Freiwillig verwaist – über den Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern

Dieser Artikel von Paulas Blog hat mich bewegt und dazu gebracht, zu diesem Thema meine Gedanken zu äußern.

Ich habe – wer hier schon etwas länger liest, weiß es vielleicht – (alle anderen können hier nachschauen) eine dieser „schweren Kindheiten“.

Ich möchte aus Respekt für Betroffene der Themen Kindheitstraumata, sexualisierte Gewalt und psychisch kranke Eltern eine Triggerwarnung vorwegschicken. Und natürlich lasse ich zudem unnötig verst Details aus – auch wenn ich Sachverhalte beschreibe.

Zeit ist vergangen

Vor rund fünf Jahren sprach ich das letzte Mal mit meiner Mutter. Es ist nun drei Jahre her, dass ich mich auch gegen einen weiteren Kontakt zu meinem Vater entschied.

Wie geht es mir damit eigentlich?

Nun ja. Gemischt.

Ich trauere, weil ich nie so eine Mutter hatte, wie ich sie mir vorstelle: Eine liebende, mich wohlwollend betrachtende und verantwortungsbewusste Frau, die für mich da ist, mit der ich mich austausche und die mein Leben durch ihre Persönlichkeit bereichert. Manchmal nervt, mich Dinge lehrt, mit der ich Konflikte austragen und mit der ich gemeinsam wachsen und reifen kann.

Mutterliebe 2

„Ich begleite Dich, meine Gedanken sind bei Dir und Du in meinem Herzen, mein Kind.“ Soweit die Idealvorstellung

Ich würde mich gern ein wenig gestützt und beschützt fühlen. Durch eine Mutter an meiner Seite. Ich würde gerne manchmal anrufen und sagen: „Hey, Nummer 1 hat heute eine 2 in Französisch mitgebracht!“ und sie würde sagen: „Wow, toll, da hat sich das ganze Üben ja gelohnt. Gib sie mir doch mal eben, ich will sie unbedingt loben!“

Oder ich hätte sie letztes oder vorletztes Jahr angerufen und gesagt: „Puh, Mama, ich bin echt fertig und angestrengt. Die Kinder, das Baby, die Hyperthyreose, der Wasserschaden. Meine Ärztin befürchtet, ich könnte total erschöpfen …“ und sie hätte gesagt:“Ach Mensch, ja, ich weiß. Das ist aber auch alles viel für dich. Ich komm vorbei und schaue, wie ich dir helfen kann, okay?“

Da mein Vater eher einer dieser Randfiguren-Väter war vermisse ich ihn als „Rolle“ weniger. Aber auch. Ich vermisse, nie einen Vater gehabt zu haben, der sich wirklich interessierte oder verantwortlich fühlte. Einen, der nicht in seinen Gefühlen launisch, schon gar nicht beängstigend gewesen wäre und mich vielleicht sogar ab und an mal beschützt hätte.

Er hätte mir Mut zugesprochen und wäre stolz auf mich gewesen.

Soweit die Phantasie.

Wunschbilder und Wirklichkeit

Ich vermisse in der Tat auch diese beiden Menschen, mit denen ich die ersten zwanzig Lebensjahre unter einem Dach verbrachte.

Und doch betrauere ich am meisten das, was ich niemals hatte:

Ich habe kaum schöne Kindheitserinnerungen. Kaum eine Erinnerung daran, wie ich ganz losgelöst und unbelastet war. Dauernd fühlte ich mich nicht gut genug, war innerlich gehetzt und dachte, ich sei nicht viel wert. Ich war immer auf der Hut vor Launen, Stimmungsschwankungen und den verschiedenartigen Attacken sowie Ausbrüchen, die das nach sich zog. Mal diese subtilen Untertöne, mal direktes Lächerlichmachen, dann wieder totale Begeisterung für mein Tun und kurz darauf eben wieder Frustration und Wut. In einer solchen Gesellschaft wächst man nicht unbesorgt auf.

In Wahrheit war es mehr als nur der Mangel an Stabilität: Ich war ein tief, tief traumatisiertes Kind, das Jahrzehnte brauchte, um aufzuarbeiten, was passiert ist.

Ich vermisse die Mutter nicht, mit der ich Dinge erleben musste, die bis heute als tiefsitzende, frühkindliche Todesangsterfahrung in meinen Knochen (und meiner Amygdala, dem Angstzentrum im Gehirn) sitzen und gegen deren Auswirkungen ich trotz aller Selbstreflexion- und analyse, trotz mehrjähriger Therapie und trotz allen Wissens immer wieder ankämpfe. Oder besser ausgedrückt: Mit denen ich leben lernen musste.

Dieses folgende Gefühl habe ich da, wo ich gerne eines von Geborgenheit hätte: „Meine Mutter sagt, sie liebt mich. Aber sie beschützt mich nicht nur nicht, sondern ist Mittäterin, ja eigentlich sogar Initiatorin. Sie hätte mir beinahe mein Leben genommen, weil sie in ihrem Wahn unaufmerksam und es für mich dadurch gefährlich wurde.“

Ich habe das nicht vergessen, es war lediglich verdrängt. Wie so viele andere wirklich hässliche Dinge und Details.

Reifliche Überlegung

Ich habe sehr viel Verschiedenes über meine Entscheidung des Kontaktabbruchs nachgedacht. Ich dachte:

„Sie können nichts dafür, dass sie so sind wie sie sind. Sie brauchen mich vielleicht.“

„Andererseits habe ich es satt, dauernd Verständnis für sie zu haben, nur weil ich dazu in der Lage bin. Ich bin nicht deren Mutter!“

„Ob meine Mutter an mich und ihre Enkel denkt? Ist sie in der Lage uns zu vermissen? Oder ist das bei ihr so, wie bei vielen Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung: Aus den Augen – aus dem Herzen. Keine Objektkonstanz? Wer nicht da ist, den spüre ich auch nicht. Oder so?“

„Ob mein Vater unser letztes Telefonat bedauert? Oder ist er zu stur oder selbstverliebt? Zu wenig fähig, sich selbst kritisch zu betrachten. Ist er also so wie immer?“

„Ich vermisse es, wenigstens das Bisschen als Mutterliebe zu bekomme, was ich eben so bekam. Das tut wirklich be*** weh!“

„Wenn ich mir vorstelle, wie sie sich einreden, wie böse und gemein ich bin, dann könnte ich ausrasten!“

„Schade, dass mir das Weinen so schwer fällt. Ich wette, ich würde mich besser fühlen, wenn ich diesen Part des Trauerns zulassen könnte.“

„Wenigstens meine Kinder haben eine Mutter, die für sie da ist und sie liebt. Sie fühlen sich sicher und stark. Das ist das Wichtigste.“

„Ob ich meiner Mutter wenigstens mal Fotos von ihren Enkel zukommen lassen soll? Sie kennen ja beide Nummer 4 überhaupt nicht. Interessiert es sie überhaupt? Denken sie einen Hauch so viel über mich nach, wie ich über sie?“

„Was ist, wenn ich ihnen Unrecht tue? Was, wenn ich wirklich unerträglich und verrückt bin? Charakterlich deformiert und gestört? Vielleicht weiß ich das ja nur nicht! Oh Gott, was, wenn ich verrückt bin und meine armen Eltern verstoße, die nur versuchen, für mich da zu sein und mich lieben … halt nein: Da merke ich gerade, dass es so ja nicht ist. Denn dann wären sie vermutlich da und würden versuchen, mir zu helfen …“

„Es ist, als wären sie tot und ich würde trauern. Aber sie leben. Ich bin es ja, die sie quasi sterben lässt. Ein klassisches ‚Für mich seid ihr gestorben‘ -das ist sehr heftig.“

„Ich bin eine miese Tochter. Ich sollte mehr Verständnis für die beiden haben. Ich war immer diejenige, die sie innerlich bemuttert hat und die Verständnis für sie hatte. Und nun lass ich diese beiden armen, psychisch gestörten Menschen einfach sitzen.“

„Ist das Liebe, was ich für sie empfinde? Ist das gut? Sollte ich mir das irgendwie abgewöhnen? Diese verfluchten unkündbaren Beziehungen…!“

„Wow, wer keine Eltern hat, der ist dazu gezwungen, so richtig erwachsen zu sein. So ohne Netz und doppelten Boden. das wiederum finde ich sehr stärkend. Ich kann nicht mal eben meine Eltern um Hilfe bitten und ich trage die gesamte Verantwortung für mein Leben selber.“

„Oh Mann, wer keine Eltern hat, der kann nie mal eben nach ihnen rufen oder sie um Rat bitten oder mit ihnen über alte Geschichten lachen. Das ist sehr schmerzhaft.“

Wölfe, Gérard van Drunen

„In meiner Vorstellung traumhaft: Leben in einem Rudel“             (Foto: van Drunen)

In der Tat sagen unsere Großen manchmal etwas wie: „Mama, es ist echt krass, dass du uns etwas geben kannst, das du selber nie hattest. Und so viel davon! Woher nimmst du all das, wenn du es nie bekommen hast?“

Aus meiner Liebe. Und dem Wissen daraus, wie schlimm es sich anfühlt, wenn es fehlt.

Time to say Goodbye …

Ja, ich muss mich verabschieden. Von meinen verträumten Wünschen, meinen sehnsuchtsvollen Gedanken, von meinen Bedürfnissen nach elterlicher Liebe und Begleitung.

Viele Menschen sagten mir schon: „Du hast du doch deine eigene tolle Familie!“

Ja. Schon. Aber das hilft so viel wie das übliche „Du hast ja noch ein anderes Kind“-Trösten nach einer Fehlgeburt hilft.

Ich bin wirklich fast täglich dankbar für meine Familie. Sogar, wenn sie mir gehörig auf den Zeiger geht. Aber es ist doch nicht verwerflich, sich zusätzlich eigene Eltern zu wünschen anstatt ausschließlich dauerdankbar dafür zu sein, selbst welche sein zu dürfen.

Ich habe letztlich keine Fotos für sie gemacht. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich sie meiner Mutter zukommen lassen sollte. Ich weiß nämlich nicht, wo sie gerade wohnt. Die letzte Information war, dass sie mit dem schwer autistischen Sohn ihres verstorbenen besten Freundes zusammenlebt und sich um ihn kümmert. Für ihren eigenen autistischen Sohn hatte sie so viel „Liebe“ nicht übrig.

Aber gut. Was soll ich darüber nachdenken? Sie besteht eben aus Bildern, die sie sich von sich selbst macht. Sie ist gerne die Helfende und Unterstützende. Da, wo ihr diese Darstellung gefällt. Da, wo sie damit etwas gewinnen kann. Und da ich ihr ja als Tochter sicher war, ebenso wie meine Liebe – die bei Kindern ja mitgeliefert wird – war dies bei mir unnötig.

Und hier schließt sich mein Gedankenkreis: Was würde mir persönlich ein Kontakt bringen?

Nichts Gutes.

Nur etwas Schein.

Und dafür gebe ich nichts auf. Nicht mehr. das habe ich Jahrzehnte lang getan. Um mich am Ende ungeliebt zu fühlen und zu begreifen, dass ein Mensch wie sie tragischer Weise niemals wirkliche Liebe empfinden kann. Das ist sehr traurig. Für sie ebenso wie für mich.

Ich betrauere im Grunde sehr viel mehr als den Verlust, den meine Entscheidung mit sich brachte:

Ich sehe in meiner Mutter ein kleines Mädchen, das tief verletzt wurde und diese schwere Bindungsstörung entwickelte, mit der sie wiederum bei ihrem kleinen Mädchen schwere Verletzungen verursachte. Und ich weiß inzwischen, dass ihre Verletzung nur eine in einer langen Reihe war, die sich über Generationen weitergab. Laut Einschätzung meines (unglaublich dankenswert kompetenten) Therapeuten handelt es sich um einen etablierten transgeneratorischen Missbrauch in der mindestens fünften Generation.

Daher entschied ich vor langen Jahren, diesen zu stoppen. Ende. Ich wollte, dass ich als letztes Opfer das ganze beende. Es war, wie sich vor einen rauschenden D-Zug zu stellen, um ihn wie Superman aufzuhalten. Superwoman in diesem Fall. Ich in diesem Fall.

Und es lohnte sich. Ich sehe meine Kinder, sie sich selbst annehmen wie sie sind. Die eine Tochter eher schüchtern, aber stets im inneren Wachstum. Die andere lange Zeit mit der Thematik des Mobbings konfrontiert, aber von uns unterstützt und begleitet. Die Dritte wibbelig und voller Energie, eine Quasselstrippe voller tiefer religiöser Werte und einem wunderbaren Sozialverhalten. Und natürlich der Kleine, der von einer Bekannten immer als „Glücks-Baby“ bezeichnet wurde, weil er genau dies ausstrahlt: „Mir geht es gut, ich bin vollkommen glücklich und angenommen.“

In mir ist Trauer.

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Aber auch viel Liebe. Dankbarkeit und ich bin achtsam geworden. Mein Schicksal machte mich sensibel, empathisch und sehr stark. „Mich haut so schnell nichts um!“ sage ich manchmal und das fühlt sich gut an.

Ein mittlerer Burnout und eine Angststörung – das ist alles, was ich davon trug. Und Trauer. Und Misstrauen. Das ist okay für mich. Ich bin stark, nicht persönlichkeitsgestört, nicht essgestört, nicht drogensüchtig, nicht narzisstisch. Nix. Und ich bin dankbar dafür. Mir selbst auch.

Mit dieser Entscheidung bin ich nicht allein

Vielen Menschen geht es wie mir – das fiel mir auf, als ich den oben erwähnten Artikel las.

Diese schwierige Entscheidung. Und dauernd Zweifel daran. Die Trauer, das Ziehenlassen der Hoffnungen und der eigenen Bedürfnisse. Und dann die Fragen aus dem Umfeld, die irritierten Blicke und auch manchmal die Kommentare, all das.

Dennoch akzeptiere ich die Tatsache des Verlusts, der im Grunde nie einer war, weil einfach bestimmte Elemente nie wirklich in meinem Leben waren.

Ich akzeptiere meine Trauer, meine Wut auf und auch die Liebe, die trotz allem da ist. Ich bin an all dem gewachsen und es gab mir Fähigkeiten.

Und – was mir beim Lesen des Artikels noch auffiel: Ich bin nicht allein damit.

Und Ihr anderen „freiwilligen Waisen“ seid es auch nicht ❤