Das schlimmste Kinderbuch der Welt

Das schlimmste Kinderbuch der Welt

Die Schulklasse von Nummer Vier beteiligt sich wie viele andere am Antolin-Programm des Westermann-Verlags. An sich eine schöne Sache, und auch wenn wir uns durch die pure Anzahl der schulpflichtigen Kinder bei gleichzeitiger beruflicher Tätigkeit nicht unbedingt mit einem Freudenschrei auf die „Angebote zur elterlichen Beteiligung“ der Schulen stürzen, wollen wir natürlich auch niemanden zu kurz kommen lassen.

Ms. Essential schaute sich das Programm an und wollte ein paar Bücher aussuchen, um deren Besorgung ich mich dann kümmern würde. Ungefähr eine Stunde später bekam ich folgende Nachricht:

An dieser Stelle möge uns der geneigte Leser bitte zu Gute halten, dass wir uns schon seit vielen, vielen Jahren und Schuljahren mit so etwas herumschlagen.

Ich machte mich also mit einem schlechten Gewissen für die Nicht-Unterstützung des lokalen Buchhandels bei einem großen Onlinehändler auf die Suche nach den beiden auserwählten Literaturstücken. Leider ließ mich dieser im Stich und es benötigte einiges an Recherche auf dem zweiten Buchmarkt, um wenigstens „Das Märchen von der Welt“ aufzutreiben. Aber ich war erfolgreich und bestellte es kurzerhand und ohne mich um Rezensionen zu kümmern nach Hause.

Wenige Tage später kam es mit der Post und wir erhielten ein Exemplar in perfektem Zustand und mit schönem Artwork. Ich vereinbarte mit Nummer Vier, es später zusammen mit ihm zu lesen. Ms. Essential blätterte derweil schon durch das Buch und in Erwartung einer netten, märchenhaften und phantasievollen Geschichte stimmte ich mich schon frohgemut auf das Lesevergnügen ein.

Dann hörte ich ein leises Schluchzen aus der Küche. Ich ging schnell um nachzusehen, was da los war, und sah meine geliebte Ehefrau kreidebleich über dem Antolin-Buch sitzen.

„Das Leben macht keinen Sinn mehr. Wir werden allein geboren und sterben allein, und dann gehen wir allein in die Dunkelheit,“ postulierte meine Gattin. Das Märchen von der Welt zitterte in ihren Händen.

„Was ist denn los?“ fragte ich besorgt.

„Ich habe das Buch gelesen, das Du bestellt hast,“ antwortete sie leise. „Es ist das schlimmste Kinderbuch der Welt.“

„Aber es sieht doch so nett aus,“ meinte ich.

„Es reißt Dir das Herz raus und hinterlässt nur ein schwarzes Loch. Ich denke, ich möchte mich jetzt in Embryonalstellung auf das Bett legen und weinen,“ erwiderte sie.

„Aber es ist doch für Erstklässler empfohlen,“ erwiderte ich zögernd.

„Vielleicht von Menschen, die Kinder hassen. Oder von einem Suizidalen, der anderen Menschen auch den Lebenswillen rauben möchte.“ Mit diesen Worten zog sie sich ins Schlafzimmer zurück.

Ich blickte zweifelnd auf das nett illustrierte Buch. Ehe ich es wagen konnte, einen Blick in dieses Necronomicon der Schulliteratur zu werfen, klingelte mein Telefon und ich wurde erst einmal abgelenkt. Wenn ich nur gewusst hätte, wie Recht sie hatte …

Abends fand ich Nummer Zwei in der Küche, ihres Zeichens hartgesottener schwarzgewandeter Fan von Mary Shelley, Edgar Allan Poe, blutrünstigen Mangas und sowohl kunst- als auch literaturbegeistert. Sie war, wie es scheint, dem bösen Buch mit seinem kunstvollen Cover ebenfalls in die Falle gegangen.

„Was ist das hier?“ fragte sie erschüttert.

„Das ist ein Buch, das ich für Nummer Vier bestellt habe,“ antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Was hat er angestellt?“ fragte sie erschrocken.

„Das ist für die Schule,“ antwortete ich.

„Unmöglich,“ stieß sie hervor und klappte das schreckliche Buch zu. „Das ist das schlimmste Kinderbuch der Welt. Ich habe jetzt wieder Angst im Dunkeln.“

Mit diesen Worten legte sie das Märchen von der Welt ab und verließ das Zimmer. Ich blickte auf das mir noch immer unbekannte Werk. In diesem Moment, da ich allein in der Küche war, wurde der Raum ein wenig dunkler und mir wurde kalt. Irgendwo weit entfernt erklang düstere Musik und ich hörte die Schreie verzweifelter Kinder.

„Mach die Musik leiser, Nummer Zwei!“ rief ich durchs Haus und setzte mich langsam.

Das Buch starrte mich an wie eine Spinne, die eine leckere Fliege erspäht hat. Mit zitternden Fingern langte ich danach und flüsterte zu mir selbst: „Es ist nur ein Kinderbuch …“

Mutig – todesmutig oder tollkühn wären vielleicht die besseren Begriffe – schlug ich es auf.

An das, was dann geschah, kann ich mich bis heute nicht mehr so recht erinnern. Ich weiß nur, wie Ms. Essential plötzlich am meiner Schulter rüttelte. Der Hund leckte besorgt über mein Gesicht und winselte. Irgendwo in der Ferne weinte ein Kind.

„Was ist los?“ fragte meine Frau und beugte sich zu mir herab. Aus irgendeinem Grund lag ich unter dem Tisch und zitterte. Meine Finger hatten sich um das kataklystische Buch geklammert und waren weiß geworden.

„Hast Du etwa das Buch gelesen?“ fragte sie erschrocken und riss es mir aus den Händen. Diese öffneten sich nur langsam und ich nickte angsterfüllt.

„Es ist doch nur ein Kinderbuch …“ stammelte ich leise.

Geistesgegenwärtig warf sie das zyklopische Machwerk auf den Boden. Nummer Zwei war schnell zur Stelle und zeichnete mit Straßenmalkreide ein Pentagramm darum. Dabei rezitierte sie lateinische Formeln, bei denen es sich um Schutzzauber handeln musste.

Ms. Essential förderte schnell ein mir unbekanntes Pulver aus einem geheimen Fach in der Gewürzschublade und schleuderte es auf Das Märchen von der Welt.

Ich weiß, Sie werden das, was ich nun schreibe, nicht glauben, lieber Leser, doch ich sah wie das Buch zum Leben erwachte und sich zu krümmen begann in dem Schutzkreis, den die beiden in unserer Küche erschaffen hatten. Mit einem Mal erfüllte ein seltsamer Schwefelgeruch die Luft und unser Hund suchte winselnd das Weite. Die Lampen in der Küche begannen zu flackern.

Das Buch schlug sich auf und dunkler, lilafarbener Nebel stieg auf. Ein seltsamer, unmenschlicher Schrei erfüllte unsere Küche und mit einem Knall aus Feuer, Rauch und Schwefel verschwand es und hinterließ nur einen rauchenden Fleck auf unseren beigefarbenen Küchenfliesen. Mir wurde schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir kam, streichelte mir jemand durchs Haar. „Mach Dir keine Sorgen,“ flüsterte meine Ehefrau leise. „Wir haben dieses höllische Machwerk wieder dahin geschickt, wo es herkam.“

„Wirklich?“ fragte ich und begann mich zögerlich unter dem Küchentisch aufzurichten.

„Wirklich.“

Nummer Zwei wischte gerade das Kreidepentagramm auf. Nur der schwindende Schwefelgeruch und der schwarze Fleck bezeugten, was hier gerade geschehen war.

Sie werden nun vielleicht denken, dass ich hier hemmungslos übertreibe. Und ja, vielleicht habe ich diese wahrhaftig erlebten Geschehnisse an der einen oder anderen Stelle minimal ausgeschmückt. Dennoch möchte ich betonen, dass dieses Buch wirklich schrecklich ist. Kein Erstklässler sollte es lesen. Eigentlich sollte kein Mensch es lesen.

Und wenn ich Sie, lieber Leser, nun neugierig gemacht haben sollte – geben Sie dieser Neugier nicht nach. Sie werden es bereuen. Wirklich.

Okay, ich sehe ein, dass das nicht wirklich hilft. Wenn ich das lesen würde wäre ich total neugierig und würde das Buch unbedingt lesen wollen. Um zu verhindern, dass es Ihnen, lieber Leser, ebenso geht, fasse ich den furchtbaren Inhalt kurz zusammen:

  • Ein armes Kind ist allein auf der Welt, Vater und Mutter sind gestorben und niemand sonst ist da
  • Es will in den Himmel gehen, da es gehört hat, dass die Menschen dorthin gehen, wenn sie die Erde verlassen
  • Also geht es zum Mond, aber der ist nur ein faules Stück Holz
  • Dann reist es weiter zur Sonne, aber die ist nur eine vertrocknete Sonnenblume
  • Dann will es zu den Sternen, aber die sind nur leuchtende Mücken, die in einem Spinnennetz zittern
  • Also kehrt es zur Erde zurück, wo es wieder allein ist und weint, bis es keine Tränen mehr hat

ENDE

Wirklich. Das ist das Ende der Geschichte. Zwar gibt es ein paar morbid-poetische Details mehr als in meiner kurzen Auflistung, aber mehr als das passiert nicht.

Ich würde dieses Buch daher nur für sehr böse Erstklässler empfehlen, als Strafe. Die Schrift ist für Erstleser übrigens auch zu klein.

Werbung: Spieletest Piratissimo von Pegasus Spiele

Werbung: Spieletest Piratissimo von Pegasus Spiele

Der Pegasus Spiele Verlag hat uns freundlicherweise zwei Exemplare von Piratissimo zur Verfügung gestellt, von denen wir eines auf Facebook verlosen werden. Heute möchte ich unsere Erfahrungen mit dem Spiel einmal kurz zusammenfassen und einen Eindruck geben, worum es bei Piratissimo geht.
Als nicht-ganz-so-brettspielerfahrener Gelegenheitsspieler kam mir das Spielprinzip ein wenig wie „Mensch ärgere Dich nicht auf Steroiden“ vor. Man spielt zu viert, läuft im Kreis und muss es schaffen, Spielsteine heil nach Hause zu bringen, während die Mitspieler dies zu verhindern suchen. Aber Piratissimo erweitert diese einfache Idee recht geschickt – man hat nämlich nicht nur die Möglichkeit, den Mitspielern mit seinen eigenen Figuren zu schaden, sondern ihnen auch noch einen Wirbelsturm auf den Hals zu hetzen. Das Arsenal ist also gut gefüllt!

Ich habe das Spiel zusammen mit Nummer 1, 2 und 3 getestet, die aktuell 14, 12 und 9 Jahre alt sind. Es zeigt sich schnell, dass die Altersempfehlung ab 6 Jahren ganz gut passt – unsere beiden Großen waren teeniemäßig ein wenig desinteressiert und nicht ganz bei der Sache. Nummer 3 und ich haben diesen Vorteil natürlich ausgenutzt und sie nach Strich und Faden abgezockt. Ich bin nicht umsonst als Papageienflüsterer bekannt. 

Bei Piratissimo geht es darum, mit einem Piratenschiff in einem Insel-Archipel Goldschätze einzusammeln und diese in seinem Piratenhafen einsammeln. Die Schiffe haben eine feste Ladekapazität, so dass man mehrere Runden benötigt, um genug Gold für den Sieg einzusammeln. Währenddessen ist man dauernden Gefahren ausgesetzt – vorwiegend dem bereits erwähnten Wirbelsturm und den Attacken seiner Mitspieler – so dass es immer wieder zu hinterfragen gilt, ob man noch mehr Gold einsammelt oder lieber eine kleinere Ladung sicher nach Hause bringt.

Das Spiel hat ein erhebliches Zufallselement, das auch Gelegenheitsspielern und kleineren Kindern Freude macht, ermöglicht aber dennoch gut Taktikoptionen, um spannend zu bleiben.

Für die Altersgruppe 6 bis knapp über 10 eine spaßige und moderat komplexe entfernte Variante eines Klassikers, die uns gut gefallen hat.

Ihr wollt Piratissimo gewinnen? Dann schaut doch mal bei Facebook rein – wir werden es demnächst verlosen!

 

 

 

 

 

 

Warum ich bei der Geburt doch nicht nutzlos war

Geburtsbericht aus der Sicht eines Vaters

Mir ist vor einiger Zeit aufgefallen, dass ich mittlerweile ein alter Hase bin. Als Vater, meine ich. Wie Ihr vielleicht wisst, waren wir ja früh dran (für heutige Verhältnisse), was dazu führte, dass wir auch unter unseren Freunden und Bekannten relativ allein waren. Und gegenüber den meisten Mit-Eltern – insbesondere den Vätern, die auch damals schon häufig beim ersten Kind graumeliert waren – kamen wir uns fast wie Teenie-Eltern vor. Wir waren 25, als Nummer 1 auf die Welt kam.

25 sein und ein Kind bekommen, das bedeutete für uns: jede Menge Verantwortung, jede Menge Zweifel, ein Gefühl des „Abgleitens“ gegenüber vielen anderen in unserem Alter, die einfach weiterlebten wie bisher. Für mich als Vater bedeutete das auch: jede Menge Sorgen, weil ich mir vorwarf, es beruflich noch nicht weit genug gebracht zu haben (ich war erst Student mit Zwischenprüfung damals) und eine Menge geistige Auseinandersetzung mit dem, was ich den „Bodensatz der Männlichkeit“ nenne.

Die Geburtsvorbereitung

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Wir sind heute ja alle moderne und aufgeklärte Väter, die selbstverständlich mit zum Geburtsvorbereitungskurs gehen, sich mit der Partnerin auf den großen Moment vorbereiten, im Haushalt unterstützen und jede Menge Fußmassagen verteilen. Das war zumindest das, was man so in den Elternzeitungen las, damals (2002 a.D.) Ich fand das auch alles toll und wollte vieles davon selbstverständlich erfüllen, aus Liebe oder manchmal aus Verantwortungsgefühl. Trotzdem gab es Dinge, die mir Schwierigkeiten bereiteten und an die ich mich herantasten musste. So war für mich beispielsweise immer klar, dass ich bei der Geburt dabei sein wollte – weniger klar war für mich hingegen, welche Rolle ich dabei spielen würde. Es gibt ja immer eine Menge Geschichten von Vätern, die einschlafen, sich hinter dem Camcorder (das ist so was wie ein Smartphone, aber eher würfelförmig mit großem Objektiv und ohne Apps, liebe Jung-Eltern) verstecken oder in Ohnmacht fallen. Zwar hatte ich das alles nicht vor, aber ich hatte schon ein wenig Bammel, ob ich der Situation gewachsen sein würde. Irgendwo tief in mir drin hatte ich auch Probleme damit, mich so weit zurückzunehmen und meine Rolle komplett auf die Unterstützung zu reduzieren, anstatt so zupackend und tatkräftig zu sein, wie man es sich als Mann immer gerne vormacht. Die Behauptung, man würde als Mann ja auch einen wichtigen Beitrag leisten, kam mir damals ein wenig vor wie die berühmte Möhre, die man dem Esel hinhält. Es ist, so dachte ich mir, doch völlig klar, dass ich keinen wichtigen Beitrag leisten kann! Händchen halten und Handtücher anreichen sind doch schließlich für einen Mann™ keine wichtigen Beiträge.

Diese Gedanken haben mir um ehrlich zu sein vor meiner ersten Geburt am meisten Probleme gemacht. Ein Teil von mir – mein eigener Bodensatz, könnte man sagen – ging sogar so weit, sich vor dieser Situation lieber drücken zu wollen. Ich bin weiß Gott niemand, der immer im Mittelpunkt stehen muss – aber der Gedanke, vollständig zum Händchenhalten verdammt zu sein, machte mir schon Schwierigkeiten. Ich wollte irgendwie einfach nicht glauben, dass das wirklich wichtig ist. Aber ich dachte mir, wird ja schon einen Grund dafür geben, warum Frauen behaupten, dass ihnen das hilft, also werde ich meinen Teil beitragen.

Im Geburtsvorbereitungskurs kam ich mir wie viele andere Männer durchaus etwas deplatziert vor. Atmen üben und das ganze Zeug – ich würde das ja nicht brauchen, aber immerhin war mir klar, dass ich meine Frau da auch nicht alleine lassen wollte. Also machte ich mit, auch wenn ich tief in mir immer noch davon überzeugt war, dass das alles nur Scharade sei und man als Mann am Ende doch nichts Nützliches würde beitragen können.

Die Ängste vor der Geburt

Was mir recht leicht viel wiederum war das Kümmern, das im letzten Drittel der Schwangerschaft eine immer größere Rolle spielte. Die Schwangerschaft war sehr mühsam und schien irgendwie kein Ende zu nehmen und ich beobachtete, wie es meiner Frau (im Hochsommer) immer schlechter ging. Also kochte, putzte und massierte ich, so gut ich konnte. Das fiel mir leicht, denn das war etwas Greifbares, etwas das man Anpacken konnte.

Wir sprachen damals auch häufig über ihre Angst vor der Geburt und ich baute sie auf. „Du wirst das schon gut hinbekommen, Du hast ein so gutes Körpergefühl und bist gleichzeitig hart im Nehmen. Das ist eine sehr gute Kombination dafür.“ Meine eigenen Fähigkeiten empfand ich wiederum als viel weniger passend für die Geburtsbegleitung und so hatte am Ende ich (heimlich) vermutlich genauso viel Angst wie meine Frau. Ich wollte halt nicht alles Vermasseln durch Müdigkeit, Hektik oder sonst irgendwas. Zwar hatte ich mir bereits überlegt, dass meine Strategie „Zurücknehmen und Unterstützen“ sein würde, aber die Angst, dass mir genau das in einem so intensiven Moment misslingen würde, begleitete mich durch die gesamte Schwangerschaft.

Dazu kamen noch die zwei Wochen Übertragung, die meine Frau wirklich fertig machten. Sie wollte gern ins Geburtshaus, aber das wäre nicht gegangen, wenn das Baby nicht innerhalb dieser maximal 14 Tage kommen würde. Zu allem Überfluss würde auch noch unsere Hebamme dann in den Urlaub gehen, so dass wir uns doppelt beeilen mussten. Also probierten wir alle klassischen Tricks unserer Hebamme durch, leider bis zum allerletzten Tag erfolglos. Wenn wir in die Geburtsmaschinerie eines Krankenhauses geraten würden, fürchtete ich, würde nicht nur meine Frau davon überrollt werden. Ich würde es auch nicht hinbekommen, sie dort so zu unterstützen, wie sie es braucht, und alles würde schrecklich werden. Ich massierte, streichelte und redete gut zu, hatte aber am Ende auch eine Menge Angst, dass das alles außer Kontrolle geraten würde. Es wäre jetzt falsch zu sagen, dass diese Sorgen umsonst waren: Wir schafften es zwar noch ins Geburtshaus, aber dort wurde es dann zwischendurch wirklich schwierig. Doch der Reihe nach.

Es war der Abend des letzten Tages unserer Geburtshausfrist. Wir hatten alle Möglichkeiten der alternativen Geburtseinleitung erfolglos durchprobiert und waren beide langsam ratlos, meine Frau zunehmend verzweifelt. Ich hatte die ganze Zeit behauptet, dass es schließlich noch klappen würde, aber mit jeder weiteren Stunden schrumpfte meine Hoffnung, mit dieser Prophezeiung richtig zu liegen. Sie war mittlerweile vom dem dauernden Druck, dass es endlich losgehen musste, so entnervt, dass sie irgendwann meine Schwiegermutter und mich bat, rauszugehen. Endlich mal allein und unbeobachtet zu sein gab dann scheinbar den Ausschlag – kaum waren wir draußen, ging mein Handy und meine Frau sagte: „Ich glaube es geht los!“

Es geht los!

Tief durchatmen, jetzt gilt es, schon konzentriert und ruhig erscheinen, sagte ich mir und eilte zurück in unsere Wohnung. Ein kurzes Gespräch mit der Hebamme machte uns klar, dass es doch noch ein wenig dauern würde, und so verbrachten wir die nächsten Stunden dabei, den Abstand der Wehen zu beobachten wie schon alle anderen werdenden Eltern vor uns. Nachdem klar war, dass „Es geht jetzt los“ im Rahmen einer ersten Geburt ein sehr dehnbarer Begriff ist und meine Frau momentan sowieso alleine sein wollte, legte ich mich ein wenig auf die Couch und döste. Ich weiß bis heute nicht, ob meine Frau das pragmatisch fand oder es mir heimlich übelnahm. Mir kam es jedenfalls sinnvoll vor, da ich erwartete, die Nacht durchzumachen – es war immerhin schon 21.00 Uhr – und ich keine Schmerzen haben würde, die mich ohnehin wachhalten würden.

Gegen 22.30 Uhr waren die Wehen so weit fortgeschritten, dass wir uns auf den Weg ins 30 Minuten entfernte Geburtshaus machten. Im nähergelegenen in unserem Wohnort hatte man uns leider nicht mehr annehmen können. Die Fahrt war knifflig gegen Ende – jede Bodenwelle löste eine Wehe aus und wir fuhren nicht gerade eine dahinschwebende Limousine, sondern einen in die Jahre gekommenen Fiat Punto. Zum Glück gab es keine Verkehrsprobleme und wir kamen zügig durch. Jetzt war es also soweit.

Die Wehen kamen immer schneller, und nach relativ kurzer Zeit boten die Hebammen an, ins Wasser zu wechseln. Ich setzte mich neben die Badewanne und meine Frau begann mit dem Part der Geburt, den ich fortan immer als „Walgesänge“ bezeichnen würde – sie wechselte wellenartig in eine andere Welt, aus der sie in immer kürzeren Abständen wieder auftauchte, mich anlächelte und Sachen sagte wie „Mir geht es gut“ oder „Ist gar nicht so schlimm“. Dazwischen verfiel sie in einen animalischen Singsang, der mit fortschreitender Geburt immer intensiver wurde – es klang jedoch stets eher nach großer Anstrengung denn nach großem Schmerz. Zumindest in dieser Phase der Geburt. Ich sprach sie regelmäßig kurz an, wenn sie auftauchte, feuerte sie an oder fragte, ob sie etwas brauchte, aber das war selten der Fall. Ab und zu wechselte ich die Sitzposition oder trank einen der Energydrinks, die ich in meiner Geburtshaustasche hatte. Auch wenn das eigentlich nicht nötig war, Müdigkeit war irgendwie kein Thema, aber ich wollte sicherstellen, dass es das auch nicht wurde …

An die Grenze und darüber hinaus

So ging es einige Stunden weiter, und ich war die meiste Zeit ganz erstaunt, dass es ihr gut zu gehen schien. Irgendwann meinte eine der Hebammen jedoch, dass der Muttermund sich einfach nicht weit genug öffnen würde und sie jetzt eine Eipollösung vornehmen wollte. Ich muss gestehen, dass ich nicht so recht wusste, was das war – aber den Schmerzensschreien zufolge, die den Prozess begleiteten, etwas extrem Unangenehmes. Denn ehe ich oder die Betroffene selbst zugestimmt hatten, legte sie bereits los. Zum ersten Mal schien meine Frau aus dem Flow zu kommen, und ich als Assistent direkt mit ihr. Ich streichelte sie, riss mich zusammen und feuerte weiter an. Aber dieses Erlebnis war so einschneidend, dass ich mich in den folgenden drei Geburten niemals wieder dazu hinreißen lassen wollte, wie ein Schaf daneben zu sitzen, wenn Arzt oder Hebamme etwas machten – denn etwas ankündigen und direkt umsetzen, während die Frau in einer Wehe versunken ist, kommt gar nicht so selten vor. Es gab um ehrlich zu sein in jeder Geburt einen Punkt, an dem ich jemanden stoppen musste, damit er auf Einwilligung wartete – nur damals bekam ich das halt noch nicht hin.

Nach der Eipollösung geriet alles ins Straucheln, die Schmerzen schienen schlimmer zu werden, gleichzeitig feuerten die Hebammen meine Frau an zu Pressen, obwohl der Muttermund scheinbar noch nicht weit genug geöffnet war. Es folgten nicht enden wollende Stunden voller Presswehen, die sich völlig anders anfühlten als der erste Teil der Geburt. Wobei, das muss man sicherlich betonen, es sicher keine Geburt gibt, die ohne solche Extreme abgeht. Dennoch dauerte es bei uns sehr lang, zumindest erschien es mir so. Ich verfiel wieder in meinen Rhythmus aus ansprechen, streicheln und anfeuern, der mir immerhin als das Passendste erschien, das ich so tun konnte.

Nach einer Weile begannen wir neue Stellungen zu testen und die Hebamme bezog mich da mit ein. Das empfand ich als gut, da es schmerzhaft und anstrengend war und ich so auch etwas tun konnte, zumal meine Frau sich mehr und mehr auf die Geburt konzentrierte. Mittlerweile war es rund fünf Uhr morgens, als uns die Hebamme endlich mitteilte, das etwas Bewegung in die Sache kam. „Nicht mehr lange, bald hast Du´s geschafft“, flüsterte ich. „Alles ok mir mir“, kam immer noch dann und wann als Antwort, auch wenn das immer weiter von der Wahrheit entfernt zu sein schien. Walgesänge waren abgelöst worden von echten Schmerzenslauten, irgendwann war der berühmte „Ich kann und ich will jetzt nicht mehr“-Punkt erreicht, und wir mussten darüber hinausgehen.

Wie jede Geburt endete auch diese schließlich in einem Crescendo aus Schmerz, Blut und Tränen – sowohl des Leids als schließlich auch der Freude – und irgendwann hielten wir eine empörte, weinende, schmierige Nummer 1 in den Händen und waren verliebt.

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Was ich damals gelernt habe

Ich bin auch heute noch – nach vier Geburten, die ich in Geburtshaus, zuhause und zweimal im Krankenhaus begleitet habe – der Meinung, dass man sich über den Part, den man als Vater während einer Geburt übernehmen kann, keine Illusionen machen sollte. Man wird kein Held an einem solchen Tag, sondern bestenfalls der Sidekick der Heldin. Nichtsdestotrotz habe ich verstanden – und so hat es mir meine Heldin auch immer wieder bestätigt – dass in einer solchen Extremsituation jede Unterstützung willkommen und dringend notwendig ist. Und man kann und sollte das Sprachrohr seiner Partnerin sein, die das selber nicht immer kann. Ich habe das bei Nummer 1 einmal nicht hinbekommen und auch wenn alles am Ende funktionierte, habe ich meine Lektion gelernt. Vielleicht, liebe werdende Väter, hilft dieser Bericht ja dem einen oder anderen von Euch – ich würde mich freuen!

 

 

 

Gedanken zu den Silvesterangriffen: Jungs sind halt so

Als ich ein Kind war, habe ich mich oft geprügelt. Weniger, weil ich so „Auf die Fresse oder was?“-gröhlend durch die Gegend gelaufen bin. Es hat sich einfach so ergeben.

In der Kindergarten- und Grundschulzeit bin ich regelmäßig von Jungs „geärgert“ worden, wie man das damals nannte (heute heißt das laut meinen Töchtern „gemobbt“), und weil ich eigentlich ziemlich gutmütig war, habe ich mich nicht dagegen gewehrt. Meine Mutter spitzte mich jeden Morgen mit den Worten „Hau drauf!“ an und hoffte, dass ich mich irgendwann mal ordentlich verteidigen würde. Das war halt damals so – als Junge musste man sich seinen Platz im Rudel erkämpfen.

Irgendwann haute ich dann auch drauf. Wobei das jetzt zu martialisch und fehlgeleitet klingt – ich war wirklich ein eigentlich lieber Junge, der irgendwann die Schnauze voll hatte und dem schlimmsten Störenfried dann auf selbige haute. Später hatte ich zwei, drei Fans, die in jeder Pause eine (Spaß-)Schlägerei provozieren wollten. Oft mit Erfolg. Ich war groß und kräftig, aber eigentlich nett und daher nicht furchteinflößend und brutal. Ich warf diese Fans durch die Gegend und schlug ihnen auf die Schulter und sagte, sie sollen mich in Ruhe lassen. Aber sie kamen immer wieder an. Einfach immer draufhauen erscheint einem heute als blödsinnige Konfliktstrategie. Aber das waren halt die 80er.

Es war vollkommen klar, dass man sich als Junge nicht würde behaupten können, wenn man sich nicht körperlich durchsetzen konnte. Meine Mutter feuerte mich nicht an, weil sie einen Rottweiler aus mir machen wollte – sie hatte einfach nur Angst, dass ihr Junge in diesem Haifischbecken, das sich männliche Kindheit nennt, wegen seiner Gutmütigkeit fertiggemacht wurde.

Wie ich darauf komme? Ich glaube, dass es noch immer erhebliche Unterschiede in der Erziehung und den gesellschaftlichen Erwartungen an Jungen und Mädchen gibt und dass diese Auswirkungen haben, die weit über kindliche Prügeleien hinausgehen. Um meinen Punkt zu machen, muss ich ein wenig ausholen.

Als ich von den Vorkommnissen am Silvesterabend in Köln gehört habe, war ich wie viele andere auch, wütend. Und schockiert und ein wenig enttäuscht, dass es scheinbar unter den Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland so viele Schweine gibt, dass man sich mal locker zum massenhaften sexuellen Übergriff und Raubzug in Köln verabreden kann. Die öffentliche Debatte, die diesem erschreckenden Ereignis folgte, machte einige interessante Kapriolen: erst waren gar keine Flüchtlinge unter den Angreifern, dann waren es quasi nur Syrer, dann waren es zwar nicht nur Syrer, aber der Sexmob war doch nicht schlimmer als auf dem Oktoberfest. Schließlich beschwerten sich Feministen, dass es doch geradezu unverschämt sei, dass deutsche Männer sich erst über sexuelle Gewalt aufregen, wenn Ausländer „ihre“ blonden Germaninnen begrapschen.

Das alles mag wahr oder falsch oder irgendwas dazwischen sein – in jedem Fall fällt auf, dass die Täter unabhängig von aktueller oder ehemaliger Nationalität eines gemein haben: Es handelt sich um Männer. Ich finde es plausibel, dass Männer aus einer streng patriarchaischen Kultur mit wenig Respekt gegenüber Frauenrechten leichter derart übergriffig werden. Aber natürlich gibt es auch unter westlichen postmodernen Ex-Primaten immer wieder Rückfälle. Warum ist das eigentlich so? Es sind relativ wenige Fälle von Frauen bekannt, die Männer begrapschen oder sexuell nötigen (auch wenn es natürlich auch das gibt). Dabei ist doch auch das ein Verhalten, das prinzipiell möglich wäre – viele Männer wären ebenfalls perplex und unfähig zu adäquater Grenzsetzung, wenn man sie bedrängen würde. Es gibt genug Situationen der Abhängigkeit, die Frauen genauso schamlos ausnutzen könnten wie Männer. Und schließlich egalisieren Waffen die körperliche Ungleichheit der Geschlechter in gewissem Maße und würden sogar gewaltsame Übergriffe prinzipiell ermöglichen.

Doch warum passiert das nicht? Ich glaube, dass die männliche Prägung patriarchaischer und post(?)-patriarchaischer Gesellschaften Übergriffe, Gewalt und Dominanzgebahren bei Jungen geradezu erzwingt, während sie selbiges Verhalten bei Mädchen mit Scham belegt. Dass die unter Kopftuch und Pantoffel gezwungene Muslima, die ihrem Mann Untertan ist (verzeiht mir den Griff in die Klischeekiste und no offense intended für alle Muslima, die ganz anders sind), in eine Opferrolle geradezu gezwungen wird, leuchtet leicht ein. Aber was ist mit emanzipierten deutschen Frauen? Es ist ja nicht einmal immer die körperliche Überlegenheit eines Angreifers, die die Demütigung hervorruft. Oft ist es ja die Unfähigkeit, wirksame Grenzen zu setzen. Die Angst vor derartigen physischen Konflikten. Mädchen werden – anders als Jungen – oft nicht auf dieses Haifischbecken vorbereitet. Wobei, das sei hier betont, auch bei weitem nicht jeder Mann gegenüber Angreifern zu adäquaten Reaktionen fähig ist.

Sexuelle Gewalt hat eine soziale und psychische Komponente. In vielen, vielleicht den meisten Fällen, ist diese genauso verletzend wie die physische. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen oder ahnen, dass sexuelle Gewalt für uns kein unbekanntes Thema ist. Ms. Essential hat mir oft das Gefühl beschrieben, allein auf der Straße letztendlich nicht sicher zu sein. Den meisten Männern letztendlich nicht vertrauen zu können. Das ist nicht die Welt, in der die meisten Männer in Deutschland leben. Die Frauen mindestens zu erheblichen Teilen schon.

Ähnlich wie die psychische Komponente wird auch die soziale Komponente erlernt. Jungs müssen sich nicht nur körperlich durchsetzen – es wird vielfach erwartet, dass sie auch in sozialen Systemen ständig im Wettbewerb stehen und dabei auch Grenzen überschreiten. Natürlich relativiert eine moderne Gesellschaft einige dieser Unterschiede. Aber noch zu wenige …

Wie oft wird eigentlich inakzeptables Verhalten von Jungen schulterzuckend mit dem Kommentar „Jungs sind halt Jungs“ abgetan? Mädchen genießen diesen Schutzraum nicht. Wenn unsere Töchter sich in Prügeleien verwickelten, erklärten ihre Lehrer ihnen, dass Mädchen so etwas nicht tun. Als ein Junge einer von ihnen ungefragt seinen Penis zeigte, wehrte die Lehrerin ihre Klage mit den Worten „Du hättest ja nicht mitmachen müssen!“ ab. Gegen übergriffige und aggressive Jungs in der Schulpause gibt es den Rat „doch wegzugehen“. Kein Mensch kommt auf die Idee, einem kleinen männlichen Gestörten seine Marotten mal auszutreiben. Mädchen hingegen sollen immer brav stillsitzen, eine saubere Handschrift haben, und weglaufen.

Es ist einfach sich einzureden, dass die Silvesterangriffe ein singuläres Ereignis waren. Es ist auch einfach, jeden Mann als potenziellen Vergewaltiger zu brandmarken. Aber die Frage, welche gesellschaftlichen Prägungen noch immer männliche Täter und weibliche Opfer hervorbringen, muss ebenso erlaubt sein wie die, ob bestimmte religiöse und kulturelle Merkmale derartiges Verhalten nicht vielleicht begünstigen.

Was wurde den Angreifern aus Köln und den anderen betroffenen Städten wohl von ihrer Kindheit an vermittelt, dass solche Taten für sie akzeptabel erscheinen? Was wurde den Angreifern auf dem Oktoberfest vermittelt? Für uns Eltern stellt sich doch die Frage: Was müssen wir unseren Töchtern und Söhnen vermitteln, damit sie möglichst weder auf der einen oder anderen Seite mit solchen menschlichen Abgründen in Kontakt kommen?

Danke, lieber Spiegel!

Ich habe mich ja sehr gefreut, als ich letztens durch einen veritablen Shitstorm darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich jetzt die bessere Mutter bin. Ich meine, wie oft muss man sich heute als Mann schon ausrangiert und abgesägt fühlen?

Im Straßenverkehr: Sind doch eh nur die Penisträger, die immer alle Unfälle verursachen und Menschen totfahren. Im Beruf: Mangelnde Sozialkompetenz und brachialer Egoismus führen zwar vielleicht dazu, dass wir Altvorderen uns momentan noch halbwegs behaupten – aber nur auf Kosten der Gesamtwirtschaft, die selbstverständlich erheblich darunter leidet, dass sie immer noch von grunzenden Alphatieren beherrscht wird. (Wer würde das nicht??)

In der Schule sind wir eh schon lange die Schmuddelkinder und haben schlechte Noten und psychische Probleme, weil wir nicht mehr unsere Mitschüler vermöbeln dürfen. Und wenn wir das Schulsystem ohne Amoklauf überstanden haben, treten wir der NPD oder dem IS  bei, um endlich mal richtig Rabatz zu machen. Putzen, Wäsche waschen oder Geschenke machen können wir auch nicht. Und wegen der Männergrippe sind wir auch noch schreckliche Jammerlappen.

Auch in der Familie, dachte ich, schlagen wir uns nicht allzu spektakulär – aber das hat mich der Spiegel ja jetzt eines Besseren belehrt. Und das Bestechende: Während wir den Frauen heute praktisch auf ganzer Linie unterlegen sind, schlagen wir sie in der Disziplin, in der wir uns am wenigsten Mühe geben – Mutter sein. Tut doch auch mal gut, oder?

Papa hat´s verbockt – Mein Einschlafrezept

Einer der Gründe, aus denen ich viel zu wenig im Blog schreibe ist die Tatsache dass ich zu müde bin. Nummer 4 war die letzten beiden Monate nachts ziemlich anstrengend. Er hat einen beinahe untrüglichen Instinkt entwickelt, der ihn sofort aufweckt, sobald ich einschlafe. Und dann noch bis zu dreimal in der Nacht.

Ms. Essential hatte verständlicherweise Panik, sich das in der Kur in einem zu kleinen Zimmer antun zu müssen und da nur noch schweigend und still dasitzen zu müssen. Also habe ich mir vorgenommen, ihm das noch vor der Kur abzugewöhnen. Weil ich es auch verbockt habe.

(Disclaimer: Familienbett- und Attachment Pareting-Vertreter sollten ab hier eventuell nicht weiterlesen. Ich ferbere zwar nicht, gehe aber nicht davon aus, dass meine Methoden gnädiger beurteilt werden.)

Alles begann so: Nummer 4 bekam eine Reihe von Zähnen. Er war sehr knatschig und müde und wachte – natürlich – nachts diverse Male auf und weinte. Da ich deutlich besser im Aufstehen bin als Ms. Essential – die ja nicht umsonst in Kur geht – gewöhnte ich mir an, das schnell zu übernehmen und nach oben zu flitzen, um mich um ihn zu kümmern.

Nach den ersten zwei, drei Mal fand ich das zunehmend niedlich: Nummer 4 hockte im Bett, reckte die Ärmchen hoch und rief „Einmal Schaukeln!“. Wir haben einen Schaukelstuhl in seinem Zimmer, auf den ich mich immer mit ihm setzte – was er offensichtlich sehr schnell ritualisierte. Er war dann immer auch sehr niedlich, schmuste sich an und nach relativ kurzer Schaukelzeit sagte er von alleine „Bett!“. Ich konnte ihn dann zurücklegen und er schlief weiter. Meldete sich aber zwei bis drei Stunden später wieder.

Mir kam das zwar ein wenig ermüdend, aber ganz akzeptabel vor. Ich sehe ihn ja eh zu wenig, und mich nachts noch ein wenig um ihn zu kümmern erschien mir sogar ganz niedlich.

Leider genoss er diese nächtliche Zweisamkeit scheinbar ebenso wie ich. Innerhalb von sehr kurzer Zeit weitete sich das „Einmal Schaukeln!“ erheblich aus und ich besuchte ihn bis zu viermal in der Nacht.

„Na ja,“ dachte ich, „nach dem Zahnen gewöhnen wir ihm das halt wieder ab. Wird schon.“

Einige Wochen später war er mit den fiesen Eckzähnen fertig und meldete sich trotzdem noch zwei bis drei Mal in den meisten Nächten. Mittlerweile fing er auch an abends zu weinen, wenn man ihn ins Bett legte – er wollte natürlich auch abends noch „Einmal schaukeln“ und wir wurden uns zunehmend uneinig darüber, wie häufig „einmal“ denn so ist.

Nach einiger Zeit gewöhnte er sich an, immer zu weinen, wenn man ihn ins Bett legte. Und dann noch zwei- oder dreimal aufzuwachen. Ms. Essential bekam zunehmend Muffensausen bei der Aussicht, sich drei Wochen mit diesem Verhalten alleine rumschlagen zu müssen. Ich bin zwar seit Nummer 4s Geburt so schlafgestört, dass ich ohnehin dauernd nachts aufwache – aber das tröstet sie leider auch nicht. Also nahm ich mir vor, das Problem – das ich ja auch ein bisschen herbeigeführt hatte – schnell noch zu lösen. Wir hatten bereits versucht, mit ihm zu feilschen und ihm klarzumachen, dass er weiterschlafen soll, falls er in der Nacht aufwacht (anstatt zu weinen und „Einmal schaukeln!“ oder „Parkgarage spielen!“ zu rufen). Er schlug dann zwar ein, hielt sich aber leider nicht an diesen Handel.

Ich kam zunehmend zu der Überzeugung, dass meine Schaukelbesuche in der Nacht das Problem verschlimmerten. Er bekam vermutlich den Eindruck, er brauche nur zu rufen und ich werde jederzeit bereitstehen und ihm seinen Wunsch erfüllen. Also tat ich das, was alle Eltern vermutlich schon mal getan haben: fünf Minuten warten und hoffen, dass er sich von alleine wieder beruhigt. Dann ging ich rein, um ihm zu zeigen dass ich da bin, und ging wieder raus – ohne zu Schaukeln. Das Ergebnis: sein Crescendo steigerte sich sofort. Keine Chance. Mir wurde klar, dass es so für uns beide nicht weitergeht.

Einige Minuten später ging ich wieder in sein Zimmer. Er sah echt ziemlich verweint und mitleiderregend aus, aber ich blieb hart. „Nein, Nummer 4, es ist mitten in der Nacht und Du musste jetzt schlafen!“ Ich legte ihn hin (er stellte sich natürlich für den dramatischen Effekt im Gitterbett auf), streichelte ihm über den Kopf und fügte an:

„Ich weiß, dass Dir das nicht gefällt, aber Du musst jetzt schlafen!“

Dann ging ich raus – während er weinte. Kaum hatte ich die Tür geschlossen, war er ruhig. Ich blieb stirnrunzelnd im Flur stehen – er holte bestimmt gerade nur Luft!

Nichts. Er blieb ruhig und schlief ein. Zwar wachte er in der Nacht noch einmal auf, aber mit genau dem gleichen Rezept beruhigte ich ihn wieder innerhalb weniger Minuten, ohne dass er das Bett verließ.

Als Ms. Essential ihn am nächsten Morgen aus dem Bett holte, erzählte er erstaunt davon: „Einmal schauken. Dadi nein sagt.“ Dabei schüttelte er – verwundert, aber nicht geschockt – den Kopf.

Mittlerweile lege ich ihn mit dem gleichen Rezept abends wieder ziemlich problemlos ins Bett und beruhige ihn sehr schnell, wenn er nachts aufwacht. Zwar tut er das leider noch – aber seltener, und einige Male schlief er auch ein, ehe ich mich schlaftrunken aus dem Bett geschält hatte.

Ich will das jetzt nicht als Patentrezept verkaufen. Aber meine Erfahrung als vierfacher Vater ist eben schon, dass man Kinder nicht gut zum Einschlafen bekommt, wenn man sie in diesem Prozess führen lässt. Leider muss man irgendwann Grenzen setzen und diese rufen dann – kurfristig – auch Tränen hervor. Aber mein Experiment als allzu geduldiger später Vater mit Nummer 4 hat mir deutlich gezeigt, dass Kinder jede Art von Unterbrechung in der Nacht viel zu schnell ritualisieren, als dass sich die Eltern zu viele Zugeständnisse erlauben könnten. Viele Schlafprobleme sind – das ist zumindest mein Verständnis – auch darauf zurückzuführen dass die Eltern glauben es wäre nur eine Phase, die von allein vorbeigeht.

Den Unterschied zwischen „Warten und Hoffen“ und „Grenzen setzen“ habe ich zumindest jetzt sehr, sehr deutlich erlebt. Vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen, das auch einmal auszuprobieren. Denn der Vergleich ist deutlich:

„Einmal schaukeln“: Drei- bis viermal in der Nacht aufstehen mit jeweils einigen Minuten Weinen vorher (bis die Eltern wach genug sind). Weinzeit: ca. 15 Minuten pro Nacht, Tendenz steigend.

Grenzsetzen: Wir sind innerhalb von zwei Nächten auf die Hälfte der Zeit runtergekommen. Auch wenn er immer noch einen Moment weint, wenn ich ihm sage dass jetzt nicht geschaukelt wird.

Ms. Essential hat mir mittlerweile aus der Kur berichtet, dass er die ersten beiden Nächte nur zweimal kurz aufgewacht und von alleine wieder eingeschlafen ist. In der dritten Nacht schlief er dann komplett durch.

 

 

 

 

 

 

Sponsored Post: Test des Profi Pneumatik Power Baukastens von Fischertechnik

Wir haben letztens von Fischertechnik ein Pneumatikset zum Testen bekommen. Wer uns kennt wird wissen, dass wir jetzt nicht so 100%ig die Kernzielgruppe sind – auch wenn unsere mittleren und großen Mädels durchaus frei erzogen sind. Sie mögen Schwertkampf, Hulk und Heavy Metal. Aber die große „Konstruktionsspielzeugphase“ haben sie komplett übersprungen oder ausgespart. Allerdings zeigten sie sich sehr interessiert – daher haben wir das Testprojekt umgesetzt.

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Nummer 2 und 3 äußerten sich zwar anfangs wirklich begeistert, kamen beim Bauen aber nicht so unglaublich weit. Während Nummer 2 schon vor dem echten Start von der Gravitation ihres Betts unhaltbar angezogen wurde (Teenie!), gab Nummer 3 nach rund 45 Minuten auf. Auch wenn ihr diese ersten Bauschritte sehr großen Spaß gemacht haben, glaube ich nicht, dass sie aus eigenem Antrieb ab hier weitergebaut hätte. Zum Verständnis: Sie ist im Moment 8 und hat mit dieser Art von Spielzeug nicht sehr viel Erfahrung. Ich denke ein gleichaltriges Kind, dass in dieser Hinsicht schon ein wenig Erfahrung gesammelt hat, mag hier auch allein weiterkommen. Ihr ging einfach die Lust vorhanden, auch wenn ihr bis dahin alles perfekt nach Anleitung gelungen war. Doch die etwas fummeligen Kleinteile luden nicht gerade zum Weiterbauen ein.

Nummer 3 im Einsatz.

Nummer 3 im Einsatz.

In vielen Fällen (zumindest bei Kindern unter 10) wird der Bau eines der Fahrzeuge – wir haben uns natürlich für den Bagger entschieden – ein Co-Projekt für Eltern und Kind sein. Was ja auch eine nette Sache ist.

Ich war als Kind sehr versiert mit Konstruktionsspielzeug. Da es bei mir allerdings eher Lego (auch Technik) war, bedeutete der Bau jetzt keine nostalgische Reise in die Vergangenheit für mich. Es war eher das Ausprobieren von etwas Neuem.

Hellauf begeistert war natürlich unser Bagger-Fan Nummer 4. An dem Tag, an dem das Paket angekommen war, kam er mir begeistert entgegengelaufen, als ich abends von der Arbeit kam. „Bagger bauen! Bagger bauen!“ rief er. Mir war sofort klar: Dieses Projekt duldete keinen Aufschub.

Leider erwies sich das Bagger bauen als besser zugeschnitten auf Menschen, die mehr Zeit haben als ich. Am Ende musste auch nach rund 45 Minuten am ersten Abend abbrechen, weil ich soviel Freizeit schlicht und einfach nicht habe.

Dementsprechend baute ich bis zum Wochenende jeden Abend immer einen kleinen Teil des Baggers. Während die Kinder sich an den ersten Tagen noch beteiligt haben, meisterte ich das Projekt am Ende ganz allein. Der einzige, der hemmungslos begeistert blieb, war Nummer 4. Leider beschränkte sich seine Unterstützung darauf, sich einzelne Teile unter den Nagel zu reißen, sie auf den Tisch zu hauen oder wegzuwerfen. Eventuell wäre ich sogar ohne seine Hilfe ein wenig schneller gewesen … 😉

Ich möchte meinen Eindruck hier mal schnell zusammenfassen:

Positiv

Ziemlich umgehauen hat mich die Pneumatik-Funktion, nachdem ich den Bagger fertig hatte:

Bei meinem alten Lego Technik-Zeug bedeutete Pneumatik, dass man irgendwo pumpte und sich an einer anderen Stelle etwas bewegte (zumindest erinnere ich mich so daran). Der Profi Pneumatic Power Baukasten verfügt über einen Drucklufttank, in dem die „pneumatische Energie“ gespeichert werden kann. Sprich: Man pumpt auf und kann den Baggerarm dann vier bis fünfmal bewegen. Klingt jetzt weniger spannend als es ist – ist aber wirklich eine coole Funktion!

Außerdem gefiel mir die Auswahl an Baugeräten sowie die Optik des Baggers – die kam auch bei Nummer 4 sehr gut an.

Neutral

Das Set ist – wie der Name „Profi“ auch andeutet – einigermaßen anspruchsvoll. Je nach Übung und Alter des Kindes ist das eher ein Projekt für Kind und Eltern. Es ist auch als Spielzeug eher geeignet für Menschen, die eine Affinität zu feinmotorischem Gebastel haben, das ein wenig die Geduld herausfordert. Je nach Fähigkeit ist auch recht viel Zeit erforderlich.

Negativ

Ich bin nicht sicher ob die Altersangabe 8+ hundertprozentig passt. Nummer 3, die pfiffig und acht Jahre alt ist, hätte das alleine nicht fertigbekommen. Aber es mag auch Achtjährige geben, die in diesem Bereich mehr Übung haben. Mein wirklicher Kritikpunkt ist allerdings, dass das fertige Produkt nicht besonders haltbar ist. Die Steckverbindungen halten so lala, so dass der Bagger mehr zum Demonstrieren denn zum Spielen geeignet ist. Ich glaube zwar, dass das so gewollt ist – man baut halt so ein Fahrzeug und stellt es sich dann ins Regal – es kann aber ein wenig frustrierend sein, wenn die Kinder ein selbstgebautes, voll nutzbares Spielzeug erwarten.

Das seitliche Aufstecken, bzw. Einschieben der einzelnen Teile schränkt den Aufbau ein. Lego ist wesentlich leichter aufzubauen und hält auch beim Spielen besser. Beim Pumpen, Schieben und Drehen des fertigen Baggers schoben sich dauernd diese Kleinteile auseinander. Die Anleitung war auch eher für geübte Pneumatik-Profis.

Interessiert? Hier könnt Ihr den Baukasten kaufen (Affiliate-Link).

Studieren mit Job und Kindern? Das geht schon, aber …

So einen schnieken Schreibtisch hatte ich als Student noch nicht.

So einen schnieken Schreibtisch hatte ich als Student noch nicht.

Mittlerweile erscheint es mir zwar wie eine weit entfernte Vergangenheit, aber es gab mal eine Zeit, in der ich einen erheblichen Anteil meiner Wachphase mit institutionalisiertem Lernen verbracht habe. Also möchte ich dem Aufruf folgen und auch einen Beitrag zur #LernenFamilie-Blogparade leisten.

Fangen wir mal von vorne an.

Vor 13 Jahren hatte sich ein Teil meines Studiums gerade als Sackgasse herausgestellt, als Ms. Essential schwanger wurde. Ich hatte damals Technische Redaktion an der RWTH Aachen studiert – musste mir aber nach ein paar harten Semestern eingestehen, dass es für den Mathematik-Part davon bei mir einfach nicht reichte. Auch wenn ich immer ganz gut rechnen konnte. Also musste ich umsatteln und hatte damals – mit fast 24 Jahren – gerade mal das Grundstudium in der Tasche. Das Grundstudium war so was wie der Bachelor, nur ohne Vorteile. Das Grundstudium qualifizierte einen zum Weiterstudieren und sonst zu nix.

Gleichzeitig hatten verschiedene Entwicklungen dazu geführt, das Ms. Essential in ihrem Beruf als Familienpflegerin nicht mehr arbeiten würde. Wir befanden uns damals finanziell gesehen zwar nicht in einer Sackgasse, aber in einer Sinuskurve irgendwo weit unten.

Ich beschloss, mein Studium zwar weiterzuverfolgen, musste aber nebenher ziemlich viel arbeiten. Zum Glück hatte ich die ersten paar Jahre meines Studiums nicht komplett verschwendet, sondern mir ein paar Referenzen zugelegt, die es mir ermöglichten, zuerst als Texter und später als Marketingberater ein bisschen was zu verdienen. Das ging auch sehr gut los – ich fand eine Web-Agentur, die großen Bedarf an suchmaschinenoptimierten und dennoch lesbaren Texten hatte (damals war das noch mehr ein Widerspruch als heute) und mich mit regelmäßigen Aufträgen versorgte. Die gar nicht mal so schlecht bezahlt waren. Der große Vorteil: Ich konnte bei freier Zeiteinteilung von zuhause aus arbeiten.

Also legte ich meine Seminare an der Uni auf möglichst wenige Tage und wurde Dauergast bei Blockseminaren, um möglichst viele Tage für die Arbeit freizuhaben. Für Vorlesungspausen kaufte ich mir ein Notebook (aua, das tat weh im Portmonee) und gewöhnte mir an, für diese Zeit abends zuhause vorzurecherchieren. Mobiles Internet, das gab es ja noch nicht, und falls doch, konnte ich es mir nicht leisten. Ich suchte mir ein paar Ecken an der Uni wo es Strom gab und textete in den Pausen so vor mich hin.

Leider veränderte sich der Markt ein wenig und ich hatte mich zu sehr auf meinen Dauerkunden verlassen. Mittlerweile hatte Nummer 2 sich angekündigt und wir hatten eine größere Wohnung bezogen die wir uns nach meiner Kalkulation durchaus erlauben konnten. Die Kosten stiegen an, aber in einem Maß, das mich ursprünglich nicht beunruhigte. Ich wusste ja recht gut, was ich mit welchem Zeitaufwand verdienen konnte, und meine Noten waren auch in Ordnung …

Bis mich eines Abends der Geschäftsführer meines wichtigsten Kunden anrief und mir mitteilte, dass sie meine Arbeit zwar sehr schätzten, mir aber aufgrund einiger Änderungen im Suchalgorithmus nur noch die Hälfte von dem zahlen konnten, was sie mir bis jetzt gezahlt hatten.

Bämm. Da hockten wir also, in einer Wohnung, die wir uns plötzlich nicht mehr leisten konnten. Ich entmottete mein Fahrrad, um zukünftig kostengünstig zum Bahnhof zu fahren und per Semesterticket zu pendeln. Ms. Essential kurvte derweil mit einem billigen Kinderwagen durch unseren Vorort und kaufte im Schlecker Babygläschen ein, um ein kostengünstiges Ziel für den täglichen Spaziergang zu haben.

Ich begann an einer Exit-Strategie zu arbeiten, um nicht dauerhaft an diesen Kunden gebunden zu sein, und suchte mir ein paar weitere kleine Kunden sowie einen Studentenjob im Wissenschaftsministerium. Leider waren diese ganzen Tätigkeiten weitaus schlechter bezahlt als meine ursprüngliche Arbeit – so dass ich immer mehr Zeit aufwenden musste, damit das Geld halbwegs stimmt. Ich bat meine neuen Auftraggeber bei den Abrechnungen mogeln zu dürfen, damit ich nicht permanent über die einem Studenten erlaubten 20 Stunden pro Woche kam. Ich glaube in einigen Wochen hatte ich damals einen Vollzeitjob und daneben ein Vollzeitstudium.

Neben dem Geld hatte ich vor allem eine Sorge: Ich dachte mir, da sind zig tausend intelligente Menschen mit Dir an der Uni, die alle viel mehr Zeit auf ihr Studium verwenden können. Deine Noten werden jetzt total absacken, weil Du viel zu wenig Zeit in Dein Studium investierst. Soziale Kontakte an der Uni hatte ich schon lange nicht mehr, also wurschtelte ich mich so im Alleingang da durch, bis auf einige wenige Gruppenprojekte.

Zu allem Überfluss wurde die Leiterin der Pressestelle, in der ich damals aushalf, auch noch gefeuert. Nach einer gewissen Karenzzeit, in der ich die Pressetelle alleine schmiss, vergab das Unternehmen den Auftrag an eine Agentur und ich verlor ebenfalls meinen Job. (Okay, einen meiner Jobs …)

Als ich damals abends mit Ms. Essential sprach, gab sie mir einen folgenschweren Tipp: „Du solltest diese Agentur anrufen und fragen ob die nicht jemanden brauchen, der sich mit diesem Unternehmen sehr gut auskennt. Vielleicht nehmen die Dich ja.“

Ich hatte zwar mordsmäßig Bammel – aber ich tat es. Die Agentur stellte mich in der Tat vom Fleck weg ein, übernahm mich nach dem Studium und rechnete mir sogar meine zahlreichen Nebentätigkeiten als Volontariat an. Bevor es aber soweit kam musste ich ja auch nochmal irgendwann mein Studium abschließen. Zu diesem Zeitpunkt feilschten Ms. Essential und ich um den Zeitpunkt für Nummer 3. Sie wollte gerne alle Kinder bekommen haben ehe sie 30 war, ich wollte wenigstens ein einziges Kind ordnungsgemäß bekommen nachdem ich mit dem Studium fertig war. Am Ende koordinierte ich meine Prüfungstermine mit dem Geburtstermin. Meine späte Rache: Nummer 4 haben wir bekommen als ich nicht nur ordentlich mit dem Studium fertig war, sondern auch deutlich mit Mitte 30. 😀

Als ich schließlich meinen Abschluss in der Tasche hatte und nach all den Jahren der Dreifachbelastung auch noch meinen Doktortitel machen wollte, machte mir das Leben einen Strich durch die Rechnung.

Was ist jetzt die Moral von der Geschicht? Ich denke es hat sich gelohnt, das Studium trotz aller Mehrbelastung durchzuziehen. Trotzdem hat es mich und meine Familie auch etwas gekostet. Ich habe nie wieder die ersten Monate eines Kindes so intensiv erlebt wie bei Nummer 1. Nummer 2 und 3 sind mehr so mitgelaufen, und erst jetzt als „später Vater“ von Nummer 4 erleben ich diese Phase wieder etwas bewusster. Dennoch sehe ich den Junior deutlich weniger als früher Nummer 1. Allein die zahlreichen Geschäftsreisen machen mich zuhause oft eher zu einem Gast denn zu einem vollwertigen Familienmitglied.

Weiterbildung neben Familie und Beruf ist nichts, was man so nebenher erledigt. Andererseits: Mindestens ein Elternteil wird ohnehin die gesamte Kindheit des Nachwuchses Vollzeit arbeiten, da kann man ja wenigstens dafür sorgen dass es ein qualifizierter Job ist, oder?

Beruflich hat es sich für mich mehr als gelohnt – ich habe einen spannenden Job, wir kommen mittlerweile ganz gut aus und ich bin seit kurzem auch noch Gastdozent an einer Hochschule. Wäre schwer geworden ohne eigenen Abschluss …

Qualitätszeit

Ich muss Euch mal was gestehen. Sagt das aber bitte nicht Ms. Essential. Ihr habt ja vielleicht mitbekommen, das Nummer 4 seit einiger Zeit eine ziemlich anstrengende Phase hat. Er ist total süß und alles und so, aber er macht mich auch echt ein bißchen fertig. Wenn ich abends von der Arbeit komme, nimmt er mich als erstes in Beschlag. Sobald die Sonne scheint, will er entweder in den Garten und auf dem Rasenmäher sitzen oder in den Schuppen Werkzeuge gucken. Ich habe mir mittlerweile angewöhnt im Büro noch etwas zu essen, bevor ich heimfahre, weil ich dazu häufiger abends keine Zeit habe, bis die Kinder im Bett sind.

Wenn ich dann um 22.00 Uhr halb bewusstlos auf der Couch liege, frage ich mich manchmal: „Wie packt SIE das eigentlich alles?“ Ich meine, mir reichen meine ein bis zwei Stunden abends manchmal schon aus. Klar ist das irgendwie auch das, was man „Qualitätszeit“ nennt, aber die Qualitätszeit mit einem achtzehn Monate alten Jungen gestaltet sich halt häufig auch nur so:

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Draußen:

  • Ihn auf dem Rasenmäher durch den Garten ziehen
  • Ihm fünf unterschiedliche gefährliche Werkzeuge verbieten, weswegen er weint
  • Ihn in den Sandkasten zu setzen, von wo er flieht um sich wieder Werkzeuge zu holen

Drinnen:

  • Seine Feuerwehrautos durch die Tiefgarage fahren lassen
  • Sich am kleinen Finger durch das Haus führen lassen
  • Ihm zu verklickern, dass er jetzt nicht mehr baden kann

Und so weiter.

So sehr ich mich jeden Morgen und Abend freue ihn zu sehen, so wenig ist das mitunter das was ich gerade brauche. Ich sage mir dann zwar dass ich das gefälligst zu brauchen habe, weil ich ja eh fast nicht zu hause bin, und ziehe das auch mit disziplinierter Freude durch. Aber manchmal, manchmal frage ich mich wie man das viele, viele Tage aushält. Ganze Tage.

Ich rede mir dann ein, dass irgendwelche weiblichen Hormone schon vermutlich dafür sorgen, dass das alles Spaß macht. Hoffe ich zumindest. Und in der Tat ist Ms. Essential da auch ungefähr eintausend Mal hingebungsvoller und geduldiger als ich. Aber trotzdem kriege ich natürlich mit, dass der natürliche Drogencocktail auch für sie nicht immer ausreicht.

Ich mache dann pragmatische Vorschläge, wie sich irgendwelche „Ich kann nicht kochen weil Nummer 4 mir heulend am Bein klebt“-Situationen besser meistern lassen. Leider helfen meine Ideen nicht, aber ich habe es wenigstens versucht.

Und kann meinen Horror bei der Vorstellung, das alles selber hinbekommen zu müssen, so gekonnt verbergen.

Liebe Ausländerfeinde

Es ist mittlerweile kaum noch von der Hand zu weisen, dass es in Deutschland einen ganzen Haufen von Menschen gibt, die Fremde nicht besonders gerne mögen. Vor allem nicht die Art von Fremden, die zu uns kommen, weil sie irgendetwas brauchen (oder „wollen“).

Diese Menschen fabulieren sich zusammen, dass ihnen ihr Hartz 4 gekürzt wird, damit es an die ganzen fiesen Flüchtlinge ausgeschüttet wird. Oder dass die Fremden ihnen bald ihren prekären Job wegnehmen werden. Oder ihnen ihre sonstigen Sozialleistungen streitig machen.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich kann das verstehen! Wenn ich außer dem Glück, in Deutschland in ein funktionierendes Sozialsystem geboren worden zu sein, auf der Habenseite auch so wenig zu vermelden hätte, würde ich mir auch Gedanken machen. Das sind halt größtenteils nicht die Globalisierungsgewinner, die hier Angst vor Kriegsflüchtlingen aus den Krisenherden dieser Welt haben.

Wobei, eigentlich haben sie ja Angst vor den fiesen Wirtschaftsflüchtlingen aus Albanien und so. Dabei wollen die doch eigentlich das gleiche wie sie: Unterstützung vom deutschen Staat, weil sie aus irgendwelchen Gründen mit dem, was sie selbst erwirtschaften können, nicht glücklich werden. Dabei haben die Flüchtlinge ihnen eigentlich sogar etwas voraus – denn sie haben es immerhin trotz widriger Umstände in ein neues Land geschafft, um einen Neuanfang zu wagen. Der ihnen ja auch noch sehr, sehr häufig verwehrt wird.

Ich kann absolut verstehen, dass wir kritisch prüfen wollen, wem wir hier Schutz gewähren. Allein schon damit der Schutz, den wir geben können, auf die Bedürftigsten verteilt wird. Ich kann aber nicht verstehen, wie sehr hier eine Alltagsfremdenfeindlichkeit vielleicht nicht salon-, aber doch immerhin stammtischfähig ist.

Deshalb habe ich mir überlegt, wie sich das Problem lösen lässt. Das ist nämlich eigentlich sehr, sehr einfach.

Liebe Ausländerfeinde, Ihr habt Angst vor der Überfremdung? Davon dass Euer Stadtteil von den falschen Menschen annektiert wird? Das ist blöd, denn wir Deutschen kriegen ja nun mal viel zu wenige Kinder. Wir brauchen die bösen Fremden sogar, insbesondere die, die besser qualifiziert sind als Ihr. Sonst geht das hier mit der schönen Wirtschaft, die Euch zwar fast abgehängt, aber immerhin nicht hängen gelassen hat, nicht ewig so weiter.

Deswegen möchte ich Euch einen Rat geben:

Bekommt doch erstmal drei, vier stramme deutsche Kinder. Sorgt dafür, dass diese optimal ausgebildet sind und produktive Mitglieder der deutschen Volksgemeinschaft werden. Und dafür, dass Ihr dabei der deutschen Volksgemeinschaft nicht auf der Tasche liegt, sondern Euren Beitrag leistet.

Ich kann Euch sagen, das ist ziemlich anstrengend. Kostet ziemlich viel Zeit. Und Nerven. Ihr werdet dann gar keine Zeit mehr haben, Flüchtlingsheime anzuzünden und blödsinnige Parolen zu rufen. Oder das Internet mit Hasskommentaren vollzuspammen.

Aber Ihr werdet das gar nicht mehr vermissen, weil die Flüchtlinge plötzlich keine Bedrohung mehr sind, sondern Menschen, die Hilfe brauchen.

Ihr habt doch nur Angst, das Mama Euch ein kleineres Stück Kuchen gibt. Backt Euch doch selber einen Kuchen.