nach der Geburt kein Glückwunsch, sondern der eindringliche Satz: „Der gebt ihr aber keinen Schnuller, ne?“ Das mitgebrachte Betäubungsspray für den beachtlichen Riss in meinen Genitalien nahm sie kopfschüttelnd und verwendete es mit ähnlicher Attitüde. Der echte Feldscher tackert zerrissenes, empfindliches Fleisch mit heißer Nadel aber ohne Betäubung- das hatte ich nicht gewusst. Hätte so was ein Arzt gebracht, dann aber wehe. Der ist nämlich per se nicht natürlich …

Der Bogen zurück zum Stillen:

Ich stillte zwischen drei und irgendwas um die sechs Monate. Mal blieb die Milch aus, mal musste ich Medikamente nehmen, mal verging erst mir und dann dem Baby die Lust. Mal schlich es sich durch das Zufüttern aus, das meine Gesundheit erhalten sollte. Ich mochte es nie sehr, hatte aber immer ein gesellschaftlich induziertes schlechtes Gewissen beim Abstillen. Ich verfüge stets lieber selber über meinen Körper, alles Andere ist mir mehr als unangenehm. Aber das ist meine individuelle Geschichte.

Ich wurde nie gestillt und die Bindung an meine Mutter war sehr, sehr innig. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um sie zu lösen als es für meine psychische Gesundheit nötig war. Es gibt also scheinbar Wege, auch kranke Wege, eine starke Bindung herbeizuführen. Sicherlich aber viel mehr gesunde. Beides geht auch ohne Stillen. Meine Töchter hängen sehr an mir. Die eine zeigt es mehr, die andere weniger. Sie scheinen bindungsfähig. Haben aber auch Verlustmomente erlebt und das tief vertrauensvolle Verhältnis zum Leben wurde unter Anderem durch einen Todesfall in der Familie erschüttert. Und durch den Verlust eines Großelternpaares (das war die anstrengende Lösung einer starken Bindung) ebenfalls. Steckten sie sehr gut weg. Konnten immer darüber reden. Die Sechs-Monate-Voll-Gestillte scheint nicht mehr an mich gebunden als die anderen. Alle sprachen sehr früh (fließende Sätze  inklusive Nebensätze mit zweieinhalb), lasen zum Teil ehe sie in der Schule waren, konnten ihre Bedürfnisse und Gefühle mitteilen. Dumm scheinen sie nicht. Das viel-getragene Nummer 4chen ist total auf mich fixiert. Ich höre, das sei bei Jungs oft so. Oder doch weil er ein 1a-Tragling ist? Wer kann das sagen?

Sie wurden alle in Tüchern und Tragen getragen. Zwei sogar im Baby-Björn-Hüft-Zerstörer. Zwei sind besonders sportlich und beweglich, eine davon war die im Baby Björn Gemarterte. Sie sind selten krank und alle komplett durchgeimpft. Sie leben (Achtung: sehr natürlich und afrikanisch!) mit diversen Geschwistern. Und haben die klassischen Rollenprobleme der Geburtsreihenfolge. Und auch sehr natürlich: Sie müssen mithelfen und Verantwortung übernehmen, weil ihre Mutter durch die diversen Kinder viel zu tun hat.

Ich kann keine Auswirkungen des Stillens oder Tragens sehen. Aber davon, dass ich ihnen alle Fragen beantworte und ehrlich bin. Davon, dass ich sie nicht schlage und mich entschuldige wenn ich etwas verbockt hab. Ich leide mit ihnen und lache mit ihnen. Wir haben zusammen eine Menge erlebt und auch durchgemacht. Wir haben ’ne Menge Bindung, sage ich mal so verwegen.

Mein Fazit:

Ich kann ebenfalls nicht verstehen, wie man mit Geburtsdauer, Stilldauer, Schmerzmittelverweigerung während Entbindungen, Drei-Stunden-Zwanzig-Kilo-Kinder-Tragen und ähnlichem angeben kann. Es erinnert mich an den Schwanzvergleich von Schwanzlosen. Leistung wird hervorgezerrt wo keine ist. Geburten sind eine Leistung. Ja, gut. Das ist eine Amputation auch. Nur die ist nicht alltäglich und natürlich. Der Charme des Opas, der „im Krieg noch ohne Betäubung zum Zahnarzt musste“ liegt hier in der Luft. Mir reicht’s.

Ich freue mich über jede glückliche Berufskollegin. Ihr und auch den anderen gilt mein Respekt. Egal ob und wie lange sie stillt, entbindet, trägt oder was sie kocht oder was sie sich im Fernsehen ansieht. Zu diesen Themen würde ich irgendwann mal echt gern eine Blogparade starten.

Etwas wie: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Fies, engstirnig und aggressiv haben wir schon so oft. Es nervt nämlich, wie sich im weltweiten Netz pausenlos etwas vorgeworfen wird. Faulheit, Verantwortungslosigkeit und Schlimmeres. Immer schön raus mit der Moral-Keule. Mal kurz die eigenen, oft auch verdeckten Motive einer Handlung zu durchleuchten – das wäre was. Oder sich zu fragen, ob man ein tolles Vorbild ist, wenn man niemanden toleriert, der etwas Anderes denkt. Oder sich vielleicht sogar von ihm inspirieren lässt. Schön dreist und grenzenlos in der Anonymität rumbashen. Das ist wirklich viel erwachsener als jemandem die Schippe auf den Kopf zu hauen. 

Ich würde die Aggressorinnen des Mummy Wars gern ansprechen können:

„Kommt mal runter, Ladies!“ würde ich sagen, “ leidet Ihr so sehr unter Schlafmangel oder was? Ach so, selber unsicher und dann andere vor den moralischen Richter zerren, um das nicht spüren zu müssen? Sehr sympathisch. Generell etwas aggressiv und selbstverliebt? Auch schön. Überzeugt intolerant? Viel besser. Es ist nicht so, dass Ihr andere verletzt und verunsichert. Mitnichten! Was wären wir ohne noch ein bisschen mehr Unfrieden? Wie blöd, wenn wir uns gegenseitig unterstützen würden.“

Ich sage es immer wieder: Mütter sind etwas Tolles! Gerade hier bei uns, einem Land mit weltweit einer der geringsten Geburtenraten, sind wir mutig. Wir bekommen nicht so nebenbei mal ein paar Kinder wie es in den letzten Jahrtausenden der Fall war. Wir starten wahre Familien(-und-Job-)Projekte und nehmen Unsicherheiten in Kauf, die schwer wiegen, weil sie das Seelenleben der uns anvertrauten Kinder betreffen. Und die aller-allermeisten von uns machen den Job gut. Wir sind die erste Generation, die das fast ohne Althergebrachtes schafft. Die erste in Jahrtausenden! Ja, es gibt Ausnahmen – aber die diskreditieren doch nicht einen ganzen Berufsstand. 

Wir sollten füreinander wirklich edel, hilfreich und gut sein. Danke, Goethe.

Könnte man diesem Mann etwas abschlagen? 😀

Goethe Jung

Prio 1

Als ich noch in einem Büro arbeitete, da gab es etwas, das ich sehr schätzte: Die Einteilung der Aufgaben in verschiedene Prioritäten. Prio 1 war mega-wichtig. Daran hielt man sich, das war überschau- und umsetzbar. Vor allem, weil die Einstufung stimmig war.

Im Leben als Mutter beziehungsweise Familienmanagerin ist das anders. Es werden dauernd Versuche gemacht, von außen eine Prio 1 aufzuerlegen.

Das beginnt mit unseren vielzitierten Elternbriefen aus der Schule. Die mit den fünfzig Ausrufezeichen. Und geht über die regelmäßige Kontrolle beim Zahnarzt, die pünktlichen Impfungen, die ebenso regelmäßigen Tierarztuntersuchungen der Viecher über das Pflegen der kindlichen Freundschaften zu Elternsprechstunden mit Lehrern sowie elterlichem Engagement in den Schulen. Und sofortiges Bezahlen all der Beträge, die überall verlangt werden. Und so weiter …

Im Moment ist das so:

Die Wichtelgeschenke müssen schnell gekauft, verpackt und abgegeben werden (bei Schule und sportlichem Hobby), der Abschnitt „Was möchte ich alles gerne für das Weihnachtsfest backen und anschleppen“ aus der Schule muss sofort unterschrieben und mitgegeben werden. Die Kinder müssen umgehend lernen, an alle nötigen Schulsachen zu denken. Die 2 Euro hier und 6 Euro da müssen zügig in einen Umschlag gepackt, beschriftet und mitgegeben werden. Die Arzttermine müssen zeitnah gemacht und nicht verschoben werden.

Beispiel für das lustige Prio-1-Spiel gefällig? Ich wollte am Freitag Nummer 3 zu ihrer Freundin am letzten Wohnort zur Übernachtungsparty bringen. Lange geplant und uns hier sehr wichtig. Da meldet sich die Englischlehrerin mit (völlig vorhersehbarem Inhalt) und will mich am gleichen Tag zur Zeit unserer Abfahrt sehen. Auf den Einwand Nummer 2s, dass wir da bereits im Auto sitzen kommt ein leicht angegiftetes: „Ja dann muss eure Mutter eben wissen, was ihr wichtig ist …“

Ich zahlte es ihr heim (bin manchmal von unserem Familienfreund Machiavelli besessen), indem ich zum Abschied sagte:

„Ja, vielen Dank, Frau Lehrerin, dass sie uns zehn Minuten früher bereits herbestellen konnten war sehr gut. Ich war ohnehin schon so in Eile. Ich bringe die Kleine ja nicht hier im Umfeld irgendwo hin. Sondern mit insgesamt einer Stunde Fahrzeit an den alten Wohnort. Es ist uns wichtig, die Freundschaften dort zu pflegen. Umzüge sind ja sehr belastend für Kinder. Aber es war gut, dass sie mir bestätigten, was ich mir bereits gedacht hatte – so kenne ich unsere Kinder eben. Was sie eben sagten passt ins Bild.“

Dabei hievte ich die hampelnde Nummer 4 auf meinen Arm und ließ mit Mater-Dolorosa-Lächeln die Wickeltasche wie versehentlich vom Arm gleiten. Frau Lehrerin reagierte entsprechend leicht beschämt und wünschte einen besonders schönen Abend. Sie lobte im Rausgehen noch einmal, wie sehr man sähe, wie das sprachliche und musische Talent dieser so lobenswert intelligenten Kinder doch von Zuhause mitkommen würde. Soso.

Die Mitarbeit verlangenden Personen vermitteln stets das Gefühl, „Ja, das hier ist Prio 1.“ Jeder meint das. Andauernd. Es ist zum Durchdrehen.

Und das ist es deshalb zum Durchdrehen, weil mein erwähnter Familienkalender nun sechs statt fünf Spalten hat. Alle regelmäßig gefüllt. Ich habe suchen müssen, um einen zu bekommen, der so viele Spalten hat. Und diese mussten auch groß genug sein, damit alles reinpasst. Diesen Kalender bekam ich bei einem sehr liebevoll sortierten, christlichen Geschenkeversand. Hab‘ echt lange gesucht, aber Familien mit mehr als vier Mitgliedern gibt es eben nur zu 3 Prozent in Deutschland. Zu dem Kalender gab es übrigens eine kleine Plüschmaus im Talar. Diese Kirchenmaus habe ich unserem Heiligen Augustinus geschenkt. Der sie seitdem sehr liebt. Aber das nur nebenbei.

Die Idee, dass ich ein Einzelkind hätte (was ich immerhin eineinhalb Jahre lang hatte), bringt mir Folgendes mit:

Das eine Kind wäre leicht zu überwachen. Es hätte immer seine Sportsachen, seine Hausaufgaben und seine drecksdusseligen tausend Zettel mit in der Schule. Alle Termine wären gemacht. Weil ich daran denken würde. Habe das neulich der Frau Klassenlehrerin erklärt: „Das, was andere Kinder da haben, mit denen sie meine Kinder vergleichen, ist eine Pseudo-Selbstständigkeit. Weil die Eltern in Wahrheit an alles denken. Meine sind gezwungen, selbst an das meiste zu denken. Ich lerne mit ihnen Vokabeln und erinnere sie an das Lernen für Klassenarbeiten. Glauben sie im Ernst, diejenigen, die ihre Pröllen beisammen haben, haben da selber dran gedacht?“ Sie musste einräumen, dass sie das nicht glaube …

Unsere Kinder leben in einer für Menschen recht natürlichen Umgebung einiger Geschwister. Dies passt so ziemlich gar nicht zu unserer Gesellschaft. Die Ansprüche an mich als Mutter sind die gleichen, wie man sie an Mütter mit einem oder zwei Kinder stellt. Das schlaucht. Wer genau hat Verständnis? Fast niemand. Ich muss all das tun, das andere Mütter auch tun. Nur eben nicht ein oder zwei Mal sondern vier Mal. Ich wirkte dabei unangestrengt und freundlich. Sonst sagt nachher jemand: „Hä, warum hat sie denn die ganzen Blagen bekommen, wenn sie’s nicht hinkriegt?“ Und das will man ja vermeiden.

Warum hat sie all die Blagen denn bekommen?

Aus Liebe.

Und diese Liebe lässt mich wirklich sehr große Anstrengungen, viel Arbeit, eine Menge nerviges Zeugs und sehr viel Verzicht ertragen. Aber sie sorgt nicht dafür, dass ich mich am Jahresende nicht wie ein leergesaugter Zombie fühle. Oder dafür, dass ich manchmal nicht ausrasten möchte, wenn ich meinen vollgestopften Kalender ansehe und dabei höre, an was ich gefälligst noch alles denken sollte. Wenn ich eine verantwortungsbewusste Mutter wäre. Im Grunde gelten für meine Familie hier die Regeln, die früher einmal galten, als man noch diverse Kinder hatte. Aber das müsste man erst einmal allen klarmachen …

Es ist einfach nicht möglich, wenn man unter der Woche quasi allein erziehend ist, vier Kinder und ’ne große Bude hat, sowie beruflich orientiert bleibt, an all den be*** P*** zu denken, den die Welt für wichtig hält, zu denken. Es geht nicht. Ist alles in Wahrheit nicht wichtig. Kommt vielen nur so vor. Und ich muss die Souveränität aufbringen, denjenigen das zu vermitteln. Und das bitte nicht als Schwäche meinerseits. Sondern noch irgendwie honorabel. Kann ich grad irgendwie nicht. Und will ich auch nicht. Ich finde, manches kann man sich auch selber überlegen.

Ich möchte das gerne mal veröffentlichen. So zum Mitschreiben: Vier Kinder sind wirklich mehr, viel mehr Arbeit als eins oder zwei. Ich habe mir schon immer mal wieder anhören müssen, dass es ja nur etwas mehr Wäsche und Einkauf sei. (Von denen, die eines oder zwei haben). Ich habe auch Bewunderung bekommen von anderen Menschen. Insgesamt will ich mir immer noch ein T-Shirt bedrucken lassen: Ich habe verflucht viel zu tun – lasst mich mit eurem Pröll in Ruhe!

Wäre mal wieder Zeit für eine Aus-Zeit. Ich komme grad nur nicht dazu. Das hätte aber wirklich Prio 1

Der kleine Kli-Kla-Klammeraffe

Nummer 4 scheint seinen ersten Zahn zu bekommen. Seit über drei Wochen klammert und jammert er. Das bedeutet:

Ich darf einen unsichtbaren, magischen Radius von 1,20 Meter (Hab’s nachgemessen. Mehrmals.) um ihn herum nicht verlassen. Die Entfernung ab 80 Zentimetern wird ungern und nur bei Blickkontakt probeweise gewährt.

Ich darf mich auf die Sofakante setzen. Ich darf mich nicht anlehnen. Ich darf nichts in die Hand nehmen, dem ich mich widme.

Ich darf natürlich keinen Raum verlassen. Auch nicht, wenn sein Dad oder die Schwestern ihn betreuen.

Ich muss ihn auf den Arm nehmen. Auch, wenn er gerade bei einem anderen Familienmitglied auf dem Arm ist.

Er möchte getragen werden und möchte gestreichelt werden. Mehr nicht. Das dafür aber immer.

Wenn nicht Folge leiste, weint er. Immer lauter und lauter. Alle sind dann doof außer Mama.

Ich hoffe, dass er wirklich einen Zahn bekommt. Ich träumte schon zwei Mal von zwei Kartenlochern in seinem Mund. Vermutlich, weil meine geschundene Psyche darauf setzt, dass das alles nicht umsonst geschieht. Es hat alles einen Sinn! ruft sie mir in den Träumen zu und ich setze verzweifelt darauf, dass sie Recht hat …

#schonwiederleer

… gestern erfuhr mein Mann von einer neuen Angewohnheit seiner Frau:

Wenn ich das Bad benutze und es gibt nur noch so zwei, drei Blätter Papier auf der Rolle, dann tue ich den Teufel, eine neue Rolle zu holen oder gar aufzuhängen. Ich gehe einfach. Mit einem diabolischen Grinsen.

Wenn ich mir Mineralwasser einschütte und da bleibt nur noch ein Sechsunddreißigstel in der Flasche, dann tue ich den Teufel, das auch noch zu leeren und eine neue Flasche hinzustellen. Ich gehe einfach. Mit einem diabolischen Grinsen.

Solange ich weiß, dass der Vater der #ewigallesnurleerenden Kinder von meinem Verhalten nicht tangiert wird, räche ich mich in homöopathischen Dosen an den faulen Rangen. Es ist nur eine kleine Rache und weder für Pädagogik noch Karma relevant. Aber sie tut gut. Sehr gut.