Radeln für Fortgeschrittene und zum Abgewöhnen

Nummer 1 und Nummer 2 haben heute den Übungsdurchgang für die am Freitag anstehende Fahrradprüfung.

Sie hatten bereits in der dritten Klasse der Grundschule eine Fahrradprüfung – nein, nur Nummer 1 hatte eine, denn Nummer 2 hat sich die Dritte ja gespart. Aber sie meckerte trotzdem über die dämliche Prüfung und das blöde Radeln.

Jedenfalls hätte ich zu diesem Anlass alle Kinder frühmorgens ins Auto packen und das Fahrrad schrumpfen müssen, damit es auch noch Platz fände, um alles morgens zur Schule und mittags zurück zu befördern. Netter Weise kam der Opa heute Morgen mit seinem Fahrradtransporterkofferraumanhängdingsda und half mir aus, indem er die beiden plus das Rad (mit dem sie sich für die Prüfung abwechseln um nicht zwei Räder anschleppen zu müssen) zu chauffieren. Freitag tut er das dann noch einmal.

Niemand hier liebt das Radeln, obwohl eine der Lehrerinnen an der Schule Nummer 2s Unwillen gegenüber dieser Radsportveranstaltung wie folgt kommentierte:

„Also wenn man am Niederrhein wohnte, dann muss man ja wohl ein Fahrrad besitzen und viel radeln!“

Echt jetzt? Ich sehe komischer Weise hier kaum Kinder radeln. Erwachsene schon und alle sechs Monate mal ein Grüppchen älterer Kinder oder eben kleine Kinder, die auf dem Laufrad wuseln, während Oma daneben spaziert. Ich bin hier nicht hergezogen, damit ich mal so richtig doll radeln kann. Vom Radeln krieg ich immer Ohrenschmerzen, weil meine Lauscher Wind hassen. Und es strengt mich an und ich finde jeden Sattel unbequem und bin langsam wie ’ne Schnecke. Dabei kann ich locker drei Stunden Zumba am Stück – aber auf dem Rad bin ich spontan 95 Jahre alt.

Ich erinnere mich gut an meine Fahrradprüfung der vierten Klasse. Irgendwie bin ich leider „falsch herum“ (bin umerzogene Linkshänderin, da ist manches „verdreht“) abgestiegen und der nette Polizist, der uns auf dem Schulhof um sich herum radeln ließ sagte:

„Tja, als Flasche der Nation darfst du jetzt noch mal eine schöne große Extrarunde drehen. Vielleicht schaffst du es ja dann, von einem Fahrrad abzusteigen.“

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Heute Morgen in der Früh entlud sich mein Fahrradzwangsveranstaltungsfrust dann:

Ich: „Was für eine unzeitgemäße Veranstaltung. Als ich Kind war, da machte das ja noch Sinn – da sind wir alle fahrradgefahren, wenn wir irgendwohin wollten. Aber jetzt? Es bräuchte andere Prüfungen in den Schulklassen. Solche, die zum Alltag der Kinder passen.“

Nummer 2: „Was denn für welche?“

Ich: „Zum Beispiel eine Auf-dem-Rücksitz-von-Mamas-Auto-Sitzprüfung oder eine Irgendwann-fahre-ich-nachmittags-alleine-mit-dem-Bus-Prüfung für alle ab 16 Jahren oder auch eine FSK18-Spiel-Prüfung für eure sechste KlasseIn Letzterer lernt man dann zum Einen, wie man bei GTA diesen einen Typen richtig foltert, so dass der nicht dauernd in Ohnmacht fällt und bekommt die homosexuellen Vergwaltigungsandrohungen erklärt, die der Hillbilly mit der Halbglatze von sich gibt. Und zum Anderen lernt man noch, wie man die ganze Gewalt verarbeitet, der man sich beim Spielen aussetzte.“

Nummer 2 griff wortlos nach ihrem Fahrradhelm. Nicht, dass sie GTA spielen würde – Gott (oder in diesem Fall eher ihre gute psychologische Selbsteinschätzung) bewahre – aber vielleicht verblasste angesichts meiner Genervtheit ihre eigene und wich einem Hauch Motivation. Oder sie wollte einfach nur weg 😀

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Ein Gedicht von Nummer 3

Timo sitzt im Knast

Am heutigen Tage, wo die Sonne hoch am Himmel steht

Und wo es Timo schlecht ergeht:

Denn er sitzt im Knaste und dreht die Daumen,

Zum Frühstück gab’s verschimmelte Pflaumen.

Dieser Tag fing nicht nur furchtbar an –

Timo denkt: Ob er noch schlimmer werden kann?

Ja, das konnt‘ er, wohlgemerkt,

Er dachte: „Der Knast wurd‘ von jemand Starkem gestärkt.“

Denn Ausbrechen war ziemlich leicht,

bis der starke Mann kam vorbei geschleicht:

„Entschuldigung, dass ich störe, ich wollte mich hier anmelden.

Denn ich gehöre zu den starken Polizei-Helden.“

Der Gefängnis-Wärter sagt:

„Und haben sie noch einen Grund dafür?“

„Ja, der Timo, der sitzt hier.

Ich muss mich für seinen Diebstahl rächen.

Denn ich hatte einen großen Stier,

Den stahl er mir. Jetzt muss er blechen!“

Der Timo hörte alles mit.

Er sagte: „Ach du Sh**.“

Man sagt, dass der starke Mann

Alle Leut‘ zum Schmause machen kann.

Jetzt lief der starke Mann zu Timos Zelle ran.

Doch die Zelle steht ja leer!

Es war ganz geheim bisher:

Timo ausgebrochen ist.

Der starke Mann sagt:

„So ein Mist.“

Timo läuft in die Welt hinaus,

er läuft so schnell er kann nach Haus‘.

Pflaumen isst er nun nicht mehr.

Er tarnt sich – die Polizei sucht ihn sehr.

Finden tut sie ihn ja nicht,

Aber das ist ihre Pflicht!

Timo hat ’ne neue Frisur –

Wie soll’n sie ihn erkennen nur?

Ich mag die Binnenzäsur am Ende der dritten Strophe – die ist so heinz-erhardt-mäßig irgendwie 😀

Hasenparty

Wir gucken einen Doris-Day-Film. Das hat Tradition, wenn Mr. Essential auf Geschäftsreise ist. Heute gibt es „Ein Pyjama für zwei“. In einer Szene tanzen Frauen revuemäßig in knappen, weißen Hasenkostümen. Auf dem Kopf eine Haube mit Ohren und am Popo natürlich ein Puschelschwänzchen.

Mir entkommt ein lakonischer Kommentar: „Oh Mann, wofür Frauen sich so alles hergeben …“

Nummer 3 (mit kompletten Unverständnis für die Darbietung): „Äh, wieso tanzen die in so beknackten knappen Badeanzügen?“

Ich: „Tja, hm, also ich denke, das soll sexy sein.“

Nummer 2: „Ja, wenn ich einen Hasen sehe, denke ich als erstes an das Wort Sex.“

Nummer 1 (gibt sich den neutral-wissenschaftlichen Anstrich): „Vielleicht kommt das daher, dass der Hase ein heidnisches Symbol für Fruchtbarkeit ist.“

Nummer 2 geht etwas zu trinken holen und meint im Weggehen (nicht ohne zynischen Unterton natürlich): „Macht ja auf Pause, ich will nichts verpassen, vom Fruchtbarkeits-Karnickel-Zirkus.“

So können die Zeiten sich ändern. Als ich den Film im gleichen Alter gesehen habe, sind mit die Tanzhäschen nicht mal aufgefallen. Und ich hätte nach einem Kommentar meiner Mutter (der so niemals gekommen wäre) ganz sicher dazu nichts zu sagen im Kopf gehabt.

Ich freu mich gerade sehr über die Gesellschaft in der ich mich an unserem Mädelsabend befinde … 🙂

Nicht untypische Momentaufnahme aus dem Leben mit Kindern

Die Mädels hatten beschlossen, sich durch das Spazierengehen mit Nummer 4 Medienminuten zu verdienen. Diese setzt man bei uns ein, um eben Medien nutzen zu dürfen. Man erhält sie durch Bewegung an der frischen Luft. Es ist eine Währung mit knallhartem Wechselkurs, die aber von den Kindern sehr geliebt wird.

Bereits gestern kündigten sie an, einen nachmittäglichen Spaziergang machen zu wollen. Heute warteten sie ungeduldig und gefühlt 1000 mal nachfragend darauf, dass ihr Mini-Bruder aufwachte. Als es endlich so weit war, rannte Nummer 3 nach oben. Ich (beschäftigt) rief ihr nach, dass sie ihn doch ohnehin nicht aus dem Bett heben könne und sich besser eine größere Schwester mitnehmen solle. Abwinkend verschwand sie, um zwei Sekunden später durch das Haus (und das Babyphone) Nummer 1 zu rufen. Immer lauter und immer ungeduldiger quakte sie den Namen durch das Haus. Schließlich stand Nummer 1 augenrollend auf und ging ins Wohnzimmer, um sich dort auf das Sofa zu setzen.

Ich fragte, ob sie nicht höre, dass Nummer 3 Hilfe brauche und dass Nummer 4 bereits meckere, weil er endlich aus dem Bettchen wolle. Sie brummelte etwas von „Ja, die kann doch wohl auch Nummer 2 rufen. Ich bin beschäftigt“. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits etwas angenervt, blieb aber wie gewohnt (zu) freundlich. Ich komplimentierte sie nach oben und bald kamen sie zu Dritt wieder herunter. Kurz darauf folgte Nummer 2.

Sie holte in der Tat ohne Murren den Kinderwagen aus dem Auto und brachte ihn vor die Tür während Nummer 1 den Kleinen in den warmen Overall steckte. Ich argwöhne, dass sich Nummer 2 so schnell für das Kinderwagenholen meldete, weil sie weniger Bock darauf hatte, die quirlige Nummer 4 in den Overall zu stecken. Aber gut. Nummer 2 und Nummer 3 wollten mit den Inlinern fahren. Bereits gefühlte 1000 Mal hatte ich gesagt, dass Inlinern und Kinderwagenschieben im Grüppchen kontraproduktiv für das Fortkommen ist und sie bei solchen Aktionen schnell die Lust verlieren, weil mindestens Nummer 3 nur mit Gezeter und/oder Gejammer und meterweise Abstand hinterher inlinert. Ich sagte nichts weiter dazu. Sie würden eben herausfinden, ob es Spaß macht. (Sie hatten in den erwähnten 1000 Malen zuvor bereits herausgefunden, dass es keinen Spaß macht)

Irgendwann zog es so eisig zu mir um die Ecke und ich stand auf um nachzusehen. Eigentlich hatte ich das im Sinne der Selbstständigkeit nicht tun wollen. Immerhin sollten sie nur ein Kleinkind in einen Kinderwagen setzen. Der eisige Hauch rührte daher, dass sie die Haustür zu lange offen gelassen hatten. Im Flur lagen Schuhe herumgeworfen. Weil sie sich ja für Inliner entschieden hatten. Sie riefen mich. Ich ging nach draußen, wo Nummer 1 mit recht wenig Elan versucht, Nummer 3 in den Fußsack des Wagens zu stopfen. Ich stand frierend auf Hausschuhen im Nieselregen, verpackte den Kleinen, zog die Regenhaube auf den Wagen (denn beim Tempo der Schwestern wäre er nass bevor es losging) und ging wieder rein.

Dort sah ich mich um und entdeckte in exakt jedem Raum der unteren Etage sowie auch auf den Sofas Popcorn. Popcorn aus der zyklopischen (nun fast leeren) Karnevalsleckerchen-Schüssel. Also nutzte ich die Ruhe des Spaziergangs nicht für etwas Entspannendes, sondern holte den nervtötenden Staubsauger runter. Dem fällt seit der letzten Behandlung durch Mr. Essential dauernd ein Rad ab und die Kinder haben die Plastikschiene geschrottet, in die man das Rohr einrastet, damit man den Sauger kompakt hinstellen kann und das Rohr nicht irgendwo anlehnen muss. Nach der letzten Benutzung durch Nummer 1 (gestern, wegen Popcorn überall…) war der Staubbehälter des beutelfreien Saugers natürlich nicht geleert worden wie es angeordnet wurde. Und so durfte ich das auch zuerst tun.

Ich saugte die untere Etage, räumte auf und schob mir dann zwei Scheiben Brot in den Toaster (mein glutenfreies Brot, das ich heute bekam, als ich mit dem noch nicht abgelaufenen aber verschimmelten Vorgänger-Brot zum Supermarkt fuhr um mich zu beschweren) und machte mir einen Tee.

Das sah dann wohl so verdächtig nach einer Auszeit für Mama aus, dass die Kinder auf ihrem Spaziergang eine star-wars-mäßige Erschütterung der Macht spürten. Denn kaum saß ich mit zwei köstlichen Scheiben Toast und einem ebenfalls leckeren Tee auf dem Sofa, hörte ich Nummer 2 miesgelaunt das Haus betrampelntreten. Sie sei ja (nach knappen 20 Minuten) wieder umgedreht, weil die beiden anderen sich nur gestritten haben. Ganz furchtbar sei das gewesen. Es sei ihr ganz gleich, dass sie nun auf wertvolle Medienminuten verzichten müsse. Sie habe das einfach nicht aushalten können. Nummer 3 sei auf den Inlinern so lahm gewesen und habe sich daher dauernd an den Kinderwagen gehängt, was Nummer 1 genervt habe.

Die Anderen kämen gleich. Man könne das Ganze ja in ein paar Wochen bei schönem Wetter und bester Laune viel toller machen.

Daraufhin ging sie in ihr Zimmer, um es sich dort gemütlich zu machen.

Hatte ich erwähnt, dass sie vor dem Spaziergang eine gute Halbe Stunde zu Dritt auf dem Sofa saßen und sich stritten, weil Nummer 3 pausenlos plapperte oder mindestens nervige Geräusche mit dem Mund produzierte? Nicht? Dann sei das hiermit erwähnt.

Zurück kamen sie übrigens nach rund einer Stunde. Und erzählten, Nummer 2 habe sich plötzlich abgesetzt, nachdem sie einen Streit mit ihnen begonnen hatte. Während Nummer 1 lieb und gut gelaunt vom Spaziergang berichtete, quakte Nummer 3 ungeduldig aus dem Flur, weil sie Hilfe bei den Inlinern brauchte …

So und nun freue ich mich auf den Feierabend 😀

Don Carlos

Nummer 4 hat einen spanischen Namen. Er heißt nicht Carlos. Aber für die folgende Beschreibung will ich ihn mal kurz so nennen.

Gerne nenne ich ihn Don Carlos. Dieser Titel des Don gibt dem kleinen Watschelmann etwas fast Erhabenes. Vor einer Weile gestand mir seine Patentante, dass ihr Liebster unsere Nummer 4 auch Don Carlos nennt. Es war ihr  – so machte es mir den Anschein – etwas peinlich, bis sie hörte, dass ich es auch tat. Dann meinte sie, dass bei ihnen dieser Spitzname jedoch entstanden sei, weil ihr Liebster findet, Nummer 4 habe etwas von einem Mafioso. Dunkle Augen, dunkle Locken … irgendwie sieht er ihn womöglich immer mit einem Al-Capone-Hut vor seinem geistigen Auge 😀

Heute war in der Krabbelgruppe eine kleine Karnevalsfeier. Nummer 3 hatte schulfrei und war mit. Dort spielte ein kleines Mädchen mit ihr und begann irgendwann, sie zu streicheln, um sich letztlich an Nummer 3 zu kuscheln. Als Nummer 4 das sah passierte Folgendes:

Seine Stirn zog sich kraus, die Augen wurden schmaler. Er knurrte richtig laut und warf dann wütend den Baustein aus seiner Hand in die Ecke. Dann stapfte er zu den beiden Kuschelnden, bückte sich, griff das Shirt der Kleinen und zerrte sie von seiner Schwester weg.

Ich glättete die Woge der Eifersucht ein wenig, er riss sich allerdings schnell los und legte sich komplett über Nummer 3s Oberkörper.

Kurz nach dieser Besitzanspruchserklärung wagte es ein kleiner Junge zu mir zu krabbeln. Er fand die Fransen am meinem Halstuch spannend und untersuchte sie. Dann streichelte er meinen Arm – ich hörte das Knurren im gleichen Augenblick. Nummer 4s strafender Blick traf mich hart von links. Dann stapfte es wieder und ich brachte den kleinen Knirps vor mir in Sicherheit. Nummer 4 setzte sich breitbeinig auf meinen Oberschenkel und starrte den Anderen nieder.

Don Carlos ist da – er ist ein Klischee aus Mafialocken und Machismo. Ein unglaublich niedliches Klischee. Kann ihm niemals nicht böse sein. Nicht nur aus der Angst vor Betonschuhen. Wobei – La Mamma wäre im Klischee ja eh die Privat-Göttin. Ich bin also raus aus den Betonschuhen. Aber der Rest der Welt, der La Mamma oder La Sorella, anpackt sollte sich vielleicht besser in Acht nehmen 😀

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Sucht den weiß-schwarzen Hut: Don Numero 4

Kinder-Gesetze

Ich musste über die Auflistung der Kinder-Gesetze bei Super Mom sehr schmunzeln.

Da wir ja auch schon größere Exemplare hier haben, dachte ich mir, die Liste könnte ich daher für diese Altersgruppe weiterführen.

§1 Dinge aus dem kindlichen Besitz, die durch die Mutter auf die Treppe gelegt werden, nachdem sie diese in der ganzen unteren Etage zusammengesucht hat, bleiben dort liegen bis sie anwachsen. Sie dürfen keinesfalls mit in das Ursprungszimmer genommen werden.

§2 Wer aus der Schule nach Hause kommt, wirft seine Schultasche in den Flur. Bei netten Aufforderungen zum Wegräumen schaltet man auf Durchzug. Erst das Exerzieren pädagogischer Kniffe kann eine Verhaltensänderung forcieren.

§3 Nette Aufforderungen werden grundsätzlich ignoriert.

§4 Wenn nach netten Aufforderungen direkte Tonarten folgen, beschwert man sich, dass die Eltern „immer sofort ‚rummeckern müssen“

§5 Man begleitet bis zu seinem Auszug aus dem Elternhaus seine Mutter in jedes Zimmer. Besondere Schwerpunkte liegen hierbei auf dem Badezimmer bei Toilettengängen und dem Schlafzimmer beim Umziehen. Bei beidem sind Kommentare zum Gesehen unbedingt unerlässlich.

§6 Wenn man kleine Geschwister betreut sollte dies unbedingt wie folgt ablaufen: Das zu betreuende Kleinkind wird auf den Arm gehoben und zwecks Veranschaulichung der eigenen übergroßen Leistungen pausenlos der Mutter hinterhergetragen. Vor allem wenn sie aufräumt oder bügelt. Es ist wichtig, das Kleinkind hochzuhalten und folgende Losung zu wiederholen: „Guck mal! Guck Mal! Guck mal, Mama! Ist der nicht süß?“ oder es wird mit dem Kleinkind selber gesprochen: „Ui guck mal, wir schauen mal, was die Mama gerade macht. Ach, sie bügelt, na dann nerven wir sie nicht weiter. Wir bleiben einfach hier mitten in der Tür stehen, bewegen uns nicht mehr weg und quatschen sie voll.“

§7 Das Ins-Wort-Fallen darf in keiner Altersstufe unterlassen werden. Wütende Ausraster für eigenes Unterbrochenwerden ebenfalls nicht.

Zusatz: Zur Vermeidung des Ins-Wort-Fallens wendet man folgende Taktik zwingend an: Nach Ermahnung durch die Eltern öffnet man seinen Mund leicht und verharrt in dieser Stellung einer verbal-geladenen Waffe, bis eines der sich unterhaltenden Elternteile Luft holt, um weiterzusprechen. In diesem Moment feuert man die Waffe ab.

§8 Bei einem elterlichen Arbeitsauftrag ist folgendes Verhalten aufzunehmen:

1. Betonung der Tatsache, dass man schon irgendwann im Leben einmal irgendwas getan hat und daher verschont werden muss.

2. Ausstrecken des Zeigefingers mittels dem man auf umstehende Geschwisterkinder zeigt, um die Aufgabe unter lauten Wortäußerungen an diese zu delegieren.

3. Wortgefecht mit den Geschwisterkindern beginnen. Vorgeblich, um herauszufinden, wer genau denn noch nie etwas getan hat und daher die Aufgabe erledigen muss. Jeder muss hierauf abstreiten, zu wenig zu tun und den Vorwurf an den nächsten weiterreichen.

Dies muss alles zwingend drei Mal so lange andauern, wie das Erledigen der Aufgabe gedauert hätte.

§9 Sollte sich die Mutter eine Schachtel Pralinen, eine Tüte Kekse oder ähnliche Leckereien gönnen, dann wird sie einem davon anbieten. Man nimmt dankend ein Teil. Sobald sie den Raum verlässt ist es unerlässlich, den gesamten restlichen Vorrat aufzufressen.

§10 Auf die Frage: „Wer war das?“ antwortet man immer mit: „Ich nicht.“ Besonders, wenn niemand anderes für die Tat in Frage kommt.

Zusatz: Dies gilt besonders beim Pralinen-Wegfressen

§11 Alle Untaten lassen sich mit akutem Regredieren in sprachliche Kleinkindphasen in Kombination mit Wimperklimpern lösen.

Zusatz: Sollte dies nicht greifen, muss man die härtesten Geschütze aufführen: Ein betroffenes Gesicht und das Anbieten des Tee-Kochen für die geschädigte Mutter Person sind hier passende Mittel.

§12 Kurz nachdem man seine Eltern zum enervierten Seufzen oder explosionsartigem Weinen brachte, passt man den Moment ab, indem sie wieder Luft holen und sagt: „Ich ziehe hier niemals aus! Ich bleibe für immer bei euch wohnen!“

Fremdbestimmt

Fremdbestimmt

Gestern Abend war mein Mann zusammen mit seinem Vorgesetzten (in diesem Fall – in bestem Deutsch: der CEO) essen, der aus München angereist ist und einige Tage hier im Westen verbringt.

Der sympathische Mann und erfahrener Vater zweier Kinder sagte wohl irgendwann in Bezug auf unseren kleinen Nachzügler Nummer 4:

„Wow, dass ihr euch das noch mal angetan habt. Das ist so heftig – diese krasse Fremdbestimmung …“

Mein Mann erzählte mir das als er wieder zu Hause war und meinte, es sei ja schon sehr treffend, dass er genau diesen Aspekt zuerst genannt habe. Die Fremdbestimmung.

Und ich sagte, ohne lange nachzudenken:

„Ja, das ist ja auch genau das, was mich länger hat darüber nachdenken lassen, ob ich noch ein weiteres Kind möchte. Und ich finde das ganze Gepöngel mit Baby, Tasche, Kinderwagen und so auch schon anstrengend. Das Geschmiere beim Essen, das Wickeln oder Gesichtswaschen unter harter Gegenwehr und all das – aber das ist gar nicht weiter schlimm für mich. Die Fremdbestimmung ist für mich das mit Abstand Härteste.“

Mein Mann hatte beim Essen geantwortet:

„Ja, das erste Jahr war auch richtig hart. Und meine Frau empfindet die Fremdbestimmung auch wirklich als belastend.“

Oh ja, das tut sie. Vor allem eben weil sie nicht mehr Mitte Zwanzig ist und das Abenteuer Mutterschaft mit neugierigen und ganz hingebungsvollen Schritten zum ersten oder zweiten Mal erkundet. Sie sucht nicht mehr ewig und mit aller Liebe bestimmte Spielzeuge einzeln aus oder näht mit ganz viel Zeit aus der Wildseide, in die eines der Hochzeitsgeschenke verpackt war, ein Rüschenschürzchen für das Kleid der Erstgeborenen. Sie wälzt nicht mehr die Zeitschriften auf der Suche nach nützlichen Tipps. Sie seufzt nicht mehr heroisch-tapfer, wenn sie akrobatisch mit Baby auf dem Schoß zur Toilette gehen muss. Sie weint nicht mehr aus Erschöpfung, wenn das Baby endlich schlummert, nachdem es eine Stunde nur schrie und lächelt dabei noch selig in Gedanken an das süße schlafende Kindchen.

Was macht sie stattdessen?

Ich weiß sofort, wie genervt ich bin und lächle nichts mehr erzwungen weg. Ich beobachte, dass da eine innere Grundanspannung in mir ist, die ich in der Retrospektive immer während der ersten eineinhalb Babyjahre hatte. Zuerst dachte ich, das sei eine Art Dauerbereitschafts-Instinkt. Dann hielt ich es für ein bisschen stress-neurotisch und halte es inzwischen für eine Mischung aus beidem.

Bis man einem Kind sagen kann Warte kurz, ja? bleibt diese Anspannung einfach in mir. Und ich kann sie nicht ausstehen. Ich finde, sie hetzt mich durch den Tag. Als ob man nicht ich immer wieder alles schnell-schnell machen muss. Schnell-schnell ins Bad, ehe das Kind aufwacht, schnell-schnell einen Tee runterkippen, ehe es Zeit zum Kochen ist, schnell-schnell noch bügeln, damit man danach noch Zeit für’s Spielen hat – denn bald trudeln ja die drei Großen aus den diversen Schulen ein. Es gibt auch noch den Modus schnell-schnell Pause machen, sonst ist es zu spät. Den vernachlässige ich leider immer mal wieder.

Die Sache ist die, dass die Fremdbestimmung einen hart trifft wenn man sich a) nicht besonders gut innerlich gegen die Bedürfnisse des Kindes abgrenzen kann, man b) nicht immer voller Hingabe ist und man c) diese Zeiten schon etwas öfter erlebt hat. Vielleicht sollte man als Punkt d) noch erwähnen, dass es vermutlich hilft, sich aufgeben zu wollen, denn wer ganz gern auf seine (Grund-)Bedürfnisse schauen möchte, der hat quasi verloren. Ich bin eine Punkt-a-bis-d-Kandidatin.

Erinnerungen und späte Analyse

Jetzt in der vierten Babyphase meines Lebens kann ich auf mich selbst zurückblicken und erinnere mich, wie sauer ich auf mich war, weil ich nicht die relaxte Super-Mama sein konnte, die ich von mir zu sein erwartete. Ich fühlte mich gehetzt und konnte nicht mal entscheiden, wann ich zum Klo durfte. Ich sah zu, wie aus der endlich aufblühenden jungen Frau mit den glänzend lackierten Fingernägeln, der Zeit zum Ausgehen und der schönen Unterwäsche unter den schönen Klamotten jemand wurde, der dauernd vergaß, sich die Nägel überhaupt zu feilen, mit dem Rest-Schwangerschafts-Übergewicht kämpfte und der einen weißen Baumwollstill-BH trug. Aufblühen war vertagt. Definitiv.

Ich hockte vor elf Jahren mit einem (dauerspuckenden) Säugling und einer (alles auseinandernehmenden) Eineinhalbjährigen in einer sehr (hübschen) Wohnung (mit zwei Etagen, sehr nett) im Stadtteil einer Kleinstadt. Ich hatte kein Auto zur Verfügung und die nächste Haltestelle war so weit weg (wie auch der nächste Supermarkt), dass ich die halbe Stunde zur Innenstadt meistens latschte. Das machte ich oft, weil die Zimmerdecke die Tendenz zum Herunterfallen hatte. Auf dem Rückweg war der gefühlt vier Meter lange Geschwisterkinderwagen gefüllt mit Einkäufen aus dem Lieblings-Drogeriemarkt. Und ich fragte mich, warum ich eigentlich zu schwächlich war, ihn die paar Kilometer ohne Schnaufen zu schieben. Einmal schob eine mich begleitende Freundin ihn und stöhnte nach zwei Metern: „Mann, ist das Monsterteil schwer. Mach den Einkauf doch mit dem Auto am Wochenende oder schnell am Abend.“ Aber der Einkauf war ja mein Wochenhighlight – das wollte ich ungern hergeben. Habe dann weniger eingekauft. Und bin öfter mal in den nahen Schlecker. Die Filiale war ungefähr so groß wie eine Camenbert-Schachtel und mit dem Schlachtschiff Kinderwagen kaum zu durchfahren. Ich war trotz allem total stolz, wenn ich den Kinderwagen schob und ich fand die beiden Mädels da drin einfach himmlisch. Es gab einen Spielplatz im Stadtteil. Da konnte Nummer 1 drei Mal rutschen und ein paar Mal schaukeln bis es Nummer 2 im Wagen langweilig wurde und sie zu meckern begann …

Ich sagte mir damals, dass dieser Zustand, so frustrierend öde ich ihn immer mal wieder fand, besser war als der zuvor mit dem Schreikind als erstes Baby. Oder der in der letzten Schwangerschaftsphase mit Nummer 2 – die ich oft nachmittags wie erschossen auf dem Sofa liegend verbrachte, während Nummer 1 mich zum Spielen animieren wollte. Dies tat sie, indem sie ihr Spielzeug rund um meinen Kugelbauch warf und stapelte. Einmal in der Woche war Nummer 1 in dieser Phase bei den Schwiegereltern – und ich als brave Schwiegertochter machte mir nicht etwa einen Tee und las ein gutes Buch. Ich nutzte meinen Freiraum zum Putzen und aufräumen. Sollte ja niemand sagen können, ich sei faul. Es reichte ja, dass ich ungehöriger Weise schon wieder schwanger geworden war. Damals bastelte ich auch Geburtstagskarten für alle Verwandten meines Mannes und zog den Kindern die juckenden, hässlichen Pullover an, die meine Mutter wie ein Perpetuum mobile strickte. Ich war also einfach sehr jung und sehr unsicher.

Die Babyzeit mit Nummer 3 verbrachte ich in einer sehr schön geschnittenen Altbauwohnung (wieder mit zwei Etagen)  in Düsseldorf. Wunderbare 90 Treppenstufen trennten uns von der Welt und allen Verwandten, die älter als 60 waren – denn die kamen so selten wie möglich bis gar nicht. Das kam mir großartig vor, aber 180 Stufen am Tag (zum Spaziergang runter und wieder rauf) in hochschwanger und danach mit Baby fand ich blöd. Aber ich wurde recht sportlich und hatte prima Muskeln. Das Vor-Schwangerschaftsgewicht hatte ich schnell wieder und untertraf es sogar noch. Ich war viel unterwegs mit den Dreien, kaufte mir neue Klamöttchen, machte die Mädels ebenfalls chic und war irgendwie war ich nicht mehr ganz so angespannt.

Spannten mich vielleicht und eventuell auch die eigenen Ansprüche an? Und hatte dies nachgelassen? Oder tat es mir gut, nicht mehr in der Kleinstadt zu hocken und mich für jede winzige gegönnte Bequemlichkeit mies zu fühlen, weil ich Kritik befürchtete? Nummer 3 war zudem ein formidables Anfängerbaby – sie weinte fast nie. Sie hatte nie Bauchweh und das Zahnen schien sie einfach zu ignorieren. Sie schlief pünktlich und immer gleich lang. Unfassbar war das. Ich war wirklich entspannter. Unsere Babys waren mit jedem weiteren immer pflegeleichter geworden. Und ich immer ein klein wenig entspannter.

Die letzte Babyzeit meines Lebens

Daher dachte ich, ein nächstes Baby wäre vermutlich schlichtweg im Alltag nicht zu bemerken. Nein, nicht wirklich – ich hatte vor den Nächten Respekt und wusste, dass ich die Babyphase oft öde finden würde. Aber am meisten Angst (ja, wirklich Angst) hatte ich vor der Fremdbestimmung. Und sie traf mich knallhart, muss ich sagen. Nummer 4 war im ersten Jahr nicht das pflegeleichteste, sondern das anstrengendste Baby. Ich war nicht mehr oder weniger fremdbestimmt, sondern vielmehr zu einem selbstaufgegebenen Bedürfniserfüllungsroboter geworden. Dazu kam, dass mich zum Einen mein Alter und zum Anderen die beiden Fehlgeburtserfahrungen prägten. Dem kleinen Wunschkind soll es nur ja an nichts fehlen – predigte die Verlustangst.

Nun, wo er tatsächlich herumläuft, seine Zahnbürste nach der Benutzung selber wieder in den Becher steckt und sich bestens verständigen kann, sehe ich Land. Ich weiß, dass nun der Punkt erreicht ist, an dem es steil nach oben geht. Denn mir fiel wieder ein, dass Kommunikationsreife und Alter des Kindes viel ausmachen. Er versteht fast alles, das ich sage und er kann mir hinterherlaufen (und manchmal noch krabbeln), anstatt zu weinen, wenn ich kurz aus dem Raum muss. Ich muss ihn auch nicht mehr überall hintragen. Das ist schon viel wert.

Dennoch spüre ich, dass ich mich eigentlich schon in der Phase der Selbstbestimmung befunden habe, als er auf die Welt kam. Ich habe mir gepredigt, die Babyzeit zu genießen. Während ich wie ein Zombie den Kinderwagen vor mir her schob (ich verwendete ihn ob der Müdigkeit gern als eine Art Rollator), hörte ich von allen Seiten: „Ach genießen sie es! Die sind ja nicht lange so klein!“ und dachte mir immer: „Bitte wiederholen sie nur den letzten der beiden Sätze und schütteln mich dabei ein wenig aufmunternd, ja?“

Gute Seiten

Ich fühle mich am Ende des berühmten ersten harten Jahres jedenfalls viel besser als mittendrin. Ich begreife, dass ich ja nicht nur Ende Dreißig bin und nicht mehr Mitte Zwanzig und dass ich vor allem für insgesamt sechs Menschen sorgen muss. Ich schließe mich da ein, denn auch diese Lektion des Lebens habe ich (viel zu) langsam verstanden. Ich denke mir, es wird schon anstrengend sein, was Du da alles schaffst – kein Wunder wenn Du Dich dauernd so etwas schlapp wie während einer Erkältung fühlst. Ich erkenne also meine Leistung an. Das konnte ich vor zehn Jahren definitiv nicht. Ich bin selbstsicher in meinen Entscheidungen und kann sie bestens vor mir vertreten.

Ich fühle mich nicht nur müde und fremdbestimmt. Sondern reif, stolz und erfahren. Ich bin keine junge Frau mehr, die sich innerlich von Ansprüchen unter Druck setzen lässt und äußerlich versucht, es allen recht zu machen. Das Stadium der jungen, unsicheren Mama habe ich längst verlassen. Inzwischen habe ich eine große Tochter, die in diesem Jahr zum Teenager wird und eine andere große Tochter, die öfter die Nägel lackiert hat als ich (wäh!) und eine kleinere große Tochter, die morgens alleine auf die Uhr schaut um zu sehen, wann sie die Jacke anziehen muss. Wenn das mal nicht eine gute Bilanz ist!

Die drei passten neulich nachmittags auf Nummer 4 auf als ich heftig erkältet war. Ich lag im Bett und bekam Tee gebracht! Das stelle man sich mal vor! Kein Kind hopste auf mir herum und niemand musste von mir zum Klo begleitet werden während ich ein Fieberthermometer im Mund hatte. Ich lag da, machte Bingewatching mit dem iPad und wurde gesund.

Fremdbestimmt und dennoch Danke

Also danke ich dem lieben Gott und auch mir selbst für das Erreichen wunderbarer Meilensteine. Ich bin inzwischen in der Lage zu erkennen, dass anstrengende Phasen ihr Gutes haben und ebenso, dass ich nichts andauernd schönreden muss, nur weil ich mich dazu entschiedne habe (zum Beispiel Leben mit Kindern :D). Ich danke für die lebhaften, schlauköpfigen und bereichernden Kinder um mich herum. Ich danke für den kleinen, heiß ersehnten Mann mit den großen Knopfaugen, der so gerne mit mir kuschelt. Und ich nenne Nummer 4 trotzdem Kleine Nervensäge, weil er einfach viel zu viel von diesem fordernden, ungeduldigen Brummen hören lässt …