Mein Erfahrungsbericht: Die Mutter-Kind-Kur, Teil 1

Wie versprochen schreibe ich etwas zu unserer Mutter-Kind-Kur, die ich mit unseren vier Kindern (zwischen 2 und 13 Jahren) Ende November bis Mitte Dezember erlebte.

Ich werde dies innerhalb mehrerer Blogartikeln tun, da einer alleine nicht reicht, um alle Erfahrungen, Erlebnisse, Tipps und Einblicke wiedergegeben zu können.

Außerdem entschuldige ich mich dafür, dass es hier etwas still war – diese Stille wird sich sicherlich innerhalb der nächsten Posts von selbst erklären 🙂

Wir waren im Mutter-Kind-Kurhaus Schanzenberg in Horn-Bad Meinberg (am Teutoburger Wald), einem sehr alten Kurort mit mildem Reizklima. Das Haus ist ausgerichtet auf Burnout und Burnout-Prävention. Zudem können durch Krankengymnastik und Massagen Beschwerden wie Rückenschmerzen gelindert werden.

„Sich zu entspannen ist harte Arbeit“ hatte meine liebe Freundin Concetta mir als vorbereitenden Tipp gegeben, „erwarte nicht zu viel aber auch nicht zu wenig.“

Tag 1, Dienstag

Wir kommen eine halbe Stunde zu früh an und ich muss dringend zur Toilette. Während die Kinder noch im Auto warten eile ich die Stufen rauf und bekomme von einer sehr freundlichen Dame gleich unsere Zimmerschlüssel.

 

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Das Kurhaus kann sich im trüben Wetter nicht so schön präsentieren, wie es eigentlich ist …

Mit großen Augen bestaunen wir die beiden 2-Zimmer-mit-Bad-Appartements, die durch einen von uns abschließbaren Flur verbunden sind. Die Einrichtung ist netter als Krankenhaus – es gibt im Flur Teppichboden – und auch schön: In einem Appartement steht ein Spielzeugregal mit einem Hausdach. Es gibt einen kleinen Tisch mit Stühlchen.

Nummer 4s Zimmer ist sehr eng: Ein Kinderbett und ein Tisch befinden sich dort ind vor dem Kinderbett steht das Gitterbettchen – nun muss man sich quetschen, um an das Fenster zu kommen oder morgens die 24.000 Nuckel aufzuheben, die er aus dem Bett geworfen hat. Lasse ihn das wohl zukünftig selber machen, beschließe ich.

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Das ist die rechte Seite meines Zimmers, links befinden sich ein Schreibtisch und die Zugänge zum Bad sowie dem Babyzimmer.

Es geht bald zur ersten Einführungsveranstaltung, dann erfolgt das Arztgespräch mit allen Kindern.

Hier wird nach den Beschwerden gefragt, die man allgemein hat oder die Grund für die Kur sind.

In meinem Fall: Muskuläre Dysbalance im unteren Rückenbereich mit deutlich beeinträchtigenden Schmerzen, eine Angsterkrankung, Stresspuls und Schlafstörungen. Den Puls und die Schlafstörungen zähle ich persönlich ja zum Kleinkindstresssyndrom, die Ärztin wird das sicher unter anderen Bezeichnungen notieren. Weil sie mein tolles Syndrom eben noch nicht kennt. Wir werden alle gewogen, vermessen und mein Blutdruck wird gecheckt- er ist niedriger als ich ihn noch vor Jahren (vor dem letzten Kleinkind!) hatte: 110/70. Nein, ich nehme keine Medikamente, außer „Neurexan“ ab und an – ein homöopatisches Mittel gegen nervöse Unruhe und Schlafstörungen.

Ja, ne, die nervöse Unruhe und die Schlafstörungen hab ich trotz Neurexan. Ich bilde mir aber ein, dass sich der Puls immer mäßigt, wenn ich so ’ne Tablette unter die Zunge schiebe. Für diesen Effekt zahle ich gerne 12,- für 50 Pillen, Frau Doktor. Das wirkt aber nur phasenweise und nicht zuverlässig.“

Nach der Untersuchung gibt es Kaffee und Kuchen.

Wir räumen unsere zigtausend Taschen und Koffer aus, richten uns häuslich in der großzügigen Behausung ein und als es dunkel wird sehen wir, dass es schneit. Die Teenies wollen trotzdem auf den Betten herumlümmeln, aber Nummer 3 und Nummer 4 freuen sich darüber, mit mir in den angrenzenden Wald zu gehen. Mittels der Taschenlampe meines Smartphones marschieren wir bald auf einem schmalen Pfad und hören zu, wie der Schnee knisternd auf den Nadeln, Ästen und Blättern der Bäume landet.

Weich knirscht das viele Laub unter unseren Füßen, wir atmen tief durch. Bald kommt Wind auf und Nummer 4 kommentiert: „Zurück gehe! Wind zu fest!“ Also kehren wir um und er kuschelt sich auf dem Arm fest an mich.

Um 18 Uhr gibt es Abendessen, danach langweilen wir uns noch etwas, spielen „Wissensblitz“ (wir alle), bekommen Bauchweh (ich) und schreiben daher unserem Mann (ich), um sich beruhigen zu lassen. Der Rest spielt und entspannt. Gegen 22 Uhr schlafe ich trotz deutlicher Nervosität vor lauter Erschöpfung ein.

Tag 2, Mittwoch

Der Wecker steht auf 6:35, da die Essenzeiten altersheimmäßig sind:

Frühstück von 7:30 bis 8:30

Mittagessen von 11:30 bis 13:15 (in zwei Gruppen unterteilt, eine startet um 11:30, die andere um 12:00)

Kaffeezeit/Obstrunde von 14:00 bis 16:30

Abendessen von 17:30 bis 18:30 (Man liegt also immer mit knurrendem Magen im Bett, außer man schläft um 20 Uhr ein oder kauft sich etwas als Zwischenmahlzeit. Oder nimmt sich Obst aus dem Speiseraum. Viel Obst.)

Ich bin seit 5 Uhr wach und kann nicht schlafen. Nummer 4 hat mal wieder nach mir gerufen („Mama komme! Ühüüü! Mama komme!“). Drei Mal. Ich war jedes Mal gerade wieder eingeschlafen. Ich bin eh total nervös. Ich quäle mich zu langsam aus dem Bett, scheuche die Kinder aus den Federn (Mehrmals. Hundert Mal.) und mache die protestierende Nummer 4 fertig. Wir kommen etwas zu spät an das Frühstücksbuffet.

Drumherum einige Mütter, deren Namen ich mir aus der Vorstellungsrunde merken konnte. Alle wirken gespannt, etwas müde und auch hungrig. Klar, die letzte Mahlzeit ist ja auch schon viele Stunden her …

Es geht nach dem Frühstück zum Kennenlernen ins Kinderland (für alle Kinder bis 6 Jahre). Nummer 4 und ich haben viel Spaß im Bällebad und vor allem in der riesigen Kinderküche, wo ich wunderbar von ihm mit Luftsuppe bekocht werde und zum Luftkuchen noch einen Luftkaffee bekomme – für letzteren krabbelte er extra in eine Ecke, um eine dort entdeckte Kaffeekanne hervorzuholen.

Das Mittagessen mit Nummer 4 ist horror-nervig. Vermutlich, weil es insgesamt mit so vielen Leuten um uns und vor allem den diversen herumlaufenden Kindern sehr unruhig ist. Kurz gefällt mir die Vorstellung, eine Hand voll Kinderloser würde hier das Mittagessen einnehmen – wie die wohl gucken würden? Und schon ist es lustiger …

Dann gibt es eine Pause, während der ich mit den Kinder kuschle und wir Nummer 4 auskitzeln. Ich fühle mich zum ersten Mal kurz etwas entspannt.

Nach der Einführungsveranstaltung mit Hausführung von 14 bis 15:30.

Wir erhalten unsere Kurpläne,m die wir handschriftlich um diverse Termine ergänzen können – und werden …

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Die Krakel sind von Nummer 4 – der volle Plan ist dann wohl meiner …

Zuvor konnte man ein Hausbabyphone in Telefonform abholen. Durch dieses Teil wird Nummer 4 geweckt und hatte miese Laune. Also will ich ihn mit seinem geliebtem „Backe-Kuche“ (Ja, so nennt er Kuchen) aufmuntern, aber es gibt keinen Kuchen. Ich sage ihm, zuhause könnten wir ja einen Kuchen backen, wenn wir wieder dort seien. „Nich Kuche backe – Kuche esse!“ kommt es zurück.

Ich beschließe, ins Auto zu steigen und Kuchen zu kaufen. Wir haben alle Lust auf Soul Food. Zudem brauchen wir zwei Seifenspender, da es keine gibt. Und Lebkuchen, weil … ja weil es Vorweihnachtszeit ist.

Im Marktkauf bin ich geflasht vom ganzen Angebot, den vielen Leuten, dem grellen Licht und dem protestierenden Kartenlesegerät, wegen dem wir eine Viertelstunde an der Kasse herumstehen müssen. Ich bin froh, wieder im Kurhaus zu sein.

Um 17:30 sind wir wieder zu Tisch, um anschließend auf’s Zimmer zu gehen. Die beiden Großen gehen schwimmen, Nummer 3 hat bereits Freundschaften geschlossen (so etwas erledigt sie binnen zwei Minuten) und ich spiele mit Nummer 4. Mister Essential ruft an, wir reden ein bisschen.

Um 21:45 liegt Nummer 4 endlich im Bett, was sich als etwas schwierig herausstellte.

Der Rest guckt einen Disney-Film, der irgendwas mit Gefühlen zu tun hat – ich schlafe währenddessen dauernd ein. Sonst passiert mir das nie, dass ich während eines Films …. ratzepüüü

Tag 3, Donnerstag

Nummer 4 geht ins Kinderland, wo er natürlich ganz schön weint, als ich weggehe. Ich merke, dass ihm die Chef-Erzieherin sehr sympathisch ist und gebe ihn ihr auf den Arm, danke bekommt er einen Kuss und ich gehe, während er weinend und verzweifelt: „Nummer 4 Mama bleibe!“ ruft.

Ich gehe zum psychologischen Erstgespräch zu einer sehr freundlichen, humorvollen und herzenswarmen Dame. Wir haben schnell einen Draht zueinander und vereinbaren weitere Termine für die kommenden drei Wochen.

Nach dem Mittagessen ist Einführung in die Kreativwerkstatt. Eine Künstlerin und Gestaltungstherapeutin zeigt und diverse Techniken mit Aquarell, Tempera, Jaxon-Kreiden, Stempeln, Styrodor (schreibt sich das so?) und Sand. Und Servietten. Ich werde mit nichts von all dem innerlich warm, da ich am liebsten zeichne. Aber ich werde da schon etwas finden.

Zusammen mit der (hier bitte sehr viele positive Adjektive einfügen) Bewegungstherapeutin machen wir anschließend ein paar der unvermeidlichen Kennenlernspiele und joggen durch die Halle. Hierbei bemerke ich, wie wenig anstrengend ich das finde und wie beweglich ich bin. Durch die Rückenschmerzen kam ich mir vor wie eine 90-Jährige. Jetzt merke ich beruhigender Weise, ich fühle mich längst nicht mal halb so alt. Was ich ja auch nicht bin. Aber gut.

Es geht dann schnell zu Einführung in das „Teenieland“. Über diesen Namen werden wir noch drei Wochen lang schmunzeln, weil es dort exakt einen „echten“ Teenie per Definitionem gibt und das ist unsere Nummer 1 (bis im Dezember ein weiteres Kind Geburtstag hat auch und 13 wird).

Abends zwischen 20 und 22.15 Uhr ist die Kreativwerkstatt offen und die Künstlerin betreut uns bei der zum Teil etwas schleppend aufkommenden Kreativität (ich).

Ich beschließe, einen Engel aus diesem Styrodur-Zeug zu machen, obwohl mich das ultraleichte Material beim ersten Berühren null anspricht. Und auch beim zweiten nicht. Eigentlich bis heute nicht. Aber gut, ich will auch nicht mit Tempera herumknurtscheln (Dialektwort aus meiner Heimat – wahre Onomatopoesie, ne?). Also setze ich mich mit zwei anderen Müttern zusammen und wir nehmen Schleifpapier zur Hand.

Während die sympathische Mutter neben mir (eine von jenen, wegen denen ich drei Wochen später ganz schön Abschiedsschmerz haben werde, was ich aber gerade noch nicht weiß) ihren Block bald in eine schöne, weiche und gerundete Form bearbeitet hat, kratze ich unbeholfen an meinem Teil herum. Es dauert, bis ich in den Flow komme. Ich werde in den kommenden Tagen noch drei, vier Abende brauchen, bis mein Hermaphroditischer Engel mit zartem Lavendel-Ton so aussieht:

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Ich falle müde ins Bett. Neben diesem liegt auf einer herangetragenen Matratze Nummer 3. Die einzige Person in unserem Haus, die immer wieder betont, wie gerne sie in einem Familienbett schlafen würde. Während der Rest: „Boa nee, so viel Nähe! Boa nee, ich will nicht deine spitzen Knochen in den Rippen haben! Boa nee, du schläft immer ohne Unterhose – kein Bock auf deine nackten Popobacken am Arm!“ ruft. Selig kuschelt sie sich ein, ich schalte auf dem Handy „40 humorvolle Geschichten von Mark Twain“ ein und wir lachen herzhaft über „Einiges über Barbiere“. Bald schlafen wir ein.

Tag 4, Freitag

In dieser Nacht hat Nummer 4 mich nicht geweckt! Ein Freudenfest.

Um 9:00 ist Sport und ich bin richtig gut dabei! Ein Fest für mein Selbstbewusstsein.

Als ich in einem Zwischengespräch sage, dass ich mit vier Kindern da bin, guckt mich die (superknackige und ganz sicher nicht mehr 40-Jährige weil zwei sehr große Kinder habende) Therapeutin an und sagt: „Vier Kinder? Und diese Figur? Alle Achtung, das ist ja toll!“ Und einige der Mütter meiner Gruppe stimmen in das Lob ein.

Ich bin spontan 5 Zentimeter größer.

Dan gibt es eine Einführung in die Welt dieser Fitness-Fahrräder. Ergometer. Dingsdas. Ich hasse die Dinger so, dass ich mir nicht mal deren Namen merke.

Ich soll dann zur Anschauung mal drauf und eiere ein Viertelstündchen herum, während dem ich circa 2 Kalorien verbrauche. Danach will ich in Winterschlaf fallen. Ich mochte diese Art von Fitnessgeräten noch nie.

Es wird eine Dorf-Erkundung angeboten, die ich schwänze, um lieber auf dem Bett zu liegen, ei Hörbuch zu hören und dazu zu häkeln.

Ich spüre, dass ich immer noch diese fiese Grundnervosität habe, aber es ist schon etwas besser geworden. Ich komme einfach nicht herunter – okay, deshalb bin ich ja hier. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie das besser werden soll.

Nachmittags gibt es 30 Minuten Brain-Gym mit den Kindern. Hierbei sollen die Gehirnhälften besser vernetzt werden. Die vorführende Dame wirkt etwas gehetzt und rasselt ihren Stoff herunter.

Als wir wieder auf dem Zimmer sind, reden alle auf mich ein. Ich spüre, dass dies eine der Sachen ist, die mein Wohlbefinden binnen Sekunden zerstören. Durch das erste psychologische Gespräch bin ich bereits so weit, dies auf den Punkt zu bringen. Ganz klar und sachlich – komplett ohne Wut oder Genervtheit sage ich:

„Mädels, das möchte ich nicht mehr.“ Ich sehe ihnen reihum straight ins’s Gesicht und erläutere:

„Wenn ihr alle zugleich redet, dann kann ich niemandem zuhören. Und außerdem bin ich davon sehr gestresst. Ich möchte, dass ab jetzt nur noch eine von euch mit mir redet. Immer nur eine.“

Sie nicken verständig. Und was soll ich sagen? Sie haben das von da an höchstens noch zwei Mal getan. Und seitdem lassen sie es. So einfach kann das sein. Seit inzwischen über einem Monat gab es keinerlei Rückfälle in das Mama-zu-Tode-Schnattern. Und das konnte ich nur beenden, weil ich komplett bei mir und von der Sache überzeugt war. Spannend – denn darum gebeten und es tausend Mal nett erklärt hatte ich es oft während er letzten Jahre …

Nun gibt es Abendessen, wir telefonieren mit dem Dad, ich gehe mit allen runter in die Turnhalle zum Toben. Danach bringe ich Nummer 4 ins Bett und verzupfe mich in die Kreativwerkstatt.

Gegen 23 Uhr schlafe ich ein. Nummer 3 neben wir (wo sie bis zum Ende der Kur immer schlafen wird, was echt nett ist) und Mark Twain in unseren Ohren.

Tag 5, Samstag

Dieser Tag wird sehr spannend für meine Selbstbeobachtung.

Im psychologischen Gespräch hatte ich für mich einige Ziele formuliert.

Eines davon war „Gesunde Abgrenzung gegenüber anderen Menschen und deren Bedürfnissen“. Ein weiteres lautete: „Wahrnehmen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse“

Ich hatte der Therapeutin, Frau K. Zudem mitgeteilt, dass ich pro Jahr 4 Tränen weine, nämlich immer im Dezember beim Herr-der-Ringe-Gucken und zwar genau dann, wenn Boromir stirbt. Und das jedes Jahr wieder. (Später analysierten wir die Szene als Ausdruck von tiefer Loyalität und meiner Sehnsucht danach, aber das nur nebenbei)

Beide Ziele und auch meine Unfähigkeit zum Weinen würden an diesem Samstag kollidieren.

Es gibt an den Wochenenden im Kurhaus kein klassisches Programm, keine Anwendungen. Aber ein Ausflugsangebot an den Samstagen sowie ein Vormittagsangebot für Mutter und Kinder an den Sonntagen.

An diesem Sonntag geht es zum Weihnachtsmarkt in die nächste Stadt.

Wir hatten uns in eine Liste eingetragen, damit Busplätze reserviert würden, ein Reisebus sollte kommen.

Irgendwie finde ich die Aussicht auf drei Stunden Latscherei in einer fremden Stadt ohne Möglichkeit einer individuellen Abreise mit Pkw nicht so prickelnd. Die sympathische Mutter, die so toll ihren Engel schleifen konnte und die ich hier einmal mit dem Namen Ricarda anonymisiere, pflichtet mir darin bei.

Sie erkundigt sich noch einmal genau danach, wie lange wir unterwegs sein würden: Reiner Aufenthalt würden nur 2 Stündchen sein und so verabreden wir uns, gemeinsam mitzufahren. Ich freue mich ein wenig darauf, auch wenn Ausflüge mit vier Kindern ganz ehrlich auf der „Spaß/Stress-Waage“ immer hin- und herpendeln.

Eine Stunde vor der Abfahrt bekomme ich Bauchkrämpfe und Durchfall.

Ich lege mich hin und versuchte zu entspanne (ha,ha – das kann ich doch gar nicht, deshalb bin ich hier!). Ich lasse mich per WhatsApp von Mister Essential ein wenig beruhigen. Dann sage ich den Kindern, dass wir nicht mitfahren können und es gibt bei Nummer 3 Tränen, was mich natürlich noch mehr stresst und da ich selber enttäuscht bin, ist die Laune im Keller. Und mir wird auch noch schlecht.

Nummer 1 liegt mit Kopfhörern und Buch im Bett und bekommt nichts von allem mit. Viertel vor zwei – also 15 Minuten vor der Abfahrt rauscht eine Mit-Mutter (die ich in der Kur bereits etwas besser kenne, die sie meiner Wasser-ängstlichen Nummer 3 das Schwimmen beibringt, was diese in meiner Gesellschaft niemals wirklich wagt, sondern sich nur panisch an mir festklammert) in mein Appartement, wo ich noch immer eingerollt im Bett liege und sagt:

„Du hast Kopfschmerzen oder? Ich kann mit deinen Mädels fahren. Ich nehm sie mit!“

„Ich hab eigentlich Bauchkrämpfe und Durchfall, keine Kopfschmerzen. Aber egal. Hm, wenn du die Großen mitnimmst, dann hänge ich nachher über der Schüssel und hab ein weinendes Kleinkind am Bein. Das ist ein liebes Angebot, aber ich brauche die Großen hier, falls es mir noch mieser gehen sollte.“

„Na dann nehme ich eben alle vier mit, dann kannst du dich erholen.“

Sie schaut sich bereits um, damit Nummer 3 ihre Jacke anzieht.

Nummer 2 sitzt irritiert an meinem Bett: „Ist das wirklich okay für dich?“ fragen ihre Augen und ich kann nichts antworten. Nein, es überrollt mich gerade und ich spüre, dass es überhaupt nicht okay für mich ist. Ich wollte lernen, herauszufinden, was ich will und nicht will. Und dann entscheiden. Das hier geht grad viel zu schnell. Es ist lieb gemeint, daher sage ich nicht noch deutlicher, dass ich es nicht will. Ich fand, ich hatte bereits gezeigt, dass es mich überrollt.

Und das tue ich auch, als ich sage:

„Der Bus steht schon unten. Das ist mir viel zu stressig. Nummer 4 schläft noch im Tiefschlaf nebenan.“

„Dann wecken wir ihn eben.“

Ich ergebe mich meinem Schicksal. Mir ist wirklich übel. Ich wollige ein, weil ich einen Klumpen im Bauch spüre, der nicht ohne ist. Und weil ich es nicht schaffen werde mich durchzusetzen. Vermutlich niemals jemals irgendwann und irgendwo. Irgendetwas wird mit diese Situation schon beibringen – das kann ich aber natürlich erst später herausfinden.

Nummer 4 kuschelt sich müde an mich, Nummer 3 hüpft vor Freude, weil es doch zum Weihnachtsmarkt gehen soll und Nummer 1 kommt schlaftrunken herangeschlurft. Sie fragt:

„Was ist denn hier los?“

Nummer 2: „Mama hat Bauchschmerzen und Durchfall.“

Nummer 1: „Ja und warum bleiben wir dann nicht einfach alle hier, anstatt sie allein zu lassen?“

Die helfende Mutter: „Na, dann kann sie sich doch viel besser erholen, wenn sie ihre Ruhe hat.“

Ich: „Der Kleine hat die Windel voll.“

Die Mutter, die ich hier mit Monika anonymisiere: „Das machen wir im Bus. Ist kein Thema.“

Ich, immer noch wiederstrebend: „Er hasst wickeln in der Öffentlichkeit. Und die Leute im Bus werden es auch hassen. Das ist mir alles viel zu stressig gerade.“

Sie: „Ach was, das schaffen wir schon. Schnell, zieht die Jacken an, ja? Wie viel Geld kann ich ausgeben?“

Ich: „Äh, so viel wie nötig, so wenig wie möglich?“

Sie: „Alles klar, dann bis später!“

Nummer 1 stopft gestresst Wickelzeug in eine Tasche, rennt los, um den Kinderwagen aus dem Auto zu holen, der sich nur schwer aufklappen lässt und Nummer 2 zieht der meckernden Nummer 4 die Jacke an.

Genau fünf Minuten später stehe ich am Fenster und schaue tränenüberströmt (Ja, ich!) zu, wie meine Kinder zum Bus hechten und dieser die Türen schließt.

Ich bin total wütend. Wütend, weil ich mich überrollt fühle und wütend vor allem aber auf mich, weil ich es nicht geschafft habe, ein Nein zu produzieren, das gehört werden kann.

Mit dem Thema „Nein sagen und durchsetzen“ hat ein Mensch mit meiner Biographie natürlich viel zu tun und zu kämpfen. Und für mich war es immer schwer, meine Bedürfnisse klar auszudrücken, weil mir das durch die Erkrankungen meiner Eltern stark aberzogen wurde.

Ich weine. Weinen ist auch etwas, das ich mir eigentlich abgewöhnt hatte. Aber nun scheint einfach aus mir herauszufließen.

Ich schreibe Mister Essential und er ruft mich an, ich erzähle ihm, was passiert ist und wie ich mich fühle.

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Plötzlich waren sie weg, meine Küken …

Ich versuche, mich mit Hörbuch+Häkeln (eine beliebte, kreativ/entspannungs-therapeutische Kombi während der ganzen Kur) abzulenken.

Als die Kinder wiederkommen sind sie sehr glücklich, knabbern Lebkuchenherzen und erzählen eine Menge. Und ich bin 50 Euro ärmer. Dass sie glücklich sind, glättet meine Wogen natürlich, aber ich bin mit dem Erlebnis natürlich innerlich nicht zufrieden.

Ich erzähle es beim nächsten Termin Frau K, der Therapeutin. Wir stellen fest, dass es schön ist, wie viel ich auf einmal empfunden habe, auch wenn es negative Gefühle waren. Diese sehen wir uns genauer an. Es tut gut, das Ganze zu reflektieren und zwar von einer Meta-Ebene aus.

Diese Ebene setze ich mehr und mehr ein, um mich selbst tagsüber zu beobachten. So bin ich bei mir und zugleich auch eine Beobachterin.

Tag 6, Sonntag

Dieser Tag bekommt am Abend den Titel „Der längste Sonntag der Welt“.

Es gibt ein „Mutter-Kind-Angebot“ und das ist eine waschechte Realsatire.

Wir treffen uns in einem Raum, dessen Größe im Verhältnis zur Anzahl der Teilnehmenden binnen Sekunden von perfekt kinderbetreuungsraumgroß auf Schuhkarton zu schrumpfen scheint. Es sollen Tannenbäumchen aus Pappe gebastelt werden. Dazu gibt es vier Vorlagen. Für über 20 Mütter mit gefühlten 400 Kindern.

Ich ergattere die Vorlagen nach 700 Minuten Wartezeit und haste mit ihnen zu meinem Stehplatz. Ja, ich bin die einzige ohne Stuhl. Ich schneide aus, indem ich die Vorlage und den Pappkarton auf meinen Oberschenkel lege, während ich mein Knie gegen eine Tischkante drücke, um einen „Arbeitsplatz“ auf dem Schenkel zu haben. Um mich ist ein Lärm, der meinen inneren Rain Man zum Vor- und Zurückwippen bring. Ich denke mir: „Wenn du das hier durchstehst, wird dir alles danach als Frühlingsspaziergang erscheinen. Es lohnt sich also. Hey! Ist das Uhu an meinem Bein??“

Die Bastelstunde zieht sich dahin, Nummer 3 bastelt mit, schmiert kiloweise Flüssigkleber auf den sich bereits wellenden und biegenden Kartonbaum und schüttet ein Kilo Glitzerpuder darüber. Das Ding wird später tatsächlich drei Tage zum Trocknen brauchen. Einerlei. Alles egal – ich bin auf Überlebensmodus umgeschaltet und kommentiere alles mit einem neurotischen euphorischen“Schön!“

Zum Schluss bekomme ich einen Sitzplatz angeboten und nehme mir heraus, meine beiden Bäumchen (Man bastelt einen großen und einen kleinen. vermutlich, damit kein Baum einsam ist) mit zahlreichen Glitzersteinchen zu verzieren. Ausgiebig. Alle anderen sind bald fertig und packen ein. Zum Schluss räume ich gemeinsam mit anderen Müttern auf und fege.

Die Praktikantin, welche diese Bastelhölle „vorbereitet“ hat, wird später noch weitere grausige Events für schonungsbedürftige Mütter kreieren. Aber dazu komme ich noch. Und ja, es wird Steigerungen der Realsatire geben …

Der restliche Sonntag ist eine Masse aus diesem hellen, zähen Honig und flüssigem Kautschuk. Wir schauen dauernd auf die Uhr und Nummer 2 sagt irgendwann:

„Wie im Altenheim – man schleppt sich von Mahlzeit zu Mahlzeit und versucht die Zeit totzuschlagen. Essen als einziges Lebenshighlight. Wann gibt’s eigentlich Kuchen?“

Tag 7, Montag

Dieser Tag begrüßt mich mit eisigen Kneippschen Güssen und dieser Aussicht aus dem Fenster:

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Tjahaa, das kann was, ne?

Und er ist zugleich mein Geburtstag. Ab diesem Tag gibt es morgens immer „Singen im Kinderland“ – hier singen wir im Stuhlkreis Weihnachtslieder – eine sehr nette Idee, die zum schönen Ritual werden wird. (Nummer 4 wird auch Mitte Januar noch dauernd „Gatatumba-tumba-tumba“ singen …)

Zuvor wird gefrühstückt und ich bekomme ein Ständchen. Da wir im Wintergarten zu speisen pflegen erschallt eben jener im Klang vieler lieber Stimmen. Dazu steht eine Kerze auf meinem Tisch und ich bekomme eine Karte vom Kurhaus.

Später am Tag geht es in’s Teenieland zur Besprechung und dann, gegen 12 beim Mittagessen, taucht plötzlich Mister Essential auf. Mit Blumen und chic im Anzug. Ich freue mich sehr. Beim Umarmen fällt mir auf, dass er sich etwas fremd anfühlt. Erstaunlich, aber er ist Teil des Lebens von „außerhalb“ und das wird sich bei jedem weiteren Besuch auch so anfühlen.

Neben dem wunderschönen Blumenstrauß bekomme ich noch einen Gutschein für eine Massage und eine Kosmetikbehandlung in einem Institut in unserer Heimatstadt von ihm- ich wollte schon immer dorthin, hatte aber dauernd zu viel zu tun (oder war noch nicht an dem Punkt, mir etwas Gutes tun zu können) um mir einen Termin zu machen. Ein sehr schönes Geschenk. Dazu gibt es noch eine Yogamatte, aber die ist zuhause, da ich sie ja nicht hier brauche.

Nachmittags lasse ich ihn mit den Kindern im Zimmer, um mich zu Sport und anschließendem Aqua-Fit loszueisen. Die Bewegungstherapie ist sehr abwechslungsreich gestaltet. Nach dem Aufwärmen gibt es während der Kurzeit entweder Walken, Tae-Bo, Stretching, Yoga, Feldenkrais oder Shiatsu, sowie klassische Muskelaufbau- und Lockerungsübungen. Es wird dabei viel gelacht und dennoch kann man sich selbst intensiv (schwitzend!) einbringen.

Später ist noch ein Einzelgespräch in der Gesprächstherapie mit der für mich so hilfreichen Frau K.

Dann irgendwann fährt Mister Essential und muss sich durch Regen auf der Autobahn kämpfen um recht spät er zu Hause zu sein. Interessanter Weise kann ich diesen seinen Aufwand aber gut annehmen. Ganz ohne „Und das alles macht er für nur mich? Das muss er doch nicht …“

Ich kann mich jeden Tag ein bisschen besser beobachten, werde ruhiger und zugleich fröhlicher.

Es ist ein sehr gutes Gefühl an einem Ort zu sein, an dem ich jederzeit Verständnis, Hilfe und Unterstützung bekommen könnte. So etwas ist eine ganz neue Erfahrung.

Die ersten sieben Tage sind herum und ich freue mich auf die angefangene Woche.

Weiter geht es im Teil 2

 

 

 

Gedanken zu den Silvesterangriffen: Jungs sind halt so

Als ich ein Kind war, habe ich mich oft geprügelt. Weniger, weil ich so „Auf die Fresse oder was?“-gröhlend durch die Gegend gelaufen bin. Es hat sich einfach so ergeben.

In der Kindergarten- und Grundschulzeit bin ich regelmäßig von Jungs „geärgert“ worden, wie man das damals nannte (heute heißt das laut meinen Töchtern „gemobbt“), und weil ich eigentlich ziemlich gutmütig war, habe ich mich nicht dagegen gewehrt. Meine Mutter spitzte mich jeden Morgen mit den Worten „Hau drauf!“ an und hoffte, dass ich mich irgendwann mal ordentlich verteidigen würde. Das war halt damals so – als Junge musste man sich seinen Platz im Rudel erkämpfen.

Irgendwann haute ich dann auch drauf. Wobei das jetzt zu martialisch und fehlgeleitet klingt – ich war wirklich ein eigentlich lieber Junge, der irgendwann die Schnauze voll hatte und dem schlimmsten Störenfried dann auf selbige haute. Später hatte ich zwei, drei Fans, die in jeder Pause eine (Spaß-)Schlägerei provozieren wollten. Oft mit Erfolg. Ich war groß und kräftig, aber eigentlich nett und daher nicht furchteinflößend und brutal. Ich warf diese Fans durch die Gegend und schlug ihnen auf die Schulter und sagte, sie sollen mich in Ruhe lassen. Aber sie kamen immer wieder an. Einfach immer draufhauen erscheint einem heute als blödsinnige Konfliktstrategie. Aber das waren halt die 80er.

Es war vollkommen klar, dass man sich als Junge nicht würde behaupten können, wenn man sich nicht körperlich durchsetzen konnte. Meine Mutter feuerte mich nicht an, weil sie einen Rottweiler aus mir machen wollte – sie hatte einfach nur Angst, dass ihr Junge in diesem Haifischbecken, das sich männliche Kindheit nennt, wegen seiner Gutmütigkeit fertiggemacht wurde.

Wie ich darauf komme? Ich glaube, dass es noch immer erhebliche Unterschiede in der Erziehung und den gesellschaftlichen Erwartungen an Jungen und Mädchen gibt und dass diese Auswirkungen haben, die weit über kindliche Prügeleien hinausgehen. Um meinen Punkt zu machen, muss ich ein wenig ausholen.

Als ich von den Vorkommnissen am Silvesterabend in Köln gehört habe, war ich wie viele andere auch, wütend. Und schockiert und ein wenig enttäuscht, dass es scheinbar unter den Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland so viele Schweine gibt, dass man sich mal locker zum massenhaften sexuellen Übergriff und Raubzug in Köln verabreden kann. Die öffentliche Debatte, die diesem erschreckenden Ereignis folgte, machte einige interessante Kapriolen: erst waren gar keine Flüchtlinge unter den Angreifern, dann waren es quasi nur Syrer, dann waren es zwar nicht nur Syrer, aber der Sexmob war doch nicht schlimmer als auf dem Oktoberfest. Schließlich beschwerten sich Feministen, dass es doch geradezu unverschämt sei, dass deutsche Männer sich erst über sexuelle Gewalt aufregen, wenn Ausländer „ihre“ blonden Germaninnen begrapschen.

Das alles mag wahr oder falsch oder irgendwas dazwischen sein – in jedem Fall fällt auf, dass die Täter unabhängig von aktueller oder ehemaliger Nationalität eines gemein haben: Es handelt sich um Männer. Ich finde es plausibel, dass Männer aus einer streng patriarchaischen Kultur mit wenig Respekt gegenüber Frauenrechten leichter derart übergriffig werden. Aber natürlich gibt es auch unter westlichen postmodernen Ex-Primaten immer wieder Rückfälle. Warum ist das eigentlich so? Es sind relativ wenige Fälle von Frauen bekannt, die Männer begrapschen oder sexuell nötigen (auch wenn es natürlich auch das gibt). Dabei ist doch auch das ein Verhalten, das prinzipiell möglich wäre – viele Männer wären ebenfalls perplex und unfähig zu adäquater Grenzsetzung, wenn man sie bedrängen würde. Es gibt genug Situationen der Abhängigkeit, die Frauen genauso schamlos ausnutzen könnten wie Männer. Und schließlich egalisieren Waffen die körperliche Ungleichheit der Geschlechter in gewissem Maße und würden sogar gewaltsame Übergriffe prinzipiell ermöglichen.

Doch warum passiert das nicht? Ich glaube, dass die männliche Prägung patriarchaischer und post(?)-patriarchaischer Gesellschaften Übergriffe, Gewalt und Dominanzgebahren bei Jungen geradezu erzwingt, während sie selbiges Verhalten bei Mädchen mit Scham belegt. Dass die unter Kopftuch und Pantoffel gezwungene Muslima, die ihrem Mann Untertan ist (verzeiht mir den Griff in die Klischeekiste und no offense intended für alle Muslima, die ganz anders sind), in eine Opferrolle geradezu gezwungen wird, leuchtet leicht ein. Aber was ist mit emanzipierten deutschen Frauen? Es ist ja nicht einmal immer die körperliche Überlegenheit eines Angreifers, die die Demütigung hervorruft. Oft ist es ja die Unfähigkeit, wirksame Grenzen zu setzen. Die Angst vor derartigen physischen Konflikten. Mädchen werden – anders als Jungen – oft nicht auf dieses Haifischbecken vorbereitet. Wobei, das sei hier betont, auch bei weitem nicht jeder Mann gegenüber Angreifern zu adäquaten Reaktionen fähig ist.

Sexuelle Gewalt hat eine soziale und psychische Komponente. In vielen, vielleicht den meisten Fällen, ist diese genauso verletzend wie die physische. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen oder ahnen, dass sexuelle Gewalt für uns kein unbekanntes Thema ist. Ms. Essential hat mir oft das Gefühl beschrieben, allein auf der Straße letztendlich nicht sicher zu sein. Den meisten Männern letztendlich nicht vertrauen zu können. Das ist nicht die Welt, in der die meisten Männer in Deutschland leben. Die Frauen mindestens zu erheblichen Teilen schon.

Ähnlich wie die psychische Komponente wird auch die soziale Komponente erlernt. Jungs müssen sich nicht nur körperlich durchsetzen – es wird vielfach erwartet, dass sie auch in sozialen Systemen ständig im Wettbewerb stehen und dabei auch Grenzen überschreiten. Natürlich relativiert eine moderne Gesellschaft einige dieser Unterschiede. Aber noch zu wenige …

Wie oft wird eigentlich inakzeptables Verhalten von Jungen schulterzuckend mit dem Kommentar „Jungs sind halt Jungs“ abgetan? Mädchen genießen diesen Schutzraum nicht. Wenn unsere Töchter sich in Prügeleien verwickelten, erklärten ihre Lehrer ihnen, dass Mädchen so etwas nicht tun. Als ein Junge einer von ihnen ungefragt seinen Penis zeigte, wehrte die Lehrerin ihre Klage mit den Worten „Du hättest ja nicht mitmachen müssen!“ ab. Gegen übergriffige und aggressive Jungs in der Schulpause gibt es den Rat „doch wegzugehen“. Kein Mensch kommt auf die Idee, einem kleinen männlichen Gestörten seine Marotten mal auszutreiben. Mädchen hingegen sollen immer brav stillsitzen, eine saubere Handschrift haben, und weglaufen.

Es ist einfach sich einzureden, dass die Silvesterangriffe ein singuläres Ereignis waren. Es ist auch einfach, jeden Mann als potenziellen Vergewaltiger zu brandmarken. Aber die Frage, welche gesellschaftlichen Prägungen noch immer männliche Täter und weibliche Opfer hervorbringen, muss ebenso erlaubt sein wie die, ob bestimmte religiöse und kulturelle Merkmale derartiges Verhalten nicht vielleicht begünstigen.

Was wurde den Angreifern aus Köln und den anderen betroffenen Städten wohl von ihrer Kindheit an vermittelt, dass solche Taten für sie akzeptabel erscheinen? Was wurde den Angreifern auf dem Oktoberfest vermittelt? Für uns Eltern stellt sich doch die Frage: Was müssen wir unseren Töchtern und Söhnen vermitteln, damit sie möglichst weder auf der einen oder anderen Seite mit solchen menschlichen Abgründen in Kontakt kommen?