Kindergedanken – heute: Tragen

Kindergedanken – heute: Tragen

Nummer 4 bietet mir eine wunderbare Möglichkeit: Da er sprachlich überaus gut entwickelt ist, kann er seine Gedanken ausdrücken. Und so erhalte ich Einblicke in die Gedankenwelt und Wahrnehmung eines Kleinkinds.

Er erinnert sich auch an viele verschiedene Dinge aus seiner Babyzeit. Er erzählte zum Beispiel:

„Als ich geboren wurde, das war gut. Da gab es ein Loch für mich und davor eine Rutschbahn. Und dann sehr viel Licht. Dann haben wir gekuschelt.

Da fällt einem nix mehr ein, außer zu sagen: Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass die Wahrnehmung eines Menschen von Beginn an funktioniert. Der Satz „Daran kann sich das Kind eh nicht mehr erinnern!“ fällt somit weg.  Erlebnisse prägen uns und hinterlassen unsichtbare Spuren in unseren Gefühlen und auch in unserem Körpergedächtnis. Und diese bleiben für immer. Selbst dann, wenn wir uns nicht mehr bewusst erinnern können.

Nummer 4 und das Tragen

Nummer 4 war ein High Need Baby. Ein Kind, das man nie ablegen konnte, außer als er einige Monate alt war, in eine elektronische Schaukel – ich hätte niemals gedacht, dass ich je so verzweifelt sein würde, mir so ein Teil anzuschaffen. Aber man lernt nie aus. Auch das vierte Kind bringt seine Lehren mit sich.

Tragen war voll sein Ding: Legte man ihn auch nur neben sich auf das Sofa, kam deutliche Unzufriedenheit auf. Einschlafen im Liegen war doof. Vielmehr sollte ich ihn besingen und tragen. Gerne auch eine Stunde lang oder mehr. (Habe ich erwähnt, dass ich irgendwann schlimmste Rückenprobleme hatte?)

Klar, wir wissen alle: Babies brauchen Nähe und Geborgenheit. Manche eben rund um die Uhr. Ich wollte nun herausfinden, wie sich das Abgelegtwerden für ein so Nähe bedürftiges Kind genau anfühlt.

Daher befragte ich ihn zu diesem Thema:

Ich: „Nummer 4, warum wolltest du als Baby eigentlich nie Liegen, sondern nur getragen werden. Wieso hast du immer geweint, wenn man dich hingelegt hat?“

Er: „Das waren eben Gefühle.“

Ich: „Was denn für welche?“

Er: „Ich hatte Angst vor den Geistern. Da waren immer drei Geister. Einer war Helllila, einer Blau und einer Orange. Und die waren immer da und wollten meine Milch wegtrinken.“

Ich: „Und wenn ich dich getragen habe, dann waren die nicht da?“

Er: „Doch, aber du hattest keine Angst vor denen. Und dann hatte ich eben auch keine. Tragen liebe ich.“

Ich: „Und waren die auch da, wenn du einschlafen solltest?“

Er: „Ja, die waren dann auch da. Du hast dich dann neben mich gelegt. Und dann haben die Geister sich zu dir gelegt. Du hattest keine Angst und da hatte ich auch keine mehr. Jetzt habe ich aber gar keine Angst mehr vor denen. Jetzt trinke ich Tee und keine Milch mehr. Und die sind meine Freunde geworden. Weil ich groß bin. Wenn man groß wird, hat man einfach keine Angst mehr vor den Geistern.“

Ich bin ziemlich dankbar für dieses Gespräch.

Ich habe die Geister als Gefühle verstanden oder gedeutet. Als archaische Existenzängste, also ein noch nicht entwickeltes Urvertrauen und die innere Anspannung, die daraus resultiert.

Inzwischen fühlt er sich nicht mehr abhängig – er kann schließlich Tee trinken ❤

Und da befallen sie ihn nicht mehr, diese Gefühle.

Sind faszinierende Einblicke, oder?

 

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20 Gedanken zu “Kindergedanken – heute: Tragen

    • Hey liebe Susanne,

      ganz genau das finde ich auch. Es ist so einfach, die Bedürfnisse derer zu übersehen, die sich (noch) nicht ausdrücken können. Und diese Sätze zeigen es einmal mehr: Der Mensch ist von Anfang an wahrnehmungsfähig und hat sehr viele Bedürfnisse, die respektiert werden wollen.

      Liebe Grüße 🙂

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      • Man muss sich auch klar machen, dass auch wenn man sich als erwachsener nicht mehr erinnert: im Unterbewusstsein sind diese Dinge abgespeichert. übermäßige Angstreaktionen, Selbstzweifel oder Bindungsängste können auch aus dieser Zeit stammen.

        Gefällt 1 Person

      • Unserer „Nummerierungen“ sorgen manchmal für Verwirrung, daher habe ich es erklärt.
        Ja, für 2,5 Jahre ist so etwas durchaus faszinierend. Ich bin wirklich dankbar dafür.
        Seine Wahrnehmungsfähigkeit ist einfach …speziell. Zum Beispiel:
        Unsere Kinder nennen ihre Papa „Dada“ oder „Dad“. Wenn wir aber bei Freunden oder überhaupt bei familienfremden Personen sind, dann sagt Nummer 4 immer: „Mein Papa hat dies oder das…“
        Er differenziert zwischen „unserer Ausdrucksweise“ und der „allgemeinen Ausdrucksweise“. So als befürchte er, die Anderen verstünden nicht, wer dieser „Dada“ ist.

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  1. Sehr faszinierend! Kenne ich von meinem Großen auch – er fing nur später an, da er seine Sprache auch erst mit 2,5 Jahren entdeckte 😉 …

    Leider sind seine Geschichten weniger schön mitzuhören, da sie häufig von seiner traumatischen Geburt und seiner anscheinend voller Angst erlebten Zeit auf der Kinderintensiv handeln…. 😦 Manchmal ängstigen mich diese Geschichten, obwohl ich weiss, dass Kinder ein sehr frühes Erinnerungsvermögen haben, auf dass sie auch bewusst zu greifen können.

    Ich finde es wundervoll, dass du dieses Gespräch aufgeschrieben hast – ich sollte es auch viel öfter tun ❤

    Liebe Grüße
    Mother Birth

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    • Hey Mother Birth,

      danke, dass Du Deine Erfahrungen hier teilst<3

      In der tat hinterlassen Krankenhausaufenthalte tiefe Eindrücke – ich kenne das aus dem Freundeskreis durch ein Kind, das mit einem halben Jahr eine größere Herz-Operation erleben musste und danach stark wesensverändert war.
      Aber: Solange das Kind so viel Vertrauen hat, sich Dir mitzuteilen, können seine Irritation heilen und das ist ein schöner Prozess. Auch wenn der Auslöser – das Krankenhaus – so intensiv war.

      Ganz liebe Grüße ❤

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  2. Was ich an der ganzen Nummer hier hochgradig gruselig finde: ich erinner mich noch an das erste Bild, mit dem dein Mann Nummer 4s Ankunft verbloggt hatte. Wo ist bitte die Zeit geblieben????!

    Ansonsten toll, wie weit er sprachlich ist, anstrengende Tragebabys scheinen da vorne zu sein, wenn ich an unsere Grosse denke.

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  3. Es ist wirklich faszinierend, was dein Kleiner da sprachlich ausdrücken kann und was er inhaltlich sagt! In der Literatur habe ich bereits darüber gelesen, dass Menschen sagen, dass sie sich an ihre Geburt erinnern könnten. Speziell erinnere ich den Bericht eines Jungen mit ASS, der zunächst lange nicht sprechen konnte und als er dann eine Möglichkeit fand sich mitzuteilen, sehr viele Dinge von seiner Geburt und frühester Kindheit nennen konnte. Es wird bestimmt noch spannend für euch werden, das Leben mit diesem besonderen Kind zu teilen!
    Liebe Grüße schickt Rahel 🙂

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  4. Liebe Lareine,
    ich finde es auch Wahnsinn, wie toll sich Nr. 4 ausdrückt. Und ich dachte immer, dass meine Kleine auch gut spricht, aber da habe ich mich wohl vertan 🙂
    Ich finde Deine Interpretation zum Tragen ganz interessant. Ich dachte zuerst an seine Schwestern (wegen der Farben). Aber das ist halt so ein Deutsch-LK-Ding…
    Schön, dass Du wieder regelmäßig hier bist!
    Liebste Grüße
    Michi

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  5. Ich musste auch an seine schwestern denken, selbst wenn das nachkommende Geschwisterkind geliebt wird, ist ja oft eine dezent eifersucht da, klingt als hätte er die gefühlt, aber mittlerweile wissen alle wieder sicher dass,jeder gleich geliebt/keiner aufmerksamkeit streitig macht, darum sind alle Freunde.

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    • Liebe Bibi,

      auch diese Deutung wäre möglich, wobei eigentlich nur die Jüngste leicht eifersüchtig war. Unsere beiden Großen sind schon eher bemutternd ihm gegenüber gewesen als er geboren wurde.

      Zumindest empfand er Angst, abgelegt zu werden und diese konnte er dadurch ausdrücken, was mich sehr fasziniert hat.

      Liebe Grüße ❤

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