Die Mutter-Kind-Kur, Epilog

Wie angekündigt schreibe ich nun, wie es nach der Rückfahrt von der Kur mit Reifenpanne weiterging.

Wir warteten also zwei Stunden auf den ADAC, es war inzwischen kalt und dunkel, der gelbe Engel telefonierte im Auto mit der Zentrale, um abzusprechen, wie es nun weitergehen sollte.

Einen Mietwagen wollte ich nicht, weil a) Nerven am Ende und keine Lust auf noch über 2 Stunden Fahrt mit 4 Kindern, die allesamt Hunger hatten. Wie ich auch. Und weil b) im Mietwagen kein passender Autositz für Nummer 4 sein würde und ich den Reboarder nicht im Dunkeln und ohne Anleitung würde umbauen können und weil c) ich nicht am kommenden Tag wieder 5 Stunden Fahrt erleben wollte, um mein Auto abzuholen und gegen den Mietwagen zu tauschen.

Ich klopfte an die Scheibe des ADAC-Mannes und teilte ihm die Sachlage mit. Er nickte und berichtete dem Menschen in der Zentrale.

Als er ausstieg teilte er mir mit, dass man für uns ein nahes Hotelzimmer suchen würde und wir dann morgen mit ausgetauschten Reifen zurückfahren könnten. Ich stimmte zu und folgte dem gelben Wagen im Schneckentempo zur nächsten Werkstatt. Dort informierte ich Mr. Essential und der schwang sich in Richtung Bahnhof aus dem Haus:

„Wir freuen uns schon seit drei Wochen auf diesen Tag, an dem wir wieder alle zusammen sind. Ich habe eine BahnCard – ich komme nach Paderborn.“

Ich telefonierte mit dem ADAC-Zentralen-Mann, um mitzuteilen, was genau für eine Unterkunft wir denn brauchten:  Fast alle Hotels waren wegen des Weihnachtsmarktes ausgebucht und unsere Ansprüche (6 Personen inklusive Kleinkind, das Babybett braucht) erschwerten die Suche.

Derweil versorgten sehr liebenswürdige Werkstattmitarbeiter*innen meine Kinder mit Gummibärchen und Malblättern. Es dauerte wieder eine kleine Ewigkeit, bis es weiterging. Ich telefonierte mehrere Male mit dem ADAC-Zentralen-Mann, der sein Bestes tat, ein Hotel für uns zu finden und dann mit einem Taxiunternehmen nach dem anderen: Keines hatte einen Wagen mit Kindersitz. Also absolut keines.

Letztlich blieb mir nichts übrig: Ich musste den Sitz von Nummer 3 (Sitzerhöhung mit Rücken- undKopfschutz) nehmen, sie so wie möglich einstellen und Nummer 4 reinsetzen. Nummer 3 kam auf eine eingebaute Sitzerhöhung.

Luxus pur, fast gratis

Der Taxifahrer schlich dann mit 40 km/h los und brachte uns in das Vier-Sterne-Hotel, in dem wir die Nacht verbringen würden.

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Das Fenster vom Bad ins Zimmer war prima um beim Duschen fernzusehen – ein Lautsprecher lieferte den Ton dazu …

Wir checkten ein, verteilten uns auf die drei Zimmer und trafen uns dann alle in meinem Zimmer. Ich schaltete den Fernseher ein – eine seltsame Erfahrung (ich tue das ja höchstens ein Mal im Jahr) und kaum saßen wir, wuselte Nummer 4 herum, fummelte alles interessiert an, klaubte den Kuli vom Schreibtisch, wollte damit die Wand bemalen und so weiter. Ich atmete ruhig in den Bauch, um nicht in Stress zu verfallen …

Für ihn stand ein Reisebett (auf dem Bild rechts zu sehen) am Fußende des Bettes. Ich fragte mich, wie wir da nachher gut einschlafen sollten. Denn ich würde nicht um 20 Uhr müde sein – Nummer 4 jedoch schon …

Unsere Mägen knurrten und in Anbetracht der Tatsache, dass das Kleinkind mit seinen verständlicher Weise neugierigen Patschehändchen meine verständlicher Weise malträtierten Nerven malträtierte, sprang ich auf.

Wir holten uns etwas zu essen (Pommes mit dick Mayo!) und begegneten auf dem Weg in der Tat doch den drei netten gelben Engeln aus der Werkstatt, die uns eine Dönerbude empfahlen, woraufhin wir ihnen einen schönen, späten Feierabend wünschten.

Später kam Mister Essential an, wir freuten uns alle sehr, zusammen zu sein und unterhielten uns ein bisschen. Nummer 3 und Nummer 4 durften derweil baden und durch das Fenster im Bad zu uns winken. Dann verteilten sich Nummer 1 und 3 in ihr Zimmer sowie Nummer 2 in ihr Einzelzimmer.

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Die Aussicht war toll – kann das Foto kaum wiedergeben

Die Nacht war so … ha, ha … speziell. Zuerst wollte Nummer 4 in das Reisebett. Dann nicht mehr. Mister Essential brachte die Größeren zu ihren Zimmern und so war ich mit dem Toddler alleine. Es war richtig spät – so gegen 22:30 Uhr. Ich legte mich kurzerhand mit ihm hin und lenkte ihn mit einem „Der Sendung mit der Maus“ auf Amazon Instant von der Tatsache ab, dass er schlafen sollte. In einer fremden Umgebung. Und eigentlich lenkte die Maus auch mich ab.

Ich kuschelte mit ihm und  – er schlief nach wenigen Minuten ein. Mister Essential gesellte sich dazu. Zuerst war es sehr süß, flüstern zu müssen und den schlafenden Süßmann zu beobachten. Nach einer halben Stunde war das Süßfinden jedoch aufgebraucht und ich versuchte, aufgedreht wie ich nach so einem Tag war, irgendwie zur Ruhe zu kommen. Ich machte mir also ganz, ganz leise „Die Barbiere“ von Mark Twain an (Kurerprobte Einschlaf-Hilfe, Ihr wisst?).

Kaum fielen endlich meine Augen zu, rollte sich Nummer 4 quer in’s Bett. Ich lag auf den berühmten 30 Zentimetern und war hellwach. Ich sah zu Mister Essential: Ihm ging es genau so. Der Rest der Nacht verlief so: Kaum waren wir eingeschlafen und manchmal im REM-Schlaf, setzte sich Nummer 4 im Bett auf, sah sich um und legte sich wieder hin. Wir waren hellwach. Oder er trat. Oder er summte. Oder er legte sich quer. Oder er rollte sich. Dabei öffnete er nie die Augen. Wir aber jedes Mal

Morgens sah er sehr zufrieden aus. Und wir genau so, wie wir uns fühlten: Wie die Zombies.

Mister Zombie: „Das war also meine erste Nacht mit Familienbett,“ er schlurfte mit nach vorn ausgestreckten Armen Richtung Bad, wo er sich auf den Badewannenrand sinken ließ und sich gähnend das Gesicht rieb, „und meine letzte.“

Wir wussten gleich, wir würden uns noch oft daran erinnern und es lustig finden, wie so viele Dinge im Leben, die man hinterher umbewertet, wenn die negativen Effekte erst verflogen sind.

 

Das Frühstück war sehr gut – es gab ein riesiges Büffet und wir besprachen schon mal die anstehende Weihnachtszeit, um an etwas Schönes zu denken und den Stress des vergangenen Tages loszulassen.

Nach dem Frühstück gingen Mister Essential, Nummer 3 und Nummer 4 ein bisschen bummeln. Bei dieser Gelegenheit entdeckten wir einen kleinen Laden für Abend- und Brautmoden. Dort suchten wir dann spontan die Kommunionsschuhe für Nummer 3 aus. So hatten wir ein sehr schönes Andenken an den Trip nach Paderborn. Anschließend vertrieben wir uns die Wartezeit auf mein Auto damit, ein paar Klamotten aus dem Sale einer großen Modekette zu erstehen. Hier waren auch die beiden großen Mädels dabei.

Gegen Mittag fuhren wir dann nach einem Snack los in Richtung Heimat.

Wo wir ohne Zwischenfälle ankamen.

Endlich zuhause

Es war so picobello ordentlich. Bis wir unsere 100 Koffer und Taschen und Tüten hineintrugen.

Nummer 3 meldete an, ihr sei etwas blümerant – aber sie ging im allgemeinen Auspacken und Räumen etwas unter. Und irgendwie schoben wir es auf die Fahrt. Oder so.

Nun kam dann auch endlich der Moment, auf den ich mich so gefreut hatte: Es gab Glühwein und der Adventskalender konnte ausgepackt werden.

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Es muss das „Innere Kind“ in mir gewesen sein, das sich so sehr darauf gefreut hatte: Der Adventskalender

Ich nahm die Schere, mit der wir nacheinander unsere Geschenke von der Gardinenstange schnibbeln würden und … es klingelte an der Tür.

Nummer 3s Freundin, die sie sehr vermisst hatte, stand dort. Und schon konnte ich umsetzen, was ich in der Kur gelernt hatte. Ich wollte endlich diese schöne halbe Stunde mit der Familie. Nummer 3 wollte das auch, aber eben auch raus. Ich entschied, nachdem ich in mich gehorcht hatte, dass wir zuerst in Ruhe auspacken wollten, was Nummer 3 der Freundin mitteilte. Und diese mit: „Ich warte dann vor der Tür“ kommentierte. Da saß sie dann und trommelte mit den Fingern gegen die Scheibe. Nummer 1 ging darauf zur Tür und erklärte knapp den Sachverhalt mit der Bitte, bitte einfach nach Hause zu gehen – Nummer 3 käme dann zu ihr.

Das Auspacken war dann wirklich superschön und mit jedem Augenblick fühlte ich mich zuhause weniger fremd.

Wir packten weiter aus, Nummer 3 schwirrte ab.

Abends, als sie zurückkam war ihr noch blümeranter. Noch später musste sie sich dann übergeben. Nummer 1 trug ganz fürsorglich eine Matratze neben Nummer 3s Bett, um ihr vorzulesen. Nummer 3 hatte immer wieder Angst vor’m Brechen. Ich machte ein spontanes Puppenspiel mit ihrer großen Plüschbiene, der angeblich noch viiiiel schlechter war und die sich noch viiiiel mehr vor dem Brechen fürchtete. Sie lachte immer wieder tapfer. Und musste immer wieder brechen.

Nummer 1 schlief bei ihr, um sie zu beruhigen (Geschwister können großartig sein, hm?)

Der nächste Tag bestand aus Erledigungen und einem alltäglichen Erleben: Schule, Tagesmutter, Wäsche waschen …

Die Kinder hatten noch drei Tage Schule vor sich, dann würden die Weihnachtsferien starten. Mister Essential freute sich auf seinen Urlaub – einen Tag vor Ferienbeginn. Und ihm wurde blümerant. Und er bekam Nummer 3s Virus. Und ich kümmerte mich um ihn.

Und 48 Stunden darauf musste ich plötzlich zur Toilette rennen. Und ich lag echt zwei Tage flach. Und rannte zum Klo. Und ich hasse Erbrechen so sehr. Ich hatte immer richtig Panik davor. Überhaupt hatte ich Panik vor Magen-Darm-Infekten und den letzten erlitt ich als Nummer 3 ein Baby war – also vor fast 9 Jahren. Aber nun war es so weit und meine Kotz-Angst (Fachwort: „Emetophobie“) wurde zu einer Crash-Therapie.

Das war aber irgendwie toll, denn ich konnte einfach liegen, mich mies fühlen und Mister Essential arrangierte alles. Er brachte Nummer 4 zur Tagesmutter machte Homeoffice an seinen letzten beiden Arbeitstagen und ich musste nur zum Klo rennen. Und wurde meine Emetophobie los. Weil ich es ganz einfach nicht so schlimm fand. Obwohl es heftig war.

Meine liebe Freundin Cathérine hatte mal gesagt: „Du hast keine Angst vor’m Kotzen als solches. Du hast Angst vor Kontrollverlust. Aber in Wahrheit musst du dich mal so richtig auskotzen. Das täte dir gut. Wenn du mal brechen musst, dann tu es in dem Gedanken, endlich alles loszuwerden.“ Ja, das war sehr weise Kotz-Philosophie. Sie ist ohnehin eine sehr kluge und weise Frau, aber das nur nebenbei. Und so war sie es, an die ich dachte, während ich über dem Eimer hing. Freundschaftliche Romantik pur.

Ich freute mich in der Tat darüber, alles mal auszukotzen. Und als ich es los war freute ich mich auf Weihnachten und darauf, meine ganzen Lehrsätze und Leitideen der Kur umsetzen zu können. Sobald ich dazu käme. Wenn mal kurz das Leben anhalten würde, damit ich loslegen konnte. Das würde es ja ganz sicher bald tun. Oder?

Kurz nachdem ich diese Gedanken hatte trudelten in meiner WhatsApp-Gruppe der „Kur-Mädels“ die ersten Nachrichten vom vorweihnachtlichen Stress ein. Und davon, dass man es als Mutter eh vergessen könnte, mal zu entspannen. Und ich stellte mich beim Lesen innerlich auf stur:

„Ich werde definitiv einiges verändern. Dann dauert es eben! Nix da – Mütter könnten eh nicht entspannen!“

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Weihnachtsstimmung: Nicht immer einfach, sich einzulassen

Ich fand die Gefühle und Beobachtungen, dass es sauschwer ist, aus seinen inneren Programmen heraus zu kommen, so wertvoll! Weihnachtsstress rund um Kochen und Familienbesuch war da sehr geeignet. Ich las, was in meinen Kur-Kolleginnen vorging und spürte in mich hinein, was das genau mit mir machte. Welche Zweifel es ansprach und welche Hoffnungen.

Weihnachten

Weihnachten war, äh, ganz nett. Ich verbrachte 1,5 Stunden damit, herumzukriechen und den Müll der Geschenkverpackungen aufzuheben sowie Spielzeug aus ihren Verpackungen zu lösen wie einst Houdini sich selbst. Ich freute mich über meine eigenen schönen Geschenke. Und spürte nach, wie sich der Besuch meines Schwiegervaters und meiner Schwägerin anfühlte. Und fragte mich, was meine Mutter, mein Vater und mein Bruder wohl an diesem Abend machten. Und das machte mich traurig.

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Weihnachten mit gemischten Gefühlen, trotz funkelndem Baum

In den folgenden Tagen, die in das neue Jahr hineinführten, begriff ich, dass man lange braucht, um sich zu verändern. Und wie tief alte Programme sitzen. Ich freute mich, mich zur Kur-Nachsorge in meinem Wohnort (diese findet bei der Caritas statt) angemeldet zu haben, um mit diesem Prozess nicht alleine zu sein. Dort treffen sich sechs Mal zehn Frauen mit Burnout gemeinsam mit einer Therapeutin.

Dran bleiben!

Eine Therapeutin in der Kur hatte gesagt:

„Bitte denken sie nicht, sie kämen zurück in ihr Leben, seinen voller Kraft und würden lospowern und alles sei zugleich entspannter als vorher, weil sie es durch die Kur sind. Das Leben ist immer gleich. Nur sie sind es, die sich verändern kann, um ihm anders entgegenzutreten.“

Diese drei Sätze sind Gold wert. Denn genau so ist es. Man bekommt Impulse, die sehr wertvoll sind. Man muss sich der Erfahrung einer Kur ganz aussetzen. Dazu sollte man sehr achtsam sein, um wahrzunehmen, wie sich einzelne Anwendungen, Gespräche und Therapien anfühlen. Und wie man sich selbst verändert.

Es ist wichtig, Veränderung bedingungslos zu wollen und zu bejahen. Und es muss einem klar sein, dass Widrigkeiten auftreten werden. So als wolle jemand (das ist man in Wahrheit übrigens selbst) prüfen, ob man auch ganz sicher sei, etwas ändern zu wollen.

Der Alltag stoppt nicht. Mein Kalender ist nach wie vor fast täglich mit Terminen gespickt. Es geht zum Arzt, zum Kinderarzt, zur Kur-Nachsorge, mal zu einer Freundin oder zum Lehrergespräch. Dabei ist genau der gleiche Haushalt zu bewältigen. Die Herausforderungen sind gleich. Sie stressen mich nur nicht mehr wirklich. Außer, ich habe das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, weil es zu viel ist.

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„Rumms!“ Der Alltag ist wieder da …

Dann priorisiere ich Aufgaben. Und lege eine Anzahl fest (höchstens 4 Extra-Aufgaben neben dem alltäglichen Kram). Und der Rest kann mir für diesen Tag gestohlen bleiben. Die wichtigste Aufgabe nach oben, dann nach unten hin immer „unwichtiger werden“. Man erledigt von oben weg, was man eben schafft und lob sich in Gedanken für jeden Haken, den man danach setzt.

Abends kann man aufschreiben, was man alles bereits am Tag erledigt und geschafft hat. Man wundert sich meist, wie viel das war. Und wieder erkennt man dies vor sich an.

In diesem Leben habe ich schon genug mit- und durchgemacht. Ich lasse mich nicht mehr stressen, weil irgend jemand erwartet, dass ich einen Möhrenkuchen für die Lesefest backen oder bitte bereits gestern unterschriebene Schulzettel abzugeben habe.

Man muss innerlich täglich am Ball bleiben. Die Kur-Nachsorge ist eine sehr gute Unterstützung für mich bei diesem Prozess – das würde ich jeder Mutter nach der Kur empfehlen.

Soweit also zu meinem Ankommen im Alltag nach der Kur.

Epilog-Epilog

Ich habe mir übrigens ein neues Auto gekauft.

Klar, so: „Reifen kaputt- neues Auto muss her.“

Im Ernst: Es war für mich ein äußeres Zeichen, dieses Liegen-Bleiben auf nicht mal halber Strecke zwischen Erholung und Zuhause. Ich mochte meinen C8 sehr. Auch mit dem Platten. Er hatte sogar einen Namen – er war eigentlich eine Sie: „Madame Celeste“. Und wir nannte sie auch immer „Die Madame“, meinen eleganten, rauchgrauen Van.Und schaukelten auf ihren irre bequemen Sitzen in unsere Urlaube und durch den Alltag.

Und dann sah ich mein neues Auto stehen – genau da, wo wir uns nach der Rückreise beschweren gingen über die falsch eingestellte Spur. Der Schaden an „der Madame“ wurde behoben, das Autohaus, beziehungsweise die Werkstatt desselben, entschuldige sich. Und ich entdeckte meinen neuen Wagen. Schwarz, schnittig und mit Chrom und mit Alufelgen. Und mit Technick-Schnickschnack. Und seine Kofferraumklappe öffnet und senkt sich elektrisch. Und die Schiebetüren natürlich auch (damit hatte uns unsere Madame schon total verwöhnt und wollten darauf nicht verzichten) und überhaupt ist er großartig und hört auf Sprachbefehle, hat tausend Fahrassistenten und eine Rückfahrkamera und er zeigt mir die aktuellen Verkehrsschilder auf dem Display an und ich höre mein Hörbuch während der Fahrt via Bluetooth und, und, und … er ist ein Er, der „Señor“.

Das Auto steht in seiner Symbolik für die Art, sein eigenes Leben zu führen. In Träumen kann es ebenfalls ein Hinweis auf das eigene Leben sein. Träume, in denen man die Kontrolle über den Wagen verliert, eingeschlossen wird oder nicht bremsen kann, haben einen direkten Bezug zur Lebensführung. Da frage ich mich, was der Kauf des Señors bedeutet …

Wenn Interesse besteht, schreibe ich gerne noch über die Nachsorge und praktische Tipps für den Alltag, mit denen man ein positives Herangehen schulen kann. 

Mein Erfahrungsbericht: Die Mutter-Kind-Kur, Teil 3

Der letzte Teil meines Erfahrungsberichts umfasst die dritte Woche im Kurhaus sowie unsere (anstrengende) Rückfahrt.

Tag 16, Mittwoch

Heute ist Nummer 4s zweiter Geburtstag.

Wir haben am Vorabend noch Ballons aufgehängt und morgens schnell die Geschenke auf dem Bett drapiert. Heute werde ich lernen, dass es ganz egal ist, wo und wie man mit einem Kleinkind Geburtstag feiert. Er freut sich riesig über seine Stichsäge mit Werkzeugset und sein tolles Werkzeugbuch, das man mir in der wunderbaren Buchhandlung vor Ort empfahl sowie die anderen beiden Geschenke.

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Ein simpler Geburtstagstisch tut es auch: Mein Bett und die Geschenke. Als Deko hingen vier Ballons am Türschild. Reichte vollkommen aus.

Vormittags gibt es neben den allmorgendlichen Kneipp’schen Güssen eine Schulung für den Umgang mit Stress.

Diese finde ich sehr lehrreich. Zuerst lernen wir, wie sehr unsere Gedanken und unsere Sprache die Wahrnehmung formen. „Mir geht es gut,“ löst eine ganz andere Wirkung in einem aus, als „Boa, mir ist alles zu viel.“

Wir schreiben auf einzelne Karten, was wir zur Stressbewältigung normaler Weise tun. Die Karten legt jede Teilnehmerin nach Kategorien geordnet auf den Boden in die Mitte. Ich schreibe unter Anderem Nähen, Sport/Bewegung, Baden, Sex und Hörbuch hören auf. Unsere Stressbewältigungsstrategien besprechen wir und stellen fest, wie ähnlich sie sich sind. Zugleich inspirieren wir uns auch gegenseitig mit unseren Ideen.

Die Kursleiterin (die formidable Frau K.) erzählt uns abschließend die Geschichte eines Mannes, der jeden Morgen eine Hand voll harter Bohnen in seine rechte Hosentasche steckt. An jedem schönen Moment des Tages nimmt er eine Bohne heraus und lässt sie in die linke Hosentasche wandern. Am Ende des Tages schaut er sich die gesammelten Bohnen an und sagt: „Das war ein guter Tag. Es hat sich gelohnt, ihn zu erleben.“ (Soweit die Kurzfassung).

Netter Weise erhalten wir alle ein gefaltetes Täschchen: Ein Blatt, auf dem diese Geschichte aufgedruckt ist und das – eine Hand voll Bohnen enthält. Große und kleine Bohnen in verschiedenen Farben und Musterungen. Ich probiere die „Bohnen-Methode“ sofort aus. An einem schönen Tag wie dem Geburtstag unseres Nesthäkchens werden es viele Bohnen in der linken Tasche werden.

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Einfache Sache – große Wirkung.

Nach der Kurs-Runde gehe ich zur Fango-Packung mit anschließender Massage. Hierbei unterhalte ich mich wieder mit der Therapeutin, die viel zu viel zu tun hat, weil eine Masseurin durch Krankheit ausfiel. Bei der letzten Massage war ich so mutig, sie zu fragen, inwieweit man den Bauch nach einer Schwangerschaft wieder „zurecht-turnen“ kann.

Und sie hatte mir gesagt, dies sei kaum möglich, da die Verbindung der Bauchhaut zu den Bauchmuskeln nicht gegeben sei. Meine Rektusdiastase sei minimal – die Bauchmuskeln also erstaunlich fit für eine Vierfach-Mutter. Das klang gut. Das Nicht-Wegtrainieren-Können klang doof. Allerdings hatte sie gleich angefügt, „das Bisschen“, was sie da bei mir als nicht-straff sähe, sei ja wohl völlig in Ordnung und gut so. Dieses Mal reden wir darüber, wie sehr Mütter sich durch zu hohe moralische Ansprüche selber auslaugen. Ein ebenfalls sehr interessantes Thema.

Die Gespräche tun also gut – und das neben einer ohnehin wohltuenden Massage. Ja, sie ist schmerzhaft, aber das macht mir gar nichts, denn ich fühle mich hinterher sehr gut.

Der Dada kommt mittags vorbei und muss nach rund zwei Stunden nach München weiterreisen, wo er beruflich zu tun hat.

Am Abend nach dem Essen verteilen wir Baumkuchen und Schokotorte an alle, die mit uns zusammen im Wintergarten des Speisesaals essen. Und weil wir so viel Baumkuchen haben, verteilen die Kinder den Rest noch an die Kinder der anderen Räume.

Als Nummer 4 im Bettchen liegt und ich mein Nachthemd anziehen will, fallen mir die Bohnen ein – zum Glück rechtzeitig, sonst wären sie über den Boden verteilt worden beim Hoseausziehen …

Ich habe mehr als die Hälfte meiner Bohnen in die linke Tasche umverteilt – es war ein echt schöner Tag. Und während ich die Bohnen ansehe, bin ich sehr achtsam mit meinen Gefühlen: Ich nehme mir Zeit, sie wahrzunehmen und ihre Tiefe anzunehmen.

In der zauberhaften Buchhandlung habe ich mir „Das kleine Buch der Achtsamkeit“ gekauft und folge nun täglich den einfachen Anweisungen, daher bin ich bereits etwas geübt darin.

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Da steht es. Es bietet einen raschen, gut umsetzbaren Einstieg in die Materie.

Tag 17, Donnerstag

Inzwischen haben wir alle Heimweh, aber es hält sich in Grenzen, da wir ja in der kommenden Woche nach Hause fahren werden. Leider sorgt dieses Bewusstsein für eine innere Aufbruchsstimmung, was ich nicht verhindern kann und schade finde.

Wir freuen uns jedoch einfach sehr auf Zuhause und die anstehenden Weihnachtstage. Wie es wohl wird, den Adventskalender nach und nach auszupacken, den ich vor der Kur fertiggestellt habe? 24 Päckchen hängen an den Gardinenstangen des Wohnzimmers – für jeden von uns vier Geschenke. Das wird so schön, wenn wir zusammensitzen mit Glühwein und Tee und schon mal 14 davon auspacken werden!

Meine erste Anwendung des Tages ist nach dem Kneippen das Melissebad. Dies hat eine extrem entspannende Wirkung auf mich. Beim ersten Mal hatte ich befürchtet, zappelnd und genervt in der Wanne zu liegen, was aber nicht stattgefunden hatte. Nun kann ich es erneut genießen. Es sind nur 15 Minuten insgesamt, dann ist man schon wieder in’s Handtuch gewickelt. Und der intensive Duft des Badezusatzes entspannt einfach – ob man „will“ oder nicht. Melisse-Bäder kann ich insofern recht gut weiterempfehlen.

Ich habe mein letztes Therapiegespräch bei Frau K. Diese Gespräche mit direkter Reflexion und sofort umsetzbaren Hinweisen sind mehr als Gold wert – das werde ich sehr vermissen. Es ist natürlich ganz anders als die tiefenpsychologisch fundierte Therapie, die ich seit Langem – seit Längerem aber nur noch 4 Mal jährlich – mache. Eben weil nicht nur ich rede und weil es schnelle Tipps und Denkanstöße gibt. Das genieße ich sehr.

Am Abend machen wir in der Kreativwerkstatt einen Filzkurs. Auch etwas, das ich nach der Kur zuhause machen werde.  Ich brauche nur noch Luftpolsterfolie und eine Schaumstoffrolle zum abschließenden Walken des Filzstoffes. Wolle, Seife, Sprinkelflasche, Fliegengitter und so weiter habe ich schon. Das Filzen ist – wie ich geahnt hatte – voll mein Ding. Mit dem Wunsch, auf das Windlicht eine Blume zu applizieren bin ichmal wieder aus der Reihe getanzt, aber die Kursleiterin hatte kein Problem damit und unterstützte meinen Wunsch gerne.

Hier ist das Ergebnis:

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Inzwischen steht das Windlicht hier zuhause. Und es gefällt mir sehr gut.

Tag 18, Freitag

Bin etwas gestresst heute, vermutlich wegen der Aufregung, die ich auf Grund der baldigen Heimfahrt empfinde. Es geht wie üblich nach dem Frühstück schnell zum Kneippen in den Keller.

Ich überlege, ob wir heute wieder einmal schwimmen gehen sollen, als ich auf die Tür des hauseigenen Schwimmbads sehe. Das haben wir hier im Keller des Kurhauses ab und an gemacht, aber ich fand es irgendwie stressig, weil ich eh nicht in Ruhe schwimmen konnte, sondern es ein reiner Kinder-Spaß und Mama-Stress war. Vier Kinder zu beaufsichtigen war mir irgendwie etwas zu viel.

Immerhin hat Nummer 3 hier Schwimmen gelernt, was ihr eine Kurteilnehmerin beibrachte – ihr Sohn (das Geburtstagskind mit dem Kinobesuch) ist ein herausragender Schwimmer und beherrschte das Wasser bereits im Alter von vier Jahren. Er hat hohe sportliche Auszeichnungen errungen und sie als ihn in diesem Hobby begleitende Mutter ist demnach sehr versiert im Umgang mit kleinen und großen Schwimmern.

Nachdem ich gerührt dabei gewesen war, als eine türkische Mit-Mutter das Schwimmen erlernte, sah ich, wie meine Tochter sich traute. Zuvor hatte ich mit ihr geübt und geübt, aber sie hatte sich nur an mir festgeklammert. Nun hatte ich sie zwei Mal alleine mit den Großen und der Schwimmtrainer-Mutter in’s Becken gelassen und nun wagte sie es. Ein riesiger Erfolg für sie! Nummer 3 kann schwimmen!

Während ich also über ein mögliches Schwimmen nachdenke, gehe ich in das Kinderland zum allmorgendlichen Weihnachtssingen.

Danach räume ich auf und packe schon mal alles, das wir nicht mehr brauchen.

Plötzlich habe ich ein einnehmendes Flimmern vor den Augen. Ich schreibe Mister Essential dies und er antwortet, dies sei Augenmigräne und das hätte ich vor längerer Zeit schon mal gehabt und er auch. Ich solle mich einfach hinlegen und entspannen. Das versuche ich dann. Mit einem Hörbuch lege ich mich auf’s Bett.

Kaum liege ich, kommt die Putzfrau herein und beginnt mit dem Staubsaugen. Ich versuche, mich irgendwie von dem seltsamen Flimmern abzulenken. So gestresst bin ich also? Dass ich Migräne-Zeugs bekomme? Der Gedanke stresst mich. Teufelskreis und so. Ich gucke auf das Handy, um die Uhrzeit zu sehen: 11:50 – ich muss gleich um 12 Nummer 4 abholen!

Langsam stehe ich auf und fühle mich mit einem Mal total groggy. So etwas wiederum kann ich als Angstpatientin (mit dem tollen Schwerpunkt auf Angst vor Krankheiten) gar nicht leiden. Ich taumle aus dem Appartement nach unten und hole Nummer 4 aus dem Kinderland.

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Es ist, als hätte ich schon immer um 12 Uhr mittags genau hier gestanden: Die Kinderland-Tür

Dann gehe ich mit ihm wie üblich zum Essen, wo ich meine anderen drei Kinder treffe.

Anschließend geht es zurück nach oben: Wir bringen Nummer 4 in’s Bett und ich lege mich hin. Ich mache leise mein Hörbuch an und schließe die Augen. Ich schlafe ein und wache circa all 10 bis 15 Minuten wieder auf.

Da sind so viele Gedanken in meinem Kopf: Wie wird es sein, wenn die Kur mich verändert – was sie augenscheinlich tut – wird mein Mann darauf adäquat reagieren können? Immerhin löst jede Veränderung innerhalb eines Systems etwas aus. Eine liebe Mit-Mutter hier, die eine Ausbildung in Richtung systemischer Familientherapie absolviert hat, erklärte mir das so:

„Ein System ist wie ein Mobile: Jeder hat seinen Platz und alles ist in einer Art Gleichgewicht. Verlässt jemand seinen Platz oder verändert sich, ist das wie ein Windstoß: Alles muss sich erst wieder neu einfinden und austarieren.“

Ich habe auch Angst, dass ich das Erlernte und die Inspirationen nicht umsetzen können werde. Und es zu schwierig wird, das gegen eventuelle innere und äußere Widerstände umzusetzen.

Da ist aber auch Freude, wieder mehr Privatsphäre zu haben zuhause. Und meine eigenen Räume. Oh, und natürlich auch Mister Essential. Ich musste ihn so aus meinen Gedanken und Gefühlen ausklammern und mich auf das Hier und Jetzt und mich konzentrieren, dass es sich fast etwas fremd anfühlt, an ihn zu denken.

Tag 19, Samstag

Der Tag ist ruhig. Ein paar Besorgungen für die Heimfahrt werden erledigt. Ich packe und wasche noch ein bisschen.

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Wir haben gepackt. Morgen beladen wir das Auto.

Nachmittags gehen wir zusammen mit unserem „angestammten Grüppchen“ zum Christkindlmarkt. Dort gibt es eine Eisbahn, die mit einem großen Festzelt überdacht ist.

Und wir entdecken einen schönen Kunsthandwerksmarkt, den wir besuchen. Dort schlagen wir uns die Bäuche mit frischen Waffeln voll, die von einem schulischen Förderverein gebacken und für 1 Euro pro Stück verkauft werden. Die Kinder wuseln herum, es ist natürlich etwas stressig – wie immer, wenn man mit einem Haufen (echt süßer) Kleinkinder unterwegs ist. Aber das spüre ich nicht so sehr wie vor der Kur. Wie immer schaut wie selbstverständlich jede Mutter nach jedem Kind, das in ihrer Nähe mampft, turnt und wuselt.

Auf dem Rückweg sehen wir eine Laser-Lichtshow, die von der Stadt veranstaltet wird und sind ganz beeindruckt.

Im Appartement ist Nummer 1 plötzlich irgendwie schlecht gelaunt. Sie will früh in’s Bett. Was wiederum schwierig ist, da ihr Bett unser allabendliches Sofa ist. Dort quetschen wir uns ja immer zusammen, stellen den Laptop auf den Basteltisch und schauen uns etwas an.

Nun aber schmeißt sie uns alle raus aus ihrem Zimmer. Wie an jedem Abend schnappen wir uns die Matratze von Nummer 3s Bett und legen sie neben mein Bett auf den Boden. Nummer 2 holt ihr Laptop hervor (sie durften die Teile wegen ihres Schulprojekts mitnehmen) und legt sich neben mich auf das Bett. Nummer 3 findet auf ihrer Matratze Platz. Den Laptop nehmen Nummer 2 und ich auf den Schoß. Das ist verflucht eng, aber auch gemütlich.

Irgendwann kommt Nummer 1, die zuvor einen ziemlich Aufriss gemacht hat, um uns los zu werden, ziemlich leise auf ihrem Zimmer geschlichen und schiebt sich einen Sessel zurecht, um auch zusehen zu gucken … wir grinsen uns alle an und sagen nichts weiter dazu.

Ich schlafe währen des Guckens immer mal wieder ein, was sich entspannt und urgemütlich anfühlt.

Irgendwann verteilen wir uns in Bett und auf Matratzen. Nummer 3 und ich hören wie an jedem Abend die humorvollen Geschichten Mark Twains. Mit dem Gedanken, wie schade es ist, dass ein lustiges Genie wie Twain nicht mehr lebt, schlafe ich ein.

Tag 20, Sonntag, der letzte ganze Tag

Wir packen nun endgültig und lassen nur draußen, was wir noch brauchen. Dann beladen wir das Auto tetrisartig.

Von der Geburtstagskind-Mama waren unsere drei größeren sowie noch andere Kinder lieber Weise zum Eislaufen eingeladen worden.

Nummer  1 will partout nicht, lässt sich auch nicht von Geburtstagskind-Mama überreden, die ihr Möglichstes versucht.

Bevor wir den Ausflug zum Christkindlmarkt angehen, treffen wir uns erst einmal in der Turnhalle zum „Mutter-Kind-Angebot“.

Es wird von der gleichen Erzieherin organisiert und durchgeführt, wie das schräge Tannebaumbasteln. Ich hörte von den anderen Müttern sofort, dass am vorigen Sonntag – an dem ich wegen des Besuchs von Mister Essential ja nicht teilgenommen hatte – schon etwas dicke Luft geherrscht habe. Irgendjemand hatte sich wohl beschwert, weil das Angebot einfach nur anstrengend und ätzend gewesen war. Nun saß die Leiterin des Kinderbereiches (jene Frau, die mich so wunderbar aus dem Zuviel an Schul-Verantwortung befreit hatte) dabei, um alles zu beobachten.

Es war schräg. Sehr schräg.

Die Aufgabenstellung war natürlich nicht leicht für die Praktikantin, die eine Menge aus rund 20 Müttern mit Kinder zwischen 1 und 13 Jahren beschäftigen sollte. Irgendetwas mit ein bisschen Freiheit und Tanzen wäre vielleicht nett gewesen. Oder die große Turnhalle aufteilen mit einem kleinen Eckchen für die Kleinen und Platz für die Großen oder, oder, oder …

Es war aber so:

Wir kommen etwas zu spät und schlichen uns an einen Platz im großen Kreis. Man sitzt auf dem Boden. Irgendwoher kommt die Stimme der Erzieherin/Praktikantin:

„Seid  leise. Ganz leise.“

Eines der zuckerschnuckeligen Zwillingsmädchen rennt quer durch den Raum und erhält einen ermahnenden Zischlaut sowie einen sehr bösen Blick der Erzieherin als Quittung. Ich runzele die Stirn. Man drückt mir ein zerfetztes und zerknittertes Blatt Papier in die Hand. „Damit sollst du irgendwie ein Geräusch machen,“ bekomme ich von der Nebenfrau als Anweisung, die dazu verständnislos die Achseln zuckt, was wohl besagen soll, dass sie sich auch bereits fragt, was sie hier eigentlich mitzuerleben entschieden hat.

Ich zerknitterte den Fetzen und gebe ihn dem Jungen neben mir, der mich fragend ansieht und von mir die gleiche halbseidene Anweisung erhält. Es wehen diese Wüsten-Gestrüpp-Bälle durch den Raum. Es knistert ab und zu, Kinder werden angepflaumt, den Schnabel zu halten.

Irgendwann werden wir erlöst, als die Erzieherin sagt:

„Sooo … und nun haben wir also mit einem Stück Papier ein ganz tolles Konzert gemacht!“

Wir sehen uns alle irritiert an. Ein bisschen Fremdschämen kommt auf.

Dann springt die Erzieherin auf, holt eine Kiste voll bunter Tücher hervor und verteilt diese. Sie erklärt:

„Die mit den grünen Tüchern sind die Bäume, die stehen herum, damit sich die Kängurus verstecken können. Die Kinder mit den blauen Tüchern sind die Kängurus und die werden von den Füchsen gefangen. Die Füchse haben alle ein rotes Tuch bekommen.“

Dann schaltet sie den CD-Spieler an. Edvard Griegs Halle des Bergkönigs wird bemüht. Und zwar mit gefühlten 250 Dezibel.

Als ich sehe, wie die Erzieherin euphorisch der Musik lauscht, begreife ich ihre (hier in diesem Rahmen nicht umsetzbare, wenngleich hochpädagogische) Idee:

Die Kinder sollen sich von der Musik inspirieren und in den Bewegungen führen lassen. Quasi frisch aus der Erzieherinnenschule. Und nun dringend umgesetzt, weil die Möglichkeit irgendwie da. Irgendwie aber eben nur.

In die Bergkönighalle kommt Leben und bekannter Maßen auch noch mehr Dezibel. Die Kinder rennen wie verrückt durch die Sporthalle. Nummer 1 steht neben mir und sieht etwas Hilfe suchend aus.

Ein etwas wilder Junge, den ich mal hier Faruk nennen möchte, saust im Affenzahn zwischen den „Bäumen“ herum, immer auf der Flucht vor den „Füchsen“. Die Erzieherin hält ihn am Arm und sagt in einem manisch-begeisterten Ton:

„Faruk, du musst hüpfen!“

Der Elfjährige starrt sie völlig konsterniert an – wohl auch, weil sie rund fünf Oktaven zu hoch für seine Altersstufe mit ihm sprach.

„Faruk, du musst ein Känguru sein! Höre, was die Musik dir sagt …“

Da war es um Nummer 1 und mich geschehen: Wir rollten komplett ab.

Nummer 1 riss sich zusammen und brachte kurz ein atemloses „Giga Facepalm!“ heraus und schnappte sich dann Nummer 4, um an dessen Popöchen zu schnuppern – ein kluges Mädchen! Denn das war unsere Ausrede:

„Äh, leider, leider müssen wir jetzt sofort gehen, denn unser Kleiner hat die Windel voll. Sehr schade, wirklich.“

Auf dem Weg in’s Appartement bekamen wir noch mehr Lachkrämpfe. Dann versuchten, wir uns zusammenzureißen und sagten, es sei ja auch nicht leicht, so viele Leute zu beschäftigen und überhaupt … leider mussten wir aber wieder lachen. Es war einfach zu lustig!

Später genossen wir den Weihnachtsmarktbesuch sehr. Es war so schön!

Im Handwerksmarkt, der im Kurpalast stattfand, kauften einige Mütter dieses Mal sehr schöne Strickwaren, wie zum Beispiel zwei Muffs für die Zuckerschnuten-Zwillinge. Dann schenkte die liebe Verkäuferin, eine ältere Dame, jedem Kind etwas. Jedes Kind durfte sich komplett frei etwas vom Stand aussuchen. Nummer 4 brauchte sehr, sehr lange dafür. Es war einfach eine zu große Auswahl. Und so nahm ich am Ende einen schokobraunen Teddy für ihn.

Später auf dem Zimmer überlegten wir uns einen Namen für den Bären. Und weil wir an beinahe jedem Abend die geniale Serie „Mein Name ist Earl“ geguckt hatten, war der Teddy schnell getauft – Earl:

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„Mein Name ist Earl.“

Wir sind sehr traurig wegen des morgigen Abschieds und schießen ein Gruppenfoto, das ich hier auf Grund der Bildrecht natürlich nicht zeigen darf. Es zeigt einen Haufen sehr zufrieden lächelnder Mütter und Kinder.

Zusammen trinken wir (das angestammte Grüppchen aus rund sechs Müttern)sehr heimlich (wegen des Alkoholverbots im Haus) und nachdem wir uns versichert hatten, dass keine von uns Alkoholprobleme hatte, im Fernsehraum etwas Erheiterndes und unterhalten uns. Ein sehr schöner Abend – wir bereuen, so etwas nicht schon die ganze Zeit vorher mal gemacht zu haben. Wir tauschen Adressen und Telefonnummern aus. Unsere Gespräche sind mal lustig, mal ernst und immer so respektvoll.

Wie ich das vermissen werde: Unter irgendwie Gleichgesinnten und dennoch völlig unterschiedlichen Frauen zu sein. Und wir sind wirklich absolut unterschiedlich! Das ist sehr bereichernd.

Tag 21, Montag, Abreisetag

Inzwischen kennen die Mütter des „Grüppchens“ mich als Diejenige, die niemals weint. Ich spüre aber schon beim Aufstehen, wie hart der Abschied werden wird. Ich tröste mich mit der Aussicht, bereits am Nachmittag zuhause zu sein.

Ich habe natürlich auch Bammel vor der Autofahrt – wie erwähnt: Angstpatientin – aber auch hier verscheuche ich erfolgreich die finsteren Gedanken.

Wir machen alle im Foyer noch ganz viele Fotos voneinander. Nur wir werden heute fahren, da wir wegen der „Bethlehem-Wanderung“, einer Veranstaltung im Rahmen der Vorbereitung auf die Erstkommunion Nummer 3s, einen Tag vorher abreisen.

Dieses Vater-Kind-Event wollte ich Mister Essential und Nummer 3 unbedingt ermöglichen und hatte die Abreise im Vorfeld der Kur von Dienstag auf Montag verlegen lassen.

Wir müssen noch zur Abschlussuntersuchung.

Also drängen wir uns zur Ärztin (es ist eine andere als bei der Eingangs- und Zwischenuntersuchung) in das Räumchen. Ich bin sehr nervös wegen der Abreise und meine Gedanken wuseln herum – was sie recht selten tun.

Die Ärztin misst meinen Blutdruck und meint dann:

„Also sie sind ja hier gewesen wegen des Stresses und des Burnouts. Der Stresspuls scheint ja immer noch da zu sein.“

Ich: „Na ja, eigentlich war er die ganze Zeit immer weniger da und in den letzten Tagen weg. Nur jetzt bin ich eben aufgeregt wegen der Heimfahrt.“

Sie: „Ja, aber auf Dauer ist das natürlich nicht gut. Da muss man Organschäden vermeiden. Am besten sprechen sie zuhause ihre Ärztin an, damit sie ihnen etwas Pflanzliches verschreibt. Und Physiotherapie für ihren Rücken schreibe ich ihnen auch auf.“ Dazu schenkt sie mir ein ernstes, besorgtes Lächeln.

Ich gehe mit den Kindern im Schlepptau und fühle mich plötzlich mies. Sie hat ganz toll auf meinem Angst-Instrument gespielt. Nun fühle ich mich wie eine halbtote, die nur auf ihren Herzinfarkt zustrebt, wenn sie nicht dringend ein paar Pillen bekommt. Und zwar schnell. Noch 20 Minuten zuvor war ich zwar angespannt, aber guter Dinge gewesen.

Wir machen noch mehr Fotos und „mein Grüppchen“ begleitet uns nach draußen. Es fließen Tränen – klar, nicht meine … aber das werde ich schon noch lernen.

Sie stehen alle oben vor dem Kurhaus und wir winken vom Auto aus. Und dann holen sie Taschentücher hervor, um uns zu winken. Da muss ich sehr schlucken und meine Augen werden feucht.

Wir winken, bis wir einander nicht mehr sehen können.

Die Fahrt

Bereits die ersten 30 Minuten Fahrt nerven mich und ich muss schön tief atmen, um entspannt zu bleiben. Die Worte der Ärztin nagen an mir und die Sonne blendet absolut nervtötend zwischen den Bäumen einer nicht enden wollenden Straße, die ständig zwischen ein- und zweispurig wechselt.

Dann geht es in Richtung Autobahn. Über den Zubringer sause ich los und wiederhole im Kopf mich entspannende (?) Mantren, als ich denke:

„Oh Mann, ich hoffe, ich bekomme keinen Platten oder so etwas. Ich bin eh schon so genervt.“

Zwei Augenblicke später denke ich:

„Wieso rumpelt das Auto so? Ist das Flüsterasphalt?“

Ich weiß es eigentlich schon, da ich sehe, wie schräg das Auto in der Spur liegt:

Wir haben tatsächlich einen Platten. Ich blinke, fahre raus und lasse mich sehr vorsichtig bis zur Einmündung einer großen Landstraße rollen. Links neben mir hält ein junger Mann, lässt die Scheibe herunter, verlangt selbiges mit Handzeichen von mir und teilt mir mit:

„Sie haben einen Platten.“

Ich (echt angepisst): „Äh ja. Ich weiß das.“

Darauf lächelt er etwas entschuldigend und zeigt mir einen nahe gelegenen Parkplatz. Wow, ich bin nicht zwanghaft dauerfreundlich, sondern drücke meine Gefühle aus. Eine ganz neue Erfahrung. Danke, liebe Kur.

Dorthin fahre ich mit 5 Km/h und parke. Ich steige aus und sehe mir die Bescherung an, ehe ich meine goldene „Gelbe-Engel-rettet-mich-Karte“ zückte und telefoniere.

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Großartig.

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Nummer 4 inspiziert fachmännisch die Reifenpanne. Zu diesem Zeitpunkt ist es noch hell. Das wird sich bald ändern …

Wir werden hier fast zwei Stunden warten. Es wird dunkel, es wird kalt. Wir bekommen Hunger und leeren die Provianttüten, die wir aus dem Kurhaus mitbekommen haben. Nummer 4 wird müde und wird weinen.

Die beiden Großen werden mit ihren Plastikschwertern kämpfen, die ich ihnen in einem Billigladen gekauft habe. Und unsere Füße werden einfrieren, weil wir dauernd abwechselnd draußen stehen werden, um den ADAC-Menschen heranzuwinken. Und dann werde ich erleben, wie es ist, sich wieder wie ein Kind zu fühlen. Nein, nicht das Ding ohne Verantwortung und  mit ausgelassenem Spaß: Ich werde in ein Gebüsch kriechen müssen, um zu pinkeln.

Dann kommt er:

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Jepp. Stockfinster ist es inzwischen.

Und als ich darüber nachdenke, wie ich Nervenbündel nun noch über 2 Stunden in der Dunkelheit mit vier Kindern über die Autobahn fahren soll, eröffnet mir der gelbe Engel:

„Also mit diesen Reifen lasse ich sie nicht weiterfahren. Das kann ich nicht machen. Die Spur ist total verzogen. Der andere Reifen vorne droht jederzeit zu platzen. Ich kann das nicht zulassen. Wir müssen überlegen. Entweder einen Mietwagen oder … ach, Mann …heute ist die Hölle los. Ich muss erstmal jemanden in der Zentrale erreichen. Dann sehen wir weiter.“

Mietwagen? Wie soll das gehen? Das wird doch ewig dauern. Alle sind hungrig und entnervt. Der Proviant ist weg. Unseren Reboarder von Nummer 4 baut man auch mal nicht eben schnell im Dunkeln ein und aus … das habe ich von einer Fachfrau einbauen lassen, das Ding. das bekomme ich ohne Anleitungsvideo niemals wieder raus. Und schon gar nicht wieder rein.

Der gelbe Mann telefoniert gestresst in seinem Auto.

Ich ahne, dass ich noch viele Stunde vor mir haben werde, die mir nicht gefallen und mir einiges an Energie abverlangen werden. Ich sage derweil per WhatsApp das Papa-Kind-Event ab:

„Einen Platten habt Ihr?“ fragt meine Mit-Katechetin* per Smartphone, „Lass Dich bloß nicht allzu sehr stressen, sonst ist die Entspannung der Kur ja gleich wieder dahin!“

Ende Teil 3, weiter geht es im Epilog

 

*Katechetinnen sind die Mütter, die eine Gruppe Kinder auf die Erstkommunion vorbereiten. Halte das nicht für Allgemeinwissen, daher erkläre ich das.

 

 

 

Mein Erfahrungsbericht: Die Mutter-Kind-Kur, Teil 2

Willkommen beim zweiten von drei Teilen meines Erfahrungsberichtes zu meiner Mutter-Kind-Kur.

Tag 8, Dienstag

Ich bin inzwischen richtig angekommen und die Routine hat sich eingespielt.

Nach dem Frühstück geht es zu den eisigen Kneippschen Güssen und danach ins Kinderland.

Nummer 4 weint leider immer noch jeden Morgen, wenn er im Kinderland bleiben soll, aus dem ich ihn ja bereits um 12 Uhr für das Mittagessen wieder abhole. Aber zuhause weint er auch immer bei der Tagesmutter am Morgen. Er und ich, wir sind einfach unzertrennlich.

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Vielleicht heißt dieses Bild Nummer 4s doch nicht „Bagger“, wie er behauptet. Sondern: „Schmerz, den ich empfinde, wenn meine Mutter zum Sport geht.“

Anschließend treffen wir uns mit Stöcken und einem warmen Schal bewaffnet zum einstündigen Walken durch eine wunderbare Landschaft mit kristallklarer Luft.

Zuerst finde ich (wie schon oft) die erhöhte Atemfrequenz und Pulsfrequenz beängstigend (Angsterkrankung eben) und dann aber gibt mir die Therapeutin den Tipp, ganz aufrecht zu gehen, da sonst die Lunge nicht ganz belüftet werden kann, was sich unangenehm anfühle und zu dem anstrengend sei. Schon ist es besser. Und den Rest der Beklemmungen vertreibe ich mit einer interessanten entschlossenen Implosion meiner Genervtheit und Wut über diese dämliche Einschränkungen, die meine Angst so mit sich bringt.

„Ich bin schlauer als das! Verfluchte S******! Wieso laufe ich immer wieder in’s Bockshorn meiner Angst? Wieso höre ich ihr dauernd zu? Schnauze voll jetzt! Ich einfach nur diese kühlen Morgen und die traumhafte Landschaft genießen! Also halt die Klappe, du bescheuerter Teil meiner Psyche, der meint,  mich durch Einschränkung beschützen oder auf etwas aufmerksam machen zu wollen! KLAAAAPPE!“

Wut ansehen oder auch ganz selten mal vorsichtig zeigen zieht immer gut. Man ist ja schließlich wie ein Topf voll Dampf, auf den man selber den Deckel drückt. Etwas Dampf darf raus – und schon fühlt man sich besser.

Aber Angst ist nicht so einfach zu durchschauen: Mal stellt sie sich vor Gefühle, die einem nicht bewusst sind und dem Unterbewusstsein zu schrecklich vorkommen.

Mal drückt sie die innere Befürchtung aus, die man seiner eigenen Freiheit gegenüber empfindet und möchte einen einsperren oder von etwas Neuem abhalten.

Und das nächste Mal tritt sie auf, wenn man befürchtet, die Kontrolle zu verlieren. Wie zum Beispiel, wenn man meint, man könne nicht richtig atmen oder das Atmen geschähe gar nicht automatisch, sondern man müsse sich jeden Atemzug selbst abringen wie eine Leistung. Jedenfalls sage ich mir irgendwann:

„Es reicht! Ich genieße die Bewegung jetzt!“

Und siehe da: Es wird wunderbar.

Als wir zum Kurhaus zurückkommen, habe ich eine mit Matsch bespritzte Hose und fühle mich quicklebendig. Ganz formidabel. Ich bin ein Typ Mensch, der sich bei Bewegung und Tätigkeiten gut entspannen kann.

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Morgenstimmung lädt zum Walken ein

Vor der nun anstehenden Entspannungstherapie graut es mir jedoch. Ruhig unter einer Decke herumliegen empfinde ich als Horror.

Kurz darauf liege ich da und tue nichts, als gegen meine aufsteigenden Beklemmungen und Ängste zu kämpfen. Mein Herz schläft viel zu schnell und ich höre es in meinen Ohren.

Einblick in meine Gedanken gefällig?

„Ich finde, so lange nach der Bewegung sollte mein Herz auch wieder normal schlagen. Das ist bestimmt auf die Dauer nicht gesund, wenn ich dauernd unter Strom stehe. Ja ja, ich war beim EKG, beim 24-Stunden-EKG, beim Belastungs-EKG und die Internisten fanden beide, das sei alles okay so.

Ein Hauch schneller als normal unter der Belastung aber in Ordnung und gesund. Es war ja nur schneller beim Belastungs-EKG, weil ich da auch diese Atem-Paranoia bekommen hab auf dem dusseligen Ergometer und mich das stresste. Aber gut. Die sagen, ich muss nicht jung sterben, weil mein Leben stressig ist. Aber vielleicht haben die Unrecht! Vielleicht haben sie nicht genau nachgedacht über meine Lebenssituation. Obwohl – sie kennen mich doch ganz gut, auch biographisch … nanu? Warum blubbert jetzt mein Bauch so komisch?

Das fühlt sich an wie Wut! Oh Mann, mir kommen die Tränen. Schnarcht da etwa jemand entspannt da hinten? Wie ich sie doch beneide, die Gute! Mein Herz hämmert! Ich soll mich entspannen. Ich höre mal besser der Therapeutin zu. Okay, Beine anspannen und loslassen. Das lenkt ab. Ich mach mit. Jetzt schweigt der Bauch und das Herz hämmert wieder. Ich bin so furchtbar traurig! Ich bin ein Fass voller unterdrückter Tränen und ein Dampfkochtopf voller Wut-Dampf in einem! Hilfe! Ich muss hier raus!“

Klingt nach einer Menge Entspannung, oder?

Völlig aufgewühlt und gequält schleppe ich mich nach oben, um Nummer 4 aus dem Kinderland abzuholen, nachdem ich noch schnell geduscht habe.

Der Bewegungstherapeutin sage ich hinterher, dass das überhaupt nicht mein Ding war und sie hatte sofort Verständnis. Sie empfiehlt, herauszufinden, was mich am besten entspannt und dies dann gezielt umzusetzen. Und keine weitere klassische Entspannungstherapie im Liegen mehr auszuprobieren.

Am Abend gehe ich in die Kreativwerkstatt. Die Künstlerin, die uns den Einführungskurs gegeben hat, ist nicht da – es gibt die Möglichkeit zum freien Gestalten. Dies kann man zu jedem Zeitpunkt tun, da es über der Tür einen Schlüssel gibt, mit dem man die Werkstatt immer betreten kann.

Ich pinsele ein bisschen an meinem Engel herum und unterhalte mich mit zwei Kurkolleginnen. Die eine der beiden findet ihr Bild nicht gelungen. Es ist ihr zu dunkel geraten und sollte doch eigentlich ein Bild werden, auf dem zwei rote, plastische Herzen die Mitte zieren. Ich sehe mir das Bild an und meine, dass ich es als schönen Kontrast zum Rot der Herzen empfinde und schlage vor, sie könne doch noch einen Hauch Rot über den Hintergrund in seinen Grau-Weiß-Schwarzen Schattierungen ziehen. Sie meint:

„Du siehst in allem etwas Positives. Ich kenne niemanden, der so positiv ist wie du!“

Über diesen Satz denke ich nach. Ja, das Positv-Sein ist eine meiner Überlebensstrategien. Oder war es immer. Momentan habe ich kaum Energie, diese für mich einzusetzen, aber für das Bild reichte es. Und für andere Menschen überhaupt immer. Das kostet mich keine Kraft, das tu ich gerne. Ich sehe immer etwas Positives, weil man so besser und freudvoller durch das Leben kommt.

Die Malerin und ich hatten uns bereits am Vormittag unterhalten. Und in den Tagen zuvor. Sie ist eine bildschöne Frau, die unter ein paar Kilos zu viel leidet. Vor allem wohl auch, weil ihr Partner sie oft darauf hinweist. In meiner feministischen Art habe ich ihr vorgeschlagen, ihm zu sagen: „Baby, du bist viel älter als ich. Ich werde abnehmen. Sobald du deine Falten los bist.“ Dieser Vorschlag brachte sie so zum Lachen, was mich freute.

Ich denke über sie nach, während ich vor mich hin pinsele. Am Morgen war ich meinem Instinkt gefolgt und hatte ihr gesagt, wie wunderhübsch sie ist. Und dass sie ihre Kilos auf jeden Fall los würde. Immerhin hatte sie diese nur, weil sie durch eine Verletzung keinen Sport mehr gemacht aber dabei ihren Ernährungsstil beibehalten hatte. Ich hatte aber gespürt, dass es an ihrem Ego geknabbert hatte, mehr zu wiegen, als es ihr gefiel.

Meine Gedanken schweifen herum:

Um mich herum in diesem Haus sind lauter Frauen mit Lebensgeschichten. Jede einzelne hätte viel zu erzählen. Sie sind belastet oder überlastet, überfordert, erschöpft und müde.

In ihrer „typisch“ weiblichen Art sind sie eher zurückhaltend und dabei sehr fürsorglich. Sie sind wie erschöpfte Glucken. Dauernd haben sie ihre Kinder um sich, schauen nach ihnen und ich sehe zu jedem Zeitpunkt ihre Liebe für sie. Diese ganzen honorablen Wesen mit ihren so unterschiedlichen Körpern, mit denen sie all diese Kinder geboren haben! Und nun waren sie müde und ausgelaugt. Aber immer noch geduldig und liebevoll. Was für wunderbare Wesen Mütter doch sind. Und wie sehr sie sich doch schaden und schaden lassen.

Da ist diese schöne Frau mit ihrem Venuskörper und findet sich zu dick und lässt sich das auch  von ihrem Partner noch schön unter die Nase reiben. Unfassbar. Und dabei hat sie große haselnussbraune Augen und ein herzförmiges Gesicht, langes dichtes dunkles Haar und einen wunderbaren Mund. Man sollte sie malen statt dieser Engelchen! Stattdessen hört sie sich als erstes beim Besuch ihres Partners an, dass sie ja immer noch nicht abgenommen habe. Ach, grrr …. ich versuche, mich nicht aufzuregen.

Ich begreife, dass es ein weiteres unbezahlbares Novum in meinem Leben gibt:

Zum ersten Mal fühle ich mich unter Frauen wohl.

Wir sind uns alle so ähnlich, wir müden Mütter!

Keine muss sich verstellen oder die Alpha-Mutti raushängen lassen. Darüber sind wir weit hinaus. Wir alle hier haben begriffen, dass wir im selben Boot sitzen. Jede Mutter schaut wie selbstverständlich nach jedem Kind und wir bilden eine Gemeinschaft, die ich in ihrer Art analytisch irgendwo zwischen Selbsthilfegruppe und menschlichen Ur-Naturzustand ansiedeln würde.

Nachdenklich gehe ich ins Bett.

Tag 9, Mittwoch

Ich möchte aufstehen, aber etwas hält mich zurück: Meine Beine tun weh, ich kann meine Füße kaum strecken! Muskelkater aus der Vorhölle!

Beim Laufen spüre ich, wo sich dieser Kater lokalisiert: Auf dem Fußrist. So etwas Bescheuertes! Jeder Schritt tut weh, immer beim Abrollen. Au, au, au, au …

Ich eiere in den Keller zu den Kneippgüssen.

Heute steht die Zwischenuntersuchung an, das geht rubbeldiekatz und ich melde noch schnell Nummer 3 beim Walken ab, das man ihr verordnet hatte. Sie hat es gehasst. Da das Walken der Bewegung und der Kontaktaufnahme dient und sie in der Kur – wie immer – von tausend Kindern umgegeben und zudem pausenlos in Action ist, braucht sie keine derartige Anwendung.

Abends gibt es Kreativwerkstatt, doch sie findet im Wintergarten und nicht im Kunstraum im Keller statt.

Heute es wird gehäkelt. Das kann ich bekanntlich schon, aber eine Mütze habe ich noch nie gehäkelt. Also stürze ich mich in die von den beiden Damen mitgebrachten Koffer voller Wolle. Ich ziehe schwarze und braune Knäuel MyBoshi-Wolle hervor und erstehe neben einer passenden Nadel Größe 6 auch noch eine Nähnadel.

Und weil ich von starren Mustern gerne abweiche, folge der vorgelegten Anleitung nur zum Teil. Ich möchte eine Mütze häkeln, die so 20er-Jahre-mäßig aussieht. Mit schmaler Krempe wie ein Hut und einer Blume an der Seite. Ich lege los. Man unterhält sich und das ist ein sehr netter und auch lustiger Tagesausklang.

Die Mütze wird meine Therapie, denn ich häkle nun in freier Zeit (die nicht sehr häufig ist, weil entweder Therapie ist, oder draußen Kinder herumtrampeln oder ich Nummer 4 aus dem Kinderland abholen muss oder oder oder …)

Man sagte, man könnte auch mal Anwendungen absagen. Aber irgendwie will man auch alles ausprobieren und sieht einen Sinn in den Therapien, daher gehen eigentlich fast alle immer zu ihren Terminen, außer sie oder ihre Kinder sind krank.

Mit einem Telefon mit Babyphone-Funktion, das man im Sekretariat ausleihen kann, ist man mobil innerhalb des Hauses und so sieht man oft Mütter auf den Turnmatten oder an Kunst-Tischen oder in Aufenthaltsräumen mit dem schwarzen Gerät neben sich. Das ist die Freiheit, die sich einem bietet. Und man nutzt sie. Sehr gut!

Meine Therapie-Mütze nenne ich „Die Phryne-Fisher-Gedenk-Mütze“, da ich diese Serien/Buch-Figur sehr liebe.

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Das trägt die Dame von Welt in der kalten Jahreszeit. Oder nicht?

Tag 10, Donnerstag

Was? Schon wieder fast Wochenende?

Es wird gefrühstückt. Nummer 4 ist ein richtiges Ferkel beim Essen gewesen in den letzten Tagen, aber das bessert sich langsam. Da ich ihn sehr selbstständig essen lassen (Er ist so ein BLW-nah geprägtes Kind), sieht sein Platz immer aus wie ein Katastrophengebiet. Und dabei habe ich den Eindruck, dass er kaum mehr als eine homöopathische Dosis Nahrung zu sich nimmt. Außer beim Nachtisch.

Ich tue hier im Kurhaus beim Essen gern etwas, das ich mir ohnehin manchmal gönne: Ich stelle mir statt der Frauen einfach Männer vor. Das geht in folgenden Lebenssituationen richtig gut und ist sehr erheiternd. Es beugt auch Frust vor oder baut ihn ab:

  • Ein Mann, der einen Säugling balanciert, während er auf dem Klo hockt.
  • Ein Mann, der zum Gynäkologen geht (Ja, hier ist Vorsicht geboten, da bekommt die ein oder andere Vorstellung unter Umständen so einen Touch von perversem Klinik-Sex, der nun mal nicht jedermanns/fraus Sache ist aber wenn man das ausblendet, ist es schon auch lustig. Vor allem der „Entspannen-sie-sich-jetzt-bitte-einfach-Teil“)
  • Ein Mann im Kreißsaal (der Klassiker unter den Vorstellungen dieser Art)
  • Ein Mann, der vier und mehr Kinder zugleich betreut, aber kein Fachmann ist.
  • Ein Mann, der versucht, auf 10-Zentimeter hohen Absätzen zu laufen
  • Ein Mann, der den ganzen Tag müde und angeödet mit einem Neugeborenen oder Baby oder Kleinkind verbringt. Drei Jahre lang.
  • Und: Ein Mann in diesem Speisesaal in der Kur.

Im Grunde wäre hier ein kinderloses Paar, das gerne in einer sublimierenden Fetischifizierung der Nahrungsaufnahme teure Restaurants besucht, vermutlich genau so lustig. Oder lustiger.

Es ist laut. LAAAAUT! Und überall fallen Becher herunter und Kinder rennen und spielen und drehen sich in die Vorhänge ein und eine McDonald’s-Filiale ist das Refektorium eines Schweigeklosters dagegen.

Und soll ich was sagen? Das ist mir ziemlich Latte! Essen ist für mich seit Langem nur noch Energiezufuhr. Dann ist da eben währenddessen Leben um mich. Als ob wir zuhause mittags diese unglaubwürdige Harmonie der Ikea-Vorstellungen des gemütlichen Essens zelebrieren würden! Das tun Schweden doch auch nur nach diversen Glögg oder Vin oder Vodka oder Akvavit oder Mumma oder ….! Da rölzen die Kinder dann so toll wie in den Weichzeichner (oder auch „Depressive-Wetterstimmungs-Schwedenfilmen“) in den Weihnachtsbaum hinein, während Onkel Lasse und Tante Signe lachend vom Stuhl fallen. In Echt ist Mittagessen nicht immer nur harmonisch und lustig, sondern eben auch manchmal nervig. Oft.

Ich kenne essen mit Kinder eher so wie in den berühmten Crappy-Kids-Comics!

Und ich huldige hiermit dem Ehemann einer einstigen Schulkollegin Mister Essentials, der sinngemäß sagte, was ich tausendfach seufzend wiederholte:

„Kinder sind der Untergang der Tischkultur.“

Nett könnte man sagen: „Zu Tisch bemerken wir, wie weit kindliche und erwachsene Bedürfnisse auseinanderstreben.“

Ich mag es hier jedenfalls, dass manchmal die zwei süßen Zwillinge einer Kurkollegin, die ich wie einige andere sehr schätzen lerne und gern habe, vorbeikommen und ab irgendwann auch von meinem Teller ein paar Happen mitessen möchten. Ich liebe es, wenn die Tochter meiner lieben Tischnachbarin uns mit ihrem schon rituellen, fröhlichen: „Hallöchen!“ begrüßt, wenn sie hereinkommt.

Ich lasse mich nach dem Frühstück kalt Kneipp-Begießen (würde mir zu diesem Zeitpunkt jemand sagen, dass es in der Tat auch dieses morgendliche Ritual ist, dass ich nach der Kur beibehalten würde, dann würde ich vermutlich lachen, während mir gerade die Zähne klappern…)

Später habe ich ein sehr gutes Therapiegespräch mit der grandiosen Frau K. Sie ist toll. Und ihr Beruf passt so perfekt zu ihr, dass ich einer Kurkollegin heftig nickend zustimme, als diese bemerkt, man sähe allen Mitarbeiterinnen im Hause ihre diversen Berufe an: Die energiegeladene und motivierende sowie durchtrainierte Bewegungstherapeutin oder die Künstlerin mit ihrer schneeweißen Haarsträhne in der Tolle ihrer individualistischen Frisur oder eben Frau K, mit ihrem klugen und beobachtenden Augen und dem irgendwie an einer Gesprächstherapeutin zu erwartenden Halstuch.

Frau K. erzähle ich von unserem Blog hier. Und Frau K. lädt mich herzlich ein, eine bestimmte Geschichte mit meinen LeserInnen zu teilen, weil sie hofft, dass diese Parabel möglichst viele Mütter erreicht:

Die Schwarzwälderkirsch-Torte

Es war einmal eine Mutter, die eine begnadete Bäckerin war. Ihr Hobby war es, die köstlichsten Torten zu backen. Dann deckte sie liebevoll den Tisch und der Besuch kam und sie nahm mit ihren fünf Kindern Platz.

Die Torte wurde angeschnitten und jeder erhielt ein Stück. Am liebsten war dem Besuch und auch der Familie der Frau die Schwarzwälderkisch-Torte. Viel schön viel Sahne und Kirschen und Schokostreuseln. Wenn alle ein Stück Torte hatten, stand die Mutter auf und wollte sich auch etwas nehmen. Auf der Tortenplatte befand sich dann noch exakt der Matsch, der von den Tortenspitzen beim herausnehmen abgebrochen war.

Diesen schaufelte sie sich dann auf den Teller.

Und die Kinder hatten ein schlechtes Gewissen, weil die Mutter nach all der getanen Arbeit nur mit Matsch entlohnt wurde. Aber die Tortenstücke schmeckten so gut und im Grunde wollte keines der Kinder lieber den Matsch und dafür der Mutter sein Stück anbieten.

Lange Zeit lief das Kaffeekränzchen so ab.

Bis es der Mutter reichte.

Beim nächsten Kaffeekränzchen stellte sie die beliebte Torte wieder auf den Tisch. Diesmal allerdings hatte sie das sahnige Objekt bereits angeschnitten.

Zuerst hatte sie in der Mitte ein rundes Stück herausgeteilt und dann erst die klassischen spitz zulaufenden Stücke abgetrennt. Die Kinder wunderten sich:

„Was soll denn das? Wieso sieht die Torte heute so aus?“ fragten sie.

„Weil ich auch ein schönes Stück Kuchen sicher haben wollte. Daher bekomme ich ab heute immer das Stück in der Mitte.

„Aber das ist gemein! Das ist das schönste und besondere Stück!“

„Ja und weil ich die Torte gebacken und den Tisch gedeckt habe und hinterher aufräume, ist exakt dieses Stück in der Mitte meines.“

Ein bisschen murrten die Kinder, denn jedes wollte das tolle runde Stück, aber mit der Zeit sahen sie ein, dass es zuvor doch ziemlich ungerecht gelaufen war.

Die Mutter aus der Gesichte war die Mutter der Therapeutin. Und diese Geschichte erzählt sie bei Bedarf sehr gerne den Müttern in der Kur.

Hinterher denkt man wirklich nach. Klar, es ist sehr gerecht so, wie die Mutter das entschieden hat. Aber man hat auch gleich ein vages Gefühl der Unsicherheit in sich:

„Soll ich mir das echt herausnehmen? Ich bin doch eine Mutter! Man hat mir doch beigebracht, dass ich meine Wünsche und Bedürfnisse zurücknehmen muss. Ich backe und räume doch eh auf! Warum soll ich mich dafür extra belohnen? Mütter sollen doch immer selbstlos sein …“

Es ist sehr spannend, sich seine Gefühle anzusehen, nachdem man diese Geschichte auf sich hat wirken lassen. Ich empfehle, das einmal auszuprobieren.

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Da ist sie: Die Schwarzwälderkirschtorte

Dieses Bild hängt übrigens an meinem Kühlschrank. Wen auch immer diese Geschichte so inspiriert wir mich, der drucke sich dieses Bild aus und hänge es auf – ich verspreche: So erinnert man sich täglich daran, für sein Tortenstück zu sorgen.

Tag 11, Freitag

An diesem Tag habe ich Zeit, um meine Mütze zu häkeln und dazu Hörbuch zu hören. Ich spüre, wie ich mich entspanne. Oder wie mein Körper etwas tut, das dem recht nahe kommt, das ich als Entspannung in vager Erinnerung habe.

Ich habe sogar zwei Dinge parallel gehäkelt und gestrickt und so hat Nummer 3 eine neue Mütze mit Kringelschal:

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Ich fahre in’s Zentrum, um Bargeld zu holen. Da passiert mir etwas Unfassbares, etwas, das ich mir schon immer gewünscht habe, aber niemals erlebte:

Ich steige aus dem Auto, ganz allein und in Ruhe. Ich sehe mich um, erblicke die kleinen Läden und die vielen fremden Menschen und: Nichts regt mich auf. Ich fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht wie ein Alien, das seine wahre und geheime Identität verstecken muss. Nicht wie jemand, dem man ansieht, das etwas mit ihm nicht stimmt. Nicht wie jemand, der weil er vermutlich eher minderwertig ist, schlimme Dinge angetan bekam.

Ich bin einfach ich.

Und das ist richtig gut so.

Ohne dauernd verhuscht wegzuschauen oder auf den Boden zu blicken oder den Blicken Anderer auszuweichen spaziere ich zum Geldautomaten. Und weil das so schön ist, spaziere ich zum Bäcker. Und weil ich einen obendrauf setzen will, habe ich da Sonderwünsche und: Nichts passiert. Man ist freundlich und ich bin charmant und wir lachen am Ende zusammen. Und ich erstehe noch ein Souvenir für Nummer 2s Freundin. Und dann bummle ich an den Schaufenstern vorbei und drehe eine kleine Extra-Runde, ehe ich wieder in das Auto steige. Nur um zu sehen, ob das Ganz nur eine euphorische Laune ist oder Bestand hat. Es hat Bestand – ich spüre bereits, wie es sich in mir entfaltet und ein Teil von mir befreit wird. Unfassbar.

Dieses wunderbare Geschenk, das manchen vielleicht als eigentlich naturgegebener Zustand vorkommen mag, werde ich behalten. Es wird auch zuhause noch da sein und mir sehr viel Kraft und Mut schenken. Ich atme dankbar durch und fahre zurück in das Kurhaus.

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So schön ist es hier! Und ich drehe ganz selbstbewusst meine Runde. Was für ein Geschenk!

Ich bin in den letzten beiden Tagen sehr müde, da man auch am Wochenende sehr früh aufsteht, was ich nicht gewohnt bin und alles dadurch etwas „pausenlos“ wirkt.

Ich denke wieder an Concettas Spruch: „Sich zu entspannen ist harte Arbeit“ und lächle.

Es gibt heute einen Schnupperkurs in Yoga und Shiatsu. Das ist mein Ding! Und nach dem sagenhaften Erlebnis im idyllischen Zentrum des Kurortes scheint eh alles mein Ding zu sein.

Nur die Entspannungstherapie hängt mir innerlich irgendwie nach, das spüre ich. Etwas in mir bleibt gestresst. Es wurde angetippt und ich ahne, dass es eine erschreckende Menge an Gefühlen gibt, die ich ansehen oder herauslassen oder integrieren muss. Das stresst mich. Ist wie ein feiner Summton im Hintergrund.

Wir werden von einer sehr erfahrenen Trainerin angeleitet und es gibt zwei Elemente, die ich sehr gut finde (eines davon behalte ich auch zuhause bei): Einmal stellen wir uns breitbeinig und halb hocken auf wie die Sumo-Ringer und stampfen. Das finde ich großartig! Ich spüre, wie mich das befreit. Und auch, wie Wut hochkommt. Das will ich zuhause noch mal machen. Wenn ich mir ein paar Wuttränen genehmigen möchte und kann. Der einzige Vorteil, wenn man seine Gefühle derart heftig unterdrückt wie ich: Man entscheidet, ob man weint (außer, die Kinder verschwinden binnen zehn Minuten alle zu einem stundenlangen Ausflug – Ihr erinnert Euch an den 1. Teil des Erfahrungsberichts hier?).

Und das andere ist simpel und toll: Wir nehmen uns alle eine Socke, in der zwei Tennisbälle stecken. Diese klemmt man mit dem Rücken gegen eine Wand. Dann bewegt man sich auf und ab und hin und her, bis man die verspannten Punkte gefunden hat. Dann harrt man kurz aus, um den Druck so zu intensivieren, wie man ihn haben möchte. Diesen hält man einige Momente lang.

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So einfach kann es sein: Nummer 1s alte Affensocke erwacht zu neuem Wellness-Leben

Das tut vielleicht gut! Und man kann es auch im Bereich der Schultern machen, wenn man sich entsprechend seitlich dreht. Ich mache das immer noch regelmäßig.

Langsam bekommen wir hier alle Heimweh. Nummer 4 fragt dauernd nach seinem „Dada„. Morgen aber wird ebendieser hier auftauchen und ein Wochenende mit uns verbringen.

Tag 12, Samstag

Mister Essential wird von uns vom Bahnhof abgeholt – er wird in einer Pension übernachten.

Wir machen zusammen einen netten, aber sehr kalten, Ausflug zu den Externsteinen und genießen danach (mit herum matschenden und Kakao verschüttenden Kleinkind – sagte ich“genießen“?) ein Stück Kuchen und einen Kaffee.

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Ein besonders interessantes Ausflugsziel, das ich zuletzt besuchte, als ich noch keine Kinder hatte: Die Externsteine

Mitessen und im Kurhaus herumlaufen oder den Speisesaal betreten dürfen Väter nicht. Sie können in festgelegten Zeiten im Zimmer der Mütter sein. Und diese sind nur nachmittags und recht kurz. Da niemand Mister Essental sieht behalten wir ihn da, bis wir alle müde sind. Wir spielen zusammen Scrabble als Kartenspiel welches der Nikolaus in einen der vier Strümpfe gepackt hatte, die Mister Essential aus dem Koffer holte.

Spätabends (also in Eltern-Zeitrechnung. Also gegen 22.30 Uhr) schleicht Mister Essential sich hinaus und wir sehen zu, dass wir niemanden stören.

Tag 13, Sonntag

An diesem Tag verpasse ich das ausgefeilte Mutter-Kind-Bespaßungsprogramm, da wir lieber wieder zusammen unterwegs sind. Wir wollten auf einen Tipp hin zum Adventsfest in einem Freilichtmuseum in Detmold. Leider ist es dort brechend voll, was wir zum Glück schon anhand der Parkplatzsituation erkennen. Und so düsen wir nur ein wenig herum, statt uns in das Gewühl zu stürzen.

Am Ende gehen wir Eisessen und bringen Mister Essential etwas später am Nachmittag zum Bahnhof.

Nummer 3 weint ganz furchtbar beim Abschied und Nummer 4 sagt immer wieder: „Ich auch mitfahre, Ratadida!(Kosename für Eisenbahnen)!“

Eigentlich wollte ich abends Bauchtanz machen, aber danach ist mir nicht. Ich bin müde. Wir machen es uns gemütlich und gehen dann in’s Bett.

Tag 14, Montag

Ich wache auf und fühle mich krank. Ich war wohl doch nicht nur müde. Ich sage das Sportprogramm ab und bleibe nachdenklich auf meinem Zimmer. Ich habe mitbekommen, dass unsere großen Mädels das Schulmaterial eher schleppend und nur „so viel wie eben nötig“ durcharbeiten. Das nervt mich sehr, denn das Thema Schule an sich ist ein Reizthema.

An alles muss ich denken, dauernd motiviere ich sie, erinnere sie an alles und Nummer 3 nutzt zusätzlich jede Gelegenheit, um durch vorgebliche schulische Schwäche genug Aufmerksamkeit von mir abzugrasen, während die Großen total nachgelassen haben, seit es mir nicht mehr gut genug geht, ihnen den schulischen Allerwertesten hinterherzutragen.

Nun erfahre ich von den Großen, dass sie den Stoff kaum schaffen würden und die Betreuerin zudem kein Wort Englisch spräche und ihre Mathekenntnisse die Klasse 5 nicht übersteigen würden. So kämen sie einfach in den 60 Minuten am Tag kaum vorwärts. Ich werde wütend: „Ich soll mich hier erholen und zugleich mal wieder an den Kram von zwei bis drei Personen denken? Das kann nicht wahr sein. Ich gehe mich nun beschweren, wenn niemand danach guckt, dass ihr da euren Kram erledigt bekommt!“

Ich bin seit der nicht-entspannenden Entspannungstherapie angespannt und angestrengt – das fließt nun in meine Wut mit ein. Hurra! Ich spüre meine Wut mal sofort und nicht erst Stunden oder Tage später, weil ich völlig aufgebläht bin!

Ich gehe zur Leiterin des Kinderbereichs, einer kinderpsychologisch versierten Pädagogin. Sie hört sich meine Beschwerde an.

Dann blickt sie zu meinen Töchtern und fragt ganz ernst:

„Geht eure Mutter noch zur Schule?“

Beide, unisono und bereits leicht betreten: „Äh, nein …“

„Dann ist es vermutlich auch nicht ihr Job, sich um eure Schulsachen zu kümmern, oder?“

Nummer 2 (ab hier schweigt Nummer 1 beharrlich während des Gesprächs): „Nicht wirklich.“

Frau H., die Fachfrau: „Merkt ihr eigentlich, wie sehr es eure Mutter belastet, sich um all euren Kram kümmern zu müssen, um den sie sich eigentlich nicht kümmern müsste?“

Nummer 2: „Schon, ja.“

Frau H.: „Und was glaubt ihr, warum sie das tut?“

Nummer 2: „Weil sie Angst hat, dass wir in der Schule schlecht sind?“

Frau H.:“ Ja, und warum noch?“

Nummer 2, sehr leise und betreten: „Weil sie uns liebt?“

Frau H.:“Ja! Ganz genau. Das tut sie aus Liebe. Aber das muss sie nicht. Und nun ist sie hier bei uns, weil sie ganz erschöpft ist von dem dauernden Sich-Kümmern und Für-andere-Mitdenken. Und was bei kleinen Kindern am Anfang der Schule noch ganz richtig ist, sollte bei Jugendlichen wie euch längst aufgehört haben.“

Frau H. forderte die Kinder auf, einen Vertrag mit mir aufzusetzen. Dieser sollte beinhalten, dass sie für ihre Schulsachen alleine verantwortlich seien. Und dass sie zugleich Hilfe bekämen, wenn sie um diese bäten.

Ich spürte, wie ein unfassbar großes Gewicht von mir fiel. Und ich spürte auch, dass es noch eine Menge Bereiche gab, die auf mir lasteten. Aber eine große Belastung war fort.

Ich räusperte mich und sagte:

„Wissen sie, ich habe ein Erziehungsmodell gelebt, hinter dem ich nicht stehe.“

Ich sehe Frau H. bereits nicken, obwohl ich meine Ausführung gerade erst starte – sie weiß, was ich sagen will. Ich fahre fort:

„Ich habe einfach getan, was alle tun: Den Kindern Probleme aus dem Weg geräumt, sie total bemuttert und für sie an alles gedacht. Ich weiche schon in einigen Bereichen vom Mainstream ab, aber ich hatte nie die Kraft, das in allen Bereichen auch durchzusetzen. Weil da immer Blicke, Kommentare und mögliche negative Reaktionen waren. Ich habe etwas getan, das ich als falsch empfinde. Und das ist das Ergebnis.

Ich sehe es so: Hätte ich ein einziges Kind, wäre das alles wohl nie oder erst in zehn Jahren aufgefallen. Ich habe aber nun mal vier Kinder. Und da ist es unmöglich, die gleiche Rundum-Betreuung zu gewährleisten. Ich habe mich echt verausgabt, die Gefühle und Bedürfnisse aller Kinder im Fokus zu haben und zu befriedigen. Bei so vielen Kindern bleibt da null Raum mehr für mich, aber das war ich anscheinend bereit hinzunehmen, weil man es so von uns Müttern verlangt und ich nicht genug Rückgrat oder Selbstliebe oder beides hatte, um es anders zu handhaben.

Nun funktioniere ich nicht mehr als Hochleistungsroboter und prompt fliegt alles auf: All das Verwöhnte, die zu geringe Selbstverantwortung der Kinder und so weiter. Schrecklich, so wollte ich das nie haben. Und dabei sind die Mädels irgendwie auch sehr fit -sie sind sozial sehr kompetent, sie können Wäsche waschen und so weiter. Aber sie haben sehr wenig Eigenmotivation.“

Frau H. lächelte knapp und erklärte mir, das sei einfach ein Zeichen der Zeit: Das Kind stünde im Mittelpunkt und sei zugleich überfordert mit dieser Position. Man traue und mute den Kindern nichts mehr zu. Sie müssten nichts mehr aushalten oder bewältigen. Und dabei lerne man eben durch die kleinen und großen Krisen und Konflikte im Leben. Heute liefe alles über die Mutter. Probleme mit anderen Schülern? Mama wird angerufen. Probleme mit anderen Kindern? Mama wird gerufen. Kinder brauchen Herausforderungen und müssen Fehler machen dürfen, um das Leben zu spüren.

Bereichert, erleichtert und mit einem Gefühl von Stärke verlasse ich das Büro, meine beiden im Schlepptau.

Ich sage ihnen, dass ich es nun drauf ankommen lassen werde: Wenn sie nichts leisten, werden die Noten eben schlechter. Ich bin da, wenn sie Hilfe brauchen – ganz gleich, ob das Vokabel-Abhören oder etwas anderes sei. Aber sie könnten ab nun nicht mehr ihre Verantwortung an mich outsourcen. Und zudem verließen sie sich stets darauf, dass ich sie rette. Das sei nun vorbei. Kein einziges Lehrergespräch mit dem Inhalt: „Nummer 1 und Nummer 2 vergessen dauernd Schulmaterial, Ms. Essential, gucken sie mal danach!“ oder Ähnliches mehr. Ich werde nur noch eines antworten: „Ich habe sie verwöhnt, so wie es in Mode war. Ich korrigiere diesen Fehler nun. Sanktionieren sie es nach ihrem Gutdünken, das ist ihr Job.“

Sie schlucken hart und merken, dass es mir ernst ist.

Sie bereiten seltsamer Weise das Portfolio vor, das sie für Deutsch und Erdkunde fachübergreifend anfertigen sollen. (Spoiler: Nummer 1 wird das trotz allem sehr schlampig tun und Nummer 2 eher durchschnittlich, wenn auch außergewöhnlich kreativ, aber eben ohne durchnummerierte Seiten und andere Anforderungen)

Abends sitzen wir wieder nebeneinander auf Nummer 1s Bett gequetscht. Der Fernsehraum dient eben dem Fernsehen und wir wollen nichts wie Dschungelkönig oder Ähnliches ansehen. Daher schauen wir DVDs. Ist recht unbequem und beginnt, mich zu nerven. Ich war einige Tage schön im Flow, aber irgendwie bin ich da raus, im Moment.

Tag 15, Dienstag

Ich habe außer einem kleinen Seminar zu Erziehungsfragen und einem nachmittäglichen Kurs mit Heilerde-Gesichtsmasken (sehr spaßige Angelegenheit) keine Anwendungen.

Ich bringe Nummer 2 und den Sohn der Mutter, die mit meinen Kinderlein zum Weihnachtsmarkt war, am Nachmittag nach Detmold in’s Kino. Der Junge hatte Geburtstag und aus diesem Anlass werden sie chauffiert.

Ich grusele mich davor, in fremde Städte zu fahren und mir in möglichen engen Gassen eine Parkmöglichkeit zu suchen – das mag daran liegen, dass ich ein großes Auto fahre oder daran, dass ich einfach nervös bin. Wie auch immer: Lust habe ich auf diese Goodie für die Kinder nicht. Daher bitte ich die Mutter des Jungen, die Kinder abzuholen, dafür würde ich ihr mein Auto ausleihen. Sie willigt ein.

Und mit der Aussicht, nicht auch noch im Dunkeln ein weiteres Mal eine Stunde herumfahren zu müssen, fahre ich die beiden recht entspannt so nahe wie möglich an das Kino. Einen Parkplatz gibt es nicht und so halte ich nahe einem Ärztehaus und erklären ihnen, dass sie bis zum Ende der Straße müssten und dann könnten sie ja nachfragen – das Kino sei aber auf der Parallelstraße. Sie drucksen herum, wollen, dass ich in das enge Parkhaus gegenüber fahre, damit ich sie zum Kino bringen kann. Ich denke an alles, das ich bisher gelernt habe und da ist dieses neue, selbstbewusste Gefühl in mir.

„Nein, das könnt ihr. Ihr lauft 50 Meter und fragt notfalls jemanden, dafür muss ich nicht in das Parkhaus fahren und euch an die Hand nehmen. Das könnt ihr. Ihr habt ein Handy für alle Fälle. Schreibt eine Nachricht, wenn ihr im Kino angekommen seid, okay?“

Sie mosern ein wenig und bequemen sich aus meinem Großraumtaxi.

Im Kurhaus angekommen erfahre ich, dass die Mutter des Jungen eine fiese Migräneattacke bekommen hat und sehe nach ihr. Sie hatte Tabletten genommen und sich hingelegt und die Schmerzen waren wieder weg. Autofahren durfte sie aber wegen der Medikamente natürlich nicht mehr und so hole ich die Kinder später auch wieder ab.

Sie erzählen vom Film und sind ganz aufgeregt und das Auto riecht nach Karamellpopcorn. Ganz süß, wie euphorisch sie sind.

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Im Dunklen und in der Fremde fahre ich nicht gerne herum – schon gar nicht mit fremden Kindern im Auto

Am Abend bekommt Nummer 2 Bauchschmerzen. Nachts weckt sie mich, weil sie sich übergeben hat. Wie es das Kinder-Gesetz will, hat sie dies nicht in der Toilette erledigt, sondern mitten im Zimmer. Ich schildere nun nicht den Haufen Karamell-Popcorn in seinem neuen Aggregatzustand und dessen abartigen Geruch (huch, nun habe ich es doch getan:D). Nummer 2 bekommt meine Wärmematte und ich packe sie ins Bett – die Lache hat sie selber weggemacht.

Früher hatte ich einen Stahlmagen, aber seit Mister Essentials langem Krankenhausaufenthalt habe ich ein Problem mit dem, was menschliche Körperöffnungen verlässt. Mit fast allem davon. Vor zehn Jahren noch hat Nummer 2 viel gebrochen. Ein Mal direkt in mein Gesicht, meinen Mund und meinen Ausschnitt. Das hat mir nichts ausgemacht. Aber seit ich so empfindlich bin ist die Regel: „Alle ab 10 Jahre müssen selber wischen, wenn sie die Toilette im Falle des Erbrechens nicht verwenden.“

Ich schleiche auf den Gang, wo sich eine Küchenzeile befindet. Ich möchte ihr Fenchel-Anis-Kümmel-Tee machen, aber ich hatte vergessen, dass nachts der Strom in den kleinen Küchen abgeschaltet wird. Also mopse ich den Wasserkocher und bereite den Tee in unserem Flur vor den Zimmern zu. Ich betüdele die arme Nummer 2 und bringe sie mit dem Tee ins Bett. Morgen werde ich ihr Zwieback kaufen fahren. Heute Nacht muss sie sich mit Tee begnügen.

Ich liege im Bett und bin hellwach. Ich mache Mark Twain an und denke nebenher nach.

Auch darüber, dass morgen Nummer 4 Geburtstag hat und dann schon zwei Jahre alt ist. Mister Essential wird vorbeischauen und dann nach München zu einem Geschäftstermin weiterfahren.

Ende Teil 2