Mobbing: Unser Update

Wie läuft es denn im Moment bei uns?

Wie versprochen halten wir Euch auf dem Laufenden, was das Mobbing gegen Nummer 2 betrifft.

Im Moment sieht es so aus – auf Facebook hatte ich das bereits erwähnt, aber so erreiche ich Euch alle:

Seit der Veröffentlichung und Euren vielen lieben Mails, Nachrichten und Kommentaren geht es Nummer 2 sehr viel besser.

Eure Worte waren heilsam.

Sie zeigten ihr, dass sie nicht alleine ist und dass auch viele heute erwachsene Menschen einst Opfer dieser perfiden Form von Gewalt wurden.

Nummer 2 zog verschiedene Erkenntnisse aus den Artikeln und Mails:

  • Es sind vor allem intelligente, warmherzige und empfindsame Menschen, die Opfer von solchen Angriffen werden
  • Viele LehrerInnen scheinen mit dem Thema überfordert zu sein
  • Viele Eltern sind, wenn sie von den Kindern in#s vertrauen gezogen wurden, oftmals hilflos, da keine Zusammenarbeit mit der Schule entsteht, die einen guten Ausgang findet
  • Es gibt viel mehr Mobbing, als man zunächst annimmt. Letztlich erinnert sich sehr viele daran, entweder selber attackiert worden zu sein oder dass es ein Kind in der eigenen Klasse gab, das Ziel irgendwelcher Angriffe wurde
  • Mobber sind meistens entweder selbst gemobbt wurden und wechseln die Seite oder fühlen sich durch Eigenschaften des Opfers tief verunsichert.
  • Gespräche mit den Eltern von Mobbern bringen meistens keinerlei Verbesserung. Auch, weil die Eltern eher durch Verleugnung oder Verharmlosung das Thema abwehren

Wir danken Euch allen sehr für die so liebevollen Wünsche und auch für den Mut, Eure Erfahrungen aufzuschreiben, was ja schließlich nicht einfach ist.

Aktuell 

Nummer 2 hat nun so viel Selbstbewusstsein durch all die lieben Wünsche und empfindsamen Nachrichten wachsen lassen, dass sie in der Schule nicht mehr angegriffen wird. Sie wirkt ganz anders auf uns: Fröhlicher, mutiger, gestärkter und immer wieder ziemlich humorvoll und losgelöst.

Und was lief auf dem offiziellen Weg?

Wir hatten vor einigen Wochen das Schulamt angeschrieben. Dies geschah auf Empfehlung der Klassenlehrerin, die dies für eine gute Idee hielt. Wir erbaten weitere Informationen oder einen Rat, wie wir gemeinsam dieses festgefahrenen fall von Mobbing lösen könnten.

Freitag erhielten wir dann, ohne zuvor eine Antwort auf unsere Mail erhalten zu haben, einen Brief vom Schulamt.

Diesen fasse ich mal eben zusammen:

Man habe Rücksprache mit der Schule gehalten. Hierbei sei Einsicht in die Schulakte bezüglich Nummer 2 genommen worden. Dies habe ergeben, dass Nummer 2 aggressiv sei und den Konflikt aktiv vorantreibe. Dies bewiese sich dadurch, dass sie einem Jungen (dem zu der Zeit aktiven Haupt-Mobber) die Brille von der Nase geschlagen habe. Sie sei auch aggressiv gegen ihre Schwester (klar, sie war aggressiv gegen jeden, als sie sich wie ein gehetztes Tier fühlte). Zudem habe ihr Vater sie zur Gewalt aufgerufen (sicher, wir haben mal irgendwann gesagt, dass wenn ihr kein Lehrer hilft und auch Worte die Jungs nicht bremsen und diese sie auch physisch angreifen, sie sich ebenfalls physisch wehren darf. Dies tat sie während der drei Jahre zwei Mal.)

Ich kontaktierte die Schulpsychologin, die mit dem Schuldirektor sprach. Sie erfuhr, dass die Inhalte der  Schulakte Interna sind, die nicht weitergereicht werden.

Schön. Aber leider zeigen sie dennoch, wie das Schulsystem wahrnimmt und das Schulamt reagiert:

„Du bist kein Opfer (und bekommst keine Hilfe vom Schulamt), wenn Du Dich gegen Gewalt wehrst!“

Wir werden noch einmal ein (abschließendes) Gespräch mit dem Direktor abstimmen und mitteilen, wie wir es finden, dass eine Gegenwehr nach Jahren des Mobbings dergestalt aufgezeichnet wird.

Die Schulpsychologin führte an, dass sowohl das Schulamt als auch die Schule schließlich irgendwie vermutlich ihr System schützen wollen und kaum anders handeln können. Sie nähme aber an, dass in der besagten Schulakte mehr stehen würde, sicherlich auch Positiveres und das Schulamt dies nur nicht erwähnt habe, um seine eigene Darstellung nicht zu gefährden.

Ich persönlich glaube das so nicht. Aber wir werden sehen.

Ich möchte nicht behaupten, an dieser Schule könne man nicht einfach ganz normal und unbehelligt lernen. Fachlich hat die Schule große Kompetenzen.

Leider aber eben auch Schwächen, wenn es um ein so sensibles Thema wie das Mobbing geht. In unserem „traurigen Einzelfall“ zeigte sich das in unserer Stadt sehr angesehene Gymnasium zumindest Jahre lang nicht als wahrnehmend und unterstützend. Dafür hat es nun alles getan, das ihm möglich war, um uns zu unterstützen.

Okay, und da ist dann noch die Schulakte, die unser Vertrauen dann wieder maßgeblich störte.

Unser Fokus

Im Augenblick liegt der Fokus auf dem Erhalt des Ist-Zustandes:

Nummer 2 berichtet, wie einer der Mobber sie für etwas lobte und sie ihm die Tür aufhielt, als er seinen Geburtstagskuchen in die Klasse trug.

Man feuerte sie im Sportunterricht an (wobei sie natürlich zuerst wieder von Hänseleien ausging …) und insgesamt verhalten sich die MitschülerInnen derzeit positiv menschlich.

Wir gestalten in Absprache mit der Schulpsychologin mit viel Bedacht den inneren Abschied aus der Schule und diesem Wohnort. Nummer 2 erhält zudem Unterstützung durch eine Jugendpsychologin. Bei unserem zweiten Gespräch in der Praxis war das Resümee des Psychologen ungefähr so:

„Dieses Kind hat eine starke und sehr gut entfaltete Persönlichkeit. Ich erkenne dies deutlich, obwohl sie sehr wenig sagte und schüchtern wirkte. Das ist sehr gut wahrzunehmen.

Mit ihrer elterlichen und unserer fachlichen Begleitung werden wir die Folgen dieser Erlebnisse sehr gut aufarbeiten können, so dass das Kind keine allzu großen Beeinträchtigungen mit durch das Leben nehmen wird.“

Das stimmt doch optimistisch, oder?

Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Nein sagen und selbst akzeptieren – Beitrag zur Blogparade #NeinheißtNein

Eine sehr gute Idee!

Andreas Thema zum „kindlichen Nein aus elterlicher Sicht“ auf ihrem Blog Runzelfüsschen fand ich sofort spannend.

Als Eltern, die vielmehr begleiten statt klassisch zu erziehen, begegnet uns gerade dieses Thema schon lange und immer wieder. Klar, wir sind seit bald 14 Jahren Eltern und haben diverse Kinder – da bleibt es nicht aus, sich immer wieder mit den frei entfalteten Individuen um uns herum auseinanderzusetzen. Und zwar konstruktiv, bitteschön.

Ich las mich ein wenig durch die bereits zur Parade verfassten Artikel und überlegte:

„Tja, wie sieht das denn bei mir aus? Wie gehe ich mit einem kindlichen Nein um? Und wie handhabe ich es überhaupt mit diesem Wort?“

Das N-Wort

Dieses Wort – wie wir alle schon gefühlt Tausend Mal gehört haben – ist basal wichtig für das gesamte Leben. Von der aktuell (endlich!) groß diskutierten sexuellen Selbstbestimmung, bis hin zur Abgrenzung, zum Schutz vor Überforderung und Erschöpfung: Das Nein ist einfach genial. Allerdings nicht genial einfach in der Ausführung.

Das Nein ist die Kür des Selbstbewusstseins. Das Nein fragt nicht danach, ob Nein-SagerInnen trotzdem lieb gehabt werden. Das Nein will schützen, ausdrücken, ablehnen, klarstellen. Es will nicht für Harmonie sorgen, sich anpassen, gemocht werden, lieb sein und helfen wie das Ja.

Wobei diese Klassifizierungen eventuell Klischees sind, die sowohl das Ja selbst als auch das Nein im Sinne des gleichberechtigten und vorurteilsfreien Umgangs ablehnen würden.

Schauen wir uns doch beide mal im von uns Eltern gel(i)ebten Alltag situativ an:

„Nein, es gibt jetzt keine Bonbons.“

Dieser Satz wird von Kinder zwischen rund 2 und 20 Jahren sehr ungehalten aufgefasst. Mögliche Reaktionen: Wutanfall mit und ohne Tränen sowie mit und ohne gesamten Einsatzes des Körpers, Betteln, Schimpfen oder vernunftbegabte Akzeptanz im Verbindung mit mühsam erlerntem Bedürfnisaufschub. Letzteres eher selten und überwiegend erst bei Kindern ab circa 21 Jahren gut zu beobachten.

„Nein, wir bleiben nicht länger hier. Wir fahren jetzt nach Hause.“

Nun, dies ist eine situationsabhängige Aussage: Beim Zahnarzt löst sie etwas mehr Begeisterung aus als auf dem Spielplatz oder beim Besuch einer befreundeten Familie mit netten Kindern, Kuchen und einem Kachelpool.

„Nein, du darfst deiner Schwester nicht an den Haaren ziehen! Hör sofort auf!“

Auch hier ist die Freude beim Hören des Satzes eher einseitig: Nur die Schwester mag Erleichterung zeigen. Ehe sie zur Rache übergeht. Dann ist ein weiteres Nein gefragt.

Das Nein ist knallhart. Bereits der Buchstabe N kann nach einer kontinuierlichen Benutzung über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten Unbehagen auslösen. Eine Nein-Phobie entwickelt sich. Viele Menschen sind betroffen.

Dies betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Hier sind es besonders (diverse, einige, nicht ganz so wenige) Männer, die eine Ablehnung als Vernichtung ihrer Gesamtgeschlechtsidentität nicht hinnehmen wollen und straffällig werden. Nein scheint also auch Gefahren zu bergen. Nein wird nicht immer akzeptiert. Und ist dennoch nötig.

Das sollte man also vorleben: „Ich akzeptiere Dein Nein“ ist absolut wichtig für die Entwicklung eines Menschen. Es steht für Akzeptanz und Respekt. Und sollte von beiden Seiten gelebt werden: Von Kindern und Eltern.

Akzeptieren lernen oder sanft umschiffen?

Anja von der Kellerbande beschrieb in ihrem Beitrag zur Blogparade, ein Nein könne man umschiffen, indem man es positiv umformuliert. Das ist eine sehr gute Idee – die ich auch immer gerne verwende, wenn sie denn umsetzbar ist.

Manchmal erscheint es mir wie eine Toddler-Tortur, wenn die anderen Familienmitglieder Nummer 4 genüsslich ein Nein präsentieren. Wie ärgert er sich und regt sich auf, wenn sie in dieser besonderen „Nun-lernst-du-etwas-über-Konsequenz-und-so“-Art das Four-Letter-Word einsetzen. Und dann weint er meistens. Komisch.

Nein! Niemals!

In der Tat finde ich „Nein, wir gehen jetzt nicht in den Garten. Nein, da regnet es.“ wesentlich unglücklicher formuliert als „Lass uns drinnen spielen, ja? Draußen werden wir im Moment einfach zu nass. Wir gehen raus, wenn es nicht mehr regnet.“

Na klar, gleich nach dem Essen

 

Allerdings ist es wichtig, Möglichkeiten zu bekommen, um zu lernen, das Nein zu akzeptieren. Daher sollte es dann und wann zum Einsatz kommen. Es zu umschiffen ist sicherlich sinnvoll, um das Kind nicht andauernd seiner gesamten negativen Gefühlspalette auszusetzen. Vor allem eben, wenn es noch klein ist. Zugleich aber sollte es begreifen, wo Grenzen sind. Das ist eine Erfahrung, die es unabdingbar für seine Entwicklung braucht.

Vorbild sein

Wie so oft. Nein – leider wie immer – ist es unerlässlich, ein Vorbild zu sein. Am besten ein gutes. Ein schlechtes Vorbild ist natürlich auch nicht zu verachten – oft ist es ja das Einzige, wozu man an manchen Tagen taugt.

Insgesamt sind wir ja aber immer darum bemüht, möglichst fehlerfrei durch die Elternphase des Lebens zu kommen. Auch wenn das vollkommener Irrsinn ist – aber so sind wir liebenswürdigen, liebenden Eltern eben: Wir wollen für unser Kind so viel Glück, Erfüllung und innere Sicherheit wie möglich. Das zeichnet uns aus.

Und wenn man nur ein gutes Vorbild ist, dann reagieren Kinder binnen kurzer Zeit wie in folgendem Beispiel:

Kind: „Nein, Mama, ich brauche keine Jacke. Neeeeiiiiin!“

Mutter: „Aber es sind nur 8 Grad draußen und es regnet. Du wirst krank. Und überhaupt: Kannst du das nicht mal positiv formulieren? Mich nervt dein dauerndes Nein!“

Kind: „O-okay: Ich möchte bitte lieber keine Jacke anziehen. Ich mag den Regen auf meiner Haut und im Auto ist es dann eh wieder so warm, dass ich schwitze.“

Mutter: „Na bitte. Geht doch. Hab ich dir doch auch so vorgemacht – das positive Umformulieren.“

Pö-hö. Ja, da könnt Ihr lange drauf warten, dass es so abläuft – aber es wäre nett, ne?

My beloved room: Die Meta-Ebene

Es geht aber in der Tat schon in diese Richtung, wenn man mit dem Kind die Meta-Ebene nutzt. Etwas, das ich persönlich eh immer gern mal empfehle: In Partnerschaften ebenso wie in der „Erziehungs“-Beziehung.

Die Meta-Ebene ist ein Ort, an dem weder Vasen noch Schimpfworte fliegen. Dort trifft Verstand auf Verstand. Und das Drumherum wird draußen gelassen. Ein sicherer Raum, in dem jeder sprechen kann. Der/die eigene, innere/r MediatorIn spricht und hört hier zu.

Bei uns geht das so:

„Okay, Kinder, ihr wundert euch, warum ihr in letzter Zeit mehr Aufgaben im Haushalt bekommt. Das erkläre ich euch, damit ihr nicht etwas übergestülpt bekommt, dessen Hintergrund ihr weder kennt noch zu dem ihr etwas sagen könnt. Ich habe das probeweise so eingeführt, weil ich bemerkt habe, wie ihr in eine Dysbalance geratet, weil ihr den gesamten Nachmittag im Bett liegt. Es ist wichtig, dass man Phasen von Entspannung mit Phasen von gesunder Anspannung abwechselt. Einseitige Überbetonung führt zu allerlei mistigen Gefühlen. Wie fühlt ihr euch, nachdem wir das nun einige Tage so ausprobiert haben?“

So habe ich das hier erst vor wenigen Tagen gesagt. Und schon habe ich die Kinder, die sich durch diese Art meines Respekts gewertschätzt und wahrgenommen fühlen, ein Stück weit auf der Meta-Ebene. Sie protestieren zwar dennoch maulend, wenn sie anschließend die Küche aufräumen müssen, aber sie tun es im Bewusstsein unserer Begegnung auf der Meta-Ebene. Und nehmen es an, weil sie zuvor einräumten, es sich eigentlich so zu wünschen: Mehr Aufgaben und dadurch auch mehr innere Ausgeglichenheit sowie das gute Gefühl, ein konstruktiver Bestandteil der Familie zu sein.

Die Meta-Ebene.png

Und das mache ich schon mit dem Kleinsten so.

„Ich würde dir supergerne gläserweise Bonbons geben, mein Süßmann. Aber das geht nicht. Dann würdest du schlechte Zähne bekommen und wärst irgendwann ganz dick und könntest krank werden. Leider darf ich das nicht. Ich würde gerne, aber es geht nicht.“

Ja, er weint dann trotzdem vielleicht im Gedanken an Gläser voller Süßkram, aber er versteht, dass auch ich nicht die allmächtige Entscheiderin bin. Es geht eben nicht um Macht, sondern um Notwendigkeit und Sachzusammenhänge.

Später sagte er dann: „Ich will noch einen Keks. Ich will dick werden. Das finde ich schön.“

Gut Ding will Weile haben und so …

Die Dosis macht’s

Das Nein verwende ich nicht inflationär, sondern mit Bedacht. Und meist lasse ich es einfach weg. Außer es hat konkret einen rhetorischen Nutzen.

„Können wir tauschen?“

fragt Nummer 4 gerne, wenn er sein Eis fast weggeschleckt hat und dann auf meines guckt.

„Nein. Ich habe mich auch auf mein Eis gefreut. Und du hattest schon eines. Aber ich lasse dich gerne mal lecken.“

Na klar kann die brave, aufopferungsvolle Mama hier sofort eilends und fast beschämt über das eigene Eisschleckbedürfnis hinweg ihre Kaltspeise komplett weiterreichen. Und genau das habe ich früher auch getan. Mir fehlte einfach der Mut, mich entgegen dem pädagogischen Mainstream zu verhalten (Hoch lebe der Mythos der aufopferungsvollen Mutter ohne eigene Bedürfnisse!). Das ist aber falsch. Denn die Lehre des Kindes hierdurch ist:

„Die sagt immer Ja und gibt mir alles. Als Mutter denkt man nie an sich. Wenn ich mal Mutter werde, dann gebe ich auch immer allen alles bis ich ganz leer und erschöpft bin. Ich bekomme als Kind immer, was ich will und als Erwachsene gar nicht mehr. Vielleicht sollte ich schön viel an mich reißen, so lange ich klein bin und dann am besten nicht erwachsen werden, denn immer mein Eis abgeben zu müssen stinkt mir bereits jetzt schon.“

Vielleicht ist es gut, Kindern zu zeigen, was wichtig ist. Und was nicht. Sich ein Eis zu gönnen ist gut und richtig. Sich alles wegschlecken zu lassen nicht unbedingt. So sehe ich das zumindest inzwischen. Daher gibt es dann ein gesund abgegrenztes Nein von mir.

So viel aus unserem Hause zum Thema Nein.

 

 

 

 

 

Mein #Mutterkoerper: Jubel und Tränen

Das Thema ist für mich nicht einfach – das sage ich zu Beginn.

Auch habe die vier (eigentlich sechs) Schwangerschaften immer mit gemischten Gefühlen begonnen. Ich mochte es nicht immer, mir meinen Körper zu teilen, nach der ersten Geburt fürchtete ich das für mich so nervtötende und schmerzhafte Stillen, ich hasste es, wie taub und wabbelig sich der Körper nach der Geburt anfühlte. Und dann diese tausend Dinge, die nie vorher mal jemand ausspricht oder einem sagt. Ich hatte immer Angst vor den Geburten und beschreibe sie bis heute als überwältigende Ereignisse. Jede auf ihre Art.

Nein, der Zustand, immer heftiger werdender Wehen mit Aussicht auf Steigerung, nackt auf allen Vieren bei der Hausgeburt vom Bad ins Wohnzimmer kriechen, das taube Gefühl beim ersten Pieseln nach der Geburt und Dammnähte, die sich anfühlten als reichten sie bis in den Nacken –  oder bei der vierten und mit Abstand heftigsten Geburt, als ich lakonisch dachte: „Hey, schlimmer kann es nicht mehr werden, weil ich nicht mehr lauter schreien kann“ – all das macht es für mich nicht zum „schönsten Tag in meinem Leben“.

Nur der Moment, in dem man den neugeborenen Menschen zum ersten Mal umarmt – der ist absolut überwältigend einmalig. Da wären dann also die schönsten Momente im Leben.

Der Rest kann mir gestohlen bleiben. Ja, ich war total stolz auf mich – besonders nach der ersten Geburt, während der ich den Wunsch unterdrückte, um einen Kopfschuss zu bitten. Der ganze Sermon rund um „ich hab es ohne Schmerzmittel durchgehalten“ gilt auch für mich. Drei Mal weil ich keine Schmerzmittel brauchte (oder im Geburtshaus/Hausgeburt hätte haben können) und einmal weil es dafür schon zu spät war. Hab mich ganz brav ganz tapfer geschlagen – so, wie es von uns Frauen verlangt wird. In der modernen Zeit, in der man sich des Naturalismus bedient, wann immer es en vogue erscheint (ausschließlich beim Kinderkriegen- und haben!)

So viel zu der Zeit vor dem „After Baby Body“ (Was’n Wort, würg)

FullSizeRender (2)

Bauchmuskeln ohne Ende – nutzen aber nix: Geht genau so wenig in die Form zurück wie der Überraschungsei-Inhalt …

Mutterkörper

In unserem Urlaubs-Beitrag habe ich ein Bikinifoto von mir veröffentlicht. Darüber habe ich natürlich vorher ein Bisschen nachgedacht. Dann aber entschieden, dass es eine gute Entscheidung ist. Für mich war es ein Schritt, etwas selbstsicherer mit meinem Körper umzugehen. Das Foto selbst war dann sogar Anlass für Resonanz – damit hatte ich nicht gerechnet. Und sie war sehr positiv für mich. Es war für mich echt ein weiter Weg bis zu diesem Foto.

Ich habe nach der ersten Schwangerschaft – ein paar Tage nach der Geburt – nackt vor dem Spiegel gestanden und einen infernalischen Schock bekommen, der verzweifelt versuchte, sich in einem Weinkrampf Luft zu verschaffen.

Ich war bis vor der Schwangerschaft eine Frau, die ihren Körper sehr mochte und gerne zeigte. Echt jetzt: Es gibt eine Menge Nacktfotos von mir. Deshalb kann ich meine Fotoalben nur einem ausgewählten Publikum zeigen. Weil ich die einfach da rein geklebt hab. Zwischen „Ausflug zum Strand“ und „Netter Nachmittag mit Freunden beim Picknick“ bin ich halt auf manchen Fotos nackt irgendwo auf einer Wiese oder alten Ruinen – da finde ich nichts dabei.

Ich gefiel mir und das fühlte sich sehr gut an. Und dann das. Dieser Anblick – das war der blanke Horror für mich. Ich dachte:

„Das war’s. Dein Körper ist hinüber und du bist gerade mal Mitte Zwanzig.“

Und dieses Gefühl blieb. Keine weitere Schwangerschaft beeinträchtigte meinen Körper weiter. Das hat alles die erste arrangiert.

Ich hatte zusätzlich noch viel zu viel zugenommen und fühlte mich einfach grauenhaft. Dann gab es da ja auch noch diesen kleinen Menschen, der mein Leben neu durchstrukturierte und der gefühlt pausenlos an diesem geschundenen Körper schmerzhaft herumsaugen wollte – ich kam kaum dazu, mich in diesem derangierten Etwas zu arrangieren. Nachts lief die Milch so stark aus meinem Busen, dass ich immer unter einen nassen Decke aufwachte, auf der Seite schlafen ging nicht, weil meine Brüste zu prall gefüllten, gefühlt kiloschweren Melonen geworden waren.

Ich fühlte mich in diesem von Milch überquellendem Körper, der sich um mich herum anfühlte wie ein geweiteter Ballon, aus dem man die Luft abgelassen hatte, mehr als unwohl: Einfach nicht zuhause.

Es war alles in allem eine körperlich gesehen nicht wirklich bereichernde Phase, echt nicht.

Ja klar, das Baby war süß und ich liebte es sehr. Das verstehst sich ja von selbst – ich finde nicht, dass man das dauernd betonen muss. Aber ich wusste, dass ich für immer verändert aussehen würde. Negativ verändert. Für immer.

Skalpell und Co

Vor einigen Jahren – da war Nummer 3 bereits im Kindergarten und ich hatte längst mein Idealgewicht zurück, suchte ich einen Facharzt für plastische Chirurgie auf. Er ist einer der renommiertesten in unserem Wohnumfeld und ich erhielt dennoch recht schnell einen Termin. Dann saß ich da zwischen lauter Frauen, deren Gesichter erstaunlich gefühlvoll straffgezurrt worden waren. Mir wurde Kaffee und Gebäck gebracht – im Riesenfernseher an der Wand lief eine Nachrichtensendung.

Ich sprach mit dem Arzt. Er bat mich, meinen Bauch freizumachen und sah sich das Ganze an. Er fasste (das ist mal erhebend!) in die überschüssige Haut und zog sie etwas vom Körper weg.

Ich, scherzend: „Das machen sie sicher nur, damit man sich in jedem Fall FÜR eine Operation entscheidet, oder?“

Er, schmunzelnd: „Nein, das geht nicht anders, um den Körper, also die Hautbeschaffenheit zu beurteilen.“

Dann sah er mich an, strich rechts und links über meine Taille, blickte an mir rauf und runter, lächelte und sagte mit strahlenden Augen:

„Sie haben perfekte Körperproportionen, Frau Essential. Sie haben einen wunderschönen Körper. Ihr Schultern-Taille-Hüftverhältnis ist nahe an der Perfektion. Unglaublich. Ich möchte ihren Körper nicht operieren.“

Ich guckte ihn vermutlich an, als hätte er gerade spontan seinen Namen getanzt. Er ließ sich nicht beirren:

„Wissen sie, das, was sie da stört, das ist nichts – ich würde es lassen. Wenn sie die Dehnungsstreifen stören, dann verstehe ich das. Und sicher könnten sie die irgendwann irgendwo lasern lassen. In Düsseldorf geht das, glaube ich. Aber ganz im Ernst: Meine Frau sieht genau so aus. Sie hat besonders viele Streifen an den Oberschenkeln. Mehr als sie. Und ich finde es eigentlich traurig, einen Körper, der so viel geleistet hat, das sich dann zeigt, wieder zurückbasteln zu wollen. Ich tue das, wenn sie das unbedingt wollen und mir sagen, dass ihr Seelenheil davon abhängt. Dieses Seelenheil bekommen sie dann für 7.186 Euro. Ich werde ihren Bauchnabel ausschneiden und die Haut drumherum straffen und wieder annähen. Dann gibt es einen Schnitt für den Nabel, dort fügt man ihn wieder ein. Die Streifen aber kann man nicht passgenau wieder zusammenfügen. Das wird man sehen können – sie verlaufen nicht perfekt ineinander.“

Den nicht unerheblichen Betrag schrieb er während der Erklärungen bedeutungsschwer auf einen Klinikflyer und schob ihn mir hin.

„Möchten sie, dass ich das tue?“

Und ich hörte mich sagen: „Nein.“

Er lächelte zufrieden und verabschiedete mich.

Perfekte Proportionen. Oh Mann, ich brauchte eine Zigarette – aber ich bin Nichtraucherin. Also musste ich so klarkommen.

Mr. Essential grinste nur während meines abendlichen Berichts des Erlebnisses und sagte:

„Das hätte ich dir auch ohne Termin sagen können.“

Und ich dachte mir: „Nahe an der Perfektion. Klang gut. Trotzdem irgendwie verhunzt, dieser Körper. Weit weg von Perfektion. Ganz weit.“ Komplimente oder fachkundige Feststellungen scheinen nicht viel zu helfen.

Schlank zu sein hilft mir. Ich fühle mich gut, wenn ich in die meisten Sachen, die ich in die Umkleide schleppe, hineinpasse. Vielleicht ist das auch schon brainwashed – wer weiß das schon? Aber ich empfinde eine gewisse Kilozahl als Wohlfühlgewicht. Und ich fühle mich damit dann in der Tat wohl. Ich bekomme Komplimente wie: „Vier Kinder und so eine Figur? Wow!“ Aber ich denke mir dann immer: „Tja, Schätzchen, IN den Klamotten sieht das gut aus.“

Man kann so hart zu sich sein …

Gedanken und Geschichte

Ich habe Freundinnen mit und ohne sichtbare Schwangerschaftsspuren. Und bei einigen anderen weiß ich nichts darüber, denn man fragt ja nicht danach. Ist nach wie vor ein Tabuthema, viele schämen sich (ich!) …

Ich finde es übrigens immer wenig tröstlich, wenn ich lese, wie jemand schreibt: „Ja, ich fühle mich irgendwie unglücklich mit meinen Streifen/meinem Bauch/meinem Busen aber dafür habe ich ja ein/zwei tolle Kind/er.“

Ich möchte dann ketzerisch rufen: „Ja, die Kinder haben auch andere – und die sehen aus wie vorher! Was soll des das für ein Trost sein, hä?“

Oder beliebt bei mir auch: „Da muss man sich mal in der Schwangerschaft nicht so gehen lassen, dann passiert das nicht.“ Blödsinn. Es gibt dünne und dicke und mitteldick/dünne Frauen, deren Körpern man die Schwangerschaften ansieht.

In einer Welt, in der man es einfach akzeptieren würde, in der wäre es leicht.

Es gab sie mal – das war unsere. Ist aber schon lange her. Ich kenne durchaus viele mittelalterliche Gemälde und Holzschnitte. Und viele sind ehrlich. Man sieht hängende Brüste und Bäuche und Schwangerschaftsstreifen. Man ging zusammen ins Badehaus, da schämte sich keine für ihren Körper. Das war eben einfach so.

Frauen bekamen weit mehr Kinder als die heutigen 1,3 – das wird man ihren Körpern wohl auch angesehen haben. Die Minderheit der Frauen geht ohne Spuren durch diese tiefgreifenden und beeindruckenden körperlichen Veränderungen. Das war früher nicht anders. Zudem begannen die Frauen mit dem Gebären in einem Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Und hörten damit auf – äh, wenn sie fast starben. Was im Schnitt mit spätestens 50 Jahren (bei der Landbevölkerung mit 45 Jahren) der Fall war. Ein junger Körper reagiert der Sache nach heftiger auf eine Schwangerschaft. Also gab es eine Menge Tigerinnen mit Stripes – wie manche Amerikanerinnen Dehnungsstreifen nennen: „Tigerstripes“

Ehrlichkeit

Ich beneide ganz offen all jene, die makellos aussehen und sich darüber beschweren, dass ihr Popo eventuell einen Zentimeter tiefer sei als vor der Schwangerschaft. Eventuell.

Ich beneide es, dass sie sich gerne zeigen, nicht schämen (wieso zur Hölle tut man so etwas eigentlich?) und … äh … dennoch nicht zufrieden sind (wieso zur Hölle tut man so etwas eigentlich?)

Und zugleich möchte ich keinen Laser und kein Skalpell. Weil ich trotzig bin. Ich bin zu wütend auf diese ignorante Welt, die uns eintrichtert, dass wir uns zu schämen haben. Dass wir gefälligst Leben schenken sollten, ohne zu Murren und nach festen Vorgaben (selbstbewusst, Modus: spontan, schmerzmittelfrei, danach bloß nicht Jammern, weil das Baby anstrengend ist und immer schön 24/7 glücklich sein) und anschließend gefälligst noch unsere „Fuckability“ (Danke, Du großartige Caroline Kebekus) zu erhalten.

Wir habe verflucht noch eins das Wichtigste zu erhalten, das wir darstellen: Makellose Schönheit. Diese soll verdammt noch mal da bleiben. Damit wir mit über 60 auch so sexy wie die Stars sind (die waren alle bei meinem Arzt in der Klinik!).

Im Ernst: Wisst Ihr, was es alles für Möglichkeiten gibt? Mommy Makeover: OPs und Laser für zigtausend Euro. PersonalTrainer, Ernährungsberater …

Aber vor allem kann man sich für viel Geld jeden einzelnen be*** Schwangerschaftsstreifen mit kleinen Nadeln wegsticheln lassen. Aber nein – das machen unsere zweifelhaften Zwangsvorbilder nicht! Quatsch! Die schlafen einfach nur mehr und essen während der Schwangerschaften einen verdammten Reiscracker am Tag! Das ist so ein Schwachsinn!

Ich mochte ein Interview mit Kate Winslet besonders gerne. In diesem kramte sie ihr Bäuchlein raus, zeigte die Stretchmarks und sagte grinsend: „Kampfnarben.“ So einfach ist das. Kampfnarben – so etwas erwirbt man sich, Ladies – das gibt es nicht geschenkt. Kampfnarben haben Leute, die etwas geleistet haben. Vielleicht sogar mehrere Male! Seht her – ich habe welche! Das drückte sie mit diesem Wort aus und ich mag es. Was ’ne Mutige. Ich bin da schissiger. Und verschämter.

FullSizeRender (1) Kopie

Tigerstripes: Verdient man sich wie das Lametta an ’ner Gardeuniform (?)

Die Mehrheit aller Mamas sieht aus wie Menschen, die Kinder in sich trugen. Und die Körper sagen: „Uff, Collagenketten sind schwer zu halten, wenn sie in alle Richtungen derart gedehnt werden …“

Es gibt einfach Frauen, deren Körper das gut wegstecken und diese dürfen sich herzlich gerne freuen – es sei ihnen doch gegönnt. Und jene, bei denen es anders ist – tja, wir sollten zusammenhalten und uns daran erinnern, dass es ganz normal ist.

Vielleicht wäre es einfacher, wenn man mal drüber reden „dürfte“ statt sich zu schämen. Man müsste einfach mal drüber reden.

Oh, hey, dazu hatte Bettie ja eingeladen.

Ein dickes Küsschen dafür, liebe Bettie ❤ 

Wie man eine junge Mama aufbaut – Blogparade #MeinBriefAnMich

Wie man eine junge Mama aufbaut – Blogparade #MeinBriefAnMich

Jana vom Hebammenblog ruft zu einer sommerlichen Blogparade auf, bei der es darum geht, sich selbst einen Brief zu schreiben. Allerdings in die Vergangenheit. Nämlich zu dem Zeitpunkt, als man eine frischgebackene Mama war.

Das gefiel mir außerordentlich gut!

Ähnliches habe ich bereits bei „Briefe an mein jüngeres Ich“ gemacht und empfand das sehr interessant und auch berührend.

Wie baut man eine junge Mama (sich selbst) auf? Welche Erfahrungen habe ich damals gemacht? Ich nehme Euch mit auf eine Zeitreise und teile meine persönlichen Erfahrungen mit Euch. In diesem Brief an mich als Newbie-Mum vor bald 13 Jahren:

„Liebe Lareine,

Dein erster Gedanke nach drei Stunden Dauerpressen war: „Ich werde für immer die Pille nehmen, bis ich sterbe!“ Nach dieser Tortur hätten sicher viele so gedacht, also hab kein schlech… oh, Moment…da fällt mir sofort etwas ein:

Du wirst in den folgenden Tagen jemanden kennenlernen, der Dein Leben für immer begleiten wird:

Das schlechte Gewissen.

Du wirst es dauernd spüren. Wenn Du mal zwei Minuten an Dich denken möchtest oder alleine ins Bad willst. Wenn Du eigentlich lieber selber etwas essen möchtest, das Deine Tochter Dir aus dem Mund kramen und in den ihren schieben wird. Wenn Du siehst, dass dein Frust-Schoko-Futtern und das Wunschgewicht nicht zusammenpassen. Wenn Du merkst, dass Du das Stillen ganz schrecklich findest und Dich dennoch moralisch dazu gezwungen fühlst.

Wenn Du bemerkst, dass Hebammen, die eine Frau mit schneeweißen Lippen und Schwindelgefühlen, die kaum eine Treppe hinabsteigen kann, nach der Geburtshausgeburt einfach nach Hause schicken, ohne mal wenigstens nach dem Blutdruck zu sehen, vielleicht nicht ganz so gut sind, wie man Dich glauben machen will.

Wenn Du genervt bist, weil Du nie mehr alleine mal eben das Haus verlassen kannst. Oder weil du manchmal Dein High-Need-Baby gern dem Postboten mitgeben willst – das schlechte Gewissen wird immer da sein!

Gewöhne Dich an diesen neuen Dauerbegleiter in dem Wissen, dass all die anderen Mütter, von denen Du keine einzige kennst, weil Deine Freundinnen alle noch längst keine Kinder bekommen haben (oder es niemals tun werden), ebenso empfinden.

Den meisten Müttern geht es wie Dir.

Deine Tochter wird bald eine besonders unleidliche Phase haben. Und noch eine und eine weitere. Sie wird die Definition des Schreikinds erfüllen und Du wirst dauernd an Dir zweifeln. Dann wird sie richtig unzufrieden werden und Du wirst denken, sie wird beim Stillen nicht mehr satt. Die Hebamme sagt: „Immer weitermachen! Mehr anlegen, selbst mehr trinken.“ Du tust das auch, hast sie dauernd an der Brust und dennoch kommt nicht genug Milch. Da wird sie dann sechs Monate alt sein. Inzwischen steckt sie sich Löffel und alles Ähnliche in den Mund. Der Kinderarzt wird entsetzt auf ihr geringes Gewicht gucken und sofort das Zufüttern mit Pulvermilch anordnen. Schon wieder wirst Dich Dich schlecht fühlen, weil Dein Baby Hunger hatte.

Du musst keine Tränen in den Augen haben, wenn Du die Milch kaufen gehst. Viel später wird Dir eine Hebamme sagen, dass es manchmal so abläuft: Das Baby ahmt das Essen nach, indem es dauernd spielerisch „löffelt“, unbewusst reagiert der Mama-Körper mit Milchrückgang, da das Kind signalisiert „Ich will etwas Festes essen! Schnell und viel!“ Besonders selbstständige Kinder, die früh krabbeln und sitzen vermitteln dieses wohl oft dem Mutterkörper.

Wichtig an dieser Erfahrung ist Folgendes:

Trotz des Hebammen-Tipps des Dauer-Anlegens hast Du gespürt, dass Du weniger Milch produzierst und bist dennoch brav der Anordnung gefolgt, obwohl Dir Dein Innerstes sagte: „Sie braucht etwas mehr als das Bisschen Milch.“ Sieh es einfach so: Dein Instinkt war gut, Du bist ihm nur nicht gefolgt. Später aber wirst Du das immer öfter tun und goldrichtig damit liegen.

Zwei Monate später dann wirst Du wieder schwanger sein.

Inzwischen hast Du gerade geheiratet. Ja, es beginnt dann eine anstrengende Zeit für Dich. Du hast natürlich Angst vor all dem, was da auf Dich zukommt. Aber ich kann Dir sagen: Du wirst sehr stolz und oft glücklich sein. Klar, das ist stressig mit zwei so kleinen Kindern zugleich. Und Du wirst oft genug am liebsten wegrennen. Aber nach kurzer Zeit werden die beiden sehr innig und wirklich stundenlang zusammen spielen. Sie werden ein Herz und eine Seele sein. Die kleine große Schwester wird das Baby-Schwesterchen vom ersten Blick an lieben. Dieser Augenblick des ersten Zusammentreffen wird Dich auch nach über einem Jahrzehnt in der Erinnerung noch rühren.

Dein großes Töchterchen will immer mehr als es kann. Und Du unterstützt es sehr gut dabei, sich zu entwickeln. Dein Instinkt wird sich verfeinern und Du hast immer Zugriff darauf. Es ist das Beste, was man hat, denn: Jedes Kind ist anders. Und es können nicht alle Tabellen, Ernährungstipps, Windelsorten und Spielzeuge für jedes Kind gleich gut passen. Daher gibt es die mütterliche Intuition, behaupte ich.

Typische Muttergefühle

Du zweifelst oft an Dir und wenn Du mal lauter wirst und schimpfst, dann schämst Du Dich. Stattdessen wäre es besser, Dich da abzuholen, wo Du stehst: Du bist eine sehr junge Frau von Mitte zwanzig mit einem Säugling und einem Kleinkind, dafür aber ohne Auto in einem kleinen Stadtteil einer Kleinstadt.

Das ist öde, überfordernd und frustrierend. Klar, es ist auch süß, niedlich, stolz machend. Aber eben nicht nur. Die Weichzeichner-Welt der Eltern-Zeitung gibt es in Wirklichkeit nicht. Oder hast Du schon mal eine Familie gesehen, die ausgeglichen und selig lächelnd – und allesamt in Beige und Weiß gekleidet – knallbunte Ostereier bemalen? Nein? Weil es sie nicht gibt!

Es gibt auch nicht die Mütter, die immer gutgelaunt und gerecht sind. Und nicht jene, die lächelnd putzen, während die Kinder pausenlos knatschend an ihrem Rockzipfel hängen, im Putzwasser matschen oder sich auf den Staubsauger setzen. Es gibt keine Frauen, die es aushalten, Woche um Woche mit Kleinkindern in einer Wohnung zu hocken, ohne langsam durchzudrehen, wie ein ein neurotischer Vogel, der den Kopf im Kreis dreht.

Denke mehr an Dich und fülle Deine Ressourcen auf

Du verzichtest zu viel. Du grenzt Dich den Kindern gegenüber zu wenig ab. Deine Bedürfnisse wirst Du nach und nach schon selber nicht mehr wahrnehmen. Daher rate ich Dir, Dich viel mehr auf sie zu konzentrieren. Auch im Kleinen. Trink mal was, wenn Du Durst hast. Dein Durstgefühl nimmst Du ja auch kaum noch wahr.

Höre ruhig auf den Hinweis Deiner Mutter: „Kinder spüren ganz genau, welchen Raum innerhalb der Familie oder der Gesellschaft sie füllen können. Sie richten es sich in diesem Raum ein. In den 1950er Jahren zum Beispiel, da hatten wir kaum Raum. Man bekam eine auf den Mund gehauen, wenn man einem Erwachsenen ins Wort fiel. Heute wenden sich die Mütter den Kindern zu und vergessen, dass sie sich eigentlich gerade mit ihrer Freundin unterhielten. Du bietest den Raum, die Kinder füllen ihn – das ist ein natürlicher Verlauf. Du musst nur überlegen, wo und wie viel Raum du geben willst.“

Die Kinder füllen den gebotenen Raum. So einfach ist das. Sie spüren, ob ein Nein wirklich Nein heißt oder man verhandeln kann. Sie sehen, dass ihre Mutter jemand ist, der regelmäßig Pausen macht und sich Auszeiten nimmt. Oder eben nicht. Und sie werden das in ihrem Leben irgendwann nachahmen. Also mach ihnen das Beste vor 😉

Die Unsicherheiten werden immer weniger und man wird mit der Zeit als Mutter immer versierter. Nur das schlechte Gewissen pappt an einem wie eine Schmeißfliege. Es hilft, sich selbst mit fremden Augen zu betrachten, wenn es wieder da ist.

Statt zu denken: „Hätte ich mal weniger gemeckert heute …“ tut es gut, sich zu sagen: „Hey, du hattest heute deine Periode mit fiesen Bauchschmerzen, die Kinder haben dauernd genölt, das Wetter war mies und dir fällt seit Wochen die Decke auf den Kopf. Jeder Mensch wäre da mies drauf. Nur Mütter glauben, dass sie sich von außen ihre Gefühle bestimmen lassen sollten. Das ist Unsinn. Sei ruhig ein echter Mensch mit echten Gefühlen und Verhaltensweisen.“

Stell Dir vor, Du wärst Deine eigene Freundin – das kann helfen. Wie würdest Du eine gute Freundin betrachten und was würdest Du ihr raten, wenn sie mal meint, zu viel gemeckert zu haben? Oder sich schämt, weil sie sich in einem Leben mit Menschen, mit denen sie sich kaum unterhalten kann, oft langweilt? Manchmal hilft es auch, sich vorstellen, ein Mann würde Dein Leben leben.

Wie es wohl wäre, wenn ein Mann sich für dauernde Vorsorgeuntersuchungen auf so einen Stuhl begeben müsste und wie er es wohl fände, wenn Wildfremde in weißen Kitteln ihnen Finger in alle möglichen Körperöffnungen stecken würden? Oder wenn er mit einem Bauch im Walrossstadium der Schwangerschaft auf dem Badezimmerboden herumkröche, um alles schön sauber zu machen? Schnell merkt man dann, dass man sich wesentlich mehr wie selbstverständlich zumutet, als das andere Geschlecht (in der eigenen Vorstellung) hinnehmen würde.

Hier kannst Du Dich von Deiner Prägung abgrenzen. Das schadet echt nicht. Frauen sind noch viel zu viel darauf geprägt, es allen recht zu machen und erwarten, nur dann Liebe zu bekommen, wenn sie alle selbstlos glücklich machen. Viel zu untergeordnet! Verlange mehr für Dich! Bedenke doch, was Du alles bereits erleben musstest. Ein Mensch wie Du braucht viel Liebe und Verständnis. Vor allem und zuerst von sich selbst.

Ich bin Deine Zukunft

Du ahnst nicht, wie sehr Du und Dein Leben sich verändern werden. Du wirst irgendwann trotz und wegen allem eine selbstbewusste Frau, die ihre Stärken kennt. Klar, das ist ein langer Weg, aber Du bist willensstark und gründlich genug, um meist reflektiert zu sein und Dich sehr genau zu beobachten. So wird das klappen. Und mit den zwei Kindern kommst Du wirklich irgendwann locker zurecht. So gut, dass Du ihre Anzahl im Laufe des kommenden Jahrzehnts verdoppeln wirst …

Im Gegensatz zu Deinen verhassten Pfunden. Von denen wirst Du vom Zeitpunkt der ersten Geburt gute zwanzig Kilo abwerfen. Du wirst irgendwann in den Umkleiden stehen und innerlich jauchzen, weil Dir einfach alles passt, das Dir gefällt. Dafür wirst Du Disziplin und Durchhaltevermögen aufbringen. Glaubst Du jetzt grade nicht, hm? Freue Dich ruhig darauf.

Ach, Du hast echt viele Stärken, wie jede andere Mutter auch –  es dauert nur immer so lange, bis Mütter sich trauen, diese wahrzunehmen und bewusst zu leben.

Vergiss Deine Interessen nicht und halte im Auge, immer genug Ausgleich zu erhalten. Du wirst immer mehr Kinder und immer weniger Zeit für Dich haben. Da ist es enorm wichtig, auf sich selbst zu achten.

Herzlichste Grüße aus Deiner Zukunft

Lareine

Väterglück ist wie das Stockholm-Syndrom

Väterglück ist wie das Stockholm-Syndrom

Als meine Frau mir gerade den Link zum Aufruf „Väterglück“ rüberschickte, musste ich müde lächeln.

„Ich fühle mich gerade nicht dazu prädestiniert, über Väterglück zu bloggen,“ meinte ich.

Das hat jetzt nicht mal was damit zu tun, dass ich mich in einer großen Vaterkrise oder gar der Midlife-Crisis befinde (dazu haben Menschen wie ich überhaupt keine Zeit). Es lag mehr daran, wie ich die letzten zwei Stunden verbracht habe. Erst sind Ms. Essential und ich – direkt nachdem ich die letzte Präsentation des Tages fertiggestellt hatte – aus dem Haus gestürmt und einkaufen gefahren. Nummer 1 und 2 hatten den Auftrag, die Bude wieder halbwegs in Schuss zu bringen, während wir die zwei Zentner Lebensmittel ranschaffen, die die Meute hier so in der Woche vertilgt. Als wir zurück kamen, war Nummer 3 über und über mit Matsch und Grasflecken verschmiert, es war natürlich nichts aufgeräumt, aber dafür hatte eine Freundin noch den Fahrradgriff eines unserer Fahrräder abgerissen und vor Wut weggeworfen. Außerdem hatte sie eine ausgeliehene Hose bis zur Unkenntlichkeit verdreckt.

Als ich die Einkäufe einräumte, fiel mir aus zwei Metern Höhe eine Lampe auf den Fuß, während Nummer 4 weinte, weil er lieber Schokolade als Möhrengemüse essen wollte. Unterdessen stellte sich eine Etage höher heraus, dass der Matsch auf Nummer 3s heller Bluse in Wirklichkeit Kirschsaft war.

„Väterglück“, dachte der Zyniker in mir, „ist doch oft nur eine Art Stockholm-Syndrom.“

Ich meine, man ist dauernd müde, hat nie Zeit für sich, gibt sein ganzes Geld nur für irgendeinen Kram aus, den man eigentlich gar nicht haben will. Und von dem, was sich „Familienurlaub“ nennt, fange ich mal gar nicht erst an.

Mittlerweile war es Zeit, Nummer 4 ins Bett zu bringen. Mein Fuß tat weh und Nummer 3 stellte sich absichtlich ungeschickt an beim Müll rausbringen (da haben sie Talent, ne?), also drohte ich hier noch kurz hinterher und schnappte mir dann den kleinen Rabauken, um ihn in den Schlafsack zu stecken. Er warf seinen Kopf nach hinten und ich biss ihn in den Nacken.

„Nangnangnangnang,“ machte ich. Er quietschte. „Nan-nan-nan,“ antwortete er.

Ich drückte meine Nase in seine verschwitzten Haare und hielt ihn dann fest.

„Ist jetzt langsam Zeit ins Bett zu gehen, mein Kleiner“, sagte ich.

Er legte sich in meinen Arm und wurde ruhig. Dann kam Nummer 2 und nahm ihn mir ab.

„Ich bringe ihn ins Bett!“ meinte sie begeistert.

Mein schmerzender Fuß dankte es ihr. Ich humpelte zum Sofa und fand eine Nachricht von meiner Frau. Ich sollte über „Väterglück“ schreiben, las ich. Vielleicht versuche ich es ja doch einmal.

Blogparade: #männerrollen

Neue Männerrollen: Schon die Kleinen helfen mit.

Neue Männerrollen: Schon die Kleinen helfen mit.

Die liebe Bettina vom Frühen Vogerl hatte eine sehr gute Idee zu einer Blogparade. Kaum hatte ich ihren Artikel dazu gelesen, war ich Feuer und Flamme, denn genau die Beobachtung ihrer Freundin habe ich auch schon oft gemacht:

Die Männer sind oft nur Randnotizen der Mama-Blogs.

Ja, ich lese, was die Mütter fühlen, erleben, denken, suchen, was sie belastet und freut  – aber was ist mit den Vätern? Was sind ihre Gefühle, Gedanken und Ideen zur Elternschaft? Was machen sie mit den Kindern gern, was nervt sie, was belastet sie und was ist überhaupt ihr Job?

Diesen Blog hier startete ja Mr. Essential, weil er mich einfach nicht dazu bewegen konnte, als Mama-Bloggerin zu starten. Er sagte immer: „Was du mir abends oft so von den Kindern erzählst ist so witzig, so originell – Du solltest bloggen.“

Ich habe aber irgendwie nicht anfangen können. Vielleicht dachte ich, das sei mir zu viel oder ich fand irgendwie keinen Einstieg. Er begann jedenfalls damit, aus unserem Familienleben zu berichten und ich las es begeistert. Später wurde es zum Ritual, mindestens einmal wöchentlich per Beamer den Blog zu lesen – und zwar mit der ganzen Familie.

Im Blog ist er also sehr präsent und unseren Leser*innen bekannt.

Ich würde ihn im Rahmen der Blogparade gern genauer vorstellen und seine Rolle in unserem Familiengefüge ein bisschen beleuchten.

Über Mr. Essential

Er ist 37 Jahre alt, seit 12 Jahren verheiratet, PR-Berater von Beruf und kann Besserwisser nicht leiden, grillt sehr gerne und nimmt leider schon zu, wenn er ein Stück Schokolade anguckt. Er ist nicht eitel, aber achtet sehr auf sein Äußeres. Er ist ein waschechter Karrieremensch. Als kleiner Junge hatte er ein fluoreszierendes Dinosaurierskelett auf dem Schrank, das seine Eltern in der ersten Nacht nach dem Aufbauen entfernen mussten, weil er sich davor gruselte. Als Kind war er sehr anhänglich, verschmust, vorsichtig und sensibel. Er konnte stundenlang Fußball spielen und dann am Wasserhahn an der Kirche zwei Minuten lang trinken. Er geht gern zwei mal pro Woche in der Mittagspause ins Fitnessstudio und versucht immer wieder, ein Mal pro Woche Home Office zu machen – das scheitert meist an seinen tausend Terminen.

Er ist in unseren Gesprächen über Erziehung meist eher klassischerer Ansichten als ich. Er wäre der „Strengere“, wenn er denn genug da wäre um großen Einfluss zu nehmen. Ich lege meinen Fokus sehr darauf, dass unsere Kinder im emotionalen Gleichgewicht leben können, sich selbst kennenlernen und reflektieren. Er findet, sie sollten weniger „verpeilt“ und faul sein und ärgert sich über herumstehende Schultaschen, achtlos hingeworfene Schuhe und besonders über verschüttete Becher. (Darüber ärgere ich mich den ganzen Tag, daher bin ich eher genervt als noch wegen einer dieser Phänomene sauer.)

Ich wette, er hätte gerne mehr Zeit und weniger Müll in seinem Leben.

Da er zwischen 10,5 und 11 Stunden am Tag nicht hier ist und erst zur allerbesten Fast-Zubettgeh-Zeit nach Hause kommt (zwischen 19 und 19:30Uhr), ist er kein allzu aktiver Teil der Haushaltsführung unter der Woche.

Morgens allerdings steht er vor mir auf, weil ich noch mit Nummer 3 im Bett kuschle oder sie schnarcht leise, während ich auf dem iPad die Tageszeitung lese.

Mr. Essential umgeht die krassen Stauzeiten, indem er von zuhause aus schon mal die Arbeit startet. Das führt dazu, dass er Nummer 4 mal einen Trinkbecher füllen oder ihm ein Brot machen kann. Abends sieht er ihn ja immer eher kurz und so haben die beiden noch 15 Minütchen.

Noch ein paar Kommentare von Mr. Essential:

Mir fällt es auch sehr schwer, genug Zeit für den Blog zu finden. Wenn Ihr Euch hier etwas genauer umschaut, werdet Ihr leicht sehen, dass die Beiträge aus der Anfangszeit hier noch sehr kurz und seltener als heute waren. Ich fand es aber schon immer eine schöne Plattform, um Gedanken und Erlebnisse aus unserer Familie zu teilen, auch wenn wir auf einer öffentlichen Seite natürlich recht genau darauf achten, wie wir hier etwas teilen – und was. Ich kann schon verstehen, dass Männer generell etwas unterrepräsentiert sind in der Familien-Blogosphäre – während die Vaterschaft typischerweise mit mehr Berufstätigkeit einher geht, sind Mütter doch deutlich mehr zu Hause und haben ob der besonderen „Isolation“ im Leben mit kleinen Kindern einen größeren Wunsch, sich über soziale Medien auszutauschen. Dennoch finde ich es schade, dass wir Väter hier mal wieder weitgehend in der Versenkung verschwinden und dadurch ein veraltetes Rollenbild transportieren, das so heute ja nur noch in wenigen Familien komplett so gelebt wird. Ein Blog ist natürlich keine Pflicht, aber er kann echt Spaß machen und hilft auch, seine eigene Einstellung zur Familie zu reflektieren und ein paar neue Perspektiven zu gewinnen. Von daher, liebe blogscheue Mitväter: Kommt ruhig mal aus der Deckung, es lohnt sich! 🙂

Blogparade: Kinder sind unsere Zukunft

Blogparade: Kinder sind unsere Zukunft

Anne von Top-Elternblogs hatte die Idee zu einer sehr schönen Blogparade:

„Kinder sind unsere Zukunft“

Wer teilnehmen möchte, kann alles Wissenswerte hier finden.

Die Blogparade gestaltet sich als Interview, für das Anne fünf Fragen überlegt hat, die ich hier gerne beantworten möchte. Da die Singular-Formulierung der ersten Frage für uns natürlich nicht mehr so ganz passend ist, habe ich sie umgeändert.

Ich habe mir vorher natürlich Gedanken gemacht und festgestellt, dass sich die Wünsche mit der Zeit verändern. Sie werden spezifischer, je näher man einer gedachten Zukunft kommt.

Hätte ich diese Fragen kurz nach Nummer 1s Geburt beantwortet, wären sie sicher ganz anders (romantischer) ausgefallen, als nach bald 13 Jahren des Mutterseins. Ich beantworte die Fragen hier für alle vier Essential-Kinder:

  • Welche Zukunft wünsche ich meinen Kindern?

Ich wünsche ihnen eine Zukunft, in der sie alle Kraft, Energie und Lebensfreude besitzen, die sie brauchen. Das Leben muss nicht ohne Hindernisse sein – sie sollen Stärke, Intelligenz und Humor vereinen, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Zudem wissen sie, dass sie immer eine Familie haben, die sie unterstützt.

Ich wünsche ihnen Freude am Prozess des „Life long Learning“, ausreichend inneren Abstand zu den Dingen und die Möglichkeit, Wichtiges von Unwichtigem so früh wie möglich unterscheiden zu können.

Klar wünsche ich ihnen prinzipiell auch eine tolle Ausbildung, Geld wie Heu und eine Menge guter Freunde. Im Grunde wünsche ich ihnen aber ein Leben, das sie glücklich macht. Nicht mehr und nicht weniger.

  • Wonach lohnt es sich, zu streben?

Nach Glück.

Nichts im Leben hat so viel Bestand wie das Glück.

  • Was ist Glück?

Liebe ist Glück, Dankbarkeit ist Glück. Glücklich zu sein ist das höchste Gut. Hierbei geht es nicht um temporären Spaß, Konsum oder Ähnliches. Sondern um das tiefe Begreifen der Dinge.

Man kann und muss nicht pausenlos vor Freude tanzen. Aber begreifen, dass das Leben ein Geschenk ist – das ist der Grundstein des Glücks. Und Selbsterkenntnis. So lange man sich selbst (allzu viel) belügt und sich Dinge, eigene Charaktereigenschaften und Erlebnisse zurechtredet, wird man kein beständiges Glück finden.

Das sagt jetzt nicht der Dalai Lama oder so. Dat sach ich.

  • In welcher Gesellschaft soll mein Kind einmal leben?

Die Frage finde ich schwierig – ich weiß ja nicht, wohin es sie verschlagen wird. Alle Gesellschaften sind verschieden – sie könnte ja auch im Ausland leben und ganz andere soziale sowie kulturelle Strömungen dort vorfinden.

Klar würde ich mir wünschen, die ganze Welt würde endlich ihren von den Esoterikern seit Jahrzehnten angekündigten Entwicklungssprung machen und voller Liebe und Toleranz sein. Aber ich glaube, das wird nicht passiert sein, bis unsere Kinder erwachsen sind.

Doch durch meine Erziehung kann ich einen Teil dazu beitragen, mitfühlende und geistig reife Menschen heranwachsen zu lassen, die für sich und andere bereichernd sind, statt für (noch mehr) Unmut auf der Welt zu sorgen.

Gestern noch dachte ich irgendwie an diesen Brauch der (immer noch manchmal ausartenden) Äquatortaufe und ertappte mich dabei, zu denken:

„Mensch, da könnte man statt andere mit Fässern aus Müll und schimmeligen Fischen zu übergießen ihnen doch auch ’ne Blumenkette flechten. Oder ’nen Äquatorkuchen backen. Aber nein, der Mensch muss ja unbedingt fies sein. Fies sein ist ja so witzig.“

So in diese Richtung gehen meine Gedanken.

Mehr Bösartigkeit, Ausgrenzung und Hektik braucht die Welt nicht – eher lieber weniger. Und ebenso, wie die Mütter die Männer von morgen heranziehen und bitte nicht zu Machos machen sollen (der alte Spruch, Ihr wisst schon), können wir Eltern einen Einfluss darauf nehmen, wie die Gesellschaft sich entwickelt.

  • Gibt es einen Rat, den ich meinem Kind mit auf den Weg geben möchte?

So etwas wie „Das Leben ist kurz, iss den Nachtisch zuerst“?

Ich habe so einen Klassiker von der Ururoma der Kinder:

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ (Quasi die Jahrhundert-alte Durchbrechungs-Taktik für Prokrastinierende :D)

Und selbst ich würde sagen:

„Egal wie kitschig es klingt: Höre auf Dein Herz. Nur Du weißt, was Dir gut tut.“

„Zwinge dich nur zu den wirklich notwendigen Dingen – bei allen anderen wäge sorgfältig ab.“

„Deine Familie ist dein Zuhause, egal wo du bist. Hier kannst du ganz du selbst sein und wirst immer geliebt, auch wenn du gerade etwas total verbockt hast. Komm nach Hause und erwarte neben einem Heißgetränk Verständnis und eine dicke Umarmung.“

„Die meisten schlimmen Dinge sehen zwei Tage später nur noch halb so schlimm aus. Spätestens zwei Monate später. Oder zwei Jahre. Je nachdem, wie schlimm sie sind. Aber nichts Schlimmes bleibt ewig.“

„Solltest du einmal Kinder haben: Begleite sie nur auf ihrem Weg aber zerre nicht an ihnen, putze wenn nötig, lache viel mit ihnen, entschuldige dich wenn nötig, belüge sie nicht, höre ihnen zu und bringe ihnen um Himmels Willen bei, Dich ausreden zu lassen*.“

*und wenn Du das geschafft hast, dann erkläre wie!