Bravo: Ausstrahlungstipps im Zeitalter von Twilight und 50 Shades of Grey

Ich für meinen Teil habe ja nie die Bravo gekauft. Die Pubertät habe ich so lange hinausgezögert, dass ich direkt mit dem Metal Hammer eingestiegen bin. Trotzdem kam man ja damals nicht ganz an diesem Machwerk vorbei – in Ferienfreizeiten und Jugendgruppen, und ja, auch im eigenen Freundeskreis gab es immer irgendwen, der sie doch bei sich hatte.

Unter dem Vorwand „sich darüber beömmeln zu wollen“ haben dann auch Antis wie ich irgendwann mal reingeschaut. Und, was haben wir gelesen (natürlich aus rein humoristischen Gründen)? Den Teil mit Dr. Sommer und den Beziehungs- und Sextipps. Was soll ich sagen? Natürlich habe ich mich darüber lustig gemacht, aber es hat Spuren hinterlassen. Ich war für meine Pubertät und teilweise darüber hinaus geschädigt von diesem Machwerk.

Welcher Art dieser Schaden war (mittlerweile sind die seelischen Wunden, die ich damals erlitten habe, verheilt oder zumindest vernarbt) fiel mir letztens auf, als ich durch Nummer 1s und 2s „Mädchen“ blätterte. Die Beziehungs- und Sextipps sind noch immer voll von 12-Jährigen, die sich Sorgen machten, weil alle in ihrer Klasse schon Sex hatten. Von 13-Jährigen, die sich nicht sicher sind, wie sie ihren Freund oral befriedigen sollen. Von wirklich deutlich zu jungen Mädchen, die sich darüber Sorgen machen, ob ihr Freund sie verlässt, wenn sie ihn nicht bald mal ranlassen.

Heute bin ich dann von Ms. Essential auf die aktuelle Kritik an der Bravo für ihre „Ausstrahlungstipps“ aufmerksam gemacht worden. Was soll ich sagen – was habt ihr denn erwartet? Ein Massenmedium hat noch nie die gesellschaftliche Avantgarde verkörpert. Und wie die gesellschaftliche Nicht-Avantgarde aussieht, erkennt man leicht an diesem Fundstück meiner kurzen Recherche:

Doppelmoral

Ganz im Ernst – so lange eine Künstlerin noch immer darauf setzen kann, dass sie als Käfig-Kätzchen mehr Aufmerksamkeit für ihre Musik bekommt, so lange sind wir garantiert noch nicht so weit, als dass Bravo oder Mädchen Tipps geben könnte wie:

  • Beeindrucke Deinen Freund am besten durch einen geistreichen Beitrag zum feminstischen Diskurs. Boys stehen auf Mädchen, die intelligent sind und an einer Verbesserung der Rollenklischees in unserer Gesellschaft arbeiten wollen.
  • Du solltest Dich nur in ökologisch erzeugte und fair gehandelte Baumwollstoffe kleiden. Boys stehen darauf, wenn Mädchen ein Bewusstsein für die Umwelt haben. Wenn Du ihn verrückt machen willst, lass ruhig das Ökotex-Label oben aus dem Top raushängen.

Wir sind halt einfach noch nicht so weit

Ich möchte garantiert kein überkommenes Rollenbild entschuldigen. Natürlich sind die Tipps in der Bravo blöde, natürlich transportieren sie ein überkommenes Frauenbild. Natürlich transportieren sie gleichzeitig auch – ebenso wie die Hotpants-Debatte – ein veraltetes Männerbild. Aber die Bravo ist halt kein Medium, dass gesellschaftliche Veränderungen vorantreibt. 90 Prozent aller Beziehungstipps in Frauenzeitschriften sind so ein Hirnmüll, dass sich die Redaktionen aus journalistischem Ethos eigentlich die Frage stellen sollten:

„Wenn unsere Klicks und die Auflage uns sagen, dass unsere Leser so einen Mist lesen wollen, müssten wir dann das Publizieren nicht eigentlich aus ethischen Gründen aufgeben?“

Ich denke, die Antwort ist in vielen Fällen klar.

Die gesellschaftliche Realität ist doch, dass die größten belletristischen Erfolge beim weiblichen Publikum von Beziehungen handeln, die von Hörigkeit, Unterwürfigkeit und Bewunderung gegenüber dem Auserwählten handeln. Tipps wie der „devote Blick von unten“ dürften doch der geneigten 50 Shades of Grey-Leserin nicht fremd sein. Auch wenn sie das Bravo-Alter vermutlich schon länger hinter sich hat. Ebenso der 1a-Tipp schön tollpatschig zu sein ist durchaus etwas, dass sich in dieser Literatur wiederfindet.

Letztendlich bilden Bravo, Mädchen, gehypte Groschenromanzen und viele andere literarische und journalistische Formen doch nur die gesellschaftliche Realität ab, dass viele Frauen noch immer Männer wollen, die ihnen gesellschaftlich überlegen sind.


Exkurs: Ms. Essentials kleine Theorie der Partnerwahl

Ms. Essential hat hierzu ihre eigene Theorie und kommentiert hier gerade:

„Wir wollen halt in Wirklichkeit nur Männer, die wenigstens Geld haben und nicht viel blöder sind als wir. Da Männer durchschnittlich nun mal unbrauchbar, unmotiviert, fauler und müffelnder sind als Frauen, sollten sie wenigstens materiell einen Ausgleich schaffen. Das hat mit gesellschaftlicher Stellung gar nichts zu tun.“

Sie belegt das dadurch, dass viele Frauen nur über ihre Männer klagen, diese nicht ganz ernst nehmen und sie als „ein Kind mehr“ bezeichnen. Eine anständige Karriere sorgt da für das notwendige erotisierende Gegengewicht. Er schafft es beispielsweise nicht, seine Socken in die Wäschetonne zu werfen – dafür verdient er wenigstens genug für die Putzfrau. Das gilt übrigens nicht beim Sex – da zählt vorwiegend das Aussehen.

Ich frage mich, was dieses Rollenbild mir über mich sagen soll. Und ich versuche mich zu erinnern, ob ich ihr vor dem ersten Mal meine akademischen Qualifikationen nachweisen musste. Ach, das ist ja nett, sie bringt mir gerade einen Kaffee und tut noch diesen leckeren Süßstoff aus dem kleinen Fläschchen rein.


Was ich eigentlich sagen wollte: Die meisten Medien spiegeln die gesellschaftliche Realität nur wieder und wollen sie gar nicht verändern. Wir hatten schon auf dem letzten Elternbloggercafé mit Simone von KiKo Kinderkonzepte diskutiert, dass eigentlich ein Jugendmagazin mit Anspruch – quasi das frühjugendliche Äquivalent zu einer Nido oder Brigitte MOM – auf dem Markt fehlt.

Die Bravo kann diese Rolle definitiv nicht erfüllen. Aber sie liegt ja sowieso schon in den letzten Zügen*. Lassen wir sie doch einfach dumm von dieser Welt gehen.

*Das hat übrigens nichts damit zu tun, dass sie größtenteils Mist enthält. Jugendliche lieben Mist, der ihre Eltern ärgert. Aber sie mögen halt kein Papier mehr. Lasst uns also dafür beten, dass die Redaktion keine vernünftige Digitalstrategie findet. 

Väterglück ist wie das Stockholm-Syndrom

Väterglück ist wie das Stockholm-Syndrom

Als meine Frau mir gerade den Link zum Aufruf „Väterglück“ rüberschickte, musste ich müde lächeln.

„Ich fühle mich gerade nicht dazu prädestiniert, über Väterglück zu bloggen,“ meinte ich.

Das hat jetzt nicht mal was damit zu tun, dass ich mich in einer großen Vaterkrise oder gar der Midlife-Crisis befinde (dazu haben Menschen wie ich überhaupt keine Zeit). Es lag mehr daran, wie ich die letzten zwei Stunden verbracht habe. Erst sind Ms. Essential und ich – direkt nachdem ich die letzte Präsentation des Tages fertiggestellt hatte – aus dem Haus gestürmt und einkaufen gefahren. Nummer 1 und 2 hatten den Auftrag, die Bude wieder halbwegs in Schuss zu bringen, während wir die zwei Zentner Lebensmittel ranschaffen, die die Meute hier so in der Woche vertilgt. Als wir zurück kamen, war Nummer 3 über und über mit Matsch und Grasflecken verschmiert, es war natürlich nichts aufgeräumt, aber dafür hatte eine Freundin noch den Fahrradgriff eines unserer Fahrräder abgerissen und vor Wut weggeworfen. Außerdem hatte sie eine ausgeliehene Hose bis zur Unkenntlichkeit verdreckt.

Als ich die Einkäufe einräumte, fiel mir aus zwei Metern Höhe eine Lampe auf den Fuß, während Nummer 4 weinte, weil er lieber Schokolade als Möhrengemüse essen wollte. Unterdessen stellte sich eine Etage höher heraus, dass der Matsch auf Nummer 3s heller Bluse in Wirklichkeit Kirschsaft war.

„Väterglück“, dachte der Zyniker in mir, „ist doch oft nur eine Art Stockholm-Syndrom.“

Ich meine, man ist dauernd müde, hat nie Zeit für sich, gibt sein ganzes Geld nur für irgendeinen Kram aus, den man eigentlich gar nicht haben will. Und von dem, was sich „Familienurlaub“ nennt, fange ich mal gar nicht erst an.

Mittlerweile war es Zeit, Nummer 4 ins Bett zu bringen. Mein Fuß tat weh und Nummer 3 stellte sich absichtlich ungeschickt an beim Müll rausbringen (da haben sie Talent, ne?), also drohte ich hier noch kurz hinterher und schnappte mir dann den kleinen Rabauken, um ihn in den Schlafsack zu stecken. Er warf seinen Kopf nach hinten und ich biss ihn in den Nacken.

„Nangnangnangnang,“ machte ich. Er quietschte. „Nan-nan-nan,“ antwortete er.

Ich drückte meine Nase in seine verschwitzten Haare und hielt ihn dann fest.

„Ist jetzt langsam Zeit ins Bett zu gehen, mein Kleiner“, sagte ich.

Er legte sich in meinen Arm und wurde ruhig. Dann kam Nummer 2 und nahm ihn mir ab.

„Ich bringe ihn ins Bett!“ meinte sie begeistert.

Mein schmerzender Fuß dankte es ihr. Ich humpelte zum Sofa und fand eine Nachricht von meiner Frau. Ich sollte über „Väterglück“ schreiben, las ich. Vielleicht versuche ich es ja doch einmal.

Zu viel Geld, zu wenig Geld? Ein Seitensprung hilft – wenn Du ein Mann bist

Zu viel Geld, zu wenig Geld? Ein Seitensprung hilft – wenn Du ein Mann bist

Eine neue Studie stellt erstmals einen Zusammenhang zwischen der Verteilung des Haushaltseinkommens und der Wahrscheinlichkeit, seinen Partner zu betrügen her. Das interessante Detail: Wenn ein Mann zu viel oder zu wenig zum gemeinsamen Einkommen beiträgt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er fremdgeht.

Männer, die „komplett wirtschaftlich abhängig“ sind von ihrer Partnerin (ich mag diesen Ausdruck nicht, da meiner Meinung nach eine wie auch immer geartete Arbeitsteilung nicht als wirtschaftliche Abhängigkeit definiert werden sollte – aber gut) betrügen ihre Partnerinnen drei mal so oft wie Frauen in der gleichen Situation. Meine Küchenpsychologie sagt mir, dass man es als Mann halt heute immer noch nicht so gut verknüsen kann, wenn die Frau wesentlich mehr verdient beziehungsweise eine gesellschaftlich deutlich angesehenere Stellung genießt. Das kränkt das männliche Ego – das weibliche Ego gibt es ja nicht, daher stecken Frauen solche negativ konnotierten Situationen leichter ein, ohne sich bei einem Seitensprung ein bißchen Wertschätzung zu holen. Die harten Fakten:

„Of men who were completely financially dependent on their wives, 15% had an affair, compared to 5% of women.“

Es geht aber noch weiter: Männer betrügen auch dann eher ihre Partnerin, wenn sie in der umgedrehten Lebenssituation sind und also sehr viel zum Haushaltseinkommen beitragen, während die Partnerin kein Geld verdient. Tja, sollte man da nicht meinen dass meine Kollegen durch das viele Geld schon ihr Ego pinseln können? Bei Frauen nimmt die Wahrscheinlichkeit des Fremdgehens nämlich ab, je größer ihr Anteil am Familieneinkommen ist.

Meine Erklärung dafür ist folgende: Während ein Mann in der klassischen Ernährerrolle auch die altmodischen „Mad Men“-Konnotationen nacherlebt, stößt eine Hauptverdienerin in neues Terrain vor. Da gibt es keine Historie von gemeinsamen Puffbesuchen, die zum Leben als „Businessfrau“ mit dazu gehört. Für (weibliche) Prostituierte sind Messen auch heute noch Hochkonjunktur, weil gerade von unerfahrenen und wenig selbstsicheren Männern in solchen Situationen schon mal verlangt wird, jetzt aber die Sau rauszulassen. Das kann sich in erhöhtem Alkoholkonsum niederschlagen, aber scheinbar auch in eine andere Richtung. Eine Frau in der gleichen Situation wird viel seltener in eine Situation kommen, in der ihre Kolleginnen sie noch zu irgendwelchen nächtlichen Aktivitäten mitschleppen, die möglicherweise die Grundlage für solche Exzesse sind. Ich kenne eine Menge Geschäftsfrauen – zumindest in meinem Umfeld ist das eher selten. 

 (Natürlich gehen meine männlichen Kollegen auch nicht in den Puff – aber sie feiern schon oft etwas härter, und in meinen eigenen langen Nächten auf Businessreisen waren häufig am Ende eher die Männer in der Überzahl)

Die weibliche Rolle der Businessfrau hat solche lasterhaften Aspekte nicht – sie ist diszipliniert, schlank, attraktiv, aber auf eine fast asketische Art. Eine heilige Jungfrau des Kapitalismus, ganz anders als der Businessmann, der ja schon so viel für seine Familie tut und auch mal ein wenig Freiraum braucht. 

Aber ich schweife ab. Vielleicht gibt es ja auch eine ganz andere Erklärung für diese Diskrepanz … 😉

Liebes Internet, ich bin schockiert.

Ich verfolge das aktuell heiß diskutierte Thema Homo-Ehe ja quasi nur passiv. Ich habe in diesem Thema keine Aktien und keine Eigeninteressen. Es tangiert meinen Alltag als Familienvater in einer Kleinstadt praktisch gar nicht. Manche von Euch erinnern sich vielleicht sogar, dass ich mich schon mal negativ über den Versuch der LGBT-Community ausgelassen habe, sich selbst als die besseren Eltern darzustellen. Aber wie unser aller Liebling Tyrion Lannister habe ich ein Herz für Bastarde, Krüppel und Zerbrochenes, und so bin ich wirklich von der aktuellen Entwicklung in der Diskussion zu diesem Thema schockiert.

Es ist einige Zeit her, da hat die CSU nach dem letzten Vorstoß zur Homo-Ehe plötzlich Familiensplitting in die Diskussion eingebracht.

„Ist doch lustig“, meinte ich damals zu Mrs. Essential. „Jetzt kommt die CSU noch glatt auf den Trichter, das blöde Ehegattensplitting endlich für ein Familiensplitting abzuschaffen – aber nur, damit die Homos nix davon haben.“

Ich bin bis heute über diese Ironie amüsiert, dass konservative Politiker die Angst vor der Schwulenehe brauchen, um so ein Projekt ins Gespräch zu bringen. Das war damals ganz lustig, und ich dachte mir dass es doch schön ist wenn zwei gesellschaftliche Kräfte durch ihre Reibung ein vernünftiges Ergebnis zustandebringen.

Leider brachten sie nichts zustande – das Familiensplitting ging sang- und klanglos unter, weil ein Rechenexempel nicht gefiel, und alles blieb beim alten. Na ja, mir kann es ja latent egal sein, ich bin verheiratet, also habe ich da nur begrenzten missionarischen Eifer. Dann eben nicht.

Plötzlich ist die „Homo-Ehe“ wieder auf dem Plan. Doch statt diesen Veränderungsimpuls zu nutzen, um vernünftige Weiterentwicklungen für das Familienmodell zu entwickeln, lese ich in viel zu vielen Medien „Mama, Papa, Kind“-Plattitüden, die besser in den Kindergarten passen würden. Heute morgen zum Beispiel, dass die FAZ ein mindestens fragwürdiges Argument als formal-juristischen Knockout bezeichnet, später sehe ich Kommentare bei einem anderen Artikel zum Thema:

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Ich meine, das ist doch wirklich schockierend, oder? Schlimm genug, dass sich ein Leitmedium hier intellektuell verschwurbelt auf eine Beweislastumkehr für das Recht auf gesellschaftliche Veränderungen beruft – offensichtlich ruft dieses doch eigentlich für die Lebenswelt der meisten Menschen völlig irrelevante Thema beim deutschen Michel und der deutschen Micheline die mehr als latente Homophobie wach.

„Wenn die Schwulen jetzt heiraten dürfen, muss ich auch meinen Hund/ meinen Sittich/ meine Wandlampe heiraten dürfen, außerdem bricht dann praktisch Sodom und Gomorrha los und Deutschland ist zum Untergang verurteilt!“

Noch blöder geht´s wirklich nicht, oder? ich habe Neuigkeiten für Euch: Deutschland ist sowieso zum Untergang verurteilt und Eure „Argumente“ sind keine, sondern nur Befindlichkeiten.

Ich will überhaupt nicht den großen Fürsprecher machen für ein Thema, das mich nur am Rande interessiert. Aber diese Kombination aus Selbstgerechtigkeit und Borniertheit, vorgetragen über eine sich für nichts entblödende Argumentation ruft wirklich mein Herz für Bastarde, Krüppel und Zerbrochenes wach.

Wir dürfen Familienpolitik nicht einfach als teuer und nutzlos abhaken

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Kein Foto aus Deutschland (Quelle: Greene County, Pennsylvania Photo Archives Project)

Ja, das gibt einem schon zu denken, dass wir jetzt die niedrigste Geburtenrate der Welt haben, oder?

Die Situation ist mittlerweile so ernst, dass unsere Frau Bundeskanzlerin uns hochoffiziell zum Einwanderungsland erklärt – ein begrüßenswerter Schritt, der dennoch einen Anklang einer heimlichen Kapitulation in der Familienpoltik hat. Es ist ja schon einiges dazu geschrieben worden über diese neue Bestleistung einer verfehlten Familienpolitik, die unglaublich viel Geld kostet und scheinbar doch nicht hilft. Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass die Lösung eigentlich ganz einfach ist, aber niemals umgesetzt werden wird.

Der vielbeachtete, unterhaltsame und schlaue Beitrag von Juramama illustriert die Problematik sehr anschaulich. Ich konzentriere mich heute mal vorwiegend auf den Aspekt der Rente, der neben Themen wie Vereinbarkeit und alternativen Familienmodellen auf politischer und individueller Ebene einige dramatische Implikationen hat. Die Situation ist doch einfach:

Es ist unmöglich, den Generationenvertrag einzuhalten, wenn unsere Generation in einen so spektakulären Geburtenstreik tritt.

Diejenigen von uns, die sich an diesem Streik beteiligen, nutzen einen Bug im System aus – nämlich, dass es wenig für die eigene Rente bringt, Kinder zu bekommen, aber viel, möglichst viel eigenes Erwerbseinkommen anzusammeln. Wer die höchsten Rentenansprüche erwirbt, trägt gleichzeitig am wenigsten zur eigenen Rente bei: Paare mit Kindern senken häufig ihr Einkommen, um der Familienarbeit überhaupt gerecht werden zu können – und selbst wenn sich beide für eine Vollzeit-Erwerbstätigkeit (zur Rentenmaximierung?) entscheiden, lässt der Staat sie ganz schön dafür löhnen, dass er ihre Kinder betreut (die später mal ihre eigene Rente und die diverser andere Leute bezahlen sollen). Das und die Tatsache, dass Kinder nun mal auch ein wenig Geld kosten, erschwert es natürlich ungemein, privates Kapital für die Altersvorsorge auf die Seite zu schaffen, was die elterliche Vorsorgelücke im Vergleich noch einmal deutlich erhöht.

Dementsprechend kann es mit neutralen Augen gar keine andere Lösung für diese Problematik geben als Kinder ganz erheblich bei der Rentenberechnung zu berücksichtigen und gleichzeitig Erwerbstätigkeit abzuwerten, weil diese ja nur in die aktuelle Rentenkasse einzahlt, aber nicht in die zukünftige.

Das Problem dabei: Diese Änderung wird es aller Wahrscheinlichkeit nach niemals geben. Wer erinnert sich noch an die Einführung des erhöhten Pflegeversicherungsbeitrags für Kinderlose? Was wurde da „Ungerecht!“ geschrien und gezetert. „Wir zahlen ja schon mit unseren Steuern die Schulen für Eure Kinder!“ „Ihr kriegt doch eh schon so viel Kindergeld und wir gar nix!“ „Ich finde es ja ok, wenn Leute Kinder bekommen, aber ich will das nicht und auch nicht für anderer Leute Kinder zahlen!“

(Bitte seht mir diese generische Argumentation nach, selbstverständlich gibt es viele Kinderlose, die die Änderung voll akzeptiert und unterstützt haben – aber es gab eben auch viele Gegenstimmen.)

Dabei ist die Antwort auf diesen Aufschrei eigentlich sehr einfach: Niemand bezahlt für die Kinder anderer Leute. Wir zahlen für unseren Staat, damit er seine Aufgaben erfüllen kann, zu denen eben auch Kinderbetreuungseinrichtungen zählen. Dieser Staat aber braucht nun mal unsere Kinder, um das aktuelle Rentensystem aufrecht zu erhalten (dass ihr ja nicht ändern wollt, weil es Euch Vorteile verschafft). 😉

Dennoch: In einer Demokratie ist eine Änderung, die einen immer größeren Teil der Bevölkerung zukünftig negativ betreffen würde, schlicht und einfach nicht durchsetzbar. Die meisten Menschen sind politische Opportunisten, die meisten politischen Argumente eher Fassade für Klientelforderungen als echte Begründungen auf der Suche nach Wahrheit. Man kann das nicht einmal verurteilen – wer soll schon einen Politiker wählen, der die eigenen Interessen nicht vertritt?

Wer auch immer sich diese logisch eigentlich vollkommen notwendige Änderung auf die Fahne schreiben würde, würde nicht den notwendigen politischen Einfluss gewinnen können um sie durchzusetzen. Und wer sie sich nicht auf die Fahne schreibt und sie dann doch umsetzt, politischen Selbstmord begehen. Politiker denken in Wahlzyklen – es ist immer einfacher, grundlegende Probleme auf die nächste Generation zu vertagen und jetzt ein bißchen an der Fassade zu basteln als wirklich etwas zu verändern.

Das Dumme ist nur: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir selbst noch die sein werden, die unter dieser demokratischen Paralyse zukünftig leiden. Ich denke dass wir uns gar nicht über die Rente mit 67 zu ärgern brauchen – bis wir Mittdreißiger in Rente sind, werden wir da vermutlich eine sieben vorne stehen haben. Und das, was es dann an Rente geben wird, wird für uns Eltern erheblich weniger sein, weil wir jahrzehntelang die immensen Opportunitätskosten der Elternschaft gezahlt haben, von denen langfristig mehr andere als wir selbst profitieren.

Natürlich ist die Entscheidung für oder gegen Kinder keine wirtschaftliche. Niemand bekommt Kinder, weil er sich wirtschaftliche Vorteile verspricht, und niemand tut das für den Staat, in dem er lebt (höchstens im Faschismus). Es gibt immer noch ein paar Menschen in Deutschland (ich schreibe absichtlich nicht: genug), die die zahlreichen wirtschaftlichen Nachteile der Elternschaft aus Liebe in Kauf nehmen. Mir ist auch klar, dass es viele Länder mit höherer Geburtenrate gibt, die weniger für ihre Familien tun als Deutschland. Aber so lange die Menschen dort trotzdem genug Kinder bekommen, ist das ja aus politischer Perspektive in Ordnung so. Man darf ja nicht vergessen dass der Staat Familienpolitik vorwiegend betreibt um seine Mitglieder anzuregen, neue Mitglieder auf die Welt zu bringen und nicht, um einem abstrakten Gerechtigkeitsideal nachzustreben.

In Deutschland haben wir halt die spezielle Situation einer fortgeschrittenen, ego- und hedonismusbezogenen postindustriellen Gesellschaft mit faschistischer Historie, in der man keine Kinder mag und den Staat eigentlich auch nicht, dafür aber einem überhöhten Mutterschaftsideal anhängt.

Da langt der intrinisische menschliche Fortpflanzungstrieb offensichtlich nicht aus, um über die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen hinwegzusehen und trotzdem genug Kinder in die Welt zu setzen.

Ich hoffe, dass dieser dringend notwendige Weg entgegen meiner Politikskepsis wenigstens teilweise beschritten wird. Natürlich können und sollten wir auch Einwanderung nutzen, um unsere Gesellschaft weiterzuentwickeln. Aber eine erfolgreiche Integrationspolitik, die dafür notwendig ist, wird bei Aufrechterhaltung des familienpolitischen Status Quo vielleicht dazu führen, dass unsere Einwanderer in der nächsten Generation auch keine Kinder mehr wollen.

Die Veränderung muss ja nicht radikal sein. Aber es ist so logisch und der Situation angemessen, die Kinderzahl in den Rentenanspruch einzurechnen, dass es eigentlich schon alternativlos ist.

Mama, Mama, Kind – Warum die konservativen Argumente gegen die „Homo-Ehe“ komplett ins Leere gehen

Stehen auf Rothaarige: Nummer 3s Animator-Puppen

Stehen auf Rothaarige: Nummer 3s Animator-Puppen

Ich bin mittlerweile weiß Gott ein konservativer Mensch. Das hat mit meiner Rolle als Familienvater zu tun, aber auch mit meiner Partizipation am Wirtschaftssystem und dem gewöhnlichen Reifungsprozess der menschlichen Einsichten über die unterschiedlichen Lebensalter hinweg. Ich bin so konservativ, dass ich noch immer mit der gleichen Frau verheiratet bin. Sie ist katholisch und wir haben vier Kinder (für alle, die es noch nicht wissen). Die auch katholisch getauft sind. Ich verbringe meine Samstage im Garten und mähe den Rasen und ärgere mich, wenn der Nachbar mal wieder blöd an meinem Grundstück parkt. Wenn ich politische Kinderlieder aus den Siebzigern höre denke ich „Oh wie niedlich, dieser Kommunisten-Hippie-Scheiss!“ Ich drohe meinen Töchtern, ihre ersten (männlichen) Freunde in unserem Wasserbassin im Garten zu entsorgen. Ich wasche mein Auto und poliere dabei die Felgen.

Was meine konservativen „Brüder im Geiste“ jetzt aber wieder zur Homo-Ehe vermelden fällt mir wirklich schwer zu unterstützen. „Fortschritt braucht Vater, Mutter, Kinder„, heißt es beispielsweise aktuell in der FAZ. Ich meine, wem wird noch einmal etwas weggenommen, wenn gleichgeschlechtliche Paare die gleichen Rechte haben wie „normale“ Paare? Was kann ich mir nochmal davon kaufen, wenn die „Homos“ sich nur „eingetragene Lebenspartner“ nennen dürfen? Inwiefern schützt das meine Ehe?

„Hm, wir haben schwere Eheprobleme und würden uns eigentlich scheiden lassen, aber weil wir ja Eheleute sind und nicht nur eingetragene Lebenspartner überdenken wir das nochmal?“

„Oh, ich habe ein Aggressionsproblem und würde jetzt eigentlich zünftig meine Frau und die Blagen verwämsen, aber weil ich ja ein Ehemann bin und nicht nur so ein komischer schwuler Lebenspartner lasse ich das lieber mal sein?“

Wenn man immer über die Sonderrolle der Hetero-Ehe schwadroniert und den besonderen Schutz der Familie kann es doch am Ende nur um eins gehen: die steuerliche Bevorzugung von Ehepaaren. Und die ist doch in der aktuellen Gesellschaft totaler Blödsinn! Der Staat ist es noch gewohnt – aus Zeiten, in denen Ehen quasi immer Kinder hervorbrachten – dass die Ehe ihm als Gegenleistung für ein paar Vorteile neue Mitglieder liefert. Das können Homo-Ehepaare alleine so nicht – klar. Aber genug Hetero-Paare tun es doch auch nicht mehr! Also kann es nur eine logische und gerechte Lösung geben: Ehegattensplitting abschaffen und Familiensplitting einführen. Dann genießen gleichgeschlechtliche Paare, die sich die Mühe machen, Kinder großzuziehen, zu Recht (!) die gleichen Vorteile wie Hetero-Paare, die das tun. Wir belohnen Ehepartner doch nicht für die theoretische Fähigkeit, Kinder zu bekommen – wenn wir eine finanzielle Sonderstellung begründen dann doch wohl nur als Ausgleich für die Mühe und die Einbußen, die Kinder nun mal so mit sich bringen.

Klar brauchen wir Frauen, die bereit sind, diese Kinder auch zu bekommen. Aber ganz im Ernst – welche heterosexuelle Frau wird denn ihren eigenen Kinderwunsch davon abhängig machen, dass sie eine Sonderstellung gegenüber homosexuellen Eltern hat? Es verfängt leider überhaupt nicht zu unterstellen, dass heterosexuelle Ehepartner hier einen besonderen Schutz benötigen. Natürlich gibt es sehr viele Bereiche, in denen eine familienfreundliche Familienpolitik, ein Schutzraum für die Familie, dringend notwendig wäre – Betreuungsplätze, echte Wahlfreiheit, vernünftige Anerkennung der Familienarbeit, you name it. Aber all diese Punkte werden doch nicht besser, wenn ich aus einer verbrämten Ideologie heraus ein paar schwulen und lesbischen Paaren mit einem saftigen „Du kommst hier ned rein!“ die Tür vor der Nase zuschlage.

P.S. Der Stern hat hier nochmal die Unterschiede zusammengestellt. Das Ehegattensplitting ist nicht mal mehr ein Unterschied, man kann also höchstens eine ungerechtfertigte steuerliche Bevorzugung kinderloser Ehepaare/ Lebenspartner gegenüber Familien monieren. Aber das hat ja mit der sexuellen Ausrichtung zu tun – und ließe sich per Familiensplitting ebenfalls lösen.

Der Wocheneinkauf

Der Wocheneinkauf

Gestern schon mal als Foto getwittert, heute hinterher: Wie wir unseren Wocheneinkauf machen. Grundsätzlich ja ein ziemlich langweiliges Thema und – ja, wir geben es zu, auch uns begeistert das allwöchentliche Einkaufen nicht besonders. Aber wir haben zumindest ein paar Tricks, die uns einigen Stress ersparen.

1. Die patentierte Essensrotation

Ich habe (gegen den deutlichen Protest von Mrs. Essential, die sich jetzt schon vor der Rente fürchtet) einen Essensplan angelegt. Dieser Essenplans besteht aus einem Google Spreadsheet, in dem folgende Informationen vermerkt sind: Name des Gerichts, Zutaten, Speicherort des Kochrezepts (Chefkoch, ein eigenes Dokument oder gutes altes Papier), ob man die Zutaten im Discounter unserer Wahl bekommt oder was man woanders einkaufen muss, und ob es Fisch/ Fleisch enthält oder vegetarisch ist. Diese Rezeptliste enthält momentan so ca. 30 Rezepte, wobei auch totale Basics dabei sind für die es gar kein Rezept gibt. Vorteil dieser Liste: Man hat alle notwendigen Zutaten auf einen Blick und kann ohne viel Arbeit einfach ein paar Gerichte für die nächste Woche aussuchen, für die man dann einkauft.

2. Kenne Dein Geschäft

Ich persönlich hasse es, in Geschäften einkaufen zu müssen, die ich nicht kenne. Ich will einfach nicht suchen müssen. Ich will auch keine zu große Auswahl – wenn ein Supermarkt mir 100 Joghurtsorten offeriert, ärgert mich das. Für so was habe ich keine Zeit. Also schreibe ich den Einkaufszettel in der Reihenfolge auf, wie die Produkte auch im Geschäft arrangiert sind. Wenn sich Mrs. Essential um den Einkaufszettel kümmert, laufe ich wie ein betrunkener Maulwurf durch den Laden, weil sie solche „Einkaufen für Dummies“-Methoden offensichtlich nicht nötig hat.

3. Kaufe gegen den Strom

Wir machen unseren Wocheneinkauf normalerweise Donnerstag abends 20 Minuten bevor das Geschäft schließt. Niemand will um diese Zeit noch einkaufen – also kriegt man die besten Parkplätze und ist fast allein im Laden. Eine Zeitlang haben wir Samstags eingekauft und für das selbe Ergebnis meist 60 Minuten im Laden gebraucht. Wenn Donnerstag abends die Uhr tickt, brauchen wir nur ein Drittel der Zeit. Obwohl unser Wagen jede Woche bis zum Anschlag voll ist. Ich denke, die Kassiererinnen hassen uns ein wenig – aber wir sind immer vor acht wieder raus.

Kleiner Nachteil: Manche Sachen sind um diese Zeit schon mal weggekauft. Aber 40 Minuten Zeitersparnis machen das wieder wett.

Zuhause angekommen stürzt Nummer 4 sich dann auf die Einkäufe und sucht etwas, was er sich sofort einverleiben kann. Deshalb sitzt er auf dem Foto auch so mitten zwischen den Tüten.

Kinderlose als Kollegen? Mehr Fluch als Segen …

Kinderlose als Kollegen? Mehr Fluch als Segen …

Oben im Bild: Auch Eltern können Foodies. Heute: Brechdurchfalldiät der Tochter.

Disclaimer: Das hier ist – im Gegensatz zum verlinkten Originalartikel – natürlich Satire.

Ich arbeite in einer Branche mit vielen kinderlosen Kollegen. Wenn ich mich darüber mit anderen Vätern unterhalte, denken die meist: „Das ist doch super, da kannst Du immer vorschützen, dass die Kinder krank sind und früh nach Hause gehen!“ Weil – so das Klischee – Kinderlose ja sowieso immer bis Ultimo im Büro rumhängen. Ja, das kann man natürlich maaal machen. Aber wenn man es übertreibt, fangen die irgendwann an böse Briefe in der Brigitte zu schreiben.

Was viele dabei außer Acht lassen: Mit Kinderlosen zusammenzuarbeiten hat auch viele Nachteile. Montagmorgens zum Beispiel schleppt man sich nach einem arbeitsreichen Wochenende übermüdet und entkräftet ins Büro. Die Kinderlosen fragen einen: „Und? Wie war Dein Wochenende?“ und man antwortet: „Och ja, ganz okay …“. Dann erzählen sie davon, wie sie eine Städtetour nach Nizza gemacht, ein neues 8-Sterne-Restaurant ausprobiert oder einfach nur „mal gar nichts gemacht haben“. Dann erinnert man sich durch den Schleier der Müdigkeit, wie man selber das Wochenende verbracht hat: Man ist abends viel zu fertig und früh ins Bett gegangen, nur um morgens trotzdem noch viel zu früh geweckt zu werden. Danach füttert man die Kinder, reinigt den Essbereich mit einem Hochdruckreiniger, der Hochdruckreiniger fällt aus, man googelt nach „Hochdruckreiniger Test“, fährt in den Baumarkt und kauft sich (für das Geld, das man eigentlich in den nächsten „Urlaub“ investieren wollte) einen neuen Hochdruckreiniger. Währenddessen haben die Kinder schon wieder das Haus verwüstet, so dass man den Rest des Tages mit Besen und Müllsack verbringt, bis man schließlich in den Supermarkt startet, um neues Futter für die Meute heranzuschaffen. Abends fällt man völlig erschöpft ins Bett (nicht ohne dass die Kinder sich vorher noch lautstark getritten haben) und nimmt sich vor, am Sonntag mal nichts zu machen. Bis man sieht, dass mittlerweile das Unkraut im Garten die Vorherrschaft an sich gerissen hat und man den kompletten „freien“ Tag mit Machete und Heckenschere im Dschungel verbringt. Zwischendurch – nachdem man wieder zwei Meter freies Blickfeld hat – erkennt man dass das Gartentor schief hängt und die Dachrinne repariert werden müsste. Abends bespricht man mit seiner Frau die Pläne für die nächste Woche (Warum eigentlich? Der Plan ist doch eh immer „von morgens um 7 bis um abends um 9 durchzuackern für Haus, Hof und Kinder) und fällt erneut übermüdet ins Bett.

Aus diesen vielleicht deprimierenden, aber wenigstens bodenständigen Gedanken wird man dann durch Instagram-Fotos aus Nizza herausgerissen. „Und die machen ein Panna Cotta da in diesem kleinen Restaurant – einfach himmlisch …“ Man verkneift sich die Antwort, das man als Dessert immer das isst, was die Kinder auf den Boden werfen – und lächelt so gut man kann. Schließlich will man ja nicht der langweilige Spießer sein, der keinen Spaß mehr hat …

Auch in der Mittagspause kann es wirklich enervierend sein, mit Kinderlosen zusammenzuarbeiten. Während man als Vater die Investition von 150 Euro im Monat für „an jedem Arbeitstag Essen gehen“ nicht verantworten kann, kennen Kinderlose solche Probleme natürlich nicht und probieren auch in der Mittagspause alle neuen Bistros, Food-Trucks und Lieferservices in Büronähe aus, während man selber Getuppertes futtert. Am Schreibtisch, damit man abends schneller nach Hause kommt.

Apropos Abend – auch das ist natürlich ein Problem. Wie oft wird man gefragt „Kommst Du heute noch mit?“ und die Antwort lautet – natürlich – nein, weil man zuhause gebraucht wird. Wenn Kinderlose abends unterwegs sind, lassen sie die Sau raus – für Eltern sind das Überstunden. Sich betrinken kann man eh nicht, weil man aus der Stadt raus ins „Grüne“ pendelt (Unkraut!!!), was natürlich nur mit dem Auto geht. Während die Kollegen also tolle Fotos von irgendwelchen Events posten, wischt man zuhause den kranken Kindern hinterher und fragt sich, ob man irgendwann auch mal Spaß hatte.

Auch in den sozialen Medien machen sie einen fertig. Dauernd Fotos von irgendwelchen „geilen Konzerten“, während man sich mühevoll alle vier Wochen mal ein harmonisches Familienfoto zusammenkratzt, damit einem das eigene Leben nicht völlig außer Kontrolle vorkommt. Dauernd neue Freunde, während man seine bestehenden nicht mal treffen kann, weil die Kinder permanent krank sind. Dauernd neue Designermöbel und -klamotten, während man selber nur auf Ikea (preiswert und kratzfest) und H&M setzt (mit praktischer Teilzahlungsfunktion, wenn mal wieder alle Kinder gleichzeitig neue Sommerklamotten brauchen).

Es ist wirklich deprimierend. Ich will das alles gar nicht wissen. Manchmal frage ich mich, warum es eigentlich keine Spezialarbeitsplätze für Kinderlose gibt, wo sie sich gegenseitig mit ihren Freizeitvergnügungen und Konsumfreuden beharken können, anstatt hart arbeitenden Vätern wie mir damit die Laune zu versauen.

Screentime: Marvel´s Daredevil

Screentime: Marvel´s Daredevil

Also, mit dieser Rezension tue ich mich echt ein wenig schwer. So ungefähr das gesamte Internet ™ findet das neue Netflix Original total großartig. Weil es ja so düster, rau und realistisch ist.

Hört man schon raus, dass ich da nicht ganz zustimme? Vermutlich. Also düster, rau und „realistisch“ (eine schwierige Kategorie für eine Superheldenserie) trifft vermutlich sogar zu. Wir haben hier einen Anwalt, der bei Nacht das Böse bekämpft, blind ist und dabei aber durch eine Art Sonar seine Umgebung besser wahrnimmt als die meisten anderen mit ihren Augen. Das ist jetzt nicht unbedingt meine exakte Vorstellung von Realismus, aber ich sehe ein dass das schon eine Stufe näher dran ist als ein blitzeschießender Halbgott oder ein unsterblicher Mutant mit Adamantiumüberzug über den Knochen.

Marvel´s Daredevil spielt zwar im Marvel Cinematic Universe, hat aber mit den weltbewegenden Kaboom-Geschichten der Avengers erstmal nicht viel zu tun. Der Protagonist Matt Murdoch ist eher eine Art blinder Sherlock Holmes (Mr. Holmes war ja ebenso wie er kampferprobt und beherrschte Bartitsu), der es physisch ein wenig mehr darauf anlegt als der englische Gentleman, und der Kosmos, in dem wir uns bewegen, ist relativ down-to-earth.

Ich habe viel Gutes von der Serie gelesen, und nachdem wir die zweite Staffel von The Killing durchhatten, habe ich einfach mal Daredevil angemacht. Die Kurzfassung? Die Charaktere gefallen mir teilweise sogar gut, die grundsätzliche Story auch, aaaaber … die endlosen Prügeleien waren schon in den ersten beiden Folgen einfach nur öde. Sicher, sie waren gut gemacht und vermutlich sportliche Höchstleistungen und so weiter. Ich hatte meine Ladung Martial Arts Porn aber schon im Jahr 1999 bei Matrix. Hier hat es mich einfach irgendwie … gelangweilt.

Das Gesamtpaket stimmte zu Anfang aber noch. Ich habe zwar immer so ein bißchen mental gegähnt, wenn mal wieder losgekloppt wurde, aber es gab ja auch Szenen zwischen den Schlägereien, die gut gefallen haben. Mir gefiel auch Vincent D´Onofrio als Kingpin sehr gut – grandiose Darstellung, wirklich mehr als der typische Bösewicht-Obermufti. So ungefähr in der Mitte der Staffel hat mich die Accompagnie Netflix/ Marvel dann doch verloren. Es wurde einfach zu gewalttätig, weit über ein dramaturgisch notwendiges Maß hinaus. Ganz ehrlich – wir haben ja verstanden, dass ihr Euch an ein erwachsenes Publikum richtet (auch wenn vermutlich Teenies viel mehr auf solche Gewaltorgien abfahren). Wir haben auch verstanden, dass die Menschen in Hell´s Kitchen sich Verletzungen nicht wie Hulk, Wolverine und Co. einfach nur abschütteln und dann weiterkloppen. Trotzdem. Es ist einfach zu viel, sich gefühlt minutenlang anzuschauen, wie Kingpin den Kopf seines Schergen mit einer Autotür zermatscht, bis dieser … ich spare mir die Details.

Ich verstehe, dass Ekel, Angst und Gewalt drei sehr sichere Mittel sind, um im Publikum eine Reaktion auszulösen. Das ist irgendwie, irgendwo auch okay. Aber eben nicht, wenn man es übertreibt. Ich muss bei solchem Geschmodder immer an Teenie-Gamer denken, die sich beklagen dass in der bösen, bösen geschnittenen Version ihres Lieblingsshooters nicht genug Blut spritzt. Ich hatte in meiner Jugend auch meine martialischen Phasen und habe mich darüber gefreut, was für brutalen Blödsinn man beispielsweise bei Werwolf – The Apocalypse anstellen konnte. Aber mittlerweile steht so was halt auf meiner Murtaugh-Liste.

Mein Fazit? Wir werden Marvel´s Daredevil nach Folge 5 vermutlich nicht mehr weiterschauen. Was sehr schade ist, weil das schon die zweite Marvel-Serie* ist, die für mich vor die Hunde geht – wenn auch aus vollkommen unterschiedlichen Gründen. Obwohl ich Fan der Filme bin und mir selbst die schwächeren davon gerne anschaue. Marvel, ihr solltet dringend mal am Thema Serie arbeiten. Oder ich bin halt einfach zu alt für diesen Scheiss …

*Die erste ist logischerweise Agents of S.H.I.E.L.D. – auch bekannt als Barbie und Ken bekämpfen des Böse 😀